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Venus

I

Es dämmerte, sie öffnete die Augen. Der Zug lief durch Nebel, er ließ Sümpfe zurück. In ihre Hintergründe tauchte Mantuas Schattengestalt, kantig, braun. Das braune Land verlor sich weit und flach. Seine kleinen schwachen Baumkronen lagen unsicher hingetuscht auf des Regenhimmels gelblichem Frühlicht. Aus mühevollen Ackerfurchen spähten, winzig inmitten des ungeheuren Erdreichs und gebückt und langsam, Menschen hervor.

Sie ließ das Fenster herab, voll Ungeduld. »Wird man denn niemals anhalten? Ich möchte aussteigen. Ach, dieses Land!«

Sie empfand Zärtlichkeit für jedes Kleefeld. Vor einem regengrünen Knick graste ein zottiges Eselchen neben einem armen Gaul. Sie fühlte schon ihre beiden Arme um die beiden Tierhälse. Sie spürte unter ihren Füßen schon den weichen Lehm und sah sich verschwinden in der grauen Ferne, ganz der Erde hingegeben und ihrem Alltag, dem strengen, dunkeln, der nichts wußte von den Festen menschlicher Kunst, von Brunnen, Bildsäulen und Marmorportalen.

Einige Stunden weiter schaute sie, lächelnd über ihre vorige Träumerei, in die lieblichen Gefilde Toskanas. Zu ihren Füßen schlängelte sich der Arno zwischen Pappeln und Weiden. Die lange Straße säumten Städte; hell und gepflegt ruhten sie in ihren Weinfeldern, wo an kleinen gegabelten Gerten die Bäumchen rankten. Ein sanfter, heiterer Hauch spielte herein zu ihr. Der Himmel blaute, milde und voll, und sie dachte: ›Warum gehe ich nicht durch die regelmäßige Allee auf jenen gelinden Hügel und zu dem anmutigen Herrensitz. Die wohlbekannte Gruppe von Zypressen und Pinien überdacht ihn; er ist viereckig und trägt auf seiner Mitte einen flachen, breiten Turm. Wie glücklich wäre ich auf seiner Terrasse, über diesem maßvollen Lande und vor dem reinen Gold seiner Sonnenuntergänge!‹

Am Nachmittag zog durch Wolkenschatten und um schwärzliche Trauminseln mit rosigen Schlössern der Trasimenische See. Umbrien ließ seinen Wald anschwellen zu steilen Wellen, es ließ ihn altes Gemäuer verschlingen und die letzten Hügel umkränzen in blauer Märchenferne. Aber mitten im Plan auf abschüssigem, schwarzem Fels, den Schlinggewächs einsargte, ragte die Stadt mit Zinnen und Türmen, ockerfarben und fast ohne Fenster, in sich hineinstarrend auf ihren Traum. Er war von schwerem, sinnenbelastetem Drange himmelwärts und haftete in einem Gefängnis, das unerbittlich Wache hielt über dieser Erde.

Aber sie dehnte sich; sie ward kahl und feierlich. Aus zersprungenen Wolken brachen Lichter wie Schwertblitze. Der Wind führte mit sich das Echo alter Schlachten. Die Herzogin fand auf kurze Stunden dorthin zurück, wo sie vor zehn Jahren geträumt hatte und gejagt. Sie sah sich galoppieren, den rotbefrackten Reitern voraus, dahin über das verbrannte Gras, zwischen Gräbern am Feldrain und durch des Aquädukts zerrissene Bogen. Büffel mit geschweiften Hörnern versperrten, kauend hingewälzt, die Wege. An dürftigen Böschungen knabberten Ziegen. Schafherden, weiß und schwarz gesprenkelt, verschwanden in Hügelfalten, dahinten, unter dem platten Felsen mit zyklopischen Mauern und barocken Kirchen. Efeu zerspaltete die Türme ... Sie sah hinüber, wo der Abend den Himmel färbte wie mit Heldenblut. Eine Kuppel, einsam heraufgewachsen hinter dem Horizont, wölbte sich, düster wuchtend, über der Ebene: Rom.

Sie übernachtete und fuhr weiter. Einmal, um Mittag, als der Zug anhielt, machte ein schwüler Wind sie aufseufzen. Es war, als küßte er sie auf die Augen, die sie schließen mußte. Es war, als belegte er die Erde mit üppigen Polstern und lud sie darauf ein. Sie stieg aus und fuhr in einem rasselnden kleinen Wagen über Stock und Stein, unter Obstbäumen, zwischen Ziegenherden hindurch und großen Truthähnen, und vorbei an Weibern, bronzefarbenen, gelassen blickenden in grünem Rock und rotem Mieder, die auf dem dick und weiß bedeckten Kopf, hoch und schaukelnd, im edlen Streit von Kanephoren, die kupferne Conca trugen. Der Wein überrankte breite Kronen. Sie war berauscht, sie wußte nicht wovon. In Pflanzen, Tieren, Menschen hörte sie es schwellen von Säften. Sie sah das Leben schwindelnd aufschießen in leidenschaftlichen Garben, gleich dem Wein.

Dann dröhnten die Lavaquadern der Stadt. Das Wirtshaus im Hintergrunde eines Hofes voll Gerumpel und lachenden Volkes war hell, blau gestrichen, mit weiten Zimmern und hallenden Fliesen. Sie fragte, wo sie sei: »In Capua.«

Prosper, die Kammerfrau und der Koch langten nach ihr an und bemächtigten sich der Küche. Es war kein Fleisch in der Stadt; aber es gab Fisch, gekocht und in Öl, gebratene Artischocken, frisches Brot, einen Eiergrog, große Feigen, berstend und schmelzend, und uve zitelle: die ersten Trauben.

Später lockten sie die Gassen, die langen, fröhlich schallenden. Der Fluß der Freude brauste durch sie hin und hell hinaus ins Land. In den zerbröckelnden Vorhöfen der gespreizten und leeren Kirchen wartete auf den mit Sonne Gesättigten ein stiller Schatten. Vignen rankten auf flachen Dächern. In vergitterten Gärten voll hoher Kameliensträucher pickten Hähne aus Scharlach und Kupfer. Schwarzsträhnige Knaben, braunblaß und mit großen umränderten Augen, lagen auf den Schwellen seltsam umrahmter Portale. Vor ihnen schrie das weiße Pflaster, hinter ihnen, aus der Finsternis des Hauses, blinkte es von Kesseln rot.

Und dann stand sie am Fluß und am Brückenkopf und sah die beiden jenseitigen Pfeiler verloren und machtlos wie zwei Menschen vor dem furchtbaren Meer blauen Himmels und der grünen Erde übermächtigen Fluten. Es brach herein zwischen ihnen, fort über die Brücke und an die Brust der Fremden, die taumelte unter dem Anprall der Liebe aus Äther und Acker, der Liebe ohne Maß und Ende, der heiß zerstörenden und heiß zeugenden Liebe.

 

In der ersten Frühe erwachte sie, langsam und glücklich. Die bunten Blumen auf den weißen Vorhängen ihres Bettes hatten in ihren Traum genickt und schwammen nun davon, eine nach der andern, in den roten Staub des Morgens. Das Fenster war erfüllt von ihm. Drunten kamen Ziegen vorbei, mit zierlichem Getrappel und mit hohlem Geläute. In der Werkstatt drüben hämmerte es und sang, und der Wind, der golden vorbeistrich, jagte die Töne auseinander.

Sie ließ ihre Leute zurück und kutschierte weiter. Der Mann knallte und schnalzte, das Pferd riß aus. Es hatte Glocken vor der Brust, Zweige hinter den Ohren und auf dem Nacken eine silberne Hand mit gespreizten Fingern.

In Fruchtgärten mit Piniendächern spiegelte der Tau. Die Straße hing noch voll goldenen Dunstes; er hob sich, nun blendete sie. Sie sausten durch Weideland und Felder. Der Wein schwankte auf den Wipfeln der Ulmen, hoch, hellgrün. Kleine Ortschaften lagen eingesenkt in die Äcker, fest zusammengedrängt, braun und umrauscht von Korn. Und hinter allem, in den Dunstschichten des Horizonts, spitzte sich ein blauer Schattenkegel mit weißem, langgebogenem Rauchschweif.

In der Mittagshitze fuhr sie hinauf nach dem alten Caserta. Zwischen dem Wein spreizten sich Kirschbäume und trugen Nußbäume ihre Last. Weizen und Senf ernährte das gleiche Feld. An seinem Saume schimmerten Oliven. Aber sie allein stiegen, blaß und anmutig, den Berg hinauf. Die Erde ward dünner, der Stein brach hervor. Noch lag ein umgeackertes Feld, das den Mais erwartete, weich und schwarz neben dem mit Senf besäten, grün schillernden, wie bei einem feuchten Smaragd ein Stück Samt. Noch begegnete ihr ein eiliges Getrappel von Schafen. Die langen seidenen Vliese wiegten sich breit über den Rücken und schlenkerten um die Beinstöcke. Ein kleines Mädchen trug die Rute wie ein Zepter. Es schlürfte, mit bloßen Fußspitzen hervortastend unter dem langen Kleide, im Staub der Herde mit. Dann kam die Einöde. Feigenbäume entwanden sich dem Felsen.

Sie stieg aus und ging weiter. Das Land öffnete sich ihrem Blick, fessellos strotzend. Es warf die Springbrunnen seines Saftes bis zu ihr hinauf.

›Dort war der Orangengarten, vor dem das Kind saß, ganz vergoldet von dem Schein all der Früchte, mit weichem Profil und langen Wimpern. Die Mutter hatte einen aufmerksamen Tierblick unter ihrem breiten Haar, und kein Lächeln. Das rosige Haus stand vor dem grün durchleuchteten Plantagengange. Ich sah von dort das Meer; zwischen dem Vesuv und dem Sant'-Elmo-Berge erschien mir Capris launischer Umriß ... Ich befand mich auf der Straße nach Aversa, der heitern, bunt geschmückten Stadt, auf deren Pflaster die Karriolen der reichen Bauern rasseln und in deren beflaggten Schenken ihre Taler klingeln ... Aber der Name dieser Stadt bedeutet Streit, und meine Väter haben sie gegründet.

Meine Väter! Sie kamen aus der Normandie herbei und vom Nebelmeer, nach Sonne lüstern. Ihre Begierden waren zahllos wie meine. Sie trachteten, wie ich, nach allem, was wärmt, mundet, sich üppig anfühlt, erschlafft, reizt, selig macht. Und um alles zu besitzen, zerstampften und töteten sie alles, lachend, aus bloßer Liebe. Wie ihre Augen geblitzt haben müssen! Sie waren gewiß rotwangig, mit langen blonden Haaren und breiten Schultern. Ich glaube, daß sie vollkommen geformt und sehr klug waren. Sie brachen alle Verträge, trauten nur ihresgleichen, heischten Fürstentümer als Morgengaben, verhinderten die Ernten und triumphierten über ausgehungerte Städte. Ihre Stimmen schallten so fürchterlich, daß vor ihrer einem ein Heer davonlief.

Wie haben sie sie verachtet, die schönen, weichen Sklaven, über die sie hereingebrochen waren! Nur einen achteten sie, weil er ihnen widerstand: den Felsen von Monte Cassino. Drunten wüteten sie und liebten; droben, in der Wüste von Steinen, hallten die Litaneien. Nachdenkliche Mönche bückten sich droben über Pergamente der Antike, als verfolgten sie im Sande die letzten Fußtapfen einer rätselhaften Fremden. Und drunten funkelten die Blicke der Barbaren. Sie fühlten sich gebändigt unter Schweigen; vor Ohnmacht und Drang ward es ihnen unheimlich. Sie ertrugen es nicht länger, sie gingen im Büßerhemd zu jener stillen Höhe, die sie in Panzern nicht erreichen konnten. Einer blieb droben und nahm die Kutte. Ich verstehe ihn, den einen!

Er entsagte allem, weil alles ihn noch nicht gesättigt hätte. Auf seiner Zunge zerfloß, aus dem Herzen der süßesten Feige, noch eine Süßigkeit, die er nur ahnte und für deren Geschmack er sein Leben gelassen hätte. Die samtenen Augen von Kindern in Orangenhainen erbitterten ihn; sie waren Früchte von goldenerer Reife als die andern, und er verzweifelte daran, sie zu pflücken – auch wenn sie schon an seinen Lippen schmolzen. Die Luft hatte Arme und Busen, sie war wollüstig wie eine Frau. Er war voll Sucht, sie satt zu machen und an ihr zu vergehen. Und jeden Morgen wieder erlebte er es, ohnmächtig, wie sie mit allen buhlte ...‹

Sie wandte der Ebene den Rücken und drang zwischen die Berge ein. Sie waren nackt, dunkel, wild zerklüftet in Trümmer, die zerstörten Städten glichen. Auf einmal stand sie vor einer übriggebliebenen; aus der durchlöcherten Mauer stachen Aloen und schlängelten Lazerten. Die Dächer brannten in Sonne, grau und holprig und beherrscht von dem runden, dicken Turm. Er war angenagt und rauh begrünt. Das Pflaster stieg und fiel zerrissen zwischen öden Höhlen voll kalten Modergeruchs unter schwarzen Torbogen hindurch, über schiefe, kotige Plätze und vor tiefe Kirchenportale. Drinnen dämmerten farbige Reflexe auf leeren Kacheldielen. An der Mauer, auf geborstenen Fenstergesimsen duckten sich Bestien in traumhafter Scheußlichkeit, festgekrallt in abgezehrte Sünder.

Sie wanderte zurück; neben dem Kellerdunkel floß weiße Sonne – und sie betrat links den Scherbenhügel und sein welkes Gras. Die Stadt öffnete sich drunten, mit Häusern, halb verschüttet von Geröll, mit Feigenbäumen in engen Höfen, zwischen schräg abgesägten Mauern. ›Die Ungeheuer von den Kirchenfenstern‹, dachte sie, ›sind darüber weggesprungen; sie haben die letzten Menschen herausgezerrt.‹

Hinter ihr bog sich ein Kreis von Trümmern; sie ging hinein, lässig und nach Schatten schmachtend. Drinnen hingen Efeugardinen vor zersprungenen Marmorfenstern. Von netzartigem Mauerwerk rollten Brocken die schräge Wiese hinab. Sie streckte sich auf einen flachen Stein, der sie versengte. Ein verkrüppelter Weinstock ästete in der Mitte des Kessels. An seinem Rande ruhte sie selbst, und sie meinte mit halbgeschlossenen Augen, er hänge mitten im brennend blauen Himmel. Weißer Stein, gleißender Efeu und blaues Feuer: sie ging darin unter. Eine heiße Süßigkeit rauschte in ihr; sie sehnte sich ... Fernher, aus Traumängsten, drang ein Gebrüll. Ach! die Bestien! Sie durchwüteten die Stadt. Eine verrostete Glocke schwang sich. Nein – es war alles nur das betäubende Schweigen des Mittags. Es war nur ein Ton auf der Flöte Pans.

»Pan!«

Sie rief ihn; ihr Haar zerdrückte sich im Nacken, sie breitete die Arme aus auf dem glühenden Felsen. Drüben, an jener Pinie, lehnte sein Altar; darüber hing eine Syrinx ... Still, das war sein Fußtritt ... Sie hob die Wimpern, ganz leise: da stand er selbst, ein Bein noch über der Mauer. Er war struppig, breitbrüstig und verbrannt, in Ziegenfellhosen, mit keimendem Bart und runden Augen, finster und unbeweglich funkelnden, – und er schlich auf sie zu, den Kopf vorgestreckt. Ihr Blick erwartete ihn unter den langen Wimpern. Er beugte sich über sie, räuberisch und scheu; er roch nach Vieh und nach Göttern. Sie schlug langsam die Arme zusammen über dem Fell auf seinem Rücken.

Irgend etwas hatte gelacht in dem vergessenen Kessel aus Stein, der dahinschwankte mit ihr und ihm durch brennendes Blau. Sie schrak auf. Droben, mit zwei hörnenen Füßen auf dem Mauerrand, langhaarig, mager und unkeusch, ragte ein ungeheurer Bock.

 

Er war ein Ziegenhirt und stand allein und reglos zwischen Farren und Menthe in einer Schlucht, an deren dürren Abhängen seine Tiere grasten.

»Was machst du eigentlich? Stehst du immer mit gekreuzten Armen?«

»Nicht, wenn der Schatten kommt.«

»Und wenn der Schatten kommt?«

»Dann mache ich das da.«

Zu seinen Füßen lag frisch geformter Ton.

»Zeige mir, wie du's machst.«

Er setzte sich, zog die Beine unter den Leib und begann zu kneten, ernst, mit gleichmäßigem Wiegen des Kopfes. Er rundete Amphoren mit weiten Bäuchen und nannte sie »Kühe« – und schlanke Vasen mit schmalem Busen:

»Das sind schöne Mädchen.«

Er machte einen Krug, dessen Wölbung ein Menschenkopf war, mit steifem, dümmlich glotzendem Profil. Sie sah über seine Schulter weg unter seinem Daumen Geschöpfe erwachsen im geheimnisvollen Mittag und wie aus dem eigenen Schoße der Natur. Er war Pan. Er suchte in der Tonerde nach Wesen, deren Spuren er vor zweitausend Jahren verloren hatte, und er zog fabelhafte Vögel heraus, zackig gefiedert, mit schmalen, wütenden Köpfen und gespreizten Krallen, und andere mit Pferdemähnen, und andere mit Schnauzen von Seelöwen. Es zeigten sich auch, ein wenig undeutlich, Menschen mit Bocksgesichtern.

Am Abend trieb er seine Herde heim. Die Ziegen schwenkten volle Euter. Die Böcke legten ihnen die sehnigen Hälse, in Lederbänder geengt, auf die Nacken. Die Zicklein hopsten. An einer Hausmauer, in einem Backofen, brannte er seine Töpfe. Das Getier, von der Sonne ausgedörrt, zerrieb er zwischen den Fingern.

»Warum, warum?«

»Ist unnütz. Trägt keinen Heller.«

»Und das andere?«

»Verkaufe ich drunten.«

Eines der Gefäße zerbrach.

»Ist nichts wert. Ist schlechte Erde. O Elend, kein Bauer kauft's mehr. Nur noch die Fremden, aus Unwissenheit.«

»Wann gehst du hinunter?«

»Wenn die andern zurückkommen.«

»Wer, die andern?«

»Alle, die hier in der Stadt wohnen.«

»Hier wohnen also welche? Wo sind sie?«

»Drunten. Helfen bei der Weinlese.«

»So komm auch du.«

Er drehte sich kurz um.

»Will nicht. Bleibe bei den Ziegen.«

Tags darauf sagte sie:

»Tritt einmal heraus aus diesen Felsen, geh bis an die Straße und schau hinunter, wie das Land schön und fröhlich ist. Sie sind bei der Ernte.«

Er schlich ihr nach, widerwillig und lüstern. Und dann sah sie, wie sie es gewünscht hatte, seine wilde und arme Gestalt hinunterragen in das üppige, weiche Land. Er blieb stumm und abweisend.

»Was steht dort unten zwischen den Reben?«

»Mandelbäume.«

»Und gleich daneben?«

»Pfirsiche.«

»Und dann, weiter!«

»Äpfel, Birnbäume ...«

Er kicherte zwischen den Worten; seine Wangen wurden dunkler. Granaten glühten aus tiefen Laubmassen zu ihnen herauf.

»Walnüsse ... Kastanien ... Feigenbäume von Amelia –« Er schmatzte.

»Dort das Haus?« fragte sie.

Er erspähte es, seine begehrlichen Blicke zerrten es, klein und weiß, aus dem safttriefenden Grün hervor, von dem es ganz verschlungen war.

»Wer wohnt darin?«

»Ha! Ein Fettwanst ... und vier schöne Mädchen.«

Er hielt ihr vier Finger vors Gesicht, und er feixte, laut und grausam, ein bettelhafter Eroberer, von Lüsten verbrannt und in langer Entbehrung hart genug geworden, um eines Tages von seinem kahlen Felsen hinunterzustürmen und mit Schicksalstritten hereinzubrechen über alles, was lockte und sich hingab.

Sie sah ihn an; in diesem Augenblick fühlte sie sich ihm verwandt.

»Ich fahre hinunter!«

Sie bestieg ihr Gefährt. Zwischen den Reben drängten sich viele Farben und leuchteten wechselnd herauf aus Laubwolken. Die weißen Pfade waren bunt von Volk, rasselten von Karren, blühten von heißen Gesichtern, schallten von Lachen. Eine ungeheure Butte, überquellend von Trauben, von schwarzen und goldenen, tauchte schwankend unter grüne Siegerpforten. Lärmende Weiber zogen aufs Feld, den leeren Korb auf der Hüfte. Sie wiegten ihn, zurückkehrend, gefüllt auf dem Kopfe. Im durchbrochenen Blätterschatten rauften bloßbeinige Knaben sich um blonde Beeren, bepudert mit Staub. Ein Mädchen kniete am Wegrand, sie lächelte verführerisch, den Kopf im Nacken, und ein singender Bursche in weißer Hose ließ Beeren in ihren Mund fallen, eine nach der andern, von der schweren Traube, die sein Arm hinaufreckte ins Licht. Er war halbnackt und glänzte vor Hitze; auf seiner Schulter falteten sich die Muskeln, auf seiner Brust waren sie gespannt. Die große Traube glänzte seiden. Jede Beere, die fiel, spiegelte sich in des Mädchens Augen und ward, rötlich, rund und feucht, umwunden von ihren Lippen wie von zwei purpurnen Schlangen. Der Bursche hörte auf zu singen, sein Blick ward starr.

Die Herzogin ging zu Fuß durch ein Dorf. Der Wein schlug über ihm zusammen wie über einer Insel. Kinder umschrien und umtanzten in flatternden Hemdchen, verwirrt von der Erde Lust, die unter Lasten anmutig schreitenden Esel auf dem Gang zur Tenne. Durch ein Fenster glitt die Ernte, lautloses Gold, auf den Boden. Sehnige Kerle hingen sich an die Seile unter den Balken der Decke; sie ließen sich fallen, schnellten hinauf und taumelten herunter, mit unerbittlicher Wollust hineinstampfend in das geschwollene und saftspritzende Fleisch der Trauben. Gehäuft zu mächtigen glatten Leibern, leerten sich die Trauben, verbluteten und dufteten berauschend.

Draußen trappelte unermüdlich der Zug der geduldigen Tiere. Der Wein nickte hoch über ihren Stirnen, hinter ihren Hufen tänzelten die Knaben. Ein schwüler blauer Dunst umkreiste die Ebene, das Laub schien heller, die Stimmen wurden schriller, die Scherze heißer. Die Straße wandelte in doppelter Breite, gekrönt mit Brücken, Wappensockeln, Alleen von Landgut zu Landgut. Abundanzia selber rollte weiß, rot und trunken dahin auf schwankendem Triumphwagen: die Herzogin sah ihr nach.

Sie verweilte im Zypressengang einer Villa. Hinten unterschied sie das weiße Haus, eingewoben in das abenteuerliche Geäst sarazenesker Ölbäume. Sie hörte Vogeltriller aus ihnen herüberperlen und ersticken unter dem Gelächter von Mädchen auf hohem Rasen mitten im Wein. Sie waren geschmeidig, braun und vom Wein durchpulst. Ihre Hemden, in lange Falten zerknittert, öffneten sich über den niederen Miedern. Sie lagen auf vollen Körben und zerdrückten die Trauben mit den Spitzen ihrer Brüste. Mit Beeren und mit frechen Worten bewarfen sie die Burschen. Die drängten sich um sie her, lachten aus nassen Mündern, reichten ihnen Korbflaschen, überschütteten sie mit Kränzen.

Einer stand abseits, langbeinig und jung, unter dem hohen, wiegenden Baldachin einer Pinie, und ganz in Träumen. Die Jacke hing nur über der linken Hälfte seines Rumpfes. Die rechte war nackt; die Brustwarze schwamm hellrot auf seiner warmen Haut. Der Hals, seitwärts gewendet, malte einen tiefen Schatten unter das bartlose, sinnenüppige Gesicht. Sein Haar glänzte wirr; schwarze, dichte Strähnen bogen sich in die Schläfen und zwischen die Augen: unter sehnsüchtigen Brauen schmachteten ihre dunkeln Blicke. Sein lässiger Arm hob eine Flöte aus Rohr, sein breiter, fleischiger Mund hauchte hinein. Es war das Land selbst, das in Sonne singende, lustwütende und weiche, mit Früchten belastete und vor Süßigkeit traurige, das diesen Ton ausstieß, diesen wollüstigen und versagenden. Er war beseligend zum Hinsinken: die Herzogin vernahm ihn.

Hinter ihr schnaufte es. Der Hirt von droben schlich an den Baumstämmen hin, er belauerte, ein struppiges Tier, brünstig und gefräßigen Blicks die zahmen Reize des Jünglings mit der Flöte. Er schrak zusammen; die Herzogin herrschte ihn an:

»Woher kommst du?«

Sein Kopf, unter einer dichten Zypresse, war ganz schwarz. Er feixte im Schatten.

»Bin mit dir gefahren, habe unter deinem Wagen gehangen.«

»Warum bist du nicht bei den Leuten aus deinem Ort? Warum hilfst du nicht ernten?«

Er sah verstockt vor sich hin.

»Was geben sie mir denn dafür? Eine schlechte Suppe, das ist alles.«

»Und was willst du weiter?«

»Nichts.«

Sie stampfte auf.

»Was du weiter willst!«

Er grinste von unten, demütig.

»Hab Geduld, schöne Herrin! Hab's mir schon genommen.«

»Was hast du dir genommen? ... Übrigens sage, gefällt dir dieses Besitztum?«

»Hab's dir ja schon gesagt.«

»Wie?«

»Es ist ja dieses hier, das mit dem Fettwanst und den vier schönen Mädchen. Dort im Grase liegen die Mädchen, aus dem Hause tritt der Wanst.«

Ein beleibter Alter entschwankte dem Hintergrunde. Sein Bauch war rot umwunden, sein Gesicht glühte. Er erhob segnend seine unsicheren Hände über die Burschen und die Dirnen. Sie hüpften um ihn her, sie foppten und betasteten ihn. Zwei schöne Geschöpfe in langen Haaren drückten ihm einen Kranz von Weinblättern in die kahle Stirn. Sie selbst waren mit Rosen gekrönt. Hinter ihm schleppten zwei Knechte einen riesigen Kessel herbei, der blinkte und dampfte. Rings um die Suppe betteten sich alle ins Gras. In einem unerwarteten Luftzug rauschten ein paar Büsche; die Flasche kreiste. Irgendwo erhob sich langsam und schmerzlich eine Melodie, wand sich seufzend zwischen den verstummten Lachern hindurch und fiel auf einmal zurück auf den Rasen. Plötzlich klirrte ein Tamburin, es rasselte und klappte. Ein Paar sprang auf und noch eins. Der Alte im Weinlaub raffte sich vom Boden, er stolperte mit kurzen Beinen den beiden goldbraunen Schönen entgegen – auf ihren Wangen spielte der Schatten langer Wimpern –, und sie tanzten. Die Tarantella warf ihnen die Kränze vom Kopf, sie keuchten, der Alte purzelte auf den Rücken und strampelte wie ein Käfer, bis er sich herumwälzen und aufstehen konnte. Händeklatschen und fliegende Röcke, Verschlingungen nackter Glieder; Gelächter, Küsse –, und durch das blasse Gespinst der Oliven sickerte feucht ein rosenroter Quell. Er bespülte den Horizont, er überschwemmte den Himmel; nun schwammen auf seiner Flut ringsumher die Häupter der Pinien.

Da brach aus der Vigne hervor etwas Jähes, Tolles, ein Tier rauh und brüllend, vielleicht ein Waldgott, den der Geruch von Dryaden hetzte. Er stürzte sich auf den Unbärtigen mit sehnsüchtigen Brauen, der abseits stand, die Flöte an den Lippen – und er riß ihn mit sich. Sie tanzten. Das Abendrot verrann, das Gelächter ermüdete: sie tanzten. Der erschöpfte und heiße Leib des Knaben hing nur noch, rückwärts gesenkt, in den Armen des andern: sie tanzten. Es taumelten schon Paare ins Gras, dann entschlief der letzte. Aber auf dem erbleichten Abend, im ersten Sternenflimmern, schwangen sich, gliederwerfend, in die Runde zwei Schatten, ein sanfter, weich versagender, und ein ungestümer, der heischte. 

 

Bei Tagesanbruch fuhr die Herzogin schon wieder von Capua herüber. Sie stieg vor der Villa aus, wo sie dem Feste zugesehen hatte, und ging eilig die Allee hinauf. Das Gras blinkte; einige Schläfer lagen noch darin, mitten unter ihnen der Alte. Sie umschritt ihn prüfend; die Sonne sprenkelte seinen kahlen Hinterkopf, sein Gesicht versteckte sich zwischen den Armen. Sie faßte einen Entschluß und rüttelte ihn.

»Ismael Iben Pascha!«

Er grunzte, richtete sich in den Schultern auf und fiel zurück. Sie lachte, ganz allein, in die Büsche hinein.

»Ich hab's ja gewußt ... Ismael Iben Pascha! Eine Freundin ist da, die Herzogin von Assy.«

Der Alte setzte sich auf mit einem Ruck und rieb sich die Augen. Er blinzelte.

»Sie sind gekommen, Herzogin? Hübsch von Ihnen. Wir waren damals so vergnügt miteinander, in Zara, bevor Sie übers Meer davongingen. Denken Sie sich, daß seitdem auch ich –«

Er gähnte geräuschvoll, seine Augen verschwanden. Dann erhob er sich vollends, beschämt und unzufrieden.

»Da trinkt man nun. Man trinkt ohnehin, und außerdem, weil es Weinlese ist. Und so kommt es denn, wie Sie's zu meiner Schande gesehen haben.«

»Das Merkwürdige ist, daß man Ihnen überhaupt hier begegnet, Ihnen, dem Gesandten Seiner Majestät des Sultans am dalmatinischen Hofe!«

»Ausgezeichnet, Herzogin, sagen Sie das noch einmal: Gesandten – wie war es? Ich bin nämlich ein alter Bauer geworden und etwas schwer von Auffassung. Ein alter Bauer, müssen Sie wissen, dem dieses bescheidene Gut seinen Lebensunterhalt gewährt.«

»Erstaunlich!«

Unversehens kam ihr eine Erinnerung.

»Und Fatme? Prinzessin Fatme?«

»Drinnen im Hause. Wir machen der Prinzessin später unsern Besuch, die Prinzessin schläft noch. Inzwischen zeige ich Ihnen mein Besitztum, Herzogin, wollen Sie?«

Er ging neben ihr, im hellen Leinenanzug, das Gesicht gerötet unter dem weißen, wolligen Bart, und strich die rote Binde glatt über dem behäbigen Bauch.

»Auf dieser Tenne stampft man den Mais aus den Kolben; eine gesunde Beschäftigung. Nebenan ist die Molkerei ... Gehen wir zur Kelter! Wollen Sie sehen, wie die Treber gären? Es riecht eigentümlich. Dann stecken wir noch den Kopf in den Schweinekofen. Ach, Herzogin, das Landleben!«

»Denken Sie, es geht mir ebenso, auch ich möchte einfach eine Bäuerin werden.«

»Ich verstehe das, ich verstehe das.«

Sie spazierten über eine weite Wiese, wo friedliche Rinder lagerten und kauten. Der Pascha blieb plötzlich stehen.

»Aber sonderbar ist es doch. Sie, Herzogin, waren die unruhigste Frau, die ich kennengelernt habe. Nicht für zwanzigtausend Drachmen jährliche Pension hätte ich Sie – pardon – hätte ich Sie in meinen Harem aufgenommen. Wir unterhielten einander trefflich, ich darf mich dessen wohl rühmen. Wie haben Ihre staatsverräterischen Streiche mich entzückt! Das Abenteuer mit dem Prinzen Phili, der jetzt König ist –, und der einst bei Ihnen Lakai war. Ah! Ah!«

»Und Sie, Pascha, und Ihre Geschichten! Sie waren eigentlich ein Pariser, der von den Kraßheiten des Orients malerisch zu sprechen wußte und der sie, aus Dilettantismus, manchmal beging. Ich selber hatte Lust, welche zu begehen! Wir paßten sehr gut zueinander.«

»Jaja. Die stolzeste Dame der internationalen Gesellschaft und ein, ich darf wohl sagen: nicht unabgefeimter Weltmann – und was ist aus uns beiden geworden? Da sehen Sie's, daß alles umsonst ist. Das Schicksal nimmt uns am Arm und dreht uns herum; was geht's uns noch an, was hinter unsern Schultern geschieht. Ein Schiffbruch wirft uns nackt an eine neue Küste, wir bekommen ein anderes Kleid, unter Umständen gar keins; das ist das ganze Leben.«

»In diesem Augenblick glaube ich es fast.«

»Ich glaube es seit drei Jahren ... Lassen Sie uns jetzt ein Glas Milch trinken. Nachher schauen wir nach, ob meine Damen erwacht sind.«

Sie betraten den quadratischen Bogengang; das Haus steckte, um ein Stockwerk höher, darin wie in einer zerplatzten Hülse. Im Hofe fegte ein Pfau mit gewaltiger Federschleppe das Pflaster. Er rannte auf seinen Herrn zu, unter lächerlichem Schlängeln des Halses, der goldblau schillerte. Der Helmstutz auf seinem Kopfe wippte. Es hüpfte hinter ihnen über die flache Treppe und bis in das erste Zimmer. Es duftete darin nach Essenzen und nach brünetten Frauen, die geschlafen hatten und deren Haut perlte.

»Madame Fatme, kennen Sie mich noch?« fragte die Herzogin.

Fatme watschelte herbei mit schweren Schritten. Sie riß verwunderte Kinderaugen auf zwischen gemalten Lidern. Sie war noch beträchtlich dicker geworden. Ihre gelbliche Matinee stand offen über dem grünseidenen Hemd. Sie hob sich auf die Zehen und brachte dem Gesicht der Fremden das ihrige ganz nahe. Ihr Atem duftete stärker als ehemals nach süßem Tabak und entschiedener nach Knoblauch.

»Nein«, erklärte sie ehrlich.

»Denke nach«, befahl väterlich der Pascha. »Du hast die Dame in Zara gekannt, es sind – es sind wohl fünfzehn Jahre.«

»Die Herzogin von Assy?« flüsterte Fatme blanken Blicks und ungläubig.

»Ja? ... Aber wer hat Sie denn verzaubert? Sie sind nicht älter geworden, nein, gar nicht – aber ganz anders. Mir scheint, ich kenne Sie jetzt besser als früher ...«

»Wirklich?«

»Und ich wundere mich gar nicht, daß Sie auf einmal bei uns sind. Damals, in Zara, wunderte ich mich, wenn Sie kamen. Sie ängstigten mich sogar ein wenig. Sie waren etwas ganz Unbekanntes. Niemals haben Sie sich zu jener Zeit in solcher Weise auf die Kissen gestreckt ...«

Die Herzogin ruhte auf zwei großen blausilbernen. Ihr gegenüber, an getürmten Haufen von grünen, violett beblümten lehnte fast stehend eine große, völlig nackte Frau. Sie war weniger fett als Fatme, aber breiter und von festem Fleisch. Ihre kleinen, starren Brüste, ihr weiter, faltenloser Bauch und die Hüften und die Schenkel, geschlossen zu einer machtvollen Masse tierischen Lebens, atmeten hoch und langsam. Die schwer beweglichen Augen glänzten zwischen Wülsten schwarzen Haares. Es überwölbte die niedrige Stirn und wuchtete im Nacken. Die Arme reckten sich am Polsterrand unter breiten Juwelenbändern, die hinabglitten auf starkfingrige Hände. Ein Schleier schwankte vom Diadem hernieder und um die Frisur, den Arm entlang und im Bogen dem Schoße zu; er zitterte, durchsichtig wie Luft, über dem schwach spiegelnden Elfenbein dieses Leibes. Ein wenig Schatten bräunte die Flanken und verfinsterte kräuselnd die weitoffenen Achselhöhlen.

»Das ist Melek«, erklärte Ismael Iben Pascha. »Meine zweite Frau. Die dritte und vierte befinden sich nebenan.«

Er hob eine Gardine aus Rohr und Glasperlen auf und hing sie über ein Taburett. Das zweite Zimmer war aus halbgeschlossenen Läden grün beleuchtet, und an der Schwelle lag der schöne Flötenbläser von gestern, nackt wie Melek, auf einer seiner schlanken Hüften und einen Arm unter dem Kopfe. Fatme, der Pascha und die Herzogin betrachteten ihn stumm; da stolzierte an ihnen vorbei der Pfau. Er stieg auf den Schläfer, wandte den Hals hin und her, der schillerte, und hüpfte drüben zu Boden, im grünen Licht und unter dem Rascheln seiner bunten Federschleppe, die zögernd hinstrich über des Knaben schmale, helle Knie.

Gleichzeitig trat aus dem Hintergrunde, rasch und zierlich, eine junge Dame in elegantem weißem Sommerkostüm, den Strohhut in der Hand. Sie umging vorsichtig, mit gerafften Röcken, den Vogel und den nackten Körper.

»Sehen Sie, Herzogin, das ist Emina«, sagte der Pascha.

›Ach‹, dachte die Herzogin, ›es ist das schöne Mädchen von gestern nacht, in Rosenkranz und langen Haaren, die so zügellos tanzte.‹

Emina warf Melek und Fatme triumphierende Blicke zu. ›Ihr seid nackt oder schlecht bekleidet. Ich aber war auf dem Posten und bin angezogen.‹

Ismael Iben Pascha schnüffelte umher.

»Aber wo ist Farida?«

Emina hob die Schultern, Fatme erklärte:

»Wo wird sie sein? Wo sie ihr Vergnügen findet. Hat wieder einmal draußen übernachtet.«

»Und dieser verdammte kleine Ungläubige, der dort ohne Hemd in deinem Schlafgemach umherliegt, Emina!« murmelte der Alte. »Ich lasse euch zu viel Freiheit, ihr kleinen Weiber. Ich bin zu gut, Herzogin – ein gutmütiger alter Landmann. Was habt ihr nur getrieben? Schläft jener Kleine nicht, als wollte er gar nicht mehr aufwachen?«

»Das ist Meleks Schuld«, behauptete Emina. »Nicht ich bin die schlimmste.«

Melek rollte langsame Emailaugen. Fatme drängte sich an ihren Gatten, sie kraute ihn mit den Patschhändchen im Barte.

»Nun siehst du wohl, an wem du die beste Frau hast. Deine kleine Fatme verläßt niemals dein Haus. Sie will gar nichts weiter, weder Männer, noch Knaben, noch Mädchen – sie will nur dich, du guter Dicker.«

»Erkennen Sie, Frau Herzogin«, sagte der Pascha feierlich und mit tränenden Augen, »was so eine Frauenseele seltsam Schönes birgt. Solange ich reich war und sie unter hundert Sklavinnen in meinem Harem verschloß, fügte sie mir Unrecht zu, soviel sie vermochte.«

»Keinen sehnlicheren Wunsch hatte ich, als dich im Harem selbst zu betrügen, mein süßer Alter, doch immer mißlang es ... Ich bedauere es noch heute.«

»Jetzt aber«, so beendete der Pascha, »da sie ein schlichtes Bauernhaus mit offenen Fenstern und Türen bewohnt und die Sitten in diesem Lande der Schamlosen ihr alles erlauben würden, jetzt ist sie mir die treueste, die liebevollste Gattin.«

Sie waren beide gerührt, und sie streichelten einander.

»Und wie kommt es, Pascha«, fragte die Herzogin, »daß Sie jetzt arm sind?«

Alle blieben stumm. Plötzlich stieß Melek einen tiefen Laut aus. Emina versetzte geläufig:

»Aber Madame, das gehört doch der Weltgeschichte an. Er hat dieselben Narrheiten begangen wie Sie selber.«

Fatme, eifersüchtig, drängte sie beiseite.

» Nicht wie Sie, schöne Herzogin. Viel dümmer!«

»Jawohl, viel, viel dümmer«, murmelte Ismael Iben und kauerte sich, von beschämenden Erinnerungen überwältigt, auf den Teppich.

Fatme zwitscherte:

»Es war sein Wille, zu verderben. Er ist mit dem Kopfe durch sein Glück mitten hindurchgerannt, bis er aufs Unglück stieß! Der Sultan wollte ihm so wohl, daß er ihm noch einmal eine Provinz zu verwalten gab: und er hatte sich doch schon in der ersten ein hinlängliches Vermögen erspart. Was tut er? Anstatt Geld einzusacken, wirft er es hinaus. Er besticht alle Welt, er will die Provinz zum Abfall vom Reiche bewegen. Hätte Ihr Beispiel, Herzogin, ihn nicht vorsichtig machen sollen? Alles geht gut, bis ein geheimer Vertrauter des Großherrn ins Land kommt mit viel Gold und Vollmachten. Ich warne Ismael Iben: ›Erlaube mir, ihm durch eine Sklavin eine Botschaft zu schicken und ihn bei Anbruch der Nacht in den Harem zu ziehen. Ich schwöre dir, daß mir von ihm nichts zustoßen soll. Ich werde ihm einen Schlaftrunk reichen und dem Bewußtlosen den Kopf abschneiden. Oder ich werde ihn vergiften. Hat nicht deine Mutter, die große Suleika, viele Männer vergiftet?‹ – ›Nachdem sie sie genossen hatte‹, entgegnet mir der Pascha. Und aus Eifersucht läßt er seinen Feind am Leben, bis es ihm selbst an die Kehle geht. Da muß er flüchten – ach, ich probierte gerade einen Spitzenkragen an, aus Paris. Bewundern Sie ihn, da ist er. Zerrissen ist er wohl, ich habe ihn ja angehabt auf allen Fahrten – aber wie elegant! Meine übrige Garderobe mußte drüben bleiben ...«

Sie weinte ein wenig. Ismael Iben Pascha seufzte schwer.

»Noch mehr mußte drüben bleiben: all meine Güter, all mein Geld, meine gewirkten Stoffe, die Speicher mit dem Korn, das ich nur bei Hungersnot und nur sehr teuer verkaufte, und alle meine Mamelucken und mein ganzer Harem. Die Freunde haben ihn mir eilig veräußert, von dem Erlös erstand ich dies bescheidene Landgut. Ich bin zufrieden, ich alter Bauer – aber meine vier schönen Gemahlinnen!«

»Wir sind glücklich, o Geliebter, wenn du es bist!« riefen die drei. Von der Schwelle her wiederholte bescheiden eine vierte:

»Wenn du es bist, o Geliebter!«

Und noch ein schönes Mädchen, eins mit zerzausten Röcken und Locken und mit großen heißen Augen, glitt durchs Zimmer, wiegenden, gesättigten Ganges, und sank auf ein Polster.

»Bist du also wieder da, Farida?« meinte der Pascha mit leisem Vorwurf.

»Für dich«, entgegnete sie, »wäre ich gern die niedrigste Sklavin. Warum verkauftest du nicht auch mich: du wärest um soviel reicher. Ich bat dich darum.«

»Auch ich bat dich darum«, rief Emina. Fatme stampfte auf.

»Aber ich früher als ihr« – und Melek stieß einen tiefen Ton aus. Der Pascha neigte sich zu der Herzogin und raunte:

»Sie werden die Wahrheit nicht bekennen, weil sie voreinander Furcht haben. Aber in Wirklichkeit hat jede meine Knie umfaßt und mich angefleht, ich möge die drei andern verkaufen und sie allein mitnehmen. Jaja, so sehr lieben sie mich!«

Er wackelte auf seinen ineinandergefalteten Beinen hin und her und strahlte.

Farida war hinausgelaufen. Nach fünf Minuten kam sie wieder, noch ungekämmt, aber duftend nach white rose, und brachte Zigaretten mit und Schalen und Gläser. Die Schalen waren nicht aus Lapislazuli wie einstmals, sondern aus Steingut. Aber in Rachat Lokoum, mit Wasser aufgeweicht, erkannte die Herzogin die köstlichen »Bissen der Ruhe« wieder, die auf die Zunge, wo sie schmolzen, einen milden Vorgeschmack des Paradieses legten. Sie stützte den Kopf in die Hand, auf ihren grünseidenen Kissen, die gleißten wie aus alten Erinnerungen herüber, und sie hörte dem Geplapper der Frauen zu und dem leisen Girren des Pfauen; sie sah die würdige Gestalt des Alten und des Knaben zärtlich hingegossene, und die weißen Wolken, die Melek aus ihrer Wasserpfeife sog – und das alles ruhte im Goldgrund von Märchen. Eine Traube hing sonnig zum Fenster herein; draußen wob der Mittag. Traumselige Lust bettete sich ringsumher im Gemach auf Seide und auf Fleisch.

»Ich bin versucht hierzubleiben«, sagte unvermutet die Herzogin. »Wie war's, Ismael Iben, wenn man Ihnen Ihr Besitztum abkaufte?«

Es verging eine Weile.

»Was Sie, Herzogin, soeben äußerten, habe ich nicht recht verstanden«, erwiderte bedächtig der Pascha.

»Es ist doch nicht so schwer ... Oh, Sie sollen hier bleiben, Sie und Ihre vier Damen. Wir wohnen alle sechs hier im Hause. Aber für den Landbesitz gibt man Ihnen Geld. Wäre es Ihnen nicht angenehm, wieder einmal Geld zu haben?«

Der Pascha wiegte lange den Kopf; seine Frauen sahen ihm atemlos zu.

»Ich will es nicht leugnen«, erklärte er endlich. »Es wäre mir angenehm. Auch gebe ich zu, daß ich von der Landwirtschaft niemals etwas verstanden habe, ich alter Bauer. Es gibt da gewisse Schwierigkeiten, so die Steuern. Ich war stets gewohnt, die der andern einzustecken; jetzt soll ich selber welche zahlen: ich bin zu alt für so etwas.«

»Nun also.«

»Und Sie hätten einen Käufer, Herzogin, einen, der geneigt und fähig ist, hier alle Arbeit zu tun, während wir uns ausruhen können?«

»Einen Käufer ...«

Sie sprang auf, lachend über den eigenen Einfall, und sprang ans Fenster.

»Dort rekelt er sich, der Käufer!« rief sie.

Die Frauen spähten hinaus; drei von ihnen waren jäh herzugestürzt, Melek bequemte sich langsam. Der Pascha lugte unter ihrer Achsel hindurch. Im Hof, unter einer der Arkaden und in der Sonne, lag zusammengerollt der Hirt aus den Bergen. Sein verbrannter Kopf stak in den halb enthaarten, schwärzlichen Fellen wie in einem schlaffen Schlauch. Er sah hinauf, starräugig, ernst: droben lachten sechs Gesichter. Die Frauen schrien vor Vergnügen, sie bissen, eine um die andere, mit breiten weißen Zähnen in die Traube am Fenster. Feridas spitze Zunge küßte den Arm der Herzogin durch den Schleierärmel hindurch und hinauf bis zur Schulter. Melek preßte sie von hinten gegen ihre kleinen harten Brüste.

Da erhob sich nebenan des Pfauen wütendes Gekreisch. Der Jüngling war vom Lärm erwacht und hatte den Vogel angestoßen. Er stand auf, eine Hand noch an den verschlafenen Lidern, in der andern die Flöte, und kam herbei – goldig, weich umrissen, begehrenswert und ermattet. Die Frauen lachten nicht mehr. Er senkte die Augen auf seine Blöße. Um sich eine Haltung zu geben, setzte er die Flöte an die Lippen. Sie hörten ihm zu. Dann gaben sie ihm Kuchen, ihm und dem Pfauen.

 

Als die Frauen es dem wilden Ziegenhirten klarmachten, dieses Landgut, auf dem er seit vierundzwanzig Stunden von Abfällen lebte, sei sein eigen, da zeigte er ihnen die Zähne. Allmählich begriff er, daß man ihn nicht verspotte. Er lief und kam mit einem Karren voll Trauben zurück.

»Das war's, was ich mir genommen hatte!« erklärte er und grinste zu der Herzogin hinüber. »Jetzt ist es also mein von Rechts wegen.«

Er sah gespannt im Kreise umher. Gleich darauf stürzte er sich auf mehrere Burschen, die gafften.

»Wollt ihr arbeiten!«

Die feiernde Sorglosigkeit hatte ein Ende erreicht auf Ismael Ibens Landsitz. Ein gieriger Barbar war Herr geworden über die weichen Menschen des goldenen Zeitalters. Sie taten wehrlos seinen Willen; dann zeigte er sich als patriarchalischer Despot allen Weibern sehr gnädig und auch den hübschen Burschen. Er lebte unter ihnen im groben Leinenanzug, ein wenig besänftigt, voll barscher Gutmütigkeit und rauher Lieder. Er formte mit ihnen die Polenta zum Fladen, buk sie über Kohlenfeuer auf einem flachen Stein und verschlang sie glühend. Er bereitete ihnen Wassersuppe mit Zichorien und Zwiebeln. Die von ihm zur Liebe Unterjochten erhielten nichts Besseres.

Die Herzogin ging oftmals ihm nach, aufs Feld. Seine magere, stählerne Gestalt bog und hob sich mit den Spatenstichen. Hinter dem braunen Acker, den gewellten Hügel hinauf, über gepflügte Terrassen stiegen die schattenstillen Ölbäume. Ihre Wurzeln schleppten, mühsam voreinander gesetzte Füße, die Last des Öles fort, worin der Abhang ertrank. Sie waren Schönheit und Reichtum, die Oliven! Sie waren von der Wollust so schwerer Fruchtbarkeit ganz müde und mürb. An ihren Wurzeln, unter gestauten Wassern, bildeten sich Fäulnisherde. Das Insekt mit gelbem Kopf, das mit ihnen kämpfte, bohrte sich in ihre Früchte und häufte darin seine Eier. Das Eisen des Pflegers höhlte ihren Stamm aus – sie aber erhoben ihn mit klaffenden und leeren Wänden in zerbrechlichen Windungen bis ins Licht. Das aschige Grün ihrer Häupter atmete darin, silbern lächelnd, wie seit tausend Jahren, und lächelnd und nie besiegt, außer von Kälte, vollbrachten sie das Wunder neuer Ernten.

Oder sie ruhte im Schatten. Große, frische Wasserkürbisse rundeten sich, rötlich gespalten, neben ihr im Ginster; sie streckte nur die Hand aus, und der Saft troff darüber. Ein Bach zog gelinde an ihr vorbei. Droben über den Hecken senkte in die langen Weinlauben sich Dunkelheit. Die Blätter schlangen helle Arabesken hinein. Aber jenseits herrschten, im biegsamen Blau, die klaren Berge. Die Herzogin ruhte, halb entkleidet und einen Fuß im Wasser. Ein Lamm schmiegte sich unter ihren nackten Arm. Langsamen, nickenden Ganges schritten hintereinander oder zu zweien die alten Schafe an ihr vorbei und die Hämmel, mit Köpfen, die aus Mythen hervorlugten. Hinter ihr warfen Ziegen sich prasselnd in das Gestrüpp. Ein alter Bock streckte, phantastisch feixend, seinen abgezehrten Kopf heraus. Sie dachte mitten im scharfen Duft von Tieren und Kräutern:

›Ich bin wie Eselshaut, bevor der Prinz sie fand. Und stieg ich nicht gerade wie sie, um den Peinigungen einer Liebe zu entkommen, die Terrassen meiner Villa hinab, im Mondlicht und ohne Ziel? Ein Widder, scheint mir, hat mich in jener Nacht auf einem Wägelchen hierher entführt. Ach! durch Kot gehen, die Sonne ertragen lernen, barfuß mich im Wasser spiegeln: ich verlange heute nichts weiter. Jene bronzenen Gestalten zwischen Sonne und Acker, die ich einst in Dalmatien und in Rom als Träume genoß und in Venedig als Bilder – ich habe mich nun, verlangend und sehr schlicht, unter sie gemischt. Ich bin müde – und ich erhole mich in der rohen Liebe dieses Tieres, das ein Halbgott ist, von der unmenschlichen Schwärmerei so vieler Jahre, von ihren unsäglichen Erhabenheiten, ihren Leidenschaften, die bitter endeten, und von allem, was weit fort von der Natur war. Nun bleibe ich still ins Gras gebettet und wünschte bloß, es wüchse ganz über mich hin, und ich fühlte schon versunken in meiner Brust den Saft dieser Scholle kreisen.‹

Dann kehrten sie heim, Seite an Seite, die Herzogin und der Bauer, durch die ergrauende Ebene. Das Abendrot drängte rauchig sich hervor aus Schleiern. Oben zerfloß und zertropfte eine purpurne Wolke. Eine Angst vor der Nacht überschauert das Land. Die Ölbäume stürzten mit verzerrten Schattenmienen nach vorn; sie flohen, die Kronen zurückgeworfen, wie graues Haar: – aber Sturz und Flucht waren gefesselt. Und nun wob weites, feinohriges Dunkel den Wanderer ein. Es hob ihn, es machte ihn leichter von Gedanken und Gefühlen. Sie beschritten die lange Dorfstraße. Düstere Gehöfte schoben dahinten sich links und rechts in die Äcker. Dazwischen rötete den Weg ein verheißungsvolles Licht, einsam, im weiten Land verloren. Sie betraten es endlich, geblendet, müde, glücklich.

Und es fuhr wieder ein Morgenwind in ihr Fenster, eine Sichel klang, und golden wie volle Ähren rauschte ein neuer Tag.

Sie badete mit Melek, in einem Teich am Berge. Ein Quell sprudelte herab, und darunter, inmitten von Lotosblättern, stand Melek, grellweiß vor dunkeln Büschen. Rinnsale liefen ihr von den Schultern und über die ausladende Hüfte; ihren Haaren entwand sie Garben; es sah aus, als spritzten Strahlen aus ihren Brüsten, die sie preßte. Die Herzogin lag ein Stück weiter auf dem Sande, den Kopf über der Wasserfläche, und blinzelte hinüber zu der großen Frau. Das Glück der sprühenden Tropfen, in grüner Umfriedung, am Teich, den Himmelsblau erfüllte, machte die fahrende Sehnsüchtige so ernst, stumm und ohne Wunsch, wie jene in tierischer Unschuld es war und im Frauengemach.

Sie badete mit Emina und Farida, die voll Unrast waren und keine Stelle ihres Körpers ungeküßt ließen.

»Wir sind aus Neapel, mußt du wissen. Oh, wir sind nicht so unerfahren wie Melek. Unsre Mutter bot uns auf dem Toledo den Männern an: wir waren erst zehn Jahre. Ein Greis nahm uns eines Nachts nach Hause. Er stahl uns – oh, wir grämten uns wenig darum – und verkaufte uns weit fort in eine sehr große Stadt, wir wissen nicht, wie sie hieß, einem mächtigen Reichen. Der lehrte uns seltene Künste, und als wir ihm geschickt genug deuchten, sandte er uns als Geschenk dem Sultan, mit dem er ein Geschäft machen wollte. Wir gingen aber auf der Reise durch die Hände Ismael Iben Paschas, und er behielt uns. Wir wurden, weil wir vieles verstanden, sogar seine Frauen. Das ist unsre Geschichte.

Sage, du Schöne, sollen wir dir die kunstvollen Spiele zeigen, die wir mit dem reichen Manne treiben mußten? Oder diejenigen, die er uns lehren ließ für den Sultan? Alle kennt sie nicht einmal Ismael Iben. Dir zeigen wir sie ... Nein, du willst nicht? Wie schade!«

»Setzt euch dorthin, du auf jenen Stein, Emina, – Farida, du auf den andern. Ich bleibe hier. Wir lassen still die kleinen Wellen um unsere Beine plätschern; sie schaukeln von einer zur andern.«

Sie lächelte ihnen zu und dachte:

›Habe ich nicht viel lieber als alle eure Liebkosungen den Widerschein im Wasser, Farida, von deinem kupferblonden Haar, das du aufbindest, und von deinen rosigen Füßen? Bin ich nicht süßer beglückt, wenn deine dunkeln Locken, Emina, um deine warmen Brüste wehn, die steif im Winde ragen, und du die Schale hochhältst, in die deine Schwester, auf den Fußspitzen, eine Traube auspreßt, Tropfen für Tropfen? ... Wartet eine Weile, es wird schon dunkel, der Mond geht auf – dann sehe ich euch, blau vom Haar bis zu den Zehen, auf eingezogenen Beinen kauern, eine Hand an der Sohle, und Brüste, Magen, Bauch in lauter weiche Wellen zusammengedrückt, und eure Profile unter schweren Frisuren, gestreckten Halses hinausstarren über den schwarzen Teich, unter den schwarz hangenden Bäumen hindurch, ins Mondland ...‹

Und zum Schluß ihrer Träumerei fragte sie sich:

›Da ich euch doch nie ganz genießen kann, da auf meiner Zunge, aus dem Herzen der süßesten Feige, immer noch eine Süßigkeit zerfließt, die ich – und ließe ich mein Leben für sie – nur ahnen kann: ist es nicht die tiefere Wollust, die Augen zu schließen, so wie jener ins Kloster ging?‹

Sie streifte manchmal bis ans Meer. Man kannte sie in den Fruchtgärten am Grunde der Strandtäler und in den Lorbeerhainen auf den Rücken von Hügeln, wo eine salzige Brise ging. Flüchtig schritt sie vorbei, Gold und Liebe austeilend, wie eine unerwartete Labsal, an schöne Geschöpfe – und man sah ihr staunend nach und glänzenden Blicks wie einer verirrten Nymphe mit hoch aufgebundenem Haar, vollen Schultern und schmalen Hüften. Auf ihrer Haut glitzerte es wie von Wellenschaum. In ihren Fußtapfen, hätte man glauben können, blieb etwas davon zurück.

Einmal fuhr sie mit dem jungen Flötenbläser. Es war an einem Morgen, als vor einer Scheuer, im roten Herbstlaub, der Bauer über ihn hergefallen war, ein liebestoller Wolf. Die Herzogin drohte und befahl vom Hause herunter so lange, bis er seine Beute fahren ließ, knurrend und gebändigt. Nun saß im Wagen der Knabe vor ihren Knien. Seine fleischigen Lippen standen halb offen; unverwandt betrachtete er sie mit dem leidenden Blick eines zarten Tieres, das zuviel geliebt ward.

›Wie verlockend, ihn zu küssen – und wie süß, es nicht zu tun. Ob er mir nicht dankbar dafür ist, mir, die er begehrt?‹

Gegen Abend lag sie auf einem Felsen; er hing, von langen braunen Gräsern umzottelt, schräg hinüber auf das Meer. Es sah herauf, sanft und geisteräugig. Die Berge zergingen in Duft, die Schiffe durchträumten ihn, die Vögel waren silbern darin verstrickt. Sie hatte gebadet; er breitete über sie eine Decke roter Blüten. Er stand unter ihrem Felsen, mit dem Munde dicht bei ihrem, und sang eine Melodie, die von oben nach unten schwankte, versagend sich in drei traurigen Tönen verfing und belastet war mit der Schwermut einer immerwährenden Glückseligkeit.

»Dich friert?« fragte sie. »Es kommt nun wohl der Winter ... Wie bist du denn blaß? Sage einmal, bist du zuweilen glücklich?«

»Niemals«, antwortete er schwach. »Sie lieben mich ja alle.«

»Und du?«

»Wenn ich dich liebte?« sagte er wie zu sich selbst. »Ob das wohltäte? Wäre ich glücklich?«

Sie legte ihre Lippen auf seine, sie zog ihn in ihre Arme, gütig und weich. Er ließ es nur geschehen, und er zitterte. Sie spürte selber, mitten im zu warmen, nackten Dasein, einen Kälteschauer und den Hauch der Zerstörung in der Fülle der Wollust.

 

Sie schlief noch; Fatme stürmte herein und weckte sie mit Weinen.

»Der arme Kleine, nun ist er tot!«

»Schon tot?«

»Sie haben ihn alle geliebt, bis er gestorben ist.«

Die dicke Frau riß an ihrem Haar, preßte sich die Arme und verdrehte die Augen.

»Und nun wird es auch Winter.«

Die Herzogin lehnte sich ans Fenster. Drüben um den Schuppen, wo des Knaben Lager stand, stolzierte mit Geraschel der große blaugoldene Pfau. Eine weibliche Gestalt, verhüllt, gesenkten Hauptes, kam rasch herbei und erklomm die angelehnte Leiter; es war Farida. Dann erschien ein Mädchen aus der Nachbarschaft, hastig atmend. Emina zeigte sich mit geröteten Lidern. Es nahten andere, Mägde, Hirtinnen, Gutsherrinnen, verschleiert und zaghaft, oder außer sich, unter lauten Gebärden – zuletzt auch Melek. Sie warteten am Fuß der Stiege; die eine klomm hinan, jammernd und angstvoll, die andere kehrte zurück, verklärt durch einen dankbaren Schmerz, ein letztes Mal beseligt durch den Anblick dessen, den sie alle so oft begehrt hatten, der ihnen einen Sommer lang Vergnügen bereitet hatte und den sie beweinten, da es kalt ward.

Der Bauer trat zu ihr ins Zimmer.

»Bist du zufrieden, Herrin?«

»Womit?«

Sie sah sich um.

Wände und Fliesen waren frisch gekalkt und gescheuert, Blumen standen auf dem Frühstückstisch.

»Hast du das getan?«

»Die Annunziata tat es, sie wartet draußen und möchte sich dir vorstellen.«

»Die dort in der Tür? Die ist zu dick, laß sie draußen, sie würde vielleicht nicht gut riechen.«

Er schloß die Tür.

»Du hast recht, sie ist ein wenig zu dick. Nicht, als ob ich etwas gegen die fetten Frauen hätte, aber sie ist es zu sehr.«

»Nun, als Magd kann man sie trotzdem verwenden. Zu heiraten brauchst du sie ja nicht.«

»Das ist es eben. Ich mußte sie heiraten ... Ja, verstehe mich nur: um ihr Grundstück zu bekommen. Es ging nicht anders.«

»Ah! Sie ist deine Nachbarin? Und um deinen Besitz abzurunden, hast du sie geheiratet, während ich fort war?«

Sie lachte, aufrichtig belustigt. Er sah zu Boden, er murmelte:

»Sie ist zu dick, ich gestehe es. Ich bin für das Maß, das du, schöne Herrin, innehältst. Aber man muß Geduld haben. Sei zufrieden, du wirst besser bedient werden als bisher!«

»Nun, es ist gut, wenn ihr selber zufrieden seid.«

»Wir werden es alle drei sein.«

»Vorläufig hilf mir meinen Koffer packen, oder schicke mir die Magd.«

»Willst du denn schon wieder ausfahren?«

»Ich gehe nach Neapel, dort werde ich wohnen.«

»Du verläßt mich? Habe ich dich erzürnt, vielleicht durch meine Verheiratung?«

»Gewiß nicht. Ich war schon vorher entschlossen.«

Er beugte ein Knie vor ihr und seufzte laut:

»Tue das nicht. Dein Knecht bittet dich.«

»Das ist unnötig, stehe ruhig auf.«

Er sprang auf die Füße und krallte sich in sein Haardickicht mit allen zehn Fingern.

»Du bringst mich ins Unglück! Ich habe ihr ja versprochen, daß du dableibst. Sonst hätte sie mich gar nicht genommen, die Annunziata.«

»Bin ich die Hauptbedingung bei eurem Geschäft? Es macht nichts, hier ist Geld. Sie wird dir nicht die Augen auskratzen.«

»Bist du etwa nicht ganz zufrieden mit mir?« fragte er.

»Ich bin immer recht zufrieden mit dir gewesen.«

Sie nahm Banknoten aus einem Portefeuille und sah dabei zu, wie seine Augen funkelten. Dann packte sie ihm die Hände voll.

»Immer recht zufrieden«, wiederholte sie. »Drum kriegst du eine Extravergütung.«

Sie erinnerte sich, ihn oftmals schwer betrunken gesehen zu haben, aus Raufereien heimgekehrt und von Neidern seines Glücks zerschunden und zerstochen, stumpf, störrisch und überaus tierisch – aber nie hatte er sich gegen sie aufgelehnt. Er kannte sie spöttisch, gütig, heiß, übermütig oder sehr fremd, und er hatte ihr von unten zugeschaut.

Er schlich hinaus und rieb sich den Kopf. Zu seiner Frau, die gehorcht hatte, sagte er:

»Sie ist die Herrin, man muß Geduld haben.«

Aber das Weib zeterte den ganzen Tag.

Abends betrat Ismael Iben Pascha ihr Zimmer.

»Wie sich das trifft, Herzogin, daß Sie nach Neapel gehen!«

»Wieso?«

»In den nächsten Tagen – ich bin benachrichtigt worden – trifft auch der König Philipp mit seinem Minister dort ein.«

»Unser Phili? ... Mit Rustschuk, mit meinem Hausjuden?«

»Dieselben. Außerdem ist in Neapel der türkische Generalkonsul gestorben.«

»Was Sie sagen! Und wie sehen Sie feierlich aus, Ismael Iben! Im schwarzen Gehrock und in Lackschuhen – Sie, der alte Bauer!«

»Bemerken Sie noch, daß die Pforte eine bedeutende Anleihe plant und dabei Rustschuks Beistand gar nicht entbehren kann.«

»Und was bedeutet das alles?«

»Das alles kann nur bedeuten, daß durch ein Wort von Ihnen, Herzogin, an den Minister Rustschuk und durch die Vermittlung des großen Finanzmannes bei der ottomanischen Regierung der zum Tode verurteilte und in der Verbannung lebende Ismael Iben Pascha vom Sultan in Gnaden wieder aufgenommen und zum Generalkonsul in Neapel ernannt werden soll.«

»Werden soll?«

»Ja, Herzogin: werden soll. Und daß er von seinem einstigen Vermögen soviel zurückbekommen soll, um seine vier Frauen standesgemäß unterhalten zu können ... Ich war ein alter Bauer und war's zufrieden. Da sehen Sie's, daß alles umsonst ist. Das Schicksal nimmt uns am Arm und dreht uns herum. Drei Jahre lang hat es mir ein mäßiges Landleben gegönnt, nun bestimmt es mich wieder der Welt und ihren ermüdenden Ehren. Ich unterwerfe mich.«

Fatme watschelte herein.

»Auch ich unterwerfe mich. Wenn es mir beschieden gewesen wäre, wie gern wäre ich hier geblieben! Seit drei Jahren habe ich diese Villetta und meinen Diwan kaum verlassen. Was macht es mir aus, wenn ich künftig in einem Marmorsaal auf dem Diwan liege? Ich bin eine Prinzessin aus fürstlichem Hause, hier wie dort. Habe ich recht, schöne Herzogin?«

»Vollkommen.«

»Des Paschas andere Frauen kommen wer weiß woher und müssen sich herausputzen. Ich mißachte den Putz so lange, bis er von selber kommt. Nun werde ich bald einen neuen Spitzenumhang haben ...«

Sie träumte ein wenig – und dann flatterten Emina und Farida herein und schwatzten und lachten und küßten.

»Wir hätten ihn mitgenommen!« sagten sie unvermittelt und gleichzeitig und sanken sich weinend in die Arme.

Die süße Gestalt des verstummten Flötenbläsers stand auf einmal an der Schwelle zu lauter neuen Erlebnissen – und blieb dahinten.

Die Herzogin öffnete die Tür; der Kopf der Bäuerin fuhr vom Schlüsselloch zurück.

»Sie könnten nach Capua schicken. Mein Wagen und meine Dienerschaft sollen morgen früh hier sein.«

»Die Frau Herzogin wird nicht wegfahren«, sagte das Weib sogleich im frechen Bittstellerton.

»Gehen Sie.«

»Ich hab es schriftlich, daß Sie hierbleiben.«

»Oreste!« rief die Herzogin einem Knechte zu. »Sofort nach Capua!«

Dann wandte sie sich in den Garten. Die Bäuerin, unförmlich, in Scharlach gekleidet, pockennarbig, blieb fuchtelnd immer dicht hinter ihr.

»Sie haben es versprochen, hat er mir gesagt. Gehen Sie weg und geben ihm nichts mehr, so ist er nichts mehr wert. Und ich hätte den reichen alten Orquao heiraten können! Sie könnten hier Ihr Leben beschließen, man würde Sie gut behandeln. Sie aber müssen fortgehen. Warum? Antworten Sie nicht? Wollen nicht mit mir reden? Aber Sie wissen es wohl selber nicht. Niemand weiß es. Es ist eine von den Launen der Damen – dieser verdammten Damen. Totschlagen sollte man euch!«

Im Seitengarten und aus einem weiten Gehege von Orangenbäumen erhob sich ein kleines Belvedere; eine Treppe wand sich hinauf zwischen engen Steinwänden. Die Herzogin erstieg sie rasch. Die Bäuerin wollte hinterdrein, stieß vergeblich ihre Körperfülle an den schmalen Geländern und rief eine Zeitlang wimmernd die Heiligen an. Dann schimpfte sie weiter.

»Betrogen wird man von euch, ihr Ruchlosen! Auch habt ihr keine Sitten! Ich kenne euch, in Neapel habe ich Dinge gesehen! ... Und du dort oben bist die Allerschlimmste! Du hörst mich wohl nicht? Hängt in der Nacht, weiß wie ein Geist, über der Mauer und tut, als kennte sie niemand. Ich will schon schreien, bis du's merkst. Hast du dir nicht meinen Mann genommen und alle andern dazu? Daß der schöne Junge gestorben ist, daran bist nur du schuld. Wie hast du ihn uns denn heimgebracht? He?«

Sie wartete; sie unterschied kaum Formen in jenem weißlichen Dämmerschein. Nur den Kopf sah sie blaß am schwarzblauen Himmel und irr umflimmert von Sternen.

»Du bist eine Zauberin!« schrie plötzlich das Weib. »Verhext hast du alle Männer und alle Weiber, daß sie nur noch Lust wollen. Alle sind liebestoll geworden, und alle toll nach deiner Liebe! An den Wegen warten sie, müßig und mit brennendem Blut, und hinter den Hecken, ob du vorüberkommst. Ob man je so etwas gesehen hat, ein Land, wo noch zum Winter die Tiere brünstig werden. Der Wein ist so schwarz dies Jahr und macht trunken, wenn man daran riecht. Und so viele Früchte, wie wir heuer haben: – es geht nicht mit rechten Dingen zu. Sieh, wie groß die Orangen schon sind und wie sie schon duften! Nicht die Heiligen taten das. Niemand ruft sie an – dich rufen sie an, dich, die du alle verhext hast! ...«

Auf einmal stockte die Bäuerin, jäh erschrocken über ihre eigenen Worte. Sie starrte hinauf mit aufgerissenem Munde und herausquellenden Augen, gepackt von der abergläubischen Furcht jener verschollenen Schiffer, die in dem weißen Kinde über den Riffen von Schloß Assy die Morra erkannten: die Hexe, die in Höhlen wohnte, Schuhe aus Menschenadern trug und Herzen herausfraß aus Brüsten. Und vor der Erscheinung im Finstern, unerreichbar zerflatternd in einem Reigen von Früchten und Sternen, brach das Weib aufkreischend in die Knie. Es griff sich an den Kopf, stolperte empor und flüchtete mit Geschrei und unter Bekreuzigungen.

 


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