Karl Philipp Moritz
Götterlehre
Karl Philipp Moritz

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Minerva

Als die blauäugichte Göttin aus Jupiters unsterblichem Haupte mit glänzenden Waffen hervorsprang, so bebte der Olymp, die Erd' und das Meer erzitterte, und der Lenker des Sonnenwagens hielt seine schnaubenden Rosse an, bis sie die göttlichen Waffen von ihrer Schulter nahm.

Aus keiner Mutter Schoß geboren, war ihre Brust so kalt wie der Stahl, der sie bedeckte. Sie näherte sich dem männlich Großen, und weiblicher Zärtlichkeit war ihr Busen ganz verschlossen.

Der Mangel an weiblicher Zärtlichkeit aber ist mit Zerstörungssucht verknüpft, welche stets mit jenem in gleichem Grade zunimmt. – Es ist die sanfte Venus, die nur aus Liebe zum Adonis mit ihm die Rehe verfolgt; die kältere Diana findet an der Jagd und an der Zerstörung selbst schon ihre Lust, indes sie doch zuweilen noch mit verstohlner Zärtlichkeit sich an Endymions Schönheit weidet.

Der kalten jungfräulichen Minerva aber ist jedes Gefühl von Zärtlichkeit und schmachtender Sehnsucht fremd; sie findet daher auch gleich dem Kriegsgott am Schlachtgetümmel und an zerstörten Städten ihr Ergötzen, nur daß sie nicht von jenem die rauhe Wildheit hat, weil sie zugleich die friedlichen Künste schützt.

Zurückschreckende Kälte macht den Hauptzug in dem Wesen dieser erhabenen Götterbildung aus, wodurch sie zur grausamen Zerstörung und zur mühsamen Arbeit des Webens, zur Erfindung nützlicher Künste und zur Lenkung der aufgebrachten Gemüter der Helden gleich fähig ist.

Als Achill im Begriff war, gegen den Agamemnon sein Schwert zu ziehen, so stand plötzlich, ihm allein nur sichtbar, die blauäugichte Göttin hinter ihm, mit schrecklichem Blick, bei seinem gelben Haar ihn fassend, und hielt mit weisem Rat den jungen Held zurück, daß er am silbernen Griff sein Schwert wieder in die Scheide drückte.

So ist die himmlische Pallas mitten im Kriege selbst noch Friedensstifterin. – Die wilde Bellona hingegen, welche mit fliegendem Haar, die Geißel in der einen, die Waffen in der andern Hand, den Wagen des Kriegsgottes lenkt, ist eine untergeordnete Göttergestalt. In ihr ist nicht die erhabene Friedensstifterin, die Erfinderin der Künste noch mitten im wütenden Treffen sichtbar, sondern nur die rasende Wut, die Grausamkeit, die Mordlust und die Zerstörung für sich allein.

Daß in Minervens hoher Götterbildung, so wie beim Apollo, das ganz Entgegengesetzte sich zusammenfindet, macht eben diese Dichtung schön, welche hier gleichsam zu einer höhern Sprache wird, die eine ganze Anzahl harmonisch ineinandertönender Begriffe, die sonst zerstreut und einzeln sind, in einem Ausdruck zusammenfaßt.

So ist Minerva die verwundende und die heilende, die zerstörende und die bildende; eben die Göttin, welche am Waffengetümmel und an der tobenden Feldschlacht sich ergötzt, lehrt auch die Menschen die Kunst, zu weben und aus den Oliven das Öl zu pressen.

Die furchtbare Zerstörerin der Städte wetteifert mit dem Neptun, nach wessen Namen die gebildetste Stadt, die je den Erdkreis zierte, genannt werden sollte; und als der König der Gewässer mit seinem Dreizack das kriegerische Roß hervorrief, so ließ sie den friedlichen Ölbaum aus der Erde sprossen und gab der Stadt, worin die Künste blühen sollten, ihren sanftern Namen.

Die Wildheit des Kriegerischen war bei dieser Göttergestalt durch ihre Weiblichkeit gemildert, und die Weichheit und Sanftheit des Friedens und der bildenden Künste lag unter der kriegerischen Gestalt verdeckt. – Was man sich selten zusammendenkt und was in diesem schönen Ganzen der Natur doch eingehüllt noch schlummert, das rief die hohe Dichtung in eine einzige vielumfassende Göttergestalt herauf und hauchte dem neu sich bildenden Begriffe Leben ein.

Ohngeachtet des Entgegengesetzten stört doch keins der Bilder, welche diese Dichtung in sich vereinigt, die Harmonie des Ganzen. Alles deutet auf kalte überlegende Weisheit, welche nie die Stimme der Leidenschaft hört und zugleich in das Zurückschreckende der gänzlichen Unzärtlichkeit sich einhüllt.

Das versteinernde Haupt der Medusa drohet auf dem Schilde, welcher Minervens Brust bedeckt; es ist der düstre, freudenlose Nachtvogel, der über ihrem Haupte schwebt. Sie selber ist es, die den duldenden, standhaften, kalten und verschlagenen Ulysses in Schutz nimmt und die aufgebrachten Helden zur Kaltblütigkeit zurückruft.

Auch wird in diesen Dichtungen die sanftre kriegerische Macht der ungestümern als überlegen dargestellt. Da nämlich in dem Kriege vor Troja zuletzt die Götter selber, nachdem sie die Partei der Griechen oder Trojaner nahmen, sich zum Streit auffordern, so tritt der wilde Kriegsgott Mars gegen die sanftre und erhabnere Pallas auf und rennt mit seiner Lanze wütend gegen ihren Schild an, wogegen selbst Jupiters Blitze nichts vermögen.

Sie aber tritt ein wenig zurück und hebt mit starker Hand vom Felde einen ungeheuren Grenzstein auf, den schleudert sie gegen die Stirne des Kriegsgottes, daß er darniederfällt und sieben Joch Landes deckt.

Demohngeachtet aber läßt die Dichtung auch die Züge dieser männlich starken erhabnen Göttin ganz leise wieder ins Weibliche übergehen. Denn da sie die Flöte erfunden hatte und in der klaren Flut sich spiegelnd sahe, daß durch das Blasen sich ihr Gesicht entstellte, so warf sie die Flöte weg, die Marsyas nachher zu seinem Unglück fand.

Auch war sie gleich der Juno eifersüchtig, daß Venus den goldnen Apfel als den Preis der Schönheit aus Paris' Hand erhielt. Sie ruhte gleich der Juno nicht eher, bis Troja in Flammen stand, des Priamus Geschlecht vertilgt und ihre Rache befriedigt war. – Die Götterbildung wird menschenähnlich und stellt die Rachsucht selbst, wegen der Macht, mit der sie ausgeübt wird, in hoher dichterischer Schönheit dar.

Eine einfache und schöne Darstellung der Minerva im Brustbilde nach einem antiken geschnittnen Steine aus der Lippertschen Daktyliothek befindet sich auf der hier beigefügten Kupfertafel und darunter das Haupt der Medusa, wie es die Alten gebildet haben, so daß es groß in seinen Zügen und schrecklich, dennoch schön ist.

Dies Haupt, vom Körper abgesondert, macht in seinen großen Zügen gleichsam für sich ein Ganzes aus und stellt sich wie eine furchtbare Erscheinung dar; – so fürchtet Ulysses in der Unterwelt, als sich die Schatten scharenweise zu ihm drängen, daß Proserpina endlich das Haupt der Gorgo ihm entgegensenden möchte, und eilte, dem tödlichen Anblick zu entfliehen.

Mars

Auch dem Furchtbaren und Schrecklichen, dem verderblichen Kriege selber gab die Einbildungskraft der Alten Persönlichkeit und Bildung und milderte selbst dadurch den Begriff des Wilden und Ungestümen, das durch die Heere wie ein Wetter hinfährt, Wagen zertrümmert, Helme zerschellt, den Tapfern wie den Feigen im wirbelnden Sturme zu Boden wirft und über der grauenvollen Verwüstung triumphiert.

Die menschenähnliche Bildung, worin die Dichtung diese furchtbare Erscheinung hüllte und sie dem Chor der seligen Götter zugesellte, gab nun dem Krieger auch ein hohes Urbild, das über ihm in Majestät gehüllt war und das er durch Kühnheit und Tapferkeit nachahmend in sich übertrug.

Demohngeachtet verliert sich zuweilen in den Dichtungen die menschenähnliche Bildung des Mars wieder in den Begriff des streitenden Heers. Als er selbst im Treffen vor Troja, mit Hilfe der Minerva, von dem tapfern Diomedes verwundet wurde, so brüllte er wie zehntausend Mann im Schlachtgetümmel, und Furcht und Entsetzen kam die Trojaner und Griechen an, als sie den ehernen Kriegsgott brüllen hörten. Dieser aber schien dem Diomed wie nächtliches Dunkel, das vor dem Sturme hergeht, als er in Wolken gehüllt zum Himmel aufstieg.

Und als er nun hier beim Jupiter sich beklagte, so schalt ihn dieser mit zürnenden Worten: »Belästige mich nicht mit deinen Klagen, Unbeständiger, der du mir der verhaßteste unter allen Göttern bist, die den Olymp bewohnen. Denn du hast nur Gefallen an Krieg und Streit; in dir wohnt ganz die Gemütsart deiner Mutter; und wärst du der Sohn eines andern Gottes und nicht mein Sohn, so lägst du längst schon tiefer, als Uranos' Söhne liegen.«

Die Unbeständigkeit des Mars, welche ihm auch Minerva vorwirft, die ihn einen Überläufer schilt, der es bald mit dem einen Heer, bald mit dem andern hält, ist wiederum der Begriff des Krieges selber, den die Dichtkunst hier als ein Wesen darstellt, das gleichsam um sein selbst willen da ist, unbekümmert, wer überwunden wird oder siegt, wenn nur das Schlachtgetümmel fortwährt.

So zürnen die erhabenern und eben deswegen auch sanftern Gottheiten, Minerva und Jupiter, auf den ungestümen und unbeständigen Mars, der aber demohngeachtet als ein hohes Wesen seinen Sitz unter den himmlischen Göttern hat und dem auf Erden Tempel und Altäre geweiht sind.

Auch wußte der wilde Mars mit seinem jugendlichen Ungestüm die sanfte Venus selbst zu fesseln, die ihrem Gatten, dem kunstreichen bildenden Vulkan, den zerstörenden Kriegsgott vorzog, mit dem sie ein verstohlnes Liebesbündnis knüpfte.

Aus diesem verstohlnen Bündnis des Sanften mit dem Ungestümen entstand Harmonia, der Venus schönste Tochter, die mit Kadmus, dem Stifter und Erbauer von Theben, sich vermählte.

Auf der Untreue der Venus verweilt die bildende Kunst der Alten und ihre Dichtkunst gern. Vulkanus zürnt vergeblich; die Schönheit bindet sich an kein Gesetz, sie ist über allen Zwang erhaben, und das verderbliche Jugendliche ist, was ihr wohlgefällt.

So wie nun Venus mit Zärtlichkeit den Kriegsgott fesselt, so hält Minerva ihn mit Weisheit von seinem Ungestüm zurück. Denn als einst Jupiters drohendes Verbot den Göttern untersagt hatte, in den Krieg der Trojaner und Griechen sich zu mischen, und Mars vernahm, sein Sohn Askalaphus sei erschlagen, so ließ er seine Diener, das Schrecken und das Entsetzen, die Pferde vor seinen Wagen spannen und legte seine leuchtenden Waffen an.

»Zürnt nicht, ihr Götter«, sprach er, »daß ich den Tod meines Sohnes räche, wenn Jupiter selbst auch seine Blitze auf mich schleudert.« Da sprang Minerva zu, riß ihm den ehernen Spieß aus seiner starken Hand, den Helm vom Haupte, den Schild von seiner Schulter. »Rasender«, sprach sie, »willst du uns alle ins Verderben stürzen, wenn aufs höchste Jupiters Zorn gereizt ist? Laß ab zu zürnen, denn mancher ist erschlagen, der stärker war als dein Sohn, und mancher Stärkere wird noch fallen. Wer kann die Sterblichen vom Tode befreien?« so sprach sie und brachte den Mars zu seinem Sitz zurück.

Wer sieht nicht durch alle diese menschenähnlichen Darstellungen der Götter die großen Bilder und Gedanken durchschimmern, welche diesen Dichtungen Hoheit und Würde geben; es sind immer die Begriffe von wilder Zerstörung, Sanftheit des Erhabenen, hohem Reiz des Schönen und von lenkender Weisheit, die auf mannigfaltige Weise ineinanderspielen und unter der Decke des Menschenähnlichen sich verhüllen.

Auf der hier beigefügten Kupfertafel ist nach einem antiken geschnittenen Steine aus der Lippertschen Daktyliothek der Kriegsgott abgebildet, wie er, sich mit der Rechten stützend und Spieß und Schild in der Linken tragend, vom Gipfel des umwölkten Olymps herniedersteigt. Auf ebendieser Tafel ist Venus mit dem Liebesgott ebenfalls nach einem antiken geschnittenen Steine im Umriß abgebildet.

Venus

Man verehrte in dieser reizenden Göttergestalt den heiligen Trieb, der alle Wesen fortpflanzt; die Fülle der Lebenskraft, die in die nachkommenden Geschlechter sich ergießt; den Reiz der Schönheit, der zur Vermählung anlockt. Sie war es, welche den Blick der Götter selbst auf Jugend und Schönheit in sterblichen Hüllen lenkte und triumphierend ihrer Macht sich freute, bis auch sie erlag, dem blühenden Anchises sich in die Arme werfend, von welchem sie Äneas, den göttergleichen Held, gebar.

So wie nun aber jener sanfte, wohltätige Trieb auch oft verderblich wird und über ganze Nationen Krieg und Unheil bringt, so stellt die Sanfteste unter den Göttinnen sich in den Dichtungen der Alten auch als ein furchtbares Wesen dar.

Sie hatte dem Paris, der ihr vor allen Göttinnen den Preis der Schönheit zuerkannte, das schönste Weib versprochen; nun stiftete sie selbst ihn an, dem griechischen Menelaus seine Gattin, die Helena, zu entführen, und flößte dieser selbst zuerst den Wankelmut und die Treulosigkeit in den Busen ein.

So hielt sie dem Paris ihr Wort, ganz unbekümmert, was für Zerstörung und Jammer daraus entstehen würde. Im Kriege vor Troja hüllte sie den Paris, als Menelaus im Zweikampf ihn töten wollte, in nächtliches Dunkel ein und führte ihn in sein duftendes Schlafgemach, wo sie selber die Helena zu ihm rief.

Und als diese, ihre Schuld bereuend, sich weigerte, der Liebesgöttin Ruf zu folgen, so sprach Venus mit zürnenden Worten: »Elende, reize mich nicht, damit ich nicht ebensosehr dich hasse, als ich bis jetzt dich liebte! Unter den Trojanern und Griechen stifte ich dennoch verderblichen Hader an, dich aber soll ein unseliges Schicksal treffen!«

Und nun läßt die gebietende Venus, dem rechtmäßigen erzürnten Gatten gleichsam zum Trotz, den wollüstigen Paris die Freuden der Liebe genießen. – Wenn nun diese Göttergestalt zugleich die kalte Weisheit der Minerva oder den Ernst der Themis in sich vereinte, so würde sie freilich nicht so ungerecht, um die verderbliche Lust eines einzigen Lieblings zu begünstigen, der alles verwüstenden Zerstörung, die sie dadurch veranlaßt, ruhig zusehn.

Dann wäre sie aber auch nicht mehr ausschließend die Göttin der Liebe; sie bliebe kein Gegenstand der Phantasie und wäre nicht mehr die hohe dichterische Darstellung desjenigen, was in der ganzen Natur mit unwiderstehlichem Reize unaufhörlich fortwirkt, unbekümmert, ob es Spuren blutiger Kriege oder glücklich durchlebtet Menschenalter hinter sich zurückläßt.

Überhaupt ist es das Mangelhafte oder die gleichsam fehlenden Züge in den Erscheinungen der Göttergestalten, was denselben den höchsten Reiz gibt und wodurch ebendiese Dichtungen ineinander verflochten werden.

Der hohen Juno mangelte es an sanftem Liebreiz; sie muß den Gürtel der Venus borgen. Die überlegende Weisheit fehlt dem mächtigen Kriegsgotte; Minerva lenkt seinen Ungestüm.

Venus besitzt den höchsten Liebreiz; aber Minerva, der es ganz an weiblicher Zärtlichkeit mangelt, ist ihr an Macht weit überlegen. Im Treffen vor Troja, wo zuletzt die Götter selber sich zum Streit auffordern und Venus den Trojanern, Minerva den Griechen beisteht, gibt Minerva der Venus, die dem Mars zu Hülfe eilt, mit starker Hand einen Schlag auf die Brust, daß ihre Knie sinken; und Minerva sagt triumphierend: »Mögen doch alle, die den Trojanern beistehen, der Venus an Tapferkeit und Kühnheit gleichen!«

Als Venus, vom Diomed in die Hand verwundet, gen Himmel stieg und bei ihrer Mutter Dione über die verwegene Kühnheit der Sterblichen sich beklagte, so spottete Minerva ihrer mit den Worten: »Gewiß hat Venus irgendeine schöne geschmückte Griechin überreden wollen, daß sie ihren geliebten Trojanern folgen möchte, und beim Liebkosen hat sie sich in die goldene Schnalle die zarte Hand geritzt.«

Da lächelte der Vater der Götter und Menschen, rief die Venus zu sich und sprach zu ihr mit sanften Worten: »Die kriegerischen Geschäfte, mein Kind, sind nicht dein Werk; die Freuden der Hochzeit zu bereiten ist dein süß Geschäft; laß du nur für das wilde Kriegsgetümmel Mars und Minerva sorgen!«

So scherzte in diesen Dichtungen der Alten die Phantasie in kühnen Bildern mit der Gottheit, die sie sich in den kleinsten Zügen nach dem Bilde der Menschen schuf und dennoch die größten und erhabensten Erscheinungen der alles umfassenden Natur beständig zu ihrem hohen Urbild nahm.

Die Horen empfangen die Venus, wenn sie, nach der alten Dichtung, dem Meer entsteigt; sie ziehen ihr göttliche Kleider an, setzen ihr aufs unsterbliche Haupt die goldene Krone, schmücken ihr mit goldenem Geschmeide Hals und Arme und hängen blitzende Ohrgehänge in ihre durchlöcherten Ohren; – so malt sich bis auf den kleinsten weiblichen Schmuck das Bild der hohen Göttin aus.

Der Venus waren vom Jupiter die Grazien zugesellt; in ihrem Gefolge waren die Liebesgötter; vor ihren Wagen waren Tauben gespannt. – Alles ist sanft und weich in diesem Bilde; doch ist der Liebesgott mit Bogen und Pfeil bewaffnet und stellt die furchtbare Macht seiner himmlischen Mutter, der alles besiegenden Göttin, in sich dar.

Diana

Drei himmlische Göttinnen sind über die Macht der Venus erhaben: Minerva, welche dem Kriege vorsteht und nützliche Künste die Menschen lehrt; die jungfräuliche Vesta, welche bei Jupiters Haupte schwur, sich nie einem Manne zu vermählen, und Diana mit dem goldenen Bogen, die sich der Pfeile freut, an schattichten Wäldern ihre Lust hat und an der Verfolgung der schnellen Hirsche sich ergötzt.

Als Jupiter, den sie schmeichelnd bat, ihr den jungfräulichen Stand vergönnte, so nahm sie Pfeil und Bogen, zündete ihre Fackel bei Jupiters Blitzen an und ging, von ihren Nymphen begleitet, hoch in den Wäldern einher und auf den stürmischen Gipfeln.

Sie spannt den goldenen Bogen und sendet die tödlichen Pfeile ab. Die Spitzen der Berge zittern, vom Ächzen des Wildes ertönt der Wald. Hoch über alle ihre Nymphen ragt die Göttin mit Stirn und Haupt empor und wendet ihr Geschoß nach allen Seiten.

Doch vergißt die hohe Göttin auch im Getümmel der Jagd des himmlischen Bruders nicht. Und wenn sie genug mit Jagen sich ergötzt hat, so spannt sie den goldenen Bogen ab und eilet nach Delphi zu dem Sitze des leuchtenden Apollo. Da hängt sie ihren Bogen auf und führt die Chöre der Musen und Grazien an, welche das Lob der himmlischen Latona singen, die solche Kinder gebar.

Als die Schwester des Apollo schimmert Diana am hellsten hervor, weil dieser seinen Glanz mit auf sie wirft. So wie sie mit ihm vereint die Kinder der Niobe mit schrecklichen Pfeilen tötet, so richtet sie auch mit ihm vereint ihr sanftes Geschoß auf die Geschlechter der Menschen, die gleich den welkenden Blättern der blühenden Nachkommenschaft allmählich weichen.

Nach einer schönen Dichtung übte sich Diana zu diesem Geschäft zuerst an Bäumen, dann an Tieren und zuletzt an einer ungerechten Stadt, wo sie die Menschen mit verderblichen, Krankheit und Seuchen bringenden Pfeilen erlegte.

Das Urbild der Diana ist der leuchtende Mond, der kalt und keusch in nächtlicher Stille über die Wälder seinen Glanz ausstreuet. – Diese Keuschheit der Diana selber aber ist ein furchtbarer Zug in ihrem Wesen. Den Jäger Aktäon, der sie im Bade erblickte, ließ sie, in einen Hirsch verwandelt, von seinen eigenen Hunden zerrissen, ihrer jungfräulichen Schamhaftigkeit ein schreckliches Opfer werden.

Und als eine Priesterin der Diana ihren Tempel durch die Annahme der Besuche ihres geliebten Jünglings in demselben entweihte, bestrafte die Göttin das ganze Land mit Pest und Seuchen, bis man das schuldige Paar ihr selber zum Opfer brachte. – Ihr widmeten sich die Jungfrauen, die das Gelübde der Keuschheit taten, dessen Verletzung sie mit grausamen Strafen rächte.

Wenn Jungfrauen, die dies Gelübde taten, sich dennoch, ihren Entschluß bereuend, vermählen wollten, so zitterten sie vor Dianens Rache und suchten die zürnende Göttin mit Opfern zu versöhnen.

Diana und Venus waren die Allerentgegengesetztesten unter den himmlischen Göttergestalten. Demohngeachtet wurden beide verehrt. Die ausschweifende Lust der einen und die Keuschheit der andern war über Lob und Tadel der Sterblichen weit erhaben, die eine wie die andre gleich wohltätig und gleich furchtbar.

Als aber die mächtige Diana in dem Treffen vor Troja die mächtigere Juno zum Streit aufforderte, so fühlte sie die starken Arme der Vermählten des Donnergottes. »Das Wild auf den Bergen«, sprach Juno, »kannst du töten, aber nicht mit Mächtigern streiten!«

Darauf faßte sie die beiden Hände der Diana an dem Gelenke in ihre Linke zusammen, nahm mit der Rechten den Köcher von Dianens Schulter und schlug sie damit auf beide Wangen, daß die Pfeile zur Erde fielen; – und gleich der furchtsamen Taube vor dem Habicht, floh die sonst so mächtige Göttin weinend davon und ließ ihren Köcher zurück, welchen Latona wieder aufhob und die zerstreueten Pfeile wieder auflas.

So menschenähnlich auch diese hohen Göttergestalten handeln, ist dennoch diese Dichtung groß und schön, sobald man sie nicht einzeln, sondern im Sinn des Ganzen dieser Dichtung nimmt.

Derselbe furchtbare Köcher, aus welchem die tödlichen Pfeile sich über das Geschlecht der Sterblichen verbreiten, ist ein leichtes Spielwerk in den Händen der erhabenen Juno, die ihn als ein Werkzeug braucht, den Übermut der Mindermächtigen zu bestrafen, deren errötende Wange von einer stärkern Hand die Schläge des rasselnden Köchers fühlt, mit welchem sie sonst furchtbar einhergeht. – Es gibt kein treffenderes Bild der tief gedemütigten weiblichen Macht als dies.

Der weisere Apoll antwortet dem Neptun, der ihn zum Streit auffordert: »Warum sollte ich mit dir der elenden Sterblichen wegen fechten, die gleich den Blättern auf den Bäumen nur eine Zeitlang dauern und bald verwelken! Laß uns vom Kampf abstehen; sie mögen untereinander sich selbst bekriegen!«

Auf der hier beigefügten Kupfertafel befindet sich eine Abbildung der Diana nach einem antiken geschnittenen Steine, wo sie, im aufgeschürzten Kleide, auf einen attischen Pfeiler gelehnt, in ruhiger Stellung steht, den Köcher und Bogen auf der Schulter und als die Erleuchterin der Nacht mit einer Fackel in der Hand, welche sie auszulöschen im Begriff ist.

Hinter ihr ragt ein Berg hervor, welcher sie als die Göttin bezeichnet, die auf den waldichten Gipfeln einhergehend die Spur des Wildes verfolgt.

Auf ebendieser Kupfertafel befindet sich auch eine Abbildung der Ceres nach einem antiken geschnittenen Steine. In der Rechten hält sie eine Sichel, in der Linken eine Fackel, die sie auf dem Ätna anzündete, um ihre geraubte Tochter in den verborgensten Winkeln der Erde zu suchen. Zu ihren Füßen schmiegen sich die Drachen, die ihren Wagen zogen.


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