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Jenseits von Gut und Böse

Ganz nahe dem Ufer, wo unsre Dschunke vor Anker lag, gingen unausgesetzt Leute vorüber, die trotz des unablässig niederrieselnden feinen Sprühregens sehr vergnügt waren, weil der Reisschnaps oder der Absinth des chinesischen Kaufmanns ihr Herz gewärmt hatte. Aus der Ferne blinkten Lichter zu uns herüber und ertönte der helle Ton einer Trompete: wir waren kaum zweihundert Meter von einem Posten der Legionäre entfernt.

Wenn man viele Tage hintereinander mit einem Sampan, auf dem man sich nicht aufrecht halten und auch nicht ausgestreckt schlafen kann, den roten Fluß herabgekommen ist, endlich wieder Häuser sieht, aus denen der gute, aus den Küchen kommende Duft zu uns dringt, dann empfindet man es als etwas sehr Trauriges, daß es einem nicht vergönnt ist, auch nur eine Nacht unter diesen Dächern zu verbringen! Aber wenn es mir bisher gelungen ist, die besten Beziehungen mit meinen Freunden von der Fremdenlegion aufrecht zu erhalten, so ist dies doch stets unter dem Vorbehalt geschehen, keine Tugenden von ihnen zu fordern, die sie nicht besitzen und auf die sie keinen Wert legen; im übrigen würden Barnavaux und ich gewiß immer ein warmes Feuer, uns daran zu trocknen, ein gutes Bett und vielleicht – wenn man darauf bestanden hätte – auch noch etwas mehr bei ihnen gefunden haben. Es wäre aber dann sehr töricht gewesen, wenn wir uns am andern Morgen darüber beklagt hätten, daß uns unterdessen allerhand von unserer Dschunke abhanden gekommen sei. Das war der Grund, der uns bewogen hatte, nicht an Land zu gehen! Unter dem für die Ruderer bestimmten Strohdache hatten unsre Boys uns irgendein Gericht gekocht, das wir melancholisch und mit unter der nächtlichen Kühle fröstelnden Gliedern verspeisten. Seit Wochen schon befanden wir uns auf dem roten Flusse und noch keinen Augenblick hatte dieser entsetzliche, alles durchdringende feine Sprühregen, der eine Begleiterscheinung des annamitischen Sommers ist, zu rieseln aufgehört. Wasser zu unsern Füßen, Wasser im Himmel und in der Luft, wohin das Auge schaute, erblickte es nur Wasser. Unablässig rieselte es aus den wie ungeheuere graue Schwämme aussehenden Wolken auf uns herab! Die ganze Luft war mit Feuchtigkeit erfüllt, die sich langsam und schmutzig auf den Fluß senkte und ihm half seine unablässige Penelopearbeit zu vollbringen, die er nun schon seit Jahrtausenden verrichtet. Er überschwemmt nämlich regelmäßig die umliegenden Ebenen mit seinen trüben Gewässern, die, wenn sie zurücktreten, reichlich Schlamm zurücklassen, in dem die Eingeborenen ihre Reisfelder anlegen. Nur daß dieser zu lange anhaltende Regen von Zeit zu Zeit ein trügerisches Spiel treibt, indem er sich damit vergnügt, plötzlich den unter dem Schlamm befindlichen Sand in die Höhe zu treiben. Dann zerfällt die darüber liegende lehmige Schlammschicht, in der die jungen Reispflanzen schon Wurzel gefaßt – sie setzen sich in Bewegung und treiben, anfangs noch in aufrechter Haltung, langsam und unabwendbar dem Flusse zu. Tagsüber wirkt dieser fortdauernde Zug von Pflanzenleichen ermüdend und einschläfernd, man schließt die Augen, um nichts mehr davon zu sehen. Aber nachts übt das unausgesetzte Geräusch der sich leise ablockernden Erdbrocken eine nervenaufregende, schlafraubende Wirkung aus und wenn man gar infolge des steten Einatmens der feuchten Luft Fieber bekommt, träumt man wohl mit offnen Augen im Grabe zu liegen, das der Totengräber langsam, ganz langsam zuschaufelt.

Ich befahl meinen Boys, die Kiste mit den Portweinflaschen zu öffnen, da ich fühlte, daß es durchaus notwendig sei, gegen die mich übermannende melancholische Stimmung zu reagieren. Ach, wie ich mich danach sehnte, in einer seligen Halbtrunkenheit, die den auf mir lastenden Alpdruck verscheuchen würde, einschlafen zu können und von einer andern, bessern Welt als die mich umgebende, träumen zu können! Aber wir waren kalt geworden, kalt bis ins Mark unsrer Knochen und selbst der feurige Wein vermochte es nicht, uns zu erwärmen.

Plötzlich hörten wir, wie von der Böschung des Ufers herab eine Stimme uns zurief:

»Hallo, meine Herren, würden Sie einem russischen Edelmanne gestatten, ein Glas mit Ihnen zu trinken?«

Die Stimme hatte einen seltsamen Ton und klang wie die eines Betrunkenen, der irgendeinen Streich beabsichtigt. Betrunken war der Redende ja vielleicht, aber es stellte sich heraus, das er durchaus nichts Uebles im Schilde führte. Man mag tun, was man will, man ist und bleibt doch stets der Mann seiner Kindheit und redet so, wie man zu sprechen gelernt, als man klein war. Die Art der Rede dieses Mannes war elegant, ironisch, beinahe, als ob er sich selbst verspotten wolle.

»Würden die Herren einem russischen Edelmanne ein Glas Wein anbieten?« wiederholte der Mann.

Ich wies ihm einen Platz unter der Plandecke des Sampans an, und Barnavaux setzte sofort ein drittes Glas auf unser wackliges Tischchen. Mit einem leichten eleganten Schwung schwang sich der Mann von der Böschung zu uns herab und, wie ein Fuchs in den Hühnerstall schlüpft, glitt er unter die schützende Decke und begrüßte uns mit graziöser, vornehmer Formengewandtheit.

»Ossip Dimitrief,« sagte er, sich selbst vorstellend, »für den Augenblick Füsilier zweiter Klasse der zweiten Fremdenlegion.«

Dann nahm er Platz und prüfte mit Kennermiene den Geschmack unsres Weines. Seine etwas zitternden Hände, die erweiterten Pupillen seiner Augen, die wächserne Farbe seines Gesichtes, alles verriet den Gewohnheitstrinker, der mit vollem Bewußtsein dem Delirium oder dem Tode entgegengeht.

»Ich danke Ihnen,« sagte er mit feinem Lächeln, »das ist allerdings ein Wein, wie man ihn in diesem Lande selten zu kosten bekommt.«

Es ist sehr schwer, genau zu definieren, woran man selbst in den verzwicktesten Lebenslagen immer einen vornehm geborenen Mann, der sich in den Kreisen der feinen Welt bewegt hat, erkennt. Es sind vielleicht weniger seine Handlungen, wie seine Rede, und die unbewußte Kontrolle, die er über seine Bewegungen, seine Augen und den ganzen Körper ausübt, die ihn verraten.

Es waren noch nicht zwei Minuten vergangen, als ich diesen Legionär schon wie einen Weltmann behandelte. Der arme Barnavaux hingegen, der so naiv mitteilungslustig ist, wenn wir beide allein sind, war völlig verstummt und sah ziemlich verdrossen drein, wie er das stets tut, wenn er sich in Gegenwart seiner Vorgesetzten oder von Leuten befindet, mit denen »sichs nicht plaudern läßt«. Ach, der aus einer gleichen Erziehung, demselben Studiengang und der dadurch erworbenen Kultur entspringende Kastengeist ist wirklich eine bedeutende Macht! Dieser Mann, der sich in so bizarrer Weise an uns herangedrängt hatte, flößte mir ein gewisses Mißtrauen, ja beinahe eine Antipathie ein. Mir war, als habe er eine gewisse Aehnlichkeit mit dem schrecklichen, uns umhüllenden Sprühregen: er war unfaßbar wie dieser und schien die Dunkelheit um sich zu verbreiten. Er hatte etwas Undurchdringliches und nur das erkannte man aus jedem Worte, was er sprach, daß er die Menschen haßte und sich selbst verachtete. Und dennoch, während es mir Jahre gekostet, bis ich auf vertraulichen Fuß mit dem einfachen und ehrlichen Barnavaux gekommen, erweckte der Anblick dieses Unbekannten schon beim ersten Blicke in mir die Erinnerung an Bücher – die Barnavaux niemals gelesen, an Menschen – zu denen zu reden er niemals gewagt haben würde – an schöne Frauen, mit Brillanten auf den nackten Schultern und Blumen am Busen. Die Namen berühmter Bühnenkünstlerinnen, das Bild vornehmer geschlossener Zirkel und bedeutender, auf das Geschick ihres Landes einen entscheidenden Einfluß ausübender Persönlichkeiten tauchten vor meinem innern Auge auf. Eine heftige Neugierde ergriff mich, das Lebensgeheimnis dieses Mannes zu enträtseln und schon glaubte ich in ihm den Held eines Romans zu erblicken: war nicht erst vor ein paar Jahren ein fremdes Kriegsschiff gelandet, um feierlich die Leiche eines in Algerien gestorbenen Legionärs abzuholen und seinem Sarge die Ehrungen zu erweisen, die man nur Prinzen aus königlichem Blut bewilligt? Ich wurde ungeduldig und unaufmerksam. Er bemerkte es, lachte und meinte dann spöttisch:

»Nicht wahr. Sie möchten gern wissen, wer ich bin? Ich habe es Ihnen schon gesagt: mein Name ist Ossip Dimitrief.«

Ich machte eine abwehrende Bewegung, um anzudeuten, daß ich ihn nach nichts frage.

»Sie denken, daß das nicht mein wahrer Name sei? Natürlich nicht! Aber was würde Ihnen mein wahrer Name sagen? Das, was Sie interessieren könnte, ist doch nur meine Geschichte, nicht wahr? Nun denn, manchmal gefüllt es mir, sie zu erzählen. Heute abend gefällt es mir.«

Barnavaux hatte den Lichtträger geholt und am andern Ende des Sampans aufgestellt, um die Moskitos zu verscheuchen. Der auf dem Flusse lagernde Schatten war so übernatürlich schwarz geworden, daß er wie eine kompakte klebrige Masse aussah. Die Wellen des Flusses fuhren fort, das Ufer zu zernagen und unausgesetzt fielen kleine Erdstückchen mit unerträglichem leisen Geräusch in das Wasser.

»... Ja,« sagte der Mann, »vor zehn Jahren noch war ich ein Mensch, der etwas bedeutete. Man nannte mich Exzellenz. Nicht als ob das gerade etwas Besonderes wäre, denn in meinem Lande führen viele Leute diesen Titel. Aber ich war im Kriegsministerium und der Erste nach dem Minister. Nun, jetzt, da ich keine einzige Tresse mehr auf meinem Aermel habe, nicht mal eine Wolltresse, empfinde ich weniger Widerwillen, meinen Vorgesetzten Gehorsam zu leisten als damals, wo die ganze Armee eines großen Landes unter meinem Befehle stand und es nur einen gab, der über mir stand und dem ich mich beugen mußte. Dieser eine aber war ein beschränkter Kopf, ein eingebildeter Narr und Einfaltspinsel. Was würde mir heute daran gelegen sein, Korporal oder Sergeant zu werden, was würde dadurch geändert werden? Aber sehen Sie, zwischen mir und der Möglichkeit, mehrere Millionen Menschen nach meinem Ermessen lenken zu können, sie zu unterrichten und ihren Geist zu bilden, stand damals nur ein Hindernis – verstehen Sie mich wohl, stand dieser eine minderwertige Mensch, der, ich wiederhole es Ihnen, ein beschränkter Kopf, ein eingebildeter Narr war.

Max Stirner, ein Philosoph, dessen Schriften Sie vielleicht gelesen haben, schreibt, daß jeder Anarchist ein Autokrat sei. Ich füge hinzu, daß in Rußland jeder denkende Mensch ein Autokrat und folglich Anarchist ist. Ich litt geistig und körperlich ganz unsäglich darunter, gezwungen zu sein, die einfältigen Pläne eines tief unter mir stehenden Schwachkopfes ausführen zu müssen und nicht meine eigenen. Wenn ich zu ihm in sein Bureau kam, mußte ich die Hacken aneinanderdrücken und eine ›militärische Haltung‹ einnehmen, die Knochen taten mir weh davon. Er wußte es, davon bin ich überzeugt, und es machte ihm ein doppeltes Vergnügen, immer wieder die paar hohlen Phrasen, die dieser General für geistreiche Ideen hielt, über mich ergehen zu lassen. Ich versichre Ihnen, daß ich ganz gewiß davon überzeugt bin, daß er meine Ungeduld und meinen Haß kannte, weil ich einen Unterchef hatte, der ein Leisetreter, ein Heuchler und ein Spion war. Dieser Mensch besaß alle niedern Eigenschaften, die die Tugend solcher Leute ausmachen. Er war ein tüchtiger Arbeiter, ein guter Vater und Ehemann, er war sparsam und verwaltete sein Vermögen in vorsichtigster Weise, während ich nie etwas andres wie Schulden zu verwalten hatte. Seinen Vorgesetzten gegenüber war er von kriechender Unterwürfigkeit, sobald ich aber den Rücken gekehrt hatte, erzählte er allen, die es hören wollten, daß ich weder das Alter noch die Klugheit und die gehörige Sittenreinheit besäße, die notwendig sei, die hohe Stellung, die ich einnähme, würdig auszufüllen. Er hat ganz bestimmt in dieser Weise über mich gesprochen – ich hätte an seiner Stelle vielleicht dasselbe getan. Ich meinerseits genierte mich auch durchaus nicht, ihn in spöttisch verächtlicher Weise zu behandeln, und habe ihm öfters erklärt, daß sein serviles Wesen ihn zu einem würdigen Manne stemple, der es wert sei, ein Mensch zu sein, ein Mensch, der es durchaus verdiene, ein ›Bureaudiener‹ zu sein.

Lange Monate hindurch nährte ich derartige Gedanken in mir. Meine persönlichen Angelegenheiten verwirrten sich indessen immer mehr und ich sah den Augenblick kommen, wo meine Gläubiger die Geduld verlieren und alles über mir Zusammenstürzen würde. Dann konnte ich mich nicht mehr in meiner hohen Stellung halten und das war der Zeitpunkt, den der Unterchef mit Sehnsucht erwartete, weil er darauf rechnete, dann meinen Platz einzunehmen.

Um jene Zeit war es, daß ich den Besuch des Gesandtschaftsattachés eines kleineren Balkanstaates erhielt. Er war sehr niedergeschlagen.

›Ich komme soeben von Ihrem Minister,‹ sagte er zu mir. ›Wir werden unsre Rüstungen beschränken, das Militär von der Grenze zurückrufen müssen. Er hat mir versichert, daß er der Einwilligung aller andern Mächte in seine Pläne völlig gewiß sei. Da bleibt uns nichts andres übrig, als nachzugeben! … Und damit sind so viele Anstrengungen nutzlos geworden, so viele Millionen verloren und unsre nationale Zukunft wird schwer dadurch geschädigt.‹«

»Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich damals in ziemlich deprimierter Stimmung war. Niemals war ich der Ansicht gewesen, daß man der Entwicklung dieses kleinen Staates hemmend entgegentreten dürfe und ich hatte Briefe und Depeschen in Händen, die genügend bewiesen, daß der Minister log, daß keine Verständigung zwischen den Mächten stattgefunden habe. Es war das einer seiner beliebten Bluffs – die Hand auf der Brust brachte er in dreister Weise völlig aus der Luft gegriffene Behauptungen vor, an die er in dem Augenblicke vielleicht selbst glaubte.

»›Er hält Sie zum Narren,‹ antwortete ich.

Meine Gedanken sind klar wie meine Worte. Vielleicht gab ihnen an jenem Tage meine Wut noch eine besondere Klarheit. Ich bewies ihm also, daß der Minister seiner gespottet habe und daß seine Regierung sich nicht einschüchtern lassen dürfe.

›Natürlich ist dies eine streng geheime vertrauliche Mitteilung, Sie verstehen, mein Lieber.‹

Der Gesandtschaftsattaché machte darauf dem Unterchef seinen Besuch. Was mochte dieser feige Geselle ihm gesagt haben? Ich lachte, wenn ich daran dachte! Als ich hörte, daß sich die Türe seines Kabinettes öffnete, machte ich ebenfalls meine Türe auf und hatte gerade noch das Vergnügen, folgende Worte zu vernehmen:

›Ich versichre Sie meiner innigsten Teilnahme. Sie wissen, daß persönlich …‹

Ich wußte nur zu genau, daß dieser feile Federfuchs selbst nichts dachte und niemals etwas gedacht hatte.

Am andern Morgen brachte mir der Sekretär, wie dies alle Tage geschah, die Uebersetzung der chiffrierten Depeschen, die von den militärischen Gesandtschaftsattachés an ihre Regierung geschickt und die dieser telegraphisch vermittelt werden. Sie wissen es, daß diese Art von Depeschen stets in einer Art von Geheimschrift aufgegeben wird, die nur der zu entziffern vermag, der den Schlüssel dazu besitzt. Ehe diese Uebersetzungen dem Minister übergeben wurden, mußten sie mit meinem Visum versehen werden. Ich überflog einige dieser Depeschen, deren Inhalt ziemlich gleichgültig war. Dann aber erschrak ich heftig, ich las:

›Depesche des militärischen Gesandtschaftsattachés X. an die Regierung von …

 … Man darf der Unterhaltung, die ich mit dem Minister gehabt und deren Inhalt ich Ihnen sofort telegraphierte nicht die Wichtigkeit beilegen, die sie mir zuerst zu haben schien. Ich bin in der glücklichen Lage. Ihnen Beweise dafür geben zu können …«

Ich warf den Blick eines gehetzten Tieres auf den Sekretär. Er spielte anscheinend mit größter Gleichgültigkeit mit einem Papiermesser. Ich las weiter:

»... Ich hatte nämlich eine Unterhaltung mit …«

Der Name – mein Name! Aber nein – nur eine leere Stelle auf dem Papier! Warum? Weshalb war der Name nicht auch übersetzt wie alles andre? Eine Hoffnung eine sehr schwache Hoffnung, an die ich mich kaum zu klammern wagte, tauchte in mir auf. Ich hatte den Mut in kühlem Tone zu fragen:

»Sie ist seltsam, diese Depesche. Warum haben Sie denn den Namen des Indiskreten ausgelassen?«

»Ach,« sagte der Sekretär, »in dem Texte gibt es nur eine Gruppe von zwei Chiffren, über deren Sinn man sich offenbar geeinigt hat, die aber für uns nicht zu entziffern ist. Es ist wirklich schade, denn wenn man wissen könnte, wer …«

Gerettet, ich war gerettet! Mir war, als ob mir plötzlich meine Jugend und meine Energie zurückgegeben sei. Und zweifellos strömte mir plötzlich neue Lebenskraft zu – wohlverstanden, an den Satan und eine teuflische Eingebung glaube ich nicht, ein andrer würde es tun – denn ohne nur einen Augenblick nachzudenken, sagte ich sofort:

›Aber ich, ich weiß den Namen. Ich habe die letzten Worte der betreffenden Unterhaltung gehört ohne sie damals zu verstehen.‹

Und rasch ergriff ich eine Feder und schrieb mit fester Hand den Namen des Unterchefs in die Depesche.«

»Schwein!« schrie Barnavaux. »Das hast du getan, Du? Schwein!«

Diesen Legionär, der ein so distinguiertes Wesen und so ganz das Aussehen eines hohen Offiziers hatte – an den Barnavaux bis setzt nicht ein Wort zu richten gewagt hatte – er duzte ihn jetzt und sprach mit ihm in so verächtlicher Weise, wie er kaum einen zur Strafkompagnie oder zum Bagno verurteilten Verbrecher angeredet hätte.

»Ja, das habe ich getan, ja, das habe ich getan! Und ich weiß heute noch nicht, warum ich es getan habe. Zuerst erschien es mir wie ein prächtiger Streich, den ich gegen diesen Cretin ausspielte, der sich immer seiner Zuverlässigkeit, seiner dienstlichen Diskretion und aller seiner negativen Knechteigenschaften rühmte. Erst später gab ich mir Rechenschaft über das, was ich getan; aber da konnte ich es nicht mehr ungeschehen machen. So ist das ganze Leben; was immer man tut: es ist unwiderruflich. Ich hatte am Morgen, ohne darüber nachzudenken und beinahe des Vergnügens willen, einen Verrat begangen. Die Theologen reden viel vom Geiste des Bösen, der uns treibt, das Böse um des Bösen willen zu tun, ohne daß wir irgendwelchen Nutzen davon hätten und nur weil man eine Minute lang vom Geiste des Bösen besessen gewesen sei: nun vielleicht traf das bei mir zu. Wenn ein Soldat sein Gewehr oder seine Patronen einem Spion ausliefert, so wird er von dem Gesetz, das einen solchen Fall vorgesehen hat, bestraft. Und, doch, wie klein ist das Vergehen, das er begangen! Ich aber, ich hatte das ganze Geheimnis der Politik meines Landes ausgeliefert und die Folgen dieser Indiskretion waren unberechenbar. Aber im Grunde war es doch immer nur eine Indiskretion, eine Dummheit, die ich begangen und das Schlimmste, was den, dem ich die Verantwortlichkeit dafür zugeschoben, treffen konnte, war seine Entlastung. Er hätte vielleicht fragen können, weshalb man ihn entließe, hätte versuchen können, sich zu rechtfertigen, aber dazu war er viel zu feige. Man würde ihn auf einen weit abgelegenen Posten schicken und seinen Vorgesetzten dort eine geheime Instruktion senden, die seiner Karriere ein für allemal ein Ende machte. Der Staat aber wäre dann der Dienste eines so servilen Narren entledigt worden und, wäre das etwa ein Verlust? Ich aber – ich! Verstehen Sie wohl, ich bedeutete etwas, ich war eine wirkliche Kraft!« Voller Abscheu erhob ich die Hand, aber ehe ich ein Wort sagen konnte, fuhr er fort:

»Ersparen Sie mir gefälligst die tugendhaften Dummheiten, die Sie offenbar im Begriffe stehen, vor mir auszukramen.

Ich weiß alles, was Sie sagen wollen und habe es mir selbst gesagt. Ich habe ein Hirn, das jede Art von Gedanken auszuhecken vermag, ein sehr gesundes, ein ganz normales Hirn. Ich danke Ihnen. Ich habe keinen Menschen nötig. Wenn Sie aber noch mehr wissen wollen, so füge ich hinzu, daß ich wahrscheinlich an jenem Tage aus demselben Grunde handelte, der mich heute bewog, Ihnen meine Geschichte zu erzählen. Es geschah, weil das Wetter so elend düster, so schmutzig und so naß war, wie es heute hier ist. Es gibt Stunden, wo der Mensch selbst nichts Besseres ist, als der Schlamm der Erde, auf dem er wandelt! Man kennt sich selbst nicht mehr. Nun, da es einmal geschehen, weshalb sollte ich mich selbst angeben? Ich ließ die Dinge gehen, wie sie wollten und als man mich verhörte, belastete ich den Unterchef von neuem, indem ich ihn an die letzten Worte seiner Unterhaltung mit dem Attaché erinnerte. Nun war er es, der sich zu verteidigen hatte und er verteidigte sich sehr schlecht, weil er nichts zu sagen wußte. Er reichte dann selbst seinen Abschied ein. Ich atmete auf.

Schon acht Tage später hatte ich mich vollständig beruhigt; ich war sogar stolz auf meine Handlungsweise und meine Macht erweiterte sich. Eines Tages aber, als ich in bester Stimmung in meinem Bureau war, ließ sich der Gesandtschafts-Attaché bei mir melden: er kannte die Wahrheit. Ich hatte nie mehr an ihn gedacht. Aber hatte nicht auch er die besten Gründe zu schweigen? Er begrüßte mich mit einem feinen Lächeln. Ich verneigte mich ebenfalls lächelnd und mich ganz unbefangen stellend.

»Nun,« sagte er, nachdem wir ein paar unbedeutende Redensarten gewechselt hatten, »die Affäre ist ja gut abgelaufen. Sie sind ein arger Schelm, indessen haben Sie uns einen großen Dienst erwiesen. Was ich jetzt aber von Ihnen erfahren muß, ist …«

Ich begriff! Es war, als ob er eine Kette um meinen Fuß geschmiedet habe. Es war einfach genug. Damit er einwillige zu schweigen, forderte er von mir, daß ich fortfahre, ihm alles mitzuteilen, was ihm wissenswert erschiene. Was ich einmal, weil es mir so gefiel, getan hatte, sollte ich nun wiederholen, sooft es ihm gefiele. Ich richtete mich hoch auf und sagte:

»Nein! Verstehen Sie mich wohl? Nein, nein und abermals nein.«

»Nun, nun,« sagte er, »wir werden wieder von der Sache sprechen, es ist ganz unvermeidlich, daß wir wieder davon sprechen.«

Er sah mich drohend an, wie ein Mensch, der einem widerspenstigen Hunde das Stachelhalsband zeigt.

»Ja,« wiederholte er, »wir werden wieder davon sprechen. Denken Sie darüber nach, lieber Freund.«

Er verließ mich, eine Melodie trällernd.

Gehorchen, gehorchen! Ihm gehorchen! Und wegen dieser Sache! Aber nein, nein, nein. Ich nahm ein Blatt Papier und schrieb dem Minister: ›Exzellenz …‹

Als der Brief fertig war, versiegelte ich ihn und steckte ihn in meine Tasche. Ich schickte ihn nicht eher ab, bis ich die Grenze meines Vaterlandes überschritten hatte. Drei Tage später hatte ich mich bei der Legion anwerben lassen. Man verschwindet wie ein Ertrunkener in der Legion. Ich bin verschwunden.« –

Er schwieg. Keiner von uns beiden sprach ein Wort. Er erhob sich und sah, daß wir sitzen blieben, ohne einen Finger zu regen. Er lächelte spöttisch und sagte:

»Nun, geben Sie mir ein letztes Glas Portwein.«

Ich nahm eine volle Flasche aus der Kiste, und ohne zu antworten, reichte ich sie ihm wie einem lästigen Bettler. Er erbleichte und schleuderte die Flasche in den dunklen Fluß.

»Idioten,« schrie er, »Idioten! Nicht wahr, wenn ihr über seinen Hügel gestolpert seid, werdet ihr den Maulwurf zertreten? Nun wohl drei Viertel der Menschen sind Maulwürfe, schädliche, verächtliche Maulwürfe. Ihr Idioten! …«

Und mit einem elastischen Sprung schwang er sich von unsrer Barke an das Ufer und verschwand in der Dunkelheit.


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