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IV

Ihr Villino stand gleich hinter der Bergecke. Um ihren Gästen auszuweichen, ließ sie ihn bis nach Pozzuoli fahren. Es war nicht weit, aber bei der Ankunft keuchte Nino; er hatte in den ersten zehn Minuten seine Kraft ausgegeben, ohne sich träumen zu lassen, sie könne je enden. Im Orte verschwand er und kam wieder zum Vorschein mit Kleidern für die Geliebte. Woher er sie hatte? Es war sehr geheimnisvoll; er raunte allerlei. Dann fuhren sie nach Neapel, in heimlicher Nacht und dicht, dicht zusammengedrängt auf dem rasselnden, mit Stroh bedeckten Wägelchen. Nino wiederholte hundertmal: »Yolla!« Er sagte es ihrem Halse und ihrem Munde, ihrer Brust und ihrem Haar – und kindlich dazwischen und voll tiefer Überzeugung:

»Ich bin im Paradiese!«

»Bin ich denn schon tot?« fragte er, die Hand an den Augen. Gleich darauf platzte er aus:

»Das hat ja unser Direktor gesagt! Wir trugen ihn einmal nachts mitsamt seinem Bett in den Korridoren umher. Wir hatten uns vermummt und hielten in den Händen lange Kerzen. Plötzlich wacht er auf und fragt ganz blaß: ›Bin ich denn schon tot?‹«

Am Morgen, in der Bahn, auf der Fahrt nach Salerno, erinnerte er sie an jedes Wort, das sie in der Nacht gesprochen hatten; und zugleich glänzte sein Blick in ihr Auge hinein den Gedanken an jede Liebkosung, die von dem Wort begleitet war. Sie erregten sich aus vorzeitiger Furcht, das alles könnte einmal zur geglätteten Erinnerung werden. Es sollte stürmische Gegenwart bleiben! Diese erste Nacht würden sie zu dauern zwingen, ihr Leben lang zu dauern!

»Der Direktor merkte gar nichts. Wenn es bei Tische Quarkkuchen gab – den esse ich nämlich gern –, dann verschluckte ich ihn eins, zwei, drei, warf den Teller aus dem Fenster – denn ich saß dicht beim Fenster – und rief: ›Ich hab noch nichts gekriegt!‹ Drunten beim Bach lag schon ein ganzer Haufen Scherben.«

Und inzwischen fuhren sie tiefer hinein in den tief goldenen Süden. Das Laub umschloß immer dichter die Goldfrüchte, die Gärten sprengten immer schwärzer ihre weißen Mauern. Sie blendeten alle. Die Menschen sprangen alle von zuviel Saft, auch noch die mit Glatzen. Nur hier waren die Augen völlig schwarz, und die Wimpern sträubten sich scharf in den vor Leidenschaft bleichen Gesichtern.

Einmal, als der Zug hielt, trat ein Kind mit blassem, weichem Profil an ihr Wagenfenster, die Augen umrändert, die bläuliche Nasenwurzel eingerahmt in zwei schwarze Strähnen. Ihr fleischiger Mund stand ein wenig offen, am Ende ihres Ärmchens erhob sie zwei Orangen. Die Herzogin schloß mit einem Seufzer die Augen. Aber Nino warf der Kleinen Geld zu, eine ganze Menge.

»Da, behalte alles!«

»Abfahrt!« schrie es den Zug entlang.

»Steig ein, fahr mit uns! Rasch, rasch!«

Das Kind schüttelte den Kopf, es sah ihnen groß nach mit seinen Augen, traurig von zuviel Sonne. Die Tür flog zu, die Reise ging weiter.

»Ach! Wenn doch das wunderschöne Mädel mit uns gekommen wäre!« rief Nino. »Warum denn nicht? ... Wie schön! Wie schön!«

Er stand, beide Arme ausgebreitet, vor dem Fenster voll Meerblau. Häuser, grau, aus übereinandergestürzten Loggien, Stützmauern, zerbrochenen Brüstungen mit starken Weibern, Hühnern, trocknenden Lumpen, bröckelten hinab über hängende Gärten und zum Meer. Umkränzt von Rosen breitete Stein und Geschöpf, gleich Nino, die Arme aus nach dieses Meerblaus zermalmender Glückseligkeit.

»Ich möchte ...!« rief Nino und drehte sich um sich selbst.

»Was denn?«

»Ich weiß nicht. Abenteuer, erstaunliche Erlebnisse!«

»Noch immer?«

»Meinst du vielleicht, so etwas gibt es nicht? Höre einmal, was mir neulich in Mailand passiert ist. Bei Cova spricht mich ein eleganter junger Mann an; er sei auch ein Student. Er erzählt von einem netten kleinen Café, wo man sich gut unterhalte. Wir gehen hin, es ist schon spät. Das Lokal befindet sich in einer engen Gasse irgendwo. Wir treffen dort zwei Freunde meines neuen Bekannten, man schlägt ein Spiel vor: ich gewinne. Dann verliere ich und ahne bestimmt, man betrügt mich. Die letzten Gäste gehen fort, ich sinne, wie ich abbrechen kann. Ich sage, ich habe kein Geld mehr, aber sie lachen. Darauf erzähle ich leichthin von zwei Revolvern, die ich immer geladen in der Tasche trage. Und sofort ist die Partie aus.«

»Bravo! Natürlich hattest du gar keinen Revolver.«

»Doch. Aber nur einen, und keine Patronen mehr. Ich hatte sie verschossen.«

»Ach!«

»Beim Radfahren, weißt du, auf den Landstraßen. Wenn so ein Kläffer mich verfolgt, schieße ich. Ach! ich wollte, es bände jemand mit mir an!«

»Wenn plötzlich ein maskiertes Räubergesicht in unserm Fenster stände! ... Schau, jetzt bist du selber der Pirat, der die Prinzessin entführt. Weißt du noch?«

»Oh, Yolla, ich weiß alles – und daß ich immer nur gewartet, gewartet habe, bis das Leben anfangen würde. Und jetzt hat es angefangen! Im Sommer und auf dem Wege zu dir! Göttlich, dieser Sommer. Unbesorgt, nur ein wenig Leinenzeug auf dem Leibe, umherzuschlendern durch die warme Luft. Zu Rad von einer Stadt zur andern! Alle Gärten am Wege sind mein, alles, was sich in den Teichen spiegelt, und alles, was am Himmel hinzieht. Der Wein ist für mich gewachsen, die Mädchen haben mir zuliebe ihr hübschestes Lächeln angelegt. Ich esse, wo ich gerade bin, kümmere mich um keine Ordnung. Wie meinst du, daß ich den Tag anfange? Mit einer Zigarette und einer Portion Gefrorenem. Und am Abend vor den Cafés auf dem Asphalt, wo an den Tischen geschminkte Weiber sitzen. Es ist schwül, es duftet nach Parfüms, deren Namen ich nicht weiß, noch nach anderen Dingen, sogar ein bißchen Kloake ist dabei, und es mißfällt mir nicht einmal ... Die Hände sind in der Hitze alle wie gepudert und so langsam, und man sieht die Adern darauf. Es ist wunderbar ... Yolla!«

Er warf sich über sie, auf den Knien, den Kopf in ihrem Schoß. Sie fühlte ihn ganz trunken von dem Hunger der Jugend, die sich mit Fieberaugen in die ersten Feste stürzt. Sie war das Leben, das ganze Leben, das er in seine bebenden Arme riß. Sie bebte selber, jung und gierig wie er.

 

Über Salerno, in schleierloser Luft, klar und fest, herrschte die Burg. Weiße Häuser lächelten am Berge, eingehüllt in große Sträuße Zitronenlaubes. Drunten am gebogenen Strande schnitten die Schattenmassen des Baumganges in das grellweiße Pflaster. Grellweiß und in die Sonne blinzelnd aus grünen Läden, sprangen die Fassaden des Kais aus dem Dunkel der Gassen. Schnörklige Türme kletterten ins Licht, flache Kuppeln brüteten in ihm. Es kreiste schwindelnd durch Himmel und Meer. Auf der lodernden Bläue von Himmel und Meer und bespült von ihr, öffnete die Stadt, ein riesenhafter Schwan, die blendenden Flügel.

Und überall am Wege nach Amalfi, die ganze Bergstraße entlang, versteckten sich die Städte, zusammen mit den Früchten, in Nestern aus Zitronenlaub.

»Da, Yolla, wir greifen nach der Brotfrucht über unsern Köpfen und nach der Limone zu unsern Füßen. In die Stadt sehen wir hinein wie in ein kleines altes Spielwerk. Es ist aufgezogen. Auf dem Platze werden für Geld vielerlei Bewegungen gemacht. Der Waschbrunnen ist in die Gebärden von Weibern ganz eingehüllt.«

»Aber nun steigen wir aus, Nino, du willst doch nicht, daß wir hier vorüberfahren! Schau dort hindurch: zwei Wände voll Limonen, und eine Öffnung hinab aufs Meer!«

Sie neigten sich, Schulter an Schulter und mit Früchten im Nacken, über eine Tiefe im Feenlicht. Die Bucht, klein und weiß, spielte ganz durchsonnt am Lande hin wie leichte Luft; die Schiffe schwebten darin. Über das blaugeränderte Ufer fort starrte in verjährter Herrschsucht ein runder Turm.

Sie schlenderten hinab in eins der beiden Städtchen, deren Häuser, im Lichte zitternd, aus grünen Erdfalten und unter Fruchtgärten hervor den Berg hinabgaukelten inmitten heimlich rinnender Bäche. Der Mittag ward schwül und grau; das Gewitter zögerte mit dem Ausbruch. Sie verließen das Gasthaus, um zu baden. Sie wanderten über den feinsandigen Strand, wo Boote mit umgewendeten Flanken heiß nach Teer dufteten, und sanken, beklommen von verhaltenem Sturm, hinter dem alten Turm auf die Klippen. Sie warfen die Kleider ab. Ein Strom schwerer Sonne ging auf einmal aus Wolken hernieder und am Abhang über die Oliven hin. Die Bäume schlugen im Nu lauter silberne Augen auf und schlossen sie wieder. Nino und seine Geliebte erhoben sich, indes über ihnen zwei große Zypressen zu sausen begannen. Ihre Sinne beugte derselbe schwere Wind. Sie sahen sich an, mit Blicken, dunkel und zuckend wie der Himmel. Und wie sie einander an sich rissen, brach der Sturm los.

Sie stürzten sich, Brust an Brust, in die erzenen Wellen. In jeder von ihnen verzitterte einer ihrer Seufzer. Jeder schwere Windstoß peitschte eine ihrer Umarmungen. Ihre hellen Glieder bebten auf den Spitzen der schwarzen Wogen, zusammen mit den Schaumkronen. Als sie wieder ans Land stiegen, perlten sie von Meerschaum und keuchten noch von der Lust, deren Gipfel sich überschlagen hatten. Wie Algen, lang und naß, klatschte das dunkle Haar der Herzogin im Sturm ihrem Geliebten um den Leib. Rote Blüten flogen ihnen im Sturm, sie wußten nicht woher, an die Stirnen. Andere hafteten rot auf ihren Scheiteln. Und dabei krümmte sich der ganze Himmel feurig rot.

Auf einmal stürzte aus berstenden Wolken das Wasser in lauen Schleiern. Sie streckten sich unter Akazien und ließen sich, wie der Regen versiegte, ganz überfluten von süßem, dampfendem Duft. Der Donner überlärmte jedes Gefühl; die Gedanken schliefen im Duft und tief im Schoße des Unwetters. Nino schloß die Augen; es war ihm, als sei er noch einmal zum Kinde geworden. Seine zaghaften Hände tasteten nach der Gefährtin und fanden sie nicht. Er sprang auf; da prangte sie vor ihm in einer Woge, die von ihren Schultern zurückfiel wie ein grünschillernder Mantel – prangte glitzernd und rinnend von Tropfen, mit ausgebreiteten Armen, die Brüste im Winde, die Stirn umwunden von hervorbrechender Sonne – prangte mit Schenkeln lang und nervig und mit Hüften, die sich wanden wie Sirenen. Er kniete und erhob zu ihr die Hände: sie war die dem Meere Entstiegene.

 

Endlich gingen sie heim, und auf der engen Terrasse ihres Häuschens saßen sie heiter und still, unter Blätterkränzen, bei Früchten und Wein, und ließen sich vorplaudern von den friedlich lächelnden Menschen. Auf ihren Tellern waren Grillen gemalt, die ein Wägelchen kutschierten. An der Mauer ließ eine Bacchantin ihren Schleier flattern und die Zymbeln auf einanderklappen. Der beruhigte Abend glänzte rosig herein. Sie legten sich über die Brüstung; Glyzinien schaukelten blaßlila an ihren Gesichtern. Nino glitt mit seiner Hand über die der Freundin, als bäte er um Verzeihung. Er flüsterte:

»Ich tue immer, als ob mir das alles zukäme. Darum mußt du aber nicht denken, Yolla, ich sähe nicht, wie über alle Maßen schön du bist. Ich weiß es, glaube mir – aber was nützt es, sich darin zu vertiefen.«

»In meine Schönheit?«

»In deine und in die der Erde ... Ich wollte einmal Maler werden, voriges Jahr, denn Pirat wird man nun einmal nicht mehr. Ich habe zuviel Geschichte gelernt, und solch ein Leben wie das meines großen Freundes San Bacco – ach, das kommt nie wieder. Man lebt gar nicht mehr. Wir alle sind heruntergekommen, blasiert und dekadent – aus zweiter Hand ist alles. Man sieht sich immer im Spiegel. Blödsinnige Sprüche gibt man auch zu viele von sich, ich weiß wohl – und bildet sich noch etwas darauf ein, daß man so krank ist.«

»So krank?«

Sie war erschrocken. Sie fragte:

»Und deine Mama, wie geht es ihr?«

»Oh, ausgezeichnet.«

Sie schwieg; sie wußte, Gina schloß sich auf ihrer Besitzung bei Ankona ein, damit der Sohn sie nicht sterben sähe.

»Meine nächste Lebensperiode«, so träumte Nino, »möchte ich in Paris verbringen – oder ich studiere die amerikanische Freiheit für unsere reformatorischen Zwecke.«

»Aber du wolltest malen!«

»Voriges Jahr – ja. Da aber machten wir, meine ganze Klasse, eine Ferienfahrt nach Florenz. Ich sah die Uffizien: Yolla, das Herz füllte sich mir ganz mit Gram. Ich habe mich ein für allemal entschlossen, nie, nie zu malen. Es gibt nirgends mehr etwas zu tun, alles ist schon geschehen.«

»Es ist seltsam, mir ahnte ganz dasselbe schon als Kind in meinem einsamen Garten. Draußen hatten die Türken gehaust; auch gab es keine Assy mehr. Trotzdem habe ich gelebt ...«

»Sieh dich nach dem Turm um, Yolla, er liegt schon im Schatten: du weißt doch, die Deinigen haben ihn erbaut. Ach! die waren noch Piraten! Mit solchen Türmen bewachten sie ihre geraubte Küste. Sie lugten hinaus ins Meer; plötzlich flogen ihre Segel hinter einem fremden Kauffahrer her.«

»Sie kamen hierher wie wir, Nino. Sie hatten gleich Lust, die Kinder, die ihnen Orangen anboten, auf ihr Pferd zu heben. Gleich gehörte ihnen die weiche Luft und der heiße Sturm.«

»Ich habe das gelernt, Yolla. Erst waren es nur vierzig normannische Pilger, und auf dem Heimwege von Jerusalem entsetzten sie Salerno von einer türkischen Flotte. Dann wurden sie die Mannen des Fürsten Guaimar – um am Ende seinem Erben das Land wegzunehmen. Wie war noch sein Name? ...«

»Wahrscheinlich redeten sie sich ein, immer sehr treu zu handeln. Sie waren so klug und stark.«

»Einmal baten sie Guaimar um einen Grafen. Er ließ sie wählen; sie nahmen einen Jüngling, der sehr schön, sehr edel und beinahe zart gewesen sein soll. Man versteht es kaum.«

»Wie hieß er?«

»Asclitino.«

»Sieh die Burg, Nino! Jenseits des Golfes, in der Höhe. Alles ist schon so dunkel, nur die Burg von Salerno schneidet immer noch, klar und stark, in den erbleichten Himmel ... Ich stelle mir vor, daß dort oben Asclitino in einem schlanken Panzer aus Silber, und einen Kranz aus Olivenzweigen über der Stirn, vor seinem Lehnsherrn das Knie gebeugt hat.«

»Jawohl. Und Guaimar stellte ihm das goldene Banner in die Hand ... Aber Asclitino hatte eine Geliebte drunten in der Stadt, eine aus der dunkeln, schwachen Rasse, die ihn und seine nordischen Recken so bitter haßte. Bei einem Pförtchen in den langen Burgmauern küßten sie sich.«

»Wie es dunkel geworden ist, Nino! Sieh mich fest an – ganz nahe.«

»Und sie vergiftete ihn. Sie konnte nicht anders; die Ihrigen verlangten es.«

»Wie gab sie ihm das Gift?«

»Man sagt – ich verstehe es nicht – in einem Kuß.«

»Nino – Yolla!«

Sie schraken auseinander, ihre Lippen waren im Finstern zusammengestoßen. Sie schwiegen; unter ihnen glühte geisterhaft das Meer. Dann sagte Nino, in einem Schauer, mit geschlossenen Augen:

»Ich wollte, Yolla, du tätest es.«

 

In der Nacht klimperten die kleinen Wellen an ihrer engen Kammer wie an einer Schiffswand. Sie schliefen, kindlich umarmt. Der blaue Morgen empfing sie am Strande, sorglos, beinahe ohne Erinnerung an das wilde Gestern. Der Golf ruhte bläulichweiß. Ein tieferes Blau blinkte hinter der kleinen Landzunge. Auf ihr hockten Wäscherinnen wie Zwerginnen auf einem schwimmenden Rosenblatt. Schiffer, die in der Ferne ein Boot flottmachten, ein Mann zwischen zwei Körben auf einem Esel und eine Frau, die, den Kopf mit weißen Tüchern beladen, ihn begleitete – alle sahen aus wie saubere Verkleinerungen, nach denen man die Hand ausstrecken konnte. Ohne Dunst und ohne Ferne empfing die Luft das klaräugige Bild aller Dinge.

Die Herzogin und Nino stiegen Hand in Hand den Berg hinan, über brüchige Stufen und auf engen Steigen. Die Oliven winkten und lächelten. Im Hintergrunde schlug ihr leichtes Laub zu silbernen Zelten zusammen; rosige Blüten hafteten darin. Die Herzogin ließ sich nieder an dem Bach, der über die schräge Wiese rann, zwischen Säumen von Narzissen und Margeriten. Nino sah ihr zu, wie sie einen Kranz flocht; dann lehrte sie es ihn, und sie schmückten einander. Er stand, tief atmend, im runden Schatten einer Pinie; der Wind machte sie erklingen. Die Herzogin, in die Sonne gestreckt, den Kopf auf dem Arm und hinabblinzelnd zu der zinnern heraufscheinenden Meeresfläche, lauschte einer frühen, heimlichen Melodie, die aus einem Garten herübersummte, aus einem Garten am Meer, wo ein Kind an der Hand eines schlanken Spielgefährten den Lämmern am Abhang nachsprang und gleich den Bienen alle Blumen küßte – bis es Abend ward, die Farren dunklere Lauben bogen und die Spuren des hellen Gefährten in den Wegen zerrannen, drüben, bei Pierluigis Pavillon, unter verhallendem Kichern.

Sie lächelte glücklich. Es hatte wirklich gelacht, sie wußte noch kaum, es sei Nino. Er blies auf seinen Fingern wie auf einer Flöte den Gesang der Pinie nach. Auf einmal neigte er sich im Spiel zu seiner Gefährtin und hob ihren bleichen und besonnten Kopf vom Rasen, so als pflücke er eine Märchenblume oder als zöge er eine Frucht, die lebte, aus der lockern Erde. Sie sahen sich in die Augen. Um sie her funkelte der schleierlose Mittag.

 

»Wenn wir nicht glücklich sind!« rief Nino auf einer Brücke. Der Bach war von Laub schwer überwölbt. Die Zitronen versteckten sich darunter, man sah nur ihre hellen Spiegelbilder im Wasser.

»Ich bin glücklich«, sagte die Herzogin einfach. Er erklärte:

»Ich bin es, weil du es bist.«

»Ach! Mehr nicht?«

»Ich liebe dich, das ist doch selbstverständlich, Yolla. Ich liebe dich! ... Weißt du noch, als ich dich damals verlassen mußte? Ich war schon fast im Tal; du standest oben auf winkenden Zweigen, beinahe in der Luft, und nur noch wie eine weiße Flamme. Und jetzt gehst du neben mir, und ich kann unter deinem schwarzen Haarknoten nach der Silberstickerei auf deinem Nacken tasten. Es ist ein Wunder! Als ich herreiste, habe ich nicht daran gezweifelt, daß es geschehen würde, – und nachträglich verstehe ich's nicht mehr ... Ich liebe dich! ich liehe dich! Aber –«

»Aber?«

»Aber das wäre wenig wert, wenn ich dich nicht glücklich machte! Einen Menschen halten, eine Frau – so – halten, und unter meinen Händen, ihren ganzen Körper entlang, fühlen, daß sie meine Träume mitleben und etwas von meinem Blut auch in sich kreisen lassen will ... Verzeih, ich bin sehr eigensüchtig!«

»Ich will dich so! Ich liebe dich!«

»Es wäre edler, zu lieben und nichts dafür zu wollen. Es wäre besonders stärker! Aber was willst du, man ist nicht stark. Geliebt zu werden, ist heute für den Mann das Ersehnenswerteste. Wir haben eine Müdigkeit im Blut ... Ich habe mir früher nicht einmal vorstellen können, wie schön es sein würde. Ich hatte schon soviel verzettelt, bei Frauen, weißt du, die zum Lieben nicht mehr fähig sind.«

»Was für Geständnisse, Nino! Willst du mich auf die Probe stellen? Du bist einfach gekommen und hast mich genommen ohne viel Nachdenken, weil ich mich dir versprochen hatte. Drum liebe ich dich ja. Rede dir nichts ein!«

Er lachte knabenhaft.

»Du hast recht, Yolla. Dumme Sprüche waren's wieder.«

»Und merke dir: ich bin glücklich, weil du zu mir gehörst – und will sonst nichts von dir. Ich liebe dich; ich bin dazu stark genug!«

»Oh! auch mich machst du stark! ... Bin ich schön geworden, Yolla?«

»Sehr schön!«

»Siehst du – weil ich werden wollte wie du. Auch stark bin ich. Und ich möchte andere so glücklich machen – viele, viele andere so glücklich, wie wir sind.«

»Tue es!«

»Ich würde zum Beispiel bei der armen Frau anfangen, von der du mir erzählt hast und die ich bei dem Märchenspiel im Garten als Nymphe sah, in der Nacht, als ich dich holte. Wie war sie weiß und traurig, die schöne Frau! Sie heißt Lilian, nicht wahr?«

»Ja. Was wolltest du für sie tun?«

»Sie muß sehr unglücklich, sehr einsam sein.«

»Aber sie ist stolz darauf!«

»Oh, ein elender Stolz! Wenn sie einmal am Abend ihren Kopf gegen meine Schulter lehnen möchte! Ich würde ihre Hände nehmen, um sie zu kühlen, ich würde so lange ihre gequälte Stirn, ihre armen Augen küssen, bis sie weinen könnte ... Was denkst du nun, Yolla? Bist du nicht erzürnt, weil ich eine andere Frau erlösen möchte?«

Sie antwortete nicht. Sie zog ihn fest in ihre Arme, sie ließen sich nieder auf einem Stein am Wege über einem grünen Tal. Es war verloren aus der Welt, vor seinem Ausgang hing das Meer.

»Nicht nur diese Frau, Yolla – Tausende bedrückter Sklaven wollen wir erlösen, wir Jungen. Hast du von unserer Bewegung gehört? Natürlich nicht; sie schweigen uns tot. Es wird ihnen nichts helfen. Wir sind entschlossen, der Freiheit und dem Rechte der Persönlichkeit unser Leben darzubringen und rufen zum Kampfe auf gegen den Sozialismus, der sie beide vergewaltigt. Schon sind wir zwanzigtausend in ganz Italien, Yolla, und lauter junge Leute! Wir gründen Zeitungen und machen uns zu Herren in den kleinen Städten. In Salò hielt es einer der Lehrer mit uns. Wir machten dem Direktor weis, daß wir in Brescia Frauen besuchen wollten: dann ließ er uns gehen. Und wir traten auf den Marktplätzen auf, auf einem umgestürzten Karren, und sagten den Bauern und den Handwerkern, daß das ärmliche, enge, aller Schönheit ferne Gefängnis des Sozialismus sich wieder öffnen solle. Es solle jeder sein Getreide und sein Salz essen, und den Staat solle das nichts angehen ... Frei sein –«

»– heißt schön sein, Nino! Ich weiß jetzt, wie du es geworden bist. Wenn San Bacco das erlebte!«

»Jawohl! Es ist ein Erwachen. Wir sind die Garibaldianer von heute! Nur wir wissen, was Stürmen heißt – und Umjubeltwerden!«

»Weil ihr jung seid!«

»Solange ein Staat da ist, wird er uns zu knechten versuchen. Wir wollen keinen. Ein freies Volk gehorcht sich selbst. Gesetze – ich weiß nicht, ob sie notwendig sind, aber sie sind verächtlich.«

Die Herzogin hörte staunend, wie ihre eigenen Worte zurückkehrten – woher doch? »Wann habe ich das gesagt? Oh, erst gestern, scheint mir's.«

»Ein König soll da sein, um über die Freiheit zu wachen«, behauptete Nino.

»Du bist Anarchist!« meinte sie und lächelte bei der Erinnerung, daß man auch sie so genannt habe.

»Ich schrecke vor dem Worte nicht zurück!« rief er und sprang auf. Und im Weitergehen, die Arme in der Luft, gerötet, mit verwirrten Locken und ein tiefes Beben in der Stimme, schwärmte er.

Sie fragte sich entzückt:

›Was ist jünger, seine Begeisterungen oder seine Verzagtheiten?‹

Aber sie bedachte auch:

›All diese Jugend ist doch nur wie ein großes Möwengefieder, blendend und zitternd. Wir sitzen darauf; es trägt uns umschlungen übers Meer, im Zickzack und ohne Ziel. Plötzlich ermüdet der arme Vogel, schießt hinunter, die Wellen reißen uns auseinander: wir retten uns, wenn wir können, und jeder, wohin es ihn trägt ... Nur die hohe Luft unseres Rausches macht ihn stark und mich jung. Daß ich in Wirklichkeit seine Venus war, das ist lange her: damals, als Jakobus sie malen wollte und bevor ich ihm erlaubte, mich zu lieben. Ich glaube, Nino sieht mich noch, wie ich damals war, im Park, als er mir die Verse von Francesca sagte und von der Spitze der Zypressen die Tauben aufflogen. Seitdem habe ich von mir gezehrt ... Er selbst – ach, in seinem schlanken, zu allen Spielen geschmeidig gemachten, aus Trotz schön gewordenen Körper arbeitet unhörbar ein Zerstörer. Das verurteilte Leben seiner kranken Mutter flüstert auch aus ihm, flüstert manchmal Zweifel und Müdigkeit, wovon er selbst nicht weiß, wie sie in seine leichte Jugend verirrt sind ... Oh, wollte er's nie erfahren! Wollte er plötzlich hinsinken – mit unserer Möwe, tief ins Meer – nach dieser schönen Stunde! Es ist nur dieser Augenblick, in dem er schön ist: wir sind nur einen Augenblick schön. Und sein Augenblick gehört mir! Vielleicht werde ich die Augen schließen unter dem Hauch des letzten Kusses, den ich ihm von den Lippen genommen habe.‹

 

»Warum?« fragte Nino. »Warum sollen wir fortgehen und hinauf in die Berge?«

»Ich weiß selber nicht«, erklärte sie. »Kommt es dir nicht auch vor, als hockten wir wie zwei Wäscherinnen auf einem Rosenblatt am Wasser? Ein Hauch treibt uns hinaus, es ist gefährlich.«

»Ich finde nicht.«

»Du weißt noch nicht: wer so glücklich ist wie wir, muß sich verstecken ...«

Eines Nachmittags drangen sie denn über den weißen Loggien von Atrani und zwischen schwarz getürmten Felsmassen in eine grün und verschwiegen atmende Talsenkung. Droben an der Bergkante ruhten Kuppeln und Türme, sehr fremd. Über die Fahrstraße hinweg und hinein in Ackerterrassen stiegen sie zwischen Wein und Kastanien, stiegen neben murmelndem Wasser einen Treppenweg, zerbröckelt, grau und ganz versenkt in betropftes Laub.

»Wohin geraten wir, Yolla?«

Es jubelte in ihr: ›An einen Ort, wo ich auf immer gerettet sein werde vor meinem Körper und seinem Alter; wo ich leicht und jung sein werde wie du!‹ ... Sie sagte:

»Denke dir, daß wir schließlich in eine große Stadt gelangen mit Kathedrale, Palästen, öffentlichen Bädern, Gärten, mit einer sarazenischen Besatzung, mit Nobili, Sänften, seidenen Schleppen, Mohrensklaven, smaragdenen Kronen – eine große Stadt auf einem Bergrücken abseits und ganz im Grünen. Nur dieser verschollene Weg führt zu ihr!«

»Nun taucht eine Kirche auf!« rief Nino halblaut, fast erschrocken. »Welch wunderliches, in Rundungen um sich selbst gleitendes Profil! Frauen treten aus dem schwarzen Portal, wie weiße Kerzen, eine nach der andern, seltsam anzusehen.«

»Du fängst an, Dinge zu erkennen. Es kommen gleich andere Trümmer.«

»Was, Trümmer? ... Hier ist die maurische Stadtwache. Man empfängt uns.«

Ein paar schwarzbraune Burschen streckten die offenen Hände hin.

»Nun werden sie uns Geschenke bringen von den Herren der Republik ... Oh, was für leichte Gestalten sind diese verschleierten Orientalinnen am Brunnen! Löwinnen mit Menschengesichtern speien ihnen Wasser in die kupfernen Eimer.«

Plumpe Weiber, bloßbeinig in hochgerafften Röcken ohne Farbe, baten um Geld.

»Und die Paläste!« rief Nino, ganz verloren in seine Bilder. Sie betraten den schwarzen Marktplatz.

»Da sind sie, die Paläste der Signoren mit ihren Friesen voll geheimen Sinnes, mit ihren Portalen von lauter steinernen Blumen, aus fabelhafter Erde aufgeblüht. Die Fenster teilen schlanke Säulchen, und zwischen den träumerischen Blättern der Kapitale glühen große, dunkle Frauenaugen!«

»Wir haben selbst unser Haus, Nino«, sagte die Herzogin und betrat eine Gasse. Bei einer Biegung sprang eine Front von gebrechlicher Erscheinung im Winkel vor. Ein rotes Licht schwankte über der Eckkapelle an dem moresken Pilaster. Sie ließen das Portal zurück; auf der Schwelle hockten steinerne Geschöpfe ohne Namen – und plötzlich fanden sie sich in einem Walde voll Säulen und Rosen. Die Herzogin sah Nino an: seine Gesichte wurden zu Stein und Blüte – aber er bemerkte keinen Unterschied.

Sie durchwanderten wortlos den Traum dieses Palastes, der auf Befehl des Prinzen von Lahore aus der Erde gestiegen war. Sie entdeckten Bäder und Höfe; auf Gewölben aus schwarzem Tuff entfaltete sich manchmal eine große Marmorrose. Kleine weiße Säulen tänzelten dahin, in der Höhe, die offenen Gänge entlang. Eine Zisterne dunkelte unter ihrem Bogen harter, schwarzer Blätter. Das leere Mosaikpflaster hallte, und hinter dunklen Pförtchen ahnte man ein Wispern und das Zittern von Schleiern, die ungeduldige Glieder kräuselten.

Zwischen gekalkten Pfeilern, von Reben überdacht, erblickten sie plötzlich das Meer, tief unten, hingewälzt unter glänzendblauen Decken, als eine große, träge, beseligende Göttin. Die Küsten waren ihre hellen Arme, und ihr Haar hatte sie den Berg hinangeworfen in einer üppigen Welle. Der Garten, in den Nino und seine Geliebte hineinstiegen, sie hielten ihn für das Haar der Göttin. Es wand sich in tausend Ranken und schwoll zu tausend Trauben, es ballte Blütenmassen, es erhitzte wundervolle Düfte und sprühte Farben. Die Pflanzen ertränkten die Hineinverirrten. Alle Sträucher reichten höher, alle Blumen blickten dem Menschen ins Auge. Sie gingen im Oleander wie durch einen Quell von Blut, und ihre Wangen glänzten davon rot. Die gelben und weißen Manxiana griffen aus ihren Lauben heraus nach den Fremden, mit feinen Schlingen, und wollten sie nicht fortlassen. Die Mandarinen drückten ihnen auf die Münder bittere rote Küsse und lockten die neugierigen Stirnen in ihr Gewirr winziger Blätter und dünner Zweige. Sie bückten sich unter dicke, runde Rosenbüsche voll brennender Verstecke, sie kämpften mit Schlinggewächsen, verschwanden im Efeu am Fuße unerbittlicher Zedern und ließen den Schatten von Palmen über sich rieseln, als sei es der Tropfenregen stummer Brunnen.

Die gewaltsame Fülle betäubte. Inmitten einer Übermacht von Saft und Triebkraft fühlte man sich der schwachen Eidechse verwandt, dahinraschelnd auf engen Steigen und überwucherten Stufen. Man meinte, dem Vogel gleich, in das gepolsterte Nest einer Hecke schlüpfen zu sollen. Als sie endlich am Rande des Gartens und auf der Röte des Horizontes standen, sahen sie sich verwundert an.

»Wie kann man hier sprechen, Nino? Was ist hier die menschliche Stimme?«

Er war heiß, sehnsüchtig und verschüchtert.

»Ich weiß es jetzt, Yolla.«

»Was denn? Daß wir recht tun, uns zu verstecken, nicht wahr? ... Hier ist nun das Glück, Nino, das keine Stimme hat. Der Garten begräbt es auf immer, es horcht auf immer nach den traumhaften Geräuschen hinter sich, nach dem Mandolinengeklimper aus diesem Winkel und dem Hilferuf aus jenem, nach dem Schleifen der Mohrensäbel auf eckigen Quadern, nach dem Bad, worin es von Jünglingsgliedern plätschert, und nach dem Seufzer einer schläfrigen Frau. Es horcht auf immer nach den seit sechshundert Jahren verstummten Geräuschen der Stadt, die nicht mehr da ist.«

»Auf immer«, wiederholte Nino.

 

Der Frühling ward heiß. Nino ging allein aus. Zurückkehrend fand er die Herzogin am Brunnen im Rosenhof in einer seidenen Hängematte – und er erzählte:

»Ich wußte, daß du hier liegen würdest. Ich ging an einem rot und grünen Kiosk vorbei; eine Dame schaukelte sich gerade wie du, und ihr Spiegelbild glitt wie deines durch den Mosaikboden. Eunuchen mit weißen Zähnen gähnten. Es duftete stark. Die Dame lispelte, es seien die Wohlgerüche ihrer Kopfkissen, und sie machten lieben: ich solle kommen. Dabei dachte ich an dich, Yolla – und habe keine belebenden Gerüche nötig, um dich zu lieben.«

Oder er hatte den Kapitän der Stadt ausreiten gesehen unter Heiducken mit schwarzen Stirnen und scheinenden Helmen. Der Alte hatte einen goldenen Köcher, sein Turban glitzerte von roten Steinen, und die Schabracke seines Rappen von gelben ... Oder er behauptete, spanische Tänzerinnen mitzubringen. Sie tanzten. Der leichte Fandango, das waren die Launen der Liebenden; die gestickten Falten der baskischen Kleider waren die hundert bunten und kostbaren Verschlingungen, in denen ihre zärtlichen Tage sich wiegten und ihre beglückten Nächte.

»Es wird ein schwüler Morgen, Nino, ich fühle es.«

Aber er entwischte.

»Ich ziehe meinen schwersten Anzug an – Hitze oder Kälte, was kümmert's mich!«

»Fühlst du dich so fest?«

»Mich wirft nichts um. Ich halte mein Glück so ruhig, so – ach, Yolla! Ich wollte, das Geschick dächte sich einmal etwas Ungewöhnliches aus, damit ich ihm zeigen kann, wie vergeblich es ist!«

Um neun Uhr kam er rotgesprenkelt heim und leugnete sich selber seine Erschöpfung. Die Herzogin saß an der Balustrade über dem Meer; der Himmel war bedeckt.

»Ich war drüben in Scala«, berichtete Nino. »Es hat dort schon ein wenig geregnet, der Wasserfall war ganz begraben in nassem Grün. Dahinter, versteckt durch Reben, ahnte ich das fremde Gemurmel und Geklirr dieser Stadt, und mitten darin und wie auf der Goldwand einer maurischen Apside – dich, Yolla, immer dich! ... Bei der Gelegenheit, weil das Tal so naß war, habe ich herausbekommen, daß es eigentlich mitsamt der Stadt schon längst vom Meer überspült worden ist. Aber wir, Yolla, wir beide haben einen der Geister Salomonis dazu gezwungen, das Wasser abfließen zu lassen und die versunkene Stadt heraufzuholen. Wir dürfen glücklich sein, solange wir vergessen sind: mindestens hundert Jahre. Wenn die Geister einmal wieder vorbeifliegen und sich unser erinnern –«

»Sieh doch, Nino, all den Staub auf der Straße bei Minori. Es ist ein Zweispänner ...«

»– dann werden sie das Meer zu uns heraufschicken, und es ist plötzlich aus ...«

»Ohne daß wir aufgehört haben, glücklich zu sein ... Nun geh, Nino, kleide dich um.«

Mittags trat er aus seinem hellen Terrassenzimmer in den kühlen, schattigen Speisesaal. Die gegenüberliegenden Türen standen offen, es ging Zugwind. Nino ließ rasch den Vorhang aus Glasperlen über den Eingang fallen. Er schaukelte und klimperte noch, und Nino horchte versteinert auf eine fette, träge Stimme, die aus dem Halbdunkel erklang. Er meinte, es sei einer der Geister Salomonis. Sie sagte etwas ganz Gleichgültiges. Darauf erhob sich ein geschmeidiges Organ, metallisch und dennoch weich, das Nino bewunderte und das ihn unglücklicher machte als das andere.

Seine Geliebte rief ihn, sie nahm seine Hand und sagte:

»Nino, ich stelle dich meinen Freunden vor, dem Baron Rustschuk und Don Saverio Cucuru.«

Den einen bekleidete Nino in Gedanken sofort mit einem grünen Kaftan und machte ihn zu einem diebischen Haushofmeister. Aber der andere war ein wirklicher Prinz und gehörte auf einen weißen Hengst.

Die Fremden unterhielten sich bei Tische, als seien sie seit Wochen hier. Nino konnte sich nicht genug wundern, wie selbstverständlich alles war. Nach der Siesta ging man gemeinsam aus, den Pfad hinunter zum Strande. Die Herzogin war mit Rustschuk voraus. Don Saverio sagte zu Nino:

»Sie sind sehr glücklich, daß die Herzogin Sie liebt.«

»Ja«, erwiderte Nino und errötete.

»Das ist eine große Auszeichnung. Viele ausgezeichnete Männer geizen danach.«

»Wirklich«, sagte Nino gedankenlos. Er meinte im stillen, Don Saverio sei der schönste Mann, dem er noch begegnet sei. ›Das muß Yolla doch merken ... Aber es wäre niedrig, ihn zu beneiden. Ich will nicht! Ich will sein Freund sein!‹

»Und besonders«, versetzte Don Saverio, »da unsere Herzogin durch ihre früheren Liebhaber beträchtlich verwöhnt worden ist. Einer hat den andern überboten. Der Prinz von Lahore war reicher und – besser veranlagt als der kleine Leroyer. Ferner Tumpell, Trontola und alle übrigen. Was müssen Sie, mein Lieber, für Vorzüge haben, Sie, die Sie nach allen diesen kommen!«

»Aber –«, stotterte Nino, »Sie wollen doch nicht sagen, sie alle seien von der Herzogin geliebt worden.«

Er fürchtete nur wie in einem drückenden Traum, der Prinz könne es gesagt haben. Don Saverio lachte weich:

»Ich glaubte nicht, Ihnen eine Neuigkeit mitzuteilen. Sie haben ein berechtigtes Selbstbewußtsein, mein Lieber; aber bedenken Sie, ob es Ihnen so leicht geworden wäre ...«

»Ich bin ja Yollas alter Freund!«

»Ich auch. Sie hat einen ganzen Winter in meinem Hause gelebt. Sie war, ich darf es sagen, sehr zufrieden mit mir.«

»Ich glaub's, ich glaub's«, rief Nino und lachte mit Zähnen, die zusammenschlugen. Er sah hoch in die Luft, aus unbedachter Angst davor, mit dem Blick den Boden zu streifen, wo vielleicht das gestürzte Bild seiner Geliebten lag. Und nur eins sagte er sich ausdrücklich: dieser Mensch gewann es über sich, sie zu schmähen – er, der schön war! Er entehrte seine eigene edle Gestalt. Nino litt bis zum Aufschreien unter dem Zwang, diese göttliche Form bewundern zu müssen, der Gemeines entstieg. Er blieb stehen, er mußte es versuchen, den andern zu sich selbst zurückzurufen; und er fragte mit zuckendem Gesicht:

»Nicht wahr, Sie haben gar nichts Übles sagen wollen über Yolla?«

»Wieso Übles? Sie ist ein echtes Weib, daran ist nichts zu tadeln. Ich möchte nur Ihrer Enttäuschung vorbeugen, denn Sie gefallen mir. Drum warne ich Sie, den idealistischen Narreteien zu trauen, die jedes Weib in uns zu erregen sucht, um uns darüber zu täuschen, daß es bei ihr doch nur auf das eine ankommt – auf das, was Sie wohl wissen ...«

»Ich weiß gar nichts«, rief Nino, beinahe weinend, und schüttelte die Schultern. Don Saverio erklärte gutmütig:

»Die Bedürfnisse steigern sich natürlich. Unsere Herzogin hat noch Fortschritte zu machen. Eine Königin von Neapel versteckte sich schließlich in einer hölzernen Stute, auf die man den Hengst losließ.«

Nino stöhnte auf. Plötzlich packte er den andern bei der Brust. Don Saverio versuchte vergeblich, ihn abzuschütteln. Ein paar Sekunden sahen sie, kurz atmend, einander dicht ins Gesicht. Es war bei einer der Mühlen: feuchtes Laub schlug um sie her zusammen, und der Bach rauschte. Die beiden andern waren verschwunden, ihre Stimmen in der Tiefe verhallt. Don Saverio lächelte mit einer kleinen grausamen Verzerrung des Kaumuskels. Er umfaßte die schmalen Handgelenke seines Gegners und machte Miene, sie zu zerbrechen. Nino krümmte sich, aber er mußte loslassen. Don Saverio äußerte:

»Ich will durchaus nicht Ihr Feind sein, ich habe gar kein Interesse daran.«

Er verbeugte sich leicht und ritterlich.

»Ich gehe voran, ich bin sicher, daß Sie mich nicht von hinten angreifen werden.«

Und Nino folgte gesenkten Hauptes.

»Wir kommen noch vor dem Regen an«, bemerkte Don Saverio, als sie am Strande mit der Herzogin und ihrem Begleiter zusammentrafen.

»Aber unser Spaziergang war unüberlegt. Wir werden unten übernachten müssen.«

»Macht nichts«, so entschied die Herzogin, indes sie nach Minori eilten. »Wir werden unser kleines Haus wiedersehen, Nino!«

Nino antwortete nicht. Wie die andern das Wirtshaus am Meer betraten, merkten sie, daß er fehlte.

Er lief am Ufer hin. Der Regen schlug auf ihn hernieder. Neben seinen Schritten erhoben sich die Wogen. Er suchte unter den vielen vertrauten Klippen die höchste. Sie hatte nur einen schmalen Zugang vom Lande und fiel drüben schroff ins Meer. Er stand auf ihrer schrägen Spitze, und er reckte wie einst in der Hitze eines Knabenzornes ohne Schranken und eines wilden Gerechtigkeitsdranges seine Arme hinaus übers Meer. Dort hinten, jenseits der lahmen und boshaften Wirklichkeit, hatte doch immer das Reich des Hochsinns und der mächtigen Freudigkeit gelegen. Nun war nichts mehr da! »Und ihr seid noch ebenso schwach«, sagte er zu seinen Armen.

»Ach! ich bin nicht stark. Ich war nur ruhmredig. Nun hat sich das Geschick etwas Ungewöhnliches ausgedacht – und ich bin geschlagen.«

Hinter ihm schnaufte es: ein roter, zerblätterter Kopf voll weißer Borsten lag wie abgehauen am Rande des Felsens und wackelte. Dann arbeitete Rustschuks Körper sich aus der Tiefe.

»Ich habe Sie immerfort gerufen, mein Lieber, Sie hören nicht. Das Wasser macht auch zuviel Lärm ... Sie stellen aber schöne Geschichten an.«

»Wieso?« rief Nino kampfbereit und hocherfreut, ausbrechen zu dürfen.

»Sie laufen uns ja davon, was soll denn das? Sie können sich doch denken, daß die Herzogin um Sie besorgt ist.«

Nino wandte sich ab.

»Und wir auch.«

»Sie haben kein Recht, um mich besorgt zu sein!«

Er stampfte auf.

»Solch streitsüchtiger junger Mensch«, murmelte Rustschuk. Er hatte endlich in seinen Gummischuhen einen Platz gefunden auf dem schlüpfrigen Stein, wo er nicht auszugleiten hoffte, und er spannte seinen Schirm auf.

»Nun kommen Sie nur mit.«

»Wagen Sie's, mich anzurühren!«

»Ist gut, ich tu's ja nicht ... Das ist nun der junge Mensch, der es alles hat«, sagte er zu sich selbst und betrachtete Nino aus entzündeten Lidern von unten und mit Bitterkeit.

»Da kommt man und findet die Frau in ihrem Märchenpalast, wo sie sich selber aufgebaut hat, wie man auf einer Schüssel aus Gold und Email ein recht feines, seltenes Wildbret aufbaut, ein Schneehuhn oder so etwas – schon mit ziemlich ausgeprägtem Geschmack. Die dicke Perle zwischen ihren zwei großen Stirnlocken und die andere in ihrem blassen Ohr haben gerade solchen ungewissen Glanz von Schminke wie das Gesicht. Es schimmert so eigentümlich matt, es ist mit fetten Wassern und Pudern behandelt: ein weises Kunstwerk. Die edlen Formen der Wangen, der Nase, des Mundes sind verteidigt gegen Beeinträchtigungen durch eine ermüdete Haut. Die Augen, schmal gerötet, werden dunkel umkreist von Höfen, die ahnen lassen, versprechen, peinigen ... Sie trägt einen Turban, ist orientalisch gemessen und in einem kühlen Rausch. Sie kennt sich; sie weiß, wieviel jedes ihrer Glieder ihr an Wollust eintragen kann, so genau wie ich weiß, was dieser oder jener Mensch mir Geld schuldig ist ... Und all die stolze Kultur und die besonnene Reife, an wen verschenkt sie sie, wohin wirft sie sie weg? Unter die Disteln wirft sie sie, und an einen jungen Menschen verschenkt sie sie, der ebensogut Disteln essen würde wie Schneehühner – und weil man seine Eitelkeit ein wenig angestoßen hat, steht er auf einem Stein im Wasser und strampelt und will nicht zu Bette gehen!«

Nino hatte nur eins gehört. Er trat von einem Fuß auf den andern.

»Sind Sie fertig? Merken Sie sich, daß die Herzogin sich niemals schminkt!«

Und da Rustschuk mitleidig den Kopf bewegte:

»Hüten Sie sich, es zu glauben!«

Dabei schnellte er seine Faust in Rustschuks Bauch, der heftig schwankte. Der schwere Körper neigte sich über den Absturz der Klippe. Nino fing ihn auf, sie waren beide erblaßt, Nino bei dem Gedanken: ›Dem Don Saverio war ich nicht gewachsen; wie darf ich also diesen anrühren? Ich bin feige!‹

Rustschuk stammelte:

»Man kann uns sehen ... Na also, nun fangen Sie mich selbst wieder auf. Und wenn Sie mich hineinstießen, würden Sie mich selbst wieder herausholen, denn ich bin ja in meinem Gummimantel so fest eingeknöpft, ich müßte im flachen Wasser ertrinken. Also lassen Sie doch die Dummheiten. Ich will Ihnen was erzählen ... Mein Schirm ist nun auch beim Teufel ... Sie könnten sich eigentlich selber sagen, daß der Besuch bei der Herzogin mich ziemlich aufregt. Ich bin nicht wie Don Saverio, dem ist es Geschäft. Er möchte mit ihr Geld verdienen wie früher. Aber ich hab meine Gefühle, Sie junger Mensch, und ich leide darunter, daß alle die Frau genießen dürfen.«

»Sie leiden auch?«

Nino lachte gellend.

»Ja, daß alle sie genießen, nur ich nicht.«

Rustschuk plapperte eintönig und unter kurzen, unsicheren Armbewegungen. Der kaum überstandene Schreck und seine lange ausgetragene Begierde, sein gefährlicher Zustand in Gesellschaft eines jungen Tollkopfes mitten im Unwetter auf einer schlüpfrigen und abschüssigen Klippe und dabei das Bewußtsein, die Herzogin auf der Terrasse beobachtete seine hampelnde Silhouette vor dem rollenden Meer: – das alles schadete seiner Zurückhaltung.

»Früher, während unserer langen Freundschaft, hat sie mich niemals beunruhigt. Sie war ja eine Herzogin und unmenschlich hochmütig, und ich glaubte fest, sie sei nicht zu haben. Natürlich hat man sie doch gehabt – und jetzt schaue ich mir alle alten Bekannten im Geiste daraufhin an. Ich hab sie alle im Verdacht, das ist ungemein ärgerlich, wissen Sie. Qualvoll sogar. Warum nicht auch ich? frage ich. Eine Herzogin, die schön und zu haben ist, die möchte man doch gehabt haben! ... Jetzt verstellt sie sich nicht einmal mehr. Alle haben sie, ganz offenkundig.«

»Sie lügen«, so schluchzte Nino.

»Sagten Sie was? Also alle haben sie, und ich noch immer nicht: es ist kaum mehr auszuhalten. Ich habe doch so vieles erreicht im Leben, und dies, was jeder kann –«

»Sie sehen, man darf nicht so häßlich sein wie Sie.«

»Das sag ich mir auch. Aber das hat mich sonst noch nie gehindert. Ich werde schon noch drankommen. Bloß, daß ich nicht mehr viel Zeit habe. Manchmal, mitten in Geschäften, während eines Ministerrats, peitscht mich die Vorstellung dieser Herzogin und ihrer zahllosen Liebhaber dermaßen, daß ich nicht mehr weiterkann. Die Luft bleibt weg und die Gedanken auch. Ich stecke in einer gefährlichen Haut, junger Mensch, es kann plötzlich aus sein.«

»Krepieren Sie doch!«

Rustschuk machte einen kleinen Sprung.

»Warum denn? Sie werden selber noch ganz zufrieden damit sein, daß ich auf der Welt bin. Ich will ja nicht von Ihnen verlangen, daß Sie mir die Herzogin verschaffen – obwohl Sie's ganz gut könnten.«

»Könnte ich? Oh, gehen Sie fort, schnell, ich fühle, ich werde sonst etwas tun, was ich mein Lebtag nicht verwinden würde!«

»Ich habe gehört, Sie haben nicht viel Geld. Wieviel wollen Sie? Sie brauchen Ihre Freundin doch bloß anzuregen und mich rechtzeitig holen zu lassen. Machen Sie ihr Mitleid mit mir!«

»Gehen Sie, gehen Sie!« stöhnte Nino zwischen zusammengebissenen Zähnen warnend und voll Furcht vor sich selber. »Was verlange ich denn groß? Eine schöne Kokotte gibt man sich unter guten Freunden weiter, nicht wahr? Und wo ist hier der Unterschied, junger Mensch? Wenn diese Herzogin kein Geld hätte, was wäre sie dann?«

Er kreischte auf, denn Ninos Fuß war schon in der Luft und auf dem Wege nach seinem Bauche. Aber Nino riß sich zurück. Er bedeckte die Augen mit beiden Händen.

»Entfernen Sie sich«, flehte er. »Wenn ich die Augen öffnete, und Sie wären noch da –«

»So 'n junger Mensch; ist denn gar nicht vernünftig mit ihm zu reden?« stotterte Rustschuk und kroch den Felsen hinunter. Wie Nino hinsah, lag wieder der Kopf wie abgehauen am Rande und wackelte. Es kamen greisenhaft störrisch noch immer die gleichen Aufforderungen aus seinem Munde. Dann verschwand er.

 

Der gedämpfte, erblindete Sonnenuntergang war zerronnen. Es regnete leise. Nino stieg allein zurück nach Ravello. Von Zeit zu Zeit blieb er stehen mit aufeinandergepreßten Lidern, die Fäuste geballt, und kämpfte laut keuchend gegen seine Gedanken. Sie ließen sich nicht niederzwingen, er stieß sie hinaus, mit Ekel, in die Nacht, die ihm durch sie vergiftet deuchte.

›Weißt du noch, wie du damals eifersüchtig warst in der Villa, als Jakobus kam? Du warst sehr unglücklich, nicht wahr, du wußtest nicht, was in Yollas Schlafzimmer nun geschähe. Aber auf einmal sahst du Jakobus' glimmende Zigarre, du stürztest auf ihn zu, du warst gerettet: du hieltest ihn! ... Wen hältst du jetzt?!

Oh, diese Ohnmacht, diese fürchterliche Ohnmacht gegenüber den Zahllosen, Namenlosen, die sie besessen haben! Wenn ich eifersüchtig wäre auf die beiden Elenden, die jetzt mit ihr unter demselben Dache sind. Nein, ich bin es nicht; sonst könnte ich ja eingreifen, wüten, zurückerobern, verzeihen. Aber es gibt Schlimmeres: das Gewesene, das niemals mehr zu Verhindernde. Ich kann sie nicht zurückerobern aus den Armen ihrer Erinnerungen! Sie ist auf einmal ganz voll von den Malen alter Liebkosungen und den Verheerungen verjährter Küsse. Ich erkenne sie nicht mehr ... Yolla!‹

Er schluchzte auf. Die Vorstellung all ihrer vergangenen Lüste peitschte seine Sinne; sie trat plötzlich vor ihn hin in der Pracht ihres Lächelns. Er griff nach ihr, er sank in die Knie. Mit einem rauhen Aufschrei sprang er beiseite: er war über einen ihrer Liebhaber gefallen, der sich mit ihr in den Farren wälzte. Nino flüchtete; aber sie waren ihm schon voraus, sie lagen am Wege, große, gewölbte Körper, die seine Geliebte genossen, an ihrer Brust weinten oder auf ihrem Munde jubelten. Und er sah sie, seine Geliebte, alle Zärtlichkeiten ihres Leibes austeilen: die seltensten, die geheimsten, an die er nur mit stolzen Schauern gedacht hatte, – und sie lagen überall am Wege!

»Ich hasse dich! Ich hasse dich!« rief er ihr zu. Dann fiel es ihm ein, daß auch Rustschuk von der Vorstellung der Herzogin von Assy und ihrer zahllosen Liebhaber gequält ward bis zum Ersticken – und den Rücken gebeugt unter soviel Schmach, stolperte Nino blind den Berg hinan, fiel aufs Gesicht, raffte sich auf, wankte weiter, auf den Lippen einen Geschmack von Tränen und von Blut.

Oben, angesichts der Stadt, legte er den Kopf zwischen den Händen gegen einen Baum und fragte ihn:

»Ist das denn möglich?«

Es antwortete niemand. Auch in ihm selber gab es keine Stimme mehr. Dumpf, ganz betäubt von so vielen Bildern und so vielen Schreien kam er bei dem Hause an, stellte sich vor der Ecke auf, die es in die Gasse schob, und starrte hinan, hartnäckig, in einer Hoffnung, deren Wahnwitz er fühlte. Das Glück, von diesem stummen Hause behütet, im Hintergrunde der Stadt, die nur noch ein Traum war – all das wohlverborgene Glück, es konnte ja nicht entflohen sein. Wer hatte es denn geraubt? Nein, es war niemand dagewesen. Yolla erkannte ihn von droben, sie stand hinter den Spalten ihres Fensterladens. Sie sah sein Gesicht zucken und glänzen, – und gleich mußte sie die Holzwand zurückstoßen und ihm zurufen, nur seine Einbildung habe ihn geängstigt; das Glück liege noch immer, sorglich bewahrt, im Garten unter Oleander; er solle kommen.

Er wartete. Die kurze Nacht erhellte sich schon. Da stampfte Nino auf und ging zurück mit einer wilden Gefaßtheit und im Genuß der eigenen Tragik. Er drang in Schluchten; jeder Stein, auf den er trat, hatte schon Yollas Fuß getragen neben seinem. Was galt das nun? Die Wolken hingen tief an den Bergen. Die Burg von Salerno war nur ein Nebelschloß, sie, auf der der junge Asclitino frohlockt hatte? Unter der grauen Decke dieses Morgens ruhte das Land ganz still, nachdenklich, ergebungsvoll. Die Oliven traten in der Tiefe enger zusammen und dunkler; ihre Stämme kreuzten sich leise, mit weißen Luftgestalten zwischen sich. Die befreundeten Wege – seine und Yollas Wege – zogen noch ebenso braun und sanft dahin. Die treuherzigen Schafe reckten an den Hecken die Köpfe, und die beiden schweigsamen Alten geduldeten sich, bis die Tiere weitertrappelten ... Nino bäumte sich auf gegen soviel Frieden!

 

Am Abend, hungrig und bestaubt, kehrte er ins Haus zurück. Die Zimmer der beiden Fremden standen leer. Vor Tag verschwand er wieder, ohne gesehen zu sein. Erst in der zweiten Nacht traf er seine Geliebte im Garten, wo er in der Meeresluft schlafen wollte. Denn es war sehr schwül. In einer stark duftenden, schwarzen Wildnis, unter einem wirr funkelnden Himmel, entdeckte plötzlich jeder des andern weißes Gesicht. Es verging eine Weile.

»Nino«, sagte dann die Herzogin, »weißt du, wer statt deiner bei mir gewesen ist? Sikelgaïta, die schöne Dame von der Kanzel im Dom. Sie kam unter einer breiten Edelsteinkrone und trug einen Papagei auf dem Finger; er hackte immer nach ihrem grünen Ring. Sie hatte ein grobkörniges Gesicht, wie aus Marmor, und eine Stimme, tief und doch kindisch. Sie spielte Gitarre und sang mir Lieder, die zu ihrer Zeit unter ihrem Fenster erklungen waren aus dem Munde eines vierzehnjährigen Mauren ... So sind die Stunden dennoch hingegangen«, so schloß sie und seufzte mitten in einem Lächeln ... Sie erdrückte unter Märchen die ganze Angst und die ganze Erregung ihrer Weiblichkeit: die Schwermut und den begehrlichen Reiz, die abwechselnd über sie hergefallen waren wie über ihn die Bilder seiner Eifersucht.

»Yolla, ich habe mich zwei Tage und zwei Nächte umhergetrieben, elend und verzweifelt.«

»Aber ich hatte schon gestern früh die beiden Störer weggeschickt. Du konntest wiederkommen.«

»Ich kam nicht, Yolla, wegen der vielen andern, die du nicht wegschicken kannst.«

»Ich wußte es. Du bist enttäuscht, weil ich schon früher Gelüste empfunden und sie befriedigt habe. Du findest, ich hätte dir von den Männern sprechen müssen. Aber nicht auch von den Gerichten, die ich früher gegessen habe, und von den Stoffen, in die ich mich kleidete?«

»Ich verstehe nicht. Du hast mich sehr unglücklich gemacht.«

Er stammelte nur noch Vorwürfe, den Blick am Boden. Und er hatte Lust, um Verzeihung zu bitten. Sein Schmerz war überwunden und lag ausgespien, wie Schleim kranker Geschöpfe, draußen auf fernen Wegen. Er war wieder gesund. ›Warum soll Yolla leiden? Ich höre ja, sie leidet.‹

»Ich will dir sagen, Nino: der eine war eine Frucht, und ich biß mit allen Zähnen hinein. Der zweite war der Geruch eines Morgens am Meer, ein anderer war nicht mehr und nicht weniger als ein schönes Pferd – etwas sehr Begehrenswertes, wie du zugeben wirst. Aber was geht das dich an? Dich liebe ich ja.«

»Ich weiß es, Yolla.«

»Du glaubst mir? Du glaubst mir also? ... Ich fürchtete, das würde lange dauern, und schließlich würdest du dich nur überreden lassen, weil du mich nötig hast, weil ich dir gefalle. Und nun glaubst du mir einfach – warum?«

»Ich weiß nicht, Yolla. Ich habe gar keinen Zweifel mehr.«

Sie sah ihn an, sie bewunderte ihn. Wie hatte sie sich müde gefühlt an diesem heißen Tage und unter der Last dessen, was helle Wahrheit war und was sie ihn doch erst an der Hand kluger Worte betasten lassen mußte! ›Sind wir denn wirklich Blinde, jeder tief in seiner eigenen Nacht?‹

Und nun kam er, war mit allem fertig geworden, was ihm zugestoßen war, sah ihr groß auf die Stirn und fand sie völlig rein und besaß die Kraft und den Dünkel, alles zu glauben. Oh, er war jung!

Sie jubelte auf:

»Komm her, Nino!«

Er stürzte vor sie hin. Sie nahm seinen Kopf zwischen ihre Hände, und sie sprach in sein blondes Haar hinein. Aus Gründen und Beschwichtigungen wurden lauter dankbare Zärtlichkeiten.

»Du weißt nicht, warum du mir glaubst? Ich will es dir erklären: weil du meinesgleichen bist! ... Und merke dir, daß ich das noch keinem gesagt habe!«

»Ich liebe dich, Yolla!«

»Ich spreche zu dir wie im Selbstgespräch, ich horche auf dich wie auf meine eigenen Träume. Oh, dieselben Träume haben, das ist alles. Denkst du daran, wie wir von jeher miteinander gespielt haben, und jeder wußte, was der andere meinte? Schon als ich ein Kind und die Hirtin Chloe war, nicht wahr, bist du Daphnis gewesen.«

»Immer hab ich dich geliebt!«

»Natürlich. In Venedig hast du dich hundertmal verraten, du Kind. Aber wir taten immer, als ob nichts wäre. Weißt du noch?«

»Ich war nur so stolz, weil ich noch ein Knabe war und nichts hoffen durfte. Jetzt aber, als Mann und als dein Geliebter, bin ich ganz, ganz demütig ... Yolla, ich schäme mich, daß ich andere Weiber, gemeine, berührt habe.«

»Du wirst es noch oft tun, und ich werde mich nicht betrogen fühlen.«

»Ich bin schwach und abenteuersüchtig, ich gestehe es. Und meine Abenteuer enden immer mit dem Weibe.«

»Höre zu: wir lieben uns als Freie und als Ebenbürtige, die sich achten bis in ihre Verirrungen hinein. Wir wollen nicht durch Leidenschaft einander zerstören. Du wirst vielleicht eine andere zerstören, – und ob eine deine Kraft und deinen Dünkel vergewaltigen wird? Ich aber will dich jung und unbedenklich ... Du wirst dich wieder von mir trennen –«

»Niemals!«

»O doch, du sollst sehen, wie einfach es ist ... Wir, Nino, lieben einander zu sehr. Wir könnten nicht gegeneinander wüten vor großer Leidenschaft. Ich habe ihr zugesehen und sie – erlebt. Weißt du von der sanften Blà, einer Dichterin, die einst in Rom starb? Und von der großen Properzia? Die eine gab sich einem schönen Tier zu fressen. Die andere ließ sich langsam zu Tode peinigen von einem spitzfindigen Schwächling, und nie hat er die Seligkeiten und Verdammnisse geahnt, die von ihm kamen!«

Nino fühlte den Atem seiner Geliebten auf seinem Nacken wärmer und stärker. Er fragte beklommen:

»Und du, Yolla?«

»Ich ...«

Sie empörte sich gegen die Erinnerung an Jakobus. Sie richtete sich auf und schüttelte ungeduldig die Schulter.

»Oh, mich hat kein Mensch meine Leidenschaft gelehrt. Die drei Göttinnen, Nino, waren es, die mir eine nach der andern und grausam vor Zärtlichkeit ihre hohe Brunst ins Herz stießen nach Freiheit, nach Schönheit und nach Liebe.«

»Und du bist doch immer Yolla.«

»Erkennst du mich?«

Sie hob seinen Kopf von ihrem Schoße und sah ihm in die Augen.

»Ach, für das Wort will ich dich küssen! ... Du liebst mich, – und darum weißt du, daß ich da bin. Du glaubst an eine Frau, die du Yolla nennst. Die andern haben zuerst eine Revolutionärin gekannt, und viele schwärmten mit ihr für die Freiheit. Aber sie verwandelte sich in eine Kunstbegeisterte, mit der nur wenige fühlten. Seitdem haben sie eine vor Liebe Fiebernde kennengelernt und entrüsten sich insgesamt. Sie sind so barbarisch, nur die Taten zu sehen und nicht den Menschen ... Wie bin ich fern gewesen, immer und von allen ... Ich habe ihnen von meinem fremden Lande her oftmals Schaden zugefügt, ich weiß, man muß mich hassen.«

Nino sprang auf.

»Man wird es nicht wagen! Man würde mit Blindheit gestraft werden wie der Dichter Stesichoros, der Helena schmähte! Was kommt darauf an, ob du genützt hast oder geschadet? Du bist heilig, ich sehe dich in Überlebensgröße. Ich bete dich an, gerade weil du, ich weiß nicht wie viele Geliebte gehabt hast. Und ich halte deine Abenteuer für geradeso entlegen und verehrungswürdig wie die mythologischen Liebesgeschichten!«

Sie genoß ihn, ernsthaft, in seiner Begeisterung.

»Nein, ich will nicht klagen«, sagte sie langsam und glücklich. »Ich habe Verwandte gehabt – die Blà; San Bacco, dem die Freiheit den Opfertod vergönnte, zum Lohn für seine große Liebe; Properzia: – alle die Stolzen und Elenden, sie, die gemacht sind aus den Schlünden jedes Abgrundes, aus den Sternen jedes Himmels! ... Und ich habe mit dir, Nino, sprechen können, als sei ich nicht mehr allein. Habe Dank!«

Die Sonne ging auf. Sie sahen ihre Gesichter in einer hellen, glänzenden Luft. Hundert Farben entstiegen, um sie her im Garten, rauschend der Nacht.

Sie traten an den Abhang. Das Meer lächelte und wand seine Glieder. Der Horizont sang im Morgenwind. Der Golf bot sich ihnen dar wie eine große, runde Blume, gefüllt mit frischem Rausch. Nino sagte:

»Sieh, wie klar und stark schneidet in den Himmel die Burg, wo Asclitino stand!«

 

Sie brauchten wochenlang nichts weiter um sich, einer den andern. Dann erfuhren sie aus dem Rinnovamento, daß die junge Partei zu einem neuen Feldzug rüste. Der Führer schrieb an Nino. Die Herzogin sah ihn unruhig; sie bat ihn, dem Rufe zu folgen. Er reiste.

In der Abschiedsstunde war er blaß und erregt; aber sie fragte:

»Was wäre das für eine Liebe, die dich vom Leben ferne hielte! Sind wir denn Feinde?«

»Nein ... Also auf das nächste Mal!« rief er.

»Ich liebe dich –«, sagte sie, und unhörbar: »für dieses nächste Mal, an das du glaubst.«

Sie trennten sich in Neapel am Bahnhof. Die Herzogin fuhr nach ihrem Hause auf dem Posilippo, wo sie begierig erwartet wurde von einem Bewerber, der ihr geschrieben hatte und den sie hinbeschieden hatte.


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