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Sechstes Kapitel.

Auf Claudines Bitte brachte Clarencé seinen Freund Laurier, den sie seit der traurigen Katastrophe noch nicht gesehen hatte, zu ihr. Sie, die selbst so warm zu lieben verstand, beklagte ihn aus tiefstem Herzen und hoffte, wohltuende, stärkende Trostesworte für ihn zu finden. Aber beim Anblick einer solch haltlosen Schwäche mußte sich ihr kraftvoller, energischer, zu Widerstand und Kampf neigender Charakter unwillkürlich auflehnen. Bot doch der Unglückliche mit seinen müden, gealterten Zügen und der vernachlässigten Haltung in der Tat das Bild eines ohne alle Würde getragenen Schmerzes und eines geradezu erniedrigenden moralischen Elends. Seine Worte verschärften den peinlichen Eindruck der Erscheinung noch. »Unter dem Vorwand, zu arbeiten, schließe ich mich in mein Atelier ein,« sagte er, »und betrachte untätig die nackte Leinwand und meine trockene Palette. So vergehen die Stunden, ich zähle sie nicht mehr.« Dann wieder verlor er sich in den trostlosesten Mutmaßungen und in Ausrufen der Verzweiflung über das Unabänderliche: »Ach, wenn ich sie doch nie gesehen hätte! Dann lebte sie noch und wäre glücklich samt ihren armen Eltern. Ein andrer hätte sie dann geliebt und geheiratet, denn sie war wie geschaffen für das ruhige, sichere Glück des Familienlebens. – Ach, wenn ich alles hätte voraussehen können! Warum forderte ich sie damals auf, wieder in mein Atelier zu kommen, anstatt sie fortzuschicken wie alle andern? Leider sieht man eben nicht in die Zukunft, und die Gegenwart war so schön! – Und später, wenn wir doch miteinander entflohen wären, gewiß, es wäre noch immer besser gewesen als so. – Nun ist sie dieses schrecklichen Todes gestorben, und meine Angehörigen, um derentwillen ich so viel geopfert habe, werden dadurch doch nicht vom Unglück verschont bleiben. Denn was kann ich ihnen jetzt noch sein? Nichts, gar nichts. – Ich bin ein elendes Wrack. Arbeiten ist mir unmöglich – wie soll ich es können mit diesem nagenden Schmerzgefühl im Herzen? – Und niemals, niemals wird die Wunde heilen!«

So sprach er langsam weiter mit starren Augen, immer die alte Klage, dieselben Sätze wiederholend, bis endlich Claudine ihn unterbrach: »O reden Sie doch nicht so, Herr Laurier. Ihr Schmerz ist freilich grenzenlos, und wir begreifen ihn. Aber man darf sich vom Kummer nicht übermannen lassen, auch wenn er noch so groß ist. Man kann und soll ihn ertragen lernen. Bedenken Sie doch, wie viel Ihnen noch geblieben ist! Die treueste, edelste Liebe umhegt Sie, von all den Freunden gar nicht zu sprechen, die alles tun werden, um Sie zu trösten und aufzurichten.«

»Ich weiß das alles wohl, gnädige Frau – ja, wenn sie anders, wenn sie eines natürlichen Todes gestorben wäre, dann fände ich vielleicht die Kraft – aber so« – eine unbeschreibliche Herzensqual sprach aus seinem Blick – »so – in der Verzweiflung! Mir ist, als habe ich sie hineingetrieben – und diesen Gedanken kann ich nicht ertragen, ich kann es nicht! – O mein Gott, wenn ich sie wenigstens noch um Verzeihung hätte anflehen können! Aber so ist alles aus – ich werde sie ja niemals wiedersehen!«

»Solche Äußerungen würden sie wahrscheinlich nur in Erstaunen setzen,« rief Claudine, sich mehr und mehr erhitzend. »Ihnen Verzeihen! Was denn? Daß Sie sie geliebt haben? Gibt es eine Frau, die nicht alles Böse, das die Liebe ihr angetan hat, von vornherein verzeiht? Sie dürfen sicher sein, daß sie mit Ihrem Namen auf den Lippen gestorben ist, ohne Vorwurf, voll Dank nur für Ihre Liebe, Sie können mir glauben, denn ich würde es ebenso machen. Was wißt ihr Männer überhaupt von der Liebe einer Frau? Ganz und gar, ohne Rückhalt, ohne Reue geben wir uns ihr hin, es koste was es wolle! Wenn es sich um unsre Liebe handelt, kommt selbst das Leben nicht in Betracht.«

»Ach, warum bin ich nicht anstatt ihrer gestorben!« war alles, was Laurier zu erwidern fand. Lange dehnte er seinen Besuch aus, ohne daß es den Freunden gelungen wäre, seine trostlose Stimmung zu heben.

»Der arme Mann!« sagte Clarencé, nachdem er ihn hinausbegleitet hatte. »Welch ein Jammer!«

»Ja,« antwortete Claudine, »welche Seelennot! Ich hätte es niemals für möglich gehalten, daß ein Mensch so schwach sein könnte, – Diese unendlichen, fruchtlosen Klagen, diese ewigen ›Wenn‹ und ›Wenn‹ und ›Wenn‹ – das ist unmännlich, unwürdig. Und wohin soll eine solche Mutlosigkeit schließlich führen – was soll aus einem Menschen werden, in dem jegliche Willenskraft ertötet ist?«

»Wer weiß, vielleicht löschen solche Leiden in der Seele am ehesten noch das Böse aus, das durch nichts andres hätte wieder gut gemacht werden können.«

Claudine schien den Sinn dieses Satzes zu erwägen.

»Was für eine Metaphysik, lieber Freund!« murmelte sie, dann fügte sie mit einem Seufzer hinzu: »Mir ist bei dem allem nur das eine klar, daß wir nicht der gleichen Meinung sind.«

»Nicht mehr der gleichen Meinung,« verbesserte er traurig.

Wo war sie hin, die vollständige Seelenübereinstimmung, die ihrem langen, vertrauten Verkehr einen solchen Reiz verliehen hatte? Warum wichen ihre Ansichten nun plötzlich auseinander? Was war das für eine geheime Macht, die sich fremd, fast feindlich zwischen sie stellte?

»Ich bin nicht diejenige, die sich verändert hat,« sagte Claudine.

»Man muß die Wandlungen des Lebens mitzumachen verstehen.«

Sie schüttelte den schönen, stolzen Kopf, und eine eigensinnige Falte lag auf ihrer Stirn, als sie antwortete: »Warum, wenn die alten Ansichten die richtigen sind?«

»Weiß man je so ganz gewiß, ob man im Recht ist?«

»Ach, mein Freund, wie schwach du bist!« Als sie indes den traurigen Ausdruck in seinem Gesicht sah, hielt sie plötzlich inne. Es tat ihr leid, ihn gekränkt zu haben, und liebevoll, einschmeichelnd trat sie auf ihn zu. »Du bist müde und angegriffen, mein Freund, da muß ich dich doch trösten, für dich stark sein, dir helfen, die bösen Grillen zu verscheuchen, und dir wieder Mut und Selbstvertrauen einflößen. Ei, ei, soll ich wirklich nun den Mann spielen?«

Mit einem Versuch zu lächeln drückte er den Mund auf die teuren Lippen und sagte: »Tenacem propositi virum.« Der Scherz aber blieb ungedeutet, und dem Kusse fehlte das gewohnte Feuer.

* * *

Ein Besuch seines Neffen Jacques, der zu dem ihm versprochenen Mittagessen erschien, war nicht im stande, Clarencés trübe Gedanken zu zerstreuen.

Der junge Mann, dessen sicheres, ungeniertes Auftreten Clarencé schon das erste Mal aufgefallen war, sprach gewandt und mit Überlegung und in der unverkennbaren Absicht, zu gefallen, wodurch er aber gerade das Gegenteil erreichte. In wohlvorbereiteten Sätzen beglückwünschte er seinen Onkel zu dessen Erfolg und lobte das Stück, indem er dabei Szenen, die man vielleicht hätte anfechten können, als besonders gelungen hervorhob und andre, die sich durch ihre Einfachheit und Wahrheit auszeichneten, unbewußt herabsetzte. Diese Kritik ärgerte Clarencé, so daß er sich rasch erhob und seinen Neffen aufforderte, sich mit ihm zu Tisch zu begeben. Während Antoine dann den ersten Gang herumreichte, versuchte Clarencé, das Gespräch auf Prône zu lenken, er bekam aber nur kurze Antworten, deren Inhalt darin gipfelte, daß der Vater ein strenger, unzugänglicher Mann sei, die Mutter eine tüchtige, sparsame Hausfrau, und daß die auch unter sich nicht harmonierenden Brüder den »studierten« Bruder stets mit Eifersucht gequält hätten. Man fühlte aus seinen Worten deutlich heraus, daß er für seine Angehörigen statt Zuneigung oder Anhänglichkeit nur eine gewisse hochmütige Verachtung empfand. Zugleich schien er sich nicht wenig darüber zu wundern, daß sein Onkel, der doch schon so lange von der Heimat losgelöst war, sich überhaupt noch für das Schicksal seiner Verwandten interessierte.

»Aus all dem schließe ich, daß du ihnen nicht gleichst?« sagte Clarencé mit einem Anflug von Spott, der dem mit Zerlegen einer Hummerschere beschäftigten Jacques vollständig entging.

»Allerdings nicht,« antwortete er; »unter ihnen war ich der einzige meiner Art.«

»Welches ist nun aber die bessere Art?«

Diesmal jedoch begriff der junge Mann. Sofort ließ er seinen Hummer im Stich und setzte sich in Verteidigungszustand.

»Welches die bessere ist, weiß ich nicht, jedenfalls ist meine Art anders als die ihrige.«

»Nun denn, so sprich mir jetzt wenigstens von dir im einzelnen, nachdem du mich über deine Angehörigen nur im allgemeinen aufgeklärt hast.«

Jacques gehörte nicht zu denjenigen, die Spott ertragen können.

»Von mir?« fragte er, scharf auf seiner Hut bleibend, »was soll ich dir da erzählen?«

»Nun, so fahre da fort, wo du gestern aufgehört hast.«

Der junge Mann hatte eine mißtrauische, verschlossene Miene angenommen. Allein er mochte sich schließlich doch wohl sagen, daß es unter allen Umständen am klügsten für ihn sei, sich mit seinem Onkel auf freundschaftlichen Fuß zu stellen, und so begann er mit gut gespielter Offenherzigkeit, zuerst langsam, dann immer lebhafter werdend, von seiner Schulzeit zu erzählen.

»Ich hatte mir vorgenommen, immer der Erste in meiner Klasse zu sein, und so war ich es auch. Natürlich mußte ich tüchtig büffeln, um es so weit zu bringen, denn die in einer Dorfschule gemachten Vorstudien sind bekanntlich nicht glänzend, das weißt du ja selbst. Ich liebe jedoch die Arbeit an und für sich, denn nichts ist mir so sehr verhaßt als ein faules Herumbummeln, Ich liebe sie aber auch als Mittel zum Herrschen und Siegen, als eine Waffe, einen Hebel. Mir kam schon oft der Gedanke, daß für meine Altersgenossen die Universität jetzt die gleiche Bedeutung hat wie die Kriegsschule zur Zeit Napoleons: sie führt zu Glanz und Ruhm, Kluge Männer sind heutzutage ebensosehr die Herren der Welt, als es die Soldaten zu jener großen Zeit der großen Kriege waren.«

Clarencé mußte über den Eifer seines Neffen lächeln.

»Täuschest du dich nicht am Ende um zehn bis fünfzehn Jahre?« fragte er.

Jacques verstand nicht sogleich.

»Um fünfzehn Jahre? Wieso?«

»Schau dich nur einmal um. Zähle, wenn du kannst, das Heer der jungen Leute, die auf den gleichen Erfolg rechnen wie du. Erschreckt dich ihre unendliche Zahl nicht?«

»Ha, wenn man sich durch die Konkurrenz beunruhigen lassen wollte!« rief Jacques voll kühnen Mutes.

»Glaubst du denn nicht, daß auch für die Helden der Feder, von denen man seit einem halben Jahrhundert so viel erwartet, eine Zeit kommen könnte, wo es ihnen geht wie jenen jungen zwanzigjährigen Offizieren, die hofften, mit dreißig Jahren General zu sein, und die nach Napoleons Verschwinden froh sein mußten, wenn sie im Alter mit dem Charakter eines Obersts in den Ruhestand treten durften. Hast du niemals an die Unmenge nutzloser Bücher gedacht, die sich in den Magazinen der Verleger anhäufen – an all die Arbeit, die Hoffnungen und Enttäuschungen, die sich an sie knüpfen? An den geringen Wert, den sie für die Zukunft haben?«

»Was für einen geheimnisvollen Grund mag er haben,« fragte sich der stets mißtrauische Jacques, »mich so zu entmutigen? Fürchtet er, mir beistehen zu müssen, oder will er am Ende nicht, daß es einen Kollegen gibt, der seinen Namen trägt?«

Zwischen diesen beiden Vermutungen schwankend, antwortete er unerschrocken: »Nein, an so etwas denke ich nicht. Man käme auch nicht weit, wollte man immer nur die Hindernisse vor Augen haben. Wohl weiß ich, daß unser Beruf überfüllt ist, aber wenn auch die Mehrzahl der jungen Streber zu Grunde geht, so werden doch einige, die, mit Talent ausgerüstet, ihren Weg begonnen und dem Kampfe standgehalten haben, den Gipfel des Ruhmes erreichen.«

»Ein junger Mann aber,« fiel Clarencé ihm lebhaft ins Wort, »der diesen Weg betreten will, darf dies doch nicht nur mit der Absicht tun, den täglich wachsenden Haufen von Büchern durch einige weitere Romane zu vergrößern. Ein unbesiegbarer innerer Drang muß ihn treiben, die in ihm lebenden Wahrheiten und Ansichten der Welt kundzutun. Nur dann haben wir das Recht, in unsern Werken zu den Menschen zu sprechen. Und du, mein Junge, der du von deinen Bergen herabsteigst, um dich kühnen Mutes in unsre Großstadt zu stürzen, sage mir, was für Wahrheiten bringst du uns?«

»Ich bin wenigstens von dem Wunsche beseelt, sie mit der Feder in der Hand zu suchen.«

»Wirklich?«

Clarencés offener, durchdringender Blick ruhte auf dem jungen Manne, der ihn zuerst verwegen aushielt, dann aber doch errötend die Augen niederschlug.

»Siehst du wohl,« fuhr Clarencé fort, »du willst die Zahl der Schriftsteller nur vergrößern, um Ehre und Vorteil für dich selbst daraus zu ziehen. Dabei bezweifle ich nicht, daß du die schönen Wissenschaften liebst, o nein, ich bin sogar davon überzeugt! aber nicht ein innerer Beruf führt dich zu uns, du willst einfach Schriftsteller werden, so wie ein andrer sich zum Beispiel zur Laufbahn eines Ingenieurs entschließt.«

Einem jungen Kampfhahn gleich richtete sich Jacques auf.

»Erlaube mir, lieber Onkel,« sagte er, »daß ich dir ganz offen antworte. Als du damals nach Paris kamst, so wie ich jetzt, als Neuling, warst du da mit den notwendigen Wahrheiten ausgerüstet?« Er zögerte einen Augenblick – jedoch nur so lange, bis er sich überlegt hatte, wie seine Worte wohl aufgenommen würden – dann fuhr er unerschrocken fort: »Wie verhalt es sich mit deinem neuesten Werke, mit dieser »Löwenbraut«, der ich neulich Beifall geklatscht habe? Daß es ein wundervolles Drama ist, steht außer Zweifel, immer wieder hörte ich um mich her und zwar von den schärfsten Kritikern das Wort ›Meisterwerk‹ aussprechen. Aber trotz allem, ist es denn etwas andres, als die Schilderung der Liebe und Leidenschaft? Hat das Stück seine Existenzberechtigung nicht vor allem durch die künstlerische Vollendung seines Aufbaus und durch seine Poesie?«

Nun war Clarencé an der Reihe, in Verwirrung zu geraten, denn Jacques' Worte trafen ihn an seiner empfindlichsten Stelle, und diese Verwirrung verfehlte nicht, den kühnen Gegner mit stolzer Siegesfreude zu erfüllen.

»Du hast recht,« sagte Clarencé endlich, »mein Werk stimmt mit meinen Worten nicht überein, das weiß ich wohl. Aber darauf kommt es jetzt nicht an, es handelt sich weder um mich, noch um einstens, sondern um dich und um deine Zukunft. Wer konnte vor zwanzig Jahren, als ich meine schriftstellerischen Versuche machte, etwas von der Krisis ahnen, in der wir uns jetzt befinden? Damals gab es noch Raum für den Dilettantismus, und man ahnte noch nicht, wohin er uns führen würde. Denke also jetzt nicht an meine Werke, sondern an meine Worte. Der Schriftsteller in mir mag sich getäuscht haben, der Mensch aber sieht klar in dieser Stunde, ihm mußt du glauben.«

Jacques, dessen Mißtrauen noch immer nicht besiegt war, überlegte. Seine Lippen bewegten sich, als habe er schon eine Antwort bereit, allein er hielt sie zurück und begnügte sich mit einem vielsagenden Lächeln, Clarencé aber, der ihn aufmerksam beobachtete, entging dieses Mienenspiel nicht.

»Du denkst etwas, das du nicht zu sagen wagst,« sagte er. »Sprich nur ohne Scheu, ich werde dir deine Offenheit niemals übelnehmen.«

»Ach, etwas sehr Schlimmes war es nicht, lieber Onkel,« sagte er in spöttischem Tone. »Ich dachte nur, daß du wie ein bekehrter Don Juan redest, der Enthaltsamkeit predigt. Du sprichst dem Talent ein hartes Urteil. Hat es dir denn aber nicht alles gegeben, was du nur von ihm erwarten konntest, Reichtum, und vor allem die Freude, es zu entfalten? Verdankst du ihm nicht das Glück deines Lebens?«

»Das Glück!«

Tief melancholisch war der Ton, in dem Clarencé dieses rätselhafte Wort wiederholte. »Das Glück! Gibt es überhaupt einen Beruf, der uns glücklich zu machen im stande wäre? Bildest du dir vielleicht ein, daß es sich an den Erfolg oder an erworbene Reichtümer knüpft?«

»Jedenfalls,« fügte Jacques sich in dem behaglichen Raume umsehend, voll innerster Überzeugung, »scheint es mir, als ob du, lieber Onkel, doch alles erreicht hättest, was sich ein Mensch nur wünschen kann.«

Clarencé, der Jacques' Gedanken erriet, antwortete langsam: »Den Wohlstand oder Luxus, den wir unsern Werken verdanken, den siehst du wohl, die Schmerzen und innern Kämpfe aber, die sich daran knüpfen, von denen hast du keine Ahnung, kannst sie nicht haben. Einen Begriff davon bekommt man erst nach Jahren heißer Arbeit, Sie entwickelt in uns die gefährlichste aller Fähigkeiten, die Phantasie, ja, sie entwickelt sie bis zu einem solch hohen Grade, daß wir sie schließlich nicht mehr zu bemeistern vermögen. Ach, du weißt nicht, was für ein Folterwerkzeug sie dann für uns wird, und welch hohen Preis sie für die Gaben von uns fordert, die sie uns geschenkt hat! Da wir nun aber durch die Schöpfungen unsrer Phantasie in dem Bereich unsrer Dichtungen festgehalten werden, so bildet sich allmählich eine überreizte Empfindsamkeit in uns aus, die uns das klare Urteil über die menschlichen Verhältnisse trübt. Sind uns die Verheerungen, die unsre Phantasie an uns selbst angerichtet hat, dann einmal zum Bewußtsein gekommen, so fragen wir uns unwillkürlich, was für eine Wirkung wir auf die große Menge unerfahrener Leser und Zuhörer erzielt haben, Zweifel steigen plötzlich in uns auf: Waren es am Ende Giftkörner, die wir unter die harmlos vertrauenden Menschen ausstreuten? O, wenn du wüßtest, wie bitter ein solcher Zweifel ist! Wenn du wüßtest, wie er uns den bescheidenen, flüchtig errungenen Ruhm verkümmert!«

Mit gesenktem Blick hörte Jacques zu, indem er dachte: »Ob er es wohl aufrichtig meint? Wenn nicht, dann ist er bei Gott ein noch besserer Schauspieler als die Darsteller seines Stückes.«

»Wir Alten freilich,« fuhr Clarencé fort, »wir können uns nicht mehr ändern, denn wir sind nun schon mit unserm eigenen Gifte durchtränkt. Bei euch aber, den Beherrschern der Zukunft, da ist es etwas andres. Was für eine trügerische Macht lockt euch in unsre Fußstapfen? Ihr seid Bauern. Warum verlaßt ihr eure väterliche Scholle? Oder wenn ihr sie zu eng und klein findet, warum bevölkert ihr nicht die neuen Weltteile, ihr, die ihr doch Hacke und Spaten zu handhaben versteht? Glaube mir, die wahre Unabhängigkeit und Freiheit – das Glück – wenn wir an diesem Worte festhalten wollen – uns Schriftstellern wird es nicht zu teil. Glück liegt nur im bescheidenen Genügen, in einem mit nutzbringender, gesunder Arbeit gewürzten Lebenslose.«

Solche Ansichten waren Jacques' Natur, seinem eroberungslustigen Geiste und seinem festen Vorsatze, dem väterlichen Stande zu entrinnen, indes zu sehr zuwider, als daß sie Eindruck auf ihn gemacht hätten, auch hörte er schon seit einiger Zeit nur mit halbem Ohre zu. Da er aber sowohl zu klug war, um energisch zu widersprechen, als auch zu stolz, um nachzugeben, so begnügte er sich damit, zu antworten: »Jeder muß eben im Kampf ums Dasein die Waffen gebrauchen, die ihm am besten zu passen scheinen. Du hast das getan, lieber Onkel, und Erfolg war dein Lohn. Warum soll ich nicht auch wie du, den Versuch machen?«

»Das Unglück ist nur,« sagte Clarencé, »daß du das Leben als eine zu gewinnende Schlacht ansiehst, während es doch nur eine unschädliche Tätigkeit, oder besser eine wohltätige Pflicht sein soll.«

In ernstem Tone, den Blick fest auf seinen Neffen gerichtet, sprach er diese Worte, in denen die Erfahrung seines Lebens gipfelte. Allein Jacques war zwanzig Jahre alt: wie hätte er sie verstehen sollen?


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