Karl Philipp Moritz
Götterlehre
Karl Philipp Moritz

 << zurück 

Die Schattenwelt

Der Tartarus oder Erebus war eigentlich die Wohnung der Nacht, da, wo man sich die Sonne untersinkend dachte, am äußersten Ende der Erde, wo auch die Behausung des Pluto war, unter welcher die gestürzten Titanen, die Söhne des Himmels, im dunkeln Gefängnis trauern mußten. – Da waren aber auch in dem Atlantischen Ozean, nahe an den Grenzen der Nacht, die Inseln der Seligen, auf denen ein ewiger Frühling herrschte. – An ebendiesem dämmernden Horizonte ruhte der Himmel auf des Atlas Schultern. – Auch hatte die Einbildungskraft die fabelhaften Gärten der Hesperiden hieher versetzt, und die Hesperiden selber waren Kinder der Nacht. – Sowie aber irgendein Land von Griechenland westwärts lag, es mochte nun näher oder entfernter sein, trug die Phantasie jene schwankenden Begriffe darauf über. In Griechenland selber dachte man sich bei dem Vorgebirge Tänarum einen Eingang in das Reich des Pluto; und in Thesprotien, dem westlichsten Teile von Griechenland, strömten die Flüsse Acheron und Kocytus, welche diese Namen wirklich führten; auch war es in dieser Gegend, wo Theseus und Pirithous zu den Schatten stiegen. – Weiter westwärts übers Meer an den Küsten Italiens dachte man sich bei dem Gift aushauchenden See Avernus, über den kein Vogel fliegen konnte, einen Eingang in die Unterwelt; zuletzt ließ man bis an die Wohnung der Nacht, am westlichsten Ufer des Ozeans, das weite Reich des Pluto grenzen, gleichsam, als ob man gern an die Vorstellung vom Sonnenuntergang auch die Ideen des Aufhörens und Verschwindens knüpfte.

Pluto

Der König der Unterwelt hieß bei den Griechen Ades oder Aides, der Unsichtbare, Unbekannte; – selbst sein Name bezeichnete das Dunkel, in welches noch kein sterbliches Auge blickte. Er hieß auch der Unterirdische oder Stygische Jupiter, weil ihm die bildende Kunst dem Jupiter ähnlich, nur mit finstrerm Blicke darstellte. Er hielt einen zweizackichten Zepter von Ebenholz in der Hand und trug auf dem Haupte eine eiserne Krone; sein Helm machte unsichtbar, wen er bedeckte. Zum öftern ward er auch mit einem Getreidemaß auf dem Haupte als dem Sinnbilde der Fruchtbarkeit der auf ihm ruhenden Erdenfläche abgebildet; dann hieß er Jupiter Serapis oder der Ägyptische Jupiter. – Wie Jugend und Schönheit unmittelbar oder durch Alter und Verwelken der zerstörenden Macht, dem Grabe und der Verwesung zum Raube werden, ist in die schöne Dichtung von der Entführung Proserpinens durch den Pluto eingehüllt.

Diese Dichtung ist ausführlich in die den Erzählungen von der Unterwelt so nah verwandte Göttergeschichte der Ceres eingewebt. – Proserpina, die Tochter der Ceres, ward, nachdem sie lange vergebens sich gesträubt, vom Pluto zur Königin der Schatten auf seinen Thron erhoben. – Diese Königin der Unterwelt hieß bei den Griechen Persephone, welcher Name selbst schon auf Zerstörung und Verwesung deutet. – In dem unterirdischen Palaste sitzen nun, in melancholischer Eintracht, Pluto und Proserpina nebeneinander auf ihrem düstern Throne und herrschen über das öde Reich der Toten. Der dreiköpfichte Cerberus wacht am Höllentore; und auf seinem morschen Kahne fährt Charon die Toten über den Fluß, den keiner je zurückschifft. – Die unterirdischen Gewässer, welche den Erebus umgeben, sind schon durch ihren Namen furchtbar: mit den Seufzern der Sterbenden fließt der Acheron, der schwarze Kocytus mit dem Geheul der Klage um die Toten; Pyriphlegeton wälzt sich mit Flammen fort; des über alles furchtbaren Styx ist in dem Abschnitte von den alten Göttern schon gedacht; nur aus dem wohltätigen Lethe trinken die Seelen der Abgeschiedenen Vergessenheit der Sorgen und alles Kummers, der sie im Leben drückte.

Auch deutete im Grunde die ganze Dichtung vom Ades oder Pluto auf das Grab, dessen enge Grenzen die Phantasie zu einer Schattenwelt sich erweiterte. Man nannte daher auch in den Dichtungen das Reich des Pluto ein ödes, leeres Reich und seine Behausung ein enges Haus. – Auf Grab und Verwesung zielt der morsche Kahn des Charon, der auf dem schwarzen, sumpfichten Flusse, welcher kaum nur fortkriecht, des Schlammes viel durch seine Ritzen schöpft, sobald ihn eine ungewohnte Last beschwert.

Auch werden die Toten immer wie in einer Art von Traumwelt dargestellt; sie selbst sind leere Schattenbilder, die erscheinen und verschwinden und denen doch die Entbehrung von demjenigen fühlbar ist, was sie besaßen; die immer noch wie im Leben tätig zu sein sich fruchtlos anstrengen, wie einer, der im ängstlichen Traume vergebens sich abarbeitet, indem er zu schreien sich bemüht und kaum einen schwachen Laut hervorbringt.

Als Ulysses auf den Befehl der Circe zu den Schatten stieg, versammelten sich um die Grube, in welche er das schwarze Blut der Opfertiere fließen ließ, die Seelen der abgeschiednen Jünglinge, Jungfrauen, Männer, im Kriege getötet, und Greise, die vieles erlitten hatten. – Seine Mutter erschien ihm, und als er sie umarmen wollte, wich ihr Schatten zurück; sie lehrte ihn, daß die Seele, sobald der Körper zerstört ist, wie ein Traum davonflieht. Der Schatten des Agamemnon streckte nach dem Ulyß seine Arme aus, aber in den Gliedern war keine Kraft mehr. Ulysses redete den Schatten des Achilles an und pries ihn glücklich, weil er im Leben berühmt gewesen und nun auch geehrt unter den Toten sei; da antwortete Achill, er wolle, wenn es ihm möglich wäre, ins Leben zurückzukehren, lieber kümmerlich einem armen Tagelöhner selbst um Tagelohn dienen als hier in der Unterwelt über alle Toten herrschen. Auch des Herkules Schattenbild sah Ulysses hier, obgleich er selber unter den unsterblichen Göttern seinen Sitz hat.

Äneas, welcher, um seinen Vater Anchises zu sehen, zu den Schatten stieg, hörte, sobald er, vom Charon über den Fluß gesetzt, am jenseitigen Ufer ausstieg, das Geschrei und Weinen der Kinder, die gleich nach ihrer Geburt gestorben waren, ohne des süßen Lebens genossen zu haben. Nächst diesem war der Aufenthalt der unschuldig zum Tode Verurteilten und derjenigen, welche selbst Hand an sich gelegt, weil ihnen der Tag und das Licht verhaßt war und die nun gern die drückendste Armut und die schwerste Arbeit erdulden würden, um zur Oberwelt wieder zurückzukehren, wenn es das unerbittliche Fatum verstattete. Dann kamen die Trauergefilde, worin diejenigen wandelten, denen unglückliche Liebe das Leben kürzte. – Zur Linken war der Tartarus, in welchem die Verächter der Götter ihren Frevel büßten; zur Rechten war Elysium, der Aufenthalt der Seligen und vorzüglich der Seelen der Menschen aus den bessern goldnen Zeiten, die noch mit keinen Verbrechen sich befleckt hatten. Hier war es auch, wo Äneas seinen Vater Anchises fand, welcher ihn über Geburt und Tod, über Werden und Vergehen geheimnisvolle Dinge lehrte und die dunkle Zukunft vor seinem Blick enthüllte.

Auf der hier beigefügten Kupfertafel ist nach antiken geschnittnen Steinen Pluto, als Jupiter Serapis mit dem Cerberus ihm zur Seite, und Charon abgebildet, in dessen Kahn ein Abgeschiedner steigt, dem, vom Merkur herbeigeführt, der mürrische Charon selbst mit Freundlichkeit die Hand reicht.

Furien

Tisiphone, die Rächerin des Mordes; Megära, die Drohende; Alekto, die Nimmerruhende, – strenge und unerbittliche Göttinnen, das Unrecht und den Frevel zu strafen, mit Schlangenhaaren auf dem Haupte und Dolchen und Fackeln in den Händen. Sie quälten den Verbrecher mit schrecklichen Erscheinungen, – sie verfolgten Orest, den Muttermörder, und ließen ihm keine Rast. Die Ehrfurcht gegen sie ging so weit, daß man sich kaum getraute, ihren Namen zu nennen; doch suchte man durch Gebet und Opfer sie zu versöhnen.

Die Strafen der Verurteilten im Tartarus

Die Verdammten im Tartarus sind nicht sowohl zum eigentlichen Leiden als vielmehr zu einer zwecklosen Tätigkeit, insofern dieselbe ein Bild des mühevollen Lebens ist, verurteilt. Ihre Strafe scheint zu sein, daß selbst noch in die Behausung der Toten ihr rastloses Leben sie verfolgt und ihre grenzenlosen Bestrebungen nach einem zu hohen Ziele, wodurch sie den Göttern sich verhaßt machten, die es nicht dulden können, wenn Sterbliche auf irgendeine Weise ihnen zu sehr sich nähern wollen.

Tantalus

Diesen weisen König, der in Lydien herrschte, stellt die Dichtung als einen Liebling der Götter dar. Er saß mit Jupiter selbst zu Tische, der an seinen Gesprächen und an dem hohen Sinne seiner Rede sich ergötzte; – allein

zum Knecht zu groß, und zum Gesellen
Des großen Donnrers nur ein Mensch,
Goethens Iphigenie

verging er sich einstens mit zu dreisten Worten gegen den Jupiter, der ihn so tief hinunterstürzte, als hoch er ihn erhoben hatte. – Des Tantalus Strafe war, vor Durst verschmachtend stets die klare Flut zu sehen, die bis ans Kinn vor ihm emporstieg und schnell zurückwich, sobald er die Lippe benetzen wollte, – und über sich stets mit Sehnsucht den niedergesenkten früchtebeladnen Zweig zu sehen, der schnell in die Höhe wich, sobald er darnach seine Hand ausstreckte.

Diese Strafe selber war gleichsam nur eine Fortsetzung seines Lebens, ein Bild jener nie gestillten Begier, in das Wesen der Dinge und in die Geheimnisse der Götter einzudringen, welche Begier ihn verleitete, selbst seinen Sohn zu schlachten und ihn mit andern Speisen den Göttern vorzusetzen, um ihre Unterscheidungskraft zu prüfen. Wenn irgend etwas die furchtbare Neugier der Sterblichen, das Geheimnisvolle zu ergründen, bezeichnet, so ist es diese schreckliche Dichtung. Es ist der Raub, den die Menschheit an sich selbst begeht, um die Grundursache ihres Daseins zu erforschen. – Die Götter belebten des Tantalus Sohn, den Pelops, wieder, und die Dichtung rechtfertigt durch diese Tat des Tantalus seine Strafe. Alle seine übrigen Vergehungen waren Eingriffe in die Vorzüge der Götter. Er entwandte ihnen die Götterspeise, damit sie von sterblichen Lippen sollte gekostet werden. Auch stahl er den Hund des Jupiter, der dessen Heiligtum in Kreta bewachte, an welchem Raube auch Pandarus teilnahm, den die Götter mit dem Tode straften und dessen Töchter noch seinen Frevel büßten. – Es war das kühne Geschlecht des Japet, das, sich empörend und seine Grenzen überschreitend, den unversöhnlichen Haß der Götter auf sich lud.

Ixion

Fast ein gleiches Schicksal mit dem Tantalus hatte Ixion, der in Thessalien herrschte; er wurde auch an die Tafel der Götter aufgenommen, wo die Reize der Juno ihn seiner Sterblichkeit vergessen ließen. Er ruhte nicht eher, als bis er glaubte, das Ziel seiner Wünsche erreicht zu haben; allein ihn täuschte auf dem Gipfel seines eingebildeten Glücks ein Blendwerk: statt der Juno umarmte er eine Wolke; aus dieser Umarmung entstand wiederum ein täuschendes Bild, ein bloßes Geschöpf der Phantasie, die fabelhaften Centauren, wo Mann und Roß ein Körper sind. Die vermeßnen Ansprüche dieses Sterblichen auf die Umfassung des Hohen und Himmlischen wurden nicht nur getäuscht, sondern auch bestraft. Ixion ward plötzlich von dieser Höhe in den Tartarus hinabgeschleudert, wo er, an ein Rad gefesselt, sich ewig im Kreise drehet und so für seine frevelnden Wünsche büßet, die ihn die Grenzen der Menschheit übersteigen ließen. Die immerwährende Unruhe bleibt, aber sie ist zwecklos, gleich dem mühevollen Rade menschlicher Bestrebungen, die sich nur um sich selber drehen.

Phlegyas

Einer der tapfersten und kriegerischsten Fürsten Griechenlands war Phlegyas, der eine Stadt erbaute, die er nach seinem Namen nannte und sie mit den ausgesuchtesten, tapfersten Kriegern bevölkerte. Man nannte sie die Söhne des Mars, und Schrecken ging vor ihnen her, wohin sie kamen. – Als nun Apollo dem Phlegyas seine Tochter Koronis entführte, so setzte dieser seinem Zorn und seiner Rache keine Grenzen, sondern brach auf, eroberte Delphi und verbrannte den Tempel des Apollo. Dafür schwebt nun in der Unterwelt ein drohender Felsen ewig über seinem Haupte. Die immerwährende Gefahr, die er im Treffen aufsuchte, begleitete den wilden Krieger auch in den Tartarus hinab und ist ein furchtbares Bild von dem Lose der Sterblichen, über deren Haupte beständig das in Dunkel gehüllte Schicksal schwebt, welches Verderben und Zerstörung drohet, indes das beklemmte Gemüt von Furcht und Zweifel geängstigt wird.

Die Danaiden

Der funfzig Töchter des Danaus, Königs in Argos, ist schon gedacht, wie sie auf den Befehl ihres Vaters, die Hypermnestra ausgenommen, alle in einer Nacht ihre Männer ermordeten. Auch diese mußten in der Unterwelt durch zwecklose Mühe für ihr Verbrechen büßen. Sie mußten in löchrichte Gefäße unaufhörlich Wasser schöpfen und so in jedem Augenblick die Frucht ihrer Arbeit zerrinnen sehn.

Sisyphus

Sisyphus, welcher Korinth beherrschte, war einer der tätigsten und weisesten Regenten seiner Zeit, und dennoch ist seine Strafe in der Unterwelt, auf die Spitze eines Berges einen großen Stein zu wälzen, der immer durch seine Schwere wieder hinunterrollt, so daß dem Unglücklichen, der unaufhörlich sich abarbeitet, kein Augenblick der Ruhe und Erholung gestattet ist. – Sisyphus erreichte ein hohes Alter, weswegen die Dichtung von ihm sagt, er habe die unterirdischen Götter betrogen, die ihn auf sein Versprechen, gleich wieder zurückzukehren, einst aus dem Orkus entlassen hätten und denen er frevelnd sein Wort gebrochen. – Indem er, nach dieser Dichtung, seine Tage über das bestimmte Ziel zu verlängern suchte; so war es gleichsam der immer wieder herabrollende Stein, die mühselige Arbeit des Lebens, die er sich selbst aufs neue wählte und welche nun als Schattenbild im Tode ihn noch verfolgte.

Auf der hier beigefügten Kupfertafel ist nach einer antiken Gemme Sisyphus, den Stein in die Höhe wälzend, abgebildet, und nach einem antiken Basrelief sind Amor und Psyche sich umarmend dargestellt.

Amor und Psyche

Eine der reizendsten Dichtungen ist die vom Amor und der Psyche. – Unter der Psyche, mit Schmetterlingsflügeln abgebildet, dachte man sich gleichsam ein zartes geistiges Wesen, das, aus einer gröbern Hülle sich emporschwingend und verfeinert zu einem höhern Dasein, zu schön für diese Erde, durch Amors Liebe selbst beglückt, zuletzt mit ihm vermählt ward und an der Seligkeit der himmlischen Götter teilnahm. – Der Name Psyche selbst bedeutet sowohl einen Schmetterling als die Seele. – Die zartesten Begriffe von Tod und Leben sind dieser Dichtung eingewebt, welche gleichsam über die Schauer der Schattenwelt einen sanften Schleier deckt.

Auf Erden war Psyche die jüngste von drei Königstöchtern; und sie blieb unvermählt, weil wegen ihrer himmlischen Schönheit kein Sterblicher es wagte, sich um sie zu bewerben. Auf den Befehl eines Orakelspruchs mußten ihre Eltern und Freunde sie wie zum Tode, im Leichenschmuck, auf einen hohen Berg begleiten und an dem Rande eines jähen Abgrundes sie verlassen. Sobald sich Psyche allein sah, ward sie von einem Zephir sanft emporgetragen und in ein anmutiges Gefilde, wo ein glänzender Palast stand, zu Amors unsichtbaren Umarmungen hinweggerückt. – Oft warnte Amors Stimme sie, bei dem Verlust seiner Liebe, niemals, wer ihr Liebhaber sei, neugierig nachzuforschen.

Mitten aber im Genuß eines himmlischen Glücks sehnte Psyche, zu ihrem Schaden, dennoch zu ihren Schwestern sich zurück, welche, auf ihren Wunsch vom Zephir hergetragen, in ihrem Aufenthalt sie besuchten und, ihr Glück beneidend, sie auf den Argwohn brachten, ihr unsichtbarer Liebhaber sei ein furchtbares Ungeheuer, von dem sie sich befreien und es mit scharfem Eisen im Schlafe töten müsse. Die Schwestern wurden vom Zephir wieder hinweggetragen, und Psyche befolgte töricht ihren Rat. Kaum war es Nacht und Amor eingeschlummert, so trat sie mit einer Lampe und mit dem gezückten Dolche vor ihn hin, als sie statt eines Ungeheuers den schönsten unter den unsterblichen Göttern, den himmlischen Amor selbst, erblickte. Zitternd hielt sie die Lampe in der Hand, aus der ein Tropfen heißes Öl auf Amors Schulter fiel, worüber er erwachte und, da er Psychen und das tödliche Werkzeug sah, zürnend sie verließ.

Voll Verzweiflung, Amors Liebe verscherzt zu haben, suchte Psyche ihr Dasein zu vernichten und stürzte sich in den nächsten Fluß; allein die Wellen trugen sie an das jenseitige Ufer sanft hinüber, wo Pan, der Gott der Herden, ihr den Trost gab, daß sie hoffen dürfe, auf ihr Vergehen noch einst Verzeihung zu erhalten. –

Die Schwestern der Psyche aber, welche die Folgen ihres Rats wohl vermuteten, wünschten nun selbst die Stelle der Verstoßnen einzunehmen und stellten sich eine nach der andern auf die Felsenspitze, wo sie glaubten, daß der Zephir sie nach dem gewünschten Aufenthalt bringen würde; allein sie stürzten in die Tiefe hinab und büßten ihren Neid und den Verrat an ihrer Schwester mit dem Tode.

Um den Amor aufzusuchen, schweifte Psyche vergebens auf der ganzen Erd' umher; sie flehte zuletzt die Venus selber um Erbarmung an, welche, heftig auf sie zürnend und auf ihre Schönheit eifersüchtig, ihr die härtesten Prüfungen und die schwersten Arbeiten auferlegte, deren Ausführung oft unmöglich schien – und die sie dennoch mit Hülfe wohltätiger Wesen vollbrachte, welche Amor, der sie stets noch liebte, ihr zum Beistande schickte. Psyche aber mußte lange für ihre Torheit büßen und des verscherzten Glücks erst wieder würdig werden. Zuletzt befahl ihr Venus, selbst in die Unterwelt hinabzusteigen und von der Proserpina eine Büchse zu fordern, welche hohe Schönheitsreize in sich enthielte. Nun glaubte Psyche, sie müsse sterben, um in die Unterwelt zu kommen. Allein eine Stimme belehrte sie von jeder Vorsicht, die sie nehmen, und warnte sie vor jeder Gefahr, die sie vermeiden müsse.

Sie durfte Kuchen und Fährgeld nicht vergessen, jenen, um den Cerberus zu besänftigen, dieses, um den Charon zu befriedigen, der ihr, so wie den Toten, das Geld aus dem Munde nehmen mußte. Es waren nur die Gebräuche des Sterbens, welche von der Psyche beobachtet wurden; sie selber kehrte ans Licht empor; auch durfte sie sich dem Orkus durch nichts verbindlich machen und an dem Gastmahl Proserpinens keinen Anteil nehmen, sondern auf der Erde sitzend nur schwarzes Brot verzehren. Vor allem aber mußte sie die Büchse mit den Schönheitsreizen uneröffnet der Venus überbringen; und Psyche, welche nun in so vielen Proben bestanden war, erlag in dieser letztern. Kaum war sie der Unterwelt entstiegen, so nahm sie den Deckel von der Büchse, aus welcher ein höllischer Dampf ihr entgegenstieg, der sie in einen tiefen Todesschlummer senkte, von welchem Amor, der schon lange unsichtbar über ihr schwebte, sie wieder weckte und über diesen zweiten Rückfall in Eitelkeit und Neugier ihr nur sanfte Vorwürfe machte; denn schon war sein Entschluß gefaßt, sich mit der Psyche zu vermählen; sie ward auf seine Bitte beim Jupiter unter die Zahl der Götter aufgenommen; auch Venus ward versöhnt; Gesang und Saitenspiel ertönte, und das ganze Chor der Götter nahm an der Hochzeitfeier des himmlischen Amors teil, mit welchem Psyche, wie der Götterfunken mit seinem Ursprunge, sich vermählte.


 << zurück