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Abdankungsproblem

Überall stand das deutsche Volk damals unter einem erschütternden Eindruck: Der Feuerschein von Kiel überflammte das weite Reich. Der neue sozialdemokratische Gouverneur Gustav Noske hatte zwar die Macht über Schiffe, Matrosen, Stadt und Provinz an sich genommen, aber so hart und entschlossen er sich auch zusammenraffte, um das Ausfluten der Erhebung zu verhindern, so wenig konnte er noch überblicken, ob er sich durchsetzen werde. In der Reichshauptstadt wußte die Regierung kaum mehr als den Bericht, den der Staatssekretär Haußmann am 5. November, nach einer Nacht des Aufenthaltes in Kiel, von dort mitgebracht hatte. Noskes Depeschen konnten nur Höhepunkte der Bewegung, noch nicht ihre Meisterung melden. In einem Berichte, den der Staatssekretär Haußmann am 7. November empfing, standen die Sätze:

»Ich mußte soeben die Leitung der Marineangelegenheiten übernehmen, der bisherige Stationschef hat mir die Geschäfte übergeben. Wie die Aufgabe zu überwältigen ist, vermag ich noch nicht zu übersehen.«

Vollkommen überrascht vom Matrosenaufstande waren Volk, Regierung und Volksführer. Die Sprecher der Mehrheitssozialisten hatten sich, wie der Abgeordnete Noske oder Haenisch, auf Reisen befunden, um in Versammlungen ihrer Partei vor unüberlegtem Handeln zu warnen. In Königsberg, in Danzig, in Kottbus, in vielen anderen Städten hatten sie, nach den Richtlinien ihrer Parteileitung, überall gegen Versuche der Gewalt und gegen die Aufrichtung der Gewalt gesprochen. Denn in der Vorstellung der Mehrheitssozialisten mußte nach der Abdankung Kaiser Wilhelms II. eine Konstituante sich erheben, um den Prinzen zu bestimmen, der als Schattenmonarch nach englischem Vorbild das Erbe Wilhelms II. antreten sollte. In der Konstituante sollten zugleich auch Sprecher aus Deutschösterreich vertreten sein. Denn der Anschluß dieses Landes an das Deutsche Reich schien den Mehrheitssozialisten sicher. Für den letzten Oktobersonntag schon hatten sie eine große Kundgebung für die neue Idee veranstaltet. Die anderen politischen Leitsätze des Augenblickes trugen die Sendboten der Partei durchs Land. Mitten in ihre Thesen brach der Donnerschlag von Kiel.

Alles war anders im Augenblick, gegen alles Zögern stand plötzlich die Not einer Entscheidung. Um sich von den »Unabhängigen Sozialdemokraten« den Rang nicht ablaufen zu lassen, um vor den eigenen Arbeitermassen bestehen zu können, hatten die Mehrheitssozialisten am 1. November dem Kanzler endlich die Forderung überreicht, daß der Kaiser spätestens am 8. November 1918 seinen Thronverzicht aussprechen sollte. Aber im Grunde war es ihnen bisher nur recht, wenn Thronverzicht und Waffenstillstandsabschluß zusammenfielen. Denn die Verantwortung für schwere Bedingungen trug dann das alte, vom Schauplatz scheidende Regime. Auch hatte es den Anschein, als müßte man die Gefahr der »Unabhängigen Sozialdemokratie« als Rivalin nicht überschätzen. Von den Führern der radikalen Arbeiterschaft war zwar am 1. November in einer geheimen »Revolutionssitzung« in Neukölln, der Arbeitervorstadt Berlins, beschlossen worden, den Tag der Freiheit am 4. November mit Gewalt auszurufen. Aber diese Ansage der Erhebung war ohne Taten verhallt. Die Obleute der Radikalen hatten sich mit Waffen versehen. Sie hatten sich mit einem militärischen Schlachtenausdenker zusammengetan, mit einem Oberleutnant der Flammenwerfer, dem sie »die Rolle eines Napoleon der Revolution« zugedacht hatten. Ein Aufmarsch in der Reichshauptstadt, die Besetzung aller wichtigen Ämter und Plätze, war auf generalstäblerische Art vorbereitet. Die Arbeiterschaft sollte aus Fabriken und Werkstätten am Revolutionsmorgen mit Gewalt auf die Straße gebracht werden, man wollte die Kämpfe, die sich mit dem Militär ergeben konnten, mit Blut austragen. Aber im entscheidenden Augenblick der Abstimmung entsank dem Revolutionskomitee dennoch der Mut: neunzehn Revolutionäre stimmten für die Tat, einundzwanzig Komiteemitglieder gegen sie. Alle einigten sich schließlich auf Vertagung. Der 11. November erst sollte die Losung sein. Ihn hätten die Mehrheitssozialisten in Ruhe abwarten können. Aber das Ereignis von Kiel warf noch schneller als das Revolutionskomitee alle Gedankenreihen und alles Abwarten um. In der Depesche Gustav Noskes an den Staatssekretär Scheidemann hatte auch der Satz gestanden:

»Soeben traf auch Haase noch hier ein. Wenn es Streitigkeiten gibt, ist die Sache natürlich nicht zu machen.«

Nicht nur der Abgeordnete Haase, alle Parteiführer der »Unabhängigen Sozialdemokraten« drängten nach der Ausnützung des Kieler Aufstandes und seiner Fernwirkung. In den Reihen der Arbeiterschaft selbst verschärfte sich jetzt ein Ringen: der Kampf zwischen den Radikalen, die mit dem Umsturz durch Gewalt fast den Bolschewismus wollten, und den Mehrheitssozialisten, die mit der Furcht vor dem Bolschewismus Reformen in Ruhe und Ordnung erstrebten. Den Mehrheitssozialisten konnten von ihren eigenen Anhängern später zweierlei Vorwürfe leicht gemacht werden, allzu großes Zaudern und Nachgeben vor den Trägern der alten Macht, Versäumnisse gegenüber den Radikalumstürzlern, denen heute noch die Überlegenheit zu entwinden war. Kiel war der Sturm in den Segeln aller »Unabhängigen«. Im Sturm von Kiel mußten auch die Mehrheitssozialisten sich entschließen, das Steuer endlich entschiedener zu richten.

Der »Oberbefehlshaber in den Marken«, der General von Linsingen, hatte den Willen, die Gründung von Arbeiter- und Soldatenräten, von der allerorts über Nacht die Gerüchte gingen, zugleich mit Versammlungen zu verbieten, die für den Abend des 7. November allenthalben von Soldaten und Arbeitern einberufen waren. In der sozialdemokratischen Reichstagsfraktion hatte am Abend zuvor der Staatssekretär Scheidemann die Ermächtigung zu seinem Rücktritt aus dem Kabinett gefordert, »falls der Kaiser bis zum anderen Mittag nicht zurückgetreten sei«. Er hatte vergessen, daß er noch am Vormittage, noch gestern im Kriegskabinett genau das Gegenteil dessen zugesagt hatte, was er nunmehr bei seinen Parteigängern tat. Denn auch der Staatssekretär stand unter dem ungeheueren Eindruck von Kiel und seinem Ausblick. Noch hatte die Reichstagsfraktion – am 6. November 1918 – dem Staatssekretär die Ermächtigung zum Austritt aus der Regierung verwehrt. Noch immer war sie für Abwarten gewesen. Aber unter Kieler Auswirkungen war binnen vierundzwanzig Stunden in die Berliner Massen Bewegung gekommen. Der Ruf nach dem Arbeiter- und Soldatenrat war bis zum Oberkommandanten in den Marken gedrungen. Unter gleichen Auswirkungen und aus eigener Entwicklung wurde es, nach immer dichteren Nachrichten, unruhig in Braunschweig, selbstverständlich vor allem in Hamburg, in Lübeck und Bremen, die unmittelbar am Revoltenherd waren. Generaloberst von Linsingen war im Begriffe, durch sein Versammlungsverbot die Zündschnur an ein Pulverfaß zu legen. Die Vorstände der »Sozialdemokratischen Partei Deutschlands« und der »Sozialdemokratischen Reichstagsfraktion« beschlossen, indem sie gleichzeitig die »Unabhängige Sozialdemokratische Partei« zum Eintritt in die Regierung einluden, – den Gegner auf eigenem Gelände also zum Bundesgenossen für kommende Dinge warben –, drei Forderungen als »befristetes Ultimatum« zu stellen:

1. Versammlungen müssen gestattet werden.

2. Jedes gewaltsame Eingreifen muß unterbleiben.

3. Der Kaiser und der Kronprinz müssen bis morgen mittag zurücktreten.

Nur nach Erfüllung dieser Forderungen sollten die sozialistischen Staatssekretäre im Kabinett bleiben. Der Reichskanzler Prinz Max von Baden erhielt das Ultimatum in der vierten Nachmittagsstunde des 7. Novembers. Fast um die gleiche Stunde hatte sich in München offen die Revolution erhoben.

 

Seit der Oktobermitte lag dort das Land in sichtbar steigender Gärung, die vielleicht durch rechtzeitiges Gewähren von Volksrechten, durch königliche Botschaft und kluge Haltung der Minister sich noch hätte beschwichtigen lassen, indes der Übergang vom alten System zur Volksregierung sich dann noch in gesetzlichen und ruhigen Formen vollzog. Die Unzufriedenheit der Arbeitermassen milderte der Führer der »Unabhängigen Sozialisten« Kurt Eisner, in der zweiten Oktoberhälfte aus der Stadelheimer Haft entlassen, die ihm die Februarstreiks eingebracht hatten, durch seine Reden nicht. Schon seine erste Rede in neugewonnener Freiheit sprach von »Umsturz, Revolution, Beseitigung aller bestehenden Gewalten, Errichtung einer großen deutschen Republik mit Einschluß Deutschösterreichs und Rückkehr zu dem Ideal der Revolution von 1848«.

Nicht nur die Arbeiter waren unzufrieden in Bayern. Die bolschewistischen Aufrufe des blinden Bauernführers Karl Gandorfer stachelten die Bauern auf. Sie waren kriegsmüde wie die Arbeiter. Sie sahen den Schiffbruch der Regierenden. Sie sahen, wenn russische Ideen siegten, die Hoffnung auf Land. Aber dies Land war, als der Vormarsch bayerischer Truppen nach Tirol befohlen wurde, als die österreichisch-ungarische Armee den feindlichen Heeren den Nordmarsch freigab, unmittelbar von Krieg, Brand und Verwüstung bedroht. Sie wußten sehr genau, was Krieg für ein Land bedeutete. Denn nicht die alten Bauern daheim auf Grund und Hof, sondern die jungen Bauernburschen, die schon im Kriege gewesen waren und selbst die Kriegsschrecken hinausgetragen hatten, die jetzt in München sich herumtrieben und nicht mehr hinaus wollten in die Kampfgräben, die Bauern im Soldatenrock trieben jetzt Politik, und zu ihnen sprach der blinde Bauernbündler Gandorfer. Von Anbeginn zeigte sich die revolutionäre Bewegung in Bayern radikal, bäurisch-bolschewistisch, ohne Zusammenhang mit den Vorgängen in Kiel, ohne Zusammenhang mit den Sozialisten der Reichshauptstadt. Auch in München standen die mehrheitssozialistischen Führer in vorsichtigem Abwarten erst abseits. Aber sie spürten Kommendes. Sie wollen sich nicht überraschen lassen.

»Wenn ich wüßte,« erklärte in der vierten Oktoberwoche der Schullehrer und Abgeordnete Hoffmann, ein Mehrheitssozialist vom radikalen Flügel, »wenn ich wüßte, daß der Umsturz unblutig verlaufen wird, würde ich selbst dafür eintreten. Es kommt was.«

Aber so schnell stieg in Bayern die Erregung der Massen, daß die Einigung zwischen den vorwärtsdrängenden unabhängigen Sozialisten und den Mehrheitssozialisten schon am 4. November angebahnt, wurde. Einen Tag später verpfändete Kurt Eisner »seinen Kopf dafür, daß München binnen achtundvierzig Stunden aufstehen werde«. Die unabhängigen Sozialisten Schröder und Unterleitner sprachen von der Schaffung eines Arbeiter- und Soldatenrates. Aus Versammlungen und Aufrufen waren die Forderungen nach neuen Freiheiten, nach dem Ende des Krieges täglich lauter, täglich stürmischer ins Land hinausgerufen worden. Aber die große Entscheidung für einen Umsturz in Bayern, die Entladung selbst brachte doch erst der Aufmarsch der Massen auf der Theresienwiese, zu dem in Übereinstimmung die Mehrheitssozialisten und die Unabhängigen Sozialisten am 7. November ihre Anhänger riefen.

Mehr als zwanzig Redner sprachen auf der Münchener Theresienwiese am Nachmittage des 7. Novembers zu den Massen. Ihre Erregung stieg, da die Sozialistenführer Kurt Eisner und Karl Gandorfer die Bauern und die Arbeiter zu revolutionärem Aufbruch und zur Tat aufriefen. Es blieb nicht bei den laut hinausgeschrienen Forderungen.

»Der Kaiser muß abdanken!«

»Fort mit den Wittelsbachern! Fort mit der Monarchie!«

Die Massen setzten sich in Bewegung. Soldatenhaufen, von aufrührerischen Unteroffizieren geführt, bemächtigten sich der Kraftwagen des auf der Theresienwiese gelegenen Autoparks. Sie fuhren in die Kasernen der Stadt. Dort wiederholten sich Reden und Rufe. Nur in der Kaserne König Max' II. war Widerstand gegen die Aufrührer vielleicht möglich. Aber der Kommandeur der Kaserne befahl, gegen die anrückende Menge, gegen die anrückenden Soldaten nicht zu feuern. Denn die Stadtkommandantur selbst hatte die Weisung erlassen: »Keinen Kampf!« Das Kriegsministerium besetzte ein Soldatenhaufen, der Maschinengewehre mit sich führte. Schon am frühen Nachmittag bestand im Ministerium die Sicherheit, daß die Revolution unaufhaltsam sei. Gegen die »Residenzwache« zogen Arbeiter, Soldaten, Frauen, Kinder. Sie kamen mit roten Fahnen. Noch in der fünften Stunde hatte sich der König von Bayern, wie alltäglich, zu einem Spaziergang in die Stadt begeben. Von einem Unbekannten gewarnt, war er ins Schloß zurückgeeilt, darin er sich jetzt fast allein befand. Nur der General von Kessel war noch da, aber alle königlichen Adjutanten fehlten. Indes die Massen mit den Posten der »Residenzwache« unterhandelten, ohne daß von beiden Seiten ein Schuß fiel, verließ der König unbemerkt die Hauptstadt. Er fuhr nach Wildenwart. Aber die Revolution schritt weiter.

In keiner Kaserne hatten die Offiziere schießen lassen. Soldatenräte traten noch am Abend zusammen. Nachts eilte der Sozialistenführer Eisner, begleitet von einer Schar Soldaten, die ihm in Automobilen folgten, in den Landtag. In kurzem Handgemenge fielen dort ein paar Säbelhiebe, aber die Parole des Aufstandes war: »Kein Blutvergießen!« Vielleicht war ein Feldwebel, der sich in der Kaserne den Aufständischen nicht fügen wollte, das einzige Todesopfer. Die bayerische Republik ließ Kurt Eisner am nächsten Morgen um die achte Stunde ausrufen. Die Proklamation mußten alle Zeitungen der Hauptstadt veröffentlichen. Um die gleiche Stunde traten die Soldatenräte im Landtag zusammen. Kurt Eisner übernahm das Ministerium des Äußern gleichfalls um acht Uhr früh. Er richtete sogleich seine Kanzleien ein. Er verhandelte mit den Mehrheitssozialisten über die Bildung einer Regierung. Ihr Hintergrund wurde der »Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrat«. Um die achte Abendstunde war das Kabinett gebildet.

Die bayerische Republik triumphierte. Die unabhängigen Sozialisten schlugen mit raschem Vorstoß, unbeeinflußt, unbestimmt durch den Fortgang der Ereignisse in der Reichshauptstadt, in wenigen Stunden die bayerische Monarchie in Trümmer.

 

Prinz Max von Baden hatte, sowie ihm das Ultimatum der Sozialdemokraten zugegangen war, sogleich, noch am Nachmittag des 7. Novembers den Vizekanzler von Payer und den Minister des Innern Drews zu sich gebeten. Einen Augenblick schien er ratlos.

»Was wollen wir nun tun? Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, daß der Kaiser und der Kronprinz bis morgen abdanken.«

Weniger beunruhigten den Kanzler die beiden ersten Forderungen des sozialdemokratischen Ultimatums. Er gab dem Innenminister Weisung:

»Politische Dinge können an sich zugesagt werden, unter der Voraussetzung, daß das Parlament zustimmt. Und was das Versammlungsverbot betrifft, so bin ich selbst gegen das Verbot.«

Kaum eine Stunde später tagte das Kriegskabinett. Die sozialistischen Staatssekretäre reichten, trotz der Auffassung des Kanzlers über das Versammlungsverbot, eben des Verbotes halber ihren Abschied ein. Die Versammlungen waren für die sechste Stunde angesagt, die Uhr zeigte halb sechs, die Angelegenheit regelte sich eigentlich von selbst. Der Kanzler verließ erregt den Sitzungssaal. Wenige Minuten später schickte er Nachricht aus seinem Kabinett, daß er seinen Abschied vom Kaiser telegraphisch erbeten habe.

Auf die sozialistischen Staatssekretäre machte die Mitteilung zunächst geringen Eindruck. Aber die Erregung, die Entrüstung des Vizekanzlers von Payer, des Ministers Drews, der Staatssekretäre Haußmann und Röder wurde zum Sturm. Sie riefen alle ihre Argumente durcheinander, sie alle drangen auf die Sozialisten ein:

Keine Regierung bestünde, wenn der Kanzler gehe – –

Der Staatssekretär Erzberger sei unterwegs; eben für die Regierung solle er einen Waffenstillstand abschließen.

Jeder Tag bedeute 10 000 Tote – –

Ob sie dies alles bedächten? Ob sie auch die Verantwortung tragen wollten?

Die sozialistischen Staatssekretäre wurden nachdenklich. Sie wollten ihren Rücktritt aus dem Kabinett wieder als nicht vollzogen und als nicht beantragt betrachten, wenn auch der Kanzler das Abschiedswort zurücknehme. Man wolle wieder weiterarbeiten. Bis zum Abschluß des Waffenstillstandes. Und nach außen verpflichte man sich zur Schweigsamkeit über den Vorfall.

Das Abschiedsgesuch des Prinzen Max war schon nach Spa gegeben worden. Dem Kaiser übermittelte der Chef des Zivilkabinetts Delbrück am späten Abend das Ultimatum der Sozialdemokraten mit der ersten Meldung der Kanzlerkrise. Freiherrn von Grünau rief gleich darauf die Reichskanzlei an. Der Kanzler hätte seine Demission eingereicht, als Begründung und Ergänzung werde eine zweite Depesche folgen. Von der Reichskanzlei aus sprach der Unterstaatssekretär Wahnschaffe. An den trockenen Tatsachenbericht fügte er den Ratschlag: der Kaiser solle sich die Entscheidung über das Abschiedsgesuch vorbehalten und zunächst solle der Kanzler die Geschäfte weiterführen.

In der Reichskanzlei formulierte der Reichskanzler nachts die Gedanken, die er als »Ergänzung« vor dem Kaiser ausgesprochen haben wollte:

Wenn die Abdankung unter dem Druck der Sozialdemokratie erfolge, so entstehe für Dynastie und Reich große Gefahr.

Andererseits bringe eine Regierung ohne oder gegen die Sozialdemokratie noch vermehrte Gefahr, die in Bürgerkrieg und Bolschewismus treibe.

Was der Kanzler durch Wochen angestrebt hatte, in umschreibender Andeutung, durch kommentarlose Unterbreitung der Berner Depesche des Fürsten Hohenlohe-Langenburg, was im Grunde der Minister Drews in Spa hatte erreichen sollen, was dann der Prinz von Hessen hätte vermitteln sollen, der Inhalt der Bitten an den Ersten Generalquartiermeister: der gleiche Inhalt strömte in den Schluß der Kanzlerdepesche als Suggestion eines Thronverzichtes aus eigener Entschließung.

Der Kanzler hatte damit gesprochen. Die Sozialdemokraten hatten es getan. Noch einmal wollten ihre Staatssekretäre vierundzwanzig Stunden warten. Das Wort war jetzt beim Kaiser.

 

Das Rücktrittsgesuch des Reichskanzlers lief, gleichzeitig mit dem als »Ergänzung« angekündigten Telegramm, bei Freiherrn von Grünau in Spa am achten Novembermorgen ein. Unverzüglich verlas der Freiherr beide Depeschen dem Kaiser am Telephon. Kaiser Wilhelm entschied das Bleiben des Kanzlers. Die »Suggestion der Abdankung« begriff er, doch wies er sie weit von sich. Damit die Regierung mehr Rückgrat gegen die Umsturzbewegung hätte, wolle er Truppen nach Berlin schicken. Die beiden Depeschen waren erledigt.

Nicht für den Freiherrn von Grünau. Er wollte die Meinung des früheren Staatssekretärs von Hintze hören, jetzt zu persönlicher Verwendung und ein vielgehörter Berater beim Kaiser, von dessen Zukunft er allerdings eine beklommene Vorstellung hatte. Die Auffassungen des früheren Staatssekretärs sahen Kaiser Wilhelms Stellung unhaltbar. Auch für den Kronprinzen wußte er keine andere Möglichkeit als Abdankung. Von Schritt zu Schritt hoffte er den Monarchen und den Thronerben zum Verzicht auf die Krone zu bringen. Mit ihm wollte Freiherr von Grünau noch beraten, aber kaum hatte Herr von Hintze, der außerhalb der Stadt wohnte, sein Kommen zugesagt, als den Baron die Reichskanzlei erneut an den Fernsprecher rief. Der Unterstaatssekretär Wahnschaffe verlas ein Diktat mit frischen Vorschlägen:

Der Kaiser solle das sozialdemokratische Ultimatum nicht annehmen. Sondern darüber hinaus zu folgender Entscheidung kommen: sobald die Waffenstillstandsverhandlungen abgeschlossen seien, sollten Neuwahlen zu einer Nationalversammlung ausgeschrieben werden, welche über die Neugestaltung der Staatsform beschließen solle. Bis dahin Bestellung eines Stellvertreters des Kaisers.

Wie immer der Reichskanzler die Lösung des Problems umschrieb oder die Formen der Austragung zu wandeln suchte: das Problem blieb, stündlich rückte es näher, stündlich drängender an den Kaiser und an seine nächste Umgebung. Wilhelm II. selbst hatte sich zu anderem Ausweg durchgerungen. Mittags entließ er – nach dem militärischen Vortrag im Generalstabsgebäude – den Ersten Generalquartiermeister mit dem Befehl:

»Das Heer muß kehrtmachen und gegen die Heimat marschieren. Bereiten Sie das vor!«

Aber weder dem früheren Staatssekretär von Hintze noch dem Freiherrn von Grünau erschien der kaiserliche Entschluß als das richtige Mittel einer Klärung. Aus allen Teilen des Reiches liefen eben die Nachrichten ein, daß die Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten fortschreite. Die Räte hätten im Westen und Süden, in den großen Städten an der Küste die Gewalt an sich gerissen. Noch einmal drangen die beiden Diplomaten in den Ersten Generalquartiermeister, daß er auf den Kaiser einspreche. Der General hatte als Soldat, wie viele andere Offiziere im deutschen Heere, über das Thema bestimmte Meinung gehabt: der Kaiser könne, der Kaiser müsse fallen, um Lösung und Beispiel zugleich zu geben. Aber die Zuspruchsbitte verweigerte er. Den Kriegsherrn zum Verzicht zu bewegen, wäre nicht seine Sache. Der Kriegsherr selbst verwies auf die Armee. Um der Armee willen dürfe er auf die Krone nicht verzichten. Den beiden Diplomaten blieb nichts, als die Weigerung dem Kanzler zu melden:

»Seine Majestät hat es völlig abgelehnt, auf die Vorschläge Eurer Großherzoglichen Hoheit einzugehen und hält es nach wie vor für seine Pflicht, auf seinem Posten zu bleiben.«

Kaiser Wilhelm berief sich auf die Armee. Der Abschluß des Waffenstillstandes stand vor der Tür. Schon auf der Rückfahrt von Berlin hatte General Groener, vom Zuge aus, an Marschall Foch einen Funkspruch über die Abreise der deutschen Kommission angeordnet. Und gestern morgen war die Antwort des französischen Marschalls eingetroffen, daß er die Abgesandten empfangen wolle. Der Kanzler hatte ihre Ernennung sofort vollzogen, und mit dem Staatssekretär Erzberger waren Graf Oberndorff, der General von Winterfeldt und der Kapitän zur See Vanselow mit ihrem Hilfsstabe am Mittag abgereist. Auf der Straße von Chimay nach Guise hatten sie bald darauf die Kampflinien überschritten: die Waffen selbst mußten bald ruhen – Heereskörper wurden frei, um ein Instrument zu schaffen, das im Reichsinnern wenigstens die Ordnung wieder herstellen konnte. Aber der Erste Generalquartiermeister sah die Verwendbarkeit des Heeres anders als der Kaiser.

Vor dem Generalfeldmarschall von Hindenburg und dem Generaloberst von Plessen, dem Kommandanten des kaiserlichen Hauptquartiers, schilderte und begründete er die Undurchführbarkeit des kaiserlichen Planes. Er wies auf die militärische Lage an der Front hin. Noch ruhten die Waffen nicht. Den Amerikanern war es bei dem von General Gröner gefürchteten Vorstoß von Verdun gelungen, auf dem Ostufer der Maas für ihre Vormarschkolonnen Raum zu erzwingen. Seine ganze Zusammensetzung und Verfassung machte das Heer unbrauchbar zur Bekämpfung revolutionärer Bewegung.

»Man kann nicht erwarten, daß Feldgrau gegen Feldgrau schießt, nachdem man vier Jahre lang Arm in Arm im Schützengraben gegen den Feind gestanden hat.«

Er sah nicht nur die Massen, die man vielleicht noch hatte. Er wollte das Seelische nicht übersehen, das sie ohne Zweifel bereits stärker bewegte als bedenkliche Befehle. Noch war eine Reihe guter Divisionen da. Sollten sie den Feind abwehren, so kämpften sie noch kurze Frist. Aber in der Atmosphäre der Heimat würden auch sie der revolutionären Einwirkung erliegen.

Es war ersichtlich, daß der Kaiser die ganze Lage verkannte. Nur so war sein Befehl zu verstehen, durch das Heer die Ruhe der Heimat zu erzwingen. Seine Überzeugung, daß ihm die Armee noch blindlings in allem Tun gehorchen würde, war die Überzeugung des Generalquartiermeisters nicht. Als nachts gegen zehn Uhr der Kriegsrat im Generalstab abschloß, waren die Berater einig, daß der Kaiser über seine veränderte Stellung im Heere aufgeklärt werden müsse. Der Generaloberst von Plessen fragte, ob die Aufklärung noch zur Stunde erfolgen müsse. Der Erste Generalquartiermeister verneinte. Am nächsten Morgen.

Zur Stunde aber, nachts gegen zehn Uhr, sprach der Kanzler Prinz Max von Baden – ohne daß der Erste Generalquartiermeister dies wußte – mit dem Kaiser. Was er seit Wochen bei sich herumgetragen, kummervoll mit solcher Berufung belastet, was er manchen Vertrauten des Kaisers hatte wissen lassen, nie unmittelbar ihn, sprach und forderte er zum erstenmal vom Kaiser selbst – ohne Verschleierung: Abdankung.

Aber der Kaiser antwortete schroff. Auch die Schärfe des Prinzen wurde unverhohlen. Das Gespräch ging eine Weile noch hin und her. Der Kaiser hängte ab. Und zu Freiherrn von Grünau:

»Wie kommt der Prinz dazu, mir so etwas nahezulegen?«

 

Den Legationsrat Freiherrn von Grünau rief kurz darauf der Unterstaatssekretär Wahnschaffe an den Apparat. Unbedingt müsse der Baron noch einmal die Abdankung verlangen. Aber der Kaiser wäre bereits zu Bett gegangen. Am nächsten Morgen wollte der Baron es versuchen. An den Berliner Apparat kam jetzt der Legationsrat von Prittwitz. Freiherr von Grünau ließ durch ihn den Kanzler um Entsendung des Vizekanzlers und des Justizministers bitten. Autoritäten seien nötig in Spa, wenn es zu dem Staatsakt der Abdankung käme. Der Prinz lehnte ab. Die Entsendung käme zu spät. Die freiwillige Thronentsagung müsse bis zum Morgen vorliegen.

Eine neue Meldung jagte hinter diesem Gespräch einher. Die Staatssekretäre Solf und Waldow sollten dennoch zu staatsrechtlichen Klärungen entsandt werden. Ihr Sonderzug nach Spa stehe bereit. Im Augenblick, da er rollen sollte, verweigerte dann wieder der Staatssekretär von Waldow die Abreise. Er vermochte es nicht, vor den Kaiser zu treten. Noch einmal wurde Freiherr von Grünau aufgeschreckt. Die Reise der Staatssekretäre wurde wieder abgesagt.

 

Zur Stunde aber, nachts gegen zehn Uhr, hielt in Berlin der preußische Ministerrat eine Sitzung. Im Reichstag war ein Reformprogramm aufgestellt worden. Seiner Besprechung galt der nächtliche Rat.

»Es ist jetzt halb zehn Uhr,« erklärte endlich der Innenminister Drews, »wir wollen die Sitzung vertagen. Morgen ist Generalstreik, blutige Unruhen sind zu erwarten.

Alles kommt darauf an, ob das Militär hält oder nicht. Hält das Militär, so können wir, wenn wir die Sache überschlafen haben, noch einmal in Ruhe überlegen. Hält das Militär nicht, so gibt es kein preußisches Ministerium mehr.«

Der Kriegsminister Scheuch fragte:

»Wie kommen Euer Exzellenz zu der Meinung, daß das Militär nicht halten wird?«

»Nach den Erfahrungen mit den Truppen, die im ganzen Reich gemacht worden sind, muß ich das bezweifeln. Aber ich wünsche, daß Sie recht behalten. Dann sehen wir uns morgen alle wieder.«

Die Sitzung des preußischen Ministerrates wurde abgebrochen. Aber in der Reichskanzlei liefen Arbeit, Rettungsversuche und Zwischenfälle weiter. Der Staatssekretär Solf stilisierte spät nachts noch einmal dringenden Appell an den Kaiser. Auf dem Schreibtisch des Kanzlers lagen drei Depeschen. Sie ergänzten die ersten Meldungen revolutionärer Erhebung in München, Braunschweig und Schwerin. Der König von Bayern und der Herzog von Braunschweig hatten abgedankt. Der Großherzog von Mecklenburg-Schwerin hatte die Forderungen des Arbeiter- und Soldatenrates anerkannt.

Der Staatssekretär schickte den Appell nach Spa. Der Kanzler meldete den Sturz der Staatshäupter.

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