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Das unabhängige Ungarn

Schlag auf Schlag war die Kunde vom Umsturz in Prag, vom Umsturz in Südslawien, vom vollendeten Umsturz aller Umwelt auch in die ungarische Hauptstadt gefallen: in achtundvierzig Stunden hatte sie – am 30. Oktober 1918 – das tausendjährige Reich König Arpads zerspalten, geborsten und verstümmelt gesehen. Der tschechoslowakische Staat nahm die Slowakei. Die Südslawen zerrissen die Union. Nationale Leidenschaften hatten sich in dem Königreiche, darin bis vor wenigen Tagen noch die Herrschenden jedes Nationalitätenproblem geleugnet hatten, mit übermächtiger Gewalt erhoben, sie hatten rasche, nicht mehr zu verlöschende Siege verkündet und gesichert: nur dies eine blieb von der jäh zerschmetterten, magyarischen Theorie, die den altgeheiligten Landesgrenzen »die Integrität« verbürgt hatte, daß jetzt der Nationalismus alle reinen Magyaren zusammenfaßte, daß der Nationalismus aus kleiner gewordenen Grenzen flammte.

Graf Michael Károlyis demokratische Weltauffassungen waren ihm verschwistert. Alle freiheitlichen Forderungen waren es, nach denen mit den Sozialisten die Radikalen schrien, nach denen mit den Radikalen – ihre Freiheitsbegriffe leuchteten vom russischen Osten auf – auch die alte ungarische »Unabhängigkeitspartei« rief. Den Massen in der Hauptstadt, den Bauern war Michael Károlyi der enthusiastisch angerufene Apostel der neuen ungarischen Seligkeit und der Weltseligkeit geworden. Der König begriff nicht, was das Volk sich wünschte, aber Graf Károlyi war ihm teurer als der König. Dem enttäuscht aus Wien Heimkehrenden, den der König noch in Budapest zum Ministerpräsidenten ernannt, dann eine Stunde später so angesprochen hatte, daß er selbst über seine Ernennung im Zweifel war, dem nicht ernannten Grafen Károlyi, den die ganze Hofgesellschaft nach Wien offenbar nur mitgenommen hatte, hastig in der Reisekappe und ohne Gepäck, damit er vor allem den angesagten Massenversammlungen in Budapest fern sei, dem Heimkehrenden hatten die Massen die Pferde ausgespannt. Sie hatten ihn in sein Palais gebracht. Von hellerleuchtetem Fenster dankte er, beruhigte er die über Nacht ruhelos Gewordenen:

»Ich bitte euch, um Gottes willen, im Interesse der heiligen Sache, die wir alle vertreten, darauf zu achten, daß die Ordnung nicht gestört werde. Wenn ihr mich nur ein wenig lieb habt, und ich hoffe das, dürft ihr nicht wünschen, daß ich Ministerpräsident werde. Ihr müßt von meiner Person absehen und nur das heilige Ziel im Auge haben. Ich hoffe, daß schon die allernächste Zeit uns den Frieden bringen, und daß alles sich zum Guten wenden wird.«

Längst waren die Massen durchtränkt von seinem Geist, von seinem Schrei nach Frieden, wenn man sich nur endlich von Österreich, von den militärischen Machthabern in Deutschland abkehrte, durchtränkt von seinem Ungarntum, das die Rechte der Nation in aller Welt geachtet, gesichert und unabhängig verlangte, wie es die Rechte der andern waren. Sie hingen an seinen Verheißungen kommender sozialer Reformen, die allen Menschen im neuen Ungarn ein menschliches Dasein bringen mußten, dem ärmsten Arbeiter und dem kleinsten Bauern, die er, Rebell aus uraltem Magnatenstamm, der »Coriolan seiner eigenen Rasse«, mit kranker, unebener Rede so unwiderstehlich zu verkünden wußte. Noch immer hoffte Graf Károlyi, daß die große ungarische Wandlung auf dem Gesetzeswege der Konstitution sich vollziehen werde, noch wartete er: leidenschaftlich als Pazifist und Umstürzler, der die Revolution von Blut und Waffen scheute. Selbst die Rufe wollte er nicht hören, die den König und sein Haus schmähten, da er aus seinem Palais zur Menge sprach.

Erzherzog Joseph war, auch für ihn, als »homo regius« bestellt, der im königlichen Auftrage das neue Kabinett begründen sollte. In der Ofener Burg gingen wieder, wie vor Tagen bei dem Kaiser, bei dem Erzherzog die Politiker ein und aus, Befragung löste Befragung ab, die Konferenzen schienen fruchtlos, selbst Graf Károlyi wurde gerufen, wie er sich doch noch seine Präsidentschaft dächte. Der ungarische Nationalrat war vor Tagen schon als feste Körperschaft, mit klar ausgesprochenem Programm begründet worden. Einem Kabinett, das die Forderungen des Nationalrates zu seinen eigenen Forderungen machte, wollte der Graf seine Gefolgschaft nicht weigern, auch wenn kein Mitglied des Nationalrates, auch er selbst nicht Minister würde. Der Erzherzog zauderte, er entschloß sich abermals anders, er atmete endlich auf, als Graf Joseph Hadik sich zuletzt, Tage nach der Rückkehr Károlyis, zur Kabinettsbildung entschloß. In allgemeinem Umriß versprach, ohne Fristansage der Erfüllung, das neue Kabinettsprogramm mancherlei Gewährung Graf Károlyischer Postulate. Aber schon hatte es den Anschein, als wäre die sofortige Erfüllung aller Zusagen gerade noch genug, um Gewaltsamkeit und Aufruhr auszuschalten, als wollten alle Fordernden die Erfüllung von den gefügig gewordenen alten Machthabern überhaupt nicht mehr: als kämen sie, selbst mit den geöffneten Händen, zu spät.

Schwere Gewitter hingen über der ungarischen Hauptstadt schon am vorletzten Oktobertage. Noch wußten die Massen nicht, was an bitteren Entschlüssen von den immer bedrängteren Lenkern der Monarchie von Stunde zu Stunde gefaßt werden mußte, daß der Kaiser an diesem Tage die Flotte hingab. Sie wußten nicht, daß in Pola und Cattaro die Revolte der Matrosen die Schiffe und Kommandanten bedrohte, daß der Ministerpräsident selbst an den Grafen Károlyi sich gewendet hatte, damit er die Aufrührer durch eine beruhigende Depesche vom Äußersten abhalte. Graf Károlyi hatte sein Eingreifen zugesagt, wenn der Ministerpräsident den Nationalrat als staatsrechtliche Institution anerkenne. Aber der Ministerpräsident hatte abgelehnt. Er bat wenige Stunden später den Grafen noch einmal, ehe »unermeßlicher Schaden entstände«, Abgeordnete zu den Matrosen zu entsenden. Wieder verlangte Graf Károlyi die Anerkennung des Nationalrates. Wieder lehnte der Ministerpräsident ab. Endlich reisten zwei Abgeordnete. An dem Vorwurf, Unabsehbares nicht verhütet zu haben, wollte der Graf keinen Anteil sich zusprechen lassen, auch wenn ihm noch die Anerkennung des Nationalrates versagt blieb. Aber wenn auch, was an Zeichen des Zusammenbruches sich stündlich zu mehren schien, der Menge nicht gleich und durchaus sichtbar wurde: die Erregung stieg von Augenblick zu Augenblick, das Fieber hielt längst die ganze Stadt, den entfesselten Ausbruch zeigte vielleicht schon die nächste Minute.

Alle Abende vorher schon, seit zehn Tagen, waren Frontoffiziere, die sich mit Befehl oder auch aus eigener Vollmacht und ohne Befehl in der Hauptstadt aufhielten, im Palais des Grafen Károlyi erschienen, ohne Ruf dazu, aus eigenem Antrieb hergelaufen, um dort die Anhänger der Károlyipartei endlich zu Taten anzuspornen:

»Warum zögert ihr mit dem Nationalrat?«

Der Nationalrat war begründet und ausgerufen worden: nun wollten die Frontoffiziere, die Arbeiterführer, die Linkssozialisten, die Studenten, von denen ein großer Teil Soldaten waren, ihn weiter vorwärts drängen. Sozialistisches Wollen mischte sich, verband sich unbewußt, ohne Grenzen auf vorerst gemeinsamem Kampfplatz, mit den Militärherrschaftsgelüsten national berauschter, demoralisierter, von der Front entlaufener Offiziere. Kein einzelner war, keine Gruppe in Budapest, zu der das Fieber nicht hinüberschlug. In den Umzügen seit der Rückkehr des Grafen Károlyi war die Polizei mit der Menge zusammengeraten. Die Menge hatte sie beschimpft, Opfer waren unter Säbelhieben gefallen, aber in erwachender Scham über den Kampf gegen das eigene Volk wollten die Polizisten nicht länger den Büttel tun. Sie schwankten in ratlosem Grübeln nur eine Weile über ihre Pflicht und Stimmung, die sie endlich an die Seite des Nationalrates drängte.

Der Oberstadthauptmann von Budapest stellte fest, daß seine Befehlskraft fast erloschen, die Befehlskraft des Nationalrates, der sie selbst noch nicht kannte und ermaß, sie ausgeschaltet hatte. Nicht nur die Schutzmannschaften wollten lieber zum Nationalrat stehen als zu Stadthauptmann und Regierung, ihnen schlossen die Postbeamten, die Telegraphenbeamten sich an. Unsicher war die Stimmung in der Stadt, in der sich 70 000 Deserteure umhertrieben, immer selbstbewußter, immer kühner gegen die Fahndungsstreifen des Stadtkommandanten Feldmarschalleutnants Baron Lukachich, ob er auch seine Strenge noch gestern, noch ehegestern unbarmherzig hatte walten lassen. Aber tausend Offiziere wollten, als die Agramer Ereignisse klar wurden, als die Nachricht von der Preisgabe der Flotte von Wien her am Abend durchsickerte, keine Stunde länger mit der Erfüllung ihres nationalen Begehrens warten. Sie zogen vor den Nationalrat um die sechste Stunde. Sie rissen sich die königlichen Rosetten von den Kappen, sie steckten die rotweißgrünen Kokarden an ihrer Stelle fest. Aus den Nebenstraßen strömte mit dem Kossuthlied, mit Zurufen auf die Republik, immer dichtere Menge herbei. Sie hatte Soldaten mitgebracht, die jetzt mit den Offizieren schworen, sie hatte »das freie, unabhängige Ungarn« hochleben lassen, hatte auf dem Marsche hierher alle Doppeladler und königlichen Wappen zerschmettert, die sie von den öffentlichen Gebäuden, von den Firmenschildern der Hoflieferanten riß. Voll wilder Erregung, dennoch in tiefer Stille, harrten alle vor dem Hauptquartier des Nationalrates, vor dem »Hotel Astoria«, der Ansprache des Präsidenten.

Vom Balkon des Hotels sprach Graf Károlyi. Durch die Herbstnacht rief er, im hellen Licht der Fenster, die Menge an. Die gerechte Sache der ungarischen Nation müsse siegreich sein binnen Stunden. Er grüße die Soldaten, die Offiziere, die staatlichen Beamten, die, gleich der Polizei der Hauptstadt, dem Nationalrat beiträten. Die Soldaten sollten schwören, das Vaterland in der Gefahr nicht zu verlassen. Bis zum letzten Blutstropfen müßten sie es verteidigen. Er schloß, unsicher in der Gewalt der Sprache, dennoch fortreißend durch Inhalt und Erscheinung, wie er mühsam für den Sieg der Massen kämpfte.

»Der Nationalrat erläßt morgen einen Aufruf an die Soldaten der Budapester Garnison, die aufgefordert werden, ihre Vertreter in den Nationalrat zu entsenden. Die Soldaten mögen sich an die Verfügungen halten, die der Nationalrat morgen ausgeben wird. Bis dahin möge das Militär die Ordnung und die Disziplin bewahren.«

Die Zurufe brausten zu ihm empor. Sie gingen im Hymnus unter, den die Menge sang. Die Offiziere rissen ihre Säbel aus der Scheide. Dem Nationalrat schworen sie den Eid der Treue.

 

Um die gleiche Zeit meuterte, zum Abmarsch an die Front bestimmt, ein Marschbataillon auf dem Budapester Ostbahnhofe. Es weigerte sich, den abfahrtbereiten Zug zu besteigen, machte kehrt und marschierte in die Stadt zurück, die Rakoczistraße hinunter. Die Menge schloß sich an, mit den Soldaten marschierten Frauen und Kinder, eine große Zahl von Zivilisten, die fast alle Gewehre trugen. An der Spitze des Bataillons schritt ein Kadettaspirant, den Säbel in der einen Hand, die Scheide in der andern, Scheide und Säbel hielt er hoch, denn ein Plakat mit grellen Lettern war an ihnen befestigt, Verse der Volksdichterin Varnai:

»Schieße nicht, mein Sohn,
Auch deine Mutter wird dabei sein!«

Militär und Masse schritten in Ekstase. Die Rakoczistraße hallte wider von ihren wilden Rufen. Der Zug wuchs und wuchs, irgendwer gab ein Ziel an:

»Zur Maria Theresien-Kaserne! Wir wollen unsere Brüder befreien!«

Die Kaserne war Militärgefängnis. Die Menge schlug die Richtung ein.

Am Elisabethring hielt sie. Hier wohnte der Feldmarschalleutnant Lukachich, der Stadtkommandant von Budapest. Die Menge schrie:

»Hier wohnt der Bluthund! Schießt ihn nieder!«

Soldaten und Zivilisten rissen ihre Gewehre hoch, das Feuer knatterte gegen Hauswände und Fenster: Sie schossen eine halbe Stunde unaufhörlich, ohne jemand zu treffen. Denn der General war nicht zu Hause. Der Marsch ging weiter. Aus einer Seitenstraße schlugen Trommeln und Trompetenstöße hallten herüber. Truppen kamen aus der Seitenstraße hervor. Sie schlossen sich, mit ihren Maschinengewehren, den Aufrührern an. Aber die Schreckensmeldung traf gleich darauf den Zug, daß alle Mannschaften der Maria Theresien-Kaserne gegen die Meuterer zogen. Kopflosigkeit kam unter sie, die zur Panik wurde. Irgendein Besonnener, auftauchend aus dem Unbekannten dieser Nacht und im Schutz der Unbekanntheit, riß die Führung an sich. Radfahrersoldaten kamen. Sie wurden angehalten. Sie wurden als Vorposten gegen die Kaserne geschickt. Sie brachten Tartarennachrichten zurück. Vor der Maria Theresien-Kaserne wären Maschinengewehre aufgefahren. Die Menge zog dennoch weiter. Es stellte sich heraus, daß beide Parteien Angriffe besorgten, daß beide sich für Ordnungstruppen hielten. Vom Nationalrat kam der bürgerliche Politiker Lovaszi, der Sozialistenführer Garbai, und zwischen den Lagern, von einer Droschke herab, hielten sie Reden. Der Menge, den Soldaten sprachen sie immer wieder zu:

»Nichts durch Gewalt!«

Dann dröhnte eine Stimme über die Menge hin:

»Gut. Wenn wir auch heute nach Hause gehen, so ist die Sache damit nicht erledigt. Dies ist die Errungenschaft: daß wir die Waffen haben!«

Ein anderer rief:

»Das eine will ich in euch einprägen: daß ihr die Waffen nie mehr aus der Hand geben sollt.«

Die Menge teilte sich und begann sich zu verlaufen. Viele eilten in das Haus des Nationalrates. Es war halb zwei Uhr nachts.

 

Vor dem Nationalrat hielt ein Student im Gehrock die Wache. Hunderte von Menschen drängten sich vor dem Hotel. Manchmal knatterten Schüsse auf. Dann fuhren Rufe der Panik durch die Menschen:

»Gendarmen kommen!«

Von den Mitgliedern des Nationalrates, die im Hotel versammelt waren, wußte niemand, was geschehen war. Sie übersahen das Steigen der eigenen Macht noch nicht, sie kannten die Stärke oder Schwäche der Regierung nicht. Das Nationalratsmitglied Kernstock schlug vor, daß er den Stadtkommandanten Lukachich aufsuchen wolle, um ihn zur Abdankung zu bewegen. Professor Oskar Jászi, Vertrauter und Berater des Grafen Károlyi, ein Sozialist und Demokrat mehr wissenschaftlicher Theorie als der Tat, ein Mann des Fortschrittes auf der Bahn gesetzmäßiger Entwicklung, fragte das Nationalratsmitglied Kunfi:

»Glaubst du, daß es heute zu einer Revolution kommt?«

Der Linkssozialist radikaler Färbung hatte Fühlung mit den Offizieren. Er mußte auch sie besser kennen als der Professor. Vielleicht wußte er genauer, was sie vorhatten. Aber seine Antwort war:

»Ich glaube nicht, daß es diese Nacht zur Revolution kommen wird. Noch ist es dazu nicht reif. Selbst wenn man Propaganda treibt.«

Der Stadtkommandant war zu Hause nicht angetroffen worden. Er hatte also nicht abgedankt. Junge Offiziere waren vor Stunden schon mit der Nachricht hereingestürmt, daß das Platzkommando mit Gewalt von den Aufständischen genommen sei. Aber dann war man wieder nachrichtenlos gewesen, in Todesstille. Von Zeit zu Zeit feuerten in den Straßen Maschinengewehre, dann schlug Alarm in den Nationalrat, daß General Lukachich mit seinen bosnischen Soldaten komme. Die größere Zahl der Nationalräte flüchtete, blass spann der Sozialistenführer Garbai sich in seine Gedanken ein, der Professor erklärte:

»Ich glaube, wir werden aufgehängt. Es ist eine Revolution ohne Vorbereitung.«

Der Sozialist Kunfi stimmte zu:

»Du hast Recht. Die jungen Kerle, die Offiziere, haben alles verdorben. So in eine Revolution hineinzustürzen!«

Sie legten sich wieder nieder, auf ihre Matratzen auf den Boden. Der Journalist Ludwig Magyar versuchte, die Stimmung zu heben. Der Journalist Keri war heiter, er rauchte Zigaretten. Sie alle hatten sich die Revolution, wenn es überhaupt dazu kam, um Tage später gedacht. Jetzt war es vielleicht vorbei.

»Wir sind verloren«, wiederholte der Sozialist Kunfi. »Wir haben keinen einzigen Soldaten. Mit einer Kompagnie kann man uns verhaften.«

Wieder wartete man. Schwer verstrich die Zeit, um drei Uhr kam eine Schar von etwa hundert Soldaten. Sie boten sich dem Nationalrat an. Graf Michael Károlyi erschien, die Gräfin im übergeworfenen Pelz begleitete ihn, bürgerliche Abgeordnete und Sozialisten kamen. Irgendwer hatte die Nachricht gebracht, daß die Regierung ohnmächtig vor den Ereignissen stehe. Sie stände ohne Truppen. In der Tat war der Augenblick so, daß weder die Regierung noch der Nationalrat über Soldaten verfügte. Von den hundert, die gekommen waren, marschierten dreißig Mann wieder fort. Sie wollten die Post, das Telephon, das Telegraphenamt besetzen. Alle Depeschen, alle Gespräche in der Stadt, im Lande, nach dem Auslande wurden gesperrt. Nur eine Nummer durfte rufen: der Nationalrat. Nur solche Depeschen durften fortgehen, die der Sozialistenführer Ladislaus Fenyes, der den Pressedienst beim Nationalrat leitete, oder sein Beauftragter genehmigte. Nach Wien, nach Berlin an Sozialistenblätter wurde eilige Nachricht gedrahtet:

»Die Polizei und die ganze Garnison Budapest haben sich dem Nationalrat angeschlossen. Die Truppen des Nationalrates haben alle Regierungsgebäude besetzt.

Károlyi.«

Auch die Besetzung der zweiten Budapester Telephonzentrale wurde versucht. Dort stand ein fremdes Bataillon, keine Ungarn, mit seinem Hauptmann, der auf Befehle wartete. Er wies die Besetzungsmannschaften ab. Er drohte, sie zu verhaften, wenn sie nicht wichen. Die Verständigung mit der fremden Mannschaft war nicht möglich. Die Überrumpelung mißlang. Der Hauptmann wartete weiter. Dann zog er, da keine Befehle kamen, in seine Kaserne ab.

Im Nationalrat verstrich die Zeit, ohne daß die Staatsgewalt sich meldete. Der Sozialist Kunfi schöpfte Mut:

»Wenn Lukachich bis fünf Uhr früh nicht da ist, so sind wir gerettet. Dann kommen die bewaffneten Arbeiter aus den Fabriken. Unsere revolutionären Organisationen wurden verständigt.«

Für den kommenden Morgen war Generalstreik angesagt. Für den Nationalrat – gegen den Krieg. 300 000 Arbeiter waren dann auf dem Marsch.

Um sechs Uhr morgens läutete das Telephon im Nationalrat. Von einer Kaserne wurde angerufen. Ein Regiment stellte sich zur Verfügung. Gleich darauf läutete es wieder. Ein zweites Regiment meldete sich. Der Apparat ging nunmehr unaufhörlich. Regiment um Regiment unterstellte sich dem Nationalrat – die Budapester Garnison ging über. In der nächsten Stunde waren die Truppen im Anmarsch. Die Kompagnien kamen mit Blumen an den Kappen. Sie trugen ihre Gewehre bekränzt. Auch die Arbeiter waren im Anmarsch. Sie defilierten und sangen. Mit den Soldaten, mit den Arbeitern kamen die Offiziere. Klar war, daß vor allem eine Militärrevolution sich erhoben hatte.

Noch wußte der Nationalrat, vor zwei Stunden ohne eine Kompagnie, keinen Ausweg, wohin er mit den ihm plötzlich gewordenen Truppen sollte. Ob er sie behalten, ob er sie entlassen sollte. Für die Mannschaften war keinerlei Verpflegung da. Schon kam eine Meldung, daß sie hungerten.

Der Schriftsteller Joseph Pogány erbot sich, für die Truppen zu sorgen. Der Graf ließ ihn gewähren. Der Vorstand der Volksspeisehäuser wurde geholt. Ihm befahl Pogány, die einzelnen Speisestellen in eine Stadtkarte rot einzuzeichnen. Er schrieb ihm mit Blaustift die Truppenzahl dazu, die dort sogleich zu verpflegen wäre. Die Truppen verteilte er zur Verpflegung durch die ganze Stadt. Er befahl, ihnen als erste Mahlzeit reichlich vom Besten zu geben. Die Stimmung der Truppen schien ihm das wichtigste.

 

Der letzte Oktobertag kam als ein voller Sieg herauf. Er war zwischen der sechsten und siebenten Stunde ganz entschieden. Von der Ofener Burg meldete sich um diese Zeit am Telephon Graf Hadik. Er müsse Graf Károlyi sprechen: im Augenblick. Dem Ministerpräsidenten wurde geantwortet:

»Károlyi ist kein Privatmann mehr, mit dem man so sprechen kann. Er kann nur im Namen des Nationalrates als dessen Präsident verhandeln.«

Überdies müsse der Graf zwei Nationalräte zur Besprechung mitnehmen. Er fuhr gegen neun Uhr, mit dem Professor Jászi und dem Nationalrat Kunfi, im Automobil zur Burg. Totenbleich stand im Vorhof Graf Hadik.

Der Erzherzog erwarte den Präsidenten des Nationalrates.

Der »homo regius« teilte mit, daß Graf Hadik seine Ministerpräsidentschaft, am Vortage erst angetreten, in die Hände des Erzherzogs wieder zurückgelegt habe. Er melde dem Grafen Károlyi auch seine Ernennung zum Ministerpräsidenten durch den König. Der neue Ministerpräsident solle sein Kabinett begründen. Graf Károlyi erfuhr seine Ernennung gleich darauf durch den König selbst. Er telephonierte mit ihm. Die Begleiter Michael Károlyis begaben sich zum Nationalrat zurück. Sie riefen die Nachricht vom Balkon herab:

»Der König hat Károlyi zum Ministerpräsidenten ernannt!«

Aber der Eindruck war gering. Rufe flogen zurück:

»Der junge Mann hat keinen Ministerpräsidenten mehr zu ernennen!«

Schmähungen wurden laut. Sie waren zum erstenmal offen, einheitlich und heftig:

»Weg mit den Habsburgern!«

In die Hand des Erzherzogs legte Graf Michael Károlyi, legten alle neuen Minister, auch die Sozialisten, ihren Treueid für den König. Aber der neue Ministerpräsident selbst schwankte, ob er die Entwicklung im Lande noch werde meistern können. Sein Volksprogramm hatte mit allen Vorrechten im Staate aufräumen wollen, die auf das breite Volk seit Jahrhunderten drückten. Viel hatte er sich vorgenommen: die Adelsprivilegien abzuschaffen, die Latifundien aufzuteilen, die Verwaltung der Komitate zu demokratisieren. Die Schule sollte reformiert, der Staat von der Kirche getrennt, die Güter der Kirche, »der toten Hand«, sollten eingezogen werden. Vor zwei Wochen wären die brennendsten Fragen der Demokratie vielleicht noch zu regeln gewesen, noch ohne Revolution, wenn die königliche Macht sich auf Michael Károlyis Seite geschlagen hätte. Nun war die Revolution dennoch ausgebrochen, anders als der Graf sie gewollt hatte. Eine Militärrevolution war heraufgekommen, vielleicht stand jetzt erst wieder ein Kampf mit den Offizieren bevor. Das Land war in Fieber und Erregung, vielleicht in naher Sturmzeit alles gefährdet, was der Graf sich als sein Programm zurechtgelegt. In der Hauptstadt hatten die Plünderungen da und dort schon gestern begonnen. Den Grafen Tisza streckten in der Stunde des ersten Ministerrates die Kugeln unbekannter Mörder hin. Der im Lande Verhaßteste, dem das Volk die Kriegsschuld gab, war gewarnt worden. Er hatte flüchten wollen, doch die Flucht verspätet. Auf dem Lande jagte die Bevölkerung die Stuhlrichter und Kommissare davon. Zu den Wirren im Innern kam die Unsicherheit der außenpolitischen Lage und der nationalen Probleme. Die Südslawen hatten sich von Ungarn getrennt. Aber kein Ungar glaubte noch, konnte noch an den Glauben sich gewöhnen, daß »die Integrität« wirklich ganz zerschellen werde. Der Ministerpräsident war vom Könige ernannt. Er, sein ganzes Kabinett war königlich. Niemand darin dachte daran, die Krone auch nur anzutasten. Schon die innere Lage, die nationalen Schwierigkeiten verboten das Aufwerfen von Fragen, die die Wirrnis noch mehr verwirrten. Auch wenn von der Straße her die Rufe nach der Republik laut wurden. Überall sah Graf Károlyi, endlich zur Macht gelangt, sein halbes Werk vertan. Oder nur unter schwierigsten Entwirrungen möglich. Vor Wochen noch hatte er ein neues ungarisches Volk von Bauern, Arbeiterschaft und Intelligenz gesehen. Auch unter dem König, wenn der König mit dem Volke ging. Aber nunmehr war alle Zeit, die Zeit der Entwicklungen ohne Entladung fast schon versäumt.

Dennoch wollte er an das Werk gehen. Er wollte sich abschließen, wollte nur für Ungarn leben und für Ungarn retten, was zu retten war. Auch Graf Károlyi glaubte, was sein Vorgänger Baron Weckerle, was Stephan Tisza von der vollen »Integrität« geglaubt hatten: daß die ungarische Insel unentdeckt, unangetastet im Ozean werde bestehen können, wenn die Ungarn nur erklärten, daß der Krieg für sie zu Ende war, daß sie von niemand mehr etwas wollten, daß sie lediglich für die eigene Insel lebten. Graf Károlyi hatte das Wilsonsche Programm der »vierzehn Punkte« angenommen. Ihm schien der erste nötige Schritt danach, daß er überhaupt und sofort die Truppen heimrufen müsse. Ungarn betrachtete er von dem Augenblicke, da er die Zustimmung zu den »vierzehn Punkten« aussprach, als gar nicht mehr im Kriege mit der Entente. Heimlich zweifelte er bisweilen, ob der Präsident der Vereinigten Staaten sein Wort erfüllen werde. Beklemmungen meldeten sich. Aber noch hoffte er. So erklärte er Ungarn für neutral. Was die Truppen betraf, so kämpften sie noch an fremden Grenzen. Sie sollten nicht dafür verbluten, daß die Italiener nicht südslawischen Boden beträten. Endlich brauchte er, ob er auch Pazifist war, alle ungarischen Soldaten, um das von Ungarn zu halten, was von Ungarn noch da war. Sein Kriegsminister, der Artillerieoberst Béla Linder, sandte den Befehl hinaus, der die Truppen zurückrief. Nicht nur die Volksstimmung schien ihm erbittert, weil die Truppen noch im Auslande standen: in Österreich. Weil sie dort standen, obgleich auch der Erzherzog die Heimkehr angesagt hatte. Die ganze Lage des neuen Kabinetts, nach innen, der Entente gegenüber und an den Landgrenzen, schien den Ministern unendlich erschwert, wenn nicht sofort der Befehl des Kriegsministers durchgeführt würde.

Schwierigkeiten schien, kaum daß das Kabinett vereidigt war, jetzt selbst der Nationalrat zu erheben. Den neuen Nationalitätenminister Professor Jászi, der am Vormittage des 2. November zur Besprechung drängender Fragen aus dem Ministerrat herüberkam, bestürmten die Nationalräte:

»Was ist das Programm der Regierung in der Frage der Republik?«

Der Nationalitätenminister erklärte:

»Die Regierung befaßt sich absichtlich nicht mit der Frage der Republik. Und sie wird es als verhängnisvollen Fehler betrachten, wenn sie aufgerollt wird.«

»Die Regierung hat keine Ahnung,« riefen die Nationalräte durcheinander, »was die öffentliche Meinung fordert. Sie kann sich nicht halten, wenn sie nicht in kürzester Zeit eine Erklärung in der Frage der Republik abgibt.«

Ehe der Professor in den Ministerrat zurückkehrte, suchte er den Vizebürgermeister der Hauptstadt Franz Harrar auf. Der Vizebürgermeister hatte alle Fabrikbesitzer, Hofräte, Bankiers gesprochen. Sie wunderten sich nur darüber, daß die Regierung noch bestehe. Die Republik sei unabwendbare Notwendigkeit. Aber der Ministerrat zeigte sich aufs tiefste bestürzt. Erbittert rief der radikale Sozialist Kunfi aus:

»Das ist ein hysterischer Einfall des Nationalrates! Ich dulde es nicht, daß unsere schwere Lage durch die Aufrollung der Königsfrage kompliziert wird!«

Der Ministerrat wurde unterbrochen. Jedes Kabinettsmitglied sollte seine Partei erforschen. Am Nachmittag trat noch einmal das Kabinett zusammen. Der Sozialist Kunfi berichtete:

»Ja, ich habe mich geirrt. Wir können keine Stunde mehr als Minister des Königs weiterregieren.«

Das Kabinett beschloß, sofort um seine Enthebung vom Eide zu bitten. Erzherzog Joseph wurde verständigt. Dem König beteuerte er, daß die öffentliche Meinung nach der Republik rufe. Unrettbar sei die Lage. Er bitte, die Minister zu entheben. Der König gab vorerst keinen Bescheid. Den Nationalitätenminister, der kaum eine halbe Stunde später auf Entscheidung drängte, fragte der Prinz:

»Und was beabsichtigt das Kabinett zu tun, wenn Sie die Enthebung bekommen?«

»Wir werden in den Nationalrat gehen und dort die Lage klarstellen. Weder die Regierung noch der Nationalrat hat die Befugnis, in dieser hochwichtigen Frage Entschlüsse zu fassen. Wir werden erklären, daß die Frage offen bleibt und bei den nächsten Wahlen zur Nationalversammlung auf der Grundlage des allgemeinen, geheimen Wahlrechtes entschieden werden wird.«

Die Miene des Erzherzogs drückte schwere Bedenken aus:

»Wird das klug sein? Wäre es nicht besser, schon jetzt die Republik durch den Nationalrat ausrufen zu lassen? Wird es nicht zu spät sein? Wird dies Zögern die öffentliche Meinung nicht zu sehr aufreizen? Wird es nicht zu neuen Kämpfen führen?«

Niemand sah in die Seele des Erzherzogs. Er hatte die Ungarn von der Front gerufen. Er wollte nichts als Ungar sein. Er wollte als »homo regius« dem apostolischen König die Herrschaft ordnen und sichern helfen. Niemand konnte sehen, ob er jetzt die Republik aus Besorgnissen selbst als königlicher Prinz verlangte, ob er's um Ungarns willen tat, oder ob er mit der Republik zunächst den König und Vetter stürzen wollte, damit er Raum schaffe für ein neues ungarisches Königtum, das bald die Republik stürzte.

Graf Károlyi selbst trat gleich darauf vor den Erzherzog, damit der Entscheid des Königs beschleunigt werde. Ihm schlug der Erzherzog vor, daß er ihn vom Eid entbinden wolle.

»Das können Sie gar nicht.« Graf Károlyi lehnte ab. »Das muß der König selber tun. Entweder ich werde vom Eid enthoben, dann gut. Wenn ich nicht enthoben werde, dann gehe ich sofort.«

Die Auffassung des Grafen Károlyi war, daß es eine andere Lösung als die Enthebung gar nicht gab. Gewaltsamster Umsturz stand sonst vor der Türe:

»Der Kaiser ist seines Lebens nicht sicher« – –

Der Erzherzog sprach mit dem Kaiser. Auch Graf Károlyi wurde gerufen. Das Königtum müsse nicht verloren sein. Nur durch Beruhigung im Augenblick könne er, der Ministerpräsident, die Krone vielleicht für späteren Zeitpunkt retten. Die Antwort des Kaisers schien dem Grafen schroff, kurz, ungnädig.

Der Kaiser war in die Ereignisse in der österreichischen Hauptstadt, in hundert Ereignisse verstrickt. Er entband das Kabinett Károlyi seines Eides. In Schönbrunn erwartete er um diese Zeit die Vertreter des deutschösterreichischen Staatsrates.

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