Karl Philipp Moritz
Götterlehre
Karl Philipp Moritz

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Das götterähnliche Menschengeschlecht

Als Nestor, welcher zwei Menschenalter durchlebt hatte und nun schon im dritten über Pylos herrschte, in der Belagerung von Troja den Streit des Achilles und Agamemnon zu schlichten suchte, so leitete er seine Rede mit der Erinnerung ein, daß er mit stärkern Männern gelebt habe, als das jetzige Zeitalter sie hervorbringe; mit einem Cäneus, Dryas, Pirithous und Theseus, mit denen niemand von den jetzigen Menschen es wagen würde, sich in einen Wettkampf einzulassen, – und daß diese dennoch ihn gehört und seinen Rat befolgt hätten. Achilles und Agamemnon möchten dieserwegen ein Gleiches tun.

So schildert Nestor die Helden vor dem Trojanischen Kriege, und der Dichter der Iliade selber schildert wiederum die Helden im Trojanischen Kriege, wie sie die Menschen seiner Zeit an Stärke übertrafen.

Hektor, sagt er, ergriff einen Stein, den zwei der stärksten Männer zu unsern Zeiten nur mit Mühe vom Boden auf den Wagen zu heben vermochten; den schleuderte Hektor mit leichter Mühe gegen das Tor der griechischen Mauer, daß mit einem Male die Türen aus ihren Angeln sprangen.

Die Menschen, welche zuerst vom Prometheus aus Ton gebildet, den herrschenden Göttern verhaßt, des Feuers beraubt, durch mehrere Überschwemmungen bis auf wenige vertilgt wurden und, da sich dennoch ihr Geschlecht fortpflanzte, Jahrhunderte hindurch in dumpfer Betäubung gleich den Tieren des Feldes lebten, arbeiteten sich allmählich aus diesem dumpfen Zustande durch eigene Anstrengung heraus und wurden durch edles Selbstbewußtsein und durch die Anwendung ihrer inwohnenden Kräfte den unsterblichen Göttern ähnlich.

Die Menschheit lernte in den götterähnlichen Helden, die aus ihr entstammten, sich selber schätzen und ihren eigenen Wert verehren. Auch wurde nun die Gottheit gleichsam den Menschen wieder versöhnt. Die Götter nahmen an den Begebenheiten und Schicksalen der Menschen immer nähern Anteil. Das Göttliche und Menschliche rückte in der Einbildungskraft immer näher zusammen, bis endlich in dem Kriege vor Troja sich die Götter sogar in das Treffen der Menschen mit einließen und von Sterblichen verwundet wurden.

Keine Benennung kommt daher auch häufiger in der Dichtersprache der Alten vor als die des Götterähnlichen oder des Göttergleichen, womit die Helden der Vorzeit gerühmt und der Adel der Menschheit gepriesen wird.

Perseus, Kadmus, Herkules, Theseus, Iason sind die berühmtesten Heldennamen. Die Geschichte des Perseus hüllt sich am meisten in dunkle Fabeln ein und tritt am weitesten in das entfernte Altertum der Heldenzeit zurück.

Um des Perseus irdische Abstammung zu verfolgen, steigen wir wieder bis zum alten Inachus hinauf, mit dessen Tochter Io Jupiter in Ägypten den Epaphus erzeugte. Die königliche Tochter des Epaphus, Libya, gebar von Neptuns Umarmung den Belus und Agenor. Belos erzeugte den Danaus und Ägyptus.

Danaus schiffte nach Griechenland, um seine Ansprüche auf das von seinem Ahnherrn Inachus ihm angestammte Königreich Argos gegen den Gelanor, der damals diese Gegend beherrschte, zu behaupten.

Das Volk sollte den Ausspruch tun, und während es noch unschlüssig war, fiel ein Wolf in eine Herde von Kühen und besiegte den Stier, der sie verteidigte.

Diese unvermutete Erscheinung nahm man von den Göttern als ein Zeichen an, daß der Fremde und nicht der Einheimische herrschen solle; man schrieb dies Zeichen dem wahrsagenden Apollo zu, welchem Danaus wegen der Sendung des Wolfes unter dem Namen des Lycischen Apollo einen Tempel erbaute.

Danaus lehrte die Argiver Brunnen graben und größere und bequemere Schiffe bauen. Nach der alten Sage hatte er funfzig Töchter so wie sein Bruder Ägyptus funfzig Söhne.

Die funfzig Söhne des Ägyptus kamen nach Griechenland, um mit den Töchtern des Danaus sich zu vermählen. Dem Danaus aber war geweissagt worden, daß einer seiner Tochtermänner ihn der Herrschaft entsetzen würde.

Die alten Könige fürchteten wie die alten Götter ihre eigenen Kinder und Nachkommen. – Danaus befahl seinen Töchtern, die sich mit den Söhnen des Ägyptus vermählten, ihre Männer in der ersten Nacht zu ermorden, welches sie taten, bis auf die Hypermnestra, die mit ihrer eigenen Gefahr den Lynceus, ihren geliebten Gatten, entfliehen ließ.

›Eine‹, sagt ein Dichter aus dem Altertum, ›eine unter vielen, ihres geliebten Jünglings wert, hinterging mit glorreicher List des Vaters Grausamkeit, und ewig glänzt ihr Ruhm.‹

»Steh auf«, rief sie dem schlummernden Gatten zu, »damit nicht, ehe du es vermutest, ewiger Schlaf dich drücke! Fliehe meinen Vater und meine blutdürstigen Schwestern, die ihre Männer wie junge Löwenbrut zerreißen.

Mein Herz ist aus weicherm Stoff. Dich töten kann ich nicht und werde dich nicht in diesen Mauern gefangenhalten. Mag mein Vater mich mit schweren Ketten belasten, weil ich mitleidsvoll des Gatten schonte, oder mag er mich in die ödeste Wüste verjagen!

Geh, wohin dich Füße und Winde tragen, solange Venus und die Nacht dich schützt; geh unter glücklichen Zeichen! und ätze, meiner eingedenk, dereinst auf meinen Grabstein deine Klag' um mich!«

Lynceus entfloh, aber er kehrte wieder; denn Danaus wurde mit seiner Tochter ausgesöhnt, und von dem treuen Paare Lynceus und Hypermnestra stammten Perseus und Herkules, die göttergleichen Helden ab. Die grausame Tat der übrigen Töchter des Danaus blieb nicht unbestraft; sie mußten noch in der Unterwelt für ihren Frevel büßen. –

Abas, ein Sohn des Lynceus, herrschte nach seines Vaters Tode über Argos und hinterließ zwei Söhne, den Prötus und Akrisius, die sich zu verschiedenen Zeiten einander die Oberherrschaft streitig machten. Perseus war des Akrisius Enkel.

Perseus

Akrisius befürchtete wieder Verderben von seinen Nachkommen. Ihm war geweissagt worden, daß einer seiner Enkel ihn töten würde; er verschloß daher seine einzige Tochter, die Danae, in einen ehernen Turm, um die Weissagung zu vereiteln.

Allein durch eine Öffnung in dem Dache senkte sich Jupiter in einem goldenen Regen in Danaens Schoß hernieder und erzeugte mit ihr den Perseus, welchen Akrisius, sobald er geboren war, nebst der Mutter in einem zerbrechlichen Nachen den Wellen übergab.

Die wohltätigen Meergöttinnen nahmen den Göttersohn mit seiner Mutter sanft in den Schoß der Wasserwogen auf und ließen den Nachen an dem Strande der kleinen Insel Seriphus auf dem Griechischen Meere landen, wo Polydektes, der Beherrscher der Insel, Mutter und Kind aufnahm und für die Erziehung des jungen Perseus sorgte.

Und nun nahete die Zeit heran, wo die Ungeheuer, welche die Nacht oder das ungestüme Element aus seinem Schoße geboren hatte, von den aufkeimenden Helden besiegt und der Erdkreis von seinen Plagen befreiet werden sollte.

Die erste und die kühnste Tat, welche Perseus, sobald er die angestammte Götterkraft in sich fühlte, unternahm, war, das verderbenbringende, versteinernde Haupt der Medusa von ihrem Körper zu trennen und dieser Schreckengestalt sich selber zu bemächtigen.

Mit dem unsichtbar machenden Helm des Orkus, den Flügeln des Merkur und dem Schilde der Minerva, von den Göttern selbst ausgerüstet, unternahm er die kühne Tat mit weggewandtem Blick, indem er das Bild der schlummernden Medusa erst in dem Spiegel seines Schildes sah und Minerva unsichtbar den Arm ihm lenkte, damit er nicht seines Ziels verfehlte.

Als nun Perseus den tödlichen Hieb vollführt hatte, so seufzten und ächzten Stheno und Euryale, die beiden unsterblichen Schwestern der Medusa, so laut über diesen Anblick und das Zischen der Schlangen auf ihren Häuptern tönte so kläglich in ihr Ächzen, daß Minerva, dadurch gerührt, eine Flöte erfand, wodurch sie die Vorstellung dieser traurigen Töne, durch verschiedene Arten des Schalls sie nachahmend, wieder zu erwecken suchte. – Mitten im furchtbaren blutigen Werke schimmert die Göttin der Künste hervor. –

Mit dem Neptun hatte Medusa das Heiligtum der Minerva entweiht, darum hatte diese ihren Tod beschlossen. Demohngeachtet sprang, vom Neptun erzeugt, der geflügelte Pegasus aus ihrem Blute hervor, der auf den Befehl der Götter die Überwinder der Ungeheuer, den Perseus und nach ihm den Bellerophon, trug.

Mit dem versteinernden Haupte in der Hand schwebte nun Perseus über Meer und Ländern. Den Atlas, der ihm den Zugang zu den Gärten der Hesperiden versagte, verwandelte er durch den Anblick des Medusenhauptes in ein Gebirge, das nachher stets den Namen dieses Sohnes des Japet führte.

Nach dieser ersten Ausübung seiner Macht, die ihm der Besitz des Hauptes der Medusa verlieh, sah Perseus, auf die phönizische Küste hinunterblickend, ein Mädchen an einen Felsen geschmiedet und ein Ungeheuer, sie zu verschlingen, aus dem Meer aufsteigend, indes ihre Eltern verzweiflungsvoll die Hände ringend am Ufer standen. – Perseus stürzte sich auf das Ungeheuer nieder, das gerade seinen Raub zu verschlingen im Begriff war, und befreite die schöne Andromeda, welche, den Zorn der beleidigten Gottheit über die Vermessenheit ihrer Mutter zu versöhnen, als ein schuldloses Opfer dastand.

Denn Kassiopeia, die Mutter der Andromeda und Gemahlin des Cepheus, hatte es gewagt, den mächtigen Nereiden an Schönheit sich gleich zu schätzen. Und nun verheerten Plagen das Land, die nach dem Orakelspruch des Jupiter Ammon nicht eher aufhören sollten, bis Andromeda, von einem Seeungeheuer verschlungen, den Frevel der Mutter gebüßt hätte.

Die Eltern der Andromeda, welche selber Zeugen ihrer Rettung waren, vermählten mit Freuden dem edlen Perseus ihre Tochter. Phineus aber, des Cepheus Bruder, dem Andromeda vorher versprochen war, trat bei dem Vermählungsfest mit bewaffneten Männern in den Hochzeitsaal und drang wütend auf den Perseus ein, den nur das Haupt der Medusa retten konnte, indem er seinen Freunden zurief, ihr Antlitz hinwegzuwenden, und den Phineus mit seinem Gefolge versteinerte.

Nach diesen Taten führte Perseus seine Vermählte nach Seriphus, wo er den Polydektes und seine Mutter wiedersah. Gegen den Polydektes selber, der ihm aus Furcht nach dem Leben stand, mußte er das versteinerte Haupt der Medusa kehren, und dieser mußte in Fels verwandelt für seinen feigen Argwohn büßen.

Da nun Perseus erfuhr, daß sein Ahnherr Akrisius vom Prötus seines Reichs beraubt sei, so eilte er großmütig, statt sich zu rächen, mit seiner Mutter und seiner Vermählten nach Griechenland, um den Akrisius in sein Reich wieder einzusetzen.

Er überwand und tötete den Prötus und übergab dem Akrisius wieder die königliche Würde, der nun in seinem gefürchteten Enkel seinen Freund und Wohltäter voll Dank und Freude umarmte.

Allein der tragische Ausgang lauerte dennoch im Hinterhalte; das Schicksal, welches mit den Hoffnungen der Menschen spielt, hatte bei diesem verführerischen Anschein die alte Drohung noch nicht zurückgenommen.

Perseus, welcher wußte, wie sehr Akrisius an der Geschicklichkeit seines Enkels in jeder Leibesübung sich ergötzte, wollte ihm eines Tages von seiner Fertigkeit eine Probe ablegen. Die unglückselige Wurfscheibe fuhr aus der starken Hand und flog, wie vom bösen Dämon gelenkt, dem Akrisius an das Haupt, der tot darniedersank.

Hierüber brachte Perseus seine übrigen Tage in Schwermut zu, indem er unverschuldet sich dennoch einen Vatermörder schalt. Der Aufenthalt in Argos ward ihm unerträglich.

Er bewog den Sohn des Prötus zu einem Tausche seiner Länder, und als er Argos verlassen hatte, so fand er auch in Tiryns, der Hauptstadt des andern Reiches, noch keine Ruhe, sondern baute, um des Vergangenen so wenig wie möglich sich zu erinnern, die neue Stadt Mycene.

Das Haupt der Medusa wurde vom Perseus der Minerva geweiht, die es in die mächtige Ägide, ihren leuchtenden Schild, versetzte, wo es ein bedeutendes Symbol ihrer furchtbaren Macht und der zurückschreckenden Kälte, als des Hauptzugs in ihrem Wesen, wurde.

Perseus selber und die Hauptpersonen aus seiner Geschichte, Andromeda, Kassiopeia usw., sind in den Dichtungen der Alten unter die Gestirne versetzt, welche noch jetzt diesen Namen führen.

Auf die Weise wurden im eigentlichen Sinne die Helden des Altertums bis an den Himmel erhoben und ihren Namen das daurendste und glänzendste Denkmal gestiftet.

Unter den Kindern, welche Perseus mit der Andromeda erzeugte, war Alcäus, der Vater des Amphitryo, der mit der Mutter des Herkules vermählt war; Elektryo war der Vater der Alkmene, die mit dem Amphitryo vermählt war und vom Jupiter den Herkules gebar. Ein dritter Sohn namens Sthenelus war der Vater des Eurystheus, der Mycene beherrschte und welchem Herkules dienen mußte.

Obgleich dem Perseus an einigen Orten Tempel und Altäre errichtet waren und er der älteste unter den berühmten Helden der Vorzeit ist, so war dennoch der glänzendste Ruhm dem Herkules aufgespart, der die größten Mühseligkeiten des Lebens trug und, vom Haß der Juno von Kindheit an verfolgt, sich endlich durch ausharrende Geduld den Weg zur Unsterblichkeit und zum Sitz der Götter bahnte.

Des Perseus Ruhm und Taten wurden durch Alkmenens Sohn verdunkelt, dem man allenthalben Tempel und Altäre erbaute und ihn, nachdem er seine Laufbahn auf Erden mit Ruhm gekrönt vollendet hatte, den Göttern des Himmels zugesellte.

Die Heldenrolle des Perseus aber ist liebenswürdiger und hat bei ihrem grauen Altertume viel Ähnliches mit dem Rittermäßigen der neuern Zeiten.

Eine schöne und bedeutende Abbildung des Perseus nach einem antiken geschnittenen Steine befindet sich auf der hier beigefügten Kupfertafel, wo er stehend dargestellt ist, das Schwert in der rechten Hand, das Haupt der Medusa mit der Linken auf den Rücken haltend. Diese Darstellung faßt gleichsam die ganze Dichtung von dem Haupte der Medusa in sich, weil sie am deutlichsten die furchtbare Kraft derselben bezeichnet, wodurch der Held, der dessen Anblick selbst vermied und es nur gegen seine Feinde kehrte, unüberwindlich war.

Auf ebendieser Tafel ist Bellerophon abgebildet, mit Helm und Spieß bewaffnet, auf dem geflügelten Pegasus in den Lüften reitend, mit der Chimäre den Kampf beginnend, welche die bildende Kunst nicht ganz in der ungeheuren Gestalt, womit sie die Dichtung schildert, darstellt.

Bellerophon

Eben der Prötus, der seinen Bruder Akrisius des Reichs entsetzt hatte und der zuletzt vom Perseus, dem Enkel des Akrisius, überwunden und getötet ward, gab auch dem Bellerophon, durch einen falschen Verdacht gereizt, den ersten Anlaß zu seinen Heldentaten.

Bellerophon war nämlich ein Enkel des Sisyphus, welcher Korinth erbaute und selbst ein Urenkel des Deukalion und ein Sohn des Äolus war, von dem der Äolische Heldenstamm in manchen Zweigen der fürstlichen Geschlechter Griechenlands sich ausbreitete.

Wegen einer Mordtat mußte Bellerophon aus Korinth entfliehen und nahm zum Prötus seine Zuflucht, der damals über Argos herrschte und sein Verbrechen aussöhnte.

Des Prötus Vermählte war Antea, eine Tochter des Königs Iobates in Lycien. Eine zärtliche Leidenschaft, die sie gegen den Jüngling faßte und welche dieser standhaft von sich wies, verwandelte sich in Haß. Sie forderte selbst den Prötus zur Rache gegen den Bellerophon auf, den sie mit schwarzem Trug beschuldigte, daß er sie zur Untreue habe verleiten wollen.

Dem Prötus waren die Rechte der Gastfreundschaft zu heilig, als daß er selbst den Bellerophon hätte töten sollen; er schickte ihn nach Lycien zum Iobates, dem Vater der Antea, mit einem Briefe, welcher den Auftrag enthielt, an dem Überbringer das ihm angeschuldigte Vergehen durch dessen Tod zu rächen.

Allein Iobates las erst diesen Brief, nachdem er den Bellerophon schon gastfreundlich bewirtet hatte, und scheute sich ebenfalls, in ihm das heilige Gastrecht zu verletzen; er stellte daher den Tod des Fremden dem Zufall heim, indem er ihn zu den gefahrvollsten Unternehmungen sandte, wobei sein Untergang unvermeidlich schien.

Unter den Ungeheuern, die von dem Phorkys und der schönen Ceto abstammen und wovon die schreckliche Gorgo schon vom Perseus überwunden ist, tritt nun die feuerspeiende Chimära mit dem Kopf des Löwen, dem Leib der Ziege und Schweif des Drachen in dieser Dichtung auf, um Bellerophons Heldenmut zu prüfen und von des Sisyphus tapferm Enkel besiegt zu werden, zu welcher Tat die Götter den Pegasus, der den Perseus trug, auch ihm gewährten.

Aus den Lüften kämpfte er nun mit dem Ungeheuer, das er nach einem fürchterlichen Streite endlich überwand. –

Es sind lauter unnatürliche Erzeugungen, welche von den Göttern und Helden nach und nach aus der Reihe der Dinge hinweggetilgt werden; es scheint fast, als sollten diese Dichtungen anspielen, daß Traum und Wahrheit, Wirklichkeit und Blendwerk gleichsam lange vorher miteinander im Kampfe lagen, ehe die Dinge sich in der Vorstellung ordnen konnten und ihre feste und bleibende Gestalt erhielten. Das Werk der Helden war es, die unnatürlichen Erscheinungen und Blendwerke zu verscheuchen und Ordnung, Licht und Wahrheit um sich her zu schaffen. – Die Sphinx stürzte einen jeden von dem Felsen, der ihr Rätsel nicht lösen konnte; kaum hatte Ödipus es aufgelöst, so stürzte sie sich selbst herab. –

Nicht genug, daß Bellerophon die Chimära, die Pest des Landes, überwunden hatte, mußte er auch noch die Feinde des Iobates, die tapfern Solymer und die Amazonen, bekriegen; und als er auch von dieser Unternehmung siegreich zurückkehrte, lauerte noch im Hinterhalt ein Trupp von Lyciern auf ihn, die ihn ermorden sollten.

Als er auch diese schlug und der drohenden Gefahr aufs neue entging, so erkannte Iobates endlich, daß der Held aus göttlichem Geschlechte sei, vermählte ihm seine Tochter und teilte sein Königreich mit ihm.

Allein auch dieses Heldenglück war nicht von Dauer. Als Bellerophon, seiner Siege froh, sich einst mit dem geflügelten Pegasus in die Lüfte schwang und sich dem Sitz der Götter nähern wollte, so stürzten ihn diese so tief herab, als hoch er gestiegen war; sie schickten eine Bremse, deren Stich den Pegasus rasend machte, der hoch in der Luft sich bäumend, seinen Reiter abwarf

Der, welcher vorher ein Liebling der Götter war, schien ihnen von nun an verhaßt zu sein. Sein niederbeugender Fall und Kummer über häusliches Unglück, kürzte seine Tage; einsam, vor den Menschen verborgen, überließ er sich ganz der finstern Schwermut, bis ihn sein Gram verzehrte.

Herkules

Der erste tragische Dichter der Griechen läßt den Prometheus, der, an den Felsen geschmiedet, der unglücklichen Io seine Leiden klagt, die Geburt seines Befreiers, des Herkules, vorherverkündigen.

Io, welche, in eine Kuh verwandelt, durch Junos Eifersucht auf dem ganzen Erdkreise in rasender Wut umhergetrieben wurde, kam nämlich auch in die einsame Gegend, wo Prometheus duldete, der alle ihre Schicksale ihr enthüllte und ihr kundtat, einer ihrer Nachkommen, der dreizehnte von ihr, werde sein Erretter sein. Die dreizehn in ununterbrochener Geschlechtsfolge aber sind Io, Epaphus, Libya, Belus, Danaus, Lynceus, Abas, Akrisius, Danae, Perseus, Alcäus, Alkmene, Herkules.

Zwei der furchtbarsten Erzeugungen des Phorkys und der schönen Ceto sind schon vom Perseus und Bellerophon überwunden; allein die größten Taten sind dem Herkules aufgespart, der Ungeheuer besiegen, Tyrannen beugen und selbst der Ungerechtigkeit des Donnergottes ein Ziel setzen muß, indem er den Prometheus, der für seine den Menschen erwiesenen Wohltaten noch immer büßen mußte, endlich von seiner Qual befreit.

In die irdische Abstammung des Herkules hatten die Parzen sein künftiges Schicksal schon verwebt; zum Herrschen geboren, wurd' er durch die Macht der Fügung gezwungen, zu gehorchen und seine glorreichsten Taten auf den Befehl eines Schwächeren, der ihn fürchtete, zu vollführen.

Elektryo, Sthenelus, Alcäus, Mestor waren die Söhne des Perseus. Elektryo folgte dem Perseus in der Regierung zu Mycene. Die Kinder des Alcäus waren Anaxo und Amphitryo. Mit der Anaxo vermählte sich Elektryo, der zu Mycene herrschte, und erzeugte mit ihr Alkmenen, die Mutter des Herkules.

Amphitryo, der Sohn des Alcäus, welcher wegen seiner Schwester Anaxo dem Elektryo nun doppelt verwandt war, lebte an dessen Hofe und hatte die sicherste Hoffnung, in der Regierung ihm zu folgen, weil Elektryo seine Tochter Alkmene, die nächste Erbin seines Reiches, mit dem Amphitryo zu vermählen schon fest beschlossen hatte.

Allein schon schwebte der unglückliche Zufall näher, der dem Amphitryo seine Aussichten vereitelte und in der Folge auf das Schicksal des Herkules einen dauernden Einfluß hatte. Taphius nämlich, ein Enkel des Mestor, eines Sohns des Perseus, errichtete auf der Insel Taphos eine Pflanzstadt, deren Bewohner sich wegen der weiten Entfernung von ihrem Vaterlande auch Teleboer nannten.

Nach dem Tode des Taphius machte dessen Sohn und Nachfolger Pterelaus wegen seiner Abstammung vom Mestor, einem Sohne des Perseus, Ansprüche auf seinen Anteil an der Erbschaft von Mycene und schickte seine Kinder dahin, um seine Forderung geltend zu machen.

Als Elektryo sich weigerte, etwas herauszugeben, so verwüsteten die Söhne des Pterelaus mit ihrem Volke das Land und führten des Königs Herden hinweg. Die Söhne des Elektryo versammelten nun auch ein Heer und ließen sich mit den Söhnen des Pterelaus in ein Treffen ein, worin die Anführer von beiden Teilen umkamen, so daß von den Söhnen des Elektryo nur der einzige Lycimnus und von den Söhnen des Pterelaus nur der einzige Everes übrigblieb.

Elektryo, um den Tod seiner Kinder zu rächen, überließ seiner Tochter Alkmene und dem Amphitryo die Regierung mit dem Versprechen, dem Amphitryo seine Tochter zu vermählen, sobald er von den Teleboern siegreich zurückkehren würde.

Er kehrte siegreich zurück und brachte auch die Herden wieder, welche die Feinde ihm geraubt hatten. Amphitryo, nun seines Glücks gewiß, eilte ihm freudenvoll entgegen; und als von der wiedereroberten Herde eine Kuh entspringen wollte, warf Amphitryo mit einer Keule nach ihr – und traf den Elektryo, welcher tot darniederfiel.

Dieser unglückliche Zufall war es, der den Amphitryo des Königreichs Mycene beraubte und zugleich zu dem künftigen Schicksal des Herkules den ersten Grund enthielt. Denn obgleich die Tat des Amphitryo unvorsätzlich war, so lud sie doch den Haß des Volks auf ihn.

Sthenelus, der Bruder des erschlagenen Elektryo, bemächtigte sich daher mit leichter Mühe der Oberherrschaft über Mycene, und Amphitryo flüchtete nach Theben, wohin ihm Alkmene folgte. Kreon, der zu Theben herrschte, nahm beide in Schutz. Alkmene aber wollte sich mit dem Amphitryo nicht eher vermählen, bis er, um den Tod ihrer Brüder zu rächen, die Teleboer aufs neue bekriegt und den Pterelaus überwunden hätte.

Amphitryo trat mit dem Cephalus, Eleus und einigen andern benachbarten Fürsten in ein Bündnis, um die Inseln der Taphier oder Teleboer zu bekriegen. Pterelaus wurde besiegt, und Amphitryo schenkte die eroberten Inseln seinen Bundesgenossen, wovon die eine, welche noch itzt Cefalonia heißt, von dem Cephalus ihren Namen Cephalene erhielt.

Alkmenens Reize hatten indes den Donnergott von seinem hohen Sitze herabgezogen. In der Gestalt des Amphitryo, der nun siegreich zurückkehrte, genoß er ihrer Umarmung und verlängerte zu einer dreifachen Dauer die Nacht, worin er den Herkules mit ihr erzeugte. –

Unbeschadet der Ehrfurcht gegen das Göttliche und Erhabene, benutzten die komischen Dichter der Alten diesen Stoff, indem sie das lächerliche Verhältnis des wahren Amphitryo gegen den Jupiter in der Gestalt desselben auf der Schaubühne darstellten und beide darauf erscheinen ließen. Die komische Muse der Alten durfte es sich erlauben, in dergleichen kühnen Darstellungen selbst mit dem Donnergott zu scherzen, der zu den Töchtern der Sterblichen sich herabließ. –

Dem Amphitryo, der auf Alkmenen zürnte, gab Jupiter endlich selber, um ihn zu besänftigen, seine Gottheit zu erkennen; und indes Alkmene nun zugleich mit dem Herkules und mit einem Sohne des wirklichen Amphitryo schwanger war und dem Sthenelus, der zu Mycene herrschte, ebenfalls ein Sohn geboren werden sollte, ging folgendes im Rate der Götter vor:

An dem Tage nämlich, an welchem Herkules geboren werden sollte, sprach Jupiter rühmend in der Versammlung der Götter: »Heute, alle ihr Götter und Göttinnen, verkündige ich euch, wird aus dem Geschlechte der Menschen, das von mir abstammt, ein Held geboren werden, der über alle seine Nachbarn herrschen wird.«

Listen ersinnend, sprach die hohe Juno: »Ich zweifele dennoch an der Erfüllung deiner Worte, wenn du nicht mit dem unverletzlichen Schwur der Götter schwörst, daß derjenige, welcher heute aus dem Geschlechte der Menschen, das von dir abstammt, geboren wird, über alle seine Nachbaren herrschen soll.«

Kaum hatte Jupiter den unverletzlichen Schwur getan, als Juno den Olymp verließ und schon in Argos war, wo die Vermählte des Sthenelus erst im siebenten Monate mit dem Eurystheus schwanger ging, dessen Geburt die mächtige Juno schnell beförderte, obgleich die Zahl der Monden noch nicht voll war. Alkmenens Niederkunft aber hielt sie auf und kehrte nun triumphierend zum Olymp zurück.

»Nun ist schon der Held geboren«, sprach sie zum Jupiter, »der die Argiver beherrschen wird. Er ist aus dem Geschlechte der Menschen, das von dir abstammt; denn es ist Eurystheus, ein Sohn des Sthenelus, dessen Vater Perseus, dein Erzeugter, war. Keinem Unwürdigen ist also das verheißne Königreich beschieden.«

Da nun Jupiter seinen Schwur nicht zurücknehmen und sich an der Juno nicht rächen konnte, so ergriff er die Ate oder die schadenstiftende Macht, welche eine Tochter des Jupiters selber mit in der Reihe der Götter war, bei ihrem glänzenden Haar und schleuderte sie vom Himmel zur Erde herunter mit dem unverbrüchlichen Schwur, daß sie nie zum Olymp zurückkehren solle; seitdem wandelt sie über den Häuptern der Menschen einher und säet, wo sie kann, Verderben und Zwietracht aus; wenn daher Streitende sich versöhnten, so schoben sie auf die Ate den Anfang des Zwistes.

Das Schicksal selber hatte dem Herkules die härtesten Prüfungen zugedacht, welche Götter und Menschen nicht hintertreiben konnten. Eurystheus war nun durch den Schwur des Jupiter zum Herrscher geboren, und durch ebendiesen Schwur gebunden, konnte Jupiter seinen geliebten Sohn von der harten Dienstbarkeit nicht befreien.

Alkmene gebar zwei Söhne, den Herkules vom Jupiter und den Iphikles von ihrem Gemahl Amphitryo. Wer von beiden der Sohn des Donnergottes sei, offenbarte sich schon, da noch ein hohler Schild, den Amphitryo vom Pterelaus erbeutet hatte, die Wiege der Kinder war und Juno zwei Schlangen schickte, die den Herkules töten sollten, der sie mit seiner zarten Hand in der Wiege erdrückte.

Nun legte Jupiter, da er einst die Juno schlummernd fand, den Herkules ihr an die Brust, und dieser sog, ihr unbewußt, die Göttermilch. Als aber Juno erwachte, so schleuderte sie den kühnen Säugling weit von sich hinweg und verschüttete auf des Himmels Wölbung die Tropfen Milch, die ihrer Brust entfielen und deren Spur die Milchstraße bildete, auf welcher die Götter wandeln. –

Die Dichtung wird hier kolossal; der Luftkreis selber, durch welchen die Sterne schimmern, tritt als der Juno erstes Urbild auf und färbt sich von der Milch, welche den Brüsten der hohen Himmelskönigin entströmte; jenes Urbild wurde vorausgesetzt, wenn die Dichtung den weißlichten Streif am Himmel die Milch der Juno nennt. –

Auf Jupiters Befehl mußte Merkur nun den Herkules seinen Erziehern übergeben, die ihn in den kriegerischen sowohl als in den sanften Künsten unterwiesen. Unter den Lehrern und Erziehern des Herkules waren selbst Göttersöhne; in der Musik unterwies ihn Linus, ein Sohn des Apollo; Chiron, der weise Centaur, in der Arznei- und Kräuterkunde. In den kriegerischen Künsten waren die berühmtesten Helden der damaligen Zeit in jedem besondern Fache seine Lehrer.

Da nun Herkules unter diesen Beschäftigungen zu den Jünglingsjahren gekommen war, begab er sich einst, über sein künftiges Schicksal nachdenkend, in die Einsamkeit und setzte sich, in Betrachtungen vertieft, auf einem Scheidewege nieder. Hier war es, wo die Wollust und die Tugend ihm erschienen, wovon die erstre ihm jeglichen Genuß einer frohen, sorgenfreien Jugend anbot, wenn er ihr folgen wollte, die letztre ihm zwar mühevolle Tage verkündigte, aber in der Zukunft Ruhm und Unsterblichkeit verhieß, wenn er sie zur Führerin wählte.

Die Tugend siegte in diesem Wettstreit; der Jüngling folgte ihr mit sicherm Schritt, fest entschlossen, jedes Schicksal, das ihm bevorstehe, mit Mut und Standhaftigkeit zu tragen, sich keiner Last zu weigern und keine Arbeit, sei sie noch so schwer, zu scheuen. –

Die Eifersucht der Juno, die nicht ruhte, hatte schon dem Amphitryo selber Furcht und Argwohn eingehaucht, der den jungen Herkules an den Hof des Eurystheus nach Mycene schickte, wo ihm von Zeit zu Zeit die gefährlichsten Unternehmungen und die ungeheuersten Arbeiten aufgetragen wurden, die seinen Mut und seine Standhaftigkeit auf die höchste Probe setzten.

Als nun Herkules auf seiner Reise das Orakel zu Delphi wegen seines künftigen Schicksals fragte, so gab die Pythia ihm zur Antwort: zwölf Arbeiten müsse er auf des Eurystheus Befehl vollenden, und wenn er diese vollendet habe, sei ihm die Unsterblichkeit bestimmt.


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