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Fünftes Kapitel.

Die folgenden Tage brachten für Clarencé nur schmerzliche Eindrücke, die ihn immer wieder in den Kreis des Jammers hineinzogen, der Célines Selbstmord gefolgt war. Die dumpfe Verzweiflung der Eltern, die tiefe Niedergeschlagenheit Lauriers, der sich widerstandslos seinem Schmerze überließ, der stolzere, wenn auch nicht weniger schwere Kummer Jeannes, die ihre ganze Kraft einsetzte, um vielleicht noch einige Trümmer ihres Glückes zu retten – all diese Seelenschmerzen hatte er stündlich vor Augen, denn er verließ die armen Menschen nur, um in die Theaterproben zur »Löwenbraut« zu eilen. Allein er war außer stande, ihnen mit Aufmerksamkeit zu folgen. Noch erfüllt von dem wirklichen Leid, das er mit durchlebte, erschien ihm sein künstliches Gebäude von Schmerz und Unglück immer schaler und erbärmlicher.

Nun endlich war Céline zur ewigen Ruhe gebettet, und Clarencé hatte seinen Freund auch auf diesem schweren Gange begleitet. Wie gern hätte er den auf der Rückfahrt vom Friedhof wie bewußtlos neben ihm Sitzenden getröstet, aber er fand keine Worte. Ja, hätte er diese Szene in einem seiner Stücke niederschreiben müssen, dann wäre seiner Feder sicherlich ein Zwiegespräch entströmt, das viele gerührt hätte; da er nun aber selbst handelnd dabei war, fühlte er die Machtlosigkeit der Worte, und nur schweigend vermochte er die Hand seines Freundes zu drücken. Noch nicht ein Wort hatten sie gewechselt, als der Wagen vor dem Hause in der Avenue Kléber hielt.

»Du steigst jetzt doch hier aus?« fragte Clarencé.

»Ja,« antwortete Laurier.

»Soll ich mit hinaufkommen?«

»Wie du willst.«

Clarencé öffnete ihm oben die Türe und sah ihn schluchzend in Jeannes Arme stürzen, die ihn mit der kleinen Paula erwartet hatte. Erschreckt über diesen wortlosen Schmerzensausbruch entfloh die Kleine, während Jeanne ihren Gatten lange liebevoll umfangen hielt und sanft, ohne ein Wort zu sprechen, ihre Lippen auf seine Stirne drückte, bis er sich beruhigt hatte. Dann führte sie ihn wie einen Kranken mit sich fort, nachdem sie den Freund mit einem traurig lächelnden Blick verabschiedet hatte. –

Die letzten Tage war Clarencé nur wenig mit Claudine zusammengekommen. Aber obwohl sie ihn nicht recht verstand und nur tief bekümmert, sogar etwas gekränkt war über all das Fremde, das plötzlich bei ihrem Freunde zu Tage trat, so drängte es ihn doch wieder in ihre Nähe und zu einer Aussprache mit ihr. Fast unwillkürlich stellte er sich, während er die Richtung nach ihrer Wohnung einschlug, die Frage: »Ob sie es jetzt wohl über sich vermögen wird, mich, der ich ihr nichts Böses getan habe, ebenso liebevoll und nachsichtig an ihr Herz zu ziehen, wie es diese kleine, schwer beleidigte Jeanne mit ihrem Gatten getan hat?« Aber ach, die Worte, mit denen sie ihn empfing, verschärften nur die zwischen den beiden bestehende Mißstimmung. In Claudines schönen Augen las er weder etwas von dem Mitleiden, noch von der Teilnahme, wonach er wie nach einem heilsamen Balsam lechzte. Und als er ihr von neuem den Kummer der Unglücklichen und seine eigenen schmerzlichen Gefühle zu schildern versuchte, da sprach sie wohl ihr herzliches Bedauern aus, verfehlte indes nicht, auch Worte der Ermahnung daran zu knüpfen, die ihn verletzten.

»Ich begreife wohl, wie nahe dir das alles gehen muß,« sagte sie, »aber ich wünschte zugleich, du möchtest deine trübe Stimmung nun überwinden. Man muß den Wechselfällen des Lebens mutig die Stirne bieten, so hart sie uns auch treffen mögen. Glaubst du nicht, daß du deinem Freunde, dem du doch helfen möchtest, von weit größerem Nutzen sein könntest, wenn du ihm mit gutem Beispiel vorangingest und dich mit Kraft und Energie zu wappnen suchtest? Dessen bedarf er jetzt vor allem.«

»O, er hat ja seine bewundernswerte Frau, die ihm verziehen hat. Wenn du gesehen hattest, wie er weinend in ihren Armen lag!«

Claudine hatte Jeanne, die sie übrigens kaum kannte, stets für ein unbedeutendes Frauchen gehalten, das ohne viel Einfluß auf ihre Umgebung gleichmütig dahinlebte.

»Nun denn,« sagte sie mit einem Anflug von Spott, »so wird ihn seine Frau schon wieder trösten. Die Zeit heilt alle Wunden, mein lieber Freund, und, wie man zu sagen pflegt, nur die Toten kommen nicht wieder.«

Sie dachte dabei an jene andre, aus dem Leben Geschiedene, von der schon fast niemand mehr sprach, als wolle man sie dafür strafen, daß sie es gewagt hatte, den Frieden eines vom Gesetze sanktionierten Glückes getrübt zu haben. Plötzlich aber fuhr Claudine in verändertem, sanftem Tone fort: »Noch einmal, lieber Freund, schüttle die Traurigkeit ab und verweile nicht bei Dingen, die nicht mehr zu ändern sind. Was vergangen ist, ist vergangen, Gegenwart und Zukunft verlangen ihr Recht. Bedenke, was die nächsten Tage alles von dir fordern werden!«

»O schweig!« rief Clarencé. »Sprich mir nicht von jenem Werke, das ich am liebsten vernichten möchte! Ich wollte, ich hätte es niemals geschrieben!«

Mütterlich liebevoll lächelte sie.

»Gottlob, daß dies nicht mehr möglich ist! Und bald, so hoffe ich, wirst auch du deine Ansicht geändert haben.«

Am darauffolgenden Tage fand die schon lange als wichtigstes literarisches Ereignis der Saison angekündigte erste Aufführung der »Löwenbraut« statt, der eine außergewöhnlich begeisterte Aufnahme zu teil wurde. Allein neben diesem Drama, dem das Publikum in atemloser Spannung folgte, spielte sich an diesem denkwürdigen Abend noch ein zweites ab, von dem niemand im Saale eine Ahnung hatte, und dessen Schauplatz sich auf die kleine Loge beschrankte, in der Frau Bréant und Clarencé den Ereignissen des Abends anwohnten. Es war der stumme, aber tiefernste Kampf zwischen zwei miteinander ringenden Seelen, den sie vor jedermann, ja fast vor sich selbst geheim hielten. –

Claudine war durchaus nicht blasiert, sie konnte im Gegenteil so ganz in einem Schauspiel, welcher Art es auch sein mochte, aufgehen, es so vollkommen mit durchleben, daß Clarencé sie häufig darüber neckte. Auch an diesem Abend wurde sie, obwohl mit jeder Einzelheit des Stückes vertraut, bald von dem Zauber hingerissen, mit dem ihr Freund seine Liebesgestalten zu umweben verstand. In die Rührung, die sie mit allen im Haus teilte, mischte sich bei ihr aber noch ein ganz besonderes Gefühl. Verdankte dieses Trauerspiel sein Dasein nicht ein wenig auch ihr? War nicht die Macht der Liebe, die da auf der Bühne geschildert wurde, ein Abbild der ihrigen? Aus jedem Worte fand sie dies heraus, ja, sie erkannte in der Heldin sogar gewisse Charakterzüge, die ihr selbst eigen, die aber so zartfühlend eingeflochten waren, daß andre sie nicht entdecken konnten. So schmeichelhaft waren diese sein abgelauschten Züge, daß sie sich unwillkürlich nach ihrem Freund umwandte und murmelte: »Aber das bin ja ich – das sind doch wir beide!«

Ein zärtlicher Ausdruck im zweiten Akt stammte von ihr, Clarencé hatte ihn von ihren Lippen genommen und in sein Werk verpflanzt wie einen Kuß, dessen Süßigkeit sich durch ein Wunder verewigte. So war sie also doch noch immer das einzige Vorbild des geliebten Meisters, noch war er nicht müde, in ihrer Seele zu forschen, sie blieb die lebendige Quelle, aus der sein Genius schöpfte.

Allein noch hatte sie sich diesem beglückenden Gefühle nicht ganz hingegeben, als ihr wieder die Erinnerung an die am Abend vorher ausgesprochenen Worte Clarencés durch den Kopf schoß: »Mein Werk! Ich möchte es am liebsten vernichten – ich wollte, ich hatte es niemals geschrieben!«

Gestern hatte sie diesen Ausspruch noch für eine momentane Laune angesehen, jetzt aber fühlte sie plötzlich, daß diese grausamen Worte das Werk bis in seinen tiefsten Grund trafen, und daß auch sie selbst ihren Teil an der Verwünschung haben müsse.

Eben endigte der zweite Akt unter brausenden Beifallsstürmen. Claudine wandte sich nach Clarencé um, dieser aber hatte sich bereits leise, ohne ein Wort zu sagen, entfernt und sich ins Foyer begeben. Erst nachdem der Vorhang wieder in die Hohe gezogen war, kehrte er zurück.

Heimlich, mit neu erwachender Hoffnung beobachtete sie ihn. Der glänzende Erfolg, der rauschende Beifall, sie mußten doch allmählich sein Herz höher schlagen machen, ihn den törichten Grillen entreißen? Doch nein. Schweigend setzte sich Clarencé auf seinen Platz, als gehe ihn das Stück überhaupt nichts an, und so oft Claudine auch nach ihm hinsah, immer starrte er mit gerunzelter Stirne gleichgültig vor sich hin.

»Was hast du denn?« fragte sie ihn endlich. »Man könnte glauben, du seiest gar nicht hier mit deinen Gedanken.«

»Ich? Was fällt dir ein? – Die Sache läuft ja famos, ich bin sehr zufrieden.«

Doch der Ton seiner Stimme strafte die Worte Lügen.

Claudine bestrebte sich, ihre Aufmerksamkeit wieder dem Stücke zuzuwenden, dem das Publikum mit immer wärmerem Interesse folgte. Allein sie war es nicht im stande. Voll Unruhe und Besorgnis drehte sie sich immer wieder nach ihrem Freunde um, der ihre Blicke mit einem Lächeln erwiderte, das im Grunde keines war, und auf ihre Fragen nur nichtssagende Antworten hatte. Die sichtliche Anstrengung, seine Stimmung vor ihr zu verbergen, ängstigte sie immer mehr. Warum hatte er kein Vertrauen mehr zu ihr?

Endlich glaubte sie ein Mittel gefunden zu haben, seine Aufmerksamkeit in den Zuschauerraum zu lenken.

»Viktor Delambre ist auch hier, dort drüben in der Loge des Direktors. Wußtest du es? Sieh nur, wie er klatscht!«

Dabei zeigte sie mit dem geschlossenen Fächer auf den schonen, stolzen Kopf des alten Meisters mit dem kühnen, blendendweißen Schnurrbart und dem üppigen, silberglänzenden Haare, dessen ehrwürdige Gestalt so recht das Spiegelbild einer kraftvollen und zugleich zart empfindenden Seele war. Clarencé schätzte und bewunderte ihn ungemein und gab viel auf sein Urteil, trotzdem begnügte er sich jetzt, nachlässig zu wiederholen: »Ja, ja, richtig, er ist hier.«

Der Beifall wuchs. Man fühlte es förmlich, wie er die Versammlung durchzitterte. Claudine aber wurde es immer schwerer ums Herz.

Während des dritten Zwischenaktes wurde Clarencé im Foyer von den freudig erregten Darstellern seines Stückes umringt, die ihm stürmisch die Hände drückten, ihn umarmten und beglückwünschten, während Ausrufe wie die folgenden an sein Ohr schlugen: »Ein glücklicher Treffer!« – »Zweihundert Vorstellungen, was?« – »O ja, zum mindesten.« – »Die andern Autoren können sich jetzt mit Geduld wappnen!«

Merton, der sich auch unter der Menge der Bewunderer befand, gelang es endlich, in Clarencés Nähe zu gelangen. »Ach, verehrter Meister, wie oft denke ich an unsre Unterhaltung!«

»Vergessen Sie sie lieber.«

»Nein, nein, sie verfolgt mich.«

Was wollte er damit sagen? Waren Clarencés Worte auf guten Boden gefallen?

»Besuchen Sie mich gelegentlich wieder, aber nicht als Reporter, wir plaudern dann zusammen.«

»Haben Sie Dank, verehrter Meister!«

Auch Jacques hatte sich ins Foyer gedrängt. Prüfend betrachtete er all die vielen berühmten Leute, die ihm indes durchaus keine besondere Verehrung einflößten. Auch das Stück selbst fand er in seinem tiefsten Innern überspannt und altmodisch, trotzdem gab er sich alle Mühe, ein begeistertes Gesicht zu machen, und als er seinen Onkel erreicht hatte, schüttelte er ihm die Hand, indem er mit der ganzen Wärme, deren seine hohe Fistelstimme fähig war, rief: »Herrlich, wunderbar! Ich bin stolz, fast als ob es mich selbst anginge.«

»Der kann ruhig Liebesdramen mit ansehen, ohne eine Ansteckung befürchten zu müssen,« sagte Clarencé zu sich selbst.

Jacques räumte jetzt Delambre den Platz, der, ungebeugt von der Last seiner fünfundsiebzig Jahre, klaren Auges und elastischen Schrittes mit ausgestreckter Hand auf Clarencé zukam. »Ich gratuliere, mein Freund! Wie viel hätte ich Ihnen zu sagen! – Werden Sie sich nachher dem gemeinschaftlichen Essen anschließen?«

»Nein, ich bin zu müde, ich gehe lieber nach Hause.«

»Wollen wir wenigstens den Heimweg zusammen machen? Dann können wir noch ein bißchen plaudern.«

Währenddessen drängte sich in Claudines Loge die Schar der begeisterten Freunde, die, jeder auf seine Weise, ihrer Bewunderung Ausdruck gaben. Sie alle waren darin einig, daß Clarencé mit der »Löwenbraut« ein Meisterwerk geschaffen hatte. Ihre stolze Siegesgewißheit gab auch Claudine etwas von ihrem Vertrauen zurück. »Auch er muß doch schließlich,« so dachte sie, »von dem Taumel der Begeisterung ergriffen werden, denn wie könnte ein Sieger seinem eigenen Triumphe gegenüber kalt bleiben!« Beruhigt, fast glücklich gab sie sich wieder ganz dem Schlußakte des sich nun rasch abwickelnden Dramas hin, von dem ein glühender Hauch mächtiger, unwiderstehlicher Leidenschaft ausströmte.

»Ach, mein Freund, nie vorher habe ich die ganze Erhabenheit dieser Liebes- und Sterbeszenen so tief empfunden als jetzt.« Da sie indes nicht wagte, ein noch höheres Lob auszusprechen, so sagte sie nur, zum ersten Male in ängstlichem Tone: »Du hast das Beste deines Selbsts hineingelegt, dein ganzes heißes Herz – es macht dich im wahren Sinne des Wortes zum großen Manne, zum Dichter.«

Gerne hätte sie noch etwas Vertraulicheres hinzugefügt, zum Beispiel: »Und das kommt daher, weil du selbst so warm zu lieben verstehst.« Allein ihr Auge traf Clarencés Blick, der eine solche Herzensangst ausdrückte, daß ihr die Worte auf den Lippen erstarben.

Einige Minuten später beugte er sich zu ihr herunter – ob es wohl die ersehnte Antwort war?

»Verzeih, wenn ich dich jetzt verlasse,« sagte er. »Du weißt, daß diese Tage die einzigen sind, wo ich dir nicht ganz angehören kann.«

Noch nie hatte sie glühender gewünscht, ihn für sich allein zu haben, ihn trösten und beruhigen zu können, als zu dieser Stunde, trotzdem aber antwortete sie ruhig: »Ja, gehe nur, mein Freund.«

Und er entfernte sich, ohne die Träne zu sehen, die sie aus ihren Augen wischte. –

Nun war die Heißgeliebte unter dem Dolchstoß einer wilden, fanatischen Liebe gefallen, und starres Entsetzen hielt die Versammlung einen Augenblick gefangen, dann aber brach sich die Begeisterung Bahn, wie immer, wenn ein gewaltiger Dichter die Stimmen der Leidenschaft entfesselt hat. Claudine allein beteiligte sich nicht daran. Mit fest geschlossenen Lippen und bebendem Herzen saß sie in dumpfem Schrecken und banger Ahnung wie erstarrt auf ihrem Platze. Sie mochten klatschen, rufen und schreien um sie her, sie hörte sie nicht. Denn über diese begeisterte Menge hinweg sah sie den bodenlosen Abgrund vor sich, in den finstere Machte den Menschen dann und wann hineintreiben.

Wieder und wieder ertönte jetzt der Name des Dichters, die Bravorufe verdoppelten sich, und in den Pausen, während die Hände ausruhten, machte man sich gegenseitig auf Delambre aufmerksam, der, weit über die Logenbrüstung gebeugt, mit jugendlichem Feuer Beifall klatschte. Da es aber gewöhnlich nicht seine Art war, seine Bewunderung so auffallend kundzutun, gab es manche, die diese Begeisterung boshaft auslegten.

»Unserm alten Delambre mag es heute trotz allem ein bißchen unbehaglich zu Mut sein, denn seine Alleinherrschaft in diesem Theater hat nun eben doch aufgehört.«

»Wer weiß, ob er nicht gerade deshalb so eifrig klatscht,« sagte ein andrer.

»Pfui, schweigen Sie, Er gehört zu den wenigen, die über dem Neide stehen.«

»Es gibt überhaupt niemand, der über dem Neide steht.«

Derjenige, der diesen hübschen Ausspruch getan hatte, wäre höchlichst überrascht gewesen, wenn er eine halbe Stunde später, nachdem die stürmischen Gratulationen im Foyer verrauscht waren, Clarencé mit Delambre das Theater hätte verlassen sehen.

»Machen wir uns noch ein wenig Bewegung, wenn es Ihnen recht ist,« sagte der ruhmgekrönte Altmeister, indem er freundschaftlich den Arm seines jungen Kollegen ergriff. »Es ist eine schöne Nacht, und nach den Gemütsbewegungen, in die Sie uns versetzt haben, bedarf man der frischen Luft.«

Trotz seiner fünfundsiebzig Jahre war seine Haltung aufrecht, sein Gang jugendlich elastisch. Mit einem herrlichen, von Glanz und Heiterkeit strahlenden Abend war dieses Greisenalter zu vergleichen, und niemand vermochte sich der ehrwürdigen Gestalt zu nähern, ohne die tiefste Sympathie für ihn zu empfinden.

Die beiden Männer gingen zuerst schweigend die Boulevards entlang. Dann begann Delambre: »Das war ein schöner Abend für Sie, mein Freund. Solche Augenblicke sind reicher Lohn für alle Arbeit und Mühe. Sie haben ein großartiges, Wahrheit atmendes Werk geschaffen – ein Meisterwerk, das ist das richtige Wort. Und Sie sind verstanden worden. Eine höhere Freude und Genugtuung gibt es nicht in unsrer Laufbahn.«

Vielleicht dachte Delambre an die Kämpfe seiner Jugend, die nicht alle mit Sieg gekrönt worden waren, und an seine ersten Stücke, von denen manche zehn Jahre gebraucht hatten, bis sie vom Publikum günstig aufgenommen wurden.

»Ja,« antwortete Clarencé, »es war ein erfolgreicher Abend. Ich bin zufrieden.« Es lag ein gewisses Zögern in seinem Tone, das seinem Gefährten nicht entging.

»Ei, wie Sie das sagen, so ohne Freude, ohne Begeisterung! Da war ich anders! Wenn meine Premieren Erfolg hatten, da strömte mein Herz über vor Glück. Jubeln, tanzen, springen mußte ich wie ein Kind.«

Als Clarencé schwieg, fuhr Delambre in liebevollem Tone fort: »Ich habe Sie beobachtet heute abend. Sie sahen ganz mißtrauisch aus, als fürchteten Sie, man errate Ihre Gedanken. Hier aber kann uns niemand hören, und es ist auch keine Gefahr, daß Ihre Worte morgen anders ausgelegt werden könnten, als Ihnen lieb ist. Ich bin Ihr Freund, ich ehre und bewundere Ihre Kunst. Noch bin ich ganz erfüllt von Ihrem Werke, und doch sehe ich, daß Sie etwas auf dem Herzen haben. Darf ich es nicht wissen?«

Er schwieg einen Augenblick, dann fügte er mit bewegter Stimme hinzu: »Verzeihen Sie mir meine Unbescheidenheit, allein meine Zuneigung, meine Bewunderung für Sie treibt mich dazu.«

Gerührt von dieser herzlichen Teilnahme, die ihm so ganz zur rechten Stunde entgegengebracht wurde, antwortete Clarencé: »Sie täuschen sich nicht, verehrter Meister, der heutige Erfolg beglückt mich nicht. Wem aber möchte ich wohl lieber mein Herz ausschütten als Ihnen? Wer könnte mich besser beruhigen – wenn dies überhaupt möglich wäre – als Sie? Sie sind ja der Stolz unsres Standes, Sie haben Lebenserfahrung und Verständnis für das, was die Seelen bewegt.«

Er hielt einen Augenblick nachdenklich inne und fuhr dann fort: »Nein, dieser Erfolg hat mich nicht beglückt – ach, wo ist sie hin die Zeit, wo der Beifall der Menge mir als das höchste, wünschenswerteste Gut erschien? In solchem Verlangen und Streben, da geht es dem Künstler und Dichter wie den Goldgräbern und Millionenspekulanten, er hört und sieht kaum mehr etwas andres. Ist der Traum aber erfüllt, ja, dann steht man wohl sinnend still und prüft das Werk, das man ins Leben gerufen hat. Bei solcher Prüfung steigen dann Bedenken in uns auf. Die Kritiker loben das Werk, das Publikum klatscht Beifall, die pekuniären Einnahmen wachsen, die Direktoren verlangen nach neuen Produkten – alles umsonst. Man sagt sich wohl, ich habe ein Werk geschaffen, das das Interesse des Publikums erregt hat, wer weiß, vielleicht überlebt es mich sogar. Jedenfalls übt es in diesem Augenblick und vielleicht auch noch nach Jahren einen Einfluß auf die Menschen aus, es wirkt auf das Empfindungsvermögen der Jugend, der jungen Mädchen –«

Ein Zittern ging bei diesen letzten Worten durch Clarencés Stimme, so daß Delambre, die Gedanken seines jungen Freundes erratend, plötzlich stehen blieb. Dieser fuhr fort: »Was für einen Wert aber hat ein solcher Einfluß? Treibt er die harmlosen Menschen, die ihm unterliegen, zum Guten, oder zum Bösen? Ja, ja, ich gebrauche absichtlich diese aus der Mode gekommenen Worte. Ist es ein guter Samen, den wir ausstreuen? Bringt er eine nützliche Frucht hervor, oder vielmehr eine Giftpflanze? Das frage ich mich, lieber Meister. Diese Fragen waren es, die mich den ganzen Abend verfolgt haben. Können Sie mir darauf antworten?«

Unbeweglich, mit gespannter Aufmerksamkeit hatte Delambre ihm zugehört. Endlich antwortete er, langsamen Schrittes weitergehend: »Aber, mein lieber Freund, wie können Sie sich von derartigen Skrupeln quälen lassen! Sie wären berechtigt bei solchen, deren Werke niedrige Instinkte wecken und nähren. Sie aber, dessen edles Streben so klar auf der Hand liegt, Sie, bei dem jedes Wort, das Sie niedergeschrieben haben, durchaus empfunden ist, Sie, der Sie so aufrichtig nach der Wahrheit streben – offen gestanden, es wird mir schwer, Ihre Bedenken zu verstehen.« Das Thema ändernd, fuhr er mit gutmütiger Offenherzigkeit fort: »Auch ich habe unruhige, irrende Seelen geschildert und auch meine Werke haben Einfluß auf die Menschen ausgeübt – sie tun es vielleicht noch. Allein die Frage, die Sie da eben an mich richteten, ist mir niemals in den Sinn gekommen.«

»O bei Ihnen, lieber Meister, da ist es auch etwas ganz andres.«

»Warum bei mir?«

»Weil Ihre Werke Kraft, Gerechtigkeit und Mut predigen, Ihre Helden sind wohl fein und zart empfindende Wesen, aber niemals Schwächlinge; sie zaudern manchmal am Scheidewege, aber nur, um desto sicherern Schrittes in den guten Pfad einzubiegen. Ruhigen Gewissens und fröhlichen Gemüts können Sie Ihre Werke den jetzigen und den kommenden Geschlechtern vorführen und zum Publikum sagen: ›Tue desgleichen‹«

»Ist man denn der tiefen Bedeutung und Wirkung dessen, was man schreibt, jemals ganz sicher?« erwiderte Delambre nachdenklich. »Vermag man sich immer gewissenhaft Rechenschaft über die Gedanken zu geben, die unsern Sinn durchkreuzen! Will man diese Gedanken aber vollends den Geschöpfen seiner Phantasie einimpfen, so geraten wir auf eine schwierige Bahn, denn das Charakterbild jener erdichteten Wesen hängt teilweise von der Auffassung jedes einzelnen Individuums ab. Aber die Männer Ihrer Generation haben eine unruhvolle Seele und einen unschlüssigen, leicht beirrten Geist, zweiflerische Grübler sind es. Die Männer meines Zeitalters dagegen, die waren – ich spreche in der Vergangenheit, da nicht mehr viele von ihnen leben – ja, wir waren gesunder, frischer, kräftiger, während ihr euch stets mit tausend Bedenken quält und tausend Hindernisse seht. Wir waren harmloser, jugendlicher. Ich für meine Person habe mich niemals mit Grübeln abgegeben – wahrscheinlich viel zu wenig, aber was ich zu wenig getan, das tut ihr zu viel, und das ist vielleicht noch schlimmer, Ihr verbraucht eure Phantasie mit wahrhaft erschreckender Geschwindigkeit, ihr Verschlingt sie förmlich und verderbt euch damit nur den Magen. Nichts aber ist der Heiterkeit des Geistes schädlicher als das.«

»Sie haben recht,« sagte Clarencé. »Aber verfolgen wir die Sache weiter. Ist es nicht ganz natürlich, daß nach solchen Übertreibungen einige unter uns zu der Erkenntnis ihres Irrtums kommen und auf dem betretenen Wege umkehren möchten? In diesem Fall befinde ich mich. Ich prüfe die Wirkung meiner Werke, und sie erschreckt mich. Ich habe tatsächlich gesehen,« – scharf betonte er die Worte – »wie sie vernichtend ins Leben eingegriffen und zwei arme Wesen rettungslos der Verzweiflung anheimgegeben haben. – Wie könnte ich das jemals vergessen?«

Mit seiner klangvollen, ruhigen Stimme entgegnete Delambre: »Sie glauben das gesehen zu haben, mein Freund, weil Sie die Tatsache im Lichte Ihrer augenblicklichen Gemütsverfassung deuten. Ich weiß, von was für einem Fall Sie sprechen. Was aber will ein einziges Beispiel sagen? Könnte man nicht ebensoviele andre finden, die das Gegenteil beweisen? Verscheuchen Sie solch falsche, gefährliche Einbildungen, denken Sie vielmehr an das Gute, das Sie mit Ihren Schöpfungen bewirkt haben.«

»Kann das Gute das Böse ungeschehen machen?«

Wieder blieb Delambre stehen. Die Avenue des Champs Elysées, auf der sie sich jetzt befanden, war fast menschenleer, kaum daß hin und wieder das Rollen eines Wagens die nächtliche Stille unterbrach.

»Wissen Sie, daß ich Sie recht anspruchsvoll finde, mein lieber Freund?« sagte er ernsthaft. »Wir wollen die Tragweite unsers Einflusses nicht übertreiben, weder im Guten, noch im Bösen. Die Menschheit geht ihren Weg und zieht uns mit sich, weit mehr, als daß wir sie führen. Ihren geheimnisvollen Gesetzen folgend, eilt sie einem unbekannten Ziele zu. Was sind wir? Fünkchen im Weltall. Wohl gibt es welche, die ein klein wenig heller glänzen als die andern – so wie Sie und vielleicht ich –, aber auch sie werden erlöschen, wie die Abendsterne vor den Morgensternen erblassen. Solange sie aber scheinen, wollen wir doch lieber glauben, daß sie ein wohltuendes Licht ausstrahlen.«

»Wenn die Flamme nun aber brennt, anstatt zu leuchten?«

»Das mag ja wohl vorkommen. Aber hören Sie weiter.« Delambre dachte einen Augenblick nach, dann sagte er: »Nehmen wir eine friedliche Lampe an, die dem über sein weißes Blatt gebeugten Denker Licht spendet. Während er in ihrem Kreise seine Arbeit vollendet, summen sorglose Nachtfalter um die Flamme und verbrennen sich am Glase. Hätte man nun ihretwegen die Lampe auslöschen, das Heft schließen, die Ideen sterben lassen sollen?«

Clarencé wollte auch jetzt noch etwas erwidern, allein Delambre mochte der Vergleich wohl unwiderleglich erscheinen, denn er ließ ihm keine Zeit zu einer Antwort.

»Grübeln Sie nun nicht länger nach,« fügte er hinzu, »sondern gehen Sie mutig auf dem betretenen Weg weiter, der nur zum Guten führen kann, weil er aus edeln Motiven entspringt. Folgen Sie offen und ehrlich Ihren Eingebungen, so wie Sie es immer getan haben – vor allem verscheuchen Sie die nutzlosen Grillen – es wäre schade um die Zeit.«

Damit reichte er Clarencé herzlich die Hand und ging dann jugendlichen Schrittes in der Richtung nach dem Arc de Triomphe weiter, während ihm sein Kollege, in Gedanken verloren, nachschaute.


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