Karl Philipp Moritz
Götterlehre
Karl Philipp Moritz

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Ceres

Unter den drei hohen Göttinnen, die vom Saturnus erzeugt und von der Rhea geboren sind, ist Juno allein die Königin des Himmels. Ceres und Vesta sind auf Erden wohltätige Wesen, wovon die eine den nährenden Halm hervorruft, die andre, selbst jungfräulich, dennoch den Schoß der Erde mit heiliger, fruchtbar machender Wärme durchglüht.

Mit der Ceres erzeugte der Vater der Götter die jungfräuliche Proserpina, welcher des Lichtes süßer Anblick nur kurze Zeit gewährt war – denn nur zu bald wurde Jugend und Schönheit ein Opfer des unerbittlichen Orkus.

Da sie in sorgenfreier Unschuld mit ihren Gespielinnen auf der Wiese Blumen sammelt, schlingt schon der König der Schrecken die starken Arme um sie her und hebt die umsonst sich Sträubende auf seinen mit schwarzen Rossen bespannten Wagen.

Zürnend und mitleidsvoll versucht die Nymphe Cyane die schnaubenden Rosse aufzuhalten. Pluto aber stampft mit seinem zweizackigen Zepter von Ebenholz den Boden und öffnet sich mitten durch die Klüfte der Erde zu seinem unterirdischen Palast einen Weg.

Ceres aber, da sie den Raub ihrer Tochter vernimmt, unwissend, wer sie entführte, zündet auf dem flammenden Ätna ihre Fackel an, setzt sich auf ihren mit Drachen bespannten Wagen und sucht ihre Tochter in den verborgensten Winkeln der Erde, wohin kein Strahl der Sonne drang. Sie sucht die Nacht zu erleuchten, das Verborgene aufzudecken, um das Verlorne und Entschwundene, was ihr so nah verwandt ist, wieder ans Licht zu bringen.

Nachdem sie ihre Tochter nun vergebens auf der ganzen Erde gesucht hatte, so kam sie endlich in Eleusis, einem Flecken in Attika, ermüdet an.

Mit der Macht der Gottheit verknüpft die schöne Dichtung menschliches Leiden. – Die erhabene Göttin war jammervoll; sie setzte sich betrübt auf einem Steine nieder, bis der gastfreie Celeus sie in seine Wohnung einlud, ohngeachtet sein Haus voll Trauer war, weil sein geliebter Sohn in letzten Zügen lag.

Die Göttin nahm an dieser Trauer teil, weil sie den Schmerz über den Verlust eines Kindes in seiner ganzen Größe selber kannte. Nun aber tat sie, was als Göttin ihr ein leichtes war: sie machte des Celeus Sohn gesund.

Auch wollte sie die Unsterblichkeit dem blühenden Knaben schenken, indem sie ihn alle Nacht auf ihrem Schoße in Flammen hüllte, um alles Sterbliche an ihm zu tilgen, bis durch den ungestümen Schrei und durch die unzeitige Furcht der Mutter, welche die Ceres einst bei diesem Geschäft belauschte, auch dieser Wunsch der Göttin vereitelt ward.

Dennoch setzte sie ihrer Wohltätigkeit keine Schranken; sie gab dem Triptolemus, des Celeus älterm Sohne, einen Wagen, mit fliegenden Drachen bespannt, und schenkte ihm den edlen Weizen, daß er ihn auf der ganzen Erde mit vollen Händen ausstreuen und Segen allenthalben seine Spur begleiten sollte.

Endlich entdeckte nun auch der Ceres die allsehende Sonne den Aufenthalt ihrer Tochter; da forderte sie die gewaltsam Geraubte zürnend vom Orkus wieder, – und Jupiter selber bewilligte Proserpinens Rückkehr unter der Bedingung, daß von der Kost in Plutos Reiche ihre Lippe noch unberührt sei.

Proserpina aber hatte dem Reiz nicht widerstanden, aus einem Granatapfel einige Körner zu verzehren, – nun war sie dem Orkus eigen und konnte keine Rückkehr hoffen.

Dennoch bewirkte ihre mächtige Mutter, daß sie nur einen Teil des Jahres beim Pluto verweilen durfte, den andern aber wieder auf der Oberwelt des himmlischen Lichts genösse, damit die liebende Mutter sich alljährlich der wiedergefundenen Tochter freue.

Durch alle diese Dichtungen schimmern die Begriffe von der geheimnisvollen Entwickelung des Keims im Schoß der Erde, von dem innern verborgenen Leben der Natur hervor. Es gibt keine Erscheinung in der Natur, wo Leben und Tod dem Ansehen nach näher aneinandergrenzen als da, wo das Samenkorn, dem Auge ganz verdeckt, im Schoß der Erde vergraben und gänzlich verschwunden ist und dennoch gerade auf dem Punkte, wo das Leben ganz seine Endschaft zu erreichen scheint, ein neues Leben anhebt.

Durch den sanften Schoß der Ceres pflanzen sich bis in das dunkle Reich des Pluto die himmlischen Einflüsse fort. – Pluto heißt auch der Stygische oder Unterirdische Jupiter; und mit ihm vermählt sich des himmlischen Jupiters reizende Tochter, in welcher die Dichtung die entgegengesetzten Begriffe von Leben und Tod zusammenfaßt und durch welche sich zwischen dem Hohen und Tiefen ein zartes geheimnisvolles Band knüpft.

Auf den Marmorsärgen der Alten findet man oft den Raub der Proserpina abgebildet, und bei den geheimnisvollen Festen, welche der Ceres und der Proserpina gefeiert wurden, scheint es, als habe man grade dies Aneinandergrenzen des Furchtbaren und Schönen zum Augenmerk genommen, um die Gemüter der Eingeweihten mit einem sanften Staunen zu erfüllen, wenn das ganz Entgegengesetzte sich am Ende in Harmonie auflöste.

An die Vorstellung vom Ackerbau, welche den Menschen nachher so gewöhnlich und alltäglich geworden ist, knüpften sich in jenen Zeiten, wo man noch die Gaben der Natur gleichsam unmittelbar aus ihrer Hand empfing, erhabne und schöne Begriffe an; es war die Menschheit und ihre höhere Bildung selber, die man in dieser einfachen Vorstellung wiederfand, unter welcher man sich auch die ganze Natur mit ihren wunderbarsten abwechselnden Erscheinungen dachte und sich an dieselbe unter allen ihren Gestalten so nahe wie möglich anschloß.

Unter den höhern Göttergestalten ist Ceres eine der sanftesten und mildesten; demohngeachtet ließ sie auch den Erysichthon, welcher an einem ihr geweihten heiligen Haine Frevel verübte, ihre furchtbare Macht empfinden. Sie selber warnte ihn zuvor, da er im Begriff war, die heilige Pappel umzuhauen; als er aber dennoch den grausamen Hieb vollführte, so mußte er für sein Vergehen gegen die alles ernährende Göttin mit ewig nicht zu stillendem Hunger büßen.

Und als sie, ihre verlorne Tochter auf dem ganzen Erdkreis suchend, einst lechzend und ermattet in eine Hütte einkehrte, wo sie begierig trinkend von einem Knaben verspottet ward, so duldete sie die Schmach nicht, sondern besprengte den kindischen Frevler mit Wassertropfen, der, plötzlich in eine Eidechse verwandelt, von der furchtbaren Macht der Göttin ein Zeuge ward.

Vulkan

Das Mühsame und Beschwerliche der Arbeit in der mit Rauch und Dampf erfüllten Werkstatt, zusammengedacht mit der erhabnen Kunst, die unermüdet hier mit schaffendem Geiste wirkt, hüllte die Phantasie der Alten in eine eigene hohe Götterbildung ein, bei welcher alle Kraft sich in dem mächtigen Arm vereint, der den gewaltigen Hammer auf dem Amboß führt, indes die gelähmten Füße hinken.

Wetteifernd mit dem Jupiter, hatte Juno den Vulkan, wie dieser die Minerva, aus sich selbst geboren und erzeugt. Jupiter aber schleuderte ihn vom Himmel hinab; er sollte in den glänzenden Reihen des hohen Götterchors nicht aufgenommen sein.

Der Rauch, der schwarze Dampf, die halberstickte Flamme vereinte sich mit dem reinen Äther nicht und widerstrebte dem Begriff von Klarheit, Schönheit und hoher Götterwürde. Die Häßlichkeit Vulkans ist ihm ein bittrer Vorwurf.

Und dennoch nahm die Phantasie auch diese Götterbildung unter den Glanz des Hohen und Himmlischen durch den Weg des Komischen wieder auf. Die seligen Götter geraten in ein unendliches Lachen, wenn der hinkende Vulkan, das Amt des Ganymed verwaltend und selbst über sein Gebrechen scherzend, den mit Nektar gefüllten Becher in der Versammlung der Götter umherreicht.

Die kühne Einbildungskraft der Alten aber wußte das Komische selber wieder mit Göttermacht und Hoheit und einer über alles Menschliche erhabnen Würde zu umkleiden, wodurch sie eine Schattierung mehr erhielten, die ihren Dichtungen einen unnachahmlichen Reiz gibt.

Der hinkende, wegen seiner Häßlichkeit vom Himmel geschleuderte Sohn der Juno, welcher unbehülflich das Amt des zarten Ganymed verrichtet, ist in der mechanischen Kunst vortrefflich; bei dieser schaden ihm die gelähmten Füße nicht; auch schmälert sein Sturz vom Himmel die Macht und Hoheit nicht, wodurch er ein Gegenstand der Verehrung der Völker wird.

In seiner Schmiede führt er auf dem Amboß mit mächtigen Schlägen selbst den Hammer; aber Luft und Feuer stehn ihm zu Gebote. Die Blasebälge atmen auf seinen Wink und hauchen die Flamme schwächer oder stärker an; jeder seiner Gedanken führt schnell mit Götterkraft sich aus, und unter seinen bildenden Händen tritt majestätisch das Werk hervor.

Ihm ist es ein leichtes, seinen Bildungen Leben einzuhauchen; er schmiedet zwanzig Dreifüße, auf goldenen Rädern rollend, welche auf seinen Wink in die Versammlung der Götter gehen und wiederkehren. Auch hat er sich goldne Mägde gebildet, die Leben und Bewegung haben und ihn im Gehen stützen.

Wenn er aus seiner Schmiede tritt, so trägt er ein königlich Gewand und Zepter; auch ist in ihm die hohe bildende Kunst, obgleich in unansehnliche Gestalt verhüllt, doch mit der Schönheit selbst vermählt; durch diese Vermählung mit der Venus aber erhält das Komische in den Zügen der Götterbildung des Vulkan den höchsten Reiz, weil auch die Eifersucht sich dazugesellt.

Das künstliche Netz, welches der eifersüchtige Gatte um den Mars und die Venus schmiedet und alle Götter herbeiruft, um über sein Unglück sich zu beklagen, ist in den Dichtungen der Alten unter Göttern und Menschen zu einer belustigenden Fabel geworden, wodurch der finstre Ernst gemildert und das Gemüt zu frohem Lächeln aufgeheitert wird.

In der Götterbildung des Vulkan aber findet sich das ganz Entgegengesetzte zusammen, was die Alten vorzüglich in ihren Dichtungen liebten; in ihm vermählt sich die Häßlichkeit mit der Schönheit selber; das Komische ist in ihm mit Würde, die Schwachheit mit der Stärke, die Lähmung des Fußes mit der Kraft des mächtigen Arms vereint. – Es ist, wie wir schon bemerkt haben, gleichsam das Mangelhafte oder die fehlenden Züge, wodurch auch diese Göttergestalt sich an die übrigen anschließt.

Wie hoch aber die Kunst, das Eisen zu schmieden, von den Alten geschätzt wurde, erhellet auch aus dieser Dichtung, wo sie unter allen Künsten allein das ausschließende Geschäft eines Gottes ist, der selber mit in dem Rate der hohen Götter sitzt.

Ob nun gleich Vulkan erst unter den neuern Göttern auftritt, so schimmert dennoch auch sein Urbild unter den alten Göttergestalten dunkel hervor; die Kureten oder Korybanten, welche den Jupiter auf der Insel Kreta bewachten, waren nach einer alten Sage seine Abkömmlinge; auch war er einer der ältesten oder die älteste unter den ägyptischen Gottheiten.

Die Kureten machten schon ein Getöse mit Waffen, die von Eisen geschmiedet waren. Die Cyklopen hatten schon vorher, ehe Jupiters Reich begann, in den Höhlen der Erde den Blitz und den Donner bereitet, und die Erde selber hatte schon eine Sichel geschmiedet, womit Saturnus seinen Erzeuger entmannte.

Auch waren eine Art geheimnisvoller Götterbildungen aus dem höchsten Altertum, welche unter dem Namen der Kabiren in Ägypten und Samothracien verehrt wurden, nach einer alten Sage Söhne oder Abkömmlinge des Vulkan, dessen Erscheinung hiedurch auf einmal weit zurücktritt und in den Nebel der grauen Vorzeit sich verhüllt.

Schön und bedeutend ist es in diesen Dichtungen, daß die bildenden Götter einander hilfreich sind. Als Prometheus die Menschen bildete, so standen Minerva und Vulkan ihm bei. Vulkan aber mußte nachher selber auf Jupiters Befehl den Prometheus an den Felsen schmieden, welches er nach der Darstellung des tragischen Dichters, da er dem Donnerer nicht widerstreben durfte, mit lautem Jammer tat.

Auch wünschte Vulkan, obgleich vergeblich, sich mit der Minerva zu vermählen. Und als er gewaltsam sich ihrer zu bemächtigen suchte, wurde, während er mit der Göttin kämpfte, die Erde von seiner Zeugungskraft befruchtet und gebar den Erichthonius mit Drachenfüßen, den Minerva selbst in Schutz nahm und ihn den Einwohnern ihrer geliebten Stadt Athen zum Könige setzte, wo er, um seine ungestalten Füße zu verbergen, den vierrädrigen bedeckten Wagen erfand.

Die Drachengestalt und Drachenfüße bezeichnen in diesen Dichtungen fast immer das der Erde Entsprossene, mit der Erde nah Verwandte; so bildet die Phantasie die himmelanstürmenden Giganten als Kinder der Erde mit Drachenfüßen; und auch der Wagen der Ceres, die die Erde befruchtet, ist mit Drachen bespannt.

Ganz menschenähnlich stellt die Dichtung den Gott der Flammen dar, wie er, um die Thetis zu empfangen, die zu ihm kömmt, um für ihren geliebten Sohn Achilles einen neuen Schild und Rüstung zu erbitten, sich mit dem nassen Schwamme erst Brust und Nacken, Gesicht und Hände wäscht, um mit dem Schmutz der Arbeit nicht vor der besuchenden Göttin zu erscheinen.

Als er aber in dem Treffen vor Troja auf den Befehl seiner Mutter sich mit seinen Flammen dem Flußgott Skamander widersetzte, der mit seinen anschwellenden Fluten den Achill verfolgte, so begann ein furchtbarer Kampf zwischen den beiden entgegengesetzten Elementen. Zuerst verbrannte Vulkan das Feld mit allen Toten; dann richtete er die leuchtende Flamme gegen den hochaufschwellenden Strom, daß das Schilf an seinen Ufern verbrannte, das Wasser siedete und die Fische geängstiget wurden. Da flehte der Flußgott die Juno um Erbarmung an, und Vulkan ließ ab, ihn zu ängstigen, da seine Mutter es ihm befahl und zu ihm sprach: »Höre auf! Es ist nicht billig, daß ein unsterblicher Gott der sterblichen Menschen wegen so gequält werde.«

Auf der hier beigefügten Kupfertafel befindet sich im Umriß nach antiken geschnittnen Steinen aus der Lippertschen Daktyliothek außer einem Kopf des Vulkan noch eine Abbildung desselben, wie er einen Pfeil schmiedet und ihm zur Seite Venus mit dem Kupido steht, der nach den Pfeilen greift, die Venus in der Hand hält.

Vesta

So wie Vulkan die zerstörende und auch die bildende Flamme, das verzehrende Feuer und die alles zerschmelzende Glut bezeichnet, so ist der Vesta höheres Urbild das heilige glühende Leben der Natur, das unsichtbar mit sanfter Wärme durch alle Wesen sich verbreitet.

Es ist die reine Flamme in dem keuschen Busen der hohen Himmelsgöttin, welche als ein erhabnes Sinnbild auf dem Altar der Vesta loderte und, wenn sie verlöschen war, nur durch den elektrischen, durch Reibung hervorgelockten Funken sich wieder entzünden durfte.

Unter diesem hohen Sinnbilde wurde das umgebende Ganze selber in seinem geheimsten Mittelpunkte verehrt, wo Gestalt und Bildung aufhörte und der runde, umwölbende Tempel mit dem Altar und der darauf lodernden Flamme selbst das Bild der inwohnenden Gottheit war.

Dieser uralte Gottesdienst verflocht sich auch in das schöne häusliche Leben der Alten: Man dankte der Vesta jede wohltätige Wirkung des Feuers, die auf Erhaltung und Ernährung abzweckt. Sie war es, welche die Menschen lehrte, sich auf dem heiligen Herde die nährende Kost zu bereiten.

Auch das Häuserbauen lehrte Vesta die Menschen; und so wie das umgebende Ganze selber ihr Tempel war, so war auch die schützende Umgebung des Menschen ihr wohltätiges Werk, das ihr die Sterblichen dankten; denn der Eintritt zu jeglichem Hause und der Vorhof waren ihr heilig.

Es war ein reines dankbares Gefühl bei den Alten, wodurch sie jede einzelne Wohltat der Natur unter irgendeinem bezeichnenden Sinnbilde besonders anerkannten; es war eine schöne Idee, der heiligen Flamme, welche wohltätig den Menschen dient, gleichsam wieder zu pflegen und unbefleckte Jungfrauen als die heiligsten Priesterinnen ihrem immerwährenden Dienste zu weihen.

Für das Feuer, welches allenthalben den Menschen nützt, gab es auch einen Fleck, wo es, nie durch den Gebrauch zu menschlichem Bedürfnis herabgezogen, stets um sein selbst willen loderte und die Ehrfurcht der Sterblichen auf sich zog.

Wenn die Kunst der Alten es wagte, die Vesta abzubilden, so trug die geheimnisvolle Göttin eine Fackel in der Hand; aber der keusche Schleier hüllte dennoch ihre Bildung ein. Auf der hier beigefügten Kupfertafel befindet sich eine Abbildung der Vesta, nach einem antiken geschnittenen Steine aus der Lippertschen Daktyliothek, die aber so zusammengesetzt und rätselhaft ist, daß man leicht sieht, der Künstler habe vorzüglich nur das Geheimnisvolle in dem Begriff von dieser Gottheit selbst bezeichnen wollen.

Pluto oder der Stygische Jupiter, der auch Jupiter Serapis heißt, sitzt auf einem Throne und legt, in der Linken den Zepter haltend, seine Rechte auf eine geflügelte Tiergestalt. Zu seiner Linken steht Harpokrates, der Gott des Stillschweigens, mit dem Finger auf dem Munde, und zur Rechten die geschleierte Vesta mit der Fackel in der Hand. Auch hält Harpokrates ein Horn des Überflusses. Lauter Sinnbilder des Tiefen, Verborgenen, Geheimnisvollen im Innersten der Natur, woraus sich unaufhörlich Leben und Fülle ergießt.

Unter der Abbildung der Vesta mit der Fackel denkt man sich eine ältere Vesta, welche mit der Erde einerlei ist, die unter mannigfaltigen Namen auch diesen trägt. Allein die ähnlichen alten und neuen Göttergestalten verlieren sich in den Dichtungen der Alten ineinander; und da die Erde als eine der alten Gottheiten unter den neuen herrschenden Göttern nicht mit auftritt, so scheint sie in der Vesta, wie Helios im Apollo, sich gleichsam verjüngt zu haben und wohnt in ihr dem Rat der himmlischen Götter bei.

Auf ebendieser Kupfertafel befindet sich auch, nach einem schönen antiken geschnittenen Steine, eine Abbildung des Merkur, der als der Gott der Wege den Altar, worauf ein antiker Meilenzeiger steht, mit seinem Stabe berührt. Auf dem Altare liegt ein Stab, zum Zeichen, daß die Reisenden dem Merkur, wenn sie die Reise vollbracht, ihre Wanderstäbe weihten. Zum Zeichen der Sicherheit der Wege windet sich der friedliche Ölzweig um die Meilensäule. Merkur trägt auf dem Haupte den geflügelten Hut und ist mit einem kurzen Mantel bekleidet.

Merkur und Vesta waren beide die Menschen lehrende wohltätige Wesen, und der Gesang vereint ihr Lob. In allen Häusern und Palästen der Götter und der Menschen hat Vesta ihren eignen Sitz und ihre alte Ehre; der ersten und der letzten Vesta wird bei jedem Gastmahle süßer Wein mit Ehrfurcht ausgegossen.

Der Sohn des Jupiter und der Maja, der Bote der Götter mit dem goldenen Stabe, der Geber vieles Guten, bewohnet mit der Vesta die Häuser der Sterblichen, und beide sind einander lieb, weil beide in schöner Übereinstimmung nützliche Künste lehren.

Merkur

In diese leichte Götterbildung hüllte die Phantasie der Alten die Begriffe von schneller Erfindungskraft, List und Gewandtheit ein, die sich sowohl in der täuschenden Überredung als in dem leicht vollführten scherzenden Diebstahl zeigte, worüber selbst der Beraubte, wenn er die kühne Schalkheit wahrnahm, lächeln mußte.

Schalkheit und List ist hier mit der Macht der Gottheit und mit Unsterblichkeit gepaart; denn nichts war unheilig in der Vorstellungsart der Alten, was aus dem mannigfaltigen Bildungstriebe der Natur hervorging und, wenn gleich durch sich selber schadend, dennoch den Stoff des Schönen und Nützlichen in sich enthielt.

Die Phantasie setzt ihren Göttergestalten keine Schranken, sie läßt bei jeglicher den herrschenden inwohnenden Trieb in seinem weitesten Umfange spielen und führt ihn gern bis auf den Punkt des Schädlichen hin; eben weil in diesen Dichtungen die großen Massen von Licht und Schatten und die furchtbaren Gegensätze in der Natur sich zusammendrängen, die sonst das Auge nur zerstreut und einzeln wahrnimmt, und weil gewissermaßen jede Göttergestalt das Wesen der Dinge selbst, aus irgendeinem erhabenen Gesichtspunkt betrachtet, in sich zusammenfaßt.

In dieser Rücksicht ist die Dichtung vom Merkur eine der schönsten und vielumfassendsten. Er ist der behende Götterbote, der Gott der Rede, der Gott der Wege; in ihm verjüngt sich das schnelle geflügelte Wort und wiederholt sich auf seinen Lippen, wenn er die Befehle der Götter überbringt.

Darum ist auch sein erhabenes Urbild die Rede selber, welche als der zarteste Hauch der Luft sich in den mächtigen Zusammenhang der Dinge gleichsam stehlen muß, um durch den Gedanken und die Klugheit zu ersetzen, was ihrer Wirksamkeit an Macht abgeht.

Auch lieh die Phantasie der Alten gern dem Worte Flügel, weil es vom schnellen Hauch begleitet erst hörbar wird; und wenn der Laut nicht über die Lippen kam, so war ihr schöner Ausdruck: dem Worte fehlten die Flügel.

Die Zunge der Opfertiere war dem Merkur geweiht; Milch und Honig brachte man dem Gott der sanft hinströmenden Unterredung dar. Aus seinem Munde senkte sich, nach einer dichterischen Darstellung, vom Himmel eine goldene Kette nieder, bis zu dem lauschenden Ohre der Sterblichen, die der süße Wohllaut von seinen Lippen mit mächtigem Zauber lenkte.

Unwiderstehlich ist seine Macht, den Zwist zu schlichten, das Streitende zu versöhnen und das Mißtönende harmonisch zu verbinden. Dem Schoß der Mutter noch nicht lange entwunden, schlug er mit seinem goldnen Stabe zwischen zwei erzürnte, miteinander streitende Schlangen, – und diese vergaßen plötzlich ihrer Wut und wickelten sich vereint, in sanften Krümmungen um den Stab, bis an die Spitze, wo ihre Häupter in ewiger Eintracht sich begegnen.

Es gibt kein schöneres Sinnbild, um die Versöhnung und den Frieden sowie die harmonische Verbindung des Widerstreitenden und Entgegengesetzten zu bezeichnen, als diesen schlangenumwundenen Stab, der in der Hand des Götterboten der Herold seiner Macht ist.

Nichts ist reizender als die dichterischen Schilderungen der Alten von der schnell sich entwickelnden Götterkraft, die gleichsam lange vorher schon war und nun, in verengter Gestalt aus dem Schoß der Mutter neu geboren, die Fülle ihres Wesens, welche sie in sich spürt, nicht lange durch Windeln und durch die Wiege beschränken läßt.

Während daß Juno schlief, hatte Jupiter in verstohlner Umarmung mit der holden Maja den Merkur in einer schattichten Höhle erzeugt. Und als die Zeit der Entbindung da war, so wurde am frühen Morgen der Götterknabe geboren, am Mittag schlug er schon die von ihm selbst erfundene Laute, und am Abend entwandte er die Rinder des Apollo.

Die Laute erfand er, da er am ersten Mittage sich aus der Wiege stahl und, indem er über die Schwelle trat, eine Schildkröte ihm entgegenkam, deren umwölbende Schale ihm sogleich ein schickliches Werkzeug schien, um von dem Klange daraufgespannter Saiten widerzutönen.

»Wenn du tot bist«, sprach er zu der Schildkröte, »dann wird erst dein Gesang anheben.« Und als er ihr nun das Leben geraubt hatte und die Umwölbung leer war, spannte er sieben aus Sehnen geflochtene miteinander tönende Saiten darüber und schlug sie mit dem klangentlockenden Stäbchen, jeden einzelnen Ton versuchend, der tief im Bauch der Wölbung widerhallte. – Nun konnte er auch der Lust zu singen nicht widerstehen und besang, die Laute schlagend, was nur sein Auge erblickte, die Dreifüße und Gefäße in seiner Mutter Hause; aber er sang auch schon mit höherm Schwunge Jupiters Liebesbündnis mit der holden Maja als seiner eigenen Gottheit Ursprung.

Als nun am Abend die Sonne sich in den Ozean tauchte, war er schon auf den piräischen Gebirgen, wo die Herden der unsterblichen Götter weiden. Funfzig entwandte er von Apollos Rindern und trieb sie mit manchem listigen Kunstgriff über Berg und Tal, daß niemand die Spur des Raubes entdecken konnte, wenn nicht ein Greis, der auf dem Felde grub, den Knaben mit den Rindern vor sich her bemerkt und ihn dem Apollo verraten hätte.

Als er nun am Alpheusstrome zwei von den Rindern geschlachtet und sie sich selber geopfert hatte, so löschte er wieder das Feuer aus, verscharrte die Asche in den Sand und warf die Schuh von grünen Reisern, womit er die Fußstapfen unkenntlich zu machen gesucht, in den vorüberströmenden Alpheus, damit auch hier sich keine Spur mehr zeige.

Dies alles tat er bei Nacht und hellem Mondenschein.

Als nun der Tag anbrach, da schlich er sich leise wieder in die Wohnung seiner Mutter und legte sich in die Wiege, die Windeln um sich her, die Laute, als sein liebstes Spielwerk, mit der Linken haltend.

Und als nun Apollo wegen der geraubten Rinder zürnend kam, so stellte sich der Räuber, als ob er in der Wiege in süßem Schlummer läge, die Laute unterm Arme. Apollo drohte, ihn in den Tartarus zu schleudern, wenn er nicht schnell den Ort anzeigte, wo die entwandten Rinder wären.

Da antwortete der listige Knabe, mit den Augen blinzelnd: »Wie grausam redest du, Latonens Sohn, einen kleinen Knaben an, der gestern geboren ist und dem ganz andre Dinge lieb sind, als Rinder hinwegzutreiben; der sich nach süßem Schlummer und nach der Brust der Mutter sehnt und dessen Füße viel zu weich und zart sind, als daß sie rauhe Pfade betreten könnten. Doch ich will bei meines Vaters Jupiter Haupte schwören, daß ich die Rinder weder selber entwandt habe noch den Täter weiß.«

Und als sie nun beide, um ihren Streit zu schlichten, vor dem Vater der Götter auf dem Olymp erschienen, so bringt zuerst Apollo wegen der entwandten Rinder seine Klage vor. Merkur aber stand in Windeln da, um durch sein zartes Alter selbst die Klage zu widerlegen.

»Seh' ich denn wohl«, so sprach er zum Jupiter, »einem starken Manne gleich, der Rinder hinwegzutreiben vermag? Gewiß sollst du, mein Erzeuger selbst, die Wahrheit von mir hören: Ich lag in süßem Schlummer und habe die Schwelle unsrer Wohnung nicht überschritten; du weißt auch selber wohl, daß ich nicht schuldig bin; doch will ich's auch durch den größten Schwur beteuern und jenem einst sein grausames Wort vergelten; du aber stehe dem Jüngern bei!«

So sprach Merkur, mit den Augen blinzelnd, und Jupiter lächelte über den Knaben, daß er so schön und klug den Diebstahl zu leugnen wußte.

Zugleich befahl er dem Merkur, den Ort zu zeigen, wo die Rinder verborgen wären. Als dieser nun Jupiters Befehl gehorchte, ward auch Apollo wieder mit ihm versöhnt, und die vom Merkur erfundene Laute war der Versöhnung Unterpfand.

Denn als der Gott der Harmonien ganz entzückt den lieblichen Ton vernahm, der fähig ist, Liebe und Freude und Schlummer zu bewirken, gewann er auch den klugen Erfinder lieb und sprach: »Die Erfindung sei der funfzig geraubten Rinder wert!« Da schenkte ihm Merkur die Laute, und Apollo war über den Besitz des kostbaren Schatzes hocherfreut; damit ihm dieser aber vollkommen gesichert sei, so bat er den Merkur, ihm noch beim Styx zu schwören, daß er die sanft ertönende Laute ihrem nunmehrigen Besitzer nie wieder entwenden wolle.

Apollo schenkte nachher dem Merkur den goldenen Stab, der alle Zwiste schlichtet; jetzt aber kehrten die beiden Nahverwandten Hand in Hand geschlungen zum Olymp zurück; es war die Kunst, die ein schönes Band zwischen ihnen knüpfte, und Jupiter freute sich ihrer Eintracht.

Merkur wird nun der Götterbote; er ist die behende Macht, das schnell sich Bewegende unter den hohen Göttergestalten, die gleichsam fest gegründet in ihrer Majestät den schnellen, erfindungsreichen Gedanken vom Himmel zur Erde senden, und wenn er wiederkehrt, ihn in ihrem hohen Rat aufnehmen.

Auch die Kunst, zu ringen und durch Behendigkeit der Stärke überlegen zu sein, lehrte Merkur die Menschen. Alles, wodurch der zarte Gedanke, sich in der Dinge geheimste Fugen stehlend, des mächtigen Zusammenhangs Meister wird, ist das Werk des leichten Götterboten.

Er stieg vom hohen Olymp ins Reich des Pluto nieder. Die Seelen der Verstorbenen führt er mit seinem Stabe der öden Schattenwelt, der dunkeln Behausung der Toten zu; er selber steigt wieder zum Olymp empor, wo ewiger Glanz und Klarheit herrscht.


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