Autorenseite

 << zurück weiter >> 

Der Romanzero

»... Barnavaux,« sagte ich zu ihm, »setze deinen Helm auf.«

»Einen Helm,« antwortete Barnavaux, »wozu soll mir der nützen? Wo ist denn Sonne? Gibt es hier eine Sonne? Zeigen Sie sie mir! Nichts gibt es in diesem verfluchten Lande, weder Sonne, Erde noch Wasser. Es gibt nichts als einen Brei von allem zusammen.«

Er lag lang ausgestreckt auf der Brücke des kleinen Dampfers, der zugleich als Wachtschiff und als Fähre benutzt wurde und dessen schnaufende Maschine uns den Alima hinauf bis in das Innere des äquatorialen Kongogebietes führte. Der Schweiß, der von seinem ganzen Körper perlte, drang durch den braunen Leinenanzug, den er auf der bloßen Haut trug und hinterließ große feuchte Flecken darauf. Er sah wie ein zu Tode gehetztes Tier aus und wir alle, die wir nun schon seit ein paar Tagen auf diesem störrisch und langsam dahingleitenden Schiffe lagen, das sich nur mühsam fortbewegte und dessen eiserne Lungen unausgesetzt keuchten, fauchten und stöhnten, wir alle hatten wie er das Aussehen zu Tode gehetzter Tiere. Unter dem Einflusse dieses glühenden, von der unsichtbaren und höllischen Sonne erzeugten Dunstes wurde unsre Haut nicht mehr trocken. Der Erdboden  … aber konnte man überhaupt von einem solchen sprechen? Die Bäume wuchsen aus dem Wasser heraus, Bäume mit schwarzen Stämmen und tief dunkelm, beinahe schwarzem Laub, deren Wurzeln sich schlangenähnlich wanden. Das Wasser? es hatte ein tintenähnliches Aussehen und seine Oberfläche war mit den faulenden Ueberresten von seit langer Zeit in Verwesung übergegangenen Pflanzen und Tieren bedeckt. Es gibt dem Untergang geweihte Landstrecken, weite unfruchtbare Gegenden, die kaum mehr sind als das Gerippe dessen, was sie einst gewesen, aber man findet immer noch bestimmte charakteristische Merkmale darin, so daß man sich doch orientieren kann. Aber die werdenden Länder, die noch keine feste Gestalt angenommen haben, in denen das gewaltige formlose Leben noch von der Fäulnis eines nicht enden wollenden Vernichtungsprozesses durchsetzt, verwirrt und besudelt ist, sie sind wie Adam, als er ein formloser Erdenkloß war, der sich, ohne sich selbst dessen bewußt zu sein, unter dem Odem Gottes zu bewegen anfing. »Ein Brei von allem zusammen,« meinte Barnavaux. Und er hatte nicht unrecht, es wirkte beängstigend.

Ich bemühte mich, Barnavaux zu erklären, daß zwischen der Leuchtkraft und der chemischen Wirkung der Sonnenstrahlen ein Unterschied bestehe, daß die Lichtstrahlen ihn zwar nicht erreichten, daß aber die chemische Wirkung … jedoch ich verwirrte mich in meiner Erklärung. Ich war mir dessen, was ich sagen wollte, ganz klar bewußt, aber ich konnte plötzlich die passenden Worte nicht finden. Es war mir, als ob meine Gedanken sich verwirrten, als ob mein Gehirn sich in ein Dutzend kleiner Gehirne zerteilt habe, von denen doch keins die andern zu beherrschen vermochte. Aber schließlich mußte doch jeder für sich selbst sorgen: und wenn Barnavaux sich einen Sonnenstich zuzog, so war das seine Sache.

In diesem Augenblick bemerkte ich, wie auf der letzten Stufe der von dem Maschinenraum auf das Deck führenden Treppe in der Höhe des Oberdecks, auf dem wir halb ohnmächtig vor Hitze lang ausgestreckt lagen, eine schweißbedeckte Stirn auftauchte, die von rotem, durch den Ruß der Maschine dunkel gefärbten Haar umgeben war. Und unter dieser Stirn blickten zwei meergrüne Augen wirr um sich, Augen, deren Pupillen sich so unnatürlich erweitert hatten, daß das sie umgebende Weiß kaum mehr sichtbar war. Der Kopf stieg höher und dann tauchte ein völlig nackter, stark behaarter, muskulöser und rußgeschwärzter Körper auf, und Zimmermann, der Maschinist, stand vor mir. Der Schweiß, der in Strömen von ihm herabrieselte, zog helle Furchen auf seiner rußigen Haut. Er war ein Mann von gewaltigem, Furcht einflößendem Wuchse. Sein ganzes Gesicht erschien verzerrt und seine Hände zuckten unruhig hin und her, als ob er vom Veitstanze ergriffen sei. Er hatte sich bemüht, an seiner Maschine ein plötzlich versagendes Ventil wieder instand zu setzen. Aber die höllische Hitze hatte ihn überwältigt. Mit heiserer, ganz veränderter Stimme fragte er:

»Den wievielten haben wir heute?«

»Sonnabend, den fünfzehnten März,« antwortete ihm Barnavaux.

»Und,« so murrte er durch die Zähne, »wahrhaftig, ein glorreicher Einfall der Regierung, uns im März hierhin zu schicken, zu der allerheißesten Zeit!«

Zimmermann wiederholte mit der gleichen, wie von fernher klingenden Stimme:

»Sonnabend, den fünfzehnten März: heute fliegen wir an die Luft, heute fliegen wir!«

Dann stieg er wieder die Treppe hinunter, ohne ein weiteres Wort zu sagen.

Wir waren mit einem Sprung am Heck und sahen von oben, wie er vor seiner Maschine stand und die Hebel in Bewegung setzte. So oft er jedoch die Hebel drehte, stellte einer der senegambischen Heizer sie wieder um und, ohne daß sich ein Zug in dem Gesichte dieser Leute veränderte, suchten sie Zimmermann von der Maschine zu entfernen, jedoch ohne den Respekt vor ihm außer Auge zu lassen, denn er war ein Weißer und ihr Vorgesetzter.

»Ist an der Maschine etwas zerbrochen?« fragte ich. »Maschine in Ordnung,« antwortete der Heizer Oumar mit seiner eintönig hellklingenden Kinderstimme.

»Nun, was ist denn da unten los?«

»Maschine in Ordnung,« wiederholte Oumar, mit der Hand die Stirn berührend, »aber Chefmaschinist Zimamann nicht gut, Chefmaschinist in Kopf gestiegen – verrückt worden.«

Wieder drehte Zimmermann einen Hebel und wohl zum zehnten Male schaltete Oumar die Bewegung um. Der elsässische Riese packte ihn an beiden Armen und schleuderte den großen Neger mit einem gewaltigen Stoß beinahe unter den weißglühenden Rost. Ohne auch nur einen Klagelaut auszustoßen, erhob der Schwarze sich, während Samba, der zweite Heizer, ohne zu zögern, seinen Platz einnahm, weil er wußte, daß das seine Pflicht sei.

Aber Zimmermann knirschte mit den Zähnen. Gleichzeitig sah er uns mit einem Ausdruck des Flehens, der tiefsten Herzensangst und einer verzweifelnden Wut an, den ich niemals vergessen werde. Es war die Art des Blickes, den die Hunde, wenn sie toll werden, auf ihren Herrn werfen, ehe sie ihm an den Hals springen. Er verrät den Kampf zwischen den eingeborenen Instinkten der Anhänglichkeit und Treue mit dem blutgierigen Triebe der dämonischen Besessenheit, die das toll gewordene Tier zwingt, zu beißen und zu toben. Da dachte ich, daß mir nichts anderes übrigbleiben würde, als das zu tun, was man eben tut, wenn die Hunde toll werden – und ich zitterte. Barnavaux zitterte ebenfalls, er legte die Hand auf meine Schulter.

»Nein, nein,« sagte er in flehendem Tone, »er ist nicht verrückt. Er hat nicht einmal einen Sonnenstich. Ich habe ihn schon einmal in diesem Zustande gesehen. Lassen Sie ihn. Es kommt nur darauf an, ihn auf einen anderen Gedanken zu bringen. Sie werden sich davon überzeugen.«

Dann wandte er sich an den Maschinisten und sagte in strengem Tone:

»Zimmermann, siehst du denn nicht, daß du vollständig nackt bist?«

Der Mechaniker prallte zurück wie ein Pferd, dem man in die Zügel fällt, dann legte er beide Hände mit einer seltsam bizarren Geste empor, als ob er sich plötzlich einer Schuld bewußt fühlte und nahm seine Leinenhosen und seinen Kittel vom Plattbord.

»Ich wußte es ja,« sagte Barnavaux, »ich wußte es bestimmt. Er wird niemals vergessen, daß er einst der Lazaristenbrüderschaft als Laienbruder angehört hat. Es galt, ihn vor allen Dingen daran zu erinnern, daß er es an dem nötigen Anstande fehlen lasse. Ja, das muß man ihnen lassen, diesen Missionären, sie erziehen ihre Leute, sie erziehen sie gut …«

Zimmermann hatte indessen einen Eimer über Bord gelassen, den er jetzt mit trübem Wasser angefüllt, in dem allerlei Pflanzenreste schwammen, wieder emporzog; er begann daraus zu trinken. Ich nahm ihm den Eimer fort und ließ ihn zwei große Gläser filtriertes Wasser trinken, in das ich Zuckerbranntwein gemischt hatte. Er zitterte an allen Gliedern und sah uns mit völlig verstörten Augen an.

»Was ist denn los?« sagte er. »Was habe ich angefangen?«

Zwei dicke Tränen rollten über seine Wangen, wohl kaum, weil er irgendwelchen undefinierbaren Schmerz empfand, sondern weil die Krisis vorüber und der unvermeidliche Rückschlag seines aufgeregten Zustandes eintrat, dessen Wirkung auf diesen riesenhaften Menschen ein höchst trauriger Anblick war.

»Jetzt heißt es aufpassen, daß er sich nicht in den Fluß stürzt,« sagte Barnavaux leise zu mir. »Das kommt öfters vor, wenn das Blut derartig überhitzt ist. Man sehnt sich so nach einer Abkühlung, daß man sich sogar ertränken möchte. Wir dürfen ihn nicht aus dem Auge lassen, müssen ihn zu beschäftigen suchen.«

Und laut, in bestimmtem Tone sich an den Maschinisten wendend, fuhr er fort:

»Als ob das nun irgendwelchen Sinn hätte, sich so gehen zu lassen! Du, Zimmermann, ein Kerl, der der Lazaristenverbrüderung angehört hat, beinahe schon Pfarrer gewesen ist, ein tüchtiger, von der Regierung anerkannter, früher Magazininspektor und jetzt Regierungs-Maschinist, dessen Name sogar das amtliche Kolonialblatt lobend erwähnt hat. Wodurch hast du dir seinerzeit diese Auszeichnung verdient? Erzähle es uns doch mal! …«

Zimmermann strich sich mit der Hand über die Stirn. Er reckte sich und ein stolzer Ausdruck erhellte sein Gesicht; ich erkannte daran, daß wir gewonnen und daß er wieder zu sich gekommen sei, denn der Stolz ist das Gefühl, das den Menschen vom Tiere unterscheidet. Er antwortete:

»Es war doch bei Gelegenheit jenes Aufstandes in Carnotville, im oberen Sanghagebiete, du weißt es doch?«

»Woher sollte ich das wissen,« antwortete Barnavaux, der die Geschichte wenigstens zwanzigmal gehört hatte.

»Ja, du weißt es doch,« sagte Zimmermann. »Ich war früher Mitglied des Lazaristenordens. Und ich war glücklich bei den Lazaristen, ja, ich war ganz glücklich. Alles, was Menschen ausrichten können, verstehe ich zu tun. Ich habe die Kapelle gebaut, habe die Ziegel dazu gebrannt, das Mauerwerk und das Gebälk aufgerichtet. Später wurde ich auf ihrer Station in Bangni als Maschinist des Dampfschiffes angestellt, und es war ein sehr schönes Schiff, kein so 'n elender alter Kasten, wie die Regierungsschiffe es sind. Und wenn ich gerade nicht als Maurer, Architekt, Zimmermann oder Mechaniker beschäftigt war, dann gab ich den kleinen Negerkindern französische Stunden, und ich war ein tüchtiger Lehrer, ihr könnt mir's glauben. Zu solchen Zeiten trug ich das Ordenskleid und sah aus wie ein wirklicher Priester und das ist eine große Ehre. Aber eines Tages sagte die Regierung, ›was gehen mich die geistlichen Brüderschaften an? Ich dulde sie nicht mehr. Ihr geistlichen Herren, linksum kehrt und macht, daß ihr weiterkommt.‹ Da sind die Lazaristen fortgezogen. Damals sagte ich zum Pater Mottu: ›Was soll nun aus mir werden? Nach Frankreich mag ich nicht zurückkehren, ich kenne dort keine Seele mehr. Dieses Land ist mir Heimat geworden. In Frankreich gibt es nur Weiße. Wie kann man nur in einem Lande leben, in dem es nur Weiße gibt? Das ist ja gegen die Natur!‹ Aber er antwortete mir nur: ›Tue, was du willst. Wir können dich nicht behalten,‹ da habe ich mich der Regierung zur Verfügung gestellt, und man hat mich zum Magazininspektor in Carnotville ernannt. So kam es. Ich war dort fast ganz allein; man hatte mir nur einen von der Kolonialschule kommenden, ganz jungen Verwaltungsbeamten zur Hilfe gegeben. Es war ein lieber kleiner Bursche, sanft wie ein Mädchen, der aber absolut nichts von dem verstand, was in seiner Stellung von ihm gefordert wurde. Das ist auch einer der vielen geistreichen Einfälle der französischen Regierung, zu den unkultivierten Völkern von Paris aus Kinder zu schicken, die kaum entwöhnt sind und die dann sofort Heerführer, Richter, Quasi-Könige eines Landes werden, das ungefähr halb so groß ist wie Frankreich. Glücklicherweise war das obere Sanghagebiet ruhig. Die Eingeborenen von Carnot – die sogenannten Yangheres – beschäftigten sich damit, Teile des Waldes urbar zu machen, um Bananen darauf zu ziehen. Sie zogen Ziegen und Hunde auf – sie essen Hunde, und sie suchen Kautschuck, um ihre Abgaben damit zu bezahlen; sie taten überhaupt alles, was man von ihnen forderte. Nicht weit von dem Orte lag ein anderes Dorf, das von den Haussas bewohnt war, Leute eines ganz andern Schlages, die viel reicher, aber auch viel fauler und durchtriebener waren. Kaum daß sie einige Hirsefelder und Bananenpflanzungen hatten. Sie trieben Handel und waren geriebene Kaufleute. Man hätte sie für Juden oder Auvergnaten halten können.

Eines Tages nun kommt einer dieser Haussas in das yangherische Dorf und kauft einer Frau ein Huhn ab. Er gibt ihr hundert weiße Glasperlen dafür. Samara, ihr Mann, kommt dazu und fragt: Wo ist das Huhn? und er wird zornig, weil hundert Perlen kein Preis dafür ist.«

Barnavaux begann zu pfeifen.

»Da verstieß er gegen das Herkommen,« meinte er, »denn im yangherischen Lande gehören die Hühner nicht den Männern, sondern den Frauen. Diese Frau hatte also das volle Recht, ihr Geflügel so zu verkaufen, wie sie es wollte.«

»Das ist wahr,« antwortete Zimmermann. »Aber dieser Ehemann hatte einen schlechten Charakter. Beweis dafür ist, daß er dem Haussa nacheilte, ihn einholte und ohne weiteres ermordete. Am selben Abend hagelte es Schüsse auf die Stationen. Alle Haussas hatten sich kriegsbereit gemacht, um ihren Toten zu rächen. Und der Krieg begann. Es war kein Krieg gegen uns, aber ein großer Krieg zwischen den Haussas und den Yangheres.«

»... Ja, ein Krieg unter den Augen des beleidigten Repräsentanten der französischen Republik und unter dem Schatten der Trikolore, dem Symbole des Friedens und der Zivilisation,« fuhr Barnavaux fort, »ich kenne das.«

»Geradeso sprach auch der kleine Verwaltungsbeamte von der Kolonialschule,« meinte Zimmermann. »Aber er war nicht so, wie du bist, er nahm all dies sehr ernst, weil er tugendhaft war und auch weil er sehr viel gelesen hatte. Er sagte: ›Ich kann das nicht gestatten. Man hat die Fahne beschimpft. Man hat die Station beschossen. Man muß den Haussas eine ernste Lektion erteilen.‹

Er sagte, eine ernste Lektion, weil die Zeitungen sich dieses Ausdruckes bedienen, wenn eine Bande von Senegambiern im Busch im Namen der Zivilisation ein Dorf von der Erde vertilgt haben, dessen Bewohner aus vier Kahlköpfen und drei zerlumpten armen Teufeln besteht.

Das Dorf der Haussas dem Erdboden gleich zu machen, war keine schwierige Aufgabe, aber wer hätte dann nachher die Abgaben entrichtet? Ich beschwichtigte daher das übereifrige junge Kind und sagte: ›Es kommt schon alles wieder in Ordnung, Herr Administrator, es kommt alles in Ordnung.‹ Er beruhigte sich dann auch scheinbar. Aber am andern Morgen war er wieder sehr aufgeregt und meinte: ›Ich bin nicht nur beauftragt, das Ansehen der Regierung aufrecht zu erhalten, sondern auch dafür zu sorgen, daß der Gerechtigkeit volles Genüge geschieht.‹ In dem letzten Rundschreiben wird sogar das Hauptgewicht auf letztern Punkt gelegt. Uebrigens sind die Haussas in ihrem Recht: dieser Mamy Coumba hat einen Mann getötet. Ich muß ihn in Untersuchungshaft nehmen und nach allen Regeln des Strafgesetzbuches die Anklage gegen ihn erheben. Es würde nichts dagegen einzuwenden gewesen sein, wenn wir uns in Frankreich befunden hätten. Hier aber lag die Sache anders, denn wenn er in Carnotville das Strafgesetzbuch in Anwendung gebracht hätte, würden wir jahrelang die Yangheres auf dem Halse gehabt haben, weil wir die Partei der Haussas gegen sie ergriffen hätten. Und was würden sie dann in Frankreich gesagt haben, wo sie zwar Kolonien, aber keinerlei Unannehmlichkeiten davon haben wollen?«

»Sie würden sagen, ein Aufstand im obern Sanghagebiete,« sagte Barnavaux mit erhobener Stimme und als ob er einen Zeitungsbericht vorlese … »Sadistische Verbrechen eines Verwaltungsbeamten.«

»Ich wollte nicht, daß sie dem Kleinen Unannehmlichkeiten machten,« fuhr Zimmermann fort, »denn ich hatte ihn lieb – beinahe ebenso lieb wie den armen Pater Mottu. Als ich daher merkte, mit was für Ideen er sich herumschlug, suchte ich ihn immer wieder zu beruhigen, redete ihm gut zu: ›Es kommt schon alles von selbst wieder in Ordnung.‹ Und damit gewann ich immer wieder einen Tag. Aber am Ende weinte und schrie der junge Mann vor Wut, weil er sich gedemütigt glaubte. Er schrie: ›Nein, nein, das kommt nicht von selbst wieder in Ordnung, wir sind entehrt!‹ Ich nahm das nicht sehr schwer, weil die Regenperiode eingesetzt hatte und weil der Regen auf alle Menschen, selbst auf die Neger beruhigend wirkt. Als das Wasser zwanzig Tage und zwanzig Nächte lang wie eine Sündflut herabgeströmt war, kam nur noch Ali, der Vater des ermordeten Haussa, abends vor die Station, um zu klagen. Der machte allerdings einen ordentlichen Lärm. Er erzählte von der Wunde, die das Messer in den Bauch seines ermordeten Sohnes gebohrt hätte. Er erzählte, wo er den Leichnam beerdigt habe und klagte, daß der Schatten des Toten über dem Grabe umherirre und keine Ruhe finden könne. In der einundzwanzigsten Nacht ging ich zu ihm, die Hände in den Taschen, um ihm gleich zu zeigen, daß ich keine bösen Absichten gegen ihn verfolgte.

›Samara,‹ so redete ich ihn an, ›hat nicht Mamy Coumba, der Mann, der deinen Sohn ermordet hat, eine Tochter?‹

Er seufzte aus tiefster Brust: ›O ja,‹ wie Leute es tun, wenn man ihnen etwas Vernünftiges sagt, was sie begreifen.

Ich sagte weiter nichts, aber ich suchte dann Mamy Coumba auf und sagte ihm:

›Sage mal, hast du nicht eine Tochter, eine jungfräuliche Tochter, die du Samara als Ersatz für seinen, von dir getöteten Sohn geben könntest?‹

Er antwortete: ›Nein.‹

›Mamy Coumba,‹ erwiderte ich, ›du hast wohl eine Tochter! Ich weiß es, also antworte!‹

Er schüttelte den Kopf, aber seine Frau sagte:

›Das ist nicht gerecht, das ist nicht gerecht, auf diese Weise geht das nicht. Wir haben den Haussas nur einen Mann getötet und meine Tochter kann mehrere Kinder zur Welt bringen.‹

›Aber,‹ sagte ich, ›wenn man sich nun darüber einigte, daß sie dir zurückgegeben wird, sobald sie dem Vater Alis ein Kind männlichen Geschlechtes geboren hat?‹

›Dann, dann allerdings wäre alles gut,‹ sagte Mamy Coumba nachdenklich. ›Wenn Samara einverstanden ist, gebe ich meine Zustimmung.‹

Ich ging nun zu Samara zurück, um ihm die Sache zu erklären. Samara aber meinte:

›Das ist nicht genug. Daß ich die Frau zurückschicke, sobald sie mir einen Sohn geboren, ist durchaus gerecht. Aber Mamy Coumba muß das Huhn zurückgeben.‹

So ist es mir gelungen, den großen Streit zwischen den Yangheres und den Haussas zu schlichten. Dennoch hatte das Kind immer noch allerlei Bedenken. Es fand diese Lösung nicht amtlich genug. Als aber der Gouverneur kam und ihm Bericht erstattet wurde, meinte der, für einen ehemaligen Ordensbruder sei ich schlau genug und mein Name solle im offiziellen Kolonialblatt lobend erwähnt werden. Außerdem wurde mir eine Belohnung von fünfzig Franken bewilligt.«

»Weißt du, Zimmermann,« sagte ich, »die Geschichte kenne ich. Du hast sie nicht erfunden und diese Lösung ist eine alte. Sie stammt von dem Spanier Ruy Diaz von Bivar, den man auch den Cid Campeador nennt. Als er den Vater einer Jungfrau, die Ximene hieß, durch einen Degenstoß getötet hatte, vermählte er sich mit der Tochter und begründete diese Handlung mit den Worten: ›Ich habe dir einen Mann getötet und gebe dir hiermit einen solchen zurück.‹«

»Ich versichre Ihnen, daß es ganz gewiß nicht meine Schuld ist, wenn jener Fall Aehnlichkeit mit meinem Abenteuer hat,« antwortete Zimmermann tief errötend. »Ich habe nichts nachgemacht. Das, was ich Ihnen erzählt habe, hat sich im obern Sanghagebiet und nicht in Spanien zugetragen.«

»Und dann,« meinte Barnavaux lächelnd, »kommt in der Geschichte des Cids auch wohl kaum ein Huhn vor?« –


 << zurück weiter >>