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Padua und Schönbrunn

Vor Tagen hatten österreichisch-ungarische Parlamentäre bereits versucht, Verhandlungen mit dem Gegner anzubahnen. Die Mitglieder der Waffenstillstandskommission, die am 5. Oktober schon einmal in Trient sich versammelt hatte, aber nach unfruchtbaren Vorarbeiten am 23. Oktober wieder auseinandergegangen war, hatte der Ruf des »Armeeoberkommandos« am 28. Oktober abermals nach Trient geholt. Ihr Haupt war Viktor Weber, Edler von Webenau, ein in den Balkankämpfen der Monarchie verdienter General, bei dessen Vorposten einst der König von Montenegro die Bitte um Waffenstillstand hatte abgeben lassen, worauf von dem General, über Auftrag des Kaisers Franz Joseph, mit dem König verhandelt worden war. Oberst Karl Schneller, in den ersten Kriegsjahren der Chef der italienischen Abteilung im Generalstabe, mit allen Einzelheiten des südwestlichen Kriegsschauplatzes vertraut, einst der Überbringer österreichisch-ungarischer Angriffsgedanken gegen Italien an das verbündete »Große Hauptquartier«, mit ihm Oberstleutnant Viktor Freiherr von Seiller, vor Kriegsausbruch der Militärattaché der Botschaft in Rom, ein Mann vermittelnden Taktes, zu Hause in diplomatischer Technik, endlich der junge, das Italienische beherrschende Generalstabshauptmann Camillo Ruggiera waren jetzt die wichtigsten Helfer des Generals, der selbst der Sprache des Gegners nicht mächtig war. Als Ungar stand ihm, bewegter von den Vorgängen in der ungarischen Hauptstadt als von dem Schicksal der in Nationen zersplitternden alten Armee, der von Leidenschaftlichkeit wenig entflammte Oberst von Nyekhegyi zur Seite. Über das Schicksal der Flotte sollte der zurückhaltende Fregattenkapitän Prinz Lichtenstein, vor dem Kriege österreichisch-ungarischer Marineattaché in Italien, und Korvettenkapitän Zwierkowski mitberaten, der Korvettenkapitän noch mit den Erinnerungen aus dem Anfang des gleichen Jahres, da er im Stabe der Unterhändler von Brest-Litowsk den Russen gegenübergesessen. Der Befehl des »Armeeoberkommandos« verlangte, daß die Mitglieder der Kommission so schnell wie irgend möglich die italienischen Linien überschritten. Auf Einstellung der Feindseligkeiten vor allem sollte gedrängt werden. Der Waffenstillstand selbst könne auch später geschlossen werden.

Gegen solche Spaltung legte Oberstleutnant Baron Seiller Verwahrung ein. Auch hielt er es für glücklicher, die erste Verständigung an den Gegner, um Zeit zu gewinnen, statt durch Parlamentäre durch ein Radiogramm gelangen zu lassen. Die von dem Freiherrn entworfene, von General Weber dem »Armeeoberkommando« unterbreitete Depesche lehnte der Chef der Operationsabteilung Baron Waldstätten in Baden ab. Er scheute den unvermeidlichen Einblick der Truppen. So überschritt, von Fahnenträger und Trompeter begleitet, der Generalstabshauptmann Ruggiera am 29. Oktober, um 5 Uhr morgens, die österreichisch-ungarischen Linien südlich Rovereto. Offizier, Fahnenträger und Trompeter marschierten in der Richtung auf Serravalle. Italienische Maschinengewehre eröffneten, da die Gruppe sich dem Riegel von Serravalle näherte, auf die Ankommenden das Feuer. Der Fahnenträger, von den ersten Schüssen verwundet, brach zusammen. Das Feuer wurde gleich darauf eingestellt. Der Kommandant der 26. italienischen Division, von der Annäherung der Parlamentäre unterrichtet, gab um 8½ Uhr den Befehl, daß die Ankömmlinge bis zum Eintreffen näherer Weisung vor Serravalle verharren müßten. Aber dem Kommandanten der Riegelstellung hatte der Parlamentär schon sein Schriftstück vorgewiesen:

»K. u. k. 10. Armeekommando.
Op. Nr. 8313.

LEGITIMATION
für den
Hauptmann des Generalstabskorps, ›Camillo Ruggiera‹, mit zwei Mann, welcher hiermit ermächtigt wird, ein Dienststück des Generals der Infanterie Viktor Weber, Edler von Webenau, gerichtet an die italienische Oberste Heeresleitung, bei den italienischen Linien nächst Serravalle im Etschtal zu übergeben und sodann beauftragt ist, die Antwort der italienischen Heeresleitung in Rovereto abzuwarten.

K. u. k. Armeekommando.
Freiherr von Krobatin.
Camillo Ruggiera, Ghm.«

Der Kommandant der Riegelstellung hatte den Generalstabshauptmann daraufhin über seine Linien eintreten lassen, der Verwundete wurde nach dem nächsten Hospital, der Hauptmann nach Avio in einem kleinen Motorwagen gebracht. Schon in Santa Margherita erwartete ihn auf Befehl seines Armeekommandos der Befehlshaber der 26. italienischen Division. Divisionär und Generalstabshauptmann fuhren nach Avio weiter. Der Hauptmann entledigte sich seines Auftrages:

»Er melde eine Abordnung an, die vom Oberkommando des K. u. k. österreichisch-ungarischen Heeres entsandt sei, um über sofortigen Waffenstillstand zu verhandeln. Sie befinde sich bereits in Rovereto.«

General Webers Dienststück wurde unverzüglich dem italienischen Armeekommando zugeschickt. Die Antwort empfing Hauptmann Ruggiera – er war ermächtigt, die Siegel selbst zu lösen – in der zehnten Abendstunde:

»Italien fühle sich nicht verpflichtet, über einen Waffenstillstand zu verhandeln. Es könne nur jene Bedingungen bekanntgeben, unter denen ein Waffenstillstand zu schließen wäre.«

Der Hauptmann erwiderte an Ort und Stelle. Er wiederholte das Verlangen, Verhandlungen zu beginnen. Sein Schreiben ging fort. Aber das italienische Oberkommando befahl durch Fernsprecher, erst am nächsten Morgen um 8 Uhr 40 Minuten, dem Hauptmann mitzuteilen:

»Das Oberkommando bedauert, dem Ersuchen des Generalstabshauptmannes im Kaiserlichen und königlichen österreichisch-ungarischen Heer Camillo Ruggiera nicht nachkommen zu können, sondern verlangen zu müssen, daß die Antwort durch den General der Infanterie Viktor Weber, Edler von Webenau, selbst erfolge, an den das Schreiben vom 29. Oktober gerichtet war. Ferner daß die Antwort authentifiziert werde durch den beglaubigten Vertreter des Oberkommandos des Kaiserlichen und königlichen österreichisch-ungarischen Heeres.«

Hauptmann Ruggiera mußte aufbrechen. An seine vorgesetzte Befehlsstelle meldete der italienische Divisionär:

»An das Kommando des 29. Armeekorps.

Vor seiner Abreise ersuchte der österreichische Parlamentär, das Feuer auf Rovereto und, wenn möglich, auf die Straße von Rovereto nach Serravalle zu vermeiden, um der österreichischen Kommission Zeit und Möglichkeit zu geben, an unsere Linien heranzukommen. Ich melde dies pflichtgemäß und frage an, welche Dispositionen sich das Kommando für diesen Fall vorbehält.

General Battistoni.«

An das Kommando des dritten Bataillons des 36. Infanterieregiments kam die Antwort:

»Auf Befehl Seiner Exzellenz des Armeeoberkommandanten teile ich mit, daß im Falle des Erscheinens der eben angekündigten Parlamentäre ihre Annäherung dem Divisionskommandanten und Armeekorpskommando ohne Umweg gemeldet werden soll. Es wird für die Entsendung eines Offiziers sorgen, um mit Parlamentären zu verhandeln. Dem heute in Freiheit gesetzten österreichischen Hauptmann wurde mitgeteilt, daß die Parlamentäre, wenn sie beim Casello T. eintreffen sollten, dort unseren Bevollmächtigten zu erwarten haben, der sie empfangen wird. In Erwartung dieses vom Korpskommando entsandten Offiziers darf niemand seinen Posten verlassen. Jeder hat so auf seinem Posten zu bleiben, daß die Parlamentäre, wenn sie herübergeführt werden, keinen Neugierigen sehen oder hören können.

Vom Korpskommando:
Maggiore Bergonzi Angelo.«

Indes eilte Hauptmann Ruggiera zu den Mitgliedern der Kommission zurück.

 

Sie hatte in Rovereto ihre Zeit mit dem Entwurf von Reden verbracht, die vor dem Gegner gehalten werden sollten, oft in solcher Arbeit von den unruhigen Anfragen des »Armeeoberkommandos« unterbrochen, das auf Beschleunigung drängte und nach den von Hauptmann Ruggiera erzielten Ergebnissen sich erkundigte. Da seine Rückkehr sich unabsehbar zu verzögern schien, überhaupt sein Schicksal unbekannt war, befahl schließlich am Vormittage des 30. Oktobers der Kaiser:

»unbedingt als geschlossene Kommission die Linien zu überschreiten.«

Am Mittag um 1 Uhr kehrte Hauptmann Ruggiera zurück. Er hatte nichts erreicht. Als Parlamentär entschloß sich nunmehr General Weber selbst, als Fahnenträger, die sich ablösten, Oberst Schneller und Oberstleutnant Freiherr von Seiller, zu den Italienern zu gehen. Wieder sollte ein Trompeter sie begleiten.

Über den Bahndamm, vier Kilometer weit von Rovereto gegen Serravalle, schritten die drei Offiziere auf die feindlichen Linien zu. Sie marschierten längs der Etsch, es war die sechste Stunde beginnender, dunkler Herbstnacht, das Feuer der Italiener hatte aufgehört. In die Stille drang die alte, schmetternde Fanfare des österreichisch-ungarischen Generalmarsches, den der Trompeter unablässig bließ. Von den feindlichen Bergstellungen, von Talpina und vom Cornale, blinkten Scheinwerfer auf. Sie vereinigten ihr grelles Licht auf dem Bahndamm, auf dem die vier in Tageshelle schritten. Die italienischen Trompeter nahmen in ihren Linien das Signal ab, die Trompetenstöße klangen langgedehnt allmählich von Graben zu Graben auf. Einmal fielen flüchtig ein paar Schüsse. Sie kamen von rückwärts, sie verhallten. Westlich der Etsch stand die im italienischen Heere dienende »Tschechoslowakische Brigade«. Flüche gellten zu den Offizieren herüber, die endlich vor den italienischen Hindernissen standen. Sie wurden angerufen, ein italienischer Generalstabsmajor kam zu ihnen. Höflich teilte er seinen Auftrag mit: niemand über die Linie zu lassen, vielmehr nur Briefe an das italienische Kommando zu übernehmen. Dann müsse er die Parlamentäre wieder zurückschicken.

Baron Seiller versuchte sofort, den Major zu überreden. Ein General der Infanterie stände hier, von zwei Generalstabsoffizieren begleitet. Der General selbst sei der Träger der Antwort an das italienische Oberkommando. Der Major solle unverzüglich telephonieren. Es handle sich um eine große Angelegenheit, um ein offizielles Ansuchen um Waffenstillstand. Der Major könne selbst Kenntnis vom Inhalte des Schreibens nehmen. Baron Seiller begann, das Schriftstück aus dem Futteral zu lösen. Keine weiteren Ausflüchte sollte darum der Major gebrauchen.

Der italienische Offizier ließ seine Laterne über die Vollmachten gleiten. Und ging, um zu telephonieren. Fünf Viertelstunden verstrichen, General und Generalstabsoffiziere warteten auf dem Bahndamm. Dann wurden sie hinübergelassen. Ein Auto mit verhängten Fenstern brachte sie nach Avio. In der Villa des 26. Divisionskommandos warteten und begrüßten sie in feierlicher Form der Divisionär, sein Generalstabschef, der Stab in Reih und Glied. Ein Oberst, den das italienische Korpskommando entsandt hatte, wünschte die Vollmachten zu sehen. Er begab sich, nachdem dies geschehen, sogleich zu seinem Kommando zurück. Um 5 Uhr morgens wurden die Parlamentäre verständigt, daß der Rest der Waffenstillstandskommission aus Rovereto nachkommen dürfe. Vier Stunden später überreichte – wieder vor der Riegelwache von Serravalle – ein deutscher Offizier ein Schreiben:

»Großes Hauptquartier, 2. Oktober 1918.
Chef des Generalstabes des Feldheeres.
M. I. Nr.

VOLLMACHT.

Der unterzeichnete Königlich Preußische Generalfeldmarschall, Chef des Generalstabes des deutschen Feldheeres, Paul von Beneckendorff und Hindenburg, beauftragt mit der Obersten Leitung der deutschen Landstreitkräfte, bevollmächtigt hierdurch den Oberst Freiherrn Schäffer von Bernstein, seine Vertretung bei den Waffenstillstandsverhandlungen zwischen Österreich-Ungarn und Italien zu übernehmen.

Von Beneckendorff und von Hindenburg.«

Der Rest der österreichisch-ungarischen Kommission traf in Avio am Mittag ein. Dem deutschen Bevollmächtigten verwehrte das italienische Oberkommando die Mitverhandlung. Oberst Baron Schäffer versuchte es noch einmal. Aber das italienische Oberkommando blieb bei seiner Weigerung. Es befahl dem Kommando des 29. Armeekorps:

»Lassen Sie den deutschen Bevollmächtigten zu den Vorposten zurückgeleiten, und teilen sie ihm zugleich mit, daß das italienische Oberkommando ihm zur Stunde keine andere Mitteilung zu machen hat als die von gestern abend. Wenn das italienische Oberkommando auf Grund einer Nachricht von den eigenen Verbündeten dem Baron Schäffer von Bernstein Mitteilungen zu geben haben sollte, so wird sie ihm diese durch irgendein Mitglied der österreichisch-ungarischen Kommission übersenden.

General Diaz.«

Die österreichisch-ungarische Kommission reiste über Vicenza nach Padua. In Vicenza sah sie alle Häuser beflaggt. In den Straßen drängte sich die Menge. Viele französische und amerikanische Soldaten mischten sich fremdartig in die Stadt. Überall auf dem Wege machten die Truppen den Eindruck ausgezeichneter Haltung. Nirgends wurden die Parlamentäre erkannt. Sie sollten nirgends erkannt werden: man hatte sie gebeten, ihre Kappen, solange sie durch die Stadt fuhren, abzunehmen. Die geschlossenen Autos hielten endlich vor der Villa des Senators Giusti del Gardino. Sie lag zwischen Padua und Abano Ferme, ein Haus für die Gäste des Armeeoberkommandos. Die Abgesandten der Alliierten, der König hatten darin gewohnt. Hier war der Schauplatz der Verhandlungen, die General Weber sogleich zu eröffnen bat. Aber das italienische Oberkommando lehnte ab. Es wandte sich in dieser Nacht erst an den Obersten Kriegsrat in Versailles. Es schützte die Ermüdung der Parlamentäre vor. Um 10 Uhr abends wurde dem General Weber gemeldet, daß am nächsten Morgen der Sous-Chef des Generalstabes als Vorsitzender der italienischen Waffenstillstandskommission die Bedingungen überreichen werde.

Die mitgebrachten Reden der Kommission wurden fortgelegt.

 

Wie die Ansage war, versammelte sich am 1. November, vormittags 10 Uhr, im großen Saale der Villa Giusti die italienische Waffenstillstandskommission. Eine Eskadron Lancieri marschierte auf. Generalleutnant Pietro Badoglio trat ein, der Eroberer von Görz, am Ärmel neun goldgestickte Kronen, denn neunmal war er, vielleicht der fähigste und glänzendste General des Königreichs, außer der Reihe schon befördert worden. Er überreichte die Waffenstillstandsbedingungen. Und fügte hinzu:

Die Niederschrift stelle nicht den Originaltext dar, sondern lediglich die während der Nacht durch Hughestelegramm aus Versailles übermittelte italienische Übersetzung, die dort der italienische Verbindungsoffizier angefertigt hätte. Bis auf Kleinigkeiten sei sie in der Tat identisch mit dem französischen Original. Die Bedingungen wären von den österreichisch-ungarischen Bevollmächtigten anzunehmen oder abzulehnen. Verhandlungen über sie seien ausgeschlossen. Er bitte, ihn zu verständigen, wenn die Bevollmächtigten zur Annahme bereit seien.

Dann werde er mit seiner Kommission wiederkommen, um eine solche Erklärung entgegenzunehmen.

Er übergab noch die Vollmachten der italienischen Kommission, die sieben Köpfe zählte, wie die Abordnung des Generals Weber. Alle Vollmachten hatten gleichen Wortlaut. Generalleutnant Badoglio zog sich mit seinen Offizieren zurück.

 

Noch von Rovereto aus hatte sich die österreichisch-ungarische Kommission an das »Armeeoberkommando« mit der Bitte um Richtlinien gewendet, wie weit sie in der Annahme der Bedingungen gehen dürfe. Am Vormittag des 30. Oktobers hatte das »Armeeoberkommando« seine Bevollmächtigten berechtigt, »alle Bedingungen anzunehmen, insoweit dadurch nicht die Waffenehre tangiert wird und unseren Verbündeten kein Schaden erwächst«.

Jetzt las die Kommission den Wortlaut der Bedingungen und fand sie unannehmbar. Nicht nur, daß das Heer bis auf zwanzig Divisionen der Friedensstärke entwaffnet und hinter die Demarkationslinie der Drau und Donau zurückgezogen werden sollte. Artillerie, Kriegsschiffe, Bahnen, alles mußte dem Gegner ausgeliefert werden. In höchster Erregung berieten die Bevollmächtigten. Der Vorsitzende General Weber beschloß, die Entscheidung des »Armeeoberkommandos« anzurufen. Die beiden Seeoffiziere erklärten, daß sie dem Flottenkommandanten Admiral von Horthy den Antrag unterbreiten wollten, in kühnem Handstreich sich mit der Flotte nach Spanien durchzuschlagen. Generalstabsoberst Schneller reiste ab, um von Trient aus mit dem »Armeeoberkommando« zu sprechen. Schwer erschüttert schienen die Nerven des Hauptmanns Ruggiera. Er schloß sich dem Obersten an, als er gegen 2 Uhr nachmittags von Villa Giusti abfuhr. Den Abreisenden verweigerte ein Offizier den Gruß. Er wurde sofort bestraft.

Unverzüglich gab Oberst Schueller die Meldungen des Generals von Weber von Trient aus an das »Armeeoberkommando« weiter, zugleich den Inhalt der italienischen Übertragung der Bedingungen. Er sagte dem »Armeeoberkommando« das Nachfolgen des Originaltextes an, die Übermittlung sei nicht vollständig, denn die Durchführung der Bestimmungen werde von den Italienern noch bearbeitet. Von General Baron Waldstätten erbat er bei seiner Meldung – am 2. November, halb ein Uhr morgens – schleunigste Anweisungen für General Weber. Aber vierundzwanzig Stunden verstrichen: General Baron Waldstätten konnte zwischendurch nur vertrösten, nichts entscheiden. Der Chef des Generalstabes befände sich beim Kaiser in Schloß Schönbrunn. Mit dem Staatsrat werde dort verhandelt.

 

Der Kaiser hatte auf die Waffenstillstandsbedingungen seines Gegners in größter Unruhe gewartet. Die schweren Erschütterungen seit dem Aufenthalt in Gödöllö, um die ungarische Wirrnis zu klären, der ungeheure Umschwung seit drei oder vier Tagen, die alles zertrümmert, alles Denken, alles Bestehende umgeworfen hatten, die sich überstürzenden Ereignisse, die nur einzuordnen, unsagbare Mühe war, hatten ihn rastlos, ratlos, schlaflos gemacht. In all den anrollenden Erlebnissen, die er selbst ins Rollen gebracht, stand er jetzt blass, ergraut seit wenig Wochen, inmitten neuer, ungekannter Mächte mit dem ersten Gefühl, daß er selbst auch machtlos werden könnte. Endlich hatte ihm der Chef des Generalstabes die Bedingungen von Villa Giusti gebracht. Vom Feldzug auf Asiago bis Padua, vom strahlenden Glanze der Isonzoschlachten, vom Durchbruch von Flitsch und Tolmein, der ihm anders scheinen mochte als die Schlacht von Vittorio, war ein weiter Weg bis heute. Aber der Kaiser rief Minister, Generalstabschef und zugeteilten Admiral, um sogleich über die Bedingungen zu beraten.

Der Chef des Generalstabes Baron Arz besaß die Überzeugung: keinesfalls mehr konnte der Krieg fortgeführt werden. Er sprach die Überzeugung aus, aber keiner der Beratenden wagte, sich für die Annahme der Bedingungen – furchtbar wie sie waren – zu erklären. Ein Minister wandte ein, daß die Meinung auch des Staatsrats gehört werden sollte. Man beschloß, den Staatsrat für die zweite Nachmittagsstunde nach Schönbrunn zu bestellen. Der Kaiser hob die Beratung auf, er empfing den deutschen General Cramon, um auch ihm die Waffenstillstandsbedingungen bekanntzugeben. Schweigend hörte sie der General. Er wolle sich mit der »Obersten Deutschen Heeresleitung« in Verbindung setzen. Dann sollte er, wenige Stunden danach, vor dem Kaiser noch einmal erscheinen.

Der Staatsrat konnte um die zweite Stunde in Schönbrunn noch nicht versammelt sein. Sieben Mitglieder wurden gesucht. Die Stunden verrannen, ehe sie gefunden wurden. Noch einmal wollte der Kaiser sich vergewissern, ob die Auflösung der Heere wirklich so weit war, daß kein anderer Ausweg blieb, als Annahme der Bedingungen: von Baden aus sprach die Operationsabteilung unablässig mit den Generalstabschefs der Armeen. Unaufhörlich beschäftigten den Kaiser Pläne und Möglichkeiten, durch Zugeständnisse an jede Nation in irgendeiner Form wenigstens das Reichsganze zu erhalten:

»Die Nationalstaaten Österreichs und der südslawischen Länder werden sich eigene Armeen bilden.

Die zur Durchführung der Umwandlung in nationale Armeen nötigen bisherigen militärischen Stellen bleiben zum Zwecke der vollständigen Übergabe aller Agenden an die Nationalregierungen vorläufig bestehen, das AOK. so lange, bis die Armee im Felde in die Heimat rückverlegt ist.

Alle Militärpersonen, und zwar jene des Hinterlandes sofort, jene der Armee im Felde nach ihrer Rückkehr in die Heimat, haben ihren vorgesetzten Kommandos zu melden, in welcher der zu bildenden Nationalarmeen sie einzutreten gedenken.

Wird zum Eintritt in eine Nationalarmee die Ablegung eines Gelöbnisses gefordert, so gestatte ich die Ablegung dieses Gelöbnisses.

Karl.«

Er unterzeichnete den Erlaß. Alles wollte er zugestehen. Der Chef des Generalstabes gab das Schriftstück weiter. Der Kaiser erwartete den Staatsrat, dessen Ankunft nunmehr angesagt war. Aber in die letzten Erwägungen, wie er ihn zur Mitverantwortung an der Annahme der Waffenstillstandsbedingungen bewegen könne, schrillte plötzlich das Telephon. Der ungarische Kriegsminister Linder meldete sich von Budapest her. Der Kaiser gab das Hörrohr an Baron Arz:

»Sprechen Sie mit ihm!«

Der Chef des Generalstabes sprach in das Telephon:

»Ich kenne keinen ungarischen Kriegsminister. Ich kenne nur einen königlich ungarischen Kriegsminister.«

Aus Budapest kam die Antwort zurück: es spräche ja der königlich ungarische Kriegsminister. Er fordere die sofortige Anerkennung seines Befehls, die ungarischen Truppen heimzusenden. Der Kriegsminister schrie ins Telephon:

»Ich gebe dem Kaiser fünf Minuten Zeit!«

Der Chef des Generalstabes lehnte ab. Um 1 Uhr 45 hätte er den Befehl an die Front geleitet, die Forderung den Truppen nicht bekanntzugeben. Der Kriegsminister wurde immer erregter. Der Chef des Generalstabes hörte neben ihm flüstern. Der Kriegsminister sprach kurz, abgehackt, wie nach Diktat. Allerdings führte Béla Linder das Gespräch in Gegenwart des Ministerpräsidenten Grafen Károlyi.

»Es handelt sich um die Dynastie«, rief er dem Generalstabschef zu. »Jawohl: um die Dynastie! Die Königin soll ans Telephon kommen. Ich will die Königin sprechen!«

Die Kaiserin war aus dem Nebenzimmer eingetreten, aber sie wehrte durch eine Geste ab. Baron Arz rief zurück:

»Die Königin spricht nicht mit Ihnen!«

Er hängte ab. Der Zwischenfall verwischte sich. Denn der Staatsrat wurde gemeldet.

 

Der Staatsrat kam die breite Treppe herauf, die in den Maria Theresien-Saal des hellerleuchteten Schlosses führte, sieben Mitglieder der neuen Körperschaft, deren Sprecher offenbar das Parteihaupt der Sozialdemokraten, Doktor Viktor Adler, war. Seine Züge trugen sichtlich die Zeichen schwerer, hoffnungsloser Krankheit, die er – den Parlamentariern aller Schattierungen, aller Parteien ein menschliches, von der Achtung aller anerkanntes Vorbild – mit der Kraft seines außergewöhnlichen Geistes stets aufs neue bezwang, um Arbeitsleistung erfüllen zu können. Von einem Asthmaanfall gepackt, schien er auf der Marmortreppe zusammenbrechen zu wollen. Die Kaiserin eilte ihm zu Hilfe. Man wartete eine Weile. Dann stand der Staatsrat im blauen »Chinesischen Salon«.

Der Kaiser trat ein. Er gebe den Abgesandten die Waffenstillstandsbedingungen bekannt. Sein Generaladjutant Freiherr von Zeidler verlas, was Oberst Schneller aus Trient übermittelt hatte. Der Kaiser lud den Staatsrat ein, mit ihm zu beraten.

Der Staatsrat schwieg. Endlich nahm Viktor Adler das Wort:

»Ja: wir haben diesen Krieg nicht erklärt. Es mögen diejenigen den Waffenstillstand verantworten, die am Kriege schuld sind.«

Es war die Scheu, ohne Not die Verantwortung für Gewesenes und Stürzendes mit in die Zukunft zu nehmen. Offenbar dachte Viktor Adler jetzt nicht daran, daß jede kommende Regierung in dem neuen deutschösterreichischen Staat eine Sozialistenregierung sein mußte, daß es ihr nicht gleichgültig sein durfte, in welcher Form, in welcher Zerrüttung sie das Erbe der Macht antreten werde. Vielleicht sah er die ganze nächste Entwicklung auch unklar. Jedenfalls drückte ihn die Verantwortung mehr als die Aussicht auf das Erbe. Noch schien ihm kein Anlaß vorhanden, staatsmännische Kunst zu üben. Der Kaiser wandte sich an ihn:

»Ich habe den Krieg auch nicht erklärt. Jedenfalls aber muß dem Volk der Frieden wiedergegeben werden.«

»Jawohl, das stimmt: Euere Majestät tragen auch keine Schuld.«

Das Staatsratsmitglied Mayr erklärte:

»Das ganze Volk ist an dem Kriege schuld. Ich erinnere an die Kriegsbegeisterung am Anfang. Jedenfalls hat er der deutschen Bevölkerung entsprochen.«

Baron Arz entwickelte ein Bild von den Zuständen bei der Armee. Er nannte sie trostlos. Der Staatsrat zog sich zurück, beriet eine halbe Stunde und erschien abermals vor dem Kaiser. Seine Ansicht war, daß im Ministerrat über die Frage des Waffenstillstandes beschlossen werden müsse. Die sieben Abgesandten verließen Schloß Schönbrunn.

Der Kaiser berief den Kronrat.

 

Auch der Originaltext der Waffenstillstandsbedingungen, vom Prinzen Lichtenstein in der Mittagsstunde in Trient an das »Armeeoberkommando« aufgegeben, im Badener Hauptquartier gleichfalls um Mittag schon eingelangt, war in Schönbrunn eingetroffen. Militärauditor Doktor Schager hatte die Abschriften hergestellt, damit der authentische Text für Kaiser und Kronrat bereitliege, auf den voll Ungeduld der Chef des Generalstabes wartete. Dem noch ordnenden Auditor, von dem nur die Punkte der Bedingungen abgeschrieben worden waren, hatte er das erste Exemplar fortgerissen und hastig nach bestimmter Stelle geblättert, die er im Augenblick brauchte und suchte. Er hatte sie gefunden und wollte fort. Aber der Militärauditor hatte ihn festgehalten:

»Bitte, Exzellenz, das ist nicht vollständig!«

Der Generalstabschef hatte in Eile erwidert:

»Die Einleitung brauche ich nicht.«

Dem Militärauditor hatten nicht nur die »Punkte« der Waffenstillstandsbedingungen vorgelegen. Die Depeschen aus Padua sprachen auch von einer Frist, die für die Einstellung der Feindseligkeiten noch festzusetzen sei. Der Hinweis schien Doktor Schager wesentlich. Er ließ sich nicht abweisen. Er war dem Chef des Generalstabes nachgeeilt:

»Exzellenz: das ist nicht vollständig!«

Er hatte jedes Wort scharf und eindringlich wiederholt. Aber Baron Arz war schon im Weitergehen:

»Das ist belanglos.«

 

Jetzt saß – von 9 Uhr 25 Minuten abends bis 30 vor Mitternacht – der Kronrat in schwerer Beratung. Es war ein Kronrat kaiserlicher und königlicher Minister, die eigentlich alle ihren Abschied schon gegeben hatten. Der Reichsfinanzminister Freiherr von Spitzmüller, der Reichskriegsminister Stöger-Steiner, der gemeinsame Minister des Äußeren versahen ihr Amt, damit Berater überhaupt noch um den Kaiser wären. Um die zehnte Abendstunde erklärte überdies der neue Ministerpräsident Professor Lammasch, daß auch er seine Berufung in die Hände des Kaisers zurücklege.

Baron Arz führte aus, daß die Bedingungen des Waffenstillstandes anzunehmen seien. Niemand widersprach. Man war sich darüber einig, daß Krieg und Feindseligkeiten so schnell wie möglich aufhören müßten. Nur über die Formulierung des Schriftstückes, wie die Annahme ausgesprochen werden sollte, waren nicht alle Beratenden gleicher Auffassung. Der Reichsfinanzminister Baron Spitzmüller forderte letzte Rücksicht auf den deutschen Bundesgenossen. Vor dem Kaiser war am frühen Abend, indes der Staatsrat sich zu einer Beratung zurückgezogen hatte, noch einmal der General von Cramon erschienen. Er hatte die Bedenken der »Obersten Deutschen Heeresleitung« wegen der Freigabe des Brenners und des Jochs von Jauders vorgebracht. Jetzt versuchte der Reichsfinanzminister in der Preisgabe aller Macht an den Gegner die einzige Bedingung wenigstens zu sichern, daß italienische Truppen nicht durch wehrlos gewordenes österreichisches Gebiet gegen Deutschland marschierten. Er faßte seine Gedanken in einem Entwurf zusammen. Er spann die Fäden fort, er diktierte sie, der Kaiser schrieb. Niemand von den Ministern sprach mehr. Die Stimme des Diktierenden hing abgerissen in der Luft. Sie hatte nicht mehr die unermüdliche, verdeckt auf den Hörer eindringende Art, die sonst mit Wort und Farbe wenigstens überreden, wenn schon nicht überzeugen wollte. Aber sie tastete sich mutig durch die Bitterkeit des Textes, über den der Kaiser aufschluchzte, da er ihn schrieb.

Endlich lag der Entwurf fertiggestellt: als Endbefehl an General Weber in Villa Giusti. Noch einmal wurde der Anteil des Staatsrats erwogen, Professor Lammasch wollte auf seine Mitverantwortung nicht verzichten. Wenn der Staatsrat nicht zu gewinnen war, wenn es anders nicht ging, sollte der Befehl dennoch abgehen. Aber wenigstens ein Versuch noch sollte unternommen werden: der Ministerpräsident wollte selbst mit dem Chef des Generalstabes sogleich das Parlament aufsuchen. Dem Staatsrat sollte der Entwurf auf alle Fälle unterbreitet werden.

Im Flügeladjutantenzimmer warteten indes die Minister. Vielleicht ergab sich die Notwendigkeit, noch über die Stellungnahme des Staatsrats zu verhandeln. Vielleicht stellte er Bedingungen. Aber Freiherr von Arz erschien, erhitzt und erregt, noch ehe er den Staatsrat aufsuchte, noch einmal im Flügeladjutantenzimmer. Er eilte, an den Ministern vorbei, an den Fernsprecher. Er verlangte nach General Baron Waldstätten. Der General meldete sich sofort. Der Chef des Generalstabes sprach mit scharfem Akzent für jedes Wort:

 

»Du, Waldstätten, paß genau auf, was ich jetzt sage:

Die Waffenstillstandsbedingungen der Entente wurden angenommen. Alle Feindseligkeiten zu Land und in der Luft sind sofort einzustellen.«

 

Drei Schritte von Baron Arz stand der Reichsfinanzminister. Dicht neben ihm der Minister des Äußern Graf Andrássy. Baron Spitzmüller erschrak. Er trat auf den Chef des Generalstabes zu und legte ihm schwer die Hand auf die Schulter:

»Was machen Sie da? Jetzt muß man Waffenstillstand schließen: nicht die Feindseligkeiten einstellen.«

Graf Andrássy wandte sich gegen Baron Spitzmüller.

»Lassen Sie ihn. Das geht uns nichts an. Soll die Schlächterei ewig weitergehen?«

Der Reichsfinanzminister schwieg. Der Chef des Generalstabes widerrief den Befehl nicht. Er machte sich fertig, um in die Stadt zu fahren.

 

Unter die Reinschrift des im Kronrate beschlossenen Entwurfes hatte der Kaiser seinen Namenszug gesetzt. Dem Chef der Operationsabteilung General Baron Waldstätten verlas der Generaladjutant Baron Zeidler den Wortlaut. Baron Waldstätten schien das Bedürfnis der Truppen, sofort mit dem Kampfe aufzuhören, nicht scharf genug betont. Er forderte den Hinweis auf die Einstellung der Feindseligkeiten. Der Generaladjutant erreichte den Chef des Generalstabes. Baron Arz billigte einen Zusatz:

»Die österreichisch-ungarischen Truppen erhielten demgemäß bereits Befehl, die Feindseligkeiten einzustellen.«

Der Generaladjutant gab auch den Zusatz an Baron Waldstätten. Der Chef der Operationsabteilung erklärte sich mit der Fassung einverstanden.

 

Im Parlamente trafen Ministerpräsident und Generalstabschef nur den Staatsratspräsidenten Seitz und den Sozialistenführer Bauer an. Sie verwiesen darauf, daß sie allein den Staatsrat nicht darstellten. Sie sähen sich nicht ermächtigt, eine Entscheidung zu treffen. Unwahrscheinlich wäre es, daß der Staatsrat – nach Beschlüssen in der siebenten Abendstunde, die der Schönbrunner Audienz gefolgt waren – Mitverantwortung werde übernehmen wollen. Der Ministerpräsident fuhr erschöpft nach Hause. Der Generalstabschef allein nach Schönbrunn zurück. Vor dem Kaiser hörte der zweite Kronrat den inhaltlosen, wenn nicht ablehnenden Bescheid. Der Kaiser blieb stumm. Es wurde kein neuer Beschluß gefaßt. Die Minister gingen. Der Kaiser begab sich ins Maria Christinen-Boudoir. Die Kaiserin wachte. Die Uhr war nach eins.

Die Minister holte gleich darauf ein Gardereiter noch von der Treppe zurück. Der Kaiser befahl, daß sie abermals warteten. Ein Umschwung schien geschehen oder in Vorbereitung. Im Maria Theresien-Saal war Unruhe. Menschen kamen und gingen, Meldungen schwirrten dazwischen. Noch war aller kaiserliche Glanz um mitternächtige Stunde in dem weiten, hellerleuchteten Saal, von dessen Wänden Maria Theresia aus kostbarem Gobelin heiter heruntersah. Ihr Sohn Joseph II. hielt neben ihr feierlich Hochzeit mit Isabella, Prinzessin von Parma; in vierundzwanzig Karossen fuhren seine Gäste in die Hofburg. Auch ein Musikfest war da: vielhundert Köpfe waren gegen die Musiker gekehrt. Nur Fürst Kaunitz, der Sonderling und Staatsmann, hielt unter bepudertem Haar das kluge Gesicht von allen andern abgewandt. Es schien ein Spiel des Schicksals: entsetzt starrte es, fort von der Menge auf den Geweben, unmittelbar in den Saal. Dort standen starr, steif und unbeweglich die riesigen sechs Gardereiter mit schwarzem Roßhaarbusch, in ihren ungeheuren Stulpenstiefeln, starr die Offiziere der Arcierengarde mit rotem Rock und goldener Kartouche, reglos die ungarischen Leibgardeoffiziere mit Kalpak und Reiher und Leopardenfell: sie alle den Säbel in der weißen Handschuhfaust.

Der Reichsfinanzminister schritt an ihnen vorbei. Im Flügeladjutantenzimmer wiederholte er immer wieder nur ein Wort:

»Hoffnungslos. Hoff–nungs–los.«

Sein Tonfall ging durch Mark und Bein.

»Jetzt spielen fremde Einflüsse mit«, ergänzte Graf Andrássy. »Man kann einen Ministerrat umstoßen. Die Familie hat ein Recht mitzureden. Aber die Minister muß man vorher fragen.«

Aber niemand wußte, was nun eigentlich geschah.

 

Im »Chinesischen Salon« waren die Kronräte gewesen, aber unmittelbar nebenan, im »Vieux Lac-Zimmer«, dem Arbeitskabinett des Kaisers, hatte gleichzeitig noch ein anderer Rat sich versammelt.

Obersthofmeister Fürst Hohenlohe wollte Vorsorge treffen für die kaiserliche Sicherheit, die er in den kommenden, allernächsten Tagen schwer bedroht sah. Jetzt schon brach der Rückstrom der Armee über die südlichen Kronländer herein. Die Ausstrahlungen der Waffenstillstandsbedingungen mußten die Gemüter erhitzen. Eigentlich stand man schon mitten in der Revolution. Er verwies auf den Umsturz von 1848. Auch damals hätte der kaiserliche Hof zunächst nach Innsbruck sich zurückgezogen. Die Regierung hatte ihren Sitz von der unruhigen Reichshauptstadt fortverlegt. Der Obersthofmeister fand nichts Bedenkliches in der Wiederbefolgung des Beispiels. Der Kaiser würde so auch unabhängiger in seinen Beschlüssen. An das Volk müßte er ein Manifest erlassen. Der Fürst hatte einen Entwurf bereits ausgearbeitet. Der ungarische Obersthofmeister Graf Hunyadi stimmte ihm bei. Man schritt an die Wahl des Ortes, der zu neuem Sitz der Regierung geeignet war.

Die Hauptstadt Tirols bot nicht mehr die Sicherheit von 1848. Der Chef des Generalstabs hatte sich kaum erst vor vierundzwanzig Stunden an das Heeresgruppenkommando in Bozen gewendet. Ein Bataillon Kaiserjäger sollte nach Innsbruck abgehen. Der Kaiser beabsichtige, wenn das Heeresgruppenkommando Bürgschaft für seine Sicherheit übernehmen könne, seinen Aufenthalt nach Tirol zu verlegen. Feldmarschalleutnant Willerding hatte die Anfrage des Chefs des Generalstabes an den Kommandanten des »Edelweißkorps« weitergegeben. General der Infanterie Verdroß hatte geantwortet, »daß die Kaiserjäger Gut und Blut für ihren geliebten, obersten Kriegsherrn einsetzen wollten«; der Feldmarschalleutnant hatte gleichwohl erklärt, keine Bürgschaft übernehmen zu können. Schon war die Beförderung der Mannschaften technisch schwer, ihre Verläßlichkeit zweifelhaft trotz der Versicherungen ihres Generals. Innsbruck schied aus.

Aber viele andere Orte konnten die kaiserliche Familie und die Regierung vorläufig aufnehmen. Man sprach von Preßburg, nahe der Grenze, die vermutlich die Tschechen als Randlinie ihres Nationalgebiets verlangen würden. Auch Preßburg schien ungeeignet: die allzu große Nähe der Tschechen war beunruhigend. Indes mußte der Regierungssitz gar keine Stadt sein. Es kam das Stift Göttweih oder Persenbeug an der Donau in Frage. Freilich waren dann Kaiser und Regierung so gut wie aus der Welt. Man ließ auch Persenbeug und Göttweih fallen. Einer der Obersthofmeister schlug Eckartsau oder Schloß Wartholz vor. Es war das Natürlichste, daß der Monarch sich auf eines seiner Schlösser zurückzog. Aber Eckartsau lag allzu nahe der Hauptstadt. Und allzu nahe bei Schloß Wartholz, im Industriegebiet von Wiener Neustadt, war wieder die Nachbarschaft der radikalen Arbeiter.

Obersthofmeister und kaiserliche Umgebung suchten weiter. Das Manifest des Fürsten Hohenlohe wies Kaiser Karl zurück. Die Beratenden setzten dennoch ihre Bemühungen, für die Regierung einen sichern Sitz zu finden, außerhalb des kaiserlichen Arbeitskabinettes fort. Erschöpft von den Empfängen, Entscheidungen, Aufregungen, die maßlos in eine Nacht sich drängten, ermattet von den Schlafmitteln, die er seit Tagen nahm, ohne daß sie Wirkung brachten, hatte sich der Kaiser ins Boudoir der Kaiserin zurückgezogen. Die Uhr war nach eins.

 

So aussichtslos, so bar jeder Rettungsmöglichkeit Minister und Generale die Ereignisse ansahen: die Kaiserin vermochte es nicht, sich ohne Widerstand in das hereingebrochene Unheil zu schicken. Noch fand sie selbst nicht alles verzweifelt. An den völligen Zusammenbruch der Front glaubte sie nicht. So schlimm konnte es nicht stehen, daß sich das Heer, im Kampfe immer noch seinem Gegner überlegen, nicht doch aufraffen sollte. Ihre Haltung, ihr Gesichtsausdruck verriet in dieser Nacht des Unglücks mehr Erbitterung als Trauer. Ratlosigkeit glaubte sie überall um sich zu sehen, keiner schien ihr mit klarem Willen und klarem Kopf das wirklich Nötige zu bestimmen. Entschlüsse wurden gefaßt, der nächste Augenblick warf sie wieder um. So wollte sie freilich nicht zögern, selbst einzugreifen, wie es ihrem Wesen entsprach, selbst Entschlüsse hervorzurufen oder umzuändern, wenn es ihr richtig schien.

Die Kaiserin wollte fort. Nicht nur der frühere Obersthofmeister Fürst Hohenlohe war für Übersiedlung und Abreise der kaiserlichen Familie aus der Hauptstadt. Die Kaiserin faßte den gleichen Plan. Auch Graf Hunyadi war dafür. Von der Gräfin Bellegarde, ihrer verläßlichsten Hofdame, hatte sie am Nachmittage ihren Schmuck in Sicherheit bringen lassen. Gräfin Bellegarde hatte ihn im Tirolergarten von Schönbrunn vergraben. Die Kaiserin wußte nicht, wer in den nächsten Tagen oder Wochen Herr sein könnte in Maria Theresias Lustschloß. Sie wollte sich keine Zugeständnisse abringen lassen, die sie zu geben nicht gesonnen war. Wo immer man hinging: überall war der Kaiser, die kaiserliche Macht, die Monarchie jetzt besser aufgehoben als in Wien. Politische Absicht sprach noch stärker aus ihr als persönliche Erwägung. Vielleicht schloß man überhaupt den Waffenstillstand zu früh. Sie wollte fort. Dann konnte man immer noch weiter sehen.

 

Der Kaiser verweilte zu kurzer Rast in dem kleinen, in eine Palastecke entzückend eingebauten Boudoir, darin die Lichter sich nicht grell und schmerzhaft brachen wie in seinem goldübersäten, exotischen Arbeitskabinett, wie in dem prunkvollen Maria Theresien-Saal, wie überall sonst. Hier huschte abgedämpft das Licht einer einzigen porzellanenen, schwebenden Ampel über die grünen und blauweißen Tuschzeichnungen der Erzherzogin Maria Christine, über die Delfter Landschaften und über die reizenden kleinen Schirme, die sich als kokette Zier aus dem Getäfel der Wand hoben. Das Summen der vielen Stimmen, das Kommen und Gehen, die Ablösung der Garden drang nicht bis in diesen Raum, vor dem wie eine Abwehr das Sterbezimmer des Herzogs von Reichsstadt lag. Den Kaiser überkam die Abspannung der vielen Stunden, lähmende Müdigkeit überfiel ihn, auf den nunmehr die auch heute genommenen übergroßen Dosen seines Schlafmittels zu wirken begannen. In die Stille drang erst die Meldung von der Rückkehr des Generalobersten von Arz. Er hatte den Staatsrat nicht angetroffen. Aber im Boudoir Maria Christinens schien ein Entschluß gefaßt.

Denn der Kaiser befahl, alle ausgegebenen Befehle sofort zu widerrufen. Plötzlich schien er umgestimmt.

Zwar hatten die Befehle das Hauptquartier in Baden bereits verlassen. General Baron Waldstätten hatte ihre Ausgabe verfügt. Aber jetzt gelang es doch noch, die Radiodepesche an General der Infanterie Weber aufzuhalten. Es gelang nicht mehr, auch den Generalstabsoberst von Schneller in Trient zu erreichen. Er war von dort – mit dem auch an ihn geleiteten Befehl für Villa Giusti – schon abgefahren. In Aquaviva hielt ihn die nach dem kaiserlichen Widerruf ihm nachgeschickte Depesche auf. Er durfte dennoch weiterfahren. Aber der Befehl an General Weber gelte als nicht gegeben. Auch den Heeresgruppenkommandanten war die Einstellung der Feindseligkeiten bereits befohlen. Vor Generaloberst von Arz bezweifelte Baron Waldstätten, daß er den Einstellungsbefehl – wenigstens für Tirol – noch widerrufen könne.

Wieder traten die Minister zusammen. Sie hatten ihre Meinung nicht geändert. Die Bedingungen müßten angenommen werden – ohne Aufschub. Selbst wenn die Italiener die Forderungen ablehnten, die den Durchmarsch feindlicher Truppen gegen Deutschland vereiteln oder wenigstens verzögern wollten, selbst dann müßte ein Ende gemacht werden. Die Minister gingen. Ihren Beschluß hatte der Kaiser abermals umgeworfen. Oder ihm wieder vorgegriffen.

Nicht nur der immer noch erhoffte Mitanteil des Staatsrates machte ihn unsicher. Schwer drückte ihn auch die Entscheidung, daß er im eigenen Namen das bittere Diktat des Gegners annehme. Um halb drei Uhr morgens entschloß er sich, das Oberkommando über die Truppen niederzulegen. Seine Auffassung war jetzt so, daß er sich mehr als der militärischen Lösung den wichtigeren, politischen Angelegenheiten widmen müsse. Dem Chef des Generalstabes Baron Arz brachte der Generaladjutant Baron Zeidler die Ernennung zum Oberkommandanten. Aber Baron Arz wich aus. Er könne älteren Marschällen als Generaloberst nicht befehlen. Er bat den Generaladjutanten, andere Entschließung zu erwirken. Baron Zeidler nahm das Briefblatt wieder mit, darauf, von ihm selbst aufgesetzt, vom Kaiser unterzeichnet, die Ernennung des Freiherrn stand. Wenige Minuten später reichte er das Blatt zurück, der Text der Vorderseite war durchstrichen, die Rückseite trug die Ernennung des Marschalls Köveß. Bis zu seinem Eintreffen hätte der Chef des Generalstabes die oberste Befehlsgewalt zu üben.

Freiherr von Waldstätten meldete in dieser Nachtphase, daß der Befehl zur Einstellung der Feindseligkeiten bei den Truppen der XI. Armee bereits angelangt wäre.

Baron Arz wies den Chef der Operationsabteilung daraufhin an, den Kampf endgültig, an allen Linien und von allen Truppen aufhören zu lassen.

Nur Einer sollte von dem endgültigen Beschluß noch nichts wissen: General Weber in Villa Giusti. Denn zum dritten Male sollte am nächsten Morgen der Staatsrat angesprochen werden. Im Augenblick war darum die Lage so:

Die Waffenstillstandsbedingungen war man entschlossen anzunehmen. Zur Erklärung der Annahme wurde die Kommission in Italien nicht ermächtigt. Den österreichisch-ungarischen Truppen wurde die Annahme mitgeteilt. Von der Waffe durften sie nicht mehr Gebrauch machen.

Aber die Feindseligkeiten des Gegners gingen weiter.

 

Um die gleiche Zeit trat, dem Herrscherpaar eng befreundet, ins Boudoir der Kaiserin Graf Thomas Erdödy, mit spätem, neuem und aufregendem Alarm. Unhaltbar sei bereits die Lage der kaiserlichen Familie. Er berufe sich auf Auffassungen des Polizeipräsidenten.

Den Polizeipräsidenten Schober hatten der Obersthofmeister Graf Hunyadi und der Militärauditor Doktor Schager, zuletzt der kaiserliche Sekretär Hauptmann Werkmann seit zwölf Stunden und noch mehr über die Stimmung in der Reichshauptstadt wiederholt befragt. Der Polizeipräsident hatte für alle Nachfragenden immer nur die gleiche Antwort gehabt:

»Bitte, beruhigen Sie Seine Majestät! Schönbrunn ist genügend gesichert. Ich habe alles vorgesorgt. Es kann nichts passieren.

Und wenn ich in Schönbrunn erscheine, ist es gefährlich.«

Der Polizeipräsident glaubte nicht an Versuche der Gewalt, nicht an eine Bedrohung der kaiserlichen Familie. Er sah die Arbeiterschaft durch die Ereignisse erregt, aber gehorsam in der Hand ihrer Führer. Von Viktor Adler war das Wort gefallen:

»Sie können beruhigt sein: es wird dem Herrn nichts geschehen! Ob als König von Österreich oder als Kaiser der Vereinigten Staaten von Südosteuropa, es wird dem Herrn nichts geschehen – –«

Offenbar hatte Graf Erdödy neuere Nachrichten. Allerdings war er selbst bei dem Polizeipräsidenten gar nicht gewesen. Aber die Erregung im kaiserlichen Kreise brach sofort hervor. Noch einmal warf die Kaiserin vor Graf Hunyadi das Thema der Abreise aus der Hauptstadt auf. Den eintretenden Chef des Generalstabes rief sie heftig an:

»Haben Sie denn kein Regiment, um den Kaiser zu schützen?«

Baron Arz vermochte nichts zu erwidern. Der Militärauditor kam. Er wüßte nichts von Unruhen oder alarmierendem Vorfall. Er hätte den Polizeipräsidenten noch am Spätabend gesprochen. Sein Gleichmaß schien nicht erschüttert.

Müde fragte der Kaiser:

»Wohin gehen wir jetzt?«

Nüchtern erwiderte der Auditor:

»Vielleicht wäre es am besten, schlafen zu gehen.«

Jäh wandte sich die Kaiserin herum:

»Ja, wissen Sie denn nicht, daß unsere Lage unhaltbar ist?« Sie wiederholte in Leidenschaftlichkeit und Erbitterung noch einmal: »Un–halt–bar!«

Der Auditor rief sogleich den Polizeipräsidenten an. Auch Graf Hunyadi sprach mit ihm. Die Stadt lag in tiefer Ruhe. Es wäre kein Grund zur Besorgnis. Der Obersthofmeister wiederholte am Fernsprecher jede Antwort des Präsidenten. Der Kaiser sollte völlig beruhigt werden. Der Kaiser kam selbst an den Apparat. Er wollte seinen Dank aussprechen. Er verlieh dem Polizeipräsidenten den Orden der »Eisernen Krone« erster Klasse. Der Polizeipräsident begab sich zu Bett. Von zehn zu zehn Minuten wurde er im Schlaf gestört. Das Telephon schrillte unablässig. Die Hofwürdenträger beglückwünschten den Ausgezeichneten.

 

Die Uhr hatte längst die vierte Stunde geschlagen. Fast neigte die Nacht sich zu Ende. Immer müder klangen die Erwägungen: Persenbeug – – Eckartsau – – Schloß Ambras. Oder Wallsee – – Göttweih – –

Der Kaiser besann sich, daß der heraufziehende Tag ein Sonntag war. Er befahl, noch eine Messe zu lesen. In Eile wurde der Hofbischof Seidel geweckt. Der Kastellan holte ihn.

Um Kaiser und Kaiserin ordnete sich der Zug. Sie schritten durch den blauen »Chinesischen Salon«, von dessen Ledertapeten die kleinen, elfenbeinernen Chinesenköpfe mit ihrem sonderbaren, rosigen Anhauch heruntergrüßten, vorbei an den weißen, blühenden Chrysanthemen, die verschwenderisch immer noch in die riesigen Vasen aus blauem Jaspis gesteckt waren, durch den Maria Theresien-Saal zur kleinen Kapelle: Obersthofmeister und Flügeladjutanten, Hofdamen und Hofkavaliere. Kaiser und Kaiserin nahmen Platz in der kleinen edelholzverschlagenen, roten Loge, darin Kaiser Franz Joseph seine letzten Andachten verrichtet hatte.

Unten im Kapellenschiff stand das Gefolge. Die Orgel schwieg. Aber die Kerzen flammten. Die Morgenmesse wurde gelesen.

 

In Villa Giusti aber war keinerlei Nachricht aus Schloß Schönbrunn oder Baden eingetroffen. Die Waffenstillstandskommission schien sich selbst überlassen.

Dem Oberstleutnant Freiherrn von Seiller hatte am Vormittage des 2. Novembers, da er die Waffenstillstandsbedingungen verlesen hatte, Generalleutnant Badoglio mit einer höflichen Geste noch im Fortgehen mitgeteilt, daß er, wenn auch nicht zu Verhandlungen, dennoch zu Aufklärungen über die Bedingungen gern zur Verfügung stehe. Eine Stunde nach der Abreise des Obersten Schneller gelang es dem Freiherrn, eine Aussprache zustande zu bringen, zu der außer dem General Weber und dem Freiherrn der Generalleutnant Badoglio nur mit Oberst Gazzera und einem Dolmetsch erschien. Noch wisse der Generalleutnant den am Vormittag überreichten Texten nichts hinzuzufügen. Noch werde an der Durchführung der Bedingungen, an der Festsetzung der Frist, zu der die Feindseligkeiten eingestellt werden sollten, an allen übrigen Punkten von seinen Offizieren gearbeitet. Aber Aufklärungen über die technischen Notwendigkeiten, die aus dem Vertragsinstrument abzuleiten wären, wolle er selbstverständlich geben. Und er gab sie.

So schnell wie möglich sollte Prinz Lichtenstein mit dem Niederschlage der Unterredung nach dem Obersten Schneller gleichfalls nach Trient abreisen. Den Prinzen trieb auch Unruhe um die letzte Rettungsmöglichkeit der Flotte. Von Trient aus wollte er den Admiral von Horthy erreichen. Zwar hatte Oberst Gazzera den österreichisch-ungarischen Bevollmächtigten bereits gestattet, ihre Meldungen auch durch Radiogramme fortzuleiten und dabei empfohlen, die atmosphärisch ruhigen Nachtstunden zu bevorzugen. Aber weder die Radiostation Padua, noch Pola vermochten eine Verbindung mit der Wiener Station am Laaerberg herzustellen. Über Pola vermochte Padua mit Budapest Radiogramme zu wechseln. Von Budapest mußte ihr Inhalt erst durch Hughesdepeschen weitergegeben werden. Es schien den Bevollmächtigten zweifelhaft, ob solch umständliche Übermittlung die schnellste und sicherste Art eines Gedankenaustausches darstelle. Auch konnten nicht alle Mitteilungen dem offenen Radiogramm anvertraut werden. Die Bevollmächtigten beschlossen, alles Tatsächliche, alle Daten über den Fortgang ihrer Aufgabe sowohl durch Radiogramm, wie auch durch Kuriere über Trient an das »Armeeoberkommando« zu melden. Dem Obersten Schneller sollte Prinz Lichtenstein folgen. Seine Abreise nach Trient wurde für die fünfte Morgenstunde festgesetzt.

Zwei Stunden nach Mitternacht traf – am 2. November – der französische Urtext der Waffenstillstandsbedingungen ein. Ein Radiogramm trug sie dem »Armeeoberkommando« zu. Indes die Bevollmächtigten sie studierten, erreichte sie ein Radiogramm des ungarischen Kriegsminister Linder. Er lege für Ungarn Verwahrung ein gegen die Rechtsverbindlichkeit der Kommissionsabmachungen, nur in Anbetracht der Sachlage erkenne auch Ungarn die Waffenstillstandskommission an. Allen Bevollmächtigten blieb die Depesche unverständlich. Sie kannten keinen Kriegsminister Linder. Sie kannten auch keinen ungarischen Kriegsminister. Vom »Armeeoberkommando« kam weder Hinweis, noch Kommentar.

Das Studium des französischen Textes ergab große und empfindliche Lücken in der am Vortage empfangenen Übertragung des italienischen Verbindungsoffiziers in Versailles. Den Bevollmächtigten wurde immer klarer, daß trotz ihrer Vollmachten das »Armeeoberkommando« selbst entscheiden mußte. In der dritten Nachmittagsstunde überbrachte ein Bote des italienischen Oberkommandos ein Ultimatum:

»Die königlich italienische Regierung fordere, daß die Waffenstillstandsbedingungen längstens bis zur Mitternacht vom 3. zum 4. November angenommen seien. Sonst käme es zu keinem Waffenstillstande.«

Aber die nackte Annahme der Bedingungen schien den Bevollmächtigten so völlig undurchführbar, daß Freiherr von Seiller telephonisch den Generalleutnant Badoglio noch einmal um Verhandlung über die Durchführung der Bestimmungen bat. Von Oberst Schneller war bisher keinerlei Nachricht, vom »Armeeoberkommando« am Spätvormittag ein chiffriertes Radiogramm angelangt. Wenn damit die Bevollmächtigten auch den Nachweis hatten, daß der Austausch von Radiogrammen – deren Ankunft in Budapest regelmäßig nach dreißig Minuten bestätigt wurde – möglich war, so erhöhte sich dennoch durch das Radiogramm nur ihre Unruhe. Der Versuch des »Armeeoberkommandos«, mit chiffrierten Depeschen ins feindliche Hauptquartier zu sprechen, mußte schon deshalb scheitern, weil naturgemäß die Bevollmächtigten keinen Chiffreschlüssel in die Linien der Gegner hatten mitnehmen dürfen. Die Depesche blieb unübersetzt. Niemand wußte, ob sie nicht Wichtiges enthielt.

General Weber erwog, ob nicht ein dritter Kurier nach Trient gesandt werden solle, damit er Aufklärungen über das Chiffreradiogramm einfordere und damit die Beschlüsse des »Armeeoberkommandos« zugleich beschleunige. Nach Oberst Schneller und Prinz Lichtenstein sollte jetzt vielleicht Oberstleutnant Nyekhegyi fahren. Ein Auto wurde von Oberst Gazzera erbeten. Aber der italienische Bescheid lautete:

»Verbindung nicht mehr möglich. Ein allgemeiner Angriff hat vor Stunden im Etschtal begonnen. Er schreitet siegreich vorwärts.«

Die Entsendung des Kuriers unterblieb. Die Bevollmächtigten rüsteten sich zu der Zusammenkunft mit den Italienern.

 

So düster im ganzen Freiherr von Seiller dem Gang der Ereignisse entgegensah, so zuversichtlich zeigte sich trotz der Unklarheit der Verhältnisse und trotz der Härte der Bedingungen der Korvettenkapitän Zwierkowski. Es handle sich schließlich um einen großen Staat. Der ehemalige Kommandant der Weichselflotille erinnerte an die Verhandlungen von Brest-Litowsk und Bukarest, in denen so vieles durch Haltung und Taktik erreicht worden sei. Er wolle sich nicht einschüchtern lassen. Auch verlange er, daß die Verhandlungen in deutscher Sprache geführt würden. Zwischen der Bedrücktheit des Freiherrn und der Zuversicht des Kapitäns schwankte der nicht mehr junge General Weber, hilflos in fremder Sprache, von Hause ein tapferer, entschlossener Soldat, doch ein Diplomat nur in den Vorakten des »Armeeoberkommandos«, das ihm die schwere Aufgabe in Villa Giusti aufgebürdet hatte. Immer kühler hielt sich der Honvedoberstleutnant Nyekhegyi zurück. Die Hälfte der Kommission weilte in Trient. In ungewisser Stimmung erschienen die übrigen Bevollmächtigten vor General Badoglio.

Alle Mitglieder der italienischen Kommission waren erschienen. Als Dolmetsch überdies, unter fremdem Namen, der Schwager des von den Österreichern wegen Hochverrats erschossenen, von den Italienern darum als Märtyrer gefeierten Trientiner Rechtsanwalts Battisti. General Badoglio brachte eine formelle Entschuldigung vor. Die Oberste italienische Heeresleitung wolle die Schuldigen bestrafen, die auf die Parlamentäre bei ihrem Anmarsch geschossen hätten. Er bedauere den Vorfall. Die Sitzung an sich verfolge lediglich den Zweck, die Bedingungen des Waffenstillstandsvertrages gleich durchzuführen.

Aber schon der erste Punkt des Protokolles ergab völligen Gegensatz der Anschauungen. Das Protokoll begann:

»1. Cessation immédiate des hostilités sur terre, sur mer et dans l'air.«

»1. Sofortige Einstellung der Feindseligkeiten auf dem Lande, zur See und in der Luft.«

Die Auslegung der österreichisch-ungarischen Bevollmächtigten war, daß die Feindseligkeiten unmittelbar nach der Unterzeichnung abgebrochen werden müßten. Aber General Badoglio vertrat die Auffassung, daß sie erst nach bestimmter Frist eingestellt werden sollten. Dann müßten mit einem Schlage die Waffen an allen Frontteilen ruhen. Als Frist, um die italienischen Truppen überall zu verständigen, nannte der General zwölf Stunden. Da die österreichisch-ungarischen Bevollmächtigten auf ihrer Auslegung verharrten, wurde die Anfrage in Versailles beschlossen. An das »Armeeoberkommando« erging über Budapest ein Radiogramm mit der Meldung des Zwischenfalles. Der nähere Beginn des Waffenstillstandes würde noch bezeichnet werden. Die Verhandlungen schritten weiter, sie währten von der fünften Nachmittagsstunde bis in die fünfte Morgenstunde, ein einziger, von den österreichisch-ungarischen Bevollmächtigten aussichtslos geführter Kampf um die Auslegung dessen, was unter »artillerie«, was unter »materielle militaire« zu verstehen sei. Wieder wurde in Versailles angefragt. Die Antwort war, daß alles »artillerie« oder »materielle militaire« darstelle, was »die Italiener in Vertretung der Entente dafür erklärten«. Für die Italiener sprach General Badoglio. Er allein. Denn er beherrschte die Führung der italienischen Forderungen ausschließlich. Seine Offiziere schwiegen. Sie schienen nicht mehr als Statisterie. Ein einziges Mal mischte der Kapitän Francesco Accini sich in die Verhandlung. Er entsann sich der Seeschlacht von Lissa, in der 1866 der österreichische Admiral Tegetthof die italienische Flotte in offenem Kampfe vernichtet hatte. Er forderte als erstes Schiff der österreichisch-ungarischen Flotte, deren Seesoldaten und Matrosen nicht mehr kämpften, den Dreadnought »Tegetthof«.

General Badoglio stellte seine Forderungen höflich, doch mit bestimmtem Ton, der an den Bedingungen selbst kein Rütteln zuließ. Ohne Einheit war die Führung der österreichisch-ungarischen Bevollmächtigten. Sie wurde noch verworrener, da Korvettenkapitän Zwierkowski seine Einwände weit ausspann. Dann trommelte General Badoglio nervös auf den Tisch.

Über die Einstellung der Feindseligkeiten traf die Entscheidung aus Versailles in der siebenten Abendstunde ein: vierundzwanzig Stunden nach Annahme der Bedingungen sollten, da auch die Balkanarmee verständigt werden müsse, die Waffen ruhen. Unmittelbar darauf lief die Meldung mit der nunmehr endgültig bestimmten Frist nach Baden. Von Punkt zu Punkt meldeten die Radiogramme der Bevollmächtigten das Erreichte oder Nichterreichte dem »Armeeoberkommando«.

Bedrückt warf, halb rhetorisch, da noch immer kein Beschluß, keine Weisung des »Armeeoberkommandos« eingetroffen war, General Weber zwischen den Verhandlungen die Frage auf:

»Wir wissen nichts vom Hinterlande. Ebensowenig, ob das ›Armeeoberkommando‹ noch existiert.«

»Das ›Armeeoberkommando‹ besteht noch,« erklärte General Badoglio, »aber auf die politische Entwicklung bei euch können wir keine Rücksicht nehmen.«

Erschöpft zogen sich die österreichisch-ungarischen Bevollmächtigten endlich zurück. Milderungen hatten sie nicht erreicht.

Kaum aber waren nach der zwölfstündigen Verhandlung die beiden Kommissionen auseinandergegangen, als Freiherrn von Seiller – zwei Stunden später – das italienische Kommissionsmitglied Oberst Gazzera an das Telephon rufen ließ. Seine Sprache war scharf, sein ganzes Wesen verriet Entrüstung. Was es denn wieder für eine Kriegslist sei, daß die österreichisch-ungarischen Truppen nach Nachrichten von verschiedenen Frontabschnitten die Feindseligkeiten einstellten. Die Soldaten erklärten überall: der Waffenstillstand sei geschlossen. Er wolle hören, was die Bevollmächtigten darüber wüßten.

Freiherr von Seiller wußte nichts. Die Bevollmächtigten hätten zum »Armeeoberkommando« nur Radioverbindung. Alle Radiogramme wären durch die Hand des Obersten Gazzera gegangen. Der Oberst verlangte die Feststellung, daß die vor zwei Stunden beendete Nachtsitzung rechtsverbindliche Vereinbarungen gebracht habe. Der Freiherr verweigerte die Feststellung nicht.

 

Der Vormittag verstrich, voll Unruhe, in Untätigkeit, voll Spannung und Besorgnis für die Bevollmächtigten, die ohne Anweisung, noch immer ohne Nachrichten ihrer Befehlsstelle nur durch die amtlichen Berichte des Gegners niederschmetternde Einzelheiten heimatlicher Entwicklung erfuhren: die vollkommene Auflösung des österreichisch-ungarischen Heeres, von Revolution in der Reichshauptstadt, von neuen Republiken, die sich im alten Staate gebildet hätten. Am Mittag kamen endlich der Generalstabsoberst Schneller, Fürst Lichtenstein und Hauptmann Ruggiera aus Trient zurück, nach mühsamer Fahrt durch das von Truppen verstopfte Etschtal, darin die eigenen, kampflos abmarschierenden Soldaten auf sie gefeuert hatten. Wortlos hörte, eine geraume Weile ohne Fassung, General Weber den Bericht der Offiziere, der noch jetzt den Generalstabshauptmann Ruggiera mit einem Weinkrampf durchschütterte. Fürst Lichtenstein hatte eine Verbindung mit Admiral von Horthy nicht mehr finden können, denn die österreichisch-ungarische Flotte wäre an den neuen jugoslawischen Staat übergeben worden. In der Nacht zum 3. November hatte dann den Oberst endlich, um 1 Uhr 20, der Geheimbefehl »Op. Geh. 2100« erreicht:

»Alle Waffenstillstandsbedingungen werden, wenn Milderung ohne Zeitverlust nicht zu erreichen, ohne Präjudiz für den Frieden angenommen. Die österreichisch-ungarischen Truppen erhielten demgemäß bereits Befehl, die Feindseligkeiten sofort einzustellen. Man setzt voraus, daß der Punkt 4a: Land und Wasser, nicht so zu verstehen ist, daß die feindliche Armee die freie Bewegung zu einem Angriff auf Deutschland benutzen könne. Obwohl man einen solchen Angriff nicht verhindern könnte, müßte doch entsprechend Protest gegen denselben erhoben werden. Es wäre auch diese Bedingung anzunehmen, vorher aber zu versuchen, den feindlichen Vormarsch der Zeit nach zu verzögern.«

Oberst Schneller hatte Trient sodann unverzüglich verlassen, aber unmittelbar nach seiner Abfahrt war neuer Befehl vom »Armeeoberkommando« für ihn eingetroffen. In Aquaviva angehalten, hatte er sich geweigert, nach Trient zurückzukehren. Dem »Armeeoberkommando« war – am 4 Uhr 30 – von dem Generalstabschef der XI. Armee gemeldet worden:

»Oberst Schneller in Aquaviva eingetroffen, bittet dringendst, daß er nicht zurückberufen werde, hält dafür, daß er, da über die Situation gut orientiert, bei Exzellenz Weber absolut erforderlich ist.«

Der Oberst hatte selbst von unterwegs noch nach Baden depeschiert, »daß jeder Zeitaufschub unbedingt vermieden werden müsse« und Generalmajor Baron Waldstätten hatte eine halbe Stunde später befohlen:

»Oberst Schneller darf nach eigenem Ermessen fahren, sich aber nicht auf Op. Geh. 2100 berufen, welches zu vernichten ist.«

Jetzt war Oberst Schneller in Villa Giusti wieder eingetroffen. »Op. Geh. 2100« hatte er nicht vernichtet. Er unterbreitete den Befehl den Mitgliedern der Kommission. Er legte General Weber alle Depeschenstreifen vor, die zwischen dem »Armeeoberkommando« und dem Obersten gewechselt worden waren. Aber eigentlich kam er, was die Annahme der Bedingungen betraf, überhaupt ohne Auftrag und Vollmacht zurück. Denn im Grunde hatte General Baron Waldstättens letzte Weisung den Befehl des »Armeeoberkommandos« wieder zunichte gemacht. Allerdings brachte der Oberst auch noch eine Depesche mit, darin ihm das »Armeeoberkommando« auftrug, sich bei der Obersten italienischen Heeresleitung gegen die Fortführung der Feindseligkeiten zu verwahren. Österreich-Ungarn hätte sie, in getreuer Erfüllung von Punkt 1 der Bedingungen, unverzüglich aufhören lassen.

Die österreichisch-ungarische Kommission untersuchte nicht mehr das Widerspiel der ganzen Befehlsgebung, den kaum verständlichen Widerspruch, daß der erste Punkt eines Abkommens schon wirksam sein sollte, noch ehe die Erlaubnis gegeben war, das Abkommen selbst in der geforderten Form zu unterzeichnen. Vielleicht sollte die Verantwortung der Waffenstillstandskommission allein überlassen bleiben. Für sie lief um Mitternacht das Ultimatum des Generals Badoglio ab. General Weber beschloß endlich, auf Grund seiner Generalvollmacht, überdies mit Rücksicht auf den Geist der von Oberst Schneller mitgebrachten Depeschen, aus eigener Verantwortung die Annahme der Bedingungen. Freiherr von Seiller skizzierte die nötigen Erklärungen. Ohne den General eigentlich zu befragen, hatte er den Generalleutnant Badoglio um die entscheidende Sitzung für den Nachmittag bereits gebeten. Er überreichte seine Konzepte dem Vorsitzenden der Kommission. General Weber stimmte zu.

Die Annahme der Waffenstillstandsbedingungen verlas der Vorsitzende in feierlicher Form. Die Annahme erfolge »ohne Präjudiz für den Frieden«. Baron Seiller übersetzte die Texte. Die italienischen Offiziere erhoben sich.

Der General verlas sodann den Protest. Er wurde übertragen. Die italienische Kommission hatte ihre Plätze wieder eingenommen. Generalleutnant Badoglio lächelte. Dann sprach er selbst. Er stelle fest, daß durch die Erklärung des Generals Weber tatsächlich der Waffenstillstand zustande gekommen sei. Er wolle in Loyalität als Zeitpunkt die dritte Stunde bezeichnen, nicht erst die fünfte Stunde, in der die Unterschriften gegeben würden. Neben dem General saß Oberst Gazzera. Dem Obersten befahl er, die vorbereitenden Bestimmungen an alle Fronten abgehen zu lassen. Sofort solle er den Abschluß des Waffenstillstandes auch nach Versailles berichten.

Der Generalleutnant kam auf den Protest zu sprechen:

»Die Einstellung der Feindseligkeiten ist von österreichisch-ungarischer Seite vollständig einseitig befohlen worden. Maßgebend für die italienische Heeresleitung können lediglich die zwischen den beiden Waffenstillstandskommissionen rechtskräftig abgeschlossenen Vereinbarungen sein. Danach hat die Einstellung der Feindseligkeiten vierundzwanzig Stunden nach Annahme der Bedingungen zu erfolgen. Wenn das ›Armeeoberkommando‹ sich an diese Vereinbarungen nicht gehalten hat, so ist das seine Sache.«

Erregt erhob sich der Korvettenkapitän Zwierkowski:

»Wenn das ›Armeeoberkommando‹ die so schweren Bedingungen angenommen hat, so hat es ein Recht zu verlangen, daß sie genau eingehalten werden. Punkt 1 spricht von sofortiger Einstellung der Feindseligkeiten. Das ›Armeeoberkommando‹ kann verlangen, daß sie sofort aufhören.«

Seine Worte überstürzten sich. Er verlor sich in Schärfe. Er stieß etwas von »mala fides« hervor. Generalleutnant Badoglio, bleich, jeder Muskel in dem starken, festen Gesicht zum Zerreißen gespannt, sprang von seinem Sitze empor. Er werde sich in keine juristische Spitzfindigkeit mit dem Kapitän einlassen. Er erinnere ihn daran, daß die Frist von vierundzwanzig Stunden von beiden Kommissionen angenommen worden sei. Aber offenbar empfand der Korvettenkapitän jetzt einen Augenblick dialektischer Überlegenheit. Er sprach mit ironischem Unterton fort. Bei der Nachtsitzung hätte ein Teil der österreichisch-ungarischen Delegation gefehlt. Vielleicht sei er mit dem Vorgehen der anderen Mitglieder gar nicht einig. Plötzlich erhielt der Kapitän Unterstützung. Oberst Schneller, Fürst Lichtenstein, Hauptmann Ruggiera standen auf Mit der Frist von vierundzwanzig Stunden seien sie in der Tat nicht einverstanden, sie teilten die Auffassung des »Armeeoberkommandos«.

Generalleutnant Badoglio hieb krachend mit der Faust auf den Tisch:

»Da hört schon alles auf! Unter solchen Verhältnissen haben wir hier nichts mehr zu suchen. Wenden Sie sich an Oberst Gazzera. Und Sie, Herr Oberst, gehen sofort ans Telephon! Widerrufen Sie den Befehl zur Einstellung der Feindseligkeiten. Die Feindseligkeiten gehen weiter. Verständigen Sie sofort auch Versailles, daß die erste Nachricht unrichtig war, und daß die Unterhandlungen mit den österreichisch-ungarischen Abgesandten endgültig gescheitert sind.«

General Weber begriff den Zwischenfall nicht. Er sah ihn nur. Er war ohne Kenntnis der Sprache. Er konnte nicht eingreifen. Aber Baron Seiller sprang auf. Es handle sich um ein schweres Mißverständnis. Korvettenkapitän Zwierkowski hätte sicher weder beabsichtigt, noch das Recht, die während der Nacht getroffenen Vereinbarungen in Zweifel zu ziehen. Sie seien rechtskräftig. General Weber als Präsident erkläre dies feierlich. Seine Erklärung sei maßgebend, nicht die Erklärung eines einzelnen Mitgliedes.

General Badoglio fragte:

»Identifizieren sich die drei während der Nacht Abwesenden mit Korvettenkapitän Zwierkowski?«

Oberst Schneller verneinte. Er sprach von »plötzlich eingetretener Verwirrung und Unorientiertheit«. Der Korvettenkapitän erbat das Wort. Er bitte um Entschuldigung. Generalleutnant Badoglio sandte einen Offizier, um Oberst Gazzera aufzuhalten. Die Sitzung wurde unterbrochen. Die Depesche nach Versailles war bereits abgesandt, der Befehl an die Truppen noch nicht.

Die Sitzung wurde wieder aufgenommen. Der Temperamentsausbruch, den General Weber noch besonders verwischen wollte, war vergessen. Die Kopien wurden durchgeprüft. Vom »Armeeoberkommando« lief jetzt, da der Waffenstillstand abgeschlossen war, ein Radiogramm ein: der an Oberst Schneller nach Trient ursprünglich erteilte Befehl – »Op. Geh. 2100« – wurde wiederholt. Der Vertrag wurde unterschrieben. Es war der 3. November 1918, nachmittags um die fünfte Stunde.

Zwei Kuriere fuhren gleich darauf durch das Etschtal. Ein Bote reiste über die Schweiz. Sie trugen ein Vertragsoriginal und zwei Kopien an das österreichisch-ungarische »Armeeoberkommando«.

*


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