Autorenseite

 << zurück weiter >> 

8.
Die öffentlichen Gärten


Keine Farbe ist wol seltener in der inneren Stadt zu finden, als Grün, d. h. nicht das Grün als Produkt unserer Industrie, sondern das Grün, wie es aus der Hand des Herrn kommt. Bei dem ängstlich bemessenen Raum der Altstadt ist jeder Fleck Erde Goldes werth. Wer wird also ein gewissenloser Raumverschwender sein und innerhalb der Ringmauern Gärten anlegen? In Venedig gibt es Leute, die nie in ihrem Leben andere Pferde gesehen haben als die bekannten ehernen auf der Piazza; hätte Wien nicht seine Glacis, so könnte man von manchem unmündigen Sprößling der guten Wienerstadt, wolgemerkt der innern, in Betreff der Bäume fast dasselbe sagen. Gärten gibt es innerhalb der Basteien, so viel wir wissen, nur einen, der aber sorgfältig hinter Schloß und Riegel verwahrt ist. Es ist dies der Klostergarten des Schottenstiftes. Auch nur einen Wirthsgarten, wenn man einige Bäume nebst einer weinumrankten Laube so nennen darf, besitzt die innere Stadt, den Garten des Dominikanerkellers beim Stubenthor. Dagegen besitzen (bald wird es heißen »besaßen«) die Basteien etwas wie kleine Gärten, besonders auf der Schottenbastei. In unserer Eigenschaft als gewissenhafter Beobachter dürfen wir indeß der Gartensurrogate nicht vergessen, von denen jedoch die straßenwandelnde Menschheit nichts wahrnimmt. Es sind dies philisterhafte Nachahmungen der hängenden Gärten der Semiramis. Ihre Schöpfer und Eigenthümer, meist ehrsame Pfahlbürger, zuweilen auch pensionirte Subalternbeamte, haben sich nämlich in dem vierten oder fünften Stockwerk, versteht sich mit Erlaubniß des Hausherrn und dessen Adlatus, des gefürchteten Hausmeisters, ein Mittelding zwischen Blumenbret und Terrasse hergerichtet. So nannte mein wackerer Leibschuster ein Ding sein eigen, halb Terrasse, halb Galerie von einem Areal von etwa 6 Quadratellen, das bei der ganzen Schusterfamilie der Garten hieß und von dem er mir so viel Vorzüge aufzuzählen wußte, daß ihn der Kaiser drum hätte beneiden können. Auch eine Grotte hatte der gute Mann dort angelegt. Leider besaß besagte Grotte den Uebelstand, daß kaum ein respektabler Kater darin sitzen konnte. Doch das that Nichts zur Sache. Der Schuster bewunderte seine Grotte von auswendig und war stolz darauf. –

Der erste wirkliche Garten auf Büchsenschußweite vom Stefansthurme ist das sogenannte Paradeisgartl auf der Löwelbastei. Von hier steigt man in den bekannten Volksgarten hinab, der seinen Namen davon zu haben scheint, daß man den Gensd'arm beim Theseustempel, einige alte Weiber und Kindermädchen abgerechnet, gewöhnlich Niemanden dort findet. Besuchter ist das Paradeisgartl, besonders in den Morgen- und Abendstunden. Das Kaffeehaus liefert treffliche Erfrischungen, die Aussicht nach dem Glacis, den Vorstädten und dem Kahlenberge ist reizend; vor Allem aber besitzt das Gärtchen den Vorzug, hart an der Stadt zu liegen.

Ein charakteristisches Merkmal dieses Gartens ist es, daß dort alles stereotyp zu sein scheint. Jahr aus Jahr ein bringt derselbe Marqueur dasselbe Gefrorne, spielt dieselbe Musik dieselben Stücke, selbst die Dissonanzen des Orchesters kehren regelmäßig wieder. Auch das Publikum verändert sich wenig oder gar nicht. So kannte ich einen Sprachlehrer, der seit Jahren dort allmorgendlich seine Konversationsstunden gab und sobald die invalide Bande ihr Nro. 3, die Ouvertüre zur Semiramide anstimmte, seine Schüler darauf aufmerksam machte, dieses Stück sei von dem unsterblichen cigno di Pesaro. Die das Paradeisgartl besuchenden Damen gehören, wenn sie ohne Herrenbegleitung erscheinen, durchweg dem Demimonde an. Aber auch sie sind dem hier wehenden Hauche der Solidität unterthan. Sie sind so dezent als möglich gekleidet, ihr Benehmen ist reservirt, Konnexionen werden nur auf diplomatischem Wege geschlossen, mit einem Worte, es gibt in Wien keinen öffentlichen Ort, wo die Dehors so gewissenhaft innegehalten werden, als in dem Paradeisgartl. Nur das Sonntagspublikum haut zuweilen ein bischen über die Schnur; wenigstens versicherte mich ein alter Besucher des Gartens auf Ehrenwort, er habe einmal am Sonntage ein Kindermädchen daselbst laut auflachen hören. Dies sind jedoch Ausnahmen, die den wohlbegründeten Ruf des Gartens nicht zu affiziren vermögen.

Wir haben oben bemerkt, daß der eines Weltrufs genießende Volksgarten gewöhnlich äußerst spärlich besucht sei. Diese Bemerkung findet indeß auf jene Abende keine Anwendung, wo Strauß jun. dort seinen Bogen schwingt. Dann ist der Raum innerhalb und außerhalb des Stackets gefüllt, innerhalb à Person 8 Neugroschen, unter Verhältnissen auch mehr, außerhalb gratis. Eine lange Equipagenreihe vor dem Gitterthore läßt auf die Gesellschaft schließen, doch würde man irren, wollte man daraus auf ein exklusives Publikum abstrahiren. In Wien ist nichts exklusiv als das adlige Kasino in der Herrengasse. Um das Orchester bewegt sich unaufhörlich ein Menschenstrom, der jedes zweibeinige Geschöpf mit anständiger Toilette, vorausgesetzt, daß es sein Entree bezahlt hat, willig in sich aufnimmt. In liebenswürdiger Ungezwungenheit wandelt ein Erzherzog unmittelbar vor einem Studenten oder Polytechniker, der sich seinen Zwanziger vom Munde abgespart hat, um einmal den Strauß zu hören. Hinter den Umherwandelnden sitzen in weitem Halbkreise eisessende und kaffeetrinkende Damen und cigarrenrauchende Herren. Von der Kapelle zu sprechen ist überflüssig, denn wer hätte nicht von Strauß sen. und seinem würdigen Nachfolger Strauß jun. gehört?

Die öffentlichen Gärten in Wien lassen sich in drei Kategorien eintheilen: Gärten mit Musik, Essen und Trinken, Gärten mit Essen und Trinken aber ohne Musik, und Gärten ohne diese schätzbaren Eigenschaften. Unter letzteren verdienen vor Allem der Schwarzenberggarten, der botanische und der Augarten eine spezielle Betrachtung.

Wendet man sich von der Mondscheinbrücke und dem Tandelmarkte nach rechts in der Richtung des Polytechnikums (der Technich, sagen die Wiener), so erblickt man ein in riesigen Dimensionen gehaltenes Gebäude, halb Villa, halb Residenz mit einer prachtvollen Avenue. Es ist der Schwarzenberg'sche Pallast. Hinter demselben breitet sich ein parkartiger Garten aus, welchen die Liberalität des Fürsten dem Publikum zur Verfügung gestellt hat. Eine Aufschrift an dem eisernen Gitterthore benachrichtigt die Herren Hunde fein draußen zu bleiben, falls sie sich nicht allerlei Unannehmlichkeiten aussetzen wollen. – Zu Essen gibt es hier weiter nichts, als was man sich in der Tasche selbst mitbringt. Zum Trinken gibt es jedoch bei dem Portier Milch für sanfte Gemüther. Nur die Habitué's wissen, daß in dem Souterrain des Palais auch Bier nebst derben Delikatessen zu haben ist.

Wollen wir den Schwarzenberggarten in seinem Glanze beobachten, so müssen wir uns etwa um vier Uhr Nachmittags an einem nicht allzu heißen Sommertage in der Woche dahin begeben. Der Garten besteht aus zwei mit einander verbundenen Theilen, von denen der Hintere etwa um ein gutes Stockwerk höher liegt als der vordere. Das Parterre ist in englischem Geschmacke angelegt und besitzt eine laubenartige breite Allee uralter Bäume. Elegante Ruhebänke sind in Menge vorhanden und zum größten Theile besetzt, denn der »Schwarzenberg« ist gewissermaßen der Hausgarten der Wiedner Vorstadt. In dem oberen Theile des Gartens befindet sich ein Weiher mit Schwänen und Enten, den Lieblingen der vorstädtischen Kinderwelt.

Gleich beim Eingänge stoßen wir auf ein lustwandelndes Mädchenpensionat. Interessantes bietet die theils in kurzen Röckchen und weißen Beinkleidchcn, theils in langen krinolingebauschten Gewändern einherschreitende Jungfrauenschaar weiter nichts. Mädchenpensionate sind sich überall in der Welt gleich. Die kleinen Zöglinge denken an ihre Puppen oder an das Butterbrod, welches sie nach der Rückkehr im Gynäcäum erwartet. Sie zählen die Stunden bis zum Sonntage, wo Papa und Mama sie abholen lassen und unterhalten derweilen einander von den am letzten Sonntage genossenen Herrlichkeiten oder theilen sich ihre kleinen Leiden, zumeist Differenzen mit Madame oder Mademoiselle gegenseitig mit. Anderer Natur sind die Unterhaltungen der größeren, dem Jungfrauenalter näher gerückten Pensionärinnen. Offiziell muß die Konversation in französischer Sprache geführt werden; aber du lieber Gott, wie soll die Zunge im fremden Idiom das wiedergeben, wovon das Herzchen überströmt?

Eine etwa fünfzehnjährige Blondine hat sich mit ihrer amie du coeur, einer dunkeläugigen, aus der Knospe tretenden Schönheit von sechzehn Jahren so weit als möglich aus dem Bereiche der Argusaugen ihrer Keuschheitshüterin hart hinter die Kleinen eskamotirt.

»Ach Adele!« seufzt die Blonde, »wenn Du wüßtest, wie er mich über Tische angesehen hat! Und dann im Garten, bei der Schaukel! Zwei Mal hat er mir heimlich die Hand gedrückt!«

»Und hat er sich denn nicht erklärt?« fragt die Schwarze eifrig.

»Aber Adele, wo denkst Du hin,« versetzt die Andere tief erröthend, »gleich das erste Mal!«

»Na schau, da hat es mein Edön anders gemacht. Du weißt doch, wie wir letzten Fasching auf Starnitzky 's Hausball waren ...«

»Eh, dites-donc, là-bas, vous parlez français, j'espère«? läßt sich plötzlich aus dem fünften Gliede die Stimme der schmachtlockigen quittengelben Gouvernante vernehmen.

»Ah, par exemple, Mademoiselle,« erwidert die Schwarzäugige, sich schnippisch umkehrend, » est-ce que nous ne parlons pas toujours français, moi et Mathilde?«

»C'est bien, allez et regardez droit devant vous!«

»Das Frauenzimmer wird jeden Tag unausstehlicher«, flüstert Ilka der Freundin zu. »Das ewige regardez droit devant vous! Sie selbst aber regardirt alle Augenblicke de travers, wenn ein Offizier daher kommt. Auf den dicken Hauptmann in der Wohllebengasse hat sie's abgesehen, das weiß ich ganz gewiß; d'rum müssen wir auch immer dort vorüber marschiren. Doch lass' Dir erzählen, wie es sich auf dem Balle so rasch zwischen uns gemacht hat ...«

– Wir haben genug gehört. Hat Balzac Unrecht, wenn er meint: Une jeune fille sortira de sa pension, vierge, – peut-être, chaste – non! –

Das Pensionat verliert sich im Hintergrunde des Gartens. Gemessenen Schrittes naht sich ein Herr und nimmt auf der Bank unter der Linde Platz. Vorher wischt er aber den Sitz sorgfältig mit seinem Taschentuche ab, desgleichen die Rück- und Armlehne; dann breitet er das Tuch über das linke Knie, schlägt das rechte Bein darüber, zieht ein Buch aus der Tasche und beginnt zu lesen.

Unser Mann ist weder jung noch alt, weder hübsch noch häßlich. Dem Anscheine nach ist es ein Beamter, der aus seinem Bureau kommt und sich hier ein Mußestündchen gönnt, bevor er sein Abendbrod einnimmt. Das Wesen des Herrn trägt ein sehr solides Gepräge. Setzen wir uns einen Augenblick zu ihm.

Es wäre Selbstüberschätzung, wollten wir behaupten, daß unsere Annäherung bei dem einsamen Leser ein Gefühl des Wohlgefallens hervorgerufen habe. Er wirft uns vielmehr einen wenig aufmunternden Blick zu, begnügt sich, unsern Gruß mit flüchtigem Nicken zu beantworten und vertieft sich in seine Lektüre.

Dem verehrten Leser dürfen wir schon gestehen, daß wir nicht ganz ohne den Erbfehler der Neugierde sind. Was für ein Buch mag unser Nachbar lesen? Aus der Lektüre lassen sich Schlüsse auf den Charakter des Individuums machen. In unserer Eigenschaft als bummelnder Charakterzeichner gäben wir daher etwas drum, wenn wir dem Manne einen Augenblick über die Schulter gucken dürften.

Soviel ist sicher, das Buch ist aus keiner Leihbibliothek, sondern entweder Eigenthum des Herrn oder von einem Freunde entliehen. Das Vis-à-vis scheint eine Ahnung von unserer Schwachheit zu haben. Er hält sein Buch so, daß wir nichts weiter sehen können als den Deckel.

Fünf Minuten vergehen in beiderseitigem Schweigen. Plötzlich kollert ein schwarzer runder Gegenstand über den Sand und nimmt schnurstracks seinen Weg gegen das Bein des Lesenden. Bei dem Anprall des seinem Eigner, einem blondlockigen Knaben, entwischten Balles macht unser Nachbar eine ärgerliche Bewegung und schleudert den Gummiball mit dem Fuße von sich.

»Verfluchte Fratzen!« brummt der Kinderfreund und wirft dem seinem Balle nacheilenden Bübchen einen finstern Blick zu.

Wir sind im Begriffe unsere Annäherungsversuche als hoffnungslos aufzugeben. Ein neuer Zwischenfall, oder vielmehr die Vorbereitungen zu einem solchen, bestimmen uns indeß vorläufig noch auf dem Platze zu bleiben.

Die Linde über der Bank ist der höchste Baum der Allee. Früher schon hatten sich einzelne kecke, herausfordernde Sperlingsstimmen in seinen Zweigen vernehmen lassen. Jetzt nimmt aber das Gezeter von Minute zu Minute zu. Kein Zweifel, die Linde ist eine sogenannte Spatzenbörse.

Schon einige Mal hat unser Mann ärgerlich emporgeblickt. Er möchte gern seinen Platz wechseln, aber auf allen Bänken sind die Eckplätze schon besetzt und in der Mitte mag er sich nicht niederlassen.

Mit einem Male macht der Gegenstand unserer Aufmerksamkeit eine heftige Bewegung. »Verdammte Spatzen! Nirgends hat man an' Fried'!« ruft er halb laut, legt das Buch aufs Knie und fährt suchend in seine Brusttasche. Was ist geschehen? Einer der geflügelten Gassenjungen hat sich oben im Laube unanständig aufgeführt und sichtbare Spuren seines abscheulichen Benehmens auf dem Buche zurückgelassen. Während der Mann nach einem Stückchen Papier sucht, – sein Taschentuch ist ihm zu solchen Verrichtungen zu gut, – schlägt der Windhauch einige Blätter des offenen Buches um und bietet uns Gelegenheit zur Befriedigung unserer Wißbegierde. Das Werk führt den Titel: »Aus den Memoiren einer Sängerin«.

O Duckmäuser! Wer hätte das von einem so würdigen Herrn erwartet? Stille Wasser! Stille Wasser!

Unser Nachbar hat kein Papier gefunden. Er bückt sich, hebt ein Baumblatt auf und reinigt damit das Buch, so gut es angeht. Dann schlägt er es zu, steckt es in die Tasche und verläßt ohne Abschiedsgruß brummend die Bank. Die Spatzen aber schicken ihm ein triumphirendes Hohngezwitscher nach.

Wir haben genug an der Bekanntschaft des alten Junggesellen im Schwarzenberg. Wenden wir uns nunmehr zu einer andern Spezies, der einzelnen Dame.

Unter einer Thränenweide unfern des kleinen Teiches gewahren wir eine weibliche Gestalt. Die Dame hat ebenfalls ein Buch in der Hand, scheint aber ihre Aufmerksamkeit weniger der Lektüre als ihrer Umgebung zu widmen. Die Toilette bietet nichts Auffälliges, mit Ausnahme des etwas verschossenen Hutes und der Krinoline. Letztere scheint manche trübe Erfahrung hinter sich liegen zu haben. Sie gleicht einer geknickten Lilie. Ihre Kreisrundung ist hier und da gewaltsam unterbrochen, der Vordertheil steht störrig empor und eröffnet eine Fernsicht auf ein Paar niedergetretene Stiefeletten und weiße nicht allzusaubere Strümpfe. Aus der Handtasche schauen ein angefangener Strickstrumpf und der Ueberrest einer Kaisersemmel hervor.

Wir wären in Verlegenheit, sollten wir das Alter der Dame bestimmen. Ist sie älter als Fünfundzwanzig, so hat sie sich gut konservirt; ist sie jünger, dann mag sie ihrem Spiegel den Prozeß machen. Die Dame hat unsere Annäherung bemerkt und setzt sich in Positur.

Ob wir hier wol besser aufgenommen werden als bei dem alten Junggesellen drunten? – Lassen wir's auf die Probe ankommen.

»Ist der Platz hier frei, mein Fräulein?«

»O, ich bitte,« erwidert die Dame mit zuvorkommendem Lächeln, indem sie ihren vorweltlichen Ridikule zur Seite schiebt. Das Lächeln war ein strategischer Fehler. Es hat uns einen Vorderzahn gezeigt, der nicht mehr da ist.

»Es ist sehr heiß heute.«

»Ja wol, sehr heiß, aber hier bei dem Wasser ist's kühl. Ich bin jeden Nachmittag hier, wenn es schönes Wetter ist.«

»Sie wohnen wol in der Nähe, mein Fräulein?«

»Ja, Marienstraße Nr. 36, im dritten Stock, bei meiner Tante.«

Ehe noch eine Viertelstunde vergeht, hat uns die Dame einen Abriß ihrer Selbstbiographie gegeben. Wir haben alle Ursache unseren Vorwitz zu bereuen. Unsere Nachbarin meint, sie habe uns schon manchmal im Garten bemerkt und fragt, ob wir nicht ein Ausländer seien. Sie habe von jeher eine Vorliebe für die gebildeten Ausländer gehabt. Die Situation fängt an kritisch zu werden. Wir schützen deshalb ein dringendes Geschäft vor, versprechen uns an dem nächsten schönen Tage wieder bei dem Teiche einzufinden und suchen das Weite.

Auf dem Rückwege wird uns Gelegenheit ein neues Bruchtheil der stationären Gartenbesucher kennen zu lernen.

Es sind drei Kinder, ein größeres Mädchen und zwei Knaben. Der Toilette nach halten wir sie für die Leibeserben irgend eines wohlhabenden Bäcker- oder Fleischermeisters. Ein unglückliches Wesen von Gouvernante begleitet sie. Heutzutage gehört eine Gouvernante oder mindestens eine Bonne zum guten Tone. Da aber eine Französin oder Schweizerin ein theurer Artikel ist, so begnügt sich Papa mit einer französisch sprechenden Deutschen.

Im Vorbeigehen schnappen wir folgendes Bruchstück der Konversation auf:

»Mamselle!« ruft der ältere Junge, »j'avé faim, je voulé manger!«

»Tessez-vous!« erwidert die Gouvernante: »vous voulez touchours mancher à la promenade. C'est pour y devenir! – touchours.«

»C'est pour y devenir,« hat sie gesagt! Was soll das heißen? Erst eine buchstäbliche Uebersetzung leitet uns auf den Sinn: »Es ist zum Hinwerden.«

Wir danken dem Schutzgeist Germaniens, daß kein spottsüchtiger Franzose diese geniale Wendung vernommen hat! Ja, es ist »zum Hinwerden« wie die Wiener sagen, wenn man sieht, wie wir immer und immer wieder die alte Affenschande treiben. Nicht das arme Geschöpf von Gouvernante ist lächerlich, sondern der weise Papa. Laßt eure Kinder doch erst ihre Muttersprache lernen. Können sie diese, dann ist es an der Zeit mit fremden Sprachen anzufangen. Freilich wird unsere Bemerkung auch nichts helfen. Ein richtiger Wiener Philister muß an seinem Namenstage von seinen Sprößlingen um jeden Preis französisch andeklamirt werden, sollten sie ihm auch avoir und être vorkonjugiren. – Gott bessers!

Zu unserem Schrecken gewahren wir, daß wir uns über Gebühr im »Schwarzenberg« aufgehalten haben. Also fort nach dem botanischen Garten.

Auf dem Rennwege, unweit der Villa Metternich befindet sich rechts ein großes Gitterthor. Ein Avis an die Hunde belehrt uns, daß wir an Ort und Stelle sind.

Der botanische Garten ist ein reizendes Fleckchen Erde, viel angenehmer als der naheliegende, im Rococcogcschmack angelegte Belvederegarten mit seiner permanenten Sonnenglut. Hohe, schattige Bäume, trefflich gepflegte Parterres, kühle Laubgänge und bequeme Holzfauteuils laden zu beschaulicher Ruhe ein. Der Garten zieht sich vom Rennwege bis zur Favoritenlinie. Eine Art Belvedere am obern Ende gewährt eine entzückende Fernsicht über die Südbahn, das Weingelände am Abhange der die Hauptstadt umschließenden Hügel und die ferneren Berge der Brühl.

Der botanische Garten läßt sich am treffendsten als ein Asyl der glücklichen und unglücklichen Liebe bezeichnen. Von Botanikern haben wir wenig oder gar nichts darin wahrgenommen. Wol aber rauscht es in den stillen Lauben von seidenen und kattunenen Gewändern, lispelt es sanft in allen Sprachen des polyglotten Kaiserstaates, hier und da läßt sich ein gedämpfter Ton vernehmen, wie von einem langen Kusse, und auf dem kiesbedeckten Boden spielen die Spatzen in seliger Ungestörtheit ihre paphischen Spiele. Die Besucher des Gartens sind die Diskretion selbst. Sieht ein lustwandelndes Pärchen aus dem Grün ein weißes Gewand schimmern, läßt sich hinter einer Hecke ein Flüstern vernehmen: gleich schlägt es einen anderen Weg ein, überzeugt, daß an anderer Stelle ein einsames Plätzchen seiner harrt.

Der größte, leider nur zu weit abgelegene öffentliche Garten Wiens, ist der von Kaiser Joseph »allen Menschen« gewidmete Augarten. Das alte Wien feierte hier seine Volksfeste, die schöne Welt speiste in den dortigen Lokalitäten: jetzt ist alles öde und leer. Nur die Kindermädchen der Umgegend treiben sich mit ihren Pflegbefohlenen in Gesellschaft von Vaterlandsvertheidigern jeder Waffe in den hohen Alleen umher, die Restaurationslokale stehen leer und der Fuß des Wanderers rauscht im dürren Laube. Nur am Brigittenkirchtage zeigte sich noch etwas Leben. Doch auch dieses Fest verliert von Jahr zu Jahr, ja wir glauben sogar, daß es in letzter Zeit ganz abgekommen ist. Sic transit gloria mundi.

Eines gartenartigen Etablissements müssen wir noch gedenken, des Wasserglacis, so genannt, weil man dort des Morgens Mineralwasser bekommt. Von sechs bis neun Uhr früh und von fünf Uhr Nachmittags bis Zehn, spielt dort im Sommer ein Orchester ähnlich dem des Paradeisgartls. Die Gesellschaft unter den Zelten des Kaffeehauses ist tiers-monde, und in dem Maße als die Abendstunden vorrücken, sinken die Bruchtheile allmälig bis unter Null. Die ambulante Gesellschaft auf dem Asphalt rekrutirt sich aus gemeinen Soldaten, Dienstmädchen, Lehrjungen und Gesellen. Alle zeichnen sich durch ihre Scheu vor der klappernden Sammelbüchse des Orchesters aus. Indessen besitzt das Wasserglacis eine merkwürdige, wenn auch von der Menge wenig beachtete Notabilität, den blinden Harfenspieler Perfetta, einen Virtuosen auf seinem Instrumente. Zur Zeit, wo das Orchester nicht spielt, sitzt vor dem ersten Baume der rechts nach dem Kärnthnerthor führenden Allee ein blindes altes Männchen mit einer Harfe. Zwischen den Füßen hat er ein zur Aufnahme von Liebesgaben bestimmtes Körbchen stehen; etwas abseits treibt sich unter den Bäumen eine ältliche Frau, wir wissen nicht ob seine Pflegerin oder Gattin, herum. Es ist ein großes Kunstgenie, das, wie Homer, sich hier sein karges Brod verdient. Wir haben oft stundenlang dem alten Harfner zugehört. Stets, überschlich uns ein wehmüthiges Gefühl, wenn wir nach der Stadt zurückkehrend die Klänge des Karnevals von Venedig oder die Rossini'sche Preghiera hinter uns her durch die Nachtluft zittern hörten. –

Wir sind am Ziele unserer Wanderung angelangt. Während wir dies schreiben, ist Wien damit beschäftigt, sein altes, enges Gewand gegen ein modernes, weiteres umzutauschen: Die Basteien fallen in den Stadtgraben. Möchten – wir wünschen dies von Herzen im Interesse des schönen Wien – möchten die Väter der Stadt darauf bedacht sein, außer Luft und Licht der Stadt auch Grün, achtes, saftigfrisches Grün zuzuführen. Der Todtenzettel mahnt täglich ernster und eindringlicher dazu; möge man ihn nicht überhören! –


 << zurück weiter >>