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Deutschlands letzte Möglichkeiten

Der Erste Generalquartiermeister war am 5. November nach Berlin mit Eindrücken gekommen, die er unmittelbar bei den Armeen empfangen hatte. Sie mußte er mit den Ausstrahlungen in Einklang bringen, die er von den Ereignissen in Kiel, von den Vorgängen im Innern der österreichisch-ungarischen Monarchie, von dem Abschluß des Waffenstillstandes in Villa Giusti, von der vollkommenen Auflösung der österreichisch-ungarischen Armee für die deutsche Situation errechnen konnte, um Ton und Inhalt des Vortrages zu bestimmen, den er vor dem Kabinett zu halten gedachte. Vor drei Tagen erst war er am Vormittag in Brüssel eingetroffen, bei der Heeresgruppe des Kronprinzen Rupprecht von Bayern. Die Armeechefs der vierten und sechsten Armee hatten ihn zur Berichterstattung dort erwartet. Er hatte den Generaloberst von Falkenhausen besucht, war noch mittags in Charleroi angekommen, um sich hier von den Generalstabschefs der zweiten, siebzehnten und achtzehnten Armee ein Bild der Lage zeichnen zu lassen. In den Spätnachmittagsstunden war er in Charleville gewesen. Dort hatte er noch die Generalstabschefs der ersten und dritten Armee, den Stabschef der Heeresgruppe Gallwitz angehört – von allen Armeen hatte er den gleichen Eindruck gehabt: die deutschen Heere waren am Rande der Erschöpfung.

Sie waren unbrauchbar geworden zu jeglicher unabhängigen Operation, die Heeresleitung mußte zufrieden sein, wenn neuer, nötig gewordener Rückzug gelang. Es war kein Zweifel für den Ersten Generalquartiermeister, daß er die Truppen in eine frische Stellung zwischen Antwerpen und der Maas zurücknehmen mußte, ohne langes Besinnen und ohne Aufenthalt in einer Zwischenlinie, wobei er nicht einmal sicher war, ob das Fortnehmen der Heereskörper vom Feinde sich ohne Verwicklungen und schwere Verluste ermöglichen ließ. Zwischen Antwerpen und Maas mußten sich die Truppen dann erst einrichten, denn die »Antwerpen-Maas-Stellung« war zur Verteidigung überhaupt noch nicht vorbereitet. Wenn Marschall Foch die Durchführung der Bewegung in Ruhe zuließ, wenn die Verfolger nicht drängten, wenn die angestrebte Linie erreicht, ein Häufchen von Reserven zusammengescharrt und die notdürftigsten Erdgräben glücklich aufgeworfen waren, wenn all dies gelang, dann waren drei Wochen gewonnen, die als Spielraum für Waffenstillstandsverhandlungen genutzt werden konnten. Nicht mehr. In Elsaß-Lothringen fürchtete der Erste Generalquartiermeister einen großen, französischen Angriff ebensosehr wie gegen die untere Saar. Beide mußten sich noch verzögern, sollte die Rückzugsabsicht nicht durchkreuzt werden. Und keinesfalls durften die Amerikaner im Norden von Verdun weiter über die Maas sich vorarbeiten. Standen die Truppen der Alliierten einmal zwischen Maas und Mosel, drangen ihre Kolonnen gegen die untere Saar, so blieb überhaupt nichts weiter als die Flucht hinter den Rhein. Zwischen Mosel, Rhein und belgischer Grenze lauerte sonst die gewaltigste Kapitulation, die jemals Heere in Waffen erlebt hatten.

Der Erste Generalquartiermeister beschönigte sich nichts. Er sah die Rache für Sedan in hundertfacher Vergrößerung.

 

Ehe die Staatssekretäre sich zu großer Nachmittagssitzung zusammenfanden, gedachte der Generalquartiermeister sich noch vertraulich über die politische Stimmung des Augenblicks in der Reichshauptstadt zu unterrichten. Der Kriegsminister Generalleutnant Scheuch, den er aufsuchte, beklagte die geringe Truppenzahl, die von der »Obersten Heeresleitung« für den weiten Raum der Heimat zur Verfügung gestellt worden sei. Der Generalquartiermeister versicherte, daß die Front mehr an Kämpfern nicht entbehren könne. Auch den Kanzler Prinz Max und den Staatssekretär des Äußern Solf besuchte General Groener. Sie sprachen beide von der Abdankung des Kaisers, die sie unaufhaltsam kommen sähen, und die Führung der bevorstehenden Waffenstillstandsverhandlungen wurde gestreift. Bitter war ihre Kritik an der Waffenstillstandsforderung an sich. Durch sie befände die Regierung sich jetzt in unmöglicher Lage. General Ludendorff hätte eine Torheit begangen, die nicht wieder gut zu machen sei. Vermochten die deutschen Heere weiter nicht mehr zu kämpfen, so hätte sich die »Oberste Heeresleitung« an Marschall Foch mit dem Wunsche nach Waffenruhe wenden müssen. General Groener hatte die weiße Flagge nicht gehißt. Was der Kanzler aussprach, wußte heute alle Welt. Auch der Erste Generalquartiermeister Groener.

Indes Kanzler, Staatssekretär und General bedrückt eine Aussprache versuchten, die dennoch keine Klärung brachte und die Fragen nur anklang, um deren Lösung es in kürzester Frist gehen mußte, besprach sich der Vizekanzler von Payer im Reichskanzlerhaus mit den Ministern Friedberg und Drews, mit dem Staatssekretär Scheidemann über gleich trübe Themen. Die Folgen, die aus Kaiser Wilhelms Abdankung sich ergeben konnten, sah nur der Staatssekretär Scheidemann nicht so gefährlich an wie die übrigen Beratungsteilnehmer. Er glaubte nicht recht an das Zurücklaufen der Armee, wenn der Kaiser fortgehe. Aber die Minister hielten es für dringend ratsam, sie forderten, daß »die Kaiserfrage« wenigstens bis zum Abschluß des Waffenstillstandes, noch richtiger bis zur Unterzeichnung eines Präliminarfriedens vertagt werde. Schließlich neigte auch der Staatssekretär Scheidemann der Ansicht der Minister zu. Noch stand er unter dem Eindruck zweier Gespräche, die er gestern und heute, zunächst mit dem früheren Washingtoner Botschafter Grafen Bernstorff, dann mit dem aus Narwa soeben eingetroffenen General Hoffmann gehabt. Der Reichskanzler Prinz Max, der vor wenigen Tagen den Grafen Bernstorff aus Konstantinopel eiligst zurückgerufen hatte, weil er ihn als Berater im allgemeinen ebenso schätzte, wie er ihm jetzt als Ratgeber in allen Verhandlungen mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika nützlich schien, der Kanzler hatte den Grafen zu dem Staatssekretär geschickt, damit er die Verworrenheit der Probleme beruhigen, nicht vertiefen helfe. Der Kanzler wolle – betonte Graf Bernstorff – den Kaiser zur Abdankung bringen. Der Staatssekretär möchte, was irgend an ihm läge, bei Partei und Massen tun, um den Ausbruch der Revolution zu verhindern. Philipp Scheidemann hatte versichert, daß er selbst keine Revolution wolle. Er hatte dem Grafen zuletzt versprochen, daß er alles, wenn der Kaiser abdanken werde, zur Vermeidung revolutionärer Bewegungen beizutragen gedenke. Und General Hoffmann hatte mit ihm über Bitten des Chefs des Zivilkabinetts Delbrück gesprochen. Der Kabinettschef hatte durch den General bei dem sozialistischen Staatssekretär anfragen lassen, ob die Stellung des Kaisers noch zu halten wäre, wenn er, Philipp Scheidemann, die Reichskanzlerschaft übernehme. Im Reichstag hatte der General ihn aufgesucht. »Zu spät« –, war schließlich die Antwort des Staatssekretärs gewesen.

»Die Armee wird daran niederbrechen,« hatte der General ausgeführt, »wenn der Kaiser geht oder abdanken muß.«

»Das ist Unsinn«, war Scheidemanns Antwort gewesen. »Vielleicht werden ein paar Generale gehen. Der Mann wird bleiben.«

Aber General Hoffmann war bei seiner Auffassung verharrt:

»Gerade umgekehrt. Die Generale werden bleiben. Und die Truppen werden davonlaufen.«

Als der Staatssekretär bei den Ministern jetzt abermals auf gleiche Auffassung traf, blieb er bei der eigenen Ansicht nur mehr mit schwachem, formalem Festhalten. Es schien, als schwanke er. Unzweifelhaft war die Verantwortung groß. Gegen die Revolution war er selbst. Vielleicht erfüllte sich, was Graf Bernstorff als des Kanzlers Bestrebungen dargestellt hatte, auch ohne sein Zutun. Dann um so besser. Überdies kam alles vielleicht auch anders. Unsicher war der Umblick schon über die nächsten Tage. Vor der Verantwortung schützte er sich auf alle Fälle, wenn er Beruhigung zusagte. Ob dann Bolschewismus, Kaisersturz, Republik oder Regentschaft kam: ein Mann der Ordnung und der Vorsicht war er jedenfalls gewesen.

Der Staatssekretär versprach, alles zu tun, um bei seiner Partei »die Kaiserfrage« zu vertagen.

 

Vor den Staatssekretären sprach der Erste Generalquartiermeister über die militärischen Verhältnisse in breitem Vortrag mit Zurückhaltung, dennoch zeichnete er Schatten um Schatten. Die weiten Grenzen eroberter Gebiete, in denen auf zwei Kontinenten deutsche Truppen im Augenblick noch standen, gab er preis. Alle Anordnungen seien getroffen, um die fernen deutschen Soldaten, wo dies möglich sei, zum Schutz der eigenen Reichsgrenzen zurückzuziehen. Die nötigsten Sicherungen gegen die böhmische Seite und gegen Tirol seien anbefohlen, zum Teil bereits durchgeführt. Denn die Unterstützung der Gegner, zu denen fortan auch die Tschechoslowaken kämen, sei dem abgefallenen Verbündeten Österreich-Ungarn durch die Bedingungen des Waffenstillstandes von Padua aufgezwungen. Mit einem Vormarschversuch der Italiener konnte gerechnet werden. Im Osten hätte die politische Kriegsleitung in wichtigerem Sinne zu entscheiden als die Heeresleitung. Im Osten lägen die Truppen – in Litauen kam auf je zehn Quadratmeter ein Soldat; in der Ukraine war besseres Material, sonst überall nur Landwehr und Landsturm in mäßiger Haltung – weit zerstreut. Der Erste Generalquartiermeister fürchtete die Verpflanzung bolschewistischer Gifte, wenn er Osttruppen nach dem Westen führen ließ. In Warschau stand die deutsche Herrschaft nur mehr auf schwankendem Boden. Um sie zu halten, solange dies möglich wäre, sollte jetzt General Hoffmann das Generalkommando in Warschau übernehmen. Die Kriegsbauten von vielen Jahren in kürzester Frist zu bergen, war ein Problem von vielen Schwierigkeiten. Vielleicht galt es auch etwas bei den Friedensverhandlungen, wenn Deutschland wenigstens ein Austauschpfand in der Hand hatte. General Groener war zunächst für die Behauptung des Ostens. Aber er ließ die Frage offen. Das Kabinett sollte entscheiden. Er hatte hier vor allem als Militär zu berichten. Er kam auf den Westen.

Dort kämpften zur Zeit weniger als achtundfünfzig Divisionen gegen sechsundneunzig Divisionen der Alliierten. Die deutschen Bataillone hätten im Durchschnitt nicht mehr als fünfhundert Mann; jedes feindliche Bataillon kämpfte mit überlegener Zahl. Mit weiteren Angriffen müsse gerechnet, aus Kräfteersparnis der Rückzug in eine kürzere Linie unternommen werden, auch wenn man unersetzliche Eisenbahnverbindungen und kostbares Kriegsgerät in weitem Raum damit preisgab. Der Generalquartiermeister sprach über Stimmung im Heere. Sie wäre geteilt, bedrückt durch das Waffenstillstandsangebot, durch Einflüsse aus Osten und Heimat.

»Zusammenfassend ist zu sagen, daß die militärische Lage sich weiter verschärft hat.«

Die Heimat müsse helfen, den Geist der Truppen zum Aushalten anzuspornen. Sie dürfe nicht, wie eben jetzt geschehe, kritisieren und polemisieren.

»Wenn nicht schleuniger Wandel geschieht, richtet die Heimat das Heer zugrunde.«

»Hört die Hetze gegen den Kaiser nicht auf, so ist das Schicksal des Heeres besiegelt, es läuft auseinander. In der nach der Heimat zurückströmenden Soldateska bricht die Bestie hervor.«

Der Staatssekretär Erzberger hatte Zweifel daran, daß die schlechte Stimmung von der Heimat in die Front getragen wurde. Ihm schien der Weg gerade umgekehrt. Der Erste Generalquartiermeister leugnete die Infektion auch von der Front her nicht. In der Stimmung von Heimat und Heer sehe er das Ergebnis einer Wechselwirkung. Der General stand vor den Staatssekretären, um letzte moralische und materielle Stärkung der kämpfenden Heere durchzusetzen. Vor den Staatssekretären gab er nicht alle Hoffnungen auf. Er war Soldat. Er hatte an den Posten glauben zu machen, hatte ihn zu verteidigen, solange er auf ihm stand. Die Wahrheit durfte er nicht verschweigen:

»Nur noch von kurzer Dauer kann der Widerstand sein.«

Der Staatssekretär Scheidemann hatte die Frage in den Vortrag geworfen, »ob die neueren Einziehungen für die Stärkung der Kampfkraft des Heeres irgendwelche Bedeutung haben könnten.« Der Erste Generalquartiermeister mußte alle Truppen nehmen, die man ihm noch gab, solange er focht. Daß er überhaupt nur noch an eine Gnadenfrist von drei Wochen vor dem Feinde glaubte, durfte er nicht sagen. Drängen mußte er, die Zeit zu nutzen und auf alles vorbereitet zu sein. Verbergen mußte er, daß er den Endkampf sah als Flucht vor dem Gespenste von Sedan.

Mit bedrückten Gedanken war er in die Sitzung der Staatssekretäre gekommen. Was andere Sprecher, vor allem der Staatssekretär Haußmann beisteuerten, drückte auf die Stimmung der Versammelten noch mehr. Aus Kiel war der Staatssekretär Haußmann mit den Berichten über den Umfang und das Wachstum der Erhebung eingelangt. Niemand wußte, niemand hoffte, daß es Gustav Noske gelingen werde, die Bewegung einzudämmen. Militärische Mittel zur Bändigung der Matrosen fehlten. Ihren Vormarsch ins Reich, in die Reichshauptstadt konnte man nicht dadurch hindern, daß man Schienen aufriß und Brücken sprengte. Mit der Ausbreitung der Matrosenrevolte mußte nach den Mitteilungen des Staatssekretärs als höchstwahrscheinlich gerechnet werden. Ein neuer Druck lastete auf dem Kabinett. Zwar hoffte der Kriegsminister Scheuch, daß er mit seinen Berliner Truppen, deren Zahl ausreiche, die Ruhe verbürgen könne. In hoffender Antwort aber lag hier zum erstenmal ein Bekenntnis.

Ohne daß Worte ausgesprochen, ohne daß Gewißheit festgelegt wurde, erwog zum erstenmal versteckt das Kabinett, ob im Notfalle »Feldgrau gegen Feldgrau« schoß.

 

Der Bescheid des Präsidenten der Vereinigten Staaten auf die vierte deutsche Note, die am 27. Oktober 1918 den endlichen Beginn der Waffenstillstandsverhandlungen gefordert hatte, traf ein. Marschall Foch sollte die deutschen Unterhändler empfangen. Ihre Abordnung mußte festgesetzt und ernannt werden.

 

Noch bevor sich am 6. November das Kriegskabinett mit den Beschlüssen befaßte, die durch die Antwort nötig wurden, hatte der Kanzler, unterstützt durch den Außenminister Solf, eine vertrauliche Aussprache mit dem Ersten Generalquartiermeister. General Gröner entwarf noch einmal ein Bild der Lage an der Front, aus dem Kanzler wie Staatssekretär ersahen, daß es noch viel schlimmer um die deutschen Heere stand, als in der großen Sitzung am Vortag sichtbar geworden war. Der Erste Generalquartiermeister berührte auch die Gutachten der Generale vor den Ministern:

»Es hat gar keinen Zweck, die Militärs en masse über solche Fragen zu hören, weil das kameradschaftliche Gefühl eine solche Bindung gibt, daß sie sich doch mit vielen anderen in Gemeinschaft nicht offen aussprechen.«

 

Der von Krankheit immer noch matte Kanzler stand vor allem unter den Eindrücken der Matrosenrevolte, deren Emissionäre im weiten Reiche auftauchten.

Die vertraulichen Eröffnungen des Ersten Generalquartiermeisters zeigten ihm die Zukunft nicht heller. Die Einleitung des Waffenstillstandes war zu besorgen, die Abdankungsfrage mußte weitergebracht werden, die alles überschattete. Er bat den Generalquartiermeister offen, daß er den Kaiser zum Thronverzicht veranlasse. Der Staatssekretär des Äußeren unterstützte die Bitte. Aber der Erste Generalquartiermeister lehnte ab. Nicht so sehr, weil der Auftrag dem General peinlich sein mußte. Aber seine ganze Auffassung von dem Problem und seiner Lösung ging andere Wege. Ihm fiel ein, daß am besten eine dem Kaiser in Freundschaft verbundene Persönlichkeit oder der Kanzler selbst mit seinem Vorschlage nach Spa gehen sollte. Der ausgesprochene Gedanke war dem Kanzler nicht neu. Es waren kaum drei Tage her, daß er dem Prinzen von Hessen einen Vertrauten in das Berliner »Hotel Adlon« geschickt hatte, damit er die heikle Sendung übernehme. Der Prinz von Hessen hatte erst zugesagt. Eine Stunde später hatte er wieder abgelehnt. Er reise nicht. Denn eben war, ohne eigentlichen Erfolg, der Minister Drews aus Spa zurückgekehrt.

Der Staatssekretär des Äußeren kam auf die Waffenstillstandsverhandlungen zu sprechen. Daß ihm, wie dem Kanzler, die politischen Wirkungen davon wichtiger waren als die militärischen Folgen, hatten beide dem Generalquartiermeister schon gestern begründet. Gerade darum müßte ein Minister, kein General, die Verhandlungen mit dem Gegner leiten. Der Staatssekretär Erzberger oder Haußmann käme in Betracht. Im Kriegskabinett wollte man sehen, wie man sich endgültig entschied.

Im Kriegskabinett erblaßte Matthias Erzberger, als der Kanzler ihm das schwere Amt zuschob. Er zeigte sich zu Tode erschrocken, und, wie der Staatssekretär Haußmann mit der Begründung, daß die elsässisch-lothringische Frage ihn zu sehr in Anspannung halte, die in jedem Falle unheilvolle Aufgabe abgelehnt hatte, so wehrte auch er sich mit allen Mitteln gegen das Amt. Aber alle Kabinettsmitglieder vereinigten ihr Drängen. Keine Minute sei mehr zu versäumen. Auch der Kaiser hatte, schon am Vortage, durch den Generalfeldmarschall von Hindenburg die Forderung übermitteln lassen, daß die Waffenstillstandskommission abreise. Der Staatssekretär gab nach.

General Groener hatte Bedenken, nicht nur, daß zweiköpfige Führung die Abordnung in politische und militärische Interessen spalten werde, wenn außer dem in Spa bereiten General von Gündell ein bevollmächtigter Minister vor den Gegner träte. General von Gündell werde sich auch kaum dem Staatssekretär unterstellen wollen. Der Erste Generalquartiermeister schlug vor, in solchem Falle den früheren Militärattache bei der Botschaft in Paris, den General von Winterfeldt, mit den militärischen Vollmachten zu betrauen. Von seiner Pariser Zeit genoß er vielleicht noch persönliche Sympathien bei den französischen Militärs. Wie Matthias Erzbergers politische Färbung den Verhandlungen mit dem katholischen Marschall Foch nutzbar sein konnte.

Das Kriegskabinett beriet noch, was Stunde um Stunde brennender wurde: das Thema der kaiserlichen Abdankung. Der Ratschluß von gestern wurde dabei auch der Ratschluß von heute. Der Versuch müßte gemacht werden, ob nicht die Vertagung der Frage bis zum Abschluß des Waffenstillstandes zu erreichen sei. Dann ergebe sich ein verständlicher Anlaß, der den Kaiser unter Wahrung seiner Würde auf die Krone verzichten lasse. Keinesfalls wollte der Kanzler, von dem sein Mitberater Graf Bernstorff allmählich den Eindruck gewann, daß er überhaupt das Problem allzu behutsam, allzu zaghaft anfasse, keinesfalls wollte das Kabinett auf den Monarchen einen Druck ausüben.

Unsicher zeigten sich unter dem verwirrenden Eindruck der Geschehnisse die sozialdemokratischen Führer. Den Ersten Generalquartiermeister versicherten sie ihres guten Willens, bei ihrer Partei dahin zu wirken, daß man das Kaiserproblem hinausschiebe. Aber sie selbst gaben zu, daß sie ihrem eigenen Einflusse mißtrauten. Fraglich war, was die Massen tun, was die Arbeiter unter Umständen erzwingen wollten. Die ganze Zukunft schien den Führern verschleiert. Und der Sieg der Massen konnte ein Sieg werden, vor dem die Führer der Siegreichen bangen konnten. Es war an diesem Tage aus sozialistischem Führermund das Wort gefallen:

»Republikaner sind wir in der Theorie. Praktisch sieht das aber ganz anders aus.«

Jedenfalls wollten die Sozialistenführer Verwicklungen innerer Art beschwören helfen. Zumal viele am Werke waren, den Kaiser, wovon sie Kunde hatten, zum Rücktritt zu bewegen. Der Versuch, einen Sprecher bei dem Kaiser in dem Ersten Generalquartiermeister zu gewinnen, wurde nicht bloß vom Kanzler und vom Staatssekretär des Äußeren unternommen, der seine Bitten noch in dem Augenblicke wiederholte, da der General die Rückfahrt nach Spa antrat. Mit Umschreibungen hatte selbst der Chef des Zivilkabinetts Delbrück von Abdankung, Nachfolgerschaft und Regentschaftsfrage gesprochen. Hart hatte der Generalquartiermeister erwidert:

»Ich wünsche für den Kaiser ein heroisches Ende.«

Unrettbar verloren schien die Kaiserkrone Wilhelms II. allen, die im Schauspiel von Deutschlands berstendem Machtbau standen. Irgendwie mußten die nächsten Tage von selbst die Thronverzichtsfrage lösen: durch innere oder äußere Gewalt, wenn der Träger der Krone nicht selbst irgendein Ende wußte. Alle warteten. Volk und Regierung. Vorläufig war man beim Waffenstillstand, bei der Verhandlungsmöglichkeit mit dem Gegner angelangt.

Der Erste Generalquartiermeister fuhr an die Westfront zurück. General Hoffmann eilte nach dem Osten. Mit dem Generalquartiermeister reiste, um die Waffen vor Marschall Foch zu senken, der Staatssekretär Matthias Erzberger.

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