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5.
Eine Landpartie


Herr v. Pimpelhuber ist ein mit Familie gesegneter, behäbiger, dabei äußerst gemüthlicher Seidenfabrikant, eine jener von Tag zu Tag seltener werdenden Ruinen des alten Wien. Als ächtes Wienerkind schimpft er allabendlich beim Seidel Wein über die schlechten Zeiten, unterläßt dabei auch nicht gelegentlich anzudeuten, daß dieser oder jener Minister sich gerade nicht seines besonderen Wohlgefallens zu erfreuen habe. Dessenungeachtet gewinnt sein Bäuchlein täglich an Rundung und sein wohlgenährtes Gesicht hat entschieden mehr Wahlverwandtschaft mit den sieben fetten Kühen Pharaos als mit den sieben mageren Aehren des träumegeplagten Königs von Aegyptenland.

Schon seit mehreren Tagen wird im Pimpelhuber'schen Familienkreise eine brennende Frage ventilirt. Es handelt sich nämlich um nichts Geringeres, als um das Ziel der nächstsonntäglichen Landpartie. Papa Pimpelhuber ist aus vielen Gründen entschieden für St. Veit; sein Töchterchen Peppi, sekundirt von Mama und dem Doktor, schwärmt dagegen für die romantische Brühl. Adolph, der älteste Sohn, ein blondhaariger Jüngling von vierundzwanzig Jahren, bildet das Justemilieu; er geht überall hin, wo es etwas Gutes zu essen und zu trinken gibt. Erst Sonnabend früh ist es den vereinten Anstrengungen Herrn von Haxerls, des Hausfreundes, und Fräulein Fanny's, Pimpelhubers jungfräulicher Schwägerin, gelungen, einen Kompromiß zu erzielen, demzufolge man am nächsten Tage um neun Uhr früh mit dem Stellwagen nach Grinzing fahren, von hier über den Cobenzel sich nach dem Kahlenberge begeben, dann nach Klosterneuburg hinabsteigen und von dort mit dem letzten Wagen nach der Wienerstadt zurückkehren wird. Die Parteien haben sich definitiv geeinigt, der Plan ist festgestellt, und Alles hängt nunmehr von der Gunst oder Ungunst des Wetters ab.

Schon um sechs Uhr früh hat Papa Pimpelhuber sein mit einer baumwollenen Mütze bedecktes Haupt zum Schlafzimmerfenster hinausgestreckt um nach dem Wetter auszulugen. Kein Wölkchen trübt den sonnigen Morgen. Unten auf dem Bauernmarkte ziehen schon einige Gruppen in weißen Hosen und weißen Kleidern vorüber, ein sicheres Zeichen, daß man dem Wetter vertraut.

Von sieben bis acht Uhr hat sich eine allgemeine Bewegung des Pimpelhuber'schen Hauswesens bemächtigt. Da wird eingepackt, als handele es sich um eine Wanderung nach den Gefilden des gelobten Landes. Schlag neun Uhr ist die ganze Gesellschaft wohlbehalten auf der Freiung angelangt. Ein Stellwagen nimmt die Wanderer in seinem weiten Bauche auf, und nun geht es hinaus über das Glacis durch die Alservorstadt nach den beiden Döbling und von da nach der ersten Station, dem romantischen Grinzing.

Vom bemoosten Dorfkirchthurme klingt die zehnte Morgenstunde in schrillen Tönen herab, als der Stellwagen bei seinem Standplatze eintrifft. Eine Heerde Gänse ergreift beim Anblicke der geputzten Städter sofort die Flucht; dagegen stürzt sich ein Schwarm Pferdejungen auf die Angekommenen. Jeder preist seinen Pony an, und Papa Pimpelhuber hat die größte Mühe sich und die Seinigen durch ein Defilé von Pferdeköpfen nach dem Kasino zu lootsen, wo man mit einem kräftigen Schluck sich zur bevorstehenden Wanderung zu stärken gedenkt.

Unterwegs bemerkt Fräulein Peppi dem Doktor, daß ein Morgenritt ihr über Alles gehe. Adolph stimmt ein, und das junge Volk beschließt, trotz aller Remonstrirungen Pimpelhubers, den Weg nach dem Cobenzel zu Pferde zurückzulegen. Es werden also drei Ponies, das Stück zu einem Zwanziger, gemiethet. Nach vollendetem Imbiß sitzen Adolph, der Doktor und Fräulein Peppi auf, letztere natürlich erst nach den genauesten Erkundigungen über die Gemüthsbeschaffenheit des betreffenden Vierfüßlers, dann geht es langsam bergan, die Kavalkade voraus, Papa und Mama Pimpelhuber, Fräulein Fanny und Herr von Haxerl zu Fuße hinterdrein.

Der Weg von Grinzing nach dem Cobenzel ist reizend. Bei dem Kreuze angelangt, eröffnet sich eine malerische Fernsicht über die riesige Kaiserstadt, deren Häusermeer, durchzogen und umschlungen von dem Silberbande der Donau, unter dem Schutze des grauen Stephansriesen friedlich zu schlummern scheint. Im Hintergrunde tauchen die Ausläufer der Karpathen in blauer Ferne auf, und zu den Füßen des Schauenden breiten sich jene Rebenhügel aus, die wie ein grüner Kranz sich um die Königin des Ostens schlingen. Unsere Wanderer scheinen indeß wenig Sinn für landschaftliche Reize zu haben. Papa Pimpelhuber fängt an über Hitze und Durst zu klagen; Mama findet den Marsch ermüdend, und Fräulein Fanny und Herr v. Haxerl lassen allmälig einen großen Zwischenraum zwischen sich und den Vorhergehenden. Nur die Reiterei scheint sich trefflich zu unterhalten, als mit einem Male der Gänsemarsch ins Stocken geräth. Das Pferd des Herrn Doktor hat sich nämlich plötzlich in den Kopf gesetzt nur bis zu einer gewissen Höhe über der Meeresfläche emporsteigen zu wollen. Alles Zureden hilft nichts; sogar die Gertenhiebe der Pferdejungen werden an der Starrköpfigkeit des Pony zu Schanden. Umsonst klopft ihm der Dokter den Hals, umsonst ruft Adolph ein energisches »Hüh:« Der Klepper ist eigensinnig, und die vereinten Bemühungen der Gesellschaft bringen weiter nichts zu Wege, als daß derselbe sich quer über die Straße stellt, wodurch er zwar seinem Reiter eine ungehinderte Aussicht über Wien verschafft, dafür aber auch den ohnehin schmalen Pfad für die Nachfolgenden gänzlich absperrt.

»Schauen's Doktor, ich hab's Ihnen gleich gesagt, daß es mit dem Reiten nichts ist. Jetzt sitzen's oben auf dem Malefizrössel und können weder vorwärts noch rückwärts,« sagt Papa Pimpelhuber ärgerlich, indem er dem Pony einen Schlag mit dem Spazierstocke versetzt.

»Geben's ihm die Fersen!« ruft Adolph. »Hier können wir doch nicht mitten auf dem Wege stehen bleiben, bis es dem Teufelsvieh beliebt weiter zu gehen!«

»Nein Doktor, thun Sie's nicht!« ruft Fräulein Peppi ängstlich. Steigen wir um Gottes Willen lieber ab, es könnte ein Unglück passiren. Mama, Mama, ich will absteigen!«

»Hüh!« ruft Adolph, »wirst gehen oder nicht, du Malefizpony, du? Treten's ihm fest in die Rippen, Doktor!«

Der beklagenswerthe Reiter verwünscht heimlich seinen hippologischen Enthusiasmus. Seine Lage wird von Minute zu Minute kritischer und lächerlicher. Schon sind andere Sonntagswanderer in ziemlicher Anzahl um die Gruppe versammelt, deren wenig beneidenswerten Mittelpunkt der Doktor hoch zu Rosse bildet. Das eigensinnige Thier hat den Weg total versperrt. Man lacht, schreit, schlägt von allen Seiten auf den Pony. Alles umsonst. Schon schickt sich der unglückliche Reiter an abzusteigen, als der um seinen Zwanziger besorgte Pferdejunge zu einem äußersten Mittel greift. Mit Gewalt reißt er das Thier vorwärts, ein Hagel von Gertenhieben fällt auf das Hintertheil des widerspenstigen Kleppers, – da ereignet sich plötzlich Etwas, das seit Menschengedenken auf dem Wege nach dem Kahlenberge nicht mehr vorgekommen ist. Der Pony richtet sich kerzengrabe in die Höh; der Doktor verliert seinen Hut, und bekommt dafür den Sattelknopf zu fassen. Ein Schrei der Angst entfährt jedem Munde. Dann rennt das Thier in einem wüthenden Galopp bergan. Einen Augenblick noch sieht man das todtenbleiche Gesicht des Doktors und seine wild im Winde flatternden Haare; jetzt biegt der Renner um die Ecke und Roß und Reiter sind im Hohlwege verschwunden.

Ein sprachloses Entsetzen hat sich aller Anwesenden bemächtigt. Nur die Pferdejungen rennen lautschreiend hinterdrein. Adolph springt vom Pferde und läuft dem Jungen nach. Fräulein Peppi bittet weinend, man möge ihr um Gotteswillen vom Pferde helfen. Herr v. Haxerl leistet ihr mit einer Leichenbittermiene diesen Liebesdienst; sein verhängnißvolles Kopfschütteln scheint anzudeuten, daß er auf's Schlimmste gefaßt ist. Plötzlich ertönt aus dem Hohlwege ein Triumphgeschrei. Fräulein Fanny findet nicht mehr Zeit in Ohnmacht zu fallen. Alles läuft dem Orte des Lärms zu. Man biegt um die Ecke und gewahrt ein ebenso unerwartetes als trostreiches Schauspiel.

Etwa hundert Schritte nach vorwärts erweitert sich nämlich der Hohlweg zu einer kleinen, grasbewachsenen Hochebene. Mitten auf diesem Rasenplatze nun steht der Pony so ruhig, als ob durchaus nichts vorgefallen wäre. Am Raine sitzt der Herr Doktor, dem Anscheine nach vollkommen wohlbehalten. Nur die Kniestelle seiner neuen Beinkleider weist einen unangenehmen Riß auf den der junge Gelehrte durch Umwinden seines Taschentuches zu verbergen sucht, was ihm, wie Tante Fanny später bemerkte, ganz das Aussehen eines verwundeten Kriegers gibt. Zur Seite des unglücklichen Reiters aber erblickt Herr v. Pimpelhuber mit freudiger Ueberraschung seinen alten Freund Geschwandner, den dicken Braumeister aus der Leopoldstadt sammt seiner nicht weniger dicken Ehehälfte und ihrer hübschen Tochter Leopoldine.

»Grüß Dich Gott, alter Spezi,« ruft Geschwandner, als er der Pimpelhnber'schen Karavane ansichtig wird, »gnädige Frau, meinen Handkuß! Ei, Fräulein Fanny, auch da? und Adolph und Fräulein Peppi und Herr v. Haxerl? Na, freut mich, freut mich, auf Ehre!«

Die beiden Familien begrüßen sich. »Aber, Geschwandner,« ruft Pimpelhuber, noch immer erstaunt über die unerwartete Begegnung, »wo kommt's denn Ihr her?«

»Na, drunten von Grinzing,« erwidert der Braumeister, seinen Schnurrbart streichend. »Wir gehen hinauf nach dem Kahlenberg, und da hat sich's denn grade so gemacht, daß ich noch zurecht gekommen bin, um das scheue Kahlenbergerrössel aufzufangen. Siehst', Pimpelhuber, man erlebt doch allerlei, wenn man alt wird. Aber, daß ein Kahlenbergerklepper mit seinem Reiter durchgeht, und noch dazu im Galopp, das erlebt unter tausend Menschen nicht einer.«

»Er hat halt einen unverwüstlichen Humor, der Geschwandner,« sagt lachend Papa Pimpelhuber. »Aber ich vergesse ja ganz auf unsern kühnen Ritter: Na, Herr Doktor, – schau, schau, mir scheint gar, die Peppi hat sich des Leidenden erbarmt. Na, recht so, Pepperl, die christliche Liebe muß man ausüben, wo sich eine Gelegenheit findet. Nicht war, Alte?«

Fräulein Peppi, welche sich mit dem Doktor angelegentlich beschäftigt hatte, wird über und über roth. Tante Fanny lächelt, wie nur eine alte Jungfer bei einer solchen Gelegenheit zu lächeln versteht. Adolph macht der verlegenen Situation damit ein Ende, daß er den Doktor unter dem Arme faßt und ihn fragt, ob er gehen könne. Der magister equitum hat weiter keinen Schaden davon getragen, als jenen fatalen Riß über dem Knie. Man lohnt also die Pferdejungen ab und die Landpartie nimmt ihren ungestörten Fortgang, vermehrt durch den rossebändigenden Braumeister sammt Gattin und Tochter.

Der Weg nach dem Cobenzel ist etwas enge. Man ist deshalb gezwungen paarweise zu gehen. Mama Pimpelhuber und Frau von Geschwandner eröffnen den Zug; ihnen folgen die beiden Familienhäupter. Dann kommt Adolph, welcher der niedlichen Leopoldine den Arm gibt und sich bestrebt seine ganze Liebenswürdigkeit zu entfalten. Hinter ihnen schreiten gemessenen Schrittes Fräulein Fanny und der schweigsame Haxerl. Den Zug schließen der hinkende Doktor und die mitleidige Peppi gefolgt von Resi, der breitschultrigen Köchin aus dem Innviertel, welche der Erzähler dieser wahrhaftigen Geschichte in tadelnswerther Vergeßlichkeit bisher ganz übersehen hatte. Resi trägt den wohlgepackten Proviantkorb, repräsentirt also heute die Verpflegungsbehörde, welche, wie bekannt, bei jeder Expedition eine durchaus nicht zu unterschätzende Rolle spielt.

Gegen 11 Uhr langt man bei dem Gasthause, genannt zum Krapfenwaldl, an. Kein Wölkchen unterbricht den Sonnenbrand, kein Windhauch regt sich in den Wipfeln. Die Gesellschaft begibt sich schattensuchend in das Wäldchen hinter dem Gasthause. Der Kellner trägt ihnen dorthin einen frischen Labetrunk nach; Resi's Korb wird seines Inhaltes entledigt, man setzt sich auf den grünen Rasen und beginnt ein substantielles Dejeuner à la fourchette, welches, wie Papa Pimpelhuber bemerkt, bis zum Kahlenberge vorhalten muß, da dorten eigentlich Mittag gemacht wird. Während dieses zweiten oder richtiger gesagt, dritten Frühstücks hat der Doktor wegen seines unglücklichen Reitversuchs viel zu leiden. Adolph, der Spaßmacher der Familie, nimmt seinen Stock zwischen die Beine und reproducirt zur allgemeinen Belustigung die Figur, welche der Dokter machte, als er den Hut verlor und sich am Sattelknopfe anklammerte. Der dicke Braumeister lacht, daß ihm die Thränen über die Backen laufen. Fräulein Peppi verweist dagegen Adolph seine unzeitigen Späße und meint, man solle Gott dafür danken, daß kein Unglück passirt sei, in welcher Ansicht sie von Mama nachdrücklichst unterstützt wird. Mit einem heimlichen Händedruck dankt der Gelehrte seiner schönen Beschützerin, erklärt jedoch, daß er sich durch Adolphs Späße durchaus nicht gekränkt fühle und betheuert seine versöhnlichen Gesinnungen damit, daß er einen kräftigen Schluck aus Adolpbs Glas nimmt.

»Aber, Herr v. Haxerl,« ruft plötzlich sich umkehrend, der dicke Geschwandner, indem er das abgenagte Bein eines gebratenen Hühnerschenkels dem Hofhunde des Gasthauses zuwirft, der schweifwedelnd hinter ihm steht; »warum reden's denn heut gar nichts? Sie sind ja stumm wie ein Fisch.«

Aller Augen wenden sich bei diesen Worten nach dem schüchternen Haxerl. Diesem ist die Apostrophe des Dicken so unerwartet gekommen, daß er plötzlich seinen Schluck Wein in die unrechte Kehle bringt und in ein krampfhaftes Husten ausbricht. Fräulein Fanny klopft ihm mitleidsvoll auf den Rücken, und es vergehen einige Minuten, ehe der Arme sich etwas erholt hat.

»Da sehn's, wie Sie den armen Haxerl erschreckt haben,« sagt Peppi mit einem boshaften Seitenblick auf Fräulein Fanny. »Er hat der Tante grade eine interessante Geschichte erzählt, in der Sie ihn mitten unterbrochen haben.«

»Ei, Pepperl,« versetzt mit giftigem Lächeln die jungfräuliche Tante, »was Du für ein feines Gehör hast, mein Engerl! Du scheinst aber zu vergessen, Schatzerl, daß die Leute, die hinter Dir sitzen, so Mancherlei sehen können, wovon die Vorderen keine Ahnung haben.«

Diesmal erröthen Peppi und der Doktor a tempo.

»Wollt's aufhören mit zanken, ihr Frauenzimmer!« ruft Papa Pimpelhuber dazwischen. »Peppi, du naseweises Ding, was geht Dich Deine würdige Tante und mein alter Haxerl an? Kümmere Dich um Deinen invaliden Doktor und laß den Haxerl seine Geschichten erzählen so lang er will; verstanden?«

»Aber Kinderl,« sagt Geschwandner, indem er sein Glas leert, »ich glaube, es ist die höchste Zeit, daß wir aufbrechen, wenn wir bis um eins drüben sein wollen auf dem Kahlenberg.«

»Ganz recht,« versetzt Frau von Pimpelhuber »Resi, den Korb einpacken! Allons, meine Herrschaften, auf die Beine!«

Alles erhebt sich. Papa Pimpelhuber bezahlt den Kellner, und die Gesellschaft tritt in der vorigen Ordnung ihre Wanderung nach dem historischen Kahlenberge an. Dieser letzte Ausläufer der Alpen ist, im Widerspruche mit seinem Namen, eine vollkommen bewaldete Kuppe, an welche sich rechts der Leopoldsberg mit seiner romantischen Burg anschließt. Auf dem Kahlenberge war es, wo Johann Sobieski, der ritterliche Polenkönig, einst seine Raketen steigen ließ, die dem hartbedrängten Wien die nahende Rettung verkündeten. – Zur Schande unserer Wanderer müssen wir jedoch bemerken, daß es keinerlei historische Erinnerungen sind, welche sie hier suchen. Papa Pimpelhuber weiß vom Kahlenberge eben nur so viel, daß hier der gute Kahlenberger wächst, und daß sich auf seinem Gipfel ein vortreffliches Gasthaus befindet.

Der Weg nach dem Kahlenberge wird trotz der glühenden Sonne ziemlich lustig zurückgelegt. Das junge Volk ist immer voran. Adolph beschäftigt sich angelegentlich mit Fräulein Leopoldine; der Doktor weicht trotz seines verbundenen Kniees nicht von Peppi's Seite. Herr v. Haxerl, schweigsam wie immer, schlägt den am Wege blühenden Waldblumen mit seinem Rohrstöckchen die Köpfe ab. Nur Papa Pimpelhuber klagt auf's Neue über Hitze und Durst und der wackere Braumeister, von den beiden Familienmüttern unterstützt, schimpft über den steilen Weg und wünscht man wäre endlich einmal oben.

Gegen ein Uhr ist die Höhe glücklich erklommen. Eine zahlreiche Gesellschaft ist in dem Garten und in den Sälen des Gasthauses versammelt. Papa Pimpelhuber belegt sogleich einen Tisch. Herr v. Haxerl steigt in die Küche hinab um zu sehen, was es Gutes zu essen gibt. Ein Viertelstündchen später ist die Gesellschaft um den runden Tisch im Schatten einer mächtigen Linde versammelt. Die Suppe dampft, die Weinflaschen winken den durstigen Wanderern Labung und Stärkung. Alles ist guter Dinge; sogar der Doktor hat seines Mißgeschicks von heute Morgen vergessen.

Nach Wiener Manier dauert die Tafel etwas lange. Nach dem Kaffee ziehen sich Papa Pimpelhuber und Herr v. Geschwandner in den tieferen Waldesschatten zurück um Siesta zu halten. Herr v. Haxerl geht nach der Kegelbahn; die älteren Damen steigen auf's Belvedere um sich das geliebte Wien einmal von der Höhe des Kahlenbergs zu beschauen. Fräulein Fanny hat an ihrer Toilette etwas zu richten und begibt sich zu diesem Zwecke in das Wohnzimmer der Wirthin. Diesen Augenblick benutzt Adolph, der Verräther, um der zurückgebliebenen Jugend einen Spaziergang in den Wald zu proponiren. Der Vorschlag wird einstimmig acceptirt. Doktor Walzel (wir müssen ihn doch endlich einmal bei seinem Namen nennen) trägt dem Kellner auf, die zurückgelassenen Effekten gegen ein Trinkgeld in seine Obhut zu nehmen, und ehe noch Fräulein Fanny mit ihrer Toilette zur Hälfte fertig ist, sind die losen Vögel im Waldesdunkel verschwunden.

Unterdessen haben Herr von Pimpelhuber und sein dicker Freund sich ein sanft ansteigendes Plätzchen am Fuße einer mit dichtem Unterholz bewachsenen Esche zur Schlummerstätte auserkoren. Auf die ausgebreiteten Fräcke hingestreckt sind die beiden Herren nach kurzer Frist in Morpheus Arme gesunken. Wol schon ein halbes Stündchen mochten sie so des Schlummers genießen, als Herr v. Pimpelhuber durch Stimmen in unmittelbarer Nähe geweckt wird. Der alte Herr reibt sich die Augen, horcht auf und bemerkt zu seinem Erstaunen, daß ihm die Sprechenden sehr bekannt vorkommen. Die Stimmen gehören unverkennbar einem männlichen und einem weiblichen Individuum an, die jenseit des Busches Halt gemacht haben. Papa Pimpelhuber schiebt geräuschlos die Zweige etwas zur Seite und gewahrt zu seiner nicht geringen Ueberraschung sein Töchterlein Peppi und den ritterlichen Doktor.

»Aber Fräulein Peppi,« flötet der zärtliche Schüler Aeskulaps, »ich sage Ihnen ja, daß ich Sie von dem Augenblick an liebte, wo ich das erste Mal so glücklich war Sie zu sehen.«

»Ei du Teuxelsdoktor!« sagt Papa Pimpelhuber, »das ist ja eine allerliebste Entdeckung, die ich da mache.«

»Nein, nein, Doktor,« erwidert Fräulein Peppi lachend, »Sie sind ein Schmetterling. Ich glaube Ihnen nicht.«

»Hast ganz recht, Pepperl, ich thät's auch nicht,« sagt leise der versteckte Papa.

»Aber Fräulein Peppi, ich schwör's Ihnen!«

»Er schwört falsch!« bemerkt Pimpelhuber sotto voce, der nicht weiß, ob er sich in diesem Augenblicke ärgert oder amüsirt.

»Aber bedenken Sie doch, Doktor, was würde Papa ...«

»Ihr Papa ist ein Engel von Güte, und seine Tochter ein Erzengel, dem allein mein Herz gehört,« ruft mit poetischem Schwunge der Doktor, indem er die Hand der Schönen feurig an seine Lippen drückt.

»Da schau einer den Geschwufen!« Den Schlingel. sagt Papa Pimpelhuber bei sich; »jetzt fängt der schon zu handbusseln Hand küssen. an. Ei da muß ich doch ...«

Herr v. Pimpelhuber versucht sich langsam aufzurichten, als plötzlich ein Geräusch zu seinen Ohren dringt, das eine frappante Aehnlichkeit mit dem Klange eines Kusses hat.

»Ei, da soll dich doch dieser und jener! Jetzt hat er's richtig abbusselt,« sagt Papa Pimpelhuber, der unterdessen glücklich auf die Beine gekommen ist und die Zweige des Gebüsches mit beiden Armen auseinanderbiegt. »Na Kinderl, genirt's Euch nicht! Nur so fort in der Dicken, Herr Doktor!«

Die Liebenden sind wie vom Blitz getroffen, als sie plötzlich Pimpelhubers behäbige Figur mitten im Busche erscheinen sehen.

»Ach, Papa!« ruft Peppi, indem Sie dem Erzeuger um den Hals fällt, »sei nicht böse, Papa, ich hab' ihn ja gar so lieb!«

»Glaub's schon, Pepperl,« sagt der gemüthliche Pimpelhuber, »aber zuerst hab' ich mit dem lustigen jungen Herrn da ein Wörtchen zu sprechen. Sie werden schon verzeihen, Herr Doktor, aber als Papa des Erzengels da muß ich mir doch eine etwas prosaische Erklärung über ihre Absichten auf mein Töchterl ausbitten. Ich bin zwar auch ein Engel, aber in solchen Sachen verstehe ich nun einmal keinen Spaß.«

»Herr v. Pimpelhuber,« erwidert schüchtern nähertretend und seinen havarirten Hut abziehend der noch immer verdutzte Doktor. »Sie kennen mich und meine Familie. Sie wissen jetzt auch, daß ich Fräulein Peppi liebe. Ich bitte Sie um die Hand Ihrer Tochter!«

»Na, Pepperl, was meinst Du?« sagt Papa Pimpelhuber, in dessen Antlitz das alte, gemüthliche Lächeln wieder eingekehrt ist. »Soll ich ein guter Papa sein?«

Statt der Antwort schlingt das Mädchen die Arme um den Hals des alten Herrn und verbirgt ihr Gesicht an seiner Brust.

»Na, so gib ihm die Hand, dem Invaliden und mach', daß wir zur Mama kommen. Herrjeh, wird die erstaunt sein, und nun gar die Fanny! Na, ich möcht' heut nicht der Haxerl sein, das weiß ich!«

Der Doktor küßt im Uebermaß des Entzückens die Hand seiner reizenden Braut. Papa Pimpelhuber blickt mit Vaterfreude auf das Pärchen, als der verhängnißvolle Busch sich auf's Neue auseinander thut, und Geschwandners dickes Gesicht sich in dem grünen Rahmen zeigt.

»Aber was gibt's denn hier, Pimpelhuber?« fragt sich die Augen reibend der Braumeister aus der Leopoldstadt.

»Hochzeit gibt's, alter Spezi!« erwidert Pimpelhuber lachend. »Komm nur heraus aus der Hecken.«

»Na, gratulire, gratulire!« schreit Meister Geschwandner, sich durch den Busch zwängend. »Aber sagt's mir nur, Kinder, wie ist denn das Alles so schnell gekommen?«

»Ja siehst, Geschwandner, so ein Busch ist ein merkwürdiges Ding, besonders wenn man dahinter liegt und davor ein Par Verliebte sitzen. Uebrigens wollen wir machen, daß wir zurück in's Wirthshaus kommen.«

»Weiß denn die Gnädige schon davon?«

»Nichts weiß sie,« versetzte Pimpelhuber. »Drum eben wollen wir zurück.«

»Halt!« ruft Geschwandner von einem großen Gedanken durchzuckt. »Pimpelhuber, vorläufig kein Wort! Das gibt einen kolossalen Jux!«

Der Braumeister faßt seinen Freund unter dem Arme und schleppt ihn in der Richtung nach dem Gasthause fort; die Brautleute folgen den beiden Alten Hand in Hand.

Vor dem Wirthshause angelangt, findet man die ganze Gesellschaft schon versammelt. Die Damen scheinen etwas übler Laune wegen des langen Ausbleibens der Vermißten. Fräulein Fanny wirft einen vielsagenden Blick auf ihre Nichte, Adolph lächelt dem Doktor verschmitzt zu. Nur Herr von Haxerl ist stumm wie immer.

»Haben die Herren endlich ausgeschlafen?« sagt Frau von Pimpelhuber. »Ich denke, es wäre Zeit aufzubrechen.«

»Nur einen Augenblick Geduld, meine Gnädige!« ruft Geschwandner, indem er mit ungewohnter Eile in's Gasthaus läuft.

»Ja, was hat denn mein Mann?« fragt verwundert die Braumeisterin.

»Lassen's ihn nur gehen,« sagt Papa Pimpelhuber mit diplomatischem Lächeln, »ich glaube, er will uns eine kleine Ueberraschung bereiten.«

»Eine Ueberraschung?« rufen Alle wie mit einem Munde.

»Und worin besteht diese Ueberraschung, wenn man fragen darf?« meint Fräulein Fanny.

»Aber Fanny, wie kann mau nur so dalket fragen!« versetzt Pimpelhuber. »Wenn ich's Euch im Voraus sage, dann ist's ja keine Ueberraschung mehr.«

Die Richtigkeit der Bemerkung ist so schlagend, daß sogar Fräulein Fanny um eine Antwort verlegen ist.

Eine Viertelstunde vergeht ohne daß Geschwandner sich blicken läßt. Schon fangen einige aus der Gesellschaft an Zeichen von Ungeduld zu geben, als endlich der dicke Braumeister, einen ungeheuren Blumenstrauß an der Brust, wieder erscheint.

»So meine Herrschaften,« sagt er, sich nach allen Seiten hin verbeugend, »wollten Sie die Gnade haben mir zu folgen. Doktor, reichen's Ihrer ... der gnädigen Frau wollt ich sagen, den Arm. Fräulein Peppi, darf ich um den Ihrigen bitten? So Kinderl, jetzt kommt! Allons!«

Die Neugierde hat ihren Kulminationspunkt erreicht. Geschwandner führt die Gesellschaft nach einem Zimmer des ersten Stockes. Ein schwarzbefrackter Kellner öffnet mit tiefen Bücklingen die Thüre. Man tritt ein und erblickt eine für zehn Personen gedeckte Tafel, auf der sich unter Backereien und Konfekt aller Art eine wohlmontirte Batterie Champagnerflaschen befindet.

»Aber Herr v. Geschwandner!« ruft ein halbes Dutzend Stimmen zugleich, »was hat den das Alles zu bedeuten?«

»Ruhig sein! Platz nehmen!« antwortet mit Stentorstimme der Braumeister, indem er die Drähte einer Champagnerflasche löst und den Kork an die Decke springen läßt. »Die Gläser her! So, habt's Alle? Du auch, Resi? recht so! Nun Achtung!«

»Meine verehrten Anwesenden,« beginnt mit salbungsvoller Feierlichkeit der dicke Papa, »ich erlaube mir mit diesem Glase das Wohl des geehrten Brautpaares, Fräulein Josephine Pimpelhuber und des Herrn Doktor Walzel auszubringen. Sie leben hoch!«

Welche Feder vermöchte die Ueberraschung zu schildern, welche diese unerwartete Mittheilung hervorruft!

Josephine wirft sich in die Arme ihrer Mutter, die mehr begreift als versteht um was es sich handelt und in überwallendem Muttergefühle ihr Töchterlein ans Herz drückt. Adolph umarmt in seliger Zerstreuung zuerst Fräulein Leopoldine, springt dann mit einem Satze auf seinen künftigen Schwager los, klingt mit ihm an, gießt den Champagner hinab und drückt einen schallenden Kuß auf die Lippen des jungen Hippokrates. Herr v. Haxerl sitzt da wie der steinerne Gast; Fräulein Fanny beglückwünscht mit einem Lächeln, das zwischen Zucker und Weinessig die Mitte hält, ihre Nichte.

»Aber wie ist denn die ganze Geschichte so mit einem Male gekommen?« fragt Frau v. Geschwandner, die sich noch immer nicht von ihrem Erstaunen erholt hat.

»Ja schaun's, Gnädige,« erwidert lachend Papa Pimpelhuber, »das war eine gar merkwürdige Geschichte von einem Erlenbusch und ein Par verirrten Wanderern. Nun, ich werde sie Ihnen später der Länge nach erzählen.«

»Mir scheint's, aus unserm Marsch nach Klosterneuburg wird heute nichts mehr, Pimpelhuber?« sagt unter Thränen lächelnd die Mutter der jungen Braut.

»Nein, Weiberl,« erwidert seine Gattin umschlingend Papa Pimpelhuber. »Wir feiern heute Verlobung hier oben auf dem Kahlenberge. Herrje! wer mir das heute früh gesagt hätte!«

Herr v. Geschwandner ist mit seinen Ueberraschungen noch nicht zu Ende. Während Alles durch einander redet, erschallt mit einem Male aus dem anstoßenden Salon die lustige Weise eines Oberländers. Das Orchester ist zwar nur ein verstimmtes Piano; doch das thut nichts zur Sache. Der Braumeister öffnet die Flügelthür, so weit sie aufgeht; dann tritt er zu Frau v. Pimpelhuber und sagt, indem er ihr den Arm bietet:

»Zu einer Verlobung gehört auch nothwendiger Weise ein Ball. Es wird mir bei der Hitze zwar herzlich sauer werden, aber einen Gestrampften, glaub' ich, können wir doch riskiren, wenn es gefällig ist.«

Alles folgt dem Dicken in den improvisirten Ballsaal. Herr v. Geschwandner macht den Vortänzer, und den lustigen Reigen schließen Fräulein Fanny und ihr unvermeidlicher Haxerl, den die jungfräuliche Tante nach Allem, was heute vorgefallen, um keinen Preis mehr von ihrer Seite ließe.

Die verlockende Tanzweise hat einige junge Mädchen aus dem Garten nach dem Salon gelockt; einige junge Männer, darunter ein Kaffeehausbekannter Adolphs, kommen ebenfalls herbei. Im Handumdrehen ist Geschwandners bal champêtre eine vollendete Thatsache geworden. Alles unterhält sich königlich, und so lange der alte Kahlenberg steht, hat er wol nie vergnügteren Menschenkindern auf seinem Gipfel ein zeitweiliges Obdach geboten.

Wir aber, mein freundlicher Leser, nehmen jetzt Abschied von den Glücklichen, die, wie das Sprichwort besagt, sich selbst genug sind. Als wahrheitsliebender Historiograph müssen wir jedoch noch hinzufügen, daß als bei Sonnenuntergang die lustige Landpartie sich auf den Heimweg macht, Bruder Adolph und Fräulein Leopoldine die Präliminarien zu einer entente cordiale im Stillen fixirt haben. Fräulein Fanny aber hat es sich fest vorgenommen dieses Jahr noch Frau v. Haxerl zu werden, müßte sie auch ihren schüchternen Herzensfreund unter polizeilicher Assistenz zu Hymens Altar schleppen.


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