Karl Philipp Moritz
Götterlehre
Karl Philipp Moritz

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Die Erzeugung der Götter

Da, wo das Auge der Phantasie nicht weiter trägt, ist Chaos, Nacht und Finsternis; und doch trug die schöne Einbildungshaft der Griechen auch in diese Nacht einen sanften Schimmer, der selbst ihre Furchtbarkeit reizend macht. – Zuerst ist das Chaos, dann die weite Erde, der finstere Tartarus – und Amor, der schönste unter den unsterblichen Göttern.

Gleich im Anfange dieser Dichtungen vereinigen sich die entgegengesetzten Enden der Dinge; an das Furchtbarste und Schrecklichste grenzt das Liebenswürdigste. – Das Gebildete und Schöne entwickelt sich aus dem Unförmlichen und Ungebildeten. – Das Licht steigt aus der Finsternis empor. – Die Nacht vermählt sich mit dem Erebus, dem alten Sitze der Finsternis, und gebiert den Äther und den Tag. Die Nacht ist reich an mannigfaltigen Geburten, denn sie hüllt alle die Gestalten in sich ein, welche das Licht des Tages vor unserm Blick entfaltet.

Das Finstere, Irdische und Tiefe ist die Mutter des Himmlischen, Hohen und Leuchtenden. Die Erde erzeugt aus sich selbst den Uranos oder den Himmel, der sie umwölbet. Es ist die dunkele und feste Körpermasse, welche, von Licht und Klarheit umgeben, den Samen der Dinge in sich einschließt und aus deren Schoße alle Erzeugungen sich entwickeln.

Nachdem die Erde auch aus sich selber die Berge und den Pontus oder das Meer erzeugt hat, vermählt sie sich mit dem umwölbenden Uranus und gebiert ihm starke Söhne und Töchter, die selbst ihrem Erzeuger furchtbar werden.

Hundertärmige Riesen, den Kottus, Gyges und Briareus; ungeheure Cyklopen, den Brontes, Steropes und Arges; herrschsüchtige und mit weit um sich greifender Macht gerüstete Titanen, den Cöus, Krius, Hyperion und Japet; den Oceanus; die mächtigen Titaniden, die Thia, die Rhea, die Themis, die Mnemosyne, die Phöbe, die Tethys und den Saturnus oder Kronos, den jüngsten unter den Titanen.

Diese Kinder der Erde und des Himmels aber erblicken das Licht des Tages nicht, sondern werden von ihrem Erzeuger, der ihre angeborne Macht scheuet, sobald sie geboren sind, wieder in den Tartarus eingekerkert. Das Chaos behauptet noch seine Rechte. Die Bildungen schwanken noch zwischen Unterdrückung und Empörung. – Die Erde seufzt in ihren innersten Tiefen über das Schicksal ihrer Kinder und denkt an Rache; sie schmiedet die erste Sichel und gibt sie als ein rächendes Werkzeug dem Saturnus, ihrem jüngsten Sohne.

Die wilden Erzeugungen müssen aufhören; Uranos, der seine eigenen Kinder im nächtlichen Dunkel gefangenhält, muß seiner Herrschaft entsetzt werden. – Sein jüngster Sohn Saturnus überlistet ihn, da er sich mit der Erde begattet, und entmannet seinen Erzeuger mit der Sichel, die ihm seine Mutter gab. Aus den Blutstropfen, welche die Erde auffängt, entstehen in der Folge der Zeit die rächerischen Furien, die furchtbaren, den Göttern drohenden Giganten und die Nymphen Meliä, welche die Berge bewohnen. – Die dem Uranos entnommene Zeugungskraft befruchtet das Meer, aus dessen Schaum Aphrodite, die Göttin der Liebe, emporsteigt. – Aus Streit und Empörung der ursprünglichen Wesen gegeneinander entwickelt und bildet sich das Schöne.

Nun vermählen sich die Kinder des Himmels und der Erde und pflanzen das Geschlecht der Titanen fort. – Cöus mit der Phöbe, einer Tochter des Himmels, zeugt die Latona, welche nachher die Vermählte des Jupiter, und die Asteria, welche die Mutter der Hekate ward. – Hyperion mit der Thia, einer Tochter des Himmels, zeugt die Aurora, den Helios oder Sonnengott und die Luna. Oceanus mit der Tethys, einer Tochter des Himmels, erzeugt die Flüsse und Quellen. – Japet vermählt sich mit der Klymene, einer Tochter des Oceanus, und erzeugt mit ihr die Titanen Atlas, Menötios, den Prometheus, der die Menschen bildete, und den Epimetheus. – Krius mit der Eurybia, einer Tochter des Pontus, erzeugt die Titanen Asträus, Pallas und Perses.

Saturnus vermählt sich mit seiner Schwester, der Rhea, und mit ihm hebt eine Reihe von neuen Götterzeugungen an, wodurch die alten in der Zukunft verdrängt werden sollen. Die bleibenden Gestalten gewinnen endlich die Oberhand; aber sie müssen vorher noch lange mit der alles zerstörenden Zeit und dem alles verschlingenden Chaos kämpfen. Saturnus ist zugleich ein Bild dieser zerstörenden Zeit. Er, der seinen Erzeuger entmannt hat, verschlingt seine eigenen Kinder, sowie sie geboren werden: denn ihm ist von seiner Mutter, der Erde, geweissagt worden, daß einer seiner Söhne ihn seiner Herrschaft berauben werde. So rächte sich der an seinem Erzeuger verübte Frevel; Saturnus fürchtet gleich diesem die sich empörende Macht, und während er über seine Brüder, die Titanen, herrschte, hielt er dennoch gleich dem Uranos die hundertärmigen Riesen und Cyklopen in dem Tartarus eingekerkert.

Von seinen Kindern fürchtet er Verderben; denn noch lehnet das Neuentstandene sich gegen seinen Ursprung auf, der es wieder zu vernichten droht. So wie die Erde seufzte, daß der umwölbende Himmel ihre Kinder in ihrem Schoße gefangenhielt, so seufzt nun Rhea über die Grausamkeit der alles zerstörenden, ihre eigenen Bildungen verschlingenden Macht, mit welcher sie vermählt ist. Und da sie den Jupiter, den künftigen Beherrscher der Götter und Menschen, gebären soll, so fleht sie die Erde und den gestirnten Himmel um die Erhaltung ihres noch ungebornen Kindes an.

Die uralten Gottheiten sind ihrer Herrschaft entsetzt, und haben nur noch Einfluß durch Weissagung und Rat; sie raten ihrer Tochter, wie sie den Jupiter, sobald sie ihn geboren, in eine fruchtbare Gegend, in Kreta, verbergen soll. – Die wilde, umherschweifende Phantasie heftet sich nun auf einen Fleck der Erde und findet auf dem Eilande, wo dies Götterkind erzogen werden soll, den ersten Ruheplatz.

Auf den Rat ihrer Mutter Erde wickelt die Rhea einen Stein in Windeln und gibt ihn dem Saturnus, statt des neugeborenen Götterkindes, zu verschlingen. Durch diesen bedeutungsvollen Stein, dessen bei den Alten so oft Erwähnung geschieht, sind der Zerstörung ihre Grenzen gesetzt; die zerstörende Macht hat zum ersten Male das Leblose statt des Lebenden mit ihrer vernichtenden Gewalt ergriffen, und das Lebende und Gebildete hat Zeit gewonnen, gleichsam verstohlnerweise sich an das Licht emporzudrängen.

Allein es ist noch vor den Verfolgungen seines allverschlingenden Ursprungs nicht gesichert. Darum müssen die Erzieher des Götterkindes auf der Insel Kreta, die Kureten oder Korybanten, deren Wesen und Ursprung in geheimnisvolles Dunkel gehüllt ist, mit ihren Spießen und Schilden ein immerwährendes Getöse machen, damit Saturnus die Stimme des weinenden Kindes nicht vernehme. – Denn die zerstörenden Kräfte lauern, das zarte Gebildete in seinem ersten Aufkeimen womöglich wieder zu zernichten.

Die Erziehung des Jupiter auf der Insel Kreta macht eines der reizendsten Bilder der Phantasie; ihn säugt die Ziege Amalthea, welche in der Folge unter die Sterne versetzt und ihr Horn zum Horn des Überflusses erhöhet wird. Die Tauben bringen ihm Nahrung, goldgefärbte Bienen führen ihm Honig zu, und Nymphen des Waldes sind seine Pflegerinnen.

Schnell entwickeln sich nun die Kräfte dieses künftigen Beherrschers der Götter und Menschen. Das Ende von dem alten Reiche des Saturnus nähert sich. Denn fünf seiner Kinder sind noch, außer dem Jupiter, von seiner zerstörenden Macht gerettet. Die den Erdkreis mit heiliger Glut belebende Vesta, die befruchtende Ceres, Juno, Neptun und Pluto.

Mit diesen kündigt Jupiter dem Saturnus und den Titanen, welche dem Saturnus beistehen, den Krieg an, nachdem er vorher die Cyklopen aus ihrem Kerker befreiet und diese ihn dafür mit dem Donner und dem leuchtenden Blitze begabt hatten. Und nun scheiden sich die neuern Götter, die vom Saturnus und der Rhea abstammen, von den alten Gottheiten oder den Titanen, welche Kinder des Himmels und der Erde sind.


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