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Illustration: O. Herrfurth

Richards Heldenmut.

Siebentes Kapitel

Unter Piraten.

Während unsre Helden sich über die Weiterfahrt schlüssig gemacht hatten, war der angebliche Malaie nicht zugegen gewesen. Bald darauf kam der Ho-tschang, um seine Passagiere zum Mahle abzuholen.

Die ihnen angewiesene Kajüte lag am Steuerbord des Vorderteiles. Ein direkt am Steven gelegener schmaler Raum wurde zur Aufbewahrung von allerlei Schiffsgerätschaften benutzt. Der daran grenzende breitere Teil des Aufdeckes war in zwei Hälften geteilt, deren jede einen besonderen Eingang hatte. Die rechts liegende Hälfte hatten die Reisenden inne. Ihre Wohnung wurde durch zwei Lukenöffnungen, welche in der Schiffswand angebracht waren, erleuchtet. Diese Fenster waren nicht mit Glas, sondern mit hölzernen Schiebern versehen, um sie bei schlechtem Wetter verschließen zu können.

Das Mahl sollte auf dem Mitteldeck eingenommen werden, an derselben Stelle, an der vorhin die Geisterbeschwörung stattgefunden hatte. Der Platz war jetzt mit vielen Lampen erleuchtet, welche aus gummiertem Reispapier gefertigt waren und einen sehr hübschen Eindruck hervorbrachten. An zwei zusammengeschobenen Tischen standen neue Bambussessel. Die Gedecks bestanden für jeden Gast aus einem Teller, einer kleinen Tasse, welche als Trinkglas zu dienen hatte, einer Art von dickem Porzellanlöffel, welcher aber so unförmlich war, daß er kaum in den Mund gebracht werden konnte, und den elfenbeinernen Eßstäbchen, von den Engländern Chopsticks genannt, während sie bei den Chinesen Kwei-tze heißen.

Der Chinese hat keine eigentlichen Löffel: ebensowenig bedient er sich des Messers oder der Gabel bei Tafel. Alle festen Speisen, Fleisch u. s. w. werden klein geschnitten serviert. Der Ungeübte spießt sich diese Stückchen aus der Brühe heraus, wozu er sich der Kwei-tze bedient, wird aber ausgelacht oder gilt für einen Mann, welcher die gute Sitte mißachtet. Der geübte Esser nimmt das eine Stäbchen zwischen den Daumen und Zeigefinger der rechten Hand, das andre zwischen den Mittel- und Ringfinger; stoßen nun die Enden der Stäbchen zusammen, so bilden sie einen beweglichen Winkel, eine Art Zange, mit welcher man alles, selbst dünnen Reis, zum Munde zu bringen vermag. Wer erfahren will, welchen spaßhaften Anblick es gewährt, einen Ungeübten auf diese Weise essen zu sehen, der mag einmal selbst versuchen, mit zwei sechs Zoll langen und fast streichholzdünnen Stäbchen eine Gräubchensuppe zu genießen, ohne vom Teller bis zum Munde alles zu verlieren.

Der Platz, auf welchem die Tische standen, war durch an Schnuren hängende Landkarten von riesiger Größe von dem übrigen Verdecke abgeschlossen. Diese Karten stellten die Länder der Erde vor, aber nach chinesischer Anschauung. Sie hatten eine Größe von wenigstens je vierzig Quadratfuß. Neununddreißig Quadratfuß nahm das Reich der Mitte ein. Die andern Länder der Erde samt allen Meeren waren auf dem vierzigsten angebracht. Rußland hatte die Größe einer Wallnuß; daran klebte Frankreich haselnußgroß. Jenseits dieser beider Länder, von ihnen durch einen Fluß getrennt, welcher Tsin-tse, wahrscheinlich Themse, hieß, lagen Deutschland und England in der imponierenden Größe einer Erbse. Spanien war neben die Vereinigten Staaten und Holland neben Java gemalt, und zwar nadelkopfgroß. Dagegen hatte der Jang-tse-kiang eine Breite von zwei Männerspannen, und Peking war dreimal größer dargestellt als sämtliches Ausland zusammengenommen. So hat Gott nach Anschauung der Chinesen die Erde unter die verschiedenen Völker verteilt. Da ist es gar nicht Wunder zu nehmen, daß sie einen außerordentlichen Nationalstolz besitzen und sich für das bevorzugteste Volk der Erde halten. Diejenigen von ihnen aber, welche Gelegenheit finden, fremde Länder zu sehen, fühlen sich gewöhnlich von diesem Irrtum sehr schnell geheilt, beharren aber trotzdem auf der Ansicht, daß sie die gebildetsten Menschen seien.

Außer den fünf Gästen nahmen noch der Ho-tschang, der To-kung, der Hiang-kung oder Priester und der Besitzer des Schiffes an den Tischen Platz. Und nun wurden die Speisen gebracht.

Das erste Gerücht bestand aus gesottenen Eiern, welche mit Brennesseln zerhackt und mit Essig gewürzt waren.

»Wat voor eyeren zijn deze eyeren?« fragte der Dicke.

»Es sind Krokodilseier,« antwortete Gottfried von Bouillon, indem er ein sehr ernstes Gesicht machte.

»Foei! En deze eyeren zullen wij eten?«

»Natürlich!«

»Bliksem! Ik ete niets!«

Das Gerücht sah ganz appetitlich aus. Er hatte auch schon seinen Löffel ergriffen, um sich davon auf den Teller zu nehmen, legte ihn aber schnell wieder weg.

Gottfried aber langte zu und gebrauchte seine Kwei-tze mit der Geschicklichkeit eines Chinesen. Er hatte ebenso wie der Methusalem und Richard Stein die Eßstäbchen daheim bei Ye-kin-li kennen gelernt und sich dann während der Seereise im Gebrauche derselben geübt. Indem er tüchtig kaute, meinte er zu dem Mijnheer, welcher neben ihm saß: »Dat mundet mir. Krokodilseier sind doch eine jroßartige Delikatesse.«

»Donderslag, ik dank! Gij scherts, lieve vriend – Donnerschlag, ich danke! Sie scherzen, lieber Freund!«

»Nein; es ist mein Ernst. Versuchen Sie doch nur!«

»Neen; ik ete niet krokodil-eyeren.«

Er hielt sein Wort und rührte diese Speise nicht an; doch schien ihm sein Verzicht schwer zu werden, als er sah, wie gut es den andern schmeckte.

Dann wurde eine Brühe gebracht, in welcher kleine Fleischstückchen schwammen. Als er alle andern zulangen sah, fragte der Dicke vorsichtig: »Is dit Hond?«

»Nein,« antwortete Gottfried.

»Dan ete ik ook!«

Er füllte sich den Teller und aß mit dem unförmlichen Löffel, ohne sich der Kwei-tze zu bedienen. Auch bekümmerte er sich gar nicht um die Blicke, welche die Chinesen ihm ob dieser Verletzung des Anstandes zuwarfen. Als er fertig war, nickte er dem Gottfried freundlich zu und sagte: »Neen, dit is niet Hond.«

»Hund nicht, aber Katze!« antwortete Gottfried.

»Wat? Katenvleesch?«

»Freilich!«

»Mijn Himel! O mijne gorgel, mijn maag en mijne darmen! Mijnheer Methusalem, wat zeggt het woordenboek van den darmen?«

»Was das Wörterbuch von den Därmen sagt? Daß sie sieben Meter lang sind,« lachte der Gefragte, denn der Dicke hielt sich mit beiden Händen den Bauch und schnitt ein jämmerliches Gesicht dazu. »Fühlen Sie sich in den Ihrigen krank?«

»Ja, zeer! Ik heb smart en ontsteking.«

»Was? Schmerz und Entzündung haben Sie? Warum?«

»Ik heb katenvleesch gegeten.«

»Unsinn! Lassen Sie sich von dem Gottfried nicht so dummes Zeug weismachen! Der weiß selbst nicht, was er gegessen hat.«

Da machte der Mijnheer seinem Nachbar eine Faust und raunte ihm zornig zu: »Schaap! Gij zijt een ongelukkige nijlpaard!«

Der nächste Gang bestand in einer durchsichtigen und doch nicht dünnen Suppe mit sehr fein geschnittenem Wurzelwerk. Sie duftete sehr einladend.

»Soup of salangans!« rief der Ho-tschang seinen Gästen zu, indem er eine sehr bedeutungsvolle Miene machte, um ihnen anzudeuten, daß es sich hierbei um eine ganz besondere Delikatesse handle.

Das war also Suppe von den berühmten Schwalbennestern! Die fünf Europäer griffen sehr schnell zu; sie waren begierig, diese Speise kennen zu lernen.

Ueber diese sogenannten indischen Vogelnester ist viel Unwahres verbreitet worden. Richtig ist nur folgendes: Die Salangane ( Collacalia nidifica) sind 12 cm lange Segler, welche ungefähr 30 cm klaftern. Oben dunkelbraun, sind sie an der untern Seite heller gefärbt und kommen in Vorder- und Hinterindien und den Sundainseln vor, wo sie in großen Scharen vorzugsweise an unzugänglichen Felsenklippen nisten. Sie lieben besonders solche Stellen, wo die hohe Küste senkrecht aus der kochenden Brandung strebt.

Kurz vor der Brutzeit, also zur Zeit des Nestbaues, sondern die stark anschwellenden Speicheldrüsen dieser Tiere einen zähen Schleim ab, welcher einer dicken Gummilösung ähnlich ist. Diesen Schleim kleben sie in der Weise an die glatte, senkrechte Fläche des Felsens, daß der Vogel unzähligemale und immer wieder gegen dieselbe Stelle fliegt und dabei ein wenig des Sekrets mit dem Schnabel oder der Zunge andrückt. Dadurch entsteht ein fest-gallertartiger Unterbau von der Gestalt einer hohlen Viertelkugel, auf welchem aus Gras, Federn, Moos und Seetang das eigentliche Nest errichtet und mit demselben Schleime befestigt und kalfatert wird. Nicht dieses Nest, wie man irrtümlicherweise gemeint hat, sondern nur der aus erhärtetem Schleime bestehende Unterbau wird als Nahrungs- oder vielmehr Genußmittel verwandt.

Aus dem Gesagten geht hervor, daß das Einsammeln dieser Nester sehr gefährlich ist. Der Salanganjäger muß sich an einem Seile von der Höhe der Klippe herablassen und schwebt über der Brandung in steter Todesgefahr. An gewissen Fundorten hat man dem dadurch abgeholfen, daß ganze Küstenstrecken durch ausgespannte Seile und Strickleitern zugänglich gemacht worden sind.

Die Salangane kommen in solcher Menge vor, daß von Java allein jährlich gegen neun Millionen Nester ausgeführt werden. In China, wo jährlich durchschnittlich für sechs Millionen Mark eingeführt werden, wird das Stück mit ungefähr einer Mark bezahlt, was bei den Geldverhältnissen dieses Landes keineswegs billig ist, da ein gereinigtes Nest oft ein Gewicht von nur wenigen Grammen hat. Nur die Wohlhabenden können sich diesen Genuß bieten. In Europa aber ist nur der wirklich Reiche im stande, den Speichel indischer Schwalben zu verzehren.

Uebrigens ist ein solches Nest an sich nicht etwa eine Deliciosität. Unzubereitet kann es gar nicht gegessen werden, und gekocht schmeckt es nur fade. Wer das aus der Rinde tretende Harz eines Kirschbaumes, welcher am Gummiflusse leidet, kaut, hat ganz denselben Genuß. Diese zweifelhafte Delikatesse muß vielmehr erst durch die Zubereitung schmackhaft gemacht werden. Der Chinese kocht sie in Wasser oder Fleischbrühe und thut Wurzelwerk, Gewürz, Fleisch, Fischrogen, Holothurien, zerschnittene Früchte und anderes dazu. Nur diese Beimengsel sind es, welche den Nestern Geschmack und Nährwert verleihen.

Mijnheer van Aardappelenbosch schien, trotzdem er so lange auf Java gelebt hatte, diese Speise noch nicht gekostet zu haben. Er aß auch sie mit dem Löffel und machte dabei ein außerordentlich wonnevolles Gesicht.

Turnerstick wollte sich weder mit dem großen Löffel den Mund aufreißen, noch hatte er das Geschick, sich der Kwei-tze zu bedienen. Er machte also kurzen Prozeß und trank die Suppe aus dem Teller, was ihm heimliche Verachtungsblicke der Chinesen zuzog. Die drei andern aber brachten es fertig, die fremdartige Brühe mit den Stäbchen bis auf den letzten Tropfen auszulöffeln.

»Fein, außerordentlich fein!« meinte der Kapitän, indem er mit der Zunge schnalzte.

»Ja wel!« nickte der Dicke vergnügt. »Ongemeen heerlijk, op mijn woord!«

»War es wirklich so herrlich, so vortrefflich?« fragte ihn der Methusalem.

»Gewis, op mijne eer!«

»Und wissen Sie, was Sie gegessen haben?«

»Natürlich!« fiel Turnerstick ein. »Salangannester!«

»Unsinn! Diese Kerls werden uns mit indianischen Vogelnestern traktieren! Das würde ihnen, selbst wenn sie welche hätten, gar nicht einfallen.«

»Nun, was soll es dann gewesen sein?«

»Rindshaut, fein geschnitten und zu Gallerte versotten. Das gibt eine Brühe, welche derjenigen der Vogelnester leidlich ähnlich ist.«

»Alle Wetter! Wenn das wäre! Verzehrt man denn in China auch die Felle der Ochsen und Kühe?«

»Allerdings. Es gilt das sogar als ein ganz vorzügliches Gerücht.«

»O mijn god, o mijn schepper!« jammerte da sofort der Dicke, indem er mit den Händen nach dem Leibe fuhr. »Ik ben ziek, ik ben ziek!«

»Siech sind Sie? Krank? Was fehlt Ihnen denn?«

»Ik heb een gezwel in de maag.«

»Ein Geschwür im Magen? Hm!«

»En een aarmal in de lever. Wat zeggt het woordenboek van de lever?«

»Ihr Leberanfall wird wohl nicht von solcher Bedeutung sein, daß er uns zwingt, ein medizinisches Wörterbuch zu Rate zu ziehen. Lassen wir die gekochte Kuhhaut also auf sich beruhen, und essen wir weiter. Da kommt ein neues Gericht. Das sind Seekrebse, wie es scheint.«

Sofort hellte sich das Gesicht des Dicken wieder auf.

»Zeekreeften?« rief er. »God dank, deze ete ik!«

Er nahm sich den größten Hummer, welcher vorgelegt wurde und schien vor Freude über diesen »Zeekreeft« das »Gezwel« und den »Aanval« vollständig vergessen zu haben.

Nach diesem Gange gab es noch gesottene Fische als letzte Nummer des Speisezettels. Es waren also nicht allzu viele Gerichte gewesen. Die Gastgeber schienen es mehr auf das Trinken als auf das Essen abgesehen zu haben, denn zwischen jedem Gange wurden die Tassen zweimal mit Sam-chu gefüllt, und da der Ho-tschang die seinige immer schnell austrank, mußten die andern folgen und die Gäste auch dasselbe thun. Dieser Sam-chu ist, gut zubereitet, ein leicht berauschendes, dem Arak ähnliches Getränk, welches die Chinesen sehr zu lieben schienen, da sie es tassenweise tranken.

Durch die Seemannskehle Turnersticks war mancher starke Rum und steife Grog gerollt, und Mijnheer van Aardappelenbosch hatte so viele Genevers genossen, daß der Sam-chu diesen beiden nicht wohl gefährlich sein konnte.

»Wir trinken mit und wollen sehen, ob sie uns oder wir sie unter die Tische trinken,« sagte der erstere.

»Ja, wij drinken tapper met!« nickte der Dicke. »Ik drink als een nijlpaard.«

Der Methusalem und Gottfried von Bouillon hatten gar manches Fäßchen Gerstensaft mit ausgestochen; auch sie fürchteten sich vor dem Sam-chu nicht. Aber Richard fühlte sich der Stärke desselben nicht gewachsen. Er hatte von der ersten Tasse nur einmal genippt und das Zeug dann nicht wieder berührt. Auf die wiederholte Aufforderung Turnersticks, doch noch einen Schluck zu versuchen, antwortete er: »Ich mag nicht. Ich mag überhaupt keinen Schnaps und diesen nun schon gar nicht. Er ist mir zu bitter.«

»Zu stark, wollen Sie wohl sagen.«

»Nein. Er hat einen bittern Nebengeschmack, der mich anwidert. Mir scheint, dieses Bittere gehört gar nicht eigentlich in das Getränk.«

»Hm! Marzipan wird freilich nicht dazu genommen.«

Er glaubte ebenso wie die andern, daß der Sam-chu diesen Beigeschmack haben müsse. Auch achtete er ebensowenig wie sie darauf, daß die geleerten Tassen nicht am Tische, sondern hinter den Landkartenvorhängen wieder gefüllt wurden. Wäre er im stande gewesen, es zu sehen, so hätte er bemerkt, daß dort aus zweierlei Gefäßen eingegossen wurde. In dem einen befand sich Sam-chu mit Opium, welchen nur die Gäste bekamen.

Der Neufundländer saß zwischen seinem Herrn und Richard Stein. Er wich keinen Augenblick von ihnen und beobachtete jede Bewegung der Chinesen mit feindlichen Blicken. Nahte sich ihm zufällig einer, so fletschte er die Zähne und knurrte ihn grimmig an. Ja, als der Ho-tschang ein Stück Fleisch bringen ließ, angeblich um den Hund mit Hilfe desselben auf freundlichere Gesinnung zu bringen, biß dieser nicht nach dem Fleische, sondern nach der Hand des Gebers. Er nahm es auch dann nicht, als der Methusalem selbst es ihm hinreichte. Das Mißtrauen des Hundes war glücklicherweise ebenso groß wie die Unvorsichtigkeit seiner Herren. Später versuchte der angebliche Malaie es noch einmal, ihn zur Annahme des vergifteten Fleischstückes zu bewegen, jedoch mit ganz demselben Mißerfolge. Die Hoffnung der Chinesen, den Hund auf diese Weise töten zu können, erwies sich also als vergeblich.

Desto größere Mühe gaben sie sich, die Gäste zum Trinken zu bewegen, und das gelang ihnen freilich weit besser. Nur hatten sie sich getäuscht, als sie glaubten, denselben gar so leicht einen tüchtigen Rausch beizubringen. Die vier Personen blieben trotz des bedeutenden Quantums, welches sie vertilgten, vollständig nüchtern.

Dagegen zeigte sich bei den Chinesen sehr bald die Wirkung des Sam-chu. Der Sohn des Reiches der Mitte besitzt überhaupt nicht die Eigenschaft, starke geistige Getränke vertragen zu können, und so bemerkte der Ho-tschang, daß der starke Reisbranntwein eine nicht wünschenswerte Wirkung auf ihn äußere. Das Benehmen seiner Kameraden verriet, daß auch sie begannen, duselig zu werden. Das mußte verhindert werden, da er mit betrunkenen Leuten seinen Plan nicht auszuführen vermochte. Er ließ also für sich und sie einen schwachen Thee in die Tassen gießen, was die Gäste nicht bemerken konnten, da dieser Aufguß fast genau die Farbe des Sam-chu hatte.

Aber diese List war nicht von langer Dauer. Der Methusalem hielt seinen Gastgebern, um ihnen seinen Dank auszudrücken, eine kurze Rede und forderte dann den Ho-tschang auf, mit ihm eine Freundschaftstasse, das heißt, mit gegenseitig verschlungenen Armen zu leeren. Er schob seinen linken Arm in den rechten der Chinesen. Dabei mußte die Tasse des letzteren so nahe an der Nase des Blauroten vorüber passieren, daß dieser den Theegeruch bemerkte. Er griff sogleich nach der Tasse, zog sie aus der Hand des Ho-tschang und kostete von dem Inhalte.

»Thee! Brrrrr!« rief er aus. »Schämt euch doch! Ich habe wohl gesehen, daß ihr uns einen Rausch antrinken wollt, aber wenn ihr dabei so unehrlich handelt, so trinkt euern Tscha allein. Wer nicht mit gleichen Waffen mit uns kämpft, mit dem haben wir nichts zu schaffen. Nehmt unsern Dank, und laßt uns gehen!«

Die Chinesen widersprachen nicht. Sie glaubten, ihre Gäste hätten genug getrunken, daß das genossene Opium die beabsichtigte Wirkung thun werde. Die Reisenden zogen sich in ihre Kajüte zurück. Dabei kamen sie hinter den Landkarten an der Stelle vorüber, an welcher die Tassen gefüllt worden waren. Der Mijnheer sah den Krug stehen, in welchem sich noch ein ziemliches Quantum des Sam-chu befand, roch daran und sagte: »Ik nem den brandewijn met; hij is zeer goed.«

Er ergriff den Krug und trug ihn, als ob er das größte Anrecht auf denselben habe, nach der Kajüte.

Die Chinesen waren über diese Unverfrorenheit nicht etwa zornig; o nein, sie freuten sich vielmehr derselben, denn wenn die Gäste den Krug vollends leerten, so mußten sie mit vollster Sicherheit in einen tiefen Schlaf verfallen und konnten dann um so leichter überwältigt und ausgeraubt werden.

Der Methusalem wußte nicht, ob er über die Formlosigkeit des Dicken lachen oder schelten solle. Er versuchte es mit dem letzteren, denn er ahnte nicht, daß ihm der Sam-chu noch vom größten Vorteile sein werde, kam aber nicht weit, denn der Mijnheer schnitt ihm die Strafrede mit den Worten ab: »Deze Keerls hebben thee gedronken en ons dezen brandewijn gegeben; daarom is hij onze brandewijn; wij worden hem drinken. Hij is goed, zeer goed. Ik word hem niet staan laten!«

Gegen dieses Argument war nichts zu machen, zumal es in einer so drolligen Weise vorgebracht wurde, daß man darüber lachen mußte.

Turnerstick holte zwei der draußen noch brennenden Laternen herein, um die Kajüte zu erleuchten, was ihm nicht verwehrt wurde, und darauf verriegelte Gottfried von Bouillon die Thür. Die Reisenden hüllten sich in ihre Decken, um sich schlafen zu legen.

Sie fühlten sich jetzt von einer ganz außerordentlichen Müdigkeit ergriffen, und doch vermochten sie nicht, sofort zu schlafen. Sie waren innerlich erregt. Ihr Blut kreiste schneller als gewöhnlich, und ihre Pulse befanden sich in einer Anspannung, welche dem Reisbranntwein unmöglich zugeschrieben werden konnte. Das fiel ihnen natürlich auf.

»Dieser armselige Sam-chu!« räsonnierte Gottfried. »Dat ist ein janz hinterlistiges Jetränk.«

»Bist du berauscht?« fragte ihn Degenfeld.

»Berauscht? Fällt mir jar nicht ein! Aber es ist ein ziemlich ähnlicher Zustand. Ich habe mal von einem jelesen, welcher das Opiumrauchen versuchte. Er beschrieb die Wirkung des Jiftes jenau. Mein jetziger Zustand ist janz der seinige, als er sich im ersten Stadium dieser Wirkung befand. Sollte sich Opium in dieses Sam-chu befunden haben?«

»Hm! Auch ich befinde mich in einer eigentümlich heimtückisch dumpfen Aufregung. Aber ich sehe keinen Grund, den Branntwein mit Opium zu versetzen. Wie ist es dir zu Mute, Richard?«

»Ich befinde mich ganz wohl,« antwortete der Gefragte.

»Weil du nicht getrunken hast. Also ist unser Zustand gewiß eine Wirkung des Sam-chu. Wollen es abwarten.«

Es verging eine halbe Stunde, während welcher sich die vier Männer ruhelos von einer Seite auf die andre drehten. Dann schien einer nach dem andern einzuschlafen.

Richard war noch wach. Er hörte zahlreiche Schritte draußen auf dem Deck; dabei klang es, als ob Taue über Rollen bewegt würden; eine Kette rasselte längere Zeit. Mehreremal wurde von draußen an die Thür der Kajüte gestoßen, als ob man etwas an dieselbe schiebe. Der Neufundländer knurrte, beruhigte sich aber wieder, da niemand den Versuch machte, hereinzukommen.

So verging abermals eine halbe Stunde und noch eine. Es kam Richard vor, als ob der Boden der Kajüte jetzt eine abschüssige Lage habe. Durch die zwei offenen Fenster strömte ein frischer, sehr fühlbarer Luftzug herein, was vorher nicht der Fall gewesen war.

Richard stand auf und sah hinaus. Die Lichter des Hafens waren verschwunden. Das konnte dadurch erklärt werden, daß dieselben wegen der späten Stunde ausgelöscht worden seien. Aber auf jedem Schiffe muß doch wenigstens eine Laterne brennen, und jetzt war keine einzige zu sehen, obgleich so viele Dschunken in der Nähe der »Schui-heu« gelegen hatten. Der Himmel war klar und rein; die Sterne blinkten hell herab. Ihr Schimmer war hinreichend gewesen, die Umgebung des Schiffes erkennen zu lassen, und doch war keine Dschunke, kein Haus zu sehen. Vielmehr dehnte sich vor dem Auge Richards eine weite, sanft bewegte, durch nichts unterbrochene Fläche aus, in welcher sich die Sterne spiegelten, das war die See.

Es wurde dem Knaben angst. Sollte die Dschunke sich vom Anker losgerissen haben und von der Ebbe aus dem Hafen getrieben worden sein? Obgleich er kein Seemann war, wußte er doch, wie oft die Gezeiten wechseln. Von einer Gezeit zur andern vergehen zwölf und eine halbe Stunde. Morgen am Vormittage hatte die »Schui-heu« mit der Flut nach Kanton gehen wollen; jetzt war es vielleicht eine Stunde nach Mitternacht, folglich stand die See jetzt höchst wahrscheinlich am Beginn der Ebbe. Da war es möglich, daß das losgerissene Schiff aus dem Hafen getrieben worden war, ohne daß die Besatzung desselben, welche vielleicht bis zum letzten Mann schlief, etwas davon bemerkt hatte.

Richard beschloß, den Onkel Methusalem zu wecken.

Dieser aber schlief so fest, daß er den Zuruf des Knaben nicht hörte und es auch nicht fühlte, als dieser ihn kräftig rüttelte. Die Angst des Knaben vergrößerte sich. In der Nähe von Hong-kong gibt es viele und gefährliche Felsen. Wenn die Dschunke an einen derselben getrieben wurde, so war sie verloren; das sagte sich der Knabe in seinem Landrattenverstande. Er wollte hinaus auf das Deck, um Lärm zu machen, und schob den Riegel von der Thür. Aber er vermochte dieselbe nicht zu öffnen; sie war von draußen verbarrikadiert.

Jetzt begann ihm eine Ahnung aufzugehen, welche noch viel schlimmer als seine erste Vermutung war: die Chinesen waren keine ehrlichen Leute; vielleicht war die »Königin des Wassers« gar eine Raubdschunke. Man hatte den Europäern Opium in den Sam-chu gegeben, um sie einzuschläfern und dann auszurauben und zu töten!

Bei diesem Gedanken erwachte die ganze Energie des Knaben. Er versuchte noch einmal, den Onkel Methusalem oder einen der andern aus dem Schlafe zu rütteln, doch vergebens.

»Sie schlafen fort,« sagte er. »Sie wachen vielleicht erst nach Tagesfrist auf. Ich und der Hund sind allein munter. Wir werden die Kajüte verteidigen. Diese Halunken sollen erfahren, daß ein deutscher Gymnasiast sich nicht vor ihnen fürchtet! Nicht wahr, mein tapfrer Kerl?«

Er streichelte dem Hunde das schöne, langhaarige Fell; dieser blickte ihn mit hellen Augen an, schlug mit der Rute wedelnd auf den Fußboden, drehte dann den Kopf nach der Thür und ließ ein leises, tiefes Knurren hören, als ob er sagen wolle: »Weiß schon! Habe aber keine Angst, denn ich bin da!«

Dann holte Richard die Gewehre seiner Gefährten aus der Ecke und untersuchte sie. Er war kein Schütze; er wußte nicht, ob die Hinterlader geladen seien und hätte sie im Verneinungsfalle auch nicht laden können; aber die Konstruktion der beiden Flinten des Mijnheer war eine so einfache, daß er sich dieser Gewehre leicht bedienen konnte. Er öffnete die Hähne und erkannte an den Zündhütchen, daß die Läufe geladen seien. Uebrigens waren ja auch die Revolver vorhanden, mit deren Konstruktion er vollständig vertraut war. Er zog sie aus den Taschen der Schläfer und hatte nun ein Arsenal beisammen, mit welchem er seiner Meinung nach die Kajüte für längere Zeit verteidigen konnte.

Es währte auch gar nicht lange, bis er Gelegenheit fand, seinen Mut zu beweisen. Der Hund horchte auf, ging zur Thür, schnoberte an dieselbe und begann zu knurren. Es mußte sich jemand draußen befinden.

Richard hörte, daß man draußen etwas Schweres wegschob; dann wurde versucht, die Thüre leise zu öffnen. Dies gelang aber nicht, da sie verriegelt war. Der Knabe winkte den Hund zu sich und gebot ihm durch eine Pantomime Schweigen.

Draußen wurde geflüstert; dann vergingen einige Minuten, bis ein neues Geräusch zu hören war. Es klang, als ob man mit einem Bohrer an der Thür arbeitete. Richard trat nahe an dieselbe heran und sah wirklich die Spitze eines starken Bohrers erscheinen. Man wollte ein Loch machen, um in die Kajüte blicken zu können.

Als dasselbe fertig war und der Bohrer zurückgezogen wurde, wich Richard zur Seite, damit man ihn nicht sehen könne. Der Blick desjenigen, welcher jetzt hereinsah, konnte nur die vier Schläfer und den Hund erreichen. Höchst wahrscheinlich glaubte man nun, Richard liege in der Ecke und schlafe auch. Der Neufundländer saß mitten in der Kajüte und hielt die Augen scharf auf das Loch gerichtet. Das kluge Tier schien die Bedeutung desselben zu kennen. Es war ihm anzusehen, daß er sich auf den Ersten, welcher es wagen werde, einzutreten, stürzen werde. Bei der Stärke des Tieres war der Betreffende dann jedenfalls verloren und darum sagte sich Richard, daß man zunächst trachten werde, den Hund unschädlich zu machen.

Aber wie? Er war nicht anders als durch einen Schuß zu erreichen. Sollte man das versuchen? In diesem Falle war es nötig, noch ein Loch zu bohren, eines für die Schußwaffe und eines für das Auge, um zielen, oder wenigstens sehen zu können, wohin dieselbe zu richten sei.

Der Knabe hatte, indem er dies dachte, sich nicht geirrt, denn er hörte jetzt das bohrende Geräusch von neuem. Da er sich sagte, daß eine Revolverkugel wohl durch die schwache Thür dringen aber den draußen Stehenden nicht verletzen werde, so griff er nach den beiden Gewehren des Mijnheers, spannte die Hähne und stellte sich so, daß er von draußen nicht gesehen werden konnte. Das eine Gewehr neben sich gelehnt und den Lauf des andern nach der Thür gerichtet, wartete er auf das, was man nun thun werde.

Der Bohrer drang durch die Thür, und Richard sah beim Scheine der beiden an der Decke hängenden Laternen, daß es eine Art Zentrumbohrer war, welcher ein weit größeres als das erste Loch geschnitten hatte. Es war so groß, daß man den Lauf eines Gewehres hindurchstecken konnte.

Was Richard geahnt hatte, das geschah. Man steckte den Lauf einer Pistole herein. Der Hund hatte den klugen Blick noch immer scharf auf die Thüre gerichtet. Er sah die Waffe und wich schnell zur Seite. In demselben Augenblicke drückte Richard ab. Er hatte, da sich das Auge des Attentäters jedenfalls am oberen Loche befand, den Lauf ungefähr fünfzehn Zoll tiefer gerichtet, wo sich die Brust desselben befinden mußte. Der Schuß krachte und draußen ertönte ein lauter Schrei. Der Knabe griff schnell nach der zweiten Flinte und gab einen zweiten, mehr seitwärts gehenden Schuß ab, denn er sagte sich, daß jedenfalls mehrere Personen draußen seien. Ein zweiter Schrei erscholl, dann ertönten die Rufe vieler Stimmen, in welche sich das wütende Gebell des Hundes mischte, durcheinander.

Der umsichtige Knabe zog schnell sein Notizbuch aus der Tasche, riß einige Blätter los, befeuchtete sie mit der Zunge und klebte sie auf die vier Schuß- und Bohrlöcher, damit man nicht mehr hineinsehen könne. Derjenige, welcher sich der Thür wieder in der Absicht nahte, hereinzublicken, mußte eins der Papiere wegstoßen, und dann wußte Richard ganz genau, wohin er die Verteidigung zu richten hatte. Es schien aber keiner der Chinesen daran zu denken, sich in die so gefährliche Nähe der Thür zu wagen. Auch wurde die Aufmerksamkeit des Knaben zunächst von derselben ab- und auf seine Gefährten gezogen.

So tief die Betäubung war, in welcher sich dieselben befunden hatten, das Krachen der beiden Schüsse war doch in ihr Gehör gedrungen. Sie bewegten sich, doch freilich in sehr verschiedenem Grade.

Der Dicke regte sich nur ein wenig und murmelte ohne die Augen zu öffnen: »Hem! Jemand schiet. Dat gevt gebraden kater – hm! Jemand schießt. Das gibt Katerbraten.«

Er dachte also sogar in seinem jetzigen Zustande an das Essen, und zugleich erinnerte er sich an Gottfrieds schlechten Witz vom Katzenfleisch. Dann sank er wieder in seine Betäubung zurück.

Turnerstick wendete sich langsam auf die andre Seite und sagte: »Nochmals Feuer, Jungens! Und gut gezielt! Gebt es ihm!«

Er schien zu glauben, daß sein Schiff sich mit einem andern im Kampfe befinde.

Gottfried von Bouillon richtete den Kopf in die Höhe, lauschte einen Augenblick und räsonnierte dann: »Dummkopf, wat fällt dich ein! Wie kannst du denn mit meine Oboe schießen! War sie denn jeladen?«

Dann senkte er den Kopf wieder und schlief weiter.

Eine größere Wirkung als auf diese drei hatten die Schüsse auf den Methusalem geübt. Er richtete den ganzen Oberkörper auf und öffnete die Augen. Stier vor sich hinblickend, fragte er: »War das geschossen? Wer – – wo – – – warum – – – wa – wa – – wa – –!«

Weiter kam er nicht. Er schloß die Augen und sank wieder zurück. Richard trat zu ihm, faßte ihn bei den Schultern und zog an denselben.

»Onkel, wach auf, Onkel Methusalem!«

Diese Aufforderung des Knaben fand kein Gehör. Er richtete mit Mühe den schweren Oberkörper des Betäubten wieder auf und rief: »Onkel, so höre doch! Ich habe zwei Chinesen erschossen. Man will uns morden!«

»Laß – laß – – laß mich!« antwortete Degenfeld, welcher abermals umsinken wollte.

Richard aber hielt ihn fest und bat: »Wach auf, wach auf! Wir befinden uns in großer Gefahr!«

»Ge – – – fahr?« lallte der andre.

»Ja. Oeffne doch wenigstens die Augen!«

»Au – au – – Augen!«

Man sah, daß er sich Mühe gab, die Lider zu heben; aber es gelang ihm nicht. Da verfiel Richard auf ein Mittel, von welchem er sich Wirkung versprach. Er rief dem Studenten in zornigem Tone zu: »Sonderbarer Mensch! Hörst du denn nicht, dummer Junge!«

Diese doppelte Beleidigung zeigte sofort den gewünschten Erfolg. Der Methusalem riß die Augen auf und schrie: »Schandfuchs! Ich haue dir eine horrible! Scharfe Schläger her, Gottfried!«

Er erkannte Richard trotz geöffneten Augen nicht.

»Selber Fuchs!« antwortete dieser. »Dreimal relegierter Affe!«

Dieser Vorwurf erwies sich stärker als die Betäubung. Der Methusalem schleuderte den Knaben von sich, richtete sich auf die Kniee empor und donnerte: »Wie? Was? Rele – – rele – – – ich – – – ich?«

»Ja, du! Infam relegiert!«

Da sprang der Blaurote vollends auf, streckte beide Hände nach dem Beleidiger aus und rief mit fast überschnappender Stimme: »Mir das! Mir das! Hündischer Knochen, ich zermalme dich!«

Er wollte auf Richard einspringen, taumelte aber gegen die Wand und blieb, die Augen wieder schließend, an derselben lehnen. Mit beiden Händen an den schweren Kopf greifend, wäre er wohl wieder niedergesunken, wenn Richard nicht auf ein neues Mittel gekommen wäre, auf seine Energie zu wirken. Er rüttelte ihn an der Schulter und sagte: »Methusalem, wache doch auf! Es gilt dein Ehrenwort. Willst du dich hier abschlachten lassen und dann nicht dein Ehrenwort halten können? Hörst du, dein Ehrenwort, dein Kong-kheou, dein Kong-kheou!«

»Ehrenwort – Kong-kheou! Das – das – – halte ich! Was – was – – – ah du, Richard?«

Er richtete sich stramm auf, öffnete die Augen und erkannte nun den Knaben.

»Ich bitte dich um Gottes willen,« sagte dieser, »denk an das Kong-kheou! Denk an meine Mutter, und denk auch in Ye-kin-li daheim, denen du dein Wort verpfändet hast.«

Da trat der Blaurote zu ihm heran, legte ihm die Hand auf die Achsel und antwortete: »Knabe, habe ich jemals mein Wort nicht gehalten?«

»Stets! Aber wenn du dich jetzt nicht aufraffst, wird dein Kong-kheou zu Schanden werden.«

»Warum?«

»Weil man uns sonst hier ermorden wird.«

»Er – mor – – den?!«

»Ja. Hast du meine Schüsse nicht gehört? Ich habe zwei Chinesen erschossen.«

»Alle Wetter! Träume ich? Mein Kopf, mein Kopf! Was ist mit mir und mit meinem Kopfe? Warum liegen diese drei wie tot am Boden?«

»Weil man euch Opium gegeben hat, um euch zu betäuben. Die Halunken haben zwei Löcher dort in die Thür gebohrt, um zunächst den Hund zu erschießen; ich aber habe ihnen zwei Kugeln gegeben, welche sicherlich getroffen haben.«

»Du – hast – – geschossen! Wer – wer sprach vorhin vom Relegieren?«

»Ich. Es war das einzige Mittel, dich wach zu bringen.«

»Ah – – ah – – braver Kerl! Kluger Bursche! Aber mein Kopf, mein Kopf!«

Er legte sich die Hände an die Schläfen und gab sich Mühe, ohne Taumeln fest zu stehen.

»Bleib munter, bleib munter, Onkel! Es hängt unser Leben davon ab!«

»Ja, Leben – Ehrenwort – Kong-kheou – Relegatio cum infamia! Kerl, das war ein starker Tabak, aber er soll geraucht werden. Opium! Richard, mir ist's zum Umsinken, dumm im Kopfe. Du mußt mir helfen!«

»Gern! Aber wie?«

Degenfeld wankte noch immer hin und her. Er stemmte eine Hand gegen die Wand und antwortete: »Du mußt es aber auch thun, unbedingt!«

»Kann ich denn?«

»Ja. Gib mir dein Wort!«

»Ich gebe es.«

»Gut! Du wirst es halten; ich weiß es. Stecke mir also eine Ohrfeige, aber eine aus Herzensgrund!«

»Onkel!«

»Pah! Warte nicht ewig! Es muß sein; es geht nicht anders, mein Junge. Nicht ich, sondern das Opium bekommt den Hieb. Also vorwärts!«

»Wird's denn wirklich helfen?«

»Ich denke es. Alle Wetter, mach rasch, sonst setze ich mich wieder nieder!«

»Na, denn gut, so setze dich!«

Richard holte aus und gab ihm die verlangte Ohrfeige, und zwar so »aus Herzensgrund«, daß der Getroffene wirklich sogleich zum Niedersinken kam. Er sprang aber augenblicklich wieder auf, griff nach seiner Wange und rief: »Hol's der Kuckuck, Junge! Gar so kräftig hatte ich es nicht gemeint! Aber es schadet nichts. Viel hilft viel, sagte der Bauer, da sprang er ins Bett und brach durch. Jetzt ist mir's wohler. Nun sage schnell, was ist geschehen?«

Richard gab ihm kurz Bericht. Der Methusalem trat an das Fenster und sah hinaus, ging dann zur Thür, um die Beschädigungen derselben zu betrachten, und sagte dann: »Richard, hier hast du meine Hand! Du bist ein kluger und auch tapferer Bursche und hast uns das Leben gerettet. Halte nur noch kurze Zeit aus, bis ich wieder in vollem Besitze meines Kopfes bin. Sobald ich laß werde, gibst du mir wieder eine Backpfeife; das hilft; ich fühle es. Wir haben jetzt kein andres Mittel. Ich will zunächst nach den Gewehren sehen und die Flinten des Dicken wieder laden. Behalte die Thür scharf im Auge. Ich werde mein Gewehr laden und es dir geben. Sobald du siehst, daß jemand von draußen das Papier entfernt, schickst du augenblicklich eine Kugel nach der betreffenden Stelle.«

Er schob zwei Patronen in den Hinterlader und gab diesen dem Knaben. Eben als das geschah, wendete sich der Hund knurrend gegen die Fenster. Der Blaurote warf einen Blick nach dieser Gegend, riß sofort Richard das Gewehr aus der Hand und legte an.

Man sah erst die Beine und dann den Leib eines Mannes, der dort erschien. Jedenfalls wurde derselbe vom Bord aus an einem Seile niedergelassen.

»Jetzt wollen sie es von dort aus versuchen; das soll ihnen aber auch verleidet werden,« flüsterte der Student.

Jetzt, wo es galt, stand er ohne Wanken. Das Opium hatte keine Gewalt mehr über ihn.

»Willst du ihn erschießen?« fragte Richard.

»Ja.«

»Ein Menschenleben! Sollten wir es nicht schonen?«

»Hast du die beiden andern geschont? Ich bin nun überzeugt, daß wir uns unter Seeräubern befinden: die geben kein Quartier; wir können uns nur dadurch retten, daß wir an keine Milde denken. Leben gegen Leben. Vielleicht will der Kerl einen Stinktopf hereinwerfen. Gelingt ihm das, so sind wir verloren.«

Jetzt war der Mann so weit niedergeglitten, daß sein Gesicht an der Fensteröffnung erschien. Der Methusalem drückte los, und das Gesicht verschwand. Man hörte zornige Rufe erschallen.

Degenfeld trat an das Fenster und sah hinaus.

»Richtig!« sagte er. »Da neben dem Seile sehe ich einen Strick, an welchem ein Topf hängt. Das ist auf jeden Fall ein Hi-thu-tschang, wie diese Kerls die Steintöpfe nennen, ein ›Gefäß der wohlriechenden Kräuter‹. Wehe dem, in dessen Nähe so ein Topf zerplatzt! Die chinesischen Seeräuber werfen solche Töpfe auf das Deck derjenigen Schiffe, welche sie kapern wollen. Der entsetzliche Gestank, den dieselben entwickeln, betäubt die ganze Bemannung des Fahrzeugs. Gib nun acht auf die Fenster!«

»Willst du sie nicht zumachen?«

»Das nützt nichts, denn man kann die Schieber auch von draußen zurückstoßen. Uebrigens denke ich, daß sich nicht gleich wieder einer herabwagen wird. Ich will den abgeschossenen Lauf wieder laden.«

Während er das that, fiel sein Blick auf seine drei Gefährten, welche den Schuß wieder gehört hatten. Gottfried von Bouillon hatte sich in sitzende Stellung aufgerichtet und lehnte an der Wand, doch war er gleich wieder eingeschlafen. Turnerstick lag mit halb emporgerichtetem Oberleibe auf dem Ellbogen und starrte die beiden mit seelenlosem Blicke an. Der Mijnheer hatte sich umgewendet, jedoch falsch; er lag auf dem Bauche, was ihn verhindert hatte, wieder in den Schlaf zu sinken. Er gab sich vergebliche Mühe, auf die Seite oder den Rücken zu kommen, und stöhnte dabei: »Imand heeft weder geschoten. Hij heeft mij getroffen. Ik been dood – jemand hat wieder geschossen. Er hat mich getroffen. Ich bin tot!«

Er war der munterste von den dreien, obgleich er ebensoviel wie sie getrunken hatte. Vielleicht wirkt das Opium bei Fettleibigen nicht so sehr oder nicht so schnell. Der Methusalem drehte ihn auf den Rücken, richtete ihn mit Mühe zum Sitzen auf, schob ihn an die Wand, damit er sich anlehnen könne, und sagte zu ihm: »Sie sind nicht tot, Mijnheer; Sie leben. Sehen Sie mich einmal an!«

»Neen,« behauptete der Dicke, »ik been gestorven.«

»Nein, Sie sind nicht gestorben, sondern nur betäubt.«

»Goed, soo slape ik!«

»Sie sollen aber nicht schlafen! Wachen Sie auf! Oeffnen Sie die Augen!«

»Ik heb geene oogen!«

»Freilich haben Sie Augen! Geben Sie sich nur Mühe, sie aufzumachen!«

Der Dicke wollte dieser Aufforderung gehorchen. Er zog die Brauen möglichst hoch empor, brachte aber die Lider nicht auf.

»Het gaat niet – es geht nicht,« meinte er, indem er gähnte.

Da nahm Richard sich der Sache an. Er dachte an den Erfolg, den er beim Onkel Methusalem gehabt hatte, und packte nun auch den Dicken bei seiner hervorragenden Eigentümlichkeit, indem er ihm zurief: »Mijnheer, haben Sie keinen Hunger? Wollen Sie nichts essen?«

»Eten?« fragte Aardappelenbosch. »Wat hebt gij?«

»Was wir haben? Was essen Sie denn am liebsten?«

»Gebraden gans met koolsalade.«

»Das haben wir, Gänsebraten mit Krautsalat!«

»Heiza! Ik wil hem hebben!«

Die List gelang. Der Dicke machte die Augen weit auf und streckte beide Arme nach dem verheißenen Gänsebraten aus. Degenfeld mußte, obgleich die Situation keine behagliche war, laut auflachen und sagte: »Noch ein wenig Geduld, Mijnheer. Sie bekommen ihn nicht eher, als bis Sie aufgestanden sind.«

»Ik word opstaan!«

Indem er sich mit beiden Händen an der Wand festhielt, gelang es ihm wirklich, sich aufzurichten. Durch diese Anstrengung mehr zur Besinnung gekommen, sah er die beiden verwundert an; dann griff er nach seinem Kopfe und sagte: »Mijn hoofd, mijn hoofd (Haupt)! Jk heb een Nijlpaard tußchen mijnen hersenen – mein Kopf, mein Kopf! Ich habe ein Nilpferd zwischen meinem Gehirn!«

»Aber Sie sehen und erkennen uns?«

»Ja wel.«

»So sagen Sie zunächst, wo Sie Ihre Munition haben!«

»Daar – dort!«

Er deutete nach dem Tornister. Der Methusalem öffnete denselben und erblickte eine beträchtliche Anzahl verschiedenfarbiger Tüten, welche sich in demselben befanden. Er nahm eine derselben heraus und fragte: »Was ist der Inhalt dieses Papieres?«

»Hooizaad,« lautete die Antwort.

»Heusamen! Und hier?«

»Driekleurigviooltjetee.«

»Also Stiefmütterchenthee. Und hier?«

»Kruizemuntentee.«

»Krausemünzthee! Und in dieser Tüte?«

»Lindeboombloesemtee.«

»Lindenblütenthee! Weiter hier?«

»Seringatee.«

»Also Fliederthee. Aber, Mijnheer, das sind zwanzig Tüten, also eine ganze Apotheke! Wozu schleppen Sie denn diese verschiedenen Thees mit sich herum?«

»Voor mijne gezondheid. Ik heb vele ongesteldheiden – für meine Gesundheit. Ich habe viele Krankheiten.«

Degenfeld nahm die Tüten alle heraus, bis er ganz unten auf die Munition kam und die beiden abgeschossenen Gewehre nun laden konnte. Dies brachte den Dicken vollends zu sich. Er erkundigte sich, weshalb man seine Gewehre lade, und erhielt die nötige Auskunft. Als er hörte, in welcher großen Gefahr er sich befand, wurde er äußerst beweglich. Er packte nun selbst die Tüten wieder ein, um seine sieben Sachen beisammen zu haben, zog sich dann mit den Gewehren, dem Schirme und dem Tornister in eine Ecke zurück und erklärte, jeden durch und durch zu schießen, der es wagen werde, ihm wenn auch nur ein finsteres Gesicht zu machen.

Nun galt es, auch den Kapitän und Gottfried von Bouillon zur Besinnung zu bringen. Es gelang, wenn auch nur schwer. Sobald sie hörten, daß man ihnen nach Eigentum und Leben trachte, flog der Rausch von ihnen. Aber auf wie lange, das war die Frage. Für jetzt hielt die Energie den Körper aufrecht und die Augen offen; aber vielleicht war das Gift noch gar nicht in seine volle, eigentliche Wirkung getreten; vielleicht begann es erst noch, dieselbe zu entfalten. Dem mußte vor allen Dingen vorgebeugt werden. Aber wie und womit? Ein Gegenmittel gab es ja nicht hier in der Kajüte.

Als erstes Mittel hat der Arzt das Erbrechen und, wenn nötig, die Magenpumpe anzuwenden, um das etwa noch im Magen vorhandene Gift zu entfernen. Deshalb riet Degenfeld seinen Genossen, ihre Magen durch mechanische Mittel zum Erbrechen zu reizen. Dies reichte aber natürlich nicht aus, da das Opium bereits ins Blut übergetreten war. Die sonst anzuwendenden Medikamente wie Kaffein oder Quaranaabkochung gab es nicht. Eine Tanninlösung – ah, das brachte den Methusalem auf einen guten Gedanken.

»Mijnheer, Ihr Tornister muß uns retten!« sagte er zu dem Holländer.

»Mijn ransden (Ranzen)?« fragte dieser erstaunt. »Welt gij hem als Medizin opvreten – wollen Sie ihn als Medizin auffressen?«

»Nein, ich habe es nicht auf den Ranzen, sondern nur auf dessen Inhalt abgesehen. Die verschiedenen Thees, welche er enthält, sind wohl alle mehr oder weniger gerbsäurehaltig. Wenn wir sie stark einkochen und diesen Aufguß trinken, werden sich die Alkaloide des Opiums im Körper in unlösliche Tannate verwandeln. Es ist ein Glück, daß Sie auf den Gedanken gekommen sind, den Branntwein mitzunehmen. Wir können ihn jetzt als Brennmaterial benutzen. Eine Theemaschine haben die Matrosen uns am Nachmittage besorgt; so haben wir alles Nötige beisammen.«

»Ja,« meinte der Dicke, »mijne tee's zijn goed; wij worden ze drinken.«

Er war stolz darauf, daß die Heilmittel seiner vielen Krankheiten sich jetzt als so nützlich erwiesen. Für Trinkwasser hatte der vermeintliche Malaie gesorgt; so konnte man mit dem Kochen beginnen.

Außer Richard bekam jeder die gleiche Portion des heißen, übel schmeckenden Getränkes. Außerdem war es nötig, dem Opium durch unausgesetzte Körperbewegung und tiefes Einatmen frischer Luft zu begegnen. Auf den Vorschlag des Methusalem wurden darum Exerzitien vorgenommen, Turnfreiübungen, bei denen sich der Dicke außerordentlich komisch ausnahm. Er ahmte aber alle Bewegungen und Stellungen, welche der Blaurote als Vorturner kommandierte, mit wahrer Begeisterung nach, denn er fühlte an sich selbst, daß dieses Mittel den gewünschten Erfolg hatte, obgleich es für ihn sehr anstrengend war. Er schwitzte aus allen Poren.

Wären die vier Personen nicht so tüchtige Trinker gewesen, so hätte das Opium eine noch viel größere und nachhaltigere Macht auf sie geäußert. So aber milderte sich die Herrschaft des Giftes mehr und mehr, bis endlich nur noch eine leicht zu ertragende Beklommenheit der Köpfe zurückblieb.

Während sie aus Leibeskräften exerzierten und während der Pausen den starken Absud des Thees tranken, hielt Richard treulich Wache. Er stand mit geladenem Gewehre bereit, dem ersten, der sich an die Thür oder eine der Luken wagte, eine Kugel zu geben. Dabei mußte er sich mehr auf sein Gesicht als auf sein Gehör verlassen. Einen, der sich draußen an die Thür schlich, hätte er nicht hören können, weil die Turnenden zu viel Geräusch verursachten.


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