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Der Japaner

Barnavaux und ich saßen in einem Eisenbahncoupé sahen ihn kommen.

Es war auf einer der ersten Stationen der Métropolitaine, nicht weit von Maillot, an einem Samstag Abend. Die meisten der eng aufeinander gepreßten Reisenden waren genötigt zu stehen. Einen Arm durch die ledernen von der Wagendecke herabhängenden Schlingen schiebend, hatten sie fast durchgängig das beschränkte eigensinnige Aussehen einer eng aufeinander gepferchten Schafherde. Wenn man beobachtet, mit welcher Wut und Hartnäckigkeit ein Mensch den Platz in einem öffentlichen Wagen verteidigt, er doch kaum ein paar Minuten einnehmen wird, er mit seiner ganzen Seele davon durchdrungen daß dieser Platz nun ihm, nur ihm gehört, dann sage ich mir doch, daß es ein eitler Wahn ist, glauben zu wollen, daß der Sinn für das persönliche Eigentum eines Tages ganz verschwinden könne. Wenn bei der Einfahrt an eine Haltestelle die Wagentüre geöffnet wurde, und ein neuer Zuzug von Reisenden in Aussicht stand, dann klammerten sich die Hände fester an die Riemen und die Füße schienen ordentlich Wurzel in den Boden schlagen zu wollen.

Ein Franzose würde vielleicht doch vor der Kundgebung einer so allgemeinen Antipathie zurückgewichen sein: der kleine Japaner aber näherte sich mit entschlossener Miene und einer eleganten gebieterischen Sicherheit, obgleich er dabei wie auf Sammetpfötchen zu gehen schien. Und alle die im Wagen waren, rückten zusammen: der dekorierte Herr, der um so mehr darauf hält, für einen Militär in Zivil angesehen zu werden, da er ein Hemdenfabrikant aus der Rue de la Paix ist, die schöne Frau, der niemand widerstehen kann, weil sie eben schön ist; die dicke alte Dame, die durch ihr würdevolles Wesen zu imponieren sucht, da sie nicht mehr schön ist; der kleine Kommis, der, obwohl er dem Laden oder seinem Büro entschlüpft ist, doch gewohnheitsmäßig ein übertrieben höfliches, unterwürfiges Wesen zur Schau trägt – alle machten ihm bereitwillig Platz.

Man rückte zusammen, wenn auch aus verschiedenen Gründen, die ich aus dem Gesichtsausdruck meiner Mitreisenden zu erraten suchte; es geschah teils wegen dieser gastlichen Höflichkeit, die unser Volk, das sich einer so alten und feinen Kultur erfreut, dem Fremden stets entgegenträgt; vielleicht auch wegen der höflichen Würde dieses magern, blassen Mannes mit den schief stehenden Augen und weil er ein wenig Furcht einflößte, wie alle Wesen, die man nicht kennt. Einen Franzosen, einen Amerikaner oder Deutschen, die kennt man und weiß, wie sie eventuell auf eine unhöfliche Behandlung, eine abfällige Bemerkung reagieren würden. Aber dieser Japaner, der so fremd und kalt unter einer goldnen Brille hervorschaute und dessen Auge doch niemand zu sehen schien … Man rückte noch etwas von ihm ab.

Nur Barnavaux geriet plötzlich in eine ungewöhnliche Aufregung.

»Ich erkenne ihn,« sagte er, »ich erkenne ihn. Es ist Tsounémasa. Er muß jetzt Oberst, vielleicht sogar schon General sein. Mit ihren magern Gesichtern, ihrem schwarzen Haar, altern sie nicht. Aber ich bin ihm vor fünfzehn Jahren in Tonkin begegnet, ihm und seinem Kameraden Benkei, der, wie er, Leutnant war und durch diese beiden ist mir zum ersten Male ein Verständnis dafür aufgegangen, was diese Japaner wollen und was sie zu tun beabsichtigen.

Sie begleiteten die Kolonne Marty, die damals die letzten entscheidenden Operationen gegen die schwarzen Flaggen ausführten als militärische Attachés. Ich sehe sie immer noch vor mir, diese beiden Japaner, die damals noch blutjung waren und sich in allen Restaurants herumtrieben, mit ihren koketten Képis, ihren zu weiten Dolmans und den Hosen, die wie die Blätter eines geschossenen Kohlkopfes um ihre Beine flatterten. Man mußte ihnen stets sehr höflich entgegenkommen, weil man uns das befohlen hatte. Aber sie erregten die Lachlust. Man konnte das nicht verhindern. Wenn sie sich beobachtet glaubten, hielten sie sich stramm und marschierten wie mechanische Soldaten. Aber sobald sie annahmen, unbemerkt zu sein, oder wenn sie mit den annamitischen Mandarinen redeten, machten sie kleine Grimassen, kreuzten die Hände, verneigten sich sehr tief und machten »laïs« wie die Eingeborenen es tun, wenn sie einander begrüßen. Das wollten Soldaten sei! Es war zum lachen. Grooms waren es, kleine uniformierte Diener: taugten denn diese Gelben überhaupt zu etwas anderm? Jim Keith, der alte Engländer, der wieder in die Fremdenlegion eingetreten war, rief ihnen einmal, als sie vor ihm hergingen, in seiner Sprache nach: »He, Johnnie dear, nähen Sie zuerst mal die Knöpfe an mein Abendhemd und tragen Sie nachher diesen Brief zur Post.« Wir wußten, daß die Japaner der englischen Sprache vollkommen mächtig waren, aber sie setzten ruhig ihren Weg fort und taten so, als ob sie nichts verstanden hatten. Sie blieben stets dieselben: sehr sanft, sehr kalt, sehr nett. Sie betrachteten mit großem Interesse unsre Gewehre, maßen unsre Tornister aus und wogen unsre Schuhe mit der Vorsicht einer Kammerfrau. Wenn sie eine Karte lasen, kamen sie mir immer vor wie ein Kätzchen, das mit Papier spielt und ich sagte mir wohl: »Spiele nur. Kleiner, spiele nur immerzu.« Nein, niemand konnte diesen beiden jungen Leuten irgendwelche Bedeutung beilegen.

Aber wohin wir immer gingen, diese beiden sehr höflichen Japaner begleiteten uns überall hin. Sie patschten mit uns durch die Reisfelder, kletterten die Hügel hinauf und wieder herab, um in andre Reisfelder zu geraten. Wir wanderten damals durch das ganze Land in der Absicht, es unhaltbar für die Chinesen zu machen; aber mit allem Kommen und Gehen, dem Plündern und Einäschern der Wohnstätten erreichten wir nur, es für uns selbst unbrauchbar zu machen. Im Mai, als die Regenzeit einsetzte, brachen Epidemien in der Legion aus und viele unsrer Leute starben. Die Dysenterie ist eine üble Sache und das Gallenfieber auch. Ich habe immer gedacht, daß, wenn die Chinesen es fortgesetzt hätten, vor uns davon zu laufen, so würden wir, ohne daß sie sich weiter darum zu bemühen gehabt hätten, einer nach dem andern ruhig fortgestorben sein und ich bin mir heute noch nicht darüber klar, was sie veranlassen konnte, die Schlacht bei Phu-Bin herbeizuführen.

Sie hatten eine gute Stellung eingenommen: ein auf der Höhe gelegenes, befestigtes Dorf, das ringsum im Halbkreis von andern Hügeln umgeben war. Vor dem Dorfe befanden sich eine Menge Gräben, die man zum Schutze der Tirailleurs aufgeworfen hatte; ringsum war es von Gehölz wie von Bastionen umgeben. Wir haben damals wirklich einen klassischen Streich gegen die Chinesen ausgeführt: wir griffen das Dorf von vorne an, während eine Abteilung unsrer Truppe, die auf weitem Umwege den Hügel umgangen hatte, es ganz unerwarteterweise von hinten angreifen und zum Falle bringen sollte. Als die Japaner die zu diesem Zweck bestimmte Truppenabteilung abziehen sahen, schüttelten sie den Kopf. Ich verstand ihren Gedankengang: sie war zu schwach und es wäre nichts leichter gewesen als sie anzugreifen und aufzureiben und in diesem Falle wäre die Schlacht verloren gewesen. Dieser Gedanke schien aber die Japaner keineswegs zu betrüben. Man weiß übrigens vorher nie wie das Kriegsglück sich wenden wird. Als unsre Artillerie um den Angriff von vorne, der nur ein Scheinangriff sein sollte, einzuleiten, zunächst die chinesischen Tirailleurs aus ihren Gräben vertrieben hatte, sollte sie dann den Versuch machen, das Dorf selbst einzunehmen. Man beeilte sich nicht allzu sehr damit. Die undurchdringlichen Bambuszäune, hinter denen sich noch Mauern befanden, boten den Belagerten den größten Vorteil und wir empfanden keine besondre Lust in dem vergeblichen Bemühen sie zu stürmen, uns abschießen zu lassen. Daß es uns dennoch gelungen ist, fast ohne unsern Willen in die Festung zu dringen, verdankten wir einem besondern Zufall. Jim Keith, der alte Engländer Jim Keith, sank plötzlich von einer Kugel in die Brust getroffen tot zu Boden. Ein andrer Legionär Delebecque, sein unzertrennlicher Freund und Genosse, starrte den Körper vollständig verständnislos an; dann stieß er ein paar tiefe Seufzer aus und da ihm auch die Kugeln um die Ohren sausten, bekam er wohl Angst. Ja, ich glaube wirklich, daß er im Grunde Angst hatte. Man kann das nicht verhindern. Er ergriff die Flucht – aber nicht nach rückwärts, sondern vorwärts! Man nennt das Mut haben, aber es ist eigentlich nichts anderes wie ein instinktiver Selbsterhaltungstrieb. Von seinen Kameraden gefolgt, raste er auf das Dorf zu und dort angekommen, hielt er sich nicht damit auf, Romanzen zu singen. Er sprang mit einem Satze auf die Bambusbefestigung, riß den daraufliegenden Sturmbalken los, setzte dann über die Mauer, sprengte das Tor des Dorfes von innen, und schaffte seinen Kameraden freien Eingang. Und dann ging es, wie es in solchen Fällen fast immer geht: die Chinesen hatten derartiges absolut nicht erwartet, sie ließen sich überrumpeln und in fünf Minuten war das Dorf in unsern Händen. Ich werde immer Delebecque vor mir sehen, wie er das Tor weit aufriß. Er war bleich wie ein Toter, es war die Reaktion. Dann rief er: »Es lebe die Legion!« Und eine Sekunde später: »Hoch lebe Belgien!«

»Warum das?« fragte ich erstaunt.

»Natürlich, weil er Belgier war,« antwortete Barnavaux einfach. »Haben sie etwa gedacht, er würde rufen: Hoch lebe Frankreich? Das ist, was man Korpsgeist nennt. Man denkt zuerst an die Legion, weil sie aus einem Korps seltsamer, aber tapfrer Gesellen besteht, und dann denkt jeder an sein eignes Land – wenn man Zeit dazu hat.

Aber das ist es nicht, was ich sagen wollte. Was bedeutet es, ob ein Soldat marschiert oder stirbt? Es ist sein Beruf. Aber in dem Augenblicke, da Delebecque das Tor sprengte, da er mit lauter Stimme: »Es lebe die Legion« rief – als dann – wie das so Kriegsbrauch ist – unsre Leute anfingen, die Pagoden Buddhas und auch manche nicht Buddha angehörigen Häuser zu plündern – nicht zu sprechen von den unvermeidlichen Geschichten mit den Frauen, da vernahm ich einen andern Schrei, eine Art wilden Heulens, das gleichzeitig, wie der dumpfe Ton eines Gongs aus zwei Kehlen drang.

Es waren die beiden Japaner, diese Knaben, diese Grooms und Spaßvögel! Ach, sie sahen nicht mehr lustig aus. Ohne Rücksicht auf ihre hübschen Dolmans und Képis hatten sie sich verzweifelnd zu Boden geworfen.

»Sie wälzten sich im Schlamme der Reisfelder, füllten ingrimmig ihre Hände mit diesem Schlamm und schleuderten ihn himmelwärts … Sie sagten … ich habe zuerst gar nicht verstanden, was sie sagten, aber sie haben es später den Engländern der Legion in englischer Sprache wiederholt, denn sie schämten sich ihrer Wut durchaus nicht. Im Gegenteil, sie fluchten ihren Göttern wegen der Feigheit der gelben Rasse und fühlten sich entehrt. In ihrer bittren Wut wiederholten sie immer wieder: ›It will change, it will change!‹ Da erst habe ich es begriffen, welche Pläne und ehrgeizigen Gedanken diese kleinen Menschen hegen – und mir ist bange geworden. Es hat sich schon geändert, vieles hat sich geändert. Und wenn ich einen Japaner sehe, denke ich daran und an all das, was noch kommen wird. Denn die Japaner haben ihr letztes Wort noch lange nicht gesprochen.«

Unser Zug war eben am Platz der Bastille angekommen. Der Japaner sprang auf den Bahnsteig; wir folgten ihm. Ich bewunderte den eleganten Schnitt seiner europäischen Kleidung, den vollkommnen Fall der Hose über dem Fuß, etwas ganz seltenes: Lachen Sie nicht: ich weiß es, wie schwer es ist, in diese kleinen Toilettendetails zu dringen, wenn man einer andern Zivilisation angehört. Wer je den Fez des Muselmannes getragen, wird wissen, wie viel Zeit dazu gehört, ehe man es gelernt hat, eine korrekte Kopfbedeckung zu wählen und sie so auf den Schädel zu setzen wie sie gesetzt werden muß. Aber dieser Japaner war tadellos gekleidet. Auf der letzten Treppenstufe harrte seiner ein schönes, junges Mädchen. Sie war blond und ihre rosigen Wangen zeigten den pfirsichfarbenen zarten Flaum, der nur sehr jungen Mädchen eigentümlich ist. Sie war keine Herzogin und kam offenbar aus einem Atelier. Aber sie war ein begehrenswertes liebreizendes Wesen, das diesen kalt und verächtlich drein blickenden Fremden, diesem gelben Orientalen, mit den schief geschlitzten Augen völlig ergeben zu sein schien. Er aber würdigte sie kaum eines Blickes. Er schien dem Prinzip des alten Japans, sich von fleischlichen Dingen niemals aufregen zu lassen und keine Schwäche für das weibliche Geschlecht zu empfinden, durchaus treu geblieben zu sein. Der Anblick des so ungleichen Paares berührte mich peinlich und ich empfand eine gewisse unpersönliche Eifersucht, die mein Herz bedrückte. »So geht es,« sagte Barnavaux, der ganz bleich aussah und warf das letzte Ende seiner Zigarette fort. »Sie hat schon angefangen, die Eroberung. Sie nehmen uns schon unsre Frauen fort!«

Und hinter dem Rücken des blonden Mädchens her rief er mit grimmiger Stimme:

»– Djoro!«

Dieses Wort ist in der japanischen Sprache kein Kompliment für eine Frau. Barnavaux hatte diesen Ausdruck in einer der Spelunken Saiguns aufgeschnappt. Sie verstand es natürlich nicht, aber der Japaner zog die Augenbrauen fest zusammen, machte eine drohende Bewegung, dann aber, sich beherrschend, führte er das Mädchen rasch davon. Sie gehörte ihm ganz an. Das leise Zittern ihres üppigen Körpers verriet ihre Liebe.

Ich sagte in ziemlich gedrücktem Tone: »Aber Barnavaux! Darüber darf man sich doch nicht ärgern! Wenn wir nach Japan kommen, finden wir dort auch kleine Mousmés …«

»Aber,« antwortete Barnavaux naiv, »das ist doch nicht dasselbe: Wir sind doch Weiße!«

 

Druck von Manicke und Jahn in Rudolstadt

 


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