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Zweites Kapitel.

Kaum war Merton verschwunden, so trat bei Clarencé an Stelle der Frage in ihrer Allgemeinheit der ihn so tief berührende traurige Einzelfall wieder in seiner ganzen Schärfe in den Vordergrund.

»Vor allem muß ich jetzt Näheres über die Sache erfahren,« dachte er laut, klingelte dann nach Antoine und befahl ihm, die Abendzeitungen herbeizuholen. »Sämtliche, wie nach einer Premiere,« sagte er.

Eine Viertelstunde später kehrte Antoine, der bei allem was er tat dem Sprichwort »Eile mit Weile« huldigte, mit seiner Ernte zurück, worauf Clarencé hastig eine um die andre Zeitung entfaltete und prüfend die Spalten mit der Überschrift »Vermischte Nachrichten« überflog, in denen Eigennutz und Haß, Elend und Vergeltung aufeinanderstoßen. Fast in jeder Zeitung wurde, oft in recht wenig zartfühlender Weise, jenes traurigen Ereignisses mit mehr oder weniger genauen Einzelheiten und vielen Entstellungen Erwähnung getan, selbst der Name der Unglücklichen, der Stand des Vaters, die Wohnung waren angegeben, nur der Name des Liebhabers fehlte. Mehrere Zeitungen nannten ihn zwar Maler X. und nur eine einzige bezeichnete ihn mit dem Anfangsbuchstaben L. – Clarencé versuchte nun, sich aus den sich im einzelnen häufig widersprechenden Berichten einen möglichst wahrscheinlichen Verlauf des traurigen Ereignisses zusammenzustellen. Ja, ja, sie hatte geliebt, die arme tote Kleine, mit jener Liebe, deren Macht und Zauber alle andern Empfindungen überwältigt. Und diese Liebe hatte sich in ihr befestigt beim Lesen schöner Dichterworte, die die Gefühle ihres Herzens mit dem strahlenden Glorienschein der Poesie umwoben. Da war sie durch irgend einen Zwischenfall, vielleicht durch einen von einer gekränkten Gattin aufgefangenen Brief oder durch den Vater oder sonst jemand, in die rauhe Wirklichkeit zurückversetzt worden. Die plötzliche Erkenntnis eines Unrechts, Gewissensbisse, ein Gefühl demütigender Schande, angsterfüllte Tage, qualvolle Nächte, waren dem glückseligen Traume gefolgt, bis endlich der alte und doch ewig neue Auftritt mit dem Geliebten stattfand: »Liebst du mich noch?«

»O ja, ich liebe dich.«

»Mehr als alles?«

»Ja, mehr als alles.«

»Nun denn, so flehe ich dich an, laß uns zusammen sterben, es muß sein, denn –«

Der Mann aber, der geschworen hatte, daß seine Liebe stärker sei als der Tod, ihm stand jetzt das Leben, das vielleicht an eine unzerreißbare Kette geknüpft war, deren Stärke ihm jetzt erst zum Bewußtsein kam, höher als die Liebe. Da hatte sie sich denn allein auf die große Reise, die ihr, mit ihm vereint, so schön erschienen wäre, begeben und als Gepäck nur den schmerzlichen Zweifel mitgenommen, nicht genug geliebt worden zu sein. – Ein Trauerspiel war es, das durch seine häufige Wiederkehr kaum mehr als ein solches betrachtet wird, und das man in den Zeitungen gewöhnlich nur mit ein paar Zeilen abtut. Wenn es diesmal mehr Aufsehen erregte, so geschah es nicht wegen Céline Bouland, dem unscheinbaren Mädchen, sondern seinetwegen, Clarencés wegen. Sein bei ihr gefundenes Werk »Liebe und Tod« hatte der Sache einen neuen Reiz verliehen. Einige Zeitungen führten sogar Zitate daraus an, ja eine ging so weit, den Bericht mit den Worten zu schließen: »Ein schöner Erfolg für einen Dichter!« Sicherlich würden auch noch andre außer Merton die Frage an ihn richten: »Was halten Sie von dem Einfluß der Bücher oder von der Verantwortung der Schriftsteller dem Publikum gegenüber?«

»Aber nicht nur unsre Werke,« so grübelte Clarencé weiter, »können Schaden bringen, sondern auch unser Leben, unsre Persönlichkeit, die Entwicklung unsers Charakters und unsers Talents, denn wir Schriftsteller nehmen eine unverhältnismäßig einflußreiche Stellung im sozialen Leben ein. Das Publikum streut uns mehr Weihrauch, als wir verdienen – falls es uns nicht, meistens auch wieder ohne genügenden Grund, einer unbarmherzigen Kritik überläßt. Ein solch tägliches Einsaugen von Komplimenten und schönen Redensarten, dieses gelegentliche Sichsonnen im Gefühle der Unsterblichkeit muß nun aber notgedrungen unsern Seelen, unserm Charakter Schaden bringen. Wir kommen in unsrer Selbstüberschätzung schließlich so weit, daß wir die allgemein menschlichen Gesetze, die doch allein gut und weise sind, verachten. Wir setzen unsern Ehrgeiz darein, anders zu sein als die große Menge, etwas zu besitzen, das ihr fehlt, eine Gabe unser eigen zu nennen, die uns über sie erhebt. Wir maßen uns an, andre Gefühle, Zerstreuungen und Leidenschaften haben zu dürfen, und verlangen dann, daß diese mit einem andern Maße als mit dem gewöhnlichen gemessen, anders beurteilt werden, als bei gewöhnlichen Sterblichen. Ach, welches Unrecht begehen wir damit, ohne eine Ahnung von den schlimmen Folgen einer solchen Sonderstellung zu haben! Sie, die hehre Kunst und Poesie, wie hat sie, wenn auch durch unsre eigene Schuld, unser Wesen, ja selbst unsre Handlungen verunstaltet!«

An diesem Punkte seiner Betrachtung angelangt, hielt Clarencé erschrocken inne. Hatte er doch soeben sich selbst, seiner sozialen Stellung und den Gefühlen, die seit zehn Jahren sein Leben ausfüllten, das Urteil gesprochen. Wie vor einer verschlossenen Türe, die man nicht zu öffnen wagt, wich er zurück und lenkte seine Gedanken mit Gewalt wieder auf die Hinterbliebenen in der Rue Saint Ferdinand, indem er leise wiederholte: »Die armen unglücklichen Menschen!«

Und nun ergriff ihn plötzlich der Wunsch, zu ihnen zu eilen und ihnen seine Teilnahme auszusprechen. Allein er gab dieser Regung nicht sofort nach, denn neu erwachende Bedenken hielten ihn davon zurück.

»Die Leute kennen mich ja nicht,« sagte er zu sich selbst, »und wer weiß, vielleicht grollen sie mir so sehr, daß mein Erscheinen ihren Kummer nur noch vergrößert.«

Antoine meldete jetzt, daß das Essen aufgetragen sei. Schweigend trat Clarencé an dem Diener vorbei ins Speisezimmer, aber er mußte sich zum Essen zwingen. Gegen Ende der Mahlzeit fragte Antoine, den seines Herrn bekümmerte Miene nicht wenig beunruhigte: »Soll ich den schwarzen Anzug bereithalten?«

»Nein Antoine, ich brauche ihn nicht.«

»Herr Clarencé gehen also heute abend nicht mehr aus?«

»Doch, doch, aber ich ziehe mich nicht um.«

Da hatte er ja nun fast unwillkürlich seinen Entschluß gefaßt.

»Ich gehe heute abend nicht in Gesellschaft,« fügte er hinzu.

Wieder schlug er die Richtung nach den jetzt in hellem Lichterglanz erstrahlenden Champs Elysées ein, die er langsam entlang ging, um endlich in die düstere Rue des Ternes einzubiegen. Je näher er seinem Ziele kam, desto krasser malte er sich den Auftritt aus, den sein Erscheinen voraussichtlich hervorrufen würde. Was für einen herzzerreißenden Anblick mochte das für seine krankhaft erregten Nerven geben! Und wer weiß, ob die schluchzenden Stimmen nicht dieselben Worte wiederholten, die ihm sein Gewissen seit einiger Zeit zuflüsterte. Unschlüssig stand er vor der verschlossenen Türe des großen, vielstockigen Hauses, in dem, eng zusammengedrängt, eine Menge Familien ihr bescheidenes Dasein fristeten.

»Wozu hierher gehen? Was verpflichtet mich dazu? Was für eine Macht treibt mich?«

Schon zog er die Klingel, erkundigte sich beim Concierge nach Herr Bouland, stieg die Treppe hinauf und wurde von einem erschrockenen Dienstmädchen in ein kleines Besuchzimmer geführt, dessen Möbel mit leinenen Überzügen bedeckt waren, und das von der einzigen Kerze, die das Mädchen, das sich mit Clarencés Visitenkarte entfernte, hatte stehen lassen, spärlich beleuchtet war. Neugierig betrachtete er die einfache Standuhr, die Porzellanlampe und die blauen gläsernen Vasen, die das Kamin schmückten, den ovalen Tisch, auf dem einige illustrierte Zeitungen lagen, sowie die wenigen Bilder an den Wänden. Allein ihm blieb kaum Zeit, sich über die einfache Umgebung, in der sich ein solch schreckliches Drama abgespielt hatte, zu wundern, denn schon öffnete sich leise die Türe und der Vater erschien auf der Schwelle.

Bouland, ein kleiner, ziemlich wohlgenährter Mann mit einem runden, gutmütigen, glattrasierten Gesicht, schlichten, leicht ergrauten Haaren und fleischigen Händen war so recht der Typus eines friedlichen, beschränkten Bürgers mit bescheidenen Ansprüchen, der nichts von aufrührerischen Wünschen und eingebildeten Sorgen weiß. Allein dieses sonst so ruhige Gesicht trug jetzt die Spuren tiefsten Schmerzes, schwere Tränen liefen langsam über die vollen Wangen, die kleinen Augen waren von breiten schwarzen Ringen umgeben, und auf Haltung und Bewegung lag der Stempel einer gewissen unbewußten Hoheit, die der harte Schicksalsschlag dem einfachen Manne aufgedrückt hatte.

Tief ergriffen, fast wie ein Schuldbeladener, stammelte Clarencé: »Verzeihen Sie, daß ich, ein Fremder, so ohne weiteres bei ihnen eindringe. Allein ich hörte von dem Unglück – von dem entsetzlichen Unglück, das Sie betroffen hat – und da wollte ich Ihnen sagen – wie sehr ich Anteil daran nehme, denn –«

»Denn,« wollte er fortfahren, »ich fühle mich mit verantwortlich für das was geschehen ist.« Allein er hielt inne und ließ den Satz unvollendet.

Der Vater seufzte und wischte sich die Augen mit dem karierten Taschentuch, das er in der Hand hielt.

»Ich danke Ihnen, mein Herr, ich danke Ihnen,« sagte er und fuhr dann in abgerissenen Sätzen fort: »Ach, Sie können unsern Schmerz nicht ermessen, nein, Sie können es nicht. Unser einziges Kind! Und was für ein Kind! Niemals hat sie uns einen Kummer bereitet, sich niemals unserm Willen widersetzt. Und dabei war sie immer so vernünftig – o ja, klug und vernünftig. – Mein Gott, was mag plötzlich mit ihr vorgegangen sein? – Es gibt ja wohl junge Mädchen, denen man nicht recht trauen kann, die zum Bösen neigen, aber sie – ach sie war ein Engel! Das sagen alle, die sie gekannt haben. – Sie hatte keinen Fehler, nicht einen einzigen, nur die Bücher, die liebte sie zu sehr, ja, das war das Unglück – sie hat zu viel gelesen. Ich glaubte aber eben, sie lese nur zum Zeitvertreib und denke nicht mehr an die Erzählungen, wenn sie die letzte Seite gelesen hatte, so wie ich es mache. Deshalb ließ ich sie so ruhig gewähren. Sie aber glaubte an diese erfundenen Geschichten, die niemals wahr sind – und die, wie alles, was Lüge heißt, nur Unheil anrichten, die –«

Seine Stimme hatte sich erhoben, plötzlich aber hielt er inne, faßte sich und sagte mit seinem Taktgefühl: »Ach, verzeihen Sie, ich vergaß – Sie sind ja Herr Clarencé, der Schriftsteller, nicht wahr?«

»Ja,« antwortete dieser schüchtern, fast demütig. Einen tiefen Seufzer ausstoßend, fuhr der alte Bouland in leisem Tone fort: »Sie hat alle Ihre Bücher gelesen. Ich will nicht sagen, daß diese es waren, die – o nein, nein, das sage ich nicht – aber sie hatte sie lieber, als alle andern. Wir, ihre Mutter und ich, sind mit ihr ins Theater gegangen, als Ihr letztes Stück aufgeführt wurde, wie hieß es doch noch? ›Königin – Königin Auberty‹, glaube ich. Ich sagte zwar damals zu ihr – ›das ist nichts für dich Célinechen – solch romantische Geschichten taugen nicht für junge Mädchen‹ – aber sie wollte durchaus hingehen – und wir konnten ihr keinen Wunsch abschlagen. Ach, wenn Sie gesehen hätten, wie sie beim Schluß weinte! Ich neckte sie auf dem Heimweg noch darüber und sagte: ›Du weißt doch, daß die ganze traurige Geschichte nur erfunden ist.‹ Die arme Kleine, ich hatte ja keine Ahnung, was dabei in ihrem Herzen vor sich ging.«

Weder Zorn noch Groll, nur jene tiefe Trostlosigkeit, bei der alle Vorwürfe, jede fruchtlose Auflehnung zum Schweigen kommen, sprach aus seinem Tone. Ein erneuter Seufzer entrang sich seinen Lippen, dann nahm er nach kurzem Schweigen, das Clarencé nicht zu unterbrechen wagte, wieder das Wort: »Wenn sie nur wenigstens mehr Vertrauen zu uns gehabt und uns alles gesagt hätte! Sie war ja unser Augapfel, da hätten wir sie gewiß auch verstanden – obwohl solche Geschichten nichts sind für einfache Leute wie wir. Wir hätten sie aber doch beschützen, sie vielleicht retten können. – Dann wäre unser Liebling doch noch bei uns. Aber ihr fehlte der Mut dazu – sie war nicht fürs Böse geschaffen, und als sie sah, daß – daß wir alles erfahren würden – da, da ist sie lieber – o wie entsetzlich, wie entsetzlich!«

Das Gesicht ins Taschentuch vergraben, überließ sich Bouland einen Augenblick seinem Schmerze, dann aber mußte plötzlich ein unbestimmter Verdacht in ihm aufsteigen, denn er fragte, den Kopf aufrichtend, mit leisem Mißtrauen: »Sie aber, Sie kannten sie wohl nicht?«

»Nein, Herr Bouland, ich habe sie niemals gesehen.«

»Niemals gesehen? Und doch sind Sie gekommen, um –«

»Aus Teilnahme für Ihr Unglück und weil –« Seine Stimme schwankte. »Weil mein Name mit Ihrem Trauerfall in Verbindung gebracht worden ist.«

»Ach ja, richtig, Ihr Buch, das neben ihr lag.«

Eine lange, gedankenschwere Pause trat ein.

»Ja, ja, Ihr Buch,« wiederholte Bouland endlich, dann fügte er etwas zögernd hinzu: »Würden Sie sie vielleicht gerne sehen?«

»Ich wagte nicht, Sie darum zu bitten.«

»So kommen Sie.«

Er nahm die einzige, ihnen als Beleuchtung dienende Kerze und ging Clarencé voran ins Sterbezimmer.

Es war ein hübsches Mädchenstübchen, das die wenig wohlhabenden Eltern, dem Geschmack des Töchterchens Rechnung tragend, so viel als möglich mit einem gewissen bescheidenen Luxus ausgestattet hatten, und das dank einiger hübscher Kleinigkeiten, wie geschmackvoll angebrachte Stoffdrapierungen, gut ausgewählte Photographieen in schönen Rahmen und dergleichen, die den Charakter harmloser Koketterie trugen. Auf einem lackierten Tischchen stand, von einem Schirm beschattet, eine Lampe, deren Schein auf einen kleinen, blauen Band fiel, den Clarencé sofort erkannte. Niemand hatte ihn ohne Zweifel berührt, seitdem er, gleich einer geleerten Phiole, Célines Hand entglitten war.

In einer Ecke des Zimmers saß weinend die Mutter. So versunken war sie in ihren Schmerz, daß sie beim Geräusch fremder Schritte nicht einmal den Kopf hob. Neben dem Bett stand, den Hut in der Hand, ein Mann im Überzieher, dessen Blicke auf dem mit Blumen überstreuten Bahrtuche ruhten, das die Gestalt der Toten bedeckte.

»Herr Clarencé ist hier, um Céline zu sehen – er kannte sie zwar nicht, aber –«

Mit einem heftigen Ruck wandte sich der Mann um, und Clarencé erbebte bis ins Mark.

»Du – du – du bist es also!« stammelte er.

Laurier war es, der Freund aus der Kinderzeit, sein bester, liebster Freund, dessen Leben er so genau zu kennen geglaubt hatte. Noch war Bouland mit seiner Erklärung nicht zu Ende gekommen, so lagen die beiden einander tieferschüttert in den Armen. Die durch diesen neuen Auftritt aus ihrer dumpfen Verzweiflung aufgerüttelte Mutter hatte sich erhoben und betrachtete verständnislos die beiden Männer.

Laurier machte sich zuerst aus der Umarmung los, indem er sagte: »Du hast sie sehen wollen, nun denn, da schau her!« Voll schwermütigen Ernstes entfernte er das Leichentuch, und nun kam das Antlitz der Toten zum Vorschein. Sie hatte reiche, feine, dunkle Haare, die aufgelöst neben ihr auf dem Kissen lagen, eine edle, klare Stirne, im übrigen aber unregelmäßige Züge. Wie sie so mit blutlosen Lippen und für immer geschlossenen Augen dalag, hätte niemand vermuten können, daß sie einst schön gewesen war. Eingehüllt in die Schatten des Todes war mit dem feurigen Blick und dem frisch pulsierenden Leben auch der Reiz ihrer Persönlichkeit entschwunden. Für Laurier allein mochte um die gesenkten Lider noch etwas von dem zärtlichen Ausdruck der treuen Augen und von ihrem anmutigen Lächeln schweben.

Langsam deckte er das Tuch wieder über die Tote, ordnete liebevoll die Blumen und wandte sich dann zu seinem Freunde.

»Sie kannte dich sehr gut. Wie oft sprachen wir zusammen von dir! – Deine Bücher begeisterten sie – sie waren unsre Vertrauten, unsre Freunde.«

Clarencé verstand es nämlich vortrefflich, seinen dichterischen Gestalten die für den Augenblick passendsten und beredtesten Worte in den Mund zu legen, wodurch jedem Auftritt so ganz der Stempel der Wahrheit aufgedrückt war. Auch in den schwierigsten Situationen seiner Stücke schrieb er rasch, mit sicherer Hand die erdichteten Zwiegespräche nieder, als entströmten sie einer unversiegbaren Quelle. Hier aber, angesichts dieses wirklichen Jammers, in den er sich mit hineingezogen fühlte, suchte er vergeblich nach einem Ausdruck seiner tiefen Bewegung.

»Armer Freund! Armer Freund!« war alles, was er zu stammeln vermochte.

Hierauf wandte er sich zu den Eltern, die, kurze Zeit von ihrem eigenen Schmerze abgelenkt, voll Erstaunen diese Wiedererkennungsszene beobachteten.

»Sie sehen,« sagte er zu ihnen, »ich stehe wie ein alter Bekannter in Ihrem Kreise. Ohne diejenige, die Sie beweinen, je gesehen zu haben, traure ich mit Ihnen um sie.«

»Sie sind ein guter Mensch,« murmelte die Mutter unter Tränen, während Clarencé zu sich selbst sagte: »Die armen Leute, sie haben nur Güte und Nachsicht für mich!« Als er sich dann nach einigen weiteren freundlichen Worten verabschieden wollte, riefen beide Eltern wie aus einem Munde: »Wie, Sie wollen schon fortgehen? Aber nicht wahr, Sie kommen wieder?«

Er versprach es. Es war, als habe sich bereits ein Band zwischen ihnen und dem Fremden, der ihren Jammer teilte, geknüpft. Beglückt über die Verzeihung, die ihm die schlichten Leute hatten zu teil werden lassen, verließ er sie erleichterten Herzens. Dieselbe Verzeihung, die himmlische Frucht eines gemeinsamen Schmerzes, war auch Laurier gewahrt worden, der sich mit dem Freunde entfernte. Der Kummer, den er ihnen bereitet, der Haß, der ihr Herz zu Anfang erfüllt hatte, das alles war vergessen, vergessen seitdem sie fühlten, wie er mit ihnen litt, wie tief auch er von dem Schlage betroffen wurde.

Schweigend gingen Laurier und Clarencé eine Zeitlang in der dunkeln Straße nebeneinander her. Da erwachten in der Seele des Dichters plötzlich wieder alte, im Laufe der Jahre verwischte Kindheitserinnerungen. Er sah in dem jetzt so tief gebeugten Manne neben sich seinen kleinen Schulkameraden von Besançon wieder, der, ebenso wie er selbst, als linkischer, aber von stolzen Zukunftsträumen erfüllter Bauernjunge aus seinem Dorfe herein zur Schule kam. Sie hatten sich vom ersten Augenblick an aneinander angeschlossen, hatten sich mit denselben Jungen herumgeprügelt und während der Ferien die meilenweite Entfernung, die sie trennte, nicht gescheut, um zusammenzukommen. Als Laurier im sechzehnten Jahre stand, war er plötzlich von einer Schwermut, wie sie bei phantasiereichen jungen Leuten nicht selten vorkommt, befallen worden, die bis zu Selbstmordgedanken führte, und die den Freund nicht wenig bekümmerte. Mit einem Male aber hatten zwei blonde Zöpfe und ein Paar munterer Augen, die ihm von ungefähr in den Weg kamen, die Todesgedanken verscheucht. Eine fröhliche Liebesidylle entspann sich, die zwar bald wieder in sich selbst zerrann, die aber nur der Anfang von einer Menge andrer wurde. Denn Laurier war immer verliebt und befand sich fortgesetzt in einer gewissen Ekstase. Ein romantisches Abenteuer folgte dem andern, und stets umwob er das Bild der gerade Auserkorenen mit dem Zauber einer überreichen Phantasie. Dies geschah nicht zum mindesten mit dem ruhigen, vernünftigen Mädchen, das jetzt seine Gattin und die Mutter seines einzigen Kindes war. Dabei schien es, als habe Jeanne Lauriers sanfter, stiller Geist diese stürmische, exaltierte Natur endlich zur Vernunft gebracht. War doch sie, die liebliche Erscheinung mit den glatt gescheitelten blonden Haaren, dem freundlichen, heiteren Ausdruck der blauen Augen, den seinen, etwas allzu zarten Zügen, der Anmut ihrer Bewegungen, dem einschmeichelnden Klang der Stimme und mit ihren geraden, vernünftigen Ansichten so ganz dazu geschaffen, Friede und Behaglichkeit um sich zu verbreiten.

»Du hast die richtige Frau gefunden,« pflegte Clarencé mit Vorliebe zu seinem Freunde zu sagen. »Sie hat dich beruhigt, und die sanfte, gleichmäßige Liebe, mit der sie dich umgibt, ist mehr wert als stürmische Leidenschaft. Du darfst von Glück sagen.«

Jetzt ärgerte sich aber Clarencé nicht wenig, daß ihn seine Menschenkenntnis betrogen und er von diesem »Roman« seines Freundes nichts geahnt hatte. So sagte er denn, während sie in die Rue de la Grande Armée einbogen, in vorwurfsvollem Tone: »Warum hast du mir diese ganze Geschichte verheimlicht?«

Ein Achselzucken Lauriers war seine ganze Antwort. Nachdem die beiden dann wieder schweigend eine Strecke zurückgelegt hatten, wagte Clarence endlich die ihn bedrückende Frage zu stellen: »Wie steht es nun aber mit Jeanne?«

»Sie weiß alles – seit gestern. Sie benahm sich sehr großmütig.«

Wieder trat eine Pause ein, dann fuhr Clarencé fort: »Und jene andre – wo hast du sie kennen gelernt?«

»Im Atelier.«

»Malte sie denn auch?«

»Ein wenig.«

Langsam, als koste ihn jedes Wort eine besondere Anstrengung, sprach er weiter: »Sie kam eines Tages zu mir – mit einer unbedeutenden kleinen Landschaft, um mich darüber um Rat zu fragen. Warum sie sich gerade an mich wandte, der ich doch keine Schüler annehme, ich weiß es nicht – irgend ein innerer Drang muß sie veranlaßt haben. Sie war schüchtern und wagte kaum, die Augen aufzuschlagen. Ich hätte sie ja nun, wie alle andern, auch mit der Antwort fortschicken können, daß ich keinen Unterricht erteile. Warum tat ich es nicht? Der Wunsch, sie näher kennen zu lernen, muß mich wohl dazu veranlaßt haben. Wahrscheinlich fühlte ich sofort, daß sie mir vom Schicksal zugeführt fei. So sagte ich ihr, sie möchte nur wiederkommen – und sie ist wiedergekommen. – Du siehst, die Sache war sehr einfach.«

Liebevoll schob Clarencé den Arm unter den seines Begleiters.

»Mein armer Freund,« sagte er in teilnehmendem Tone, »wie leid tust du mir!«

»Du bedauerst mich, ja, ich glaube es dir,« erwiderte Laurier traurig, »denn du verstehst es, den Kummer andrer mitzufühlen. Und doch kannst du meinen Schmerz nicht ganz ermessen, denn du hast sie nicht gekannt, du weißt nicht, was für ein entzückendes, tief angelegtes Wesen sie bei aller Einfachheit doch war, du weißt nicht, wie sehr wir uns geliebt haben, denn kein Mensch kann das wissen – Worte vermögen es nicht auszudrücken.«

O ewige Täuschung aller Liebenden, die glauben, ihre Liebe sei größer, ihr Kummer tiefer, als der aller andern Menschen! Was soll man ihnen antworten, wenn Verzweiflung ihnen solche Worte auf die Lippen drängt?

»Mein armer Freund!« war alles, was Clarencé zu wiederholen vermochte.

Als sie nach einiger Zeit in die Nähe der Place de l'Etoile kamen, begann Laurier, stehen bleibend, von neuem: »Eine Frage hat sich dir sicherlich aufgedrängt, und ich weiß, wie sie lautet: ›Warum hast du sie die weite Reise allein antreten lassen? Sie ist dahin, er aber, der sie so sehr geliebt zu haben vorgibt, er geht umher, er lebt, ißt, schläft. Wie ist das möglich?‹ Ja, ja, das fragst du dich, du, der du mich genau kennst.«

Mit gesenktem Kopf ging er, ohne die Einwände seines Freundes zu beachten, weiter, blieb dann wieder stehen und sagte: »Dieses Warum, ich will es dir beantworten. Es gibt eben etwas, mein Freund, das stärker ist als unser Wille. Es gibt Pflichten, die man nicht vergessen kann, und deren Kette man oft erst in der verhängnisvollsten Stunde seines Lebens fühlt. Ich kann, ich darf nicht sterben, denn ich bin zu arm dazu. Sterben heißt so viel, als meine Angehörigen, sie, die ich, Gott weiß es, ebenfalls liebe, dem Elend preiszugeben. Weil ich jenen nichts zu hinterlassen habe, kann ich ihr nicht folgen. Um jener willen stehe ich hier lebendig neben dir, während der Tod mir eine süße Erlösung wäre. Wer weiß, ob die drohende pekuniäre Not nicht auch mit ein Grund ist, warum Jeanne mein Haus nicht verläßt – warum sie mir vergeben hat. Armut ist bekanntlich eine Macht, die schon manchen Herzenskummer überwältigt hat.«

Eine ihm bis dahin fremde Empfindung quälte Clarencé. Er, der mit so viel poetischem Schwung die Verheerungen der Leidenschaft schilderte, er bebte jetzt vor der krassen Wirklichkeit zurück, vor jener Wirklichkeit, die von der Dichtkunst nicht nur geschmückt, sondern auch gefälscht wird, und deren tiefen Sinn er zum ersten Male durchschaute. Grausam strafte sie jene sinnreichen Kunstgriffe und raffinierten Mittel Lügen, deren sich die Dichter bedienen, und die er selbst stets hochgestellt hatte. Was für einen Wert hat denn jene romantische Darstellung der Seelenzustände, die die Beifallsrufe der Menge hervorlockt, wenn schon ein einziges unscheinbares, aber wirkliches Unglück die ewige Lüge, die den von der Phantasie umwobenen Traumgestalten anhaftet, an den Tag bringt?

Wie ein hungernder Bettler auf ein Almosen, so wartete Laurier auf ein Wort der Teilnahme, auf ein Wort zur Linderung seiner Qual.

»Was du mir da sagst, ist entsetzlich grausam, so begreiflich es auch ist,« murmelte Clarencé.

»Ja, nicht wahr? – Die Dichter suchen immer nach außergewöhnlichen Ereignissen, und das Leben selbst ist doch so einfach. Ach, so einfach und so grausam! – – Jenes arme, teure Geschöpf,« fuhr er nach einer Pause fort, »wohl beweine ich es, aber ich beklage es nicht. Nein, nein, ihm ist der bessere Teil zugefallen. Der Tod hat ja nichts Erschreckendes, wie so viele glauben: bringt er doch Vergessenheit, Bewußtlosigkeit, Unverantwortlichkeit. - Du mußt das ja wissen, da du diese Ansicht so überzeugungsvoll in deinen Werken niedergelegt hast, in jenem Werke besonders, das sie vor allem liebte – vielleicht allzusehr liebte. Und auch ich halte diesen Ausdruck für die größte und zugleich für die trostreichste Wahrheit, die ich jemals gelesen habe. Übrigens machst du es – verzeih mir meine Offenheit – wie ihr Schriftsteller alle, ihr mildert, verschiebt, verschönert, ja ihr fälscht sogar die Verhältnisse nach eurem Gutdünken. So werdet ihr zu den Urhebern jener Sinnes- und Herzenstäuschungen, denen so viele Unglückliche anheimfallen, und die manche, so wie meine kleine Freundin, in den Tod treiben, oder durch die man, so wie ich, eine nie heilende Wunde mit sich durchs Leben schleppt.«

Teils erregt, teils sanft klagend, in abgerissenen Sätzen, machte Laurier seinem bedrängten Herzen Luft. Erst vor seiner am Ende der Avenue Kléber gelegenen Wohnung verstummten die Klagen.

»Soll ich mit dir hinaufkommen?« fragte Clarencé.

»Nein, ich danke dir, jetzt nicht.«

»Du weißt aber doch, daß Jeanne mich nicht ungern hat. Vielleicht, daß –«

»Nein, nein – komme lieber morgen, das ist wirklich besser. – Morgen also, nicht wahr?« Damit verschwand er in der dunkeln Türöffnung.


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