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2.
Das Kaffeehaus


»Welches ist Ihr Kaffeehaus?« fragte mich beim Nachhausegehen von einem Familienballe ein junger Wiener, dessen nähere Bekanntschaft die erste war, die ich in der Kaiserstadt machte.

»Mein Kaffeehaus? Wie meinen Sie das?«

»Nun ja, das Kaffeehaus, wo Sie nach Tisch Ihren Schwarzen trinken. Sie haben wol noch gar keines? Na, so besuchen Sie mich auf dem meinigen beim Heyder am Graben. Dort bin ich jeden Tag bis halb vier zu treffen.« –

Der Wiener spricht nicht ohne Grund von seinem Kaffeehause. Es ist dieses für ihn ein so unumgängliches Bedürfniß als ein Paletot im Winter und ein Ueberzieher im Sommer. Die Räume, in denen er einmal heimisch geworden, machen einen integrirenden Theil seines Ichs aus. Eher vergißt ein Effektenspekulant die Börsenstunde, eher ein Verliebter das erste Rendezvous, als das ächte Wienerkind den täglichen Besuch seines Kaffeehauses. Die Stammgäste desselben sind gewohnt sich als eine Art Familie zu betrachten, deren Haupt nicht etwa der Kaffeesieder, sondern der Zahlmarkeur ist. Dieser, ein gewiegter Psychologe, wacht mit mütterlichem Auge über seinen Pflegebefohlenen. Er kennt die Eigenheiten, sogar die Schrullen eines jeden Gastes und bemißt mit diplomatischer Feinheit danach sein Benehmen. Er unterscheidet haarscharf zwischen Stammgästen und Laufgästen; ersteren gehört seine Liebe und Verehrung, letzteren eine süffisante, kalte Höflichkeit.

Beginnen wir nunmehr unsere Beobachtungen an Ort und Stelle selbst, und betreten wir zu diesem Zwecke z. B. das unweit des Kärntnerthores gelegene Wedel'sche Kaffeehaus.

Es ist zwei Uhr nach Mittag. Noch sind die Gäste wenig zahlreich versammelt. Auf den rothsammtenen Divans haben die Zeitungsleser Platz genommen, und obwol vielleicht vierzig Personen in ihre interessante Lektüre vertieft sind, liegt doch noch ein Berg von Journalen unbenutzt da.

In der That ist es erstaunlich, welche Menge von Zeitschriften ein Wiener Kaffeehaus täglich konsumirt. Von der dickleibigen Times bis zu der Srbski Novine (so oder ähnlich lautet der Nießreiz erregende slavische Name der Zeitung) aus dem fernen Belgrad finden sich alle bedeutenderen Journale Italiens, Frankreichs, Englands, Deutschlands und des vielsprachigen Oesterreich hier aufgestapelt; dazu kommen noch eine Menge Fachschriften über Musik und Theater. Hier ist das Eldorado des Zeitungsfressers, der, während er die Allgemeine liest und sich zur Vorsorge auf die Ostdeutsche Post gesetzt hat, neidische Blicke nach der so eben angelangten Illustration in der Hand seines Nachbars wirft. –

– Eine halbe Stunde später hat das Lokal sich gefüllt. Die Kugeln auf den vier Billards schnellen von kunstgeübter Hand bewegt ununterbrochen über die grünen Flächen; in den Spielzimmern klappern die beinernen Marken, der Dampf der Cigarren und Pfeifen zieht sich als blaue Wolke über das bunte Treiben. Hier steht eine Gruppe Herren plaudernd beisammen; draußen vor den Fenstern sitzt unter dem Vordache von Segeltuch, halb versteckt hinter den Oleanderbäumen, eine blasirte Schaar eisessender Bummler, die grundsätzlich keine Zeitung lesen, dafür aber Betrachtungen über die Füßchen der vorbeigehenden Damen aufstellen und sich die Ergebnisse ihrer Studien mit anerkennungswerther Offenherzigkeit mittheilen. Dazwischen schießen die geschniegelten Markeure hin und her. Der schwarzbefrackte Zahlmarkeur, das Haupt der dienenden Schaar, welcher allein das Recht hat, die Gelder einzukassiren, ertheilt seinen Untergebenen Befehle, rennt nach dem Gaslämpchen zur Seite des Buffets, um einem Stammgaste, dessen erlöschende Cigarre seinem Falkenauge nicht entgangen ist, unaufgefordert Feuer zu bringen und stürzt dann, dem Rufe »Zahlen!« folgend, nach der andern Ecke des Saales. Mit Taschenspielerschnelligkeit holt er aus der Brusttasche das Portefeuille, in welches er den Guldenzettel des Zahlers logirt, fährt mit der Rechten unter seine Frackschöße, wo sich dem Auge unwahrnehmbar eine Ledertasche mit Silbersechsern und Kupfermünzen befindet, zählt den Restbetrag auf die Marmorplatte des Tisches, nimmt mit zwar äußerst höflichem, aber nichts weniger als demüthigem: »Danke schön, Herr v. X.« die zurückgelassenen zwei Kreuzer als gebührenden Tribut in Empfang, langt vom Nagel Hut und Stock des fortgehenden Gastes und überreicht sie ihm mit einer Verbeugung. Ein anderer Ruf »Zahlen!« scheucht ihn nach einem andern Winkel; dabei vergißt er jedoch nicht, das leere Wasserglas eines in der Nähe sitzenden Stammgastes mit fortzunehmen, um es durch ein frischgefülltes zu ersetzen und zugleich dem jüngsten Markeur, der maulaufsperrend neben dem Billard steht, im Vorbeigehen einen Rippenstoß zu versetzen, um ihn zu neuer Thätigkeit anzuspornen. Bedenkt man nun, daß der Mann das so eben geschilderte Manöver viele hundert Mal des Tages ausführt, so wird man zugeben, daß der Posten eines Zahlmarkeurs gerade nicht zu den ruhigsten Beschäftigungen in der Kaiserstadt gehört.

Dafür finden seine Anstrengungen aber auch den gebührenden Lohn, denn wer das Glück hat zehn Jahre lang einen solchen Posten zu begleiten, zieht sich nach Ablauf dieser Zeit ruhig ins Privatleben zurück oder geht auf die Börse und spekulirt in National und Nordbahn, oder auch er legt eine Regenschirmfabrik in größerem Maßstabe an: kurz der ehemalige Jean oder Franz ist ein gemachter Mann.

Der Leser schüttelt hier ungläubig den Kopf; und doch ist es reine Wahrheit, daß mancher Wiener Oberkellner oder Zahlmarkeur sich eine Revenue schafft, die der eines Premierministers in einem unserer kleinen deutschen Vaterländer ziemlich gleichkommen dürfte. An der nie versiegenden Quelle der Trinkgeldkreuzer sitzt er ja, der glückliche, vielbeneidete Franz und windet seine Kränze, ohne sie jedoch in den Tanz der Wellen zu werfen. – Wir haben es ausgesprochen, das Wort, welches wie eine Plage Aegyptens die Wiener Menschheit verfolgt und ihr alljährlich eine Kontribution auferlegt, viel bedeutender als die vom Staate geforderten Steuern. – Der Mißbrauch mit den Trinkgeldern übersteigt in Wien jeden Begriff. Der Zahlmarkeur, z. B. bezieht von seinem Prinzipal nicht nur absolut keinen Gehalt, sondern wird blos von dem das Etablissement besuchenden Publikum nach Belieben honorirt, und doch sind uns Beispiele bekannt, wo für eine solche vakantgewordene, salairlose Stelle bis zu tausend Gulden Ablösungshonorar geboten wurde. Aber nicht nur der Markeur im Kaffeehause krallt sich an deinen Geldbeutel, auch der Zahlkellner im Gasthause, der Barbier und schließlich die entsetzlichste aller Plagen, der Hausmeister, wollen ihren Tribut haben, und wehe dem, der sich dieser nimmer ruhenden Geldpresse zu entziehen sucht! Keine Willenskraft hält Stand gegen die Wespenstiche der Blutsauger. Entweder man verzichtet darauf, irgend ein öffentliches Lokal zu besuchen, oder man unterwirft sich in Ergebung der unvermeidlichen Kontribution. Du schüttelst noch immer den Kopf, verehrter Leser? Wohlan, so wollen wir vor Deinen Augen das Bild eines trinkgeldzahlenden Stammgastes und das eines prinzipienreitenden Trinkgeldverweigerers im ersten Stadium seines gottlosen Vorhabens entrollen. – Magst Du dann selbst entscheiden, ob wir übertrieben haben. –

Die Thüre des Kaffeehauses öffnet sich, um einen geachteten Stammgast hereinzulassen.

»Wünsche wohl gespeist zu haben, Herr v. Oeferle!« ruft ihm mit seiner devotesten Verbeugung Jean, der Zahlmarkeur entgegen. »Geschwind August, nimm Herrn von Oeferle Hut und Stock ab; und Du, Franzl, bringe gleich einen großen Kapuziner Der an Güte Alles übertreffende Wiener Kaffee unterscheidet sich, je nachdem er mehr oder minder mit Obers (Sahne) versetzt ist, in Schwarzen, Kapuziner (stark braun), Melange (halb Kaffee, halb Milch) und Dominikaner (mehr Milch als Kaffee). Noch ist zu bemerken, daß man zu jeder Tasse Kaffee ein Glas frisches Wasser servirt. und Herrn v. Oeferle's Pfeife und Tabaksbeutel, aber schnell ...«

Noch hat der Stammgast den reservirten Lieblingsplatz nicht erreicht, als schon die »Presse« neben seinem duftigen Kaffee liegt, und Franzl, in der einen Hand die gestopfte Pfeife, in der andern den brennenden Fidibus, seiner harrend dasteht. Das Wasser ist frisch vom Brunnen, so frisch, daß es noch leichte Perlen wirft; ein Körbchen mit dem mürbsten Gebäck steht vor seinem Service, kurz, der Stammgast erfreut sich einer Bedienung, wie kein russischer Magnat sie aufzuweisen hat. Er empfängt zuerst die neuen »Fliegenden«; für ihn trägt der Zahlmarkeur seit einer halben Stunde den »Hansjörgel« in der Tasche herum, damit ja kein Paria von Laufgast frevelnde Hand an das Eigenthum des Stammgastes zu legen im Stande ist. Und für alle diese zwar kleinen, aber doch sehr wohlthuenden Aufmerksamkeiten braucht man blos 1 bis 2 Kreuzer täglich auf dem Altare des Zahlmarkeurs zu opfern. Gewiß nicht zu viel für solche Dienste!

Nun aber die Kehrseite der Medaille.

Der Trinkgeldverweigerer, allem Anscheine nach ein deutscher Ausländer, tritt ein. Jean steht in der Nähe der Thüre, nimmt aber keine Notiz von der Ankunft desselben. Er wischt einen Tisch ab und geht nach dem Buffet, um der dort thronenden Dame ein paar Worte zuzuflüstern. Der Gast hat sich gesetzt und blickt sich nach einem Markeur um. Merkwürdigerweise ist kein einziger in der Nähe. Endlich schießt einer vorüber.

»Pst! Markeur! Einen kleinen Schwarzen!« ruft ihm der Gast nach. August, der jüngste der Aufwärter, scheint heute schlecht zu hören; wenigstens deutet nichts darauf, daß er die Bestellung vernommen habe.

Fünf Minuten vergehen. Der Gast wird endlich ungeduldig und klopft erst leise, dann etwas lauter mit seinem Stöckchen auf die Marmorplatte. Die Zeitungsleser sehen den Klopfer halb erstaunt, halb unwillig an. Lautes Pochen ist nämlich mauvais genre in einem Stadtkaffeehause. Endlich erscheint Jean.

»Schaffen?« fragt dieser, das Wort in eine Silbe zusammendrängend.

»Einen kleinen Schwarzen möcht' ich!«

»Gleich!« erwidert sich langsam entfernend der Markeur. Drei Minuten später steht das verlangte Getränk vor dem Gaste, aber in welcher Verfassung! Die Tasse hat Sprünge und Defekte aller Art, das Wasser ist matt, der Zucker ist auf das Minimum beschränkt, der Kaffee selbst nur warm, nicht heiß, kurz es ist ein kleiner Schwarzer, bei dessen Eintritt in die Welt die vereinte Bosheit des Dienstpersonals zu Gevatter gestanden hat.

»Markeur, a' Feuer!« ruft ein Stammgast in der Nähe des Unglücklichen.

»Gleich, Herr v. Huber!« erwidert dienstfertig der Angerufene.

»Mir auch,« sagt der Paria, indem er einer Kreuzercigarre den Kopf abbeißt.

Jean kommt mit dem brennenden Fidibus; der Stammgast zündet gemächlich seine Cigarre an. Nun wendet sich der Markeur allerdings auch zu dem Trinkgeldverweigerer, hat es aber weislich so eingerichtet, daß die Flamme gerade das letzte Restchen Papier verzehrt, als dieser seine Cigarre erhebt. Jean läßt den Fidibus fallen und schnalzt laut mit den Fingern, als hätte er sie nur mit genauer Noth von der Gefahr des Versengtwerdens gerettet. August und Franzl haben mit wahrer Seelenfreude das boshafte Manöver ihres Vorgesetzten mit angesehen, und fangen zu kichern an.

»Dort ist das Feuer, bitte!« ruft davonlaufend der Zahlmarkeur. Will der Paria rauchen, so bleibt ihm nichts übrig, als sich selbst auf die Beine zu machen und seine Cigarre an dem Gasflämmchen am andern Ende des Saales anzuzünden.

Aber noch weitere Vexationen stehen dem Paria bevor. Jede Zeitung, die er verlangt, ist in der Hand; jedes Glas Wasser muß er drei Mal verlangen; für ihn hat Jean keine Ulmerpfeife mit blendendreiner Federspitze; will er eine Partie Billard spielen, dann kann er sich selbst einen Partner suchen: mit einem Worte, er ist in die Kaffeehausacht erklärt, und nur eine fortgesetzte Trinkgelderbuße ist im Stande, nach und nach das Kainszeichen auf der Stirne des Verfehmten zu tilgen. Ein Kaffeehauswechsel hilft absolut nichts. Ueberall erwarten ihn dieselben Nergeleien, oder wie der Wiener sagt, Sekkaturen, bis der Trinkgeldverweigerer todesmüde die Waffen streckt und zahlt. –

Wer möchte unter solchen Umständen Prinzipien reiten und gegen den Strom schwimmen? Man zahlt also seinen Antheil an Jean's Salair, das doch von Gottes und Rechts wegen der Kaffeesieder allein bestreiten sollte, und tröstet sich damit, daß eine spätere Generation vielleicht moralische Kraft genug haben wird, gegen diese leidigen Mißbräuche ein allgemeines Strike zu organisiren und erfolgreich durchzuführen.


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