Karl Philipp Moritz
Götterlehre
Karl Philipp Moritz

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Meleager

Öneus, der in Kalydon herrschte, war ein Vater berühmter Kinder, der Deianira, die dem Herkules vermählt war, des Meleager und des Tydeus, dessen tapferer Sohn Diomedes im Trojanischen Kriege es mit den Göttern selbst im Streit aufnahm. Dieser Öneus hatte das Unglück, den Zorn der Diana auf sich und sein Land zu laden, weil er beim Opfer sie vergaß, da er den übrigen Göttern für den Wachstum der Früchte des Feldes dankte.

Diana schickte einen ungeheuren Eber in das kalydonische Gebiet, der die aufkeimende Saat zernichtete, die Äcker verwüstete und den Einwohnern des Landes rundumher Tod und Verderben drohte. Öneus erbat sich den Beistand der Helden, dies Ungeheuer zu erlegen; und dies war wiederum eine Unternehmung, welche, so wie die Fahrt der Argonauten, die gleichzeitigen berühmtesten Helden Griechenlands vereinte.

Die Kalydonische Jagd

Bei der Jagd des Kalydonischen Ebers versammleten sich zum Teil die Helden wieder, die auf der Fahrt nach Kolchis manche Gefahr zusammen überstanden hatten. Die berühmtesten von den Argonauten, welche mit dem Meleager, dem Sohn des Öneus, gegen das Ungeheuer kämpften, waren

Iason,
Kastor und Pollux,
Idas und Lynceus,
Peleus,
Telamon,
Admetus,
Pirithous und Theseus.

Zu diesem glänzenden Haufen gesellten sich die Brüder der Althäa, der Vermählten des Öneus, einer Tochter des Thestius, der in Pleuron herrschte, und Atalante, die Tochter des Schöneus, eines arkadischen Fürsten, die gleich der Diana selber die Jagd liebte und sich dem jungfräulichen Stande gewidmet hatte.

Atalante verwundete zuerst mit ihrem Pfeil den Eber, und nun erlegte Meleager das Ungeheuer, hieb ihm den Kopf ab und überreichte ihn der Atalante als der Siegerin, die den Preis in diesem Kampfe davongetragen hatte. Die Söhne des Thestius, Brüder der Althäa, der Mutter des Meleager, machten den Preis der Atalante streitig; und nun erregte Diana, die ihrem Zorn noch keine Grenzen setzte, zwischen dem Meleager und den Söhnen des Thestius einen Streit, der zu einem blutigen Kriege wurde und dieser Begebenheit einen tragischen Ausgang gab.

Meleager tötete im Gefecht seiner Mutter Brüder. Als diese nun die Leichname der Erschlagenen erblickte, schwur sie, den Tod der Brüder an ihrem eigenen Sohne zu rächen. Die Parzen hatten nämlich bei der Geburt des Meleager ein Scheit Holz nah an die Flamme auf dem Herd gelegt, mit dem Bedeuten, daß der Althäa Sohn so lange leben würde, als die Flamme nicht dies Holz verzehrte.

Althäa hatte wie ein köstliches Kleinod bis jetzt dies Scheit Holz aufbewahrt, nun warf sie es in die lichte Flamme, mit lauten Verwünschungen gegen ihren Sohn, der plötzlich von verzehrender Glut sein Inneres ausgetrocknet, seine Gebeine zermalmet fühlte und unter zuckender Qual verschied. Kaum aber vernahm Althäa die schreckliche Wirkung von dem, was sie getan, so gab sie aus Reue und Verzweiflung sich selbst den Tod.

Atalante

Auch Atalante freute sich ihres Sieges nicht lange; sie vermied, so lange sie konnte, sich zu vermählen, weil unvermeidliches Unglück in der Ehe, nach einer Weissagung, ihr bevorstand. Um nun die Freier abzuschrecken, trug sie jedem, der um sie warb, einen Wettlauf an. Dem, welcher sie besiegen würde, versprach sie sich zu ergeben; den Besiegten aber war der Tod bestimmt.

Hippomenes, der diesem gefährlichen Wettlauf sich unterzog, flehte die Venus um Beistand an, die ihm drei goldne Äpfel schenkte, welche er, einen nach dem andern, im Laufe fallen ließ und, als Atalante diese Äpfel, sie bewundernd, aufhob, vor ihr das Ziel erreichte.

Allein Hippomenes vergaß des Dankes, den er der Venus schuldig war, und Atalante mußte, da sie mit ihm vermählt war, zugleich auch sein Vergehen gegen die Göttin büßen, auf deren Anstiften beide ein Heiligtum der Cybele entweihten, welche mit furchtbarer Gewalt das frevelnde, durch das Band der Ehe verknüpfte Paar in Löwen verwandelte, die unter einem Joch ihren Wagen zogen.

Minos

In der Gestalt des mutigen Stiers, worin die Alten gern, als ein Sinnbild der Stärke, die Gottheit hüllten, entführte Jupiter die Europa, des Agenors Tochter, nach Kreta, wo er den Minos mit ihr erzeugte, der, seines erhabenen Ursprungs würdig, den Völkern Gesetze gab und sie zuerst zu einem Staate durch weise Einrichtung bildete.

Die Dichtung läßt den Minos in einer Grotte auf dem Ida von Zeit zu Zeit mit dem Jupiter geheime Unterredungen pflegen, deren Inhalt er als die Grundlage seiner Gesetzgebung dem horchenden Volke bekanntmacht. Wegen seiner weisen Regierung eignete die Dichtung dem Minos nebst seinem Bruder und Ratgeber Rhadamanthys als den gerechtesten Menschen das Richteramt über die Toten zu; zu diesen beiden gesellte sie den Äakus, des Peleus Vater, und, nach einer anderen Sage, auch den Triptolemus, der ein Wohltäter der Menschen war. –

Minos, des Gesetzgebers Enkel, war ein tapfrer und kriegerischer Fürst, der das Mittelländische Meer von Seeräubern befreite und die Fahrt auf demselben wieder sicher machte. Allein ihn betrafen Unglücksfälle, wodurch seine glorreichsten Siege ihm vergällt, sein Leben verbittert wurde:

Die Vermählte des Minos war Pasiphae, eine Tochter der Sonne und Schwester des Äetes. Venus warf auf dies Geschlecht einen alten Haß, weil Helios oder die Sonne einst ihr Liebesverständnis mit dem Mars entdeckt und verraten habe.

Sie flößte der Pasiphae zu einem Stier, den Neptun aus dem Meere steigen ließ, eine schändliche Liebe ein. Während der Abwesenheit des Minos beging Pasiphae das unnatürliche Verbrechen und gebar ein Ungeheuer, halb Mensch, halb Stier, das unter dem Namen des Minotaurus zum öftern in diesen Dichtungen auftritt.

Dädalus, der kunstverständigste Bildner und Baumeister, welcher damals lebte, hatte sich wegen eines Verbrechens aus Athen nach Kreta geflüchtet, und Minos, um die Schande seines Hauses den Blicken der Menschen und dem Antlitz des Tages zu verbergen, trug dem Dädalus auf, ein unterirdisches Gewölbe mit unzähligen irreführenden Gängen ihm zu erbauen.

Dies war das berühmte Labyrinth, in dessen Mitte der Minotaurus eingeschlossen nur von denen erblickt wurde, die ihm zur Strafe als Opfer vorgeworfen wurden und um ihren Tod zu finden das Labyrinth betraten.

Androgeus, ein Sohn des Minos, war während der Zeit nach Athen gereist, um dort, mit vielen andern Fremden, den Atheniensischen Spielen beizuwohnen, wo er bei allen Kämpfen den Preis davontrug und durch den Beifall des ganzen Volks, den er sich erwarb, die Eifersucht und den Verdacht des kinderlosen Ägeus rege machte, der damals Athen beherrschte und den hoffnungsvollen Sohn des Minos meuchelmörderischerweise ermorden ließ.

Kaum hatte Minos dies neue Unglück seines Hauses vernommen, so kam er mit seiner ganzen Macht, den grausamen und schändlichen Mord zu rächen. Zuerst belagerte er Nisa, wo Nisus, ein Bruder des Ägeus herrschte. Den Nisus verriet seine eigne Tochter Scylla, indem sie eine gelbe Haarlocke, wodurch er unüberwindlich war, von seinem Haupte schnitt und sie dem Minos brachte, gegen den sie, von Liebe entbrannt, der Pflicht und kindlichen Zärtlichkeit vergaß und nach Verdienst bestraft wurde, indem sich Minos zwar ihres Geschenks bediente, die Verräterin aber mit Zorn und Verachtung von sich stieß.

Als Minos die Stadt Nisa, welche nachher Megara hieß, erobert hatte, rückte er gerade auf Athen, das schon vorher von Dürre und Hungersnot gedrückt, der Götter Zorn empfand und unter seinem traurigen Schicksal seufzte.

Als zu dem allen noch das Orakel den Ausspruch tat: die Götter würden nicht aufhören, Unglück über die Stadt zu schicken, bis dieselbe dem Minos für den Mord seines Sohnes erst völlige Genugtuung geleistet, so schickten sie Abgeordnete an den König von Kreta, die ihn in flehender Gestalt um Frieden baten.

Die harte Bedingung des Friedens war, daß die Athenienser dem Minos jährlich sieben der schönsten Knaben und sieben der schönsten Mädchen nach Kreta schicken mußten, wo sie, um den Mord des Androgeus abzubüßen, als Schlachtopfer für ihr Vaterland dem Minotaurus zur Beute wurden.

Als Theseus endlich den Minotaurus erlegte und mit der Ariadne, des Minos Tochter, entflohe, schloß Minos, da er sich weiter nicht rächen konnte, den Athenienser Dädalus nebst seinem Sohne Ikarus in das von dem Künstler selbst erbaute Labyrinth. Dem Dädalus aber bot die Kunst ein Mittel dar, mit seinem Sohn dem Kerker zu entfliehn.

Kokalus, ein Fürst in Sizilien, nahm den Dädalus auf und lud den Minos, welcher kam und die Auslieferung des Dädalus verlangte, selbst zu einer Unterredung ein, stellte sich freundlich gegen ihn und bewirtete ihn in seinem Hause, wo er hinterlistigerweise ihn zuletzt im Bade erstickte. So fand Minos, der tapfre Krieger, da er den Künstler verfolgte, den die Götter schützten, in einem fremden Lande seinen Tod.

Dädalus

In dem der Minerva geweihten Athen entwickelten sich zuerst die bildenden Künste und hatten unter den Beschäftigungen der Menschen einen hohen Rang. Dädalus, der aus dem königlichen Geschlecht der Erechthiden stammte, gab, nach der Dichtung, den Bildsäulen, die er verfertigte, Leben und Bewegung.

Er war es, der zuerst die dicht aneinander geschloßnen Füße, so wie man sie noch an den ägyptischen Bildsäulen sieht, voneinander trennte, die dicht anliegenden Arme vom Rumpfe löste und seinen Bildsäulen eine fortschreitende Stellung gab. Was Wunder, daß dieser ganz neue Anblick jeden in Erstaunen setzte und die Sage veranlaßte, daß die Bildsäulen des Dädalus sich bewegten.

In diesem ersten Schritt des Dädalus in der Kunst lag etwas Hohes und Göttliches, das die Verehrung und Bewundrung der Nachwelt auf sich zog und den Namen des Künstlers unsterblich machte, der dennoch seinen Ruhm durch eine grausame und schwarze Tat befleckte.

Unter seiner Anführung bildete sich ein Jüngling namens Talus, ein Sohn der Schwester des Dädalus. Als dieser einst mit dem Kinnbacken einer Schlange ein Stück Holz voneinanderschnitt, kam er auf den Gedanken, die Schärfe der Zähne im Eisen nachzuahmen, und so erfand er die Säge, eines der nützlichsten Werkzeuge, dessen die Menschen sich bedienen. Auch die Erfindung der Töpferscheibe war das Werk des Talus.

Dädalus, über die Fortschritte seines Lehrlings eifersüchtig, warf einen tödlichen Haß auf ihn. – Der grausamste Künstlerneid war schon mit der ersten Entstehung der Kunst verwebt. – Dädalus führte den Jüngling auf eine steile Anhöhe, wovon er, ehe jener es sich versahe, ihn hinunterstürzte und so den Talus durch seinen Fall für die Erfindungen büßen ließ, womit er seinen Meister überfliegen wollte.

Als die grausame Tat des Dädalus kundwurde, ward er zum Tode verdammt und mußte aus Athen entfliehen, worauf er erst eine Zeitlang flüchtig umherirrte, bis er in Kreta bei dem Könige Minos, dem er das Labyrinth erbaute, eine Zuflucht fand.

Als Minos aber nachher den Dädalus mit seinem Sohn Ikarus in dem von dem Künstler selbst erbauten Labyrinthe gefangenhielt, so strebte die eingehemmte Kunst, selbst das Unmögliche zu versuchen und, weil nur ein Ausgang nach oben war, mit angesetzten künstlichen Flügeln sich in die Lüfte emporzuheben. Dädalus suchte mit klebendem Wachs die Fugen der Flügel zu verbinden und legte sie sich und seinem Sohn an, den er vorher sich üben ließ, allmählich sich emporzuschwingen.

Als sie nun die Reise durch die Luft antraten, warnte Dädalus seinen Sohn, ja nicht zu hoch im Fluge sich zu erheben! Dieser aber vergaß der Warnung; da schmolzen ihm die Flügel im Sonnenstrahl, und er fand in dem Meere seinen Tod, das man nach seinem Namen das Ikarische nannte. Dädalus, der den Talus stürzte, sah nun zu seiner Qual den Fall seines eignen Sohnes, den er nicht retten konnte.

Er selber ließ sich in Sizilien nieder, wo Kokalus ihn gastfreundlich aufnahm und ihn vor der Verfolgung des Minos schützte, dem er bei einem Besuch sogar das Leben raubte und auf die Weise den Dädalus sicherstellte, welcher zur Dankbarkeit verschiedne große Werke in dem Gebiete des Kokalus unternahm: Kanäle und Teiche grub, ein Schloß auf einem Felsen erbaute, den Gipfel des Berges Eryx ebnete und zuletzt eine goldne Kuh, von ihm selbst verfertigt, der Erycinischen Venus weihte.

Geraume Zeit nachher fand man noch Spuren von seinen Werken; sein Name ward zum Sprichwort, worunter man alles sinnreich Erfundne und Künstliche mit einemmal begriff.

Auf einer antiken Gemme, deren Umriß auf der hier beigefügten Kupfertafel sich befindet, ist Dädalus dargestellt, wie er sitzend und sinnend an dem vor ihm stehenden künstlichen Flügel noch mit bildender Hand arbeitet. Auf ebendieser Tafel befindet sich auch, nach einem antiken geschnittnen Steine, eine Abbildung des Theseus, der einen großen Stein aufhebt, worunter Schuh und Schwert seines Vaters verborgen lagen.

Theseus

Ägeus, ein Sohn des atheniensischen Königs Pandion, welchem er in der Regierung folgte, tat, weil er ohne Kinder blieb, eine Reise nach Delphi, um das Orakel des Apollo um Rat zu fragen. Die Pythia befahl ihm, er solle bis nach seiner Zurückkunft in Athen alles Umgangs mit Weibern sich enthalten; und gerade dies Verbot bewirkte, daß er zum Gegenteil sich verleiten ließ. –

Er kehrte auf seinem Rückwege in Trözene beim Pittheus, einem Sohn des Pelops, ein und vermählte sich heimlich mit dessen Tochter Äthra. Als Ägeus von Trözene abreiste, verbarg er unter einem großen Steine sein Schwert und seine Schuhe und befahl der Äthra, wenn sie einen Sohn gebären sollte, denselben nicht eher zu ihm nach Athen zu schicken, als bis er stark genug wäre, den Stein hinwegzuwälzen, worunter seines Vaters Schwert und Schuhe verborgen lagen.

Äthra gebar den Theseus, der unter des weisen Pittheus Aufsicht vom Chonidas erzogen ward; die Athenienser verehrten in der Folge, sooft sie das Fest des Theseus feierten, auch das Andenken von diesem Chonidas, dem Erzieher des Helden.

Als Theseus erwachsen war, führte ihn seine Mutter zu dem Steine, woran seine Stärke sich prüfen sollte und welchen er aufhob und darunter das Schwert und die Schuh seines Vaters fand, so wie die obige Abbildung ihn darstellt. – Das Steinaufheben ist bedeutend in den Dichtungen von der Heldenzeit und wird beständig als ein Merkmal von der Stärke angeführt, wodurch das damalige Geschlecht der Menschen sich von den folgenden schwächern Erzeugungen unterschied. –

Als Theseus nun seine Reise nach Athen antrat, so wählte er, durch das Beispiel des Herkules angefeuert, den gefährlichsten Weg zu Lande, wo er mit Räubern kämpfen mußte, die die Straßen unsicher machten und auf eine grausame Weise die Fremden behandelten, die sie in ihre Gewalt bekamen. –

Ob nun Theseus gleich den Herkules sich zum Muster nahm, so unterscheidet er sich dennoch durch eine gewisse Feinheit der Züge in seinem Wesen von jenem rohen thebanischen Helden, der als ein kolossalisches Sinnbild von Körperkraft und unüberwindlicher Stärke überall in den Dichtungen auftritt und in dem Ausdruck dieser Kraft auch durch die bildende Kunst sich darstellt, welche dem Theseus einen schlankern Wuchs und feinere Züge gibt. –

Als Theseus, mit seines Vaters Schwert bewaffnet, von Trözen auf den Isthmus zuwandernd, durch die Länder von Epidaurus kam, stieß er zuerst auf den wegen seiner Grausamkeit berüchtigten Periphetes, der bei seiner Riesenstärke bloß mit einer Keule bewaffnet, den Reisenden furchtbar war; als er es wagte, den Theseus anzugreifen, schlug dieser ihn zu Boden und tötete ihn und trug nachher beständig, zum Andenken seines ersten Sieges, die Keule des Periphetes.

Da er nun auf dem Isthmus von Korinth anlangte, mußte er mit einem noch grausameren Mörder, dem Sinnis, kämpfen, den man den Fichtenbeuger nannte, weil er die Fremden, zwischen zwei zur Erde gebeugten und schnell wieder in die Höhe fahrenden Fichten festgebunden, zu seiner Lust zu zerreißen pflegte. Als Theseus ihn überwunden hatte, ließ er mit der von dem Mörder selbst erfundenen Todesart ihn für seine Grausamkeit und seinen Frevel büßen.

Auch befreite Theseus die Länder, durch welche er reiste, von Ungeheuern und tötete unter andern die Krommyonische Sau, welche, dem ganzen Lande furchtbar, überall Schaden stiftete und die Äcker verwüstete. Als er hierauf an die Grenzen von Megara kam, überwand er den Skiron und stürzte ihn von demselben steilen Fels ins Meer, von welchem dieser Tyrann die Reisenden, die vorbeikamen, hinunterzustürzen pflegte.

In Eleusis mußte Theseus mit dem Kerkyon kämpfen, den er überwand und tötete; und als er nicht weit davon in Hermione anlangte, besiegte er den Damastes, den man wegen der besonderen Art von Grausamkeit, womit er die Fremden mißhandelte, den Ausdehner oder Prokrustes nannte.

Dieser Prokrustes hatte nämlich zwei eiserne Betten von verschiedener Länge, worein er die Fremden legte. Die kurzen Personen legte er in das lange und dehnte ihre Körper mit Gewalt bis zu der Länge des Bettes aus; die langen Personen legte er in das kurze, und was über die Länge des Bettes reichte, hieb er von ihren Füßen ab.

Es scheint, als wolle diese Dichtung die Verletzung des Gastrechtes in ihrem hassenswürdigsten Lichte darstellen; denn man kann sich nichts Grausameres denken, als daß selbst die Lagerstätte, die den müden Wandrer erquicken sollte, von dem Tyrannen zur Folterbank gemacht wurde.

Die Heiligkeit des Gastrechts war es, unter dessen Schutz die Menschen zuerst einander sich mitteilen und wechselseitig sich bilden konnten. Die Störer dieses heiligen Gastrechts zu vertilgen ist das Werk der Helden, welche Wohltäter der Menschen sind, wie Theseus war, der den Prokrustes erst die von ihm selbst erfundne Marter dulden ließ und dann von diesem Ungeheuer die Erde befreite.

Als Theseus nun in Athen anlangte, erkannte ihn Ägeus an dem Schwert und Schuhen für seinen Sohn, worüber die Söhne des Pallas, eines Bruders des Ägeus, die schon mit der Hoffnung, dem kinderlosen Ägeus in der Regierung zu folgen, sich geschmeichelt hatten, einen Aufruhr erregten, den aber Theseus in seiner Entstehung dämpfte.

Nun war es gerade das dritte Jahr, in welchem die Athenienser dem Minos wegen der Ermordung seines Sohnes Androgeus den traurigen Tribut bezahlen mußten, der darin bestand, sieben der schönsten Jünglinge oder Knaben und sieben der schönsten Mädchen, aus edlem Blut entsprossen, nach Kreta überzuschiffen, wo sie im Labyrinth dem Minotaurus zur Beute wurden. Solange dies Ungeheuer nicht erlegt war, hatten die Athenienser keine Befreiung von dem traurigen Tribut zu hoffen.

Als nun die Jünglinge und Mädchen schon das Todeslos gezogen hatten und, zu Schlachtopfern für dies Jahr bestimmt, eingeschifft werden sollten, bot sich Theseus freiwillig zum Opfer für sein Vaterland in die Zahl der übrigen Jünglinge dar, weil er, in Ahndung seiner Heldenkraft, den Minotaurus zu erlegen hoffte.

Vor der Abreise tat Theseus dem Apollo ein Gelübde, jährlich zu seinem Tempel ein Schiff mit Opfern und Geschenken nach der Insel Delos zu schicken, wenn ihm sein Unternehmen glückte. Als er nun auch noch das Orakel befragte, gab dieses ihm zur Antwort, er werde dann glücklich sein, wenn er die Liebe zur Führerin wählte.

Mit seinem Vater traf Theseus noch vorher die Abrede, daß bei der Rückkehr des Schiffes statt des schwarzen ein weißes Segel den glücklichen Ausgang des Unternehmens ihm verkündigen sollte.

Bald langte nun das Schiff mit günstigem Winde in Kreta an, und kaum waren die übersandten Opfer dem Minos vorgestellt, als Ariadne, des Minos Tochter, ihre Blicke auf den Theseus warf, dessen Heldenwuchs und Schönheit auf die Königstochter einen unauslöschlichen Eindruck machte.

Nun wählte auch Theseus nach dem Ausspruch des Orakels die Liebe zur Führerin, indem er aus den Händen der Ariadne den Knäul empfing, der ihm einen sichern Ausgang aus dem Labyrinth verschaffte. Mit dem Faden der Ariadne in der Hand stieg er nun mutig mit seinen Gefährten in die unterirdische Wölbung nieder, bis er selbst an den Aufenthalt des Minotaurus kam, mit dem er sich in Kampf einließ und ihn mit Hülfe der Ratschläge Ariadnens überwand.

Da nun dies Ungeheuer erlegt war, so waren die Athenienser auch von dem Tribut befreit, und ihre zum Tode bestimmten Söhne und Töchter dankten dem Theseus nun ihr Leben. So stellt ein Gemälde in Herkulanum den Helden dar, wie zarte Knaben, die dem Tode geweiht waren, die Händ' ihm küssen und zärtlich seine Knie umschlingen.

Ariadne entfloh mit ihrem geliebten Theseus; sie landeten auf Naxos, wo Theseus auf den Befehl der Götter sie verließ, weil Ariadnens Reize den Bacchus selber gefesselt hatten, der hier die einsame verlaßne Schöne unter nächtlichem Himmel schlummernd fand und, da sie erwachte, zum Zeichen seiner Gottheit die Krone von ihrem Haupte gen Himmel warf, wo sie als ein leuchtendes Sternbild glänzte und Zeuge der Vermählung der Ariadne und des Bacchus war.

Ehe nun Theseus nach Athen zurückkehrte, segelte er, um dem Apollo sein Gelübde zu bezahlen, nach der Insel Delos, wo er zugleich der Venus wegen des Beistandes, den sie ihm geleistet, eine vom Dädalus verfertigte Bildsäule weihte. Und um das Andenken seines Sieges über den Minotaurus zu erhalten, stiftete Theseus auf dieser Insel einen Tanz, worin man die Krümmungen des Labyrinths nachahmte.

Mit der größten Sorgfalt beobachteten die Athenienser stets nachher dies heilige Gelübde. Mit demselbigen Schiffe, auf welchem Theseus aus Kreta wiederkehrte, schickten sie jährlich Abgeordnete, mit Ölzweigen bekränzt, nach der Insel Delos. Auch suchten sie das heilige Schiff gleichsam unvergänglich zu erhalten, indem sie es nie mit einem neuen vertauschten, sondern durch immer neuen Zusatz, was die Zeit davon zerstörte, zu ergänzen suchten, um sich die Vorstellung zu erhalten, daß dieses dasselbe Schiff sei, welches den Theseus trug.

Auch war es nicht erlaubt, solange dies Schiff auf seiner Fahrt nach der Insel Delos unterwegens blieb, in Athen die Verurteilten hinzurichten. Denn da durch dies Gelübde die Rettung der atheniensischen Jugend gefeiert wurde, so durfte man während der Zeit dem Tode kein Opfer bringen.

Von Delos segelte Theseus nun gerade auf Athen, die Botschaft der frohen Begebenheit zu bringen, welche dennoch nicht ohne einen tragischen Ausgang blieb. Da nämlich Ägeus von einem Felsen mit ängstlicher Besorgnis dem kommenden Schiffe entgegensehe und das schwarze Segel erblickte, welches der Steuermann mit dem weißen zu vertauschen aus der Acht gelassen, stürzte er sich voll Verzweiflung, weil er nun alles für verloren hielt, vom Felsen in das Meer hinab, welches nachher nach seinem Namen das Agäische hieß.

Den Theseus empfingen die Athenienser mit lautem Jubel als ihren Schutzgott, dem sie allein ihre Rettung dankten. – Als Theseus nun in der Regierung dem Ägeus folgte, nutzte er die Liebe des Volks dazu, um einer weisen Gesetzgebung Eingang zu verschaffen.

Er schuf zuerst den Staat, indem er das zerstreute Volk soviel wie möglich in eine einzige Stadt zu versammeln suchte und es in Klassen teilte. Auch setzte er im Einverständnis mit den benachbarten Völkern dem attischen Gebiete seine festen Grenzen. Und weil es ihm gelungen war, nach seiner Einsicht das Volk zu lenken, so führte er zuerst den Dienst der Pitho, der Göttin der Überredung, ein.

Großmütig begab er darauf sich selbst des größten Teils seiner Gewalt, weil er schon damals nach einem Orakelspruch Athen zu einem Freistaat zu bilden suchte. Zu Ehren des Neptun, den das Gerücht für seinen Vater ausgab, erneuerte er auch die Isthmischen Spiele, zu welchen man aus ganz Griechenland sich versammlete und wodurch die Mitteilung und wechselseitige Bildung der Völker vorzüglich mit befördert ward.

Demohngeachtet ruhte Theseus auch von den kriegrischen Geschäften nicht. Als er den Herkules begleitete und ihm beim Flusse Thermodon die Amazonen besiegen half, vermählte dieser ihm zur Dankbarkeit die gefangene Königin Antiope, mit welcher Theseus den Hippolyt erzeugte. – Die Amazonen fielen hierauf ins attische Gebiet, wo Theseus sie zum zweitenmal besiegte.

Einen liebenswürdigen Zug in der Geschichte des Theseus macht noch die unzertrennliche Freundschaft aus, die zwischen ihm und dem Pirithous herrschte. Dieser Pirithous war ein thessalischer Fürst und herrschte über die Lapithen. Seine Freundschaft mit dem Theseus war entstanden, da sie einstmals, ein jeder eifersüchtig auf des andern Ruhm, im Zweikampf ihre Stärke und Tapferkeit versuchten und auf einmal, von wechselseitiger Achtung und Zuneigung angezogen, dem Streit ein Ende machten und Hand in Hand ein unzertrennliches Bündnis knüpften.

Keine Gefahr war nun zu groß, worin die Helden sich nicht zur Seite standen. – Pirithous war in einen Krieg mit den Centauren, einem thessalischen Volke, verwickelt, welche die Dichtung, weil sie zuerst beständig zu Pferde stritten, gleichsam wie an das Roß gewachsen, halb als Menschen, halb als Pferde darstellt.

Als Pirithous nun mit der Hippodamia sich vermählte, lud er außer dem Herkules, Theseus und mehrern berühmten Helden bei einem Waffenstillstande auch die Centauren zu seinem Hochzeitmahle, welche zuletzt, vom Wein erhitzt, noch während dem Gastmahl einen Streit anhuben und die Hippodamia selber zu entführen drohten, wenn Herkules und Theseus nicht dem Pirithous tapfer beigestanden und der Centauren Übermut bestraft hätten, die von dieser Zeit an in jedem Treffen die Flucht ergriffen, bis sie zuletzt vom Herkules, Pirithous und Theseus gänzlich besiegt und geschlagen wurden. – Dies ist der berühmte Streit der Centauren und Lapithen, worauf die Dichtkunst und die bildende Kunst der Alten oft verweilt.

Auch die Gegenstände ihrer zärtlichen Wünsche halfen sie sich einer für den andern erstreiten. Pirithous half dem Theseus die Helena entführen, welche dieser seiner Mutter Äthra in Aphidnä zur Aufsicht übergab, um wieder dem Pirithous beizustehen, der nach dem Tode der Hippodamia, um gleichsam an dem Pluto sich zu rächen, entschlossen war, die Proserpina selber aus der Unterwelt zu entführen. – Eine Dichtung, die sehr bedeutend ein Unternehmen bezeichnet, mit welchem unvermeidliche Todesgefahr verknüpft ist. –

Theseus, seinem Freunde bis in den Tod getreu, stieg mit ihm in das Reich der Schatten, wo Pluto, als die vermeßne Tat mißlang, die beiden an Ketten gefangenhielt, bis Herkules in der Folge den Cerberus bändigte und zugleich die Bande des Theseus löste, den Pirithous aber zu befreien vergebens seine Macht anwandte, so daß nun doch der Tod das treuste Freundschaftsbündnis trennte.

Von nun an hoben auch die Unglücksfälle des Theseus an, die den Rest seiner Tage ihm verbitterten. Ihn traf das Schicksal der größten Helden, deren ruhmvolles Leben ein tragischer Ausgang schloß: Als er nach Athen zurückkam, fand er das undankbare und unbeständige Volk durch seine Feinde gegen sich aufgewiegelt.

Hierzu kam noch häusliches Unglück. Nach dem Tode der Antiope hatte Theseus mit der Phädra, einer Tochter des Minos und Schwester der Ariadne, sich vermählt. Der Haß der Venus gegen die Pasiphae verfolgte auch ihre Tochter, der sie eine strafbare Liebe zum Hippolytus, dem mit der Antiope erzeugten Sohn des Theseus, einflößte.

Als aber der Jüngling ihrem Antrage kein Gehör gab, verwandelte sich ihre verschmähte Liebe in Haß, und sie verleumdete den Hippolyt beim Theseus, als habe er selber sie zur Untreue verleiten wollen.

Theseus, von schnellem Zorn entbrannt, erinnerte sich, daß ihm Neptun verheißen, den nächsten Wunsch, den er tun würde, zu gewähren; und nun verwünschte Theseus seinen Sohn, der gerade um diese Zeit am Ufer des Meers mit seinen Rossen den Wagen lenkte.

Kaum war der Fluch über Theseus' Lippen gekommen, so stieg ein Meerungeheuer aus der Tiefe empor, vor dessen Anblick des Hippolytus Pferde scheuten und den Unglücklichen schleiften und zerrissen. Als Phädra dies vernahm, gab sie sich selbst den Tod, und Theseus, der zu spät die Unschuld seines Sohnes erfuhr, war der Verzweiflung nahe.

Die Unzufriedenheit des Volks war während der Zeit noch höher gestiegen, und Theseus, endlich des Undanks müde, verbannte sich selber aus Athen und sprach, ehe er sich zur Abreise einschiffte, an einem Orte, der nachher der Ort der Verwünschungen hieß, gegen die Athenienser die bittersten Flüche aus.

Er glaubte, nun auf der Insel Scyrus seine übrigen Tage in Ruhe zu verleben; allein der verräterische Lykomedes, welcher in Scyrus herrschte, verletzte aus Furcht vor des Theseus Feinden das heilige Gastrecht. Unter dem falschen Vorwande, ihm die Insel zu zeigen, führte Lykomedes den Theseus auf eine steile Anhöhe und stürzte, ehe dieser es sich versahe, ihn von dem steilen Felsen herab. So fiel der Held, dem Griechenland Ruhe und Sicherheit, sein Vaterland seine Rettung dankte.

Nach seinem Tode bauten die Athenienser dem Theseus Tempel und Altäre, verehrten ihn wie einen Halbgott, brachten ihm Opfer dar und stifteten Feste ihm zu Ehren. – Man fand in der Folge in Scyrus des Theseus Sarg, der durch seine Größe die damals Lebenden in Erstaunen setzte. – Ein Tempel des vergötterten Theseus in Athen hieß das Theseum, worin die Taten des Helden geschildert waren. So ehrte die spätere Nachwelt das Andenken jenes götterähnlichen Geschlechts der Menschen, bei denen der prometheische Funken, der in ihrem Busen glühte, zur hellen Flamme emporschlug.


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