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III

Sie war in den folgenden Wochen viel allein. Sie irrte umher in Venedig, und überallhin folgte ihr die tote Properzia. Sie bestürmte die bleiche Gefährtin mit Fragen, mit enttäuschten, anklägerischen und vergeblichen. Sie ging nach Hause und fand sich auf ihrer Terrasse erwartet von dem riesigen weißen Bilde der Frau, die sich erdolchte. »Ist das eine Antwort?« rief sie, müde und zornig.

Aber sie fühlte, es sei eine Drohung.

Sie betrat ihr Kunstkabinett.

›Also das war der Sinn des Liebesgeflüsters, das von allen Seiten diesen Raum durchschwirrte, buntschillernd, leichtflügelig, naschhaft und planlos. Die Begierden, Versuchungen, Listen, Liebesspiele – sie schwärmten hier, als reizende Insekten, an den Wänden hin, über die Füße der Pallas und durch die Olivenzweige, die sie ganz umranken. Wir folgten ihnen, berückt und lächelnd. Nun sind sie, wie zum Scherz, in ein offenes Grab hineingeflogen. Wir stehen davor, wir fassen es nicht.‹

Und sie stand lange starr, den Boden betrachtend; er öffnete sich ihr.

Dann aber überkam sie wieder jene heiße Verachtung, wie für eine Verwandte, die die Familienehre befleckt hätte.

»Wie konnte es geschehen!« sagte sie zu der Unsichtbaren.

›Deine Seele gleicht der Büste, die die Stadt überdauert, worin sie aufgestellt war. Eine Medaille ist jedes deiner Worte; es wird mancher seine Zeit überleben, den du gekannt hast – wie jener Kaiser, der verschollen wäre ohne die Münze, die ein Bauer aus dem Acker wühlt. Deine Gefühle fügen sich wie Verse, stärker als Erz und langlebiger als Götter. Der widerspenstige Fels spürt auf ewig das Siegel deines Traums.‹

Sie wiederholte sich oftmals diese Worte: Strophen, gemeißelt zum Ruhme der Kunst von einem Meister, der ihr gehörte. Am Ende sagte sie sich, beruhigt und geweiht:

›Wie könntest du tot sein, da ich ja deine Hand fortwährend in meinen Geist hineingreifen fühle. Sie stellt immer neue Bilder darin auf. Er enthält weite Länder, die du bevölkert hast mit deinen Halbgöttern, verschlossen, langsam, stark und ohne Lachen – wie ich sie wünschte, und wie du sie schufest: du, eine Schöpferin!‹

Ihr Blick traf Properzias Hand; sie lag, in Gips gegossen, auf amarantenem Samt.

Sie wandte sich erblassend, als stünde Properzia selbst vor ihr, in ihrem leinenen Überkleid, und auf hohen Hacken unhörbar über den roten Läufer herbeigekommen, wie damals in ihrer Werkstatt zu Rom, als die Herzogin sie zuerst besuchte. Sie glaubte die tiefe, sanfte Stimme zu hören:

»Sie sind hier zu Hause, Herzogin: ich ziehe mich zurück. Sie waren ganz bei Ihren Gedanken und erschrecken, da Sie mich sehen.«

»Ich sehe Sie zum ersten Male, Frau Properzia. Zum allerersten Male fühle ich, was schaffen heißt, das Leben schaffen um sich her ...«

Sie ward durchrüttelt, schmerzhaft fast, von Ehrfurcht.

Properzias Hand war voll und stolz. Der Daumen entfernte sich von ihr, in kurzer, gewellter Schlangenlinie. Die Finger verjüngten sich gleichmäßig nach den Spitzen, die sich aufwärts bogen.

»Wie oft habe ich dich bei nächtlicher Arbeit überrascht!« sagte die Herzogin. »Die Werkleute, die den Marmor punktiert hatten, waren fortgegangen; es war dunkel. Du aber mochtest den Tag noch nicht beschließen, er war dir noch nicht reich genug gewesen. Du bandest dir eine kleine Laterne mit einem Riemen vor die Stirn, und so umschrittest du den Stein: auf allen Seiten trafen ihn dein Licht und deine Schläge. So wandern nun meine Gedanken in kleinen Schritten immerfort um dich herum, Properzia. Sie hämmern an dir und werden gequält von ihrer eigenen ruhelosen Flamme!«

Ihre schwarzen Flechten umrahmten die bleich-weiße Hand. Ihre Lippen betasteten die Hand, die kunstreiche und hilflose, die starke und dennoch abgehauene.

 

Mitten im Gewühl der engen Gassen überwältigte sie zuweilen die weiße Drohung der Frau, die sich erdolchte. Einmal stand sie, schwindelnd und schwach, vor einer kleinen Kirche. Um die Tür hingen bunte Papierkränze. Sie trat ein, um auszuruhen. Es war hell und voll Blumenduft. Die Orgel spielte etwas Heiteres. Die Herzogin fühlte sich erlöst; sie erinnerte sich, wie dumpf, zerfahren, gierig und ohne Sinn draußen die Welt ihre Opfer hin und her zerrte. Die Gemeinde kniete, reglos gebückt. Leuchtenden Blicks und zitternd vor besonnener Freude, hob ein alter Priester den Kelch an die Lippen.

›Ich will es nie vergessen‹, dachte die Herzogin, als sie wieder draußen war, ›daß die Tempelhalle, in der ich lebe, um den Altar der Minerva prangt. Properzia ist von einer Leidenschaft, die fremde Züge trug, hinausgedrängt, die hohen Stufen hinab, an denen die Brandung des weihelosen Volkes sich bricht. Sie ist verlorengegangen: ich folge ihr nicht.

Das schwere, bronzene Tor wird denen, die draußen keuchen und lästern, das unerbittliche Schweigen der Masken entgegenhalten, womit es bedeckt ist. Ich wandle über die Steinplatten von der Farbe der Eulenaugen. Im Vorübergehen hole ich einen Klang aus der großen goldenen Leier; sie lehnt am Bilde der Göttin. Auf die Räucherpfannen zu ihren Füßen breite ich Kräuter. Ich hänge zwischen den Säulen schwere Kränze auf. Die Spangen meines Handgelenks gleiten mir bis an die Schulter ...‹

Sie erblickte diese Bilder unter den Arkaden, im Hofe des Dogenpalastes, wo sie oft den Schatten genoß. Der Riesentreppe gegenüber, am Ende des Torganges von der Piazza her, stand in einer Nische der Seitenfassade eine weibliche Statue. Jedesmal, wenn die Herzogin um die Ecke bog, trat sie ihr entgegen, nackt und schwarz und mit dargebotener Hand, als wolle sie eine Gefährtin zu sich emporziehen.

›Welche seltsamen Genossen seid ihr mir, ihr Statuen‹, so sann die Herzogin. ›Was birgst du für ein Mysterium, o Kunst! Bin ich nicht die letzte, zerbrechliche Tochter von Vätern, die zu stark waren? Die Väter, haben sie mir nicht längst alles vorweggenommen, ähnlich vergessenen Träumen, die schöner waren als alles, was wir ausrichten möchten? Sie haben Städte gegründet, Rassen unterworfen, Küsten beherrscht, Dynastien errichtet, Reiche befestigt: – kann ich es auch nur ahnen in all seiner Fülle, solch Leben eines Assy? ... Aber es ist auf einmal mein in all seiner Fülle, da diese Statue, angesichts der Riesentreppe, mir die Hand bietet wie einer Schwester.

Ihre Formen legen sich fest um meine Seele: ich werde wie sie, üppig und gewaltsam. Ich beginne zu leben, verschwenderisch und unbedenklich. Plötzlich öffnet sich mir der gemeißelte Wald dieses Hofes. Es sinkt wie eine Dornenhecke vor diesem Feenschlosse nieder. Die ganze Flucht der Loggien entlang schwellen die steinernen Blätter, Blüten, Fruchtkörbe; sie bewegen sich unter der Flut der stolzen Stimmen derer, die in den Fenstern lehnen. Die Riesentreppe steigen langsam, klirrend und rauschend, viele hinan, die sich nach mir umwenden und mich kennen!‹

Sie begab sich auf den Markusplatz; er brütete verödet unter der Wucht des Mittags. Die Bogengänge der Prokuratoren umspannten seinen Prunk, und wie eine Krone auf seinen heißen Kissen, blendend und heilig, lag die Kirche. Ihre fabelhaften Formen überstürzten sich, betörend grell. Ihre hundert Juwelenfarben blitzten, toll vor Pracht und grausam. Und die Engel auf dem höchsten Bogen taumelten mit goldenen Flügeln in ein brennendes Blau.

Aus dem Dogenpalast, unter den kurzen, dicken Säulen hervor, die die Herzogin verlassen hatte, trat ein Mann in spitzer roter Mütze mit goldenem Stirnband, einen langen Mantel, ganz aus Gold, um die Schultern. Eine Frau ging neben ihm, in Goldbrokat, große Märchenperlen an dem reichen Halse und um den Leib eine goldene Kette; die fiel ihr bis auf die Füße. Es umringten sie Männer in Purpurkleidern und andere, pfauenbunte. Ihre Schleppe hoben schlanke Jünglinge, in gelben, glatten Haaren, die die Ohren bedeckten – mit einem Samtreif um den Kopf, einer kleinen Schürze über Hüften und Schenkeln, und in den halb geschlossenen Augen lauter Stolz auf die eigene Keuschheit. Und Bischöfe kamen und begleiteten das Tabernakel in ihren steifen Dalmatiken mit bemalten Goldrändern. Und Kaufleute, deren Gesichter hart und fromm waren. Und kleine Affen, in Scharlach gekleidet, auf plumpen Straußen. Und Frauen, mit Diademen in flockigen Goldhaaren, die herabrieselten über schwarze Gewänder. Sorgsam lehnten sie mit den Flächen aneinander ihre kleinen blassen Hände.

Sie zogen über den Platz. Die Falten der schweren Ornate bewegten sich kaum, die Füße der Pagen waren zu leicht, um gehört zu werden. Sie verschwanden in einem tausendfältig gebrochenen Sonnenblitz.

Und es nahten andere, kurzen, heftigen Schrittes, rauschend, geräuschvoll, gebärdenreich, Lorbeer über kurzen in gelber Seide. Nach ihnen kamen zärtliche Epheben in leuchtenden Farben, die schmalen Glieder abgezeichnet unter schmiegsamen, ganz bestickten Stoffen, die weiten Ärmel mit goldenen Spangen geschlossen, schief auf dem Ohr die rote Kappe, und die Haare darunter festgebunden mit seidenen Schnüren. Vermischt mit ihnen schritten Gepanzerte, rasselnd und düster blinkend, und die hellen Jünglinge schienen an sie geschmiedet wie Fleisch auf Eisen.

Sie entfernten sich; ihre Kolonnen wurden verschlungen von lauter greller Sonne. Da nahte noch ein einzelner, ein Krieger, karmoisin und samten. Von dem goldenen Knopf auf seiner linken Schulter wallte sein Mantel. Auf seiner goldenen Brust drohte und schrie eine Medusa. Unter seinem goldenen Helm drängten sich seine Locken heraus. Der Helm war spitz beschirmt, von Arabesken umschlungen, und hinten bewacht von einem silbernen Greifen.

Die Herzogin wartete in dem engen Schatten eines Pfeilers, weit drüben, am Ende des Platzes. Sie machte zwei Schritte ins Licht hinaus. Plötzlich wendete der ferne Vorüberwandelnde ihr sein schreckliches Gesicht zu. Sie erkannten sich, sie lächelten einander zu, Sansone von Assy, Kondottiere der Republik, und seine späte Enkelin Violante. Er liebte sie; sie hatte, was er von den Frauen verlangte: einen gereiften Körper und einen Geist voll festumrissener Bilder. Sie konnte ihm ein Gemälde im voraus beschreiben, das farbentrunkene Triumphgemälde zum Gedächtnis seines Sieges über eine nach jahrelangen Listen greuelvoll bewältigte Landstadt. Sie konnte in dem antiken Festzuge, wo er selber Mars war, mit Helm und Speer als Pallas Athene gehen.

Sie war damals dreißig – und sie dachte an einen Tag ihres einundzwanzigsten Jahres: sie stand auf dem Balkon des Palais Assy, an der Piazza Colonna zu Zara, und schaute hinunter auf eine Prozession von Soldaten, Priestern, Hofleuten, Volk, auf Kirchenbanner, rote Zeltdächer, blitzende Uniformen und Engelsflügel an Kinderschultern. Das letzte Gebetmurmeln versiegte – und plötzlich ward es laut von Jubel, und alle Schwerter grüßten zu ihr hinauf, wie der Flug eines Silbervogels durch das Mittagslicht.

Nun ging durch einen andern Mittag, über den Markusplatz, Sansone von Assy, der stehend gestorben war, blutig und auf den Lippen einen Horazischen Vers. Er grüßte sie mit seinem langen Degen in roter, ziselierter Scheide. Über ihm bäumten sich und wieherten die erzenen Rosse auf dem Kirchenportal – und die Herzogin sah ihn nicht mehr.

Ein neues Volk großer Kinder drängte herbei, schlau und witzig wie Truffaldin, und wie Pulcinella arglos ungeschickt; gleich Tartaglia faul und gefräßig, und so ruhmredig wie Spavento. Sie spreizten sich in Spitzen, gewirkten Schlafröcken, Palastroben – durcheinander mit bunten Griechen, Türken und Levantinern, und trieben zwitschernd und lächelnd Albernheiten mit Frauen, die Verstecken spielten unter Bautta und Dreispitz und unter lächerlich fahlen Masken, mit geröteten Lippen und Lidern. Die Fächer klappten, das Gelächter perlte, der Platz war bedeckt mit Quacksalberbuden, Marionettenbühnen und den Kanzeln predigender Mönche. Unter jedem Bogen der Prokuratien winkte ein Kaffeehaus und girrte ein Spielsaal. Geschminkte Abbati, Gecken alt und jung, Liebhaber des Pharao und Amtspersonen, die von schlüpfrigen Reimen überflossen – alle tollten hinein, unter Knabentumult. Liebesmakler boten ihnen Edelfrauen an, und sanfte, schöne und dienstfertige Kurtisanen sich selber. Sie zogen den flüchtigen Geliebten unter die mit Marmorbildern gekrönten Arkaden; dort sah man mehr Frauen an der Erde ausgestreckt als auf den Füßen. Sie warteten am Dogenpalast auf den Nobile, der den Rat verließ. Stattliche Äbtissinnen stritten um die Ehre, aus ihrem Kloster eine junge Nonne entsenden zu dürfen als Mätresse des neuen Nuntius.

Ein Herr und eine Dame streiften an der Dame vorüber. Die Dame war milchweiß, und wie ein Hauch von Pastellfarbe lagen ihr die verblichen violetten Bänder in der weichen Senkung zwischen Schulter und Brust und im graublonden Haar. Sie zeigte der Herzogin schelmisch die schwarze Fliege im Winkel ihres blassen Mündchens. Der gepuderte Kavalier aus Atlas und Rosen nickte mit geschürzter Lippe seiner letzten Verwandten zu, nur eine rasche Sekunde – und Pierluigi von Assy und seine Dame tänzelten davon. Sie hatten sich lieb: es wartete ihrer eine rosengeschmückte Gondel, drüben hinter den abenteuerlichen Arabesken jenes Tempels, am Fuße rosiger Treppenstufen, im seidenen Wasser und unter der Glorie eines Himmels, der als goldblauer Baldachin die Feste beschirmte auf dieser marmornen Insel.

Aber alle, die so toll, lüstern und phantastisch dahinschwirrten, jedem Kitzel nach und jeder Schimäre – sie vergingen und zersprühten endlich, gleich dem Funkenregen des Feuerwerks am Ende aller Feste. Nichts blieb nach ihnen übrig; sie hatten alles verbraucht; das letzte Gold, die letzte Kraft, die letzte Laune und die letzte Liebe.

 

Die Herzogin ging allein zurück über den hallenden und himmelhohen Festsaal; er blendete heiß. Aus den Mosaiken San Marcos brach ein wildes Gefunkel. Orientalische Träume, zu Stein geworden, zu silbern wuchtenden Kuppeln und zu Inkrustationen von Malachit, Porphyr, Gold und Emaillen, blitzten sie an – wie mit lauter Dolchen. Und lange Säulengänge schritten als lichte heidnische Eroberer, mit edler Gebärde auf das Geheimnis und das Grauen los, das von Byzanz kam. Die Herzogin dachte:

›Die alten Dekorationen sind stehengeblieben. Und von dem verhallten Drama, das ihr darin spieltet, habt ihr mir ein Wort zugeflüstert. Ihr seid zu mir gekommen, ihr habt mich als eure Enkelin erkannt und mich gewappnet und geschmückt mit der Kraft und der Blüte der marmornen und erzenen Bilder, die stehengeblieben sind, als ihr verschwandet. Sie ziehen mich auf ihr Postament als ihre Schwester. Ich bin eine eurer Statuen, die heute plötzlich die Augen aufschlägt und alles versteht, was nur ihr verstandet. Mir gehört dieses versunkene Reich, ich bevölkere es neu. Für mich rauscht das Volk eurer alten Träume über die toten Jahrhunderte herbei, und bis vor meine Füße.‹

An der Piazzetta bestieg sie ihre Gondel.

›Nicht wahr? Ihr habt meine Glieder ganz angefüllt mit eurem mächtigen Leben! Ich fühle ja, wie ich selbst unerschöpflich hinüberströme in alles, was ich sehe. Auf mein Geheiß steigen an diesem Strande, den Paläste säumen, die Brücken schimmernd auf und nieder. Jedes der reizenden Mädchen, deren grüner oder goldener Pantoffel über ihre Bogen hineilt, entsende ich von meinem Herzen. Mir scheint, ich habe ihre blumigen Mieder selber gewirkt; ihre schlanken und weichen und flaumigen Nacken hat mein Daumen modelliert, und das Blondhaar habe ich darüber hingestäubt und die Veilchensträuße befestigt an den blassen Hälsen der Brünetten. Der gebrannte Ton der männlichen Gesichter ist mein Werk.

Hinter jener blendenden und grün überbuschten Gartenterrasse bewegt sich eine junge Dame; ihr Kleid prangt in allen Tinten des Sommermittags. Ihr weißer Tüllschal weht lind und duftend um ihre Schultern. Sie ist gewandt, leicht, weit ausschreitend, flüchtig und hinterläßt überall ein Lächeln und einen Gedanken an Glück. Ich habe sie dort hingestellt, an dieses strahlende Ufer, damit die Erde noch schöner werde, die reiche Erde, die aus mir jauchzt.

Eine Bewegung meiner Hand hat auf die Spitze jenes Dreiecks marmorner Prunkbauten die Fortuna hoch hinaufgeschnellt. Sie spiegelt sich hell in den Wellen, und ihr Widerschein fließt auf den Wellen bis in die fernsten Kanäle: der Widerschein der Fortuna.

Wenn ich drüben auf der Giudecca den gemessenen Tempel betrete, dessen glänzende Staffeln mich abholen aus der Lagune, so erhellt plötzlich seine klare, freudenreiche Halle alles, was in mir schlief. Ich schreie bebend in Spannung und Jubel des Wiedererkennens durch den zauberhaften Säulenwald, der den Leib der Schönheit gefangenhält.

Fern davon, an schattiger Wand, in der Tiefe einer Sakristei, sitzt auf dem rotdurchwirkten Damast einer flachen Tribuna in dunkel- und mattblauem Faltenmantel eine Madonna. Über ihr erlischt das Gold der Kuppel. Unter dem weißen Kopftuch schimmert das blasse Gesicht, klein, rund, hochmütig erhoben. Ihre halb geöffneten Augen bekennen nichts von allem stolzen Leid. Sie blickt halb zur Seite, über die Menschheit weg, die plump ist. Der Mund ist schmal und eng verschlossen ... mich aber hat er geküßt ... Ich bin oftmals selber diese Madonna. Oftmals bin ich der Kinderengel, der zu Füßen einer anderen stillen Königin, in hellem Bildersaal, die Viola spielt, geneigten Hauptes, ängstlich vertieft, leidend vor Glück, weil er sie besingen darf.

Ich bin der Genius am Grabe des großen Bildhauers, mit weichen Schultern, breiter Jünglingsbrust, ganz schmalen Hüften und langen, fein gewölbten Schenkeln – und ich bin die blonde, weiße, fette Märtyrerin, deren Frisur unter Perlenschnüren verschwindet und die, aus ihrer Brokatrobe herausgerissen, den Kopf versteckt zwischen ihren emporgezogenen, üppigen und verwöhnten Schultern. Ich bin auch die rotgerockte, halbnackte Mohrin, die ihr den Dolch auf den Taubenhals setzt.

Ich atme in all den gehäuften Gliedern, den prachtvoll gebogenen, üppig verkürzten, ambrablassen und in satte Stoffe gebetteten der großen Frauen, die nackt einander die Stirn mit Sternen krönen – und der andern, die in goldenen Gewändern, weiß, übermächtig und unzugänglich, im silbernen Blau an der Decke von Prunksälen thronen. Völker staunen sie an, und sie werden umwogt von Geschöpfen mit durchsichtiger Haut und rosigen Fingerspitzen: Geschöpfen des wollüstigen Lichts.

Und ich brenne in den roten Kreuzigungen, wo lässige Brünette, mit grünen und blutigen Juwelenblitzen in den blondgefärbten Haaren, sich in schwierigen und verführerischen Stellungen um das Marterholz des Gottes drängen. Auf einem ungeheuren Schimmel bäumt sich ein Hüne: bronzene Panzerplatten pressen da und dort seine nackten Glieder. Der Bauch quillt fleischig heraus. Die scharlachnen Landsknechte würfeln mit fratzenhaftem Eifer. Ein Mann in schwarzem Eisen schwingt rote Fahnen gegen den düstern Sturmhimmel. Unheimlich hell und bunt kauern vor dem braunen Gewitter auf fernen Olivenhügeln kleine fremde Greise und Weiber. Und das Abenteuer dieses Kreuzes, keuchend unter der Lust von jähen, schweren, nächtlich fiebernden Farben, ist nur der Opiumtraum jener Greise und ihrer blauen, gelben violetten Odalisken.

Mein Blut pulst sanft und stark in der leise atmenden Frau, die den Kopf auf den Arm bettet. Die wunderbaren Wellen ihrer Glieder ruhen zwischen den Wellen stiller Hügel. Ihr Fleisch fließt im Schlafe hinüber in das schweigende und warme Land.

In diesem selben Lande ertönen hohle, sanfte Flötentöne. Am Weiher, unter hohen, gütigen Bäumen legt eine nackte und träumerische Hirtin das Kind an ihre Brust. Der ernste junge Hirte wacht an seinem Stabe. Mein Blut kreist in den Bäumen und in der Mutterbrust. Es murmelt als Quell im Innern jener fruchtbaren Hügel. Es singt in den hohlen und sanften Flötentönen.

Die satten Lichter auf den Nacken der in Leiblichkeit Prangenden, ich fühle sie rauschen über mein eigenes Fleisch. Und ich zittere mit der scheuen, kleinen Psyche, deren harte Brüstchen die Linnen durchbohren und die ihr Gesicht wegdrückt in den Schatten.

Ihr alle, Pflanzen und Kinder, hinausstürmende Krieger oder weiche Rastende, Flöten oder Dolche, Hetären und Madonnen – ihr über den anbetenden Händen eines Einsamen und ihr im lauten Licht und unter den Augen der vielen Ahnungslosen: ihr seid tausend und einer von meinen Tagen. Meine Stunden, die auf goldenem Wagen vorbeifahren, bringen euch alle mit. In meinem Leben, das die Kunst segnet, blüht ihr auf. Ich kenne den Rausch von etwas Unglaublichem: der Vollkommenheit. Ich ergieße mich in lauter Vollkommenes.

Was hätte mir der Himmel weiter zu geben. Die Kunst macht mich zu einer Unbewegten, Schauenden, Verweilenden. Eine Göttin legt mir mein Leben in die Hände als eine köstliche Vase, ambraschimmernd, klar, kühl und überzogen von Bildern. Ich halte sie in den Händen, meine Finger gleiten an den Profilen der Figuren entlang. Die Mänade taumelt, die Nymphe lacht, und ein Widerschein ihres ewigen Prangens fällt auf die vergängliche Hand.

Oh, ich will sie in ruhigen Händen halten, die stille Vase meines Lebens, daß keine Verletzung, kein Fleck und kein zudringlicher Hauch der trüben Welt ihren keuschen Glanz entstelle – bis an die Stunde, da ich sie dankbar und glücklich zurücklege in die Rechte der Göttin, die sie mir lieh: der immer sehnsüchtigen, immer fremden, immer von Olivenzweigen umsprossenen Pallas.‹

 


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