Karl Philipp Moritz
Götterlehre
Karl Philipp Moritz

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Die tragischen Dichtungen

Daß die Alten überhaupt in ihren Dichtungen das Tragische liebten, sieht man aus der ganzen Folge ihrer Götter- und Heldengeschichte. Das ungleiche Verhältnis der Menschen zu den Göttern, welches schon von ihrer Entstehung an sich offenbarte, ist fast in jeder Dichtung auf irgendeine Weise in ein auffallendes Licht gestellt.

Die Götter erhöhen und stürzen nach Gefallen. Jeder Versuch eines Sterblichen, mit ihrer Macht und Hoheit sich zu messen, wird auf das schrecklichste geahndet. Ihr zu naher Umgang bringt oft ihren Lieblingen selbst den Tod. Ihre wohltätige Macht wird von der furchtbaren überwogen.

Allein es gab ein Fatum, das über Götter und Menschen herrschte. Durch dies Fatum fühlten die Sterblichen sich den Göttern gleichgesetzt, wenn in den hohen tragischen Dichtungen gegen den Druck der Obermacht die langverhaltne Erbitterung endlich ausbrach.

Folgender Gesang eines neuern Dichters hallt jene furchtbaren Töne wider und reißt den Horcher an die tragische Schaubühne der Alten hin:

Es fürchte die Götter
Das Menschengeschlecht!
Sie hatten die Herrschaft
In ewigen Händen,
Und können sie brauchen,
Wie's ihnen gefällt.

Der fürchte sie doppelt,
Den je sie erheben!
Auf Klippen und Wolken
Sind Stühle bereitet
Um goldene Tische.

Erhebet ein Zwist sich:
So stürzen die Gäste,
Geschmäht und geschändet,
In nächtliche Tiefen
Und harren vergebens,
Im Finstern gebunden,
Gerechten Gerichtes.

Sie aber, sie bleiben
In ewigen Festen
An goldenen Tischen.
Sie schreiten vom Berge
Zu Bergen hinüber;
Aus Schlünden der Tiefe
Dampft ihnen der Atem
Erstickter Titanen,
Gleich Opfergerüchen,
Ein leichtes Gewölke.

Es wenden die Herrscher
Ihr segnendes Auge
Von ganzen Geschlechtern,
Und meiden, im Enkel
Die ehmals geliebten,
Still redenden Züge
Des Ahnherrn zu sehn.

Goethens Iphigenie

Theben

Vorzüglich war Theben in Griechenland der Schauplatz der tragischen Begebenheiten, welche, auf der Bühne dargestellt, die schmerzlichsüße Teilnehmung an dem Jammer der Vorwelt in jedem Busen weckten und ein ganzes mitempfindendes Volk zur höhern Bildung vereitelten.

Kadmus

Agenor, dessen Tochter Europa vom Jupiter entführt ward, war auch der Vater des Kadmus, dem er befahl, die entführte Tochter in allen Ländern aufzusuchen und ohne sie vor ihm nicht wieder zu erscheinen.

So rächte die zürnende Eifersucht der Juno sich an Agenors Hause. Wie ein Flüchtling mußte Kadmus umherirren und durfte, da er seine Schwester nirgends fand, in seine väterliche Heimat nicht wiederkehren, sondern mußte im fremden Lande sich einen Wohnsitz suchen.

Er kam nach Böotien in Griechenland und wählte es, einem Orakelspruch zufolge, zu seinem Aufenthalt. Als er nun seine Gefährten, um Wasser zu einem Opfer zu schöpfen, in ein dem Mars geweihtes Gehölze schickte, wurden sie von einem ungeheuren Drachen, dem Hüter dieses heiligen Hains, getötet.

Kadmus erlegte dies Ungeheuer und mußte, auf den Befehl der Minerva, die Zähne des Drachen in die Erde säen. Aus dieser Saat keimten geharnischte Männer auf, die sogleich ihre Schwerter gegeneinander zückten und sich einander erschlugen, bis auf fünf, die dem Kadmus Theben erbauen halfen.

Diese Dichtung von den Kriegern, die, aus der Saat der Drachenzähne entsprossen, sich selbst einander aufreiben, ist schon ein dunkles Vorbild von alle dem Jammer und der Zwietracht, welche die Nachkommen des Kadmus einst ihre Schwerter gegen sich selber kehren und sie in ihr Eingeweide wüten läßt.

Kadmus, der Stifter von Theben, vermählte sich nun mit der Harmonia, einer Tochter des Mars und der Venus, und bildete das Volk, das er um sich her versammelte und dem er zuerst die Schriftzeichen mitteilte, die er aus Phönizien mit sich hierhergebracht. Er lebte mit der Harmonia bis in sein spätestes Alter. Um diesem Paar eine Art von Unsterblichkeit zu geben, sagt die Dichtung, daß beide zuletzt in Schlangen verwandelt wurden.

Die Kinder des Kadmus, welche er mit der Harmonia oder Hermione erzeugte, waren Ino, Agaue, Autonoe, Semele und ein Sohn namens Polydorus. Semele, die Mutter des Bacchus, deren schon öfter gedacht ist, kam in Flammen um, weil sie auf Anstiften der Juno den törichten unwiderruflichen Wunsch getan hatte, ihren Liebhaber, den Donnergott, in seiner ganzen Majestät zu sehen.

Agaue vermählte sich mit dem Echion, einem der Übriggebliebenen von denen, die aus der Saat der Drachenzähne entsprossen waren, welcher den Pentheus mit ihr erzeugte. Dieser Pentheus, welcher sich spottend der Verehrung des Bacchus widersetzte und dessen Priesterinnen verfolgte, wurde, wie schon gedacht ist, von seiner eignen Mutter und den übrigen Bacchantinnen, die ihn für ein reißendes Tier ansahen, zerfleischt.

Die Ino verfolgte der Zorn der Juno, weil sie den jungen Bacchus säugte. Sie war mit dem Athamas vermählt. Diesen ergriff eine rasende Wut, in welcher er ihren ersten Sohn Learchus an einem Felsen zerschmetterte und, da sie mit ihrem jüngsten Sohn Melicertes vor ihm flohe, bis an eine Felsenspitze am Meere sie verfolgte. Hier stürzte Ino sich mit ihrem Sohn herab und ward samt ihm von den Wellen emporgetragen. Beide wurden unter die Meergötter aufgenommen, und Ino ward unter dem Namen Leukothea verehrt.

Autonoe, die vierte Tochter des Kadmus, vermählte sich mit dem Aristäus, der den Aktäon mit ihr erzeugte, dessen schon gedacht ist, wie ihn seine eignen Hunde zerrissen, als Diana, die er im Bade erblickte, um seinen Frevel zu strafen, ihn in einen Hirsch verwandelt hatte.

Dies sind die Schicksale der Töchter des Kadmus, welche ein feindseliges Verhängnis und den Haß der Juno, der auf ihres Vaters Hause ruhte, mehr oder weniger tragen mußten.

Kadmus selber begab sich in seinem Alter nach Illyrien, wo, nach der Fabel, seine Verwandlung vorging. Die Herrschaft über Theben überließ er seinem Sohn, dem Polydor, welcher den Labdakus erzeugte, der ihm wieder in der Regierung folgte. Labdakus vermählte sich mit der Nykteis, einer Tochter des Nykteus, und erzeugte mit ihr den Laius, der noch minderjährig war, als sein Vater starb, und an dessen Stelle Lykus, ein Bruder des Nykteus, über Theben herrschte.

Antiope, eine Tochter des Nykteus, ward vom Jupiter geliebt, von ihrem Vater aber verstoßen; sie rettete sich zum Epopeus, dem Könige von Sikyon, der sich mit ihr vermählte. Lykus aber, der dem sterbenden Nykteus versprochen hatte, ihn an seiner Tochter zu rächen, erschlug den Epopeus und führte die Antiope gefangen nach Theben, wo er sie seiner Gemahlin Dirce übergab, von der sie auf das grausamste mißhandelt wurde.

Antiope hatte vom Jupiter den Amphion und Zethus geboren, die heimlich erzogen wurden. Sobald sie ein Mittel fand zu entrinnen, eilte sie zu ihren Söhnen und forderte sie auf, die Schmach ihrer Mutter zu rächen. Amphion und Zethus drangen in Theben ein, erschlugen den Lykus, verjagten den Laius und banden die Dirce, welche ihre Mutter so grausam mißhandelt hatte, an die Hörner eines wilden Stiers, von dem sie zerrissen ward.

Amphion erbaute nun die Mauern von Theben und schloß die Stadt mit sieben Toren ein. – Die Überredungskunst, womit Amphion zu diesem Werke die rohen Einwohner zu ermuntern wußte, hüllt die Dichtung in die schöne Fabel ein, daß er durch die Töne seiner Leier die Steine selbst bewegt habe, sich zusammenzufügen und zu Mauern und Türmen sich zu bilden.

Nach dem Tode des Amphion und Zethus riefen die Thebaner den verjagten Laius, des Labdakus Sohn, zurück und gaben ihm die Herrschaft wieder, worauf er mit der Iokaste, der Schwester des Kreon, eines thebanischen Fürsten, sich vermählte.

Ödipus

Dem Laius war geweissagt worden, daß sein Sohn ihn erschlagen würde. Als ihm daher Iokaste den Ödipus gebar, so ließ er ihn in einer wüsten Gegend aussetzen. Der vertraute Bediente, der dies Geschäft verrichtete, band das Kind mit den Füßen an einen Baum.

In diesem Zustande fand es Phorbas, der Aufseher der Herden des Königs Polybius, der Korinth beherrschte. Dieser nahm das Kind, als es ihm Phorbas brachte, selbst an Kindes Statt an, und man gab ihm von seinen geschwollnen Füßen den Namen Ödipus.

Die Pflegeeltern des Ödipus verhehlten sorgfältig vor ihm die Ungewißheit seiner Abkunft, so daß er von Kindheit an sie für seine wahren Eltern hielt, bis in seinen Jünglingsjahren einige beunruhigende Zweifel ihn bewogen, das Orakel des Apollo um Rat zu fragen.

Das Orakel berührte den eigentlichen Punkt seiner Abkunft nicht, sondern warnte ihn nur vor der Rückkehr in sein Vaterland, weil er daselbst seinen Vater töten und seine eigne Mutter zum Weibe nehmen würde.

Ödipus suchte seinem Schicksale zu entgehen, indem er sich freiwillig von Korinth verbannte, das er noch immer für sein Vaterland hielt. In dieser Rücksicht begab er sich auf den Weg nach Theben und ging unwissend seinem Schicksal entgegen.

Denn schon auf der Reise stieß er in einem engen Wege auf den Laius, dem er nicht ausweichen wollte und darüber mit ihm und seinem Gefolge in einen Streit geriet, wovon das Ende war, daß Ödipus unwissend seinen eigenen Vater erschlug und auf die Weise ein Teil des Orakels in Erfüllung ging.

Als Ödipus nach Theben kam, fand er die Sphinx, ein von der Echidna gebornes und von der Juno gesandtes geflügeltes Ungeheuer in Löwengestalt und mit jungfräulichem Antlitz, die Einwohner ängstigend.

Auf einem Felsen nicht weit von Theben saß die Sphinx und gab den Vorbeigehenden ein Rätsel auf: was für ein Tier am Morgen auf vier, am Tage auf zwei, am Abend auf drei Füßen gehe? Wer dies Rätsel nicht erriet, den stürzte sie von dem Felsen herab.

Ödipus kam und deutete das Rätsel: der Mensch als Kind am frühen Morgen seines Lebens wälze sich auf Händen und Füßen fort; am langen Tage des Lebens, wo noch die Kraft in seinen Gliedern wohnt, wandle er aufrecht auf zwei Füßen; am Abend, wenn das Alter ihn überschleicht, gehe er gebückt am Stabe und setze auf die Weise den dritten Fuß sich an.

Nun tötete Ödipus die Sphinx, oder nach einer andern bedeutendern Sage stürzte sie sich vom Felsen herab, sobald er das Rätsel erraten hatte.

Da nun Laius tot war, ohne daß man seinen Mörder wußte, so hatte man demjenigen, der das Rätsel der Sphinx auflösen und von diesem Ungeheuer das Land befreien würde, verheißen, daß die Königin sich mit ihm vermählen und ihm die Herrschaft über Theben zum Brautschatz bringen solle.

Dem Ödipus ward nun dies von vielen Tausenden beneidete anscheinende Glück zuteil, womit der schreckliche Orakelspruch ganz und ohne Schonung in Erfüllung ging; indem er sich mit Iokasten, der Königin vermählte, nahm er unwissend seine eigne Mutter zum Weibe, nachdem er seinen Vater erschlagen hatte.

Eine Weile Lebensgenuß verstattete ihm noch sein feindseliges Geschick, indem es vor alle diese Greuel einen Vorhang zog. Ödipus erzeugte mit der Iokaste zwei Söhne, Eteokles und Polynikes, und zwei Töchter, Antigone und Ismene – ebenso unwissend über sein eignes Schicksal als über das künftige seiner Kinder.

Die Tage dieser glücklichen Unwissenheit sollten nicht lange mehr dauern. Über Theben kam eine verwüstende Pest. Ödipus selber tat den Vorschlag, das Orakel zu befragen, ob etwa irgend ein einzelner Mann den Zorn der Götter auf sich geladen und ob das ganze Land vielleicht die Schuld eines einzelnen büßen müsse? –

Man folgte seinem Rat, und der furchtbare Ausspruch traf ihn selber. Er ruhte nicht, nachzuforschen, bis er die Wahrheit ans Licht bringen oder die Verleumdung zuschanden machen würde; und mit jeder Nachforschung entwickelte sich immer klärer die gräßliche Geschichte.

Als endlich nun kein Zweifel mehr übrig war und Ödipus mit schrecklicher Gewißheit der Blutschande und des Vatermords sich schuldig fand, so vermochte er nicht länger des Tages Glanz zu tragen und blendete sich selber. Die unglückliche Iokaste gab sich mit dem Strange den Tod. Und Ödipus irrte, des Augenlichts beraubt, von seiner Tochter Antigone geführt, beladen mit dem Haß der Götter, bis an seinen Tod im fremden Land umher.

Dem Ödipus folgten in der Regierung seine beiden Söhne Eteokles und Polynikes, dergestalt, daß beide abwechselnd, ein Jahr um das andre, die Herrschaft führen sollten. Aber auch diese traf das feindselige Verhängnis, das auf Theben und den Nachkommen des Kadmus ruhte.

Eteokles und Polynikes

Diese beiden wurden ein Opfer ihres Zwistes, der aus Neid und Herrschsucht sich entspann. Eteokles trat die Regierung an. Das erste Jahr verfloß, und Eteokles, der einmal im Besitz war, weigerte sich, dem Polynikes auf das andre Jahr die Herrschaft abzutreten.

Polynikes ging aus Theben und begab sich zum Adrastus, der über Argos herrschte. Dieser nahm ihn gütig auf, versprach ihm seinen Beistand und vermählte ihm seine Tochter. Auch Tydeus, des Öneus Sohn und Bruder des Meleager, begab sich zu ebendieser Zeit zum Könige Adrastus, weil er aus Kalydon flüchten mußte, und diesem vermählte Adrastus seine andre Tochter.

Um nun dem Polynikes seinen Anteil an der Herrschaft über Theben wieder zu verschaffen, schickte Adrastus erst den Tydeus zum Eteokles, um Unterhandlung mit ihm zu pflegen. Da aber dieser, noch ehe er nach Theben kam, von einem Hinterhalt, den Eteokles ihm gelegt, verräterisch überfallen wurde und, nachdem er mit Mühe sich gerettet hatte, mit der Nachricht von dieser Verräterei nach Argos zurückkehrte, so rüstete Adrastus sich schleunig zum Kriege gegen den Eteokles.

Der Thebanische Krieg

Zu der Unternehmung gegen Theben vereinigte sich Adrastus mit seinen beiden Tochtermännern, dem Tydeus und dem Polynikes, um dessentwillen er den Krieg anhub. Zu ihnen gesellte sich der tapfere Kapaneus aus Messene, Hippomedon, ein Sohn der Schwester des Adrastus, und Parthenopäus, ein schöner und tapfrer Jüngling aus Arkadien, dessen Mutter Atalante war.

Mit der Eriphyle, einer Schwester des Adrastus, war Amphiaraus vermählt, den man an diesem Zuge teilzunehmen lange vergebens zu überreden sich bemühte, weil sein Geist in die Zukunft blickte und nicht nur das Unglück, das die Belagrer von Theben treffen würde, voraussahe, sondern auch sicher wußte, daß in diesem Kriege ihm sein Tod bevorstand.

Er verbarg daher den Ort seines Aufenthalts vor dem Adrast und Polynikes, bis seine eigne Gemahlin Eriphyle, durch ein kostbares Halsgeschmeide, das ihr Polynikes schenkte, gewonnen, den Ort seines Aufenthalts entdeckte und Amphiaraus nun wider Willen an diesem Kriege teilzunehmen genötigt wurde. Nun waren also der Anführer sieben:

Adrastus,
Polynikes,
Tydeus,
Amphiaraus,
Kapaneus,
Parthenopäus,
Hippomedon.

Allein schon unterwegens auf ihrem Zuge ereignete sich ein tragischer Zufall: Hypsipyle, deren in der Geschichte der Argonauten schon gedacht ist, hatte nach der Abreise des Iason, von dem sie einen Sohn gebar, vor den übrigen Weibern aus Lemnos flüchten müssen, weil sie ihrem Vater Thoas das Leben gerettet. Sie ward am Ufer des Meers, wohin sie sich zu retten suchte, von Seeräubern gefangen, die sie dem Lykurgus verkauften, welcher sie zur Säugamme seines Sohnes Archemorus machte.

Da nun das vereinte Heer durch das Gebiet des Lykurgus zog, so fanden sie des Thoas königliche Tochter allein in einem Gehölze, dem Knaben Archemorus die Brust darreichend. Sie eilte, den vor Durst verschmachtenden Griechen, die sie um Beistand flehten, eine Quelle zu zeigen, und ließ den Knaben Archemorus allein im Grase liegen.

Als nun Hypsipyle an den Ort, wo sie ihren Säugling ließ, zurückkehrte, hatte diesen während der Zeit eine Schlange getötet. Die Griechen, über diese Begebenheit bestürzt und niedergeschlagen, hielten dem Kinde ein prächtiges Leichenbegängnis und stifteten ihm zu Ehren Spiele, welche nachher zu bestimmten Zeiten wiederholt wurden.

Nach dieser vollbrachten Totenfeier setzte das Kriegsheer seinen Zug fort und kam vor Theben an. Die sieben Heerführer teilten sich, um die sieben Tore von Theben mit ihren Haufen zu besetzen und durch eine Belagerung die Stadt zu zwingen.

Eteokles stellte einem jeden der Anführer in dem Heere des Adrastus seinen Mann entgegen. Dem Tydeus den Menalippus, dem Kapaneus den Polyphontes, dem Hippomedon den Hyperbius, dem Parthenopäus den Aktor, dem Amphiaraus den Lasthenes, er selber stellte sich gegen den Polynikes, seinen Bruder.

Und nun begann, indem die Belagerten einen Ausfall taten, das für Sieger und Besiegte gleich unglückselige Treffen.

Hippomedon und Parthenopäus fielen; Kapaneus, der die Mauer erstieg, wurde vom Blitz getötet, Tydeus vom Menalippus erschlagen, und Eteokles und Polynikes kamen beide im Zweikampf um; den Amphiaraus verschlang die Erde; nur Adrastus entfloh auf seinem schnellen Roß Arion, dessen schon bei den Erzeugungen des Neptun gedacht ist.

Die Regentschaft in Theben fiel dem Kreon, dem Bruder der Iokaste, zu. Dieser befahl, den Leichnam des Eteokles mit allen Ehrenbezeugungen zu begraben. Den Körper des Polynikes aber verbot er, bei Todesstrafe, mit Erde zu bedecken und ließ ihn, so wie die übrigen Leichname der Gebliebnen von Adrastus' Heer, unter freiem Himmel, den Vögeln zum Raube liegen.

Antigone, des Ödipus Tochter und Schwester des Polynikes, achtete Kreons Verbot und die Gefahr des Todes nicht, sondern stahl sich bei einer mondhellen Nacht vor die Stadt hinaus, wo ihre Hände ihres Bruders Leichnam mit Sand bedeckten. Als sie für diese Tat lebendig ein Raub des Grabes werden sollte, kam sie dem Urteil schnell zuvor und gab mit dem Strange sich selbst den Tod.

Hämon, Kreons Sohn, welcher sie zärtlich liebte, stieß verzweiflungsvoll sein Schwert sich in die Brust, da er Antigonen als ein Opfer von seines Vaters Grausamkeit in ihrem Kerker tot fand.

Hämons Mutter überlebte den Verlust ihres Sohnes nicht; und verwaist stand nun Kreon da und klagte verzweiflungsvoll sich selber und sein Verhängnis an.

Adrastus hatte indes den Theseus um Beistand angefleht, und dieser kam vor Theben, schlug die Thebaner und zwang sie, die Leichname der Gebliebnen von des Adrastus Heere zum Begräbnis auszuliefern.

Alle die Unglücksfälle, womit dieser Krieg begleitet war, hatten dennoch nicht die Erbittrung ausgelöscht, welche zehn Jahre nachher bei den Söhnen der Erschlagnen zu einem zweiten Kriege ausbrach, der, weil ihn die Nachkommen der vorigen Feldherrn führten, der Krieg der Epigonen hieß.

Ein Sohn des Eteokles war Laodamas, der nach dem Kreon über Theben herrschte. Thersander, des Polynikes Sohn, unterstützt von den Söhnen der erschlagnen Feldherren und dem Ägialeus, des Adrastus Sohn, rückte aufs neue vor Theben, besiegte den Laodamas und bemächtigte sich nun der Herrschaft wieder, die seinem Vater Polynikes unrechtmäßig entrissen war. Laodamas aber entflohe nach Illyrien, dem alten Zufluchtsorte des Kadmus, als er Theben verließ. In diesem Kriege blieb von den Anführern nur Ägialeus, dessen Vater Adrastus in dem ersten Thebanischen Kriege nur allein sich rettete, da alle übrigen Feldherrn fielen.

Nach einem antiken geschnittnen Stein aus der Stoschischen Sammlung, einem der seltensten und schätzbarsten Denkmäler aus dem ganzen Altertum, befindet sich auf der hier beigefügten Kupfertafel eine Abbildung der Helden, welche in dem ersten Thebanischen Kriege, vom Adrastus angeführt, Theben belagerten.

Von den sieben Helden sind nur fünf dargestellt, deren Namen auf dem alten Denkmale selbst mit eingegraben sind, wo sowohl die Schrift als die Zeichnung der Figuren das hohe Altertum des Werks beweist. Die Helden sind:

Adrastus,
Tydeus,
Polynikes,
Amphiaraus,
Parthenopäus.

Sie scheinen nach einem erlittnen Verlust aufs neue sich zu beratschlagen. In der Mitte sitzt Amphiaraus, seinen Tod und den Tod der übrigen voraussehend, mit niedergeschlagnem Blick. Ihm gegenüber Polynikes, in Nachdenken und Traurigkeit versenkt, den Kopf auf die Hand gestützt. Neben dem Amphiaraus sitzt Parthenopäus und schlägt in ruhiger, überlegender Stellung die Hände um das Knie zusammen.

Adrastus ist aufgestanden und scheint, mit Schild und Lanze bewaffnet, entschlossen, wieder ins Treffen zu eilen. Tydeus folgt ihm, ebenfalls bewaffnet, allein mit weniger Mut und niedergeschlagnem Blick. Vom Polynikes, mit dem Kopf auf die Hand gestützt, bis zum Adrastus, der entschlossen ins Treffen eilt, ist gleichsam eine Stufenfolge der innern Gemütsbewegungen auf diesem alten Kunstwerke ausgedrückt. Auf ebendieser Tafel ist nach einer antiken Gemme Ödipus dargestellt, wie er im Begriffe ist, die Sphinx zu töten.

Die Pelopiden

Pelops, ein Sohn des Tantalus, der von den Göttern erhöhet und gestürzt ward, kam nach Griechenland zum Könige von Pisa, Önomaus, der ihn gastfreundlich aufnahm. Pelops warb um die schöne Hippodamia, des Königs Tochter. Allein dem Önomaus war geweissagt worden, daß sein Eidam ihn töten würde. Ein jeder, der um Hippodamien warb, mußte daher mit ihm zu Wagen einen Wettlauf halten; und wen er, ehe sie ans Ziel kamen, erreichen konnte, der ward von ihm mit dem Schwert getötet.

Pelops wußte den Myrtilus, des Önomaus edlen Wagenlenker, durch lockende Versprechungen zu bewegen, den Wagen des Önomaus dergestalt einzurichten, daß er mitten im Lauf notwendig zertrümmern mußte. Der König stürzte und verlor sein Leben. Pelops vermählte sich mit Hippodamien; und weil er dem Myrtilus sein Versprechen nicht halten wollte, so stürzte er auch diesen, ehe er es sich versahen von einem Fels ins Meer, welches nachher von ihm das Myrtoische hieß.

Allein nach dieser Tat traf schnell ein Unglück nach dem andern des Pelops Haus, obgleich seine Macht sich stets vergrößerte und man die ganze Halbinsel von Griechenland, worin er so viel beherrschte, nach seinem Namen Peloponnesus nannte.

Mit der Hippodamia erzeugte Pelops den Atreus und Thyest. Diese brachten ihren Bruder Chrysippus, welchen Pelops mit der Astyoche erzeugte, ums Leben, weil sie des Vaters Liebe zu ihm nicht dulden konnten. Hippodamia, welche Pelops für die Stifterin dieses Mordes hielt, gab sich selber den Tod. Thyest und Atreus flüchteten.

Atreus begab sich nach Mycene zum Eurystheus, der seine Tochter Aerope mit ihm vermählte und nach dessen Tode er über Mycene herrschte. Thyest war ihm dahin gefolgt und nahm am Glücke des Atreus teil; allein er entehrte bald seines Bruders Bette, indem er mit der Aerope, des Atreus Gattin, zwei Söhne erzeugte.

Als Atreus die Freveltat erfuhr, verjagte er den Thyest mit den von ihm erzeugten Söhnen aus dem Reiche. Thyest, auf Rache sinnend, hatte seinem Bruder einen Sohn entwandt, welchen er als den seinigen auferzog und, nachdem er mit Haß und Wut gegen den Atreus seine Seele erfüllt hatte, ihn abschickte, um den schrecklichsten Mord unwissend zu begehen.

Unter den grausamsten Martern ließ Atreus den Jüngling hinrichten, dessen Versuch man entdeckt hatte, und erfuhr zu spät, daß er statt seines Bruders Sohn den eignen getötet habe. Verstellt und auf noch höhere Rache sinnend, versöhnte sich Atreus zum Schein mit seinem Bruder, schlachtete dessen beide Söhne und tischte das Fleisch dem Thyestes auf, welchem er nach genossenem Mahle Haupt und Hände entgegenwarf. Die Sonne, sagt die Dichtung, wandte schnell ihren Lauf zurück, um diese Szene nicht zu beleuchten.

Ein neuer Dichter läßt Iphigenien, die auch aus des Pelops Hause und Dianens Priesterin war, dem Könige Thoas in Tauris diese Greuel erzählen.

Schon Pelops, der gewaltig Wollende,
Des Tantalus geliebter Sohn, erwarb
Sich durch Verrat und Mord das schönste Weib,
Des Önomaus Tochter, Hippodamien.
Sie bringt den Wünschen des Gemahls zwei Söhne,
Thyest und Atreus. Neidisch sehen sie
Des Vaters Liebe zu dem ersten Sohn
Aus einem andern Bette wachsend an.
Der Haß verbindet sie, und heimlich wagt
Das Paar im Brudermord die erste Tat.
Der Vater wähnet Hippodamien
Die Mörderin, und grimmig fordert er
Von ihr den Sohn zurück, und sie entleibt
Sich selbst   –
–   –   –   –   –   –   –   –
–   –   –   Nach ihres Vaters Tode
Gebieten Atreus und Thyest der Stadt,
Gemeinsam herrschend. Lange konnte nicht
Die Eintracht dauern. Bald entehrt Thyest
Des Bruders Bette. Rächend treibt Atreus
Ihn aus dem Reiche. Mördrisch hatte schon
Thyest, auf schwere Taten sinnend, lange
Dem Bruder einen Sohn entwandt und heimlich
Ihn als den seinen schmeichelnd auferzogen.
Dem füllet er die Brust mit Wut und Rache
Und sendet ihn zur Königsstadt, daß er
Im Oheim seinen eignen Vater morde.
Des Jünglings Vorsatz wird entdeckt; der König
Straft grausam den gesandten Mörder, wähnend,
Er töte seines Bruders Sohn. Zu spät
Erfährt er, wer vor seinen trunknen Augen
Gemartert stirbt; und die Begier der Rache
Aus seiner Brust zu tilgen, sinnt er still
Auf unerhörte Tat. Er scheint gelassen,
Gleichgültig und versöhnt, und lockt den Bruder
Mit seinen beiden Söhnen in das Reich
Zurück, ergreift die Knaben, schlachtet sie
Und setzt die ekle, schaudervolle Speise
Dem Vater bei dem ersten Mahle vor.
Und da Thyest an seinem Fleische sich
Gesättigt, eine Wehmut ihn ergreift,
Er nach den Kindern fragt, den Tritt, die Stimme
Der Knaben an des Saales Türe schon
Zu hören glaubt, wirft Atreus grinsend
Ihm Haupt und Füße der Erschlagnen hin. –
–   –   –   –   –   –   –   –
Es wendete die Sonn' ihr Antlitz weg
Und ihren Wagen aus dem ewgen Gleise.
Goethens Iphigenie

Thyestes erzeugte in Blutschande mit seiner eignen Tochter Pelopia den Ägisthus, der, als er erwachsen war, den Atreus tötete und dessen Söhne Agamemnon und Menelaus verjagte, worauf Thyestes den Thron bestieg.

Die vertriebnen Söhne des Atreus vermählten sich mit den Töchtern des Tyndareus. Agamemnon mit der Klytemnestra und mit der Helena Menelaus. Sie rächten des Atreus Tod, verjagten den Thyestes, und Agamemnon erhielt seines Vaters Reich und herrschte zu Mycene, wo er mit der Klytemnestra die Iphigenie, Elektra und den Orest erzeugte; Menelaus folgte dem Tyndareus in der Herrschaft über Sparta.

Als Agamemnon nun das Heer der Griechen gegen die Trojaner anführte, versöhnte er sich mit dem Ägisthus, verzieh ihm seines Vaters Tod und vertraute sogar die Sorge für Klytemnestra und für sein Haus ihm an. Ägisthus aber mißbrauchte dies Vertrauen, verleitete die Klytemnestra zur Untreue gegen den Agamemnon; und als dieser nach der Eroberung von Troja wieder in seine Heimat kehrte, ward er vom Ägisthus und seinem eignen Weibe mitten unter dem Gastmahl ermordet, das man bei seiner Ankunft, dem Scheine nach, ihm zu Ehren mit erdichteter Freude anstellte.

Von den Kindern des Agamemnon war Iphigenie schon bei der Fahrt nach Troja, wo sie für Griechenlands Wohl geopfert werden sollte, von Dianen nach Tauris entrückt. – Orestes wurde von seiner Schwester Elektra erhalten, die ihn heimlich zu dem mit der Schwester des Agamemnon vermählten Könige Strophius schickte, welcher zu Phocis herrschte und mit dessen Sohn Pylades Orestes ein unzertrennliches Freundschaftsbündnis knüpfte. – Nur Elektra blieb zu Hause den Mißhandlungen ihrer entarteten Mutter ausgesetzt.

Klytemnestra vermählte sich nun ohne Scheu mit dem Ägisthus und setzte ihm selber die Krone auf, die er behauptete, bis Orestes in Begleitung des Pylades kam, um seines Vaters Tod zu rächen. Sie streuten ein falsches Gerücht vom Tode des Orestes aus, worüber Ägisthus und Klytemnestra, vor Freude außer sich, ihr schwarzes Verhängnis nicht ahndeten.

Orest erschlug mit eigner Hand seine Mutter und den Ägisth, die Mörder seines Vaters. Weil er aber seine Mutter getötet hatte, ward er, von den Furien verfolgt, umhergetrieben, und keine Aussöhnung vermochte das Andenken dieser Tat bei ihm auszulöschen, bis ein Orakelspruch des Apollo ihm Befreiung von seiner Qual verhieß, wenn er nach Tauris gehen und die Bildsäule der Diana von dort nach Griechenland entführen würde.

Orest begab sich mit seinem getreuen Pylades auf die Reise, und als sie in Tauris anlangten, sollten sie beide oder einer von ihnen nach dem alten barbarischen Gebrauch, der alle Fremden traf, der Göttin geopfert werden. Hier war es, wo jeder der beiden Freunde großmütig sein Leben für den andern darbot.

Orestes aber gab sich seiner Schwester Iphigenie, der Priesterin Dianens, zu erkennen, und diese fand ein Mittel, die Bildsäule der Diana auf ihres Bruders Schiff zu bringen und mit ihm und seinem treuen Freunde nach Griechenland zu entfliehen. Der Orakelspruch des Apollo wurde erfüllt, Orestes ward von den quälenden Furien befreit und herrschte ruhig zu Mycene; der Zorn der Götter über Pelops' Haus schien endlich zu ermüden. –

Der neue Dichter der Iphigenie auf Tauris gibt der alten Dichtung eine feine Wendung. Er läßt den Orakelspruch des Apollo dem Orestes Ruhe verheißen, wenn er die Schwester, die wider Willen im Heiligtum zu Tauris bliebe, nach Griechenland bringen würde. Dies mußte Orest notwendig auf Dianen, die Schwester des Apollo, deuten, weil er von dem Aufenthalt seiner eignen Schwester in Tauris noch nichts wußte. Nach diesem Ausspruch durfte Iphigenie die Bildsäule der Diana nicht entwenden und keinen Verrat an ihrem Wohltäter, dem Könige Thoas, begehen, von dem sie großmütig entlassen wird.


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