Autorenseite

 << zurück 

Zehntes Kapitel.

Es gibt Stunden, wo die mannigfaltigen Einzelheiten, aus denen sich unser Leben bis dahin zusammengesetzt hat, und die unser Auge im Wechsel der Tage nur unklar zu unterscheiden vermochte, uns plötzlich in ihrer wahren Bedeutung erscheinen. Irgend ein Zufall, ein Zusammentreffen oder eine Begegnung genügt häufig, unsre Seele zu erleuchten, so wie ein unerwarteter Sonnenstrahl uns in einer Landschaft neue Abhänge, Schluchten und Krümmungen enthüllt.

Während derselben Nacht, in der Clarencé seinen Freund zurückbrachte, raffte der Tod Viktor Delambre dahin. Ohne vorangegangene Leiden, ohne Todeskampf hatte der Greis für immer die Augen geschlossen. Durch dieses Ereignis mischte sich eine andre, erhabenere und friedlichere Trauer in die peinlichen Eindrücke, die Clarencé bei der Rückkehr erwarteten, denn kaum war der Bahnhof mit seinem Getreibe verlassen, so mußte ohne Aufschub zwei Verpflichtungen nachgekommen werden. Zuerst der schmerzlicheren, der Unterbringung Lauriers in einer Anstalt. Die Spezialisten hatten dies für notwendig erachtet und ein berühmtes Irrenhaus angeraten, in dem schon mancher bedeutende Mann Aufnahme gefunden und langsam dahingesiecht war. Allein alle Vorstellungen und Bitten vermochten den Widerstand Jeannes nicht zu brechen.

»Er ist mein Gatte, ich will ihn nicht verlassen,« war ihre einzige Entgegnung. »Es wäre unrecht von mir, ihn in fremde Pflege zu geben, und ebenso unrecht wäre es, ihn mir zu nehmen.«

Vergebens stellte man ihr vor: »Sie können ihn aber doch nicht bei sich im Hause pflegen.«

»Ich werde mein Möglichstes tun.«

»Es ist eine entsetzliche Qual, die Sie sich da auferlegen.«

»Der Gedanke, ihn dort unter all den Unglücklichen zu wissen, wäre weit schlimmer.«

Und da er ruhig war, ließ man ihr den Willen.

Die zweite Frage betraf den Geldpunkt. Der ruhige, klare Verstand der jungen Frau trat auch der pekuniären Sorge mit Fassung entgegen. Diese Sorge jedoch konnte wenigstens fürs erste durch den Verkauf der Bilder, Skizzen und Kunstgegenstände, die Laurier angesammelt hatte, abgewannt werden. Was später geschehen würde, mußte dem Zufall und dem Schicksal überlassen bleiben.

Aus all diesen trüben Beschäftigungen, die die ersten Tage nach Clarencés Rückkehr ausfüllten und die seinen Geist unaufhörlich beschäftigten, wurde er durch die Beerdigung Viktor Delambres wenigstens für einige Stunden herausgerissen. Nun folgte auch er unter der Schar berühmter Männer dem reichgeschmückten Trauerwagen. Ein feiner Regen rieselte auf die Blumen und Kränze und auf den langen Zug hernieder, der in unordentlichem Durcheinander folgte.

Clarencé wurde von verschiedenen Bekannten begrüßt und tauschte mit ihnen Fragen aus, wie sie bei solchen Gelegenheiten gang und gäbe sind. Dabei wunderte er sich wieder einmal über die kühle Gleichgültigkeit, mit der die Menge den Tod eines großen Mannes hinnimmt, und über die geringe Lücke, die selbst diejenigen zurücklassen, deren Name doch die Welt erfüllt hat. Allein anstatt sich nutzlosen Betrachtung über die Nichtigkeit des irdischen Ruhmes hinzugeben, führte er sich die edle Gestalt des Dahingeschiedenen in ihrem Denken, Arbeiten und Wirken vor die Seele. Er sah die hohe, heitere, von dem reichen, silberweißen Haare umrahmte Stirne wieder vor sich, das klare Auge, das voll Güte in den Herzen andrer zu lesen verstand. Ihm war es, als höre er die klangvolle Stimme, die teils in warmer Begeisterung, teils in beißendem Spott oder scharfem Tadel anzuschwellen vermochte. Und von der Persönlichkeit des Mannes ging er auf dessen Werke über, auf diese Kraft und Energie atmenden Romane, Schauspiele, Flugschriften und Gedichte, die alle entweder einen edlen Grundsatz verfochten oder irgend einen schönen Sieg der Seele darstellten, und die alle mit ergreifender Übereinstimmung für Wahrheit, Herzensgüte und Gerechtigkeit stritten. Es waren die Geistesprodukte eines Mannes, der, Augen und Ohren nutzlosen Zweifeln verschließend, fest und unerschütterlich seinen Weg verfolgt hatte, und der nach vollendetem Lebenszweck in Frieden und mit der Überzeugung dahinfahren konnte, nur guten Samen für eine zukünftige Ernte hinterlassen zu haben, Clarencé gedachte auch der trostreichen Worte bei ihrem letzten Zusammentreffen. Damals hatte der Meister ihn beruhigt, aber wer weiß, ob er nicht ein wenig zu viel von jenem Wohlwollen beeinflußt war, das er stets seinen jungen Kollegen entgegenbrachte, und das seinen Grund vielleicht darin hatte, daß der Dichter durchaus an ein Fortschreiten des Menschen zum Lichte glauben wollte. An jenem Abend freilich, da hatten seine Worte nicht mit seinen Werken und seinem Leben im Einklang gestanden, denn während er der Versuchung zu Nachsicht erlegen war, predigten diese: »Rechtschaffen denken und ehrlich handeln. Alles ist verdammenswert, was diesem einfachen Gesetze zuwidergeht: verdammenswert sind die übermäßig grübelnden Gedanken, die, unentschlossen, ohne einen festen Boden finden zu können, hin und her flattern; verdammenswert die Verachtung der allgemein menschlichen Einrichtungen, die aus den Erfahrungen von Jahrhunderten hervorgegangen sind, und die der moderne Geist in seinem Übermut umzustürzen bestrebt ist. Verdammenswert eben gerade dieser stolze Übermut und alles, was eine überfeinerte Kultur an Verkünsteltem und Ungesundem in unsre Seelen geträufelt hat!« Ja, das war die Lehre, die der große Tote hinterlassen hatte.

Während Clarencé schweigend, neben einem Unbekannten hergehend, über all das nachdachte, berührte eine Hand seine Schulter. Es war sein Neffe Jacques in Begleitung Mortons, der nach ihm gesucht hatte.

»Ich dachte mir wohl, lieber Onkel, daß du der Trauerfeier anwohnen würdest.«

»Ja,« antwortete Clarencé, »alle, die eine Feder führen, sollten hier anwesend sein.«

Die beiden jungen Leute wechselten einen Blick, der etwa sagen sollte: »Das ist natürlich eine leere Phrase.«

Hierauf bemerkte Jacques mit wichtiger Miene: »Wir beide, Merton und ich, sind als Journalisten hier.«

»Ah, du gehörst auch zu dieser Zunft?«

»Ja, auch ich.«

»Seit wann denn?«

»Seit acht Tagen.«

»Er ist auch beim ›Etoile‹,« fügte Merton hinzu.

»Und damit wäre also die erste Stufe der Ruhmesleiter erreicht.«

»Ja, nun handelt es sich nur noch um ein weiteres Emporklimmen.«

Merton, der schon einige Erfahrungen in seinem Berufe gesammelt hatte, antwortete: »Es ist nicht so gewiß, daß man gerade immer steigt.«

Eine Pause trat ein, die Jacques mit der etwas spöttisch klingenden Frage unterbrach: »Nun, lieber Onkel, du warst ja in Prône, hast Kindheitserinnerungen aufgefrischt und die Familie wiedergesehen?«

»Ja, ich habe deine Angehörigen kennengelernt: es sind brave Leute, die sehr an dir hängen.«

»Hu!«

»Deinem Vater liegt deine Zukunft sehr am Herzen.«

»Ja, das glaube ich wohl. Diese Jugenderinnerungen haben dich gewiß weich gestimmt?«

»Allerdings. Aber für solche Gefühle habt ihr jungen Leute ja noch keinen Sinn, Werdet erst einmal ein bißchen älter, dann werdet ihr schon sehen, was man alles mit den Jahren lernt.«

Jacques zeigte in der Richtung nach dem Sarge hin, den eine lange Reihe von Rücken und Regenschirmen verdeckte, und sagte: »Der dort ist alt geworden und hat doch nicht viel vom Leben gelernt.«

»Wie, was sagst du?« rief Clarencé aufs höchste überrascht.

»Solltest du ihn am Ende gar bewundert haben?« antwortete Jacques mit erstaunter Miene.

»Allerdings. Begreifst du denn nicht, daß mit ihm ein Stern erster Größe erloschen ist? Als du die Kunde von seinem Tode in den Zeitungen lasest, fühltest du da nicht, daß die Welt einen ihrer edelsten Geister verloren hat? Ist es möglich, daß du ohne Bewegung, ohne Trauer hinter seinem Sarge hergehst?«

Jacques sah wieder nach Merton hin, der schweigend zuhörte, denn ihn rührte, wie schon früher einmal, der aufrichtige Ton in Clarencés Stimme.

»Ich werde natürlich niemals die Vermessenheit haben, mit dir zu rechten, lieber Onkel,« antwortete Jacques. »Trotzdem muß ich dir, auf die Gefahr hin, dein Mißfallen zu erregen, gestehen: Delambre erschien mir wohl als ein begabter Mann, der sein Handwerk aus dem Grunde verstand, der sich aber allzusehr in Gemeinplätzen und abgedroschenen Phrasen erging. Und dann machte er sich durch seinen Glauben an was weiß ich was alles, und durch seine Vertrauensseligkeit doch eigentlich lächerlich.«

»Du selbst, du glaubst wohl an gar nichts mehr?«

»Was kann ich dafür? Ich bin von Männern deiner Generation erzogen worden und nicht von solchen der seinigen. Für mich – für uns – stellt Delambre die Vergangenheit dar, und zwar eine längst entschwundene Vergangenheit. Du und noch einige andre, die mehr oder weniger Ähnlichkeit mit dir haben, ihr seid die Gegenwart, und euch kann man nicht nachsagen, daß ihr uns Leichtgläubigkeit und Vertrauensseligkeit gelehrt hättet. Stelle einmal deine Werke neben die seinigen: tritt uns da nicht eine ganz andre Philosophie, eine andre Lebensauffassung entgegen?«

Merton, der bis dahin noch nichts gesagt hatte, bemerkte: »Racine nach Corneille.«

Jacques aber fuhr eifrig fort: »Auf der einen Seite schöne, mehr oder weniger hohle Worte, eine glänzende Beredsamkeit, zugleich aber breite Weitschweifigkeit – die alte Redekunst im Dienste abgedroschener, abgedankter Wahrheiten und Lehren. Auf der andern Seite die feine Kunst der Seelenmalerei – vollständige Geistesfreiheit, verständnisvolle Schilderung der Leidenschaft und eine Wißbegierde, die beobachtet, ohne Schlüsse zu ziehen. Das ist die Art schriftstellerischer Tätigkeit, die Männer deiner Generation erfunden haben, und die einer deiner Zeitgenossen in einem herrlichen Werte unter die Schutzherrschaft Virgils stellt.«

»Wenn man nun aber auch dieser Art bald überdrüssig würde?« sagte Clarencé. »Wenn man fände, daß man dem Verstand allzuviel Herrschaft und Freiheit eingeräumt hat? Wenn man wieder das Bedürfnis fühlte, Schlüsse zu ziehen?«

»Viele unter uns,« antwortete Merton, »sind nicht mehr weit von diesem Bedürfnis entfernt. Wir fangen bereits an, jener vielgerühmten Kunstrichtung der Gegenwart zu mißtrauen, denn mancherlei Ereignisse haben uns die Gefahr gezeigt, die sie im Gefolge hat. Wenn die Älteren uns beistehen wollten, wer weiß, ob wir dann nicht eine andre, bessere Richtung fänden?«

»Ah!« rief Clarencé, den diese Worte mit heller Freude erfüllten, »wenn wir euch dazu bringen könnten, aus unsern Erfahrungen Nutzen zu ziehen!«

»Jedenfalls haben Sie, verehrter Meister, mir eines Tages Worte gesagt, denen ich manche neue Idee verdanke!«

»Ja,« sagte Jacques, »Merton neigt zur Philantropie, ich dagegen halte es lieber mit den Verstandesmenschen, ich lobe mir unter den Alten vor allem die Klugen und Scharfsichtigen.«

In diesem Augenblick unterbrach ein berühmter Kollege, der Clarencés Arm ergriff, die Unterredung, worauf sich die beiden jungen Leute entfernten. Später, auf dem Kirchhofe, während die offiziellen Reden, die in ihrer gewohnten farblosen Lauheit mit dem niederfallenden Regen wetteiferten, über dem offenen Grabe gehalten wurden, entdeckte Clarencé hinter den Rednern wieder die beiden seinen, klugen Köpfe der jungen Leute. Was sie wohl eigentlich dachten? Was für Eindrücke sie von den gehörten Worten und von den einer fremden Erfahrung entstammenden Lehren in ihrem Innern bewahrten? Wahrscheinlich wußten sie es selbst nicht. Später erst, wenn sie ihren halben Lebensweg zurückgelegt haben, dann werden auch sie sich vielleicht umwenden, um einen Blick nach rückwärts zu werfen, und dann werden sie in der Erinnerung an alte Zeiten, an die entschwundenen Gestalten und die erloschenen Stimmen die tiefen Wahrheiten begreifen, denen sie jetzt nur widerstrebend ihr Ohr öffnen.

* * *

Vom Kirchhof aus ließ sich Clarencé zu Frau Bréant führen. In der Stimmung, in der er sich befand, trat ihm die Frage, die beide unaufhörlich zwischen sich schweben fühlten, wie von selbst als glühende, angsterfüllte Bitte auf die Lippen.

Noch wenige Tage zuvor war Claudine fest entschlossen gewesen, gleich die erste Eröffnung mit den Worten abzuschneiden: »Nein, nein, lieber Freund, niemals.« Aber auch sie fühlte sich jetzt verändert, unschlüssig. Es war, als ob die edle Selbstverleugnung Jeannes ihr das Leben in einem andern Lichte gezeigt habe. Eine geheime, gebieterische Stimme befahl ihr, nachzugeben, aber trotzdem sträubte sich ihr Stolz mit aller Macht gegen eine Seelenregung, die sie noch immer eine »Kapitulation« nannte. Lange verharrte sie in dumpfem Schweigen, ihr Blick war trübe, und auf ihre Stirne hatte sich jene Falte gelegt, die ihrem schönen Gesicht manchmal einen gar zu energischen, fast harten Ausdruck verlieh. Auch klang ihre Stimme durchaus nicht sicher, als sie endlich fast das Gegenteil von dem sagte, was sie beabsichtigt hatte: »Du willst also bei deiner Ansicht beharren? Sind wir denn nicht glücklich unter den jetzigen Verhältnissen? Muß ich dir meine Gründe wiederholen?«

»Nein, Claudine, wiederhole sie nicht. Prüfe sie vielmehr, indem du sie mit dem Leben um dich her in Verbindung bringst.« Und mit leiserer Stimme fügte er hinzu: »Bringe sie mit meinen Gründen in Verbindung – vergleiche sie –«

»Mit den deinigen?« murmelte Claudine. »Sie sind ja die Gründe eines Mannes, der mit sich selbst uneins, mitten in einer geistigen Krisis steht.«

»O, gesegnet sei diese Krisis, aus der ich als ein neuer Mensch hervorgehen werde! Aber merke dir wohl, wenn ich meinen Lauf als Schriftsteller fortsetzen, wenn ich arbeiten und Neues schaffen soll, ja selbst wenn ich mir meine Liebe bewahren will, so muß mein Leben – unser Leben – auf einer neuen Grundlage aufgebaut werden. Das aber hängt allein von dir ab. Ich fühle mich in den augenblicklichen Verhältnissen wie gelähmt. Es geht nicht mehr anders, als daß wir auch vor der Welt verbunden werden, nach dem Gesetze, dessen Heiligkeit ich heute einsehe, und vor dem auch du jetzt, ich flehe dich an, deinen Stolz beugen sollst.«

Heftig richtete Claudine den Kopf auf.

»Wie könnte ich? – Mein Stolz ist mein Gewissen.«

»Er hat dich betrogen.«

»Was für eine Demütigung, dies glauben und anerkennen zu müssen!«

»In deinem früheren Leben hast du eine schwere Kränkung erfahren und dich infolgedessen heftig gegen die bindende Macht der Ehe aufgelehnt. Wer wollte dir diese Empörung verargen? Aber muß sie denn ewig dauern? Haben dir all die Ereignisse der letzten Zeit nicht die Torheit, ja das Unrecht einer solch hartnäckigen Auflehnung gezeigt?«

Wieder war Claudine im Begriff, zu widersprechen, da tauchte Jeannes Bild vor ihrem Geiste auf, das Bild der schlichten und doch so heldenmütigen Frau, die, ohne sich dessen selbst bewußt zu sein, das herrlichste Beispiel tiefster, selbstverleugnender, verzeihender Liebe gegeben hatte – und die Worte verwandelten sich auf ihren Lippen.

»Ja,« sagte sie träumerisch, »viel hat sich ereignet – und Jeanne –«

Sie vollendete nicht, er aber erriet ihre Gedanken und sprach an ihrer Statt weiter.

»Ja, Jeanne! Sie hat dir gezeigt, welche Macht jene Kette, die du so sehr verachtest, auch den Schwächsten verleiht. Sie, das unbedeutende, schüchterne Geschöpf, von der du sicherlich nicht gedacht hättest, daß du je eine Lehre von ihr empfangen könntest, sie hast du vor deinen Augen emporwachsen und den entsetzlichsten Schicksalsschlägen mutig entgegentreten sehen. Warum aber konnte sie dies? Nur allein deshalb, weil zwischen ihr und demjenigen, der ihr so schweres Leid zugefügt hat, ein unlösbares Band besteht, weil die beiden fürs Leben vereinigt find.«

»Ah!« rief Claudine, »sind wir das denn nicht auch durch unsern Willen?«

»Gewiß - und doch, höre mich an. Wir werden alter, ohne die Güter errungen zu haben, die doch die höchsten der Erde sind – einen eigenen Herd, eine Familie, einen Kreis zuverlässiger Freunde. In den Augen der Welt gehen wir als zwei getrennte Wesen dem Alter entgegen, und bringt jemand unsre beiden Namen zusammen, so geschieht es in häßlicher, spöttischer Weise. Jedes von uns verfolgt seinen eigenen Weg, und wenn diese Wege sich jetzt auch noch vereinigen - wer möchte behaupten, daß die mannigfaltigen Zufälle, denen man auf seiner Lebensreise ausgesetzt ist, sie nicht auch einmal dauernd trennen könnten? Morgen, ja schon in dieser Stunde kann ein unerwartetes Ereignis sich zwischen uns stellen, gegen das unsre Liebe sowohl als unser Wille machtlos sind. – Wenn Jeanne nicht Lauriers Gattin gewesen wäre, so hätte man ihn nicht bei ihr gelassen. Und dann, abgesehen von solch traurigen, zum Glück seltenen Fällen, bedenke, was für eine schreckliche Zeit ich jetzt durchgemacht habe – du aber warst fern von mir.«

»Bin ich diejenige, die sich verändert hat?«

»Nein, ich weiß es wohl, daß ich es bin. Aber höre weiter. Wenn du meine Gattin wärest, so würden wir solche Wandlungen zusammen durchmachen, das mußt du doch auch fühlen? Wenn du mein Weib wärest, dann ständen wir uns jetzt nicht uneinig gegenüber und verteidigten verschiedene Ansichten. Wie Zwillingsblumen, die sich unter demselben Sonnenstrahl öffnen, würden unsre Gedanken entstehen und wachsen. Mit denselben Augen würden wir das Leben betrachten, und die Ereignisse um uns her würden denselben Widerhall in uns wecken.«

»Aber, mein Freund,« unterbrach ihn Claudine, »was für eine Idylle malst du da aus! Was für Illusionen! So wirf doch nur einen Blick in die Zeitungen, lies die Gerichtsverhandlungen und Tagesnachrichten. Oder noch besser, betrachte dir doch die Ehepaare in unserm Bekanntenkreise, die Familien, deren erbärmliches Dasein dir doch nicht verborgen ist. Zähle all die schmählichen Lügen, die niedrigen Interessen, die sich unter dem ehrenwerten Deckmantel der rechtmäßigen Verbindungen verbergen. Dort, dort vor allem steckt der Krebsschaden. Ach, großer Gott, als ob Standesamt und kirchliche Formen genügten, um das Wunder einer vollkommenen Vereinigung zu stände zu bringen. Wenn dieses Wunder überhaupt möglich ist, so habe ich geglaubt, daß wir es vollbracht haben, ja, ich habe mich diesem Glauben hingegeben, denn wenn dieses Wunder geschehen kann, so kann es nur durch die Liebe geschehen, Sie allein hat die magische Macht, es zu vollbringen. Mehr aber bedarf es doch nicht, denn während sie herrscht, wiederholt sich das Wunder, so wie die Sonne immer wieder Licht und Wärme verbreitet, und diejenigen, die es zu stände bringen, verlangen nichts weiter. Sind aber Wärme und Licht verschwunden, so ist auch die Sonne erloschen, und wenn die Liebe ihre Wundermacht verloren hat, so ist sie tot.«

»Claudine!«

»Was können uns dann alle Gesetze und äußerlichen Bande nützen? Was hilft es uns, daß wir für immer verbunden sind? Was hat das Leben dann noch für Wert? Was bleibt uns? Nichts, gar nichts.«

Nur mühsam unterdrückte sie die Tränen und fügte dann in leiserem, traurigem Tone hinzu: »Ich will dir ja gewiß keinen Vorwurf machen, mein lieber Freund. – Ach, und wenn ich niemals etwas andres von dir angenommen habe als deine Liebe, so tat ich es, weil ich wollte, daß sie frei und unabhängig sein solle. Und nun sehe ich es ein, es war das Richtige, denn wenn sie dahin ist –«

»Ist es möglich, Claudine,« siel er ihr nun auch seinerseits ins Wort, »daß du mir in der Stunde mit Zweifeln kommen kannst, wo mein ganzes Wünschen und Sehnen nur darauf gerichtet ist, dir besser und vollständiger denn je anzugehören?«

»Ach,« sagte sie mit tränendurchzitterter Stimme, »so hast du also bisher etwas entbehrt? Diese Erkenntnis schmerzt mich noch tiefer als alles andre. Du weißt, wie meine Liebe zu dir mein ganzes Sein und Denken erfüllt hat, und so verlangt mein Herz auch nur nach Liebe, nach deiner vollen, ganzen Liebe; mehr begehre ich nicht, sie genügt mir. Ich kümmere mich weder um Gesetze, mit denen sie sich nicht verträgt, noch um solche, die ihr eine Stütze gewähren könnten, eine Stütze, die ich verschmähe. Diese Liebe aber, ich fühle es, entschwindet mir mehr und mehr – o, widersprich mir nicht! Du selbst hast gesagt: ›Wir gehen dem Alter entgegen.‹ Dir erscheint ein solcher Ausspruch als etwas Selbstverständliches, als die einfachste, natürlichste Sache der Welt. Mich aber kränkt er nicht nur, sondern ich halte ihn auch für falsch. Mein Herz ist voll unerschöpflicher Jugendkraft. Was liegt mir daran, deine Gattin zu heißen, wenn ich dich dann weniger mein eigen fühle? Ich selbst kann dir als solche nicht mehr Liebe entgegenbringen, du weißt dies, und doch genügt es dir nicht. Und dabei bildest du dir ein, mich noch zu lieben!«

»Ja, ich liebe dich sogar mehr denn je, vielleicht nur auf eine andre Art.«

»Ich will aber nichts von einer andern Art wissen. Unsre alte, schöne Liebe nur verlange ich.«

»Sie kann nicht ewig dauern, es ist unmöglich auf dieser Erde.«

»Warum hast du mich dann so sicher in diese Täuschung eingewiegt?«

»Wir waren eben beide in einem Traume befangen, wie er jedem Menschen im Leben einmal geschenkt wird, und der unsrige war herrlich. Was kann ich dafür, daß das Erwachen gekommen ist? Es liegt nun eben einmal in der Bestimmung von uns Menschen, daß wir nicht nur für uns allein leben sollen, Wir hängen von tausend Umständen ab, mit tausend Ketten sind wir an unsre Nebenmenschen geschmiedet.«

»Ketten, Ketten, nichts als Ketten!«

»Unwillig wirft man sie ab, zerreißt sie und glaubt sich auf ewig von ihnen befreit. O über die Täuschung! Denn der Augenblick bleibt nicht aus, wo man ihre Last, aber auch ihre Notwendigkeit fühlt. Dies, Claudine, ist eine solch unumstößliche Wahrheit, daß die Durchschnittsmenschen sie widerstandslos anerkennen, Leute wie wir – sie sind wohl im stande, diese Wahrheit lange Zeit zu verachten, weil sie die gefährliche Gabe haben, sich mit ihren Gedanken und Empfindungen von der großen Menge abzusondern, weil sie im Banne ihrer Phantasie stehen und von ihr irregeleitet werden, weil sie sich eine eigene Welt schaffen neben oder außerhalb der Wirklichkeit. Sind ihnen aber einmal die Augen über das wirkliche tägliche Leben, über seine Anforderungen und Pflichten aufgegangen, dann wird ihnen ähnlich zu Mut wie verirrten Wanderern, die den rechten Weg wiedergefunden haben und nun ein neues Land betreten, in dem auch sie sich verwandeln. Andre Stimmen werden in ihrem Innern laut. Sie fangen an, sich Vorwürfe darüber zu machen, so viele gute Handlungen unterlassen, so manch nachahmenswertes Beispiel nicht gegeben zu haben. Vielleicht hatten sie sich für Halbgötter gehalten, jetzt aber wollen sie nur noch Menschen sein, Menschen im wahren, edelsten Sinne des Wortes, Glaube nur ja nicht, daß sie deshalb an geistigem und seelischem Wert einbüßen, o nein, ihre Gedanken und Empfindungen werden im Gegenteil weiter, allgemeiner, selbstloser. Sieh, Claudine, zu dieser Einsicht bin ich gekommen, und deshalb sage ich jetzt zu dir: Wenn du meine Frau, meine rechtmäßige Frau auch in den Augen der Welt wärest, dann könnte ich voll Zuversicht der Zukunft entgegensehen. Freudigen Schrittes würde ich in jenem fremden Lande vorwärts schreiten, von der Überzeugung getragen, die Güter dort zu finden, nach denen mich verlangt. Während so – doch nein, ich will nicht länger mit dir rechten. Deine Gründe sind vielleicht ebenso stichhaltig als die meinigen – ich weiß es nicht, will es auch nicht wissen! Bei Gott, es handelt sich jetzt überhaupt nicht mehr darum, sie gegeneinander abzuwägen, sondern darum, sich ein erträgliches Leben zu schaffen. Unter den bisherigen Verhältnissen weiterzuleben aber, ist für mich unmöglich, und deshalb flehe ich dich an –«

Er schwieg.

Lange sah Claudine ihn an, ohne zu sprechen. Ihr letzter Widerstand, die Auflehnung ihres Stolzes und ihrer jugendheißen, despotischen Liebe ging allmählich unter in einem Gefühle unendlicher, milder Zärtlichkeit, Sie dachte: »Ohne ihn leben? – Nein, nein, ich kann es nicht. – Ihn leiden sehen? – Ach, so möge denn er vor allem glücklich sein, auf seine Weise, wenn es nicht anders möglich ist. Nach wie vor kann ich ihm ja mein Leben widmen, und wenn ich das seinige von nun an mit andern Menschen teilen soll, nun denn, so sei es.«

Ihr Gesicht hatte sich nach und nach aufgehellt, ihre Augen wurden feucht und einige Tränen rollten langsam über ihre Wangen herab. Nun reichte sie Clarencé die Hand, und ohne sich weiter auszusprechen, sagte sie: »Wie du willst, mein Freund.«

War er nun gefunden, der Ausgang aus dem dunkeln Irrgarten? War der erste Schritt getan auf dem neuen Wege, einer besseren, glücklicheren Zukunft entgegen?

 

Ende.


 << zurück