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Unnötige Vorsicht

*

Wenn ich eine große Neuigkeit höre, eine wirkliche Neuigkeit, eine Nachricht, die zu denken gibt, habe ich die Gewohnheit, zunächst die Menschen aufzusuchen, von denen ich annehmen kann, daß sie dafür ein ganz besonderes Interesse haben. Sobald ich also erfuhr, daß das belgische Parlament seinen Wählern den Absinth verboten habe, lief ich zu meinem alten Freunde Barnavaux. Beiläufig erwähnt, ist Absinth ein aus dem Griechischen stammendes Wort, das so viel heißt wie: »das, was sich nicht trinken läßt«.

Barnavaux befand sich nämlich in diesem Augenblicke in Paris, obwohl er, wie man weiß, dem edlen Korps der Kolonialinfanterie angehörte und den Titel und den hohen Sold eines Soldaten zweiter Klasse genoß. Nun, und Barnavaux weiß, was Absinth ist: er leistet sich täglich viermal einen Schluck. Wenn er nicht ganz wohl ist, wird es auch etwas mehr, aber das geschieht dann nur, um wieder zu Kräften zu kommen. Aber gleichviel wie man über ihn denken mag, Barnavaux ist einer der Menschen, die ich liebe! Es ist in Madagaskar gewesen, wo er mir zuerst – auf dem Kriegspfade – begegnete. Dann habe ich ihn im Sudan, in Kreta, später in Pho-Dan an der Grenze von Tonkin wiedergesehen. O, wenn ihr wüßtet, welch feine Lebensart er hat! Wenn wir allein und ohne Zeugen sind, dann plaudert er mit mir, wie mit seinesgleichen.

Ist aber irgendwer dabei, so redet er mich als seinen Vorgesetzten an. Wenn er aber mit sich allein ist, dann bin fest überzeugt, daß er mich gründlich verachtet, weil es eine Menge von Dingen gibt, in denen er Meister ist, von denen ich jedoch nicht das mindeste verstehe, z. B. Hühner stehlen, ein Haus von Bambus, Ziegeln, Steinen oder event. auch von leeren Sardinenbüchsen zu bauen, sich mit den Singalesen, die die tapfersten Soldaten der Welt sind, zu befreunden, ohne sich mit den Negern zu überwerfen; aus Petroleumdochten und andern schönen Dingen eine Satteldecke herzustellen, Provinzen zu verwalten, das, so behauptet er, sei eine sehr einfache Sache und man habe da nur die Steuern und Abgaben rücksichtslos einzukassieren, gelegentlich den, der ihn etwa ein Aergernis gegeben, tüchtig durchzubläuen, alles eßbare, was ihm der Zufall bescherte, zu essen, vor allem jedoch alles trinkbare zu trinken. Besonders aber Absinth, wie ich bereits gesagt habe.

Da war es doch ganz natürlich, daß ich dachte, der tugendhafte Plan der Belgier müsse ihn mit gerechter Entrüstung erfüllen. Ich irrte mich indessen. Barnavaux brachte einem solchen Gesetzesvorschlag nur einen kalten Skeptizismus entgegen.

»Aber glauben Sie denn wirklich,« sagte er, »daß es möglich sein könne, die Leute daran zu verhindern zu trinken, was sie wollen? Das sind alte Jungfernideen. Wenn die Belgier keinen Absinth mehr in den Wirtschaften bekommen, so werden sie ihn in den Kellern trinken, werden sie es auf den Speichern tun. Einmal habe ich einen Kommandanten gekannt …,« er stockte.

»Ist es eine Geschichte?« fragte ich.

»Ja,« sagte Barnavaux. »Möchten Sie sie hören?«

»Ganz gewiß möchte ich das,« sagte ich ernsthaft.

Und es ist wahr, daß ich Barnavaux' Geschichten sehr gern höre! Sie haben stets etwas so originelles. Er begann:

»Zuerst muß ich also erzählen, daß ich in die Legion eingetreten war. Sie sehen mich an, weil ich Ihnen niemals davon gesprochen habe, aber man muß nicht alles auf einmal erzählen, das schadet der Freundschaft. Wenn ein junger Mann Dummheiten gemacht hat und es ihm verwehrt wird, sich in seinem Lande zu rehabilitieren, wohin wollen Sie, daß er geht? In die Legion! Nun wohl, im Interesse meiner Ehre und meiner Jungfräulichkeit bin ich also auch zur Legion gegangen. Haben Sie das begriffen?«

»Ja, ich habe es begriffen,« sagte ich.

»Gut. Also ich war in die Fremdenlegion eingetreten und man hatte die Kolonne, der ich angehörte, weit vorgeschickt, weiter wie Aïn-Sefra, weiter sogar wie Ben-Zireg, tief in die Sahara hinein, ich weiß nicht mehr, wohin es war, es war sehr weit fort. Sehr weit, aber Sie kennen ja das Land. Man erzählt sich, daß in der Vorzeit ein Meer gewesen sei, wo jetzt die Wüste ist, und ich glaube das. Aber es war dann jedenfalls ein sehr wechselvoll gestaltetes Meer. Man findet noch heute große muldenförmige Flächen mit Felsenklippen, sehr hohen Felsenklippen von schwarzem, weiß durchspreckeltem Sandstein, die das Ansehen eines vertrockneten Golfes haben; der Grund dieser Golfe aber ist völlig glatt und abgeschliffen, weil unausgesetzt ein Wirbelwind scharfe Kieselsteine darin umherschleudert, wie ein Hochofen die Feuerfunken. Manchmal sieht man auf den Flanken dieser Felsen von unbekannter Hand eingegrabene phantastische Gebilde, Bilder vorsintflutlicher seltsamer Tiere, wie solche heute nicht mehr existieren. Es herrscht eine brennende Hitze in diesen Mulden, eine Hitze, die die Felsen krachen und das Zigarettenpapier zusammenschrumpfen macht, eine Hitze, die die Menschen förmlich ausdörrt. Selten nur stößt man auf sehr tiefe Löcher, die voll schwarzen Wassers sind. Oefter, aber bei weitem nicht oft genug findet man Brunnen, die dem Lauf eines unterirdischen Flußes zu folgen scheinen. Dann gibt man den Kameelen zu trinken, und man füllt die Schläuche. Uebrigens ist es sehr schwer, aus einem Schlauche zu trinken, wenn man auf einem marschierenden Kameel reitet. Dabei haben diese Tiere eine ganz besondere sachte Art vorwärtszuschreiten. Sie treten ganz leise und vorsichtig auf, ohne auch nur das geringste Geräusch zu machen. Aber man muß es schon gelernt haben, sich auf dem Rücken eines Kameels zu halten, im Anfang ist das nicht so ganz einfach und man schwankt bedenklich hin und her. Noch schwerer aber ist es aus dem Schlauche zu trinken, wenn das Tier erst seine großen Pfoten in Bewegung gesetzt hat. Ich habe im Sattel Douchen und Abreibungen gemacht, ich habe den Rücken, das Gesicht und die Beine mit Wasser begossen, aber ich habe darauf verzichtet aus dem Schlauche meinen Durst zu stillen. Vor allem ist das Wasser auch schlecht. Man sagt, daß es … ich weiß nicht mehr, was enthalte …«

»Selensaueres Salz?«

»Ja und Wasser, daß derartige Stoffe enthält, ist nur dann bekömmlich, wenn man es mit Absinth vermischt,« fuhr Barnavaux in überzeugungstreuem Tone fort; »das ist eine bewiesene Tatsache. Daher erklärt es sich auch, warum die Leute Absinth mit auf den Marsch nahmen. Sie tun sehr wohl daran. Im Anfang setzten meine Kameraden und ich auch wirklich nur ein ganz bescheidenes Maß unserm Wasser zu, aber wie es so geht, das zweite Mal wurde es schon mehr, das dritte und vierte Mal noch mehr, wir fanden Geschmack daran und konnten nicht mehr davon lassen. Wir waren eben eine Reihe tapferer und trunkfester Männer. Da war ein gewisser Delebeque, der aus Belgien stammte, denn Malpihi, ein Italiener und Atchoum, der Engländer war. Der letztere ist später bei Figuig gefallen.«

Obwohl ich mir vorgenommen hatte, Barnavaux nicht zu unterbrechen, konnte ich mich doch nicht enthalten, die Bemerkung zu machen, daß Atchoum ein ganz ungewöhnlicher Name für einen Engländer sei.

»Aber warum denn, da es ein Engländer aus Wales war,« sagte Barnavaux erstaunt, »als solcher hatte er einen wunderlichen Namen, der sich nicht behalten und aussprechen ließ, geschrieben war es so etwas wie Lyllywin, »da haben wir ihn natürlich Atchoum genannt.«

Er fuhr fort:

»Am Ende schritt aber der Kommandant gegen das viele trinken ein. Er behauptete, daß die Nachzügler ja in gewisser Beziehung das Recht hätten, sich den Hals abschneiden zu lassen, wenn sie schon den Kopf verloren hätten, daß dies sogar ein Gewinn für die menschliche Gesellschaft sei. Aber wir hätten dem Absinth so reichlich zugesprochen, daß wir dadurch sogar die Sorge der uns anvertrauten Kameele vernachlässigt hätten und daß dadurch mehrere dieser wertvollen Tiere verloren seien. Da hatte er nicht unrecht. Aber so ein Kameel ist nun wirklich ein Tier, das schwer zu beaufsichtigen ist. Es ist sehr bedürfnis- und anspruchslos, aber es ist ein Bummler und treibt sich gern auf eigene Faust herum. Es ist dies nicht ganz sein Fehler; es frißt so ziemlich alles mit Ausnahme von Lauch und Zwiebeln; davon bekommt es Bauchschmerzen. Es ist eine konstatierte Tatsache, obwohl es bei einem Wüstenbewohner eigentlich unerklärlich ist.

Unglücklicherweise finden nun die Kameele in der Wüste nur wenig Nahrung, kaum, daß alle zehn bis zwölf Meter weit voneinander entfernt ein ganz bescheidenes Büschelchen Gras wächst. Wenn man daher abends den Kameelen Gelegenheit gibt, sich allein ihr Nachtessen zu suchen, dann sind sie oft genug am andern Morgen weit fort und nicht mehr zu erreichen. Ueber dem Interesse, das er an unsern Reittieren nahm, vergaß also unser großer Chef das Interesse, das er uns schuldete und beschloß, uns den Genuß des Absinths ein für allemal unmöglich zu machen. Er ließ also den Händler kommen, der unsrer Kolonne folgte.

»Hast du noch viel davon?« redete er ihn an.

Der Händler frug nicht erst, um was es sich handle, sondern antwortete prompt:

»Sechs Fässer und eine kleine Tonne.«

»Ich bezahle dir alles,« sagte dieser unerbittliche Mann. »Hier ist dein Geld. Du hast aber nun diesen ganzen Vorrat hier im Sande auszuschütten und zwar sofort. Deine leeren Fässer und die Tonne hast du mir vorzuzeigen.«

»Es gibt leider Offiziere, die kein Herz haben. Dieser trank tatsächlich nur Mineralwasser.«

»Vichy-Wasser?«

»Nein. Irgend so 'n andres dreckiges Zeug, das nach Tinte riecht.«

»Wasser aus Pouguet?«

»Das kann schon sein. Er ist dann infolge dieser schlechten Gewohnheit auch später an einem Magenleiden gestorben. Damals hat er also den grausamen Befehl erteilt, allen vorhandenen Absinth auszuschütten. Ach, das war das Sedan unsrer Truppe! Delebecque weinte bitterlich. Malpighi hegte Mordgedanken. Nur Atchoum sagte kein Wort, das war so ein richtiger verschlagener Engländer! Er trennte sich ganz still von uns. Kaum zwanzig Minuten später aber sahen wir, wie er dem Händler half, die leeren Fässer zu dem Kommandanten zu tragen. Solch ein roher Mensch!

»Atchoum,« sagte ich zu ihm, »wenn du jemals eine Kugel in den Rücken bekommst, so frage nicht, woher sie gekommen ist.«

Er aber lachte lustig, und flüsterte mir dann ein paar Worte ins Ohr; da fing auch ich an zu lachen und bald lachten alle Kameraden mit uns, und wir lachten und freuten uns, wie wir es seit der Zeit unsrer ersten Kommunion nicht getan. Aber ich sage es Ihnen noch nicht, weshalb wir alle so lustig waren.

Wir hatten ein Zeltlager aufgeschlagen, in dem wir zwei oder drei Tage kampieren sollten. Am andern Morgen trieb der Kommandant spöttischen Spaß mit uns und meinte:

»Nun, meine Freunde, jetzt werdet Ihr alle vernünftig sein.«

Um zehn Uhr hat ihm seine Ordonnanz das Frühstück gebracht. Der Mann öffnet vor seinen Augen eine Dose mit Sardinen und fällt beinahe mit der Nase hinein, er war schwer betrunken. Der Kommandant wirft ihm den ganzen, ihm zu Gebote stehenden reichen Vorrat an Flüchen und Schimpfworten an den Kopf, ißt seine Sardinen und verläßt dann das Zelt. Das erste, was er sieht, ist Atchoum, der die Internationale brüllte, er, der als Engländer nicht einmal einen Begriff davon hat, was die Kommune bedeutet. Malpighi trieb sich völlig nackt umher und hatte nur des Anstandes wegen den Kopf mit einem Turban geschmückt. Delebeque war traurig, aber, da er sehr musikalisch war, sang er unausgesetzt: Van de Peereboom und die Marseillaise auf die Melodie »Allein Gott in der Höh' sei Ehr«. Man nennt das in der Legion die Hymne der Friedfertigen, ihre Wirkung ist ohrenzerreißend. Die ganze Kolonne aber war kanonenvoll betrunken. Und das um zehn Uhr morgens! Und es war doch kein Absinth mehr vorhanden. Das war ein unergründliches Geheimnis. Der Kommandant war entrüstet und rief wütend: »Ich werde Euch alle durch die Gum's Gum's nennt man die Abteilung irregulärer Reiterei in Algerien. festbinden lassen.«

Aber die arabischen Gum's lagen lang ausgestreckt in der Sonne und schnarchten um die Wette. Diese armen Muselmänner sind ja überhaupt an nichts gutes gewöhnt. Sie waren wie tot.

Der Kommandant trat den ersten besten in die Seite. Der Araber erwachte, versuchte vergebens sich aufzurichten, taumelte, fiel zurück und seufzte:

»Mein Kommandant, mein Kommandant, die Kameele …«

»Nun, was ist 's damit?«

»Mein Kommandant, die Kameele sind auch alle betrunken.«

Er hatte recht, die Kameele waren betrunken. Seit Mahomeds Tagen hat man so etwas nicht gesehen, und man wird nie mehr ähnliches sehen, niemals, niemals. Sie wissen ja, daß ein Kameel von Natur ein trauriges Tier ist und nun hätten sie die unsern sehen sollen, sie waren ausgelassen, geradezu tolllustig. Sie tanzten auf dem Kopf, sie tanzten auf dem Schwanz, ja sogar auf ihren Höckern. Von Zeit zu Zeit aber schien das eine oder andre so etwas wie Gewissensbisse zu empfinden, dann kniete es im Sande nieder, legte den Kopf zwischen die Pfoten und sah aus, als ob es sagen wollte: »Allah! Was ist mir passiert?« Es hatte offenbar Katzenjammer.

An jenem Tage ist unser Kommandant beinahe toll vor Aerger geworden.

»Aber«, fragte ich, »was war denn eigentlich vorgefallen?«

»Das ist doch sehr einfach,« antwortete Barnavaux, »Atchoum und der Händler hatten allen Absinth in das Wasser des Brunnens geschüttet.«


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