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Hauptquartier und Demokratie

Im deutschen »Großen Hauptquartier« standen am Morgen des 10. Novembers die Männer der »Obersten Heeresleitung« vor neuen Entschlüssen. Zwar war der Krieg zu Ende, nur eine Frage von Stunden konnte es sein, daß der Abschluß des Waffenstillstandes vollzogen wurde. Aber überall im deutschen Lande, dem ein harter, schwerer Friede bevorstand, war Aufruhr und Revolution. Herrschaft der Willkür drohte, um die im Innern der Krieg jetzt erst beginnen mußte. Der Kaiser hatte Reich und Heer aufgegeben. Zum Marsche gegen die Revolution hatten die Truppen ihm die Gefolgschaft verweigert. Dennoch gab es nach der kaiserlichen Flucht auch für die »Oberste Heeresleitung« kaum ein anderes Ziel als die Bekämpfung und Niederwerfung der Revolution: nur der Weg, nur die Mittel waren schwierig zu den Grundlagen neuer Ordnung, die den Bürgerkrieg verhindern, ihn niederschlagen sollten, bevor er sich noch recht erhoben hatte.

Der Krieg war mit Bajonetten, Gas und Geschützen, mit Stahlhelmträgern geführt worden. Aber die alten Waffen versagten, wenn sie im neuen Kampfe erhoben wurden, der vor der Türe stand. Bis zur Stunde stellten die deutschen Armeen, erwachsen aus dem kaiserlichen Heere preußischer Überlieferung, aufgebaut auf den genau ein Jahrhundert alten Grundrissen noch von den Befreiungskriegen her, verankert in Offizierstum und Unteroffizierstum, gleichwohl ein Volksheer riesenhaften Umfangs dar, das der Massenaufwand der Weltkriegdimensionen erzwungen hatte. Es hatte seine Pflicht getan: feindwärts das Gesicht. Es hatte seine Pflicht getan gegen Engländer und Franzosen. Aber niemand, weder der Kaiser noch irgendwer, konnte ihm plötzlich ungeheuerlichen Frontwechsel zumuten: den neuen Kampf gegen die leidgepeinigte Heimat. Der Aufmarsch der alten Divisionen war unmöglich. Die Sturmbataillone stürmten gegen die Heimat nicht. Auch ihre Führer, die Generale und Kommandeure, waren unbrauchbar. Sie hatten entweder die Macht über ihre Soldaten verloren, oder sie glaubten, nur weil ihre Divisionen, um schneller und sicher nach Hause zu kommen, in ihren rückmarschierenden Einheiten blieben, an Wirkungen der alten, kaiserlichen Standarten, an geretteten Geist altpreußischer und kaiserlicher Zeiten. Mußten gegen den Bürgerkrieg Waffen überhaupt geführt werden, sollte zum Schutze des neuen Staates neue Macht errichtet werden, so mußten der Staatsgewalt auch neuere, geeignetere Verteidigungsmittel geschaffen werden: der Kampf für sie mußte zwar auch mit den Mitteln der Gewalt, vor allem aber mit geistigen Waffen ausgefochten werden.

Alle Elemente des Umsturzes, die nach russischen Mustern den Radikalismus, die Verwirrung und Anarchie suchten, mußten unschädlich gemacht werden. Sie mußten aus dem Heere entfernt, sie mußten abgestoßen und entwaffnet werden. Der neue Staat brauchte überhaupt ein neues Heer, das mit den Ideen von ehedem nichts mehr gemein hatte, das die Ideen der jetzt gewordenen Staatsordnung in sich aufgenommen, sie ethisch verarbeitet hatte und sie zu verteidigen entschlossen war. Das neue Heer solcher Art, das, wenn es sein mußte, die Ordnung im Kampfe auch mit den Heimatstädten schirmte, mußte erst aufgestellt, erzogen, mit den anders gewordenen Pflichten vertraut gemacht, mit anderem Geiste durchtränkt, zu anderer Moral und ihrer inneren Wertung reif gemacht werden. Geistige, ethische und technische Ausbildung forderten Zeit, Mühen und ungestörte Arbeit: nur Freiwillige, die sich ganz der neuen deutschen Staatsidee hingeben wollten, konnten für das neue Heer herangezogen werden. Der Waffenstillstandskommission in Compiègne hatte die »Oberste Heeresleitung« befohlen, bei Marschall Foch, wenn irgend möglich eine Frist von zwei Monaten zum Abbau der Front und zur Räumung des besetzten Gebietes durchzusetzen. Zwischen den Frontdivisionen und der Heimat, die voll von Krankheitskeimen und flackernden Herden umstürzlerischen Wollens war, in den weiten Gebieten, aus denen Etappenoffiziere und Etappentruppen entflohen waren, klaffte in dieser Zeit dann ein »luftleerer Raum«. Er lag, indes das alte Heer durchmarschierte und abmarschierte, in verhältnismäßiger Stille. Vielleicht war hier ein Schulplatz, auf dem ein neues, deutsches Freiwilligenheer aufgestellt, ausgebildet und erzogen werden konnte.

Aber das Problem, eine Schutzgarde dem neuen deutschen Reich zu schaffen, damit es erstarken und seine Entwicklung sichern könne, war nicht bloß militärischer Art. Selbst wenn die militärischen Führer sich zu dem Gedanken überzeugt durchrangen, daß sie Zusammengebrochenes ganz entfernen und völlig Neues, der Vergangenheit Unverpflichtetes aufbauen wollten: auf sich allein gestellt, vermochten auch sie nicht, das Rettungswerk durchzuführen. In der Gedankenführung des Ersten Generalquartiermeisters, in seiner Auffassung sowohl der politischen Entwicklung, wie der Notwendigkeiten, in seiner ganzen, auf das Wirkliche und Gegebene gerichteten geistigen Art mochte es liegen, daß er nach Bundesgenossen suchte. Und im Augenblick konnte es für ihn, wie er die Lage übersah, überhaupt nur einen einzigen Bundesgenossen geben: die Mehrheitssozialisten.

 

Sie hatten jetzt schon die Hauptstadt, fast alle Städte im Reich erobert. Wenn es irgend etwas gab, wie Macht, so war sie noch am ehesten in ihren Reihen.

In Berlin hatte der Mehrheitssozialist Wels an diesem Morgen ein Flugblatt an alle Truppen Berlins verfaßt und verteilen lassen. Sie sollten sogleich Vertreter wählen. Sie sollten sie – nachmittags zwei Uhr – zu einer Versammlung entsenden. Die »Arbeiter- und Soldatenräte« der »Sozialdemokratischen Partei Deutschlands« tagten am zehnten Novembermorgen wirklich in den Höfen des »Vorwärts«. 57 000 Berliner Soldaten schickten Vertreter.

Sie alle wußten von Politik nichts. Sie alle hatten nur, von gestern auf heute, unerhörten Umsturz durchlebt. Ihr Rufer erkannte die Gefahr, daß sie von Rednern anderer Parteien gewonnen, auf Programme radikalster Forderer gebunden werden konnten. Die Zeit drängte, daß er selbst ein Programm fand, daß er selbst ihnen das Programm gab, das sie der Überzeugung der Seinen gewann.

Noch einmal versuchte er die kurzen Sätze, die er besser herauszuschleudern verstand, als jeder seiner Parteigenossen. Er schrie seine feste Stimme heiser. Sie sollten nicht umsonst gekämpft haben! Ihre Freiheit sollten sie selbst bestimmen! Ihre Väter, ihre Mütter, ihre Söhne sollten fortan in Ruhe und Ordnung leben. Nur sie selbst, nur das ganze Volk sollte bestimmen, wie es seine Zukunft und was es in Zukunft wollte. Sofortige Ausschreibung der Wahl einer Nationalversammlung – dies war ein Programm, das einzige Programm, das jetzt zu fordern sei! Mit den »Unabhängigen« wolle man als gleichberechtigt gern Hand in Hand gehen: auch die »Unabhängigen« seien Volk. Spartakistische Regierung allein – niemals dürften sie dies zulassen! »Die Nationalversammlung« laute die Parole! Mit ihr könnten sie, wenn Not sie zwang, auch allein regieren!

Otto Wels exerzierte mit den Gruppen. Sie begriffen endlich alle. Sie flammten endlich alle. Er hatte gestern einen Kasernenhof voll Soldaten erobert. Jetzt wurde er Herr der Berliner Garnison: 57 000 Gewehre.

Die Vertrauensleute der Unabhängigen Arbeiterschaft erschienen, wie sie dies beschlossen hatten, um die fünfte Stunde im »Zirkus Busch«. Aber auf allen Bänken, in allen Reihen fanden sie die Soldaten von Otto Wels. Er hatte seit vier Uhr marschieren lassen. Verraten sahen sich die Radikalen, aber die Überwinder des Militarismus, der nicht durch sie, der durch sich selbst gefallen war, siegten mit den Gewehrläufen über die Umsturzgefahr aus eigenen Reihen. Die ungeheuere Masse erzwang das Kompromiß: die Radikalen wollten lieber Mitregierer sein als nichts. Das Gespenst der radikalen Diktatur entwich. Zehntausend Menschen, deren Schrei die Luft erschütterte, wollten Krieg und Vergangenheit begraben. Und Arbeiter und Soldaten, alle Lager, schrieben die Parole in rote Fahnen ein: die deutsche Nationalversammlung.

 

In Berlin war der Umsturz, die Ablösung der Gewalten, zugleich das erwachende, aus Überraschung sich erhebende Selbstbewußtsein, das den Massen das Gefühl anders gewordener Welt, anders möglicher Zukunft und anders gewordener Freiheit gab. Aber im »Großen Hauptquartier« baute der Erste Generalquartiermeister seine Gedankenfolge nüchtern auf der Machtverschiebung auf. Er kannte und schätzte den ersten republikanischen Reichskanzler Fritz Ebert. Er sah ihn als einen Mann, allem Unmöglichen und Maßlosen abhold, der Nüchternheit, Sachlichkeit und Wirklichkeit zugekehrt, wie er selbst es war. Schon die ersten, raschen Gespräche, die zwischen Kanzler und General durch den Fernsprecher am Tage nach der Abreise des Kaisers geführt worden waren, hatten ihre Übereinstimmung über nächste Aufgaben und Ziele für Heeresleitung und Regierung ergeben.

Begreiflich war, daß das veränderte Weltbild und die Not, das Weltbild anzuerkennen, schwer auf den Generalfeldmarschall von Hindenburg drückte. Niemand hätte Vorwurf erheben dürfen, wenn der erste General der alten Armee, in allen Empfindungen bisher dem Königsdienst allein geweiht, weit mehr noch preußisch als deutsch, das Ansinnen zurückgewiesen hätte, die Hand den Sozialdemokraten zum Bunde zu reichen, um die neue Republik zu schützen. Gegen jede revolutionäre Auflehnung, gegen jeden Versuch, selbst anders denken zu wollen, als seine königstreue, ganz auf ererbte Gewalt gestellte Gesinnung forderte, gegen alles, was ihm im Rahmen sogar verbriefter Volksrechte verwerfliche Auflehnung schien, war der Generalfeldmarschall von Hindenburg bisher stets bereit, die ganze Macht seines Ansehens einzusetzen. Erzürnt war sein Bekenntnis noch im Eingange des ereignisschweren Jahres 1918, noch in den Tagen von Brest Litowsk gewesen:

»Großes Hauptquartier, den 25. 2. 1918.

In Brest Litowsk soll behauptet worden sein, daß ich mich für einen annexionslosen Frieden und das Selbstbestimmungsrecht der Völker erklärt hätte, also auf dem Boden der Reichstagsresolution stünde. Indem ich eine derartige Zumutung mit Entrüstung zurückweise, ersuche ich Euer Hochwohlgeboren ergebenst, bei jeder sich bietenden Gelegenheit gegen derartige unwahre Äußerungen energisch einzuschreiten.

von Hindenburg.«

Aber die Spannungen, Erlebnisse und Ergebnisse, die innere seelische und politische Entwicklung mußte offenbar ungeheuerlich auch im Weltbilde des Generalissimus sein. Noch im Jahreseingange hatte er sich sogar gegen Reichstag und Reichstagsbeschlüsse gestellt. Noch im Jahreseingang hatte er ein Erobererprogramm verfochten. Er hatte das wetterleuchtende Fanal nicht erkannt, das in Brest Litowsk schon aufgeflammt war vor dem Sturz der Mittelmächte. Aber jetzt erklärte er, am 10. November, zwölf Stunden nach Kaiser Wilhelms Abreise, die überraschende Bereitschaft, Seite an Seite mit den Männern der anders gewordenen Gewalt die Ordnung in einem anders gewordenen Staate sichern zu helfen. In schwerem, inneren Kampf erzwang er den Sieg des Verstandes gegen unerloschene Gefühle:

Wenn der republikanische Kanzler nur wollte, wenn er bestimmte Bürgschaften gab, die der Feldmarschall forderte, unter Hintansetzung aller persönlichen Wünsche, wie auch er dies tun müßte, wäre es jetzt auch sein Wille, alle politischen Auffassungen und Meinungen beiseite zu stellen, um in gemeinsamer Arbeit am Neuaufbau des Reiches auf neuer Grundlage und mit neuen Formen mitzuhelfen, zur Verhütung eines Auseinanderfallens des Deutschen Reiches, und um dem Lande in seiner Not wieder Arbeit und Frieden zu schaffen.

Vergessen war nach weitem Weg in einem Jahr die Sprache von Brest Litowsk. Der Generalfeldmarschall marschierte in neuer Bundesgenossenschaft. Er hatte Heer, altes Reich und Dynastie als Realität begraben müssen. Er hatte das kaiserliche Deutschland im Chaos enden sehen, das überall war im Raum der Mittelmächte. Eine Reihe heimkehrender alter Divisionen sollte zwar noch durch das Berliner Brandenburger Tor einziehen, um die Ruhe und Ordnung in der Reichshauptstadt zu sichern. Aber weder der Generalfeldmarschall, noch der Erste Generalquartiermeister vermochten in den Gutachten der Frontkommandeure vom 9. November eine Bürgschaft für das Gelingen eines Versuches zu sehen, der noch einmal die Mittel von gestern in den Dienst einer neuen Entwicklung stellen wollte. Hinter den heimkehrenden Divisionen sollte darum mit seinen Offizieren das Heer der Freiwilligen marschieren, an denen dann, wenn der Trieb nach Heim und Herd, nach Frau und Kindern stärker wurde als die Erkenntnis letzter Notwendigkeiten für den Staat, das endgültige Schicksal Deutschlands hing. Der Generalfeldmarschall, dessen Ansehen allein die Offiziere zu solcher Gefolgschaft brachte, war bereit, auf jedem Weg voranzugehen, der die Reichseinheit und Volkseinheit zu retten schien, dem Volke vielleicht wieder Brot und Ruhe gab. Der Generalfeldmarschall schritt um solches Ziel voran, – schweren und anders hoffenden Herzens auch für die Republik.

 

Endgültiger konnte nach außen das Alte nicht aufgegeben, größer nicht die Ummodelung der Geister sein. Unruhig lag indes Deutschland. Unruhig Mitteleuropa zwischen den Trümmern der niedergebrochenen Welt.

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Karte

Das Ende der österreichisch-ungarischen Armee


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