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Der Sieg

Nach Barnavaux' letztem Feldzuge in den Norden Tonkins hatte man ihn nach Frankreich zurückgeschickt. Wie das so üblich ist, hatte man ihn von Toulon nach Cherbourg, von Cherbourg nach Rochefort und von dort nach Paris dirigiert, das, wie es scheint, als eine Art von Militärmuseum gilt, in dem die Müßiggänger Gelegenheit finden, Proben aller Waffengattungen zu studieren. Man hatte ihm einstweilen in der Gefängniskaserne des Cherche-Midi Unterkunft gewährt. Dort war es, wo ich ihn eines Sonntags im Hofe auf einer Steinbank sitzend traf. Barnavaux war nicht mehr im aktiven Dienste, war jedoch noch nicht verabschiedet. Sein Rockärmel war mit den Sergeantentressen geschmückt und er bemerkte, daß ich sie mit einem gewissen Befremden musterte.

»Ja«, sagte er, meine stumme Frage beantwortend, »ich habe mich schließlich doch dazu entschlossen, sie zu bekommen. Wissen Sie, wie alt ich bin? Fünfunddreißig Jahre! Aber ich bin alt, entsetzlich alt, und es ist mir, als ob das Alter der ganzen Welt auf meinen Schultern ruhe! Es ist vorbei mit mir. Ich bin untauglich zum Soldaten und es blieb mir nichts anderes übrig, als wohl oder übel Sergeant zu werden.«

»Barnavaux,« sagte ich zu ihm, »wenn Sie keinen Respekt vor der Rangordnung haben, selbst da, wo es sich um Ihre eigne Person handelt, dann fürchte ich wirklich für Ihr Seelenheil. Das ist eine Sünde wider den heiligen Geist, die einzige Sünde, die nicht vergeben wird.«

»Sie verstehen mich nicht,« erwiderte er, »ich wollte damit nur sagen, daß, wenn ich die Tressen errungen habe und sie zu behalten bestrebt bin – und es ist nicht schwer, sie zu verlieren, ach nein, es ist nicht schwer – so geschieht dies deshalb, weil ich mich in den Zivilstand zurückziehen, ein Diener der Regierung zu werden beabsichtige, der eine Livrée anstatt einer Uniform trägt. Vielleicht wird es meines Amtes sein, den vor dem Finanzministerium Queue stehenden Rentnern die Eintrittsnummern zu überreichen oder man wird mich als Gerichtsdiener anstellen und ich werde hinter einem grünen Tisch mit rotem Löschpapier und einem schwarzen Federkasten sitzen. Man sagt dann, daß man ein bescheidener Diener des Staates geworden sei. Ich habe das in den Zeitungen gelesen.«

»Nun,« sagte ich, »Sie werden dann nicht zu beklagen sein.«

»Nein, ich werde nicht zu beklagen sein. Vielleicht wird sogar eine solche Stellung besser sein, als wie dieser Beruf, dieser hündische Beruf, den ich seit zwölf Jahren betreibe …«

Barnavaux redet nur dann übel von seiner militärischen Karriere, wenn er wirklich ganz außer sich ist. Er fuhr fort:

»Blicken Sie sich doch in dem Orte um, wo wir uns hier befinden. Früher, so hat man mir erzählt, war dieses Gebäude ein von einem großen und vornehmen Herrn bewohntes Hotel. Später hat man Soldaten hereingelegt. Jetzt werden Gefangene hier abgeurteilt, arme gefangene Teufel! Bald jedoch wird man alles zerstören, um einen freien Platz herzustellen, über den eine Straße führt. Die Leere an Stelle des Vollen, nicht wahr? Und ebenso geht es mit der Kolonial-Infanterie. Früher bestand sie aus Soldaten, aus Marine-Infanterie, jetzt aber sind es meist hergelaufene Leute, oft genug Diebe, die bei der Truppe eintreten. Nun kann selbst aus einem Diebe ein sehr tüchtiger Soldat werden, ich will das nicht leugnen. Nur ist es durchaus nötig, daß ein solcher Bursche vor allen Dingen begreift, daß er die Ehre seines Korps intakt zu halten hat, und daß diese Ehre ihm alle andern Ehren ersetzen muß. Warum bringt man ihnen das nicht bei, warum lernen sie das nicht mehr? …«

Wir waren im Hochsommer. Die Strahlen der Sonne glühten heiß auf dem Pflaster der Straße. Die ganze Luft war erfüllt von dem infamen faden Geruch, den die vertrockneten Gossen im Monat Juli ausströmen. Barnavaux bemerkte es und sagte:

»Erinnern Sie sich des Sommers in Annam? Es ist heißer dort, viel heißer als hier, aber es riecht nach Jasmin und auch nach Ylang. Ylang, jener Pflanze, deren köstlicher Duft noch lange an den Fingern haftet, wenn man nur einen Stiel davon gebrochen hat.«

Er beunruhigte mich: er fing an zu philosophieren, er hatte Heimweh nach einem Lande, das nicht das seine war. Ich fühlte, daß es durchaus notwendig sei, seinen Gedanken eine andre Richtung zu geben. Ich machte einen sehr weiten Spaziergang mit ihm und nachdem wir uns müde gelaufen, landeten wir endlich in einer kleinen, an der Marne gelegenen Gartenwirtschaft und ließen uns in einer Laube nieder, von der aus wir die am Ufer des Flüßchens harrenden geduldigen und stillen Angelfischer beobachteten. Nachdem wir gefrühstückt hatten, schien er wirklich einigermaßen beruhigt zu sein. Wir erhoben uns vom Tische und nahmen unsern Weg wieder auf. Der Zufall führte uns dann zu dem nahe bei Champigny-la-Bataille gelegenen Naturtheater.

Es liegt in einem großen alten Garten, den seit dem Jahre 1870 kaum jemand betreten hat. Vielleicht, daß man sich dort vor siebenunddreißig Jahren geschlagen hat. Die den Garten umgebenden Mauern sind schadhaft und zerfallen, und wenn die Figuranten dort schießen, läuft einem ein kleiner Schauder über den Rücken; man gedenkt unwillkürlich fernliegender schwerer Zeiten. Aber heute macht dieser prächtige alte Garten einen durchaus friedlichen und stillen Eindruck. Die mächtigen Baumriesen sind mit Moos bewachsen und von Efeu umrankt und sie wirken tragischer und schöner wie die schönste gemalte Dekoration es könnte. Die Schauspieler spielen auf einem Hügel, der sich mitten aus einer grünen Wiese erhebt; sie steigen wirklich aus Feldsteinen gebaute, zwischen echten Felsen liegende Treppen hinan, und es ist schade, daß man es für notwendig gehalten hat, auf der Spitze des Hügels eine gemalte Leinwand aufzuhängen, die eine Festung vortäuschen soll, wozu gar kein Bedürfnis vorliegt. Man spielte ein Stück, dessen Stoff, wie ich glaube, den düstern Abenteuern jener beiden Offiziere entlehnt ist, die man vor einigen Jahren mit irgendeiner Mission in das Gebiet des Nigers sandte und die sich, als sie zurückberufen wurden, diesem Befehle widersetzten und den Oberst, der damit beauftragt war, sie gefangen zurückzuführen, ermordeten. Die Handlung des Stückes spielte sich jedoch nicht in Zentralafrika, sondern im Gebiete der Sahara ab und wenn es wie ein antimilitärisches Drama begann, so nahm es bald den Charakter eines Trauerspiels von Corneille an.

Der verbrecherische Offizier hatte der Bevölkerung eines Dorfes freien Abzug versprochen, wenn sie sofort alle Waffen niederlegen und sich ergeben wollte. Trotz dieses Versprechens aber hatte er dann die Aeltesten des Dorfes in unbarmherziger Weise erschießen lassen. Er war ein dem Alkohol ergebener, von übelsten Instinkten geleiteter, zwar mutiger, aber dabei grausamer und völlig zügelloser roher Mensch, der Angesichts der von ihm Ermordeten noch freche Possen trieb. Als er seine Absetzung erfuhr, sagte er:

»Was, man will mich vogelfrei erklären? Sei es darum, nun werde ich erst recht hier bleiben und mir ein Königreich zurechtschneidern. Ich habe Besitz von diesem Lande ergriffen und ich werde es zu behalten wissen.«

Er glaubte seiner eingeborenen Spahis vollständig sicher zu sein. Er rief daher den Unteroffizier Bachir und legt ihm seine Pläne dar.

»Sidi Leutnant,« antwortete Bachir, »wir liebten dich. Wir sahen zu dir empor wie zu einem Wesen höherer Art. Wenn du mir befohlen hättest, für dich in den Tod zu gehen, würde ich ohne Bedenken gestorben sein. Aber jetzt! Wenn die Kameraden die Leichen derer, die du ermordet hast, erkennen werden, die Leichen ihrer Kameraden! – dann werden sie dich töten. Nun wohl, es darf aber nicht sein, daß Leute, die im Dienste Frankreichs stehen, die Hand gegen einen französischen Offizier erheben … Hier ist dein Revolver.«

»Sterben,« rief Epernon, »was fällt dir ein?«

Und dann fing er an zu singen, dieser Narr, er sang wie toll allerlei alte Lieder:

»Wir gehen nicht mehr zum Wäldchen hin,
Die Lorbeeren sind verwelkt darin. …«

Ach! ja, sie waren verwelkt auf alle Zeit für einen abenteuernden Condottieri, wie er es jetzt war! Aber selbst in diesem Augenblicke, wo er scheinbar den Gedanken, sich das Leben zu nehmen, von sich wies, fühlte man es ganz deutlich, daß er in sich selbst zu der Ueberzeugung gekommen sei, daß der Selbstmord das einzige sei, was ihm übrig blieb.

»Glaubst du etwa, daß ich des Rates eines Burschen wie du bedarf, um zu wissen, was ich zu tun habe? Und so einer gibt Ratschläge, vergißt völlig seine Stellung! Quartiermeister Bachir, keine Vertraulichkeiten.«

Bei diesem Worte grunzte Barnavaux ordentlich vor Vergnügen, und mit tiefster Genugtuung sah er, wie der Unteroffizier sofort Front stand.

»Quartiermeister Bachir, Sie übernehmen den Befehl über die Kolonne.«

»Zu Befehl, Herr Leutnant.«

»Sie werden sie in kleinen Märschen nach In-Salah zurückführen. Es ist unnötig, die Pferde zu ermüden.«

»Zu Befehl, Herr Leutnant.«

»Und Sie werden Bericht erstatten über … über alles, was sich hier zugetragen hat …«

»Zu Befehl, Herr Leutnant.«

»Jetzt Ruhe … Adieu, Bachir!«

Und Bachir verneigt sich nach arabischer Sitte bis zur Erde und küßt seinem Offizier die Hand.

Dann war das Spiel zu Ende – nur daß von irgendeiner Seite aus dem Gebüsche her noch ein Revolverschuß ertönte. –

Die Sonne war schon sehr tief herabgesunken. Der ganze Himmel erschien wie in helles flüssiges Gold getaucht und von Westen her erhob sich eine sanfte, sehr erfrischende Brise, die die Zweige und das Laub der Bäume leise bewegte. Man mag, was man will, gegen die Naturtheater einzuwenden haben, und ich bestreite es nicht, daß es deren jetzt vielleicht allzuviele gibt. Dennoch läßt es sich nicht leugnen, daß eine gute Aufführung unter freiem Himmel einen andern Eindruck auf uns macht, als wenn sich eine Kuppel über uns wölbt, von der ein Kronleuchter mit elektrischem Licht herabstrahlt. Der Eindruck ist unmittelbarer und ungleich tiefer. Es gibt Worte, die von den Bäumen abprallen, um desto stärker und wirkungsvoller zu uns zurück zu kehren … Wenn man in Paris Ringkämpfer sehen will, muß man in die Baracken oder in die Cafékonzerte gehen. In der Schweiz kämpfen diese Leute auf einer am Fuße eines Berges liegenden grünen Wiese und da machen diese Kämpfe den Eindruck einer notwendigen, durch die Religion geheiligten Sache. Derselbe Gedanke kommt uns in diesen Theatern, deren Kuppel der Himmel ist: das Spiel gewinnt dadurch an Herrlichkeit.

»Nun?« sagte ich zu Barnavaux.

Barnavaux ist ein sehr einfacher Mensch. Er schien beklommen zu sein, er räusperte sich und meinte dann mit gepreßter Stimme:

»Der das gemacht hat … der das gemacht hat, der war keiner von den Dummen. Er weiß so ungefähr wo die Wüste ist, wo Touareg Hommar, Aydjer oder Aoullimidden liegen. Und dann ist das Ende sehr schön und geschickt arrangiert, es hat mir imponiert. Ich weiß auch ganz genau, wovon er reden will, denn diese Begebenheit hat sich wirklich vor einigen Jahren zugetragen, aber nicht in der Sahara, sondern im Sudan. Aber nicht wegen der in dem Stücke angegebenen Gründe, daß die Senegalesen sich weigerten, ihrem Hauptmann zu folgen und daß sie treu geblieben sind. Die Fahne, die militärische Ehre, sie wissen gar nicht, was das ist, oder sie schieben diesen Begriffen eine von den unsern ganz verschiedene Deutung unter.«

»Nun und welche?« frug ich.

»Oh, das ist eine sehr komplizierte Sache. Ich verstehe mich nicht gut darauf, Ihnen das in Worten darzulegen, reden das ist nicht mein Fall. Aber ich will versuchen, es Ihnen zu erklären. Sehen Sie, diese Senegalesen dachten immer an den in Senegal unterzeichneten Kontrakt. Das ist's.«

»Sie haben gewiß recht,« sagte ich, »aber ich verstehe immer noch nicht, was Sie meinen?«

»Die französische Regierung hat mit den Senegalesen einen Kontrakt abgeschlossen, der am Senegal unterzeichnet worden ist,« fuhr Barnavaux fort. »Deshalb wollten die Schwarzen an den Senegal zurückkehren, um den Preis dieses Kontraktes einzuheimsen. Außerdem hatten sie ihre Frauen, ihre Kinder, ihre Felder dort, ihr Vaterland lag am Senegal. Das war vielleicht der erste Grund, der sie dazu bestimmte, nicht oben am Niger zu bleiben. Aber das war nicht alles. Es war die Macht des geschriebenen Papieres …

Es ist sehr schwer. Ihnen das zu erklären. Sehen Sie, wenn ein Zaubrer einem mohammedanischen Tirailleur ein Gri-Gri gibt, ein Amulett, das ihn vor den feindlichen Kugeln schützen soll oder das bestimmt ist, ihm die Liebe einer Frau zu verschaffen, so sind das nur einige auf Papier geschriebne Worte, Worte, durch die der Zaubrer den Gang der Ereignisse leitet, Worte, deren Macht die Kugeln von der Brust des Besitzers eines solchen Gri-Gris abwenden, Worte, die die Frauen zwingen ihn zu lieben! – Nun denn, der Kontrakt, den sie mit Frankreich abgeschlossen, bestand doch auch aus auf Papier niedergeschriebenen Worten, es war also ein Zauber, den sie von ebenso mächtigem und geheimnisvollen Einfluß hielten wie die Gri-Gris der mohammedanischen Priester und sie glaubten außerdem, daß, wenn sie selbst die vereinbarten Verpflichtungen nicht erfüllten, sie schon auf dieser Welt vom Unglück verfolgt sein würden … Wahrscheinlich fürchteten sie, daß Geister ihren Ungehorsam rächen, sie an den Füßen ziehen und ordentlich quälen würden. Ich nehme an, daß sie sich durch einen Akt gebunden fühlten, den wir Europäer einen Eid nennen würden.«

»Aber es bedeutet immerhin das, was man den Gesetzen der Ehre nachzukommen nennt,« antwortete ich.

»Ja,« sagte Barnavaux nachdenklich, »es war vielleicht das, was man Ehre nennt.«

Es wurde ihm sehr schwer, diesen Ideen zu folgen. Er fuhr fort und sah dabei aus, als ob er Furcht vor dem habe, was er in sich selber entdeckte.

»Jetzt also, wo man selbst dort nicht mehr an die Magier und ihre Zauberkünste glaubt, wo man die Religionen verleugnet und die verborgene Schönheit und Furchtbarkeit des Wortes nicht mehr anerkennen will, jetzt sind sie es wohl, die recht haben, die reichen Leute, die Revolutionäre, diese modernen Vertreter der Kolonial-Infanterie, die nur noch an sich selbst denken? Sie waren wohl auch in ihrem Rechte, als sie ihre Waffenbrüder da unten im Sudan ermordeten, um sich zu Herren des Landes aufzuwerfen? Dann war ich es, der unrecht hatte? Oh, ich bin ein Dummkopf gewesen, ein Dummkopf!«

Er stieß hastig mit dem Fuß auf den Fußboden, der mit Trümmern bedeckt war, zwischen denen Gras und Unkraut wucherte.

»Ich bin hineingelegt worden, ja! Zwölf lange Jahre bin ich da unten hin und her gewalzt und habe meine Haut zu Markte getragen in diesen Landen, die ich nicht vergessen kann, weil ich mir sagte: »Immer voran, heute noch, so lange ich nicht tot bin!« Und diese Länder nun sind es, die man immer im Gedächtnisse hat, deren man mit Sehnsucht gedenkt, diese Länder, in denen man Furcht hatte, sterben zu müssen! Und sie haben mir kein Brot gegeben und ich werde sie niemals wiedersehen! Sie sind wie jene Träume, die ich hatte, als ich noch klein war und in Choisy-le-Roi bei meinem Vater, dem Ofenheizer lebte. Ich träumte, daß ich warme Kuchen äße – und erwachte mit leerem Magen.«

Ach! es war nicht leicht, Barnavaux zu antworten! In früheren Zeiten, als die Gallier und die Germanen die Welt durchzogen, führten sie ihre Frauen und Kinder mit sich und der Völkerstamm, der sich sieghaft geschlagen und das Schlachtfeld behauptet hatte, blieb auf der Stätte und machte das Land urbar, das fortan sein eigen war. Wie ganz verschieden von dem, was man heute sieht, waren diese Völkerwanderungen junger Krieger und junger Frauen: keine Greise, keine Kranken, keine Minderwertigen. Was für schöne Rassen, was für vornehme Menschen mußten aus ihren Verbindungen hervorgehen! Aber Barnavaux hatte den Eindruck sich zwölf Jahre lang für nichts geschlagen zu haben oder doch nur für andre, was in seinen Augen dasselbe bedeutete. Seit einem Jahrhundert schon haben alle Franzosen mehr oder weniger diesen individuellen Ehrgeiz, sie wollen nur noch für sich selbst arbeiten, nicht für Andre. Man muß sich unbedingt diese Idee zu vergegenwärtigen suchen, wenn man die Ereignisse von heute richtig verstehen will. Die Franzosen der untern Stände sind nicht mehr unwissend genug, um bedingungslos zu gehorchen wie diese schönen gut dressierten Zirkuspferde es tun, die ihrem Eigentümer ein Vermögen einbringen, um dann selbst ein klägliches Ende als Droschkengaul zu nehmen. Aber sie sind auch noch nicht reif und fortgeschritten genug, um es zu erkennen, daß ihr Haupt-Interesse den Interessen des Landes gelten muß, dieses alten, schönen, edlen Landes, in dem sie leben, des vornehmsten ersten Landes der Welt … und sie vermögen es nicht, sich dafür aufzuopfern. Barnavaux war von derselben Idee durchdrungen, die heute die breite Masse des Volkes beherrscht und verwirrt: er glaubte, daß man ihn ungerecht behandelt habe, daß er für ein nichts gearbeitet, gekämpft und seine Haut zu Markte getragen habe! Ach! Wie sollte ich es anfangen ihn eines bessren zu belehren wie es ihm klar machen, wie sehr er im Irrtum sei? …

Nachdem wir in demselben kleinen Wirtshause zu Mittag gespeist, wo wir morgens gefrühstückt hatten, nahm ich ihn mit mir nach Hause. Er wußte, wo meine Sachen waren und bemächtigte sich sofort einer über dem Kamin hängenden großen annamitischen Pfeife aus Zinn, von jener Art, die man raucht, indem man ein brennendes Kohlenstückchen auf den Pfeifenkopf legt.

»Hören Sie,« sagte ich zu ihm, »ich möchte Ihnen gern eine Geschichte vorlesen, die ich geschrieben habe. Und ich möchte Ihnen auch erklären, in welcher Beziehung diese Geschichte zu Ihnen steht – zu Ihnen und zu uns allen, die wir in Frankreich und Europa leben.«

»Wovon handelt sie?« fragte er.

»Das werden Sie sehen. Sie hat sich zu einer Zeit zugetragen, von der Sie nur einen ganz unklaren Begriff haben, aber Sie werden sie doch verstehen.«

Er legte ein brennendes Kohlenstückchen auf seinen Tabak, tat einen langen Zug aus seiner Pfeife und hörte mir dann aufmerksam zu.

*

»... Stachys,« sagte Agabus mit leiser Stimme, »hast du noch von den trocknen Kastanien, die du in Tarent erbeutet hast? Gib mir ein paar davon. Ich werde dir dafür in dieser Nacht eine Stunde meines Schlafes abtreten.«

Stachys senkte sein Ruder mit einer Hand und versuchte es, den an seiner rechten Seite hängenden Brotbeutel zu erreichen. Ein Peitschenhieb traf seine Schulter und er fing wieder an zu rudern ohne zu seufzen.

In der Dämmrung erschien der Kiel der Galeere mit seinem Rippenwerk wie der umgestürzte Körper eines Leviathan. Es war eine Trireme Eine Trireme ist ein Schiff mit drei übereinander liegenden Ruderbänken.. Auf der Brücke, die durch ein Zelt vor der Sonne geschützt war, manöverierten die sogenannten Thraniten, die je zu dreien die langen und dünnen Ruder regierten, die wie die Beine einer schwimmenden Spinne aussahen. Es waren ungewöhnlich kräftige Sklaven, deren Furchtlosigkeit erprobt war und die selbst in den Tagen des Kampfes und unter dem Regen der von den feindlichen Schiffen von den dort aufgestellten Bogenschützen auf sie geschleuderten Pfeile ihre völlige Ruhe und Kaltblütigkeit zu bewahren wußten. Das große Vertrauen, das man zu ihnen hatte, verschaffte ihnen gewisse Privilegien und machte sie zu den Aristokraten der Galeerensklaven. Die unter der Brücke rudernden Gefangenen beneideten sie. Zu zwei und zwei aneinander gekettet konnten die Zygiten kaum den Kopf erheben, ohne sich an den Planken der Brücke zu stoßen; die Thalamiten endlich die auf der alleruntersten Ruderbank angefesselt waren, regierten jeder ein schweres Ruder, das aus runden Oeffnungen der Schiffswand hervorgehend fast unmittelbar über die Wasserfläche strich.

Und ungefähr sechs Fuß von dem Kiele des Schiffes entfernt und dasselbe in seiner ganzen Länge durchschneidend war eine große Planke angebracht, auf der unausgesetzt den ganzen Tag über ein Mensch auf und niederlief. Es war Herodion der Incitator und Wächter der Galeerensträflinge. Er war in früheren Tagen Gladiator gewesen, aber er war eines Mordes wegen zur Galeere verurteilt worden. Wie die andern Sträflinge hatte er gerudert, sich unter Peitschenhieben gekrümmt, in der stinkenden Hitze des Schiffsraums gelebt. Er selbst begriff es kaum, wie es möglich gewesen, daß er so viele von seinen Kameraden überlebt hatte, die man einen nach den andern aus ihren Ketten gelöst hatte, um sie in das Meer zu werfen.

Endlich – vielleicht um ihn dafür zu belohnen, daß er nicht gestorben, vielleicht auch weil kein andrer so wild und stark war, hatte man ihn zum Incitator ernannt. Mit der Nilpferdpeitsche in der Hand lief er wie ein wildes eingesperrtes Tier unausgesetzt auf und nieder und verteilte rechts und links sausende Peitschenhiebe.

Stachys war in der dritten Ruderbank, der Bank der Thalamiten, die sich im Innern des Schiffsraumes befand. Sein Geist war so verstört und schwach geworden, daß er sich seines Unglücks kaum mehr bewußt war. In diesen Schiffskellern sowohl wie in den elenden Barracken, in die man nach vollbrachter Campagne die Ruderer einsperrte, unterschied sich der Tag kaum mehr von der Nacht: er zählte sie nicht mehr. Aber während des Mittagmahles spürte er, daß sein Blut schneller durch die Adern jagte. Dann erinnerte er sich der Stadt Joppéa, in der er geboren war. Dort war ein ganz mit Palmen und Orangenbäumen bewachsener Hügel, der sich bis zum Meer herabsenkte; die schönen, von den Reichen bewohnten Häuser mit Terrassen, sowie die Lehmhütten der Armen waren von grünenden Gärten umgeben. In einer dieser Hütten hatte er mit seiner Mutter geschlafen, als er noch klein war. Später hatte er Griechisch zu lesen gelernt und war Verwalter eines guten Herren geworden. Dann aber hatte er diesem Geld unterschlagen und darauf hatte man ihn einem römischen Prokonsul als Galeerensklave verkauft. Aber die Regelmäßigkeit seiner elenden Existenz hatten ihn fast alle seine Erinnerungen vergessen gemacht; Leben oder Tod waren ihm gleichgültig geworden, er interessierte sich nur noch für die allerkindischsten Dinge. Eines Tages war einer der Zygiten, die über ihm ruderten, ausgeglitten und hatte sich an der seinem Fuß fesselnden Kette aufgehangen. Stachys lachte noch darüber.

So lange die Ruderer auf der Trireme blieben, wurde diese Kette, an die sie festgeschmiedet waren, niemals gelöst. Ihre Exkremente fielen in einen großen Trog mit Meerwasser, der sich tief unten im Schiffsraume befand und jeden Morgen kamen die alten oder kranken Sklaven, die nicht zum Rudern zu gebrauchen waren, um diesen Trog mit kupfernen Eimern auszuleeren. Die Rudrer verachteten diese Unglücklichen sehr und schlugen sie heimtückisch auf die Lenden mit den um ihre Fußgelenke geschmiedeten Ketten. Aber im Grunde ihrer verdüsterten Seele waren sie eifersüchtig auf diese Elenden, weil ihre abscheuliche Arbeit wenigstens nicht so ermüdend war.

Keiner der Thalamiten hegte Haß gegen Herodion. Sie hatten sich vollständig daran gewöhnt, Schläge zu bekommen; wie die Hunde bedurften sie eines strammen Kommandos. Ihr ganzes Leben bestand nur noch darin, rudern zu müssen und der Incitatore war das Hirn, das die unausgesetzte Bewegung ihrer Arme leitete. Aber sie verachteten die Zygiten, deren Ruderbänke über den ihrigen lagen und die diesen Umstand dazu benutzten, um ihnen Fußtritte zu versetzen. Die Achtung aber, mit der Herodion von den Thraniten, den auf der Brücke arbeitenden Sklaven sprach, das Zeltdach, das sie vor der Sonne schützte, die Gefahren, denen sie an Tagen der Schlacht mit keckem Mute trotzten, all dies erfüllte sie mit eifersüchtiger Wut.

Die Trireme fuhr auch nachts, aber viel langsamer. Man löste die Mannschaft ab, immer eine Schicht nach der andern, so daß die ganze Besatzung doch einige Stunden schlafen konnte.

Man war von Ostia abgefahren und ruderte nun dem Westen zu. Weiteres wußte Stachys nicht. Es war immer halb dunkel in dem untersten Ruderraum der Galeere, wo das Tageslicht nur durch die zum Herausschieben der Ruder bestimmten Löcher der Schiffswand Zugang fand. Aber eines Morgens hörten sie laute Kommandorufe.

Herodion schlug eifriger und stärker und die Trireme bewegte sich rascher vorwärts. Manchmal erhielt die eine oder die andere Seite der Ruderer den Befehl, plötzlich mit Rudern inne zu halten; dann drehte sich das Schiff auf seinem Platze, so rasch, daß man ganz schwindlig davon wurde; und dieser Taumel verursachte eine Art von Trunkenheit, ein seltsames, aus Freude und Schrecken gemischtes Gefühl, ungefähr so wie man es empfindet, wenn man in einem Wagen sehr rasch von einem steilen Abhang herunterfährt. Dann vernahm man von der Brücke her einen großen Lärm. Rüstungen klirrten, Schilder schlugen aufeinander. Darauf hörte man Posaunenstöße, die weit über das Meer hintönten. Aus der Ferne antworteten andre Posaunen. Es war, als ob Stiere auf dem Lande sich zuriefen. Und die ganze Luft war wie erfüllt von etwas so Seltsamen, einem Gemisch von Freude und von Schrecken!

»Es wird da oben eine große Schlacht geschlagen, eine sehr große Schlacht,« sagte Stachys.

Der lange Riemen der Nilpferdpeitsche traf seine Lenden. Das ganze Schiff bebte. Die Galeerensklaven holten tief und taktmäßig Atem. Mit geblähtem Halse und hervortretenden Augen raste Herodion laut heulend auf und nieder. Plötzlich brach Agabus zusammen, er fiel in die Tiefe des Schiffraumes und mit dem Gesichte in den Unrattrog. Ihm war ein Blutgefäß in der Brust zerrissen. Herodion sprang sofort herbei und zog seinen Kopf aus dem Pfuhle, damit er nicht darin ersticke. Die Galeerensträflinge waren gerührt davon, daß ihr Gebieter sich der Leute annahm.

»O Apollo,« murmelte Stachys, »du Sonne von Heliopolis!«

Ueber die Wogen des Meeres drängte sich ein lang anhaltendes Geschrei; griechische, lateinische, syrische und ägyptische Worte und Ausrufe erfüllten die Luft; darein mischten sich die Seufzer ertrinkender oder an ihren Wunden sterbender Menschen.

»Es ist eine Schlacht, eine große Schlacht …«

Dann plötzlich eine furchtbare Erschütterung des Schiffes, ein Krach, der einer Explosion glich. Alle Ruder an der einen Seite der Trireme brachen auf einmal ab und zwar infolge des Zusammenstoßes mit einer andern Galeere, eines sogenannten Widderschiffes, das es versucht hatte, seinen eisernen Sporn in den Schiffskörper der Trireme zu stoßen, was jedoch nicht gelungen war. Die Galeerensträflinge stießen einen lauten schrecklichen Klageruf aus und fielen wie hingemäht einer über den andern, viele mit zerbrochenen Armen oder Beinen oder mit gequetschter Brust. Ihr Blut färbte die Wände des Schiffraums und floß über die Ruderbänke. Die Splitter der zerbrechenden Ruder waren wie Pfeile in die Reihen der ganz verstörten Ruderer gedrungen. Dem armen Stachys durchbohrte ein solcher Splitter das Auge.

Die allgemeine Verwirrung dauerte lange, aber nach vielem und großem Geschrei beruhigten sich die Ruderer allmählich. Die Arbeitssklaven kamen herab, um die Toten fortzubringen. Sie wuschen die Bänke ab und dann bekamen die Leute etwas zu essen. Aber Stachys aß nichts. Er hatte Fieber und litt viel. Daran, daß die Sonne jetzt durch die links in der Schiffswand befindlichen Ruderöffnungen hereinschien, erkannte man, daß die Galeere sich südwärts bewege. Und diese Richtung verfolgte sie sechs Tage lang.

Aber am Morgen des siebenten Tages hielt sie an. Und die Thalamiten, die das ganze Mittelländische Meer kannten, und die wie das Zugvieh die eigentümliche Gabe besaßen, die Orte zu erraten, an denen man sich befand, erkannten, auch ohne daß Herodion ihnen dies sagte, an dem eigentümlichen Duft des Wassers, der in keinem Hafen derselbe ist, daß man in dem Hafen von Alexandria angekommen sei. Es mußte sich wohl auf den Wehrdämmen eine ungeheure Volksmenge befinden. Man vernahm aus der Ferne deutlich das Geräusch vieler Stimmen: den girrenden Klang von Frauenstimmen, die hoch einsetzten, sich dann senkten und wieder stiegen, um endlich zu verhallen; und man unterschied deutlich die von Männern immer wiederholten griechischen Worte: Oktabianos Kaisar!

Die Trireme lag ganz nahe an dem Kai, das hoch wie eine Mauer war, und da geschah es, daß diese armen Galeerensklaven plötzlich die Empfindung hatten, als ob über die Brücke, über die Schiffswände und auf die Oberfläche des Wassers herab etwas köstlich Süßes, Weiches herunterriesele, wie ein Regen, aber unendlich viel ruhiger und herrlicher wie ein wirklicher Regen. Es fiel langsam herab – und schimmerte – und duftete! Herodion beugte sich weit aus einer unterhalb der Brücke befindlichen Luke hervor und rief dann mit lauter Stimme:

»Es sind Rosen, Rosen, Rosen! Das Volk von Alexandria begrüßt uns mit Rosen!«

Und er stieß mit dem Fuße eine Fülle duftender Rosenblätter auf die Galeerensklaven hinab.

Langsam, langsam glitten die duftenden Blütenblätter herab. Sie legten sich sanft auf die von der Geißel zerrissenen Schultern. Ihre Farbe mischte sich mit der ihrer Verletzungen, ihr süßer Duft mit dem übeln Dunst des Unratkübels.

Und diese Unglückseligen, zu ewiger Dämmerung Verdammten erhoben einmütig ihre Stimmen und riefen: »Herodion, Herodion, warum wirft das Volk von Alexandria uns Rosen zu?«

Da antwortete Herodion ihnen sehr laut:

»Dumme Bande! Es ist des Sieges wegen, den wir zu Actium errungen haben!«

*

»Ja,« sagte Barnavaux, »ich verstehe. Sie waren es, die die Schlacht gewonnen haben, diese armen Schelme, die tief unten im Schiffsraum in dieser düstern Höhle ruderten und unter Geißelhieben seufzten! Sie waren es! Aber wozu hat es ihnen genutzt, wozu? … Sie wußten es selbst nicht … Niemand hat es vor Ihnen gewußt …«

»Doch,« antwortete ich, »man hat es sehr wohl gewußt. Man hat es gewußt, weil die Schlacht von Actium vielleicht die größte und wichtigste Schlacht ist, die je geschlagen wurde: es handelte sich darum, zu wissen, wer die Herren der Welt sein würden, die Bewohner Asiens, Afrikas oder die Europas, wir! Barnavaux, wir! Wenn sie nicht gesiegt hätten, diese armen Menschen, die man auf der Galeere mit der Nilpferdpeitsche schlug, dann würden wir für die andern gearbeitet haben.«

»Die andern!« sagte Barnavaux. »Die Araber, die Schwarzen, da unten vom Nil, die Leute aus Syrien mit ihren großen Hakennasen? Die wären die Herren geworden? Wenn man sie nicht zu Boden getreten hätte, würden sie uns unterjocht haben? Ja, das ist wahr! Man konnte sie nicht in Ruhe lassen, man konnte es nicht. Wenn ein Volk sich träger Ruhe hingibt, wird es von einem andern überholt. Was für eine Lüge ist der Frieden, was für eine Lüge! Man kämpft zu jeder Zeit, ein Volk mit dem andern, selbst während des Friedens. Man kämpft, um mehr Geld zu verdienen. Man kämpft, um mehr Kinder zu bekommen. Man kämpft mit den Grenzaufsehern. Und der Krieg gegeneinander, den man mit Lanzen, Pfeilen, Gewehren, Kanonen und eisernen Schiffen ausficht, ist nur die notwendige Folge aller jener unausgesetzten Kriege, die man Frieden nennt. Und der wirkliche Krieg ist weniger gefährlich und aussaugend und nicht so mörderisch und verächtlich wie die heuchlerischen Kriege des Friedens. In einem solchen wirklichen fröhlichen Kriege haben die Ruderer von Actium mitgeholfen: und wenn sie nicht siegreich gewesen wären, hätten sie kaum mehr ihren Unterhalt damit verdienen können, daß sie ruderten, um Warenballen zu befördern. Die andern aber, die Feinde, die Neger, Araber, Syrer, die Gelben aus dem Innern Asiens würden ihre Stelle eingenommen haben. Der Ruhm also, der Ruhm … das ist das Brot …«

Er hielt einen Augenblick inne. Warum erklärt man uns das niemals in Frankreich? Sagen Sie es mir, habe ich, ich, Barnavaux, wirklich mein Brot mit dem Leben, dem Ruhme verdient?«

»Ich glaube es,« antwortete ich ihm.


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