Otto Ludwig
Zwischen Himmel und Erde
Otto Ludwig

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Von dieser Nacht an ängstigte Fritz Nettenmair die Frau nicht mehr durch Drohungen auf Apollonius; er begann sogar, sie mit einer gewissen Freundlichkeit zu behandeln. Dazwischen verlor er sich stundenweise in stummes Vorsichhinsinnen, aus dem er aufschrak, wenn er sich beobachtet sah. Dann war er noch freundlicher als sonst und brachte Scherze aus seiner besten Zeit; er versuchte sich sogar wieder an der Arbeit. Aber die Frau wurde nur noch ängstlicher; sie vermied noch mehr als seither, was dem Manne Anlaß zum Glauben geben konnte, sie wolle sich Apollonius nähern. Sie wußte nicht warum. Und wenn sie ihre Furcht Torheit nannte, sie mußte fürchten. Apollonius sah mit Freuden die Änderung des Bruders und suchte ihn auf alle Weise darin zu fördern. Er wußte nicht, wie der Bruder seine Freude auslegte.

Unterdes hatte Apollonius die Umkränzung des Turmdachs von Sankt Georg mit der gestifteten Zier begonnen. Er hatte die Rüststangen wiederum herausgeschoben und innen am Gebälke des Dachstuhls festgenagelt, die Bretter darauf befestigt, auf die fliegende Rüstung die Leiter gestellt und diese an der Helmstange festgebunden; er hatte wiederum den hänfenen Ring um die Helmstange gelegt, daran den Flaschenzug und an diesem seinen Hängestuhl befestigt. Die gestiftete Blechzier bestand aus einzelnen halbmannslangen Stücken, mit denen sich handlich umgehen ließ. Das Ganze sollte, nach des Stifters Angabe, der selbst die Kosten der Befestigung trug, zwei Girlanden vorstellen, die sich in gleichlaufenden Kreisen mit herabhängenden Bogen um das Turmdach schlangen. Je fünf jener Stücke, bei der oberen drei, bildeten einen dieser Bogen. Sie mußten an ihren Enden durch eingeschlagene Niete verbunden und jedes einzelne noch durch starke Nägel auf die Verschalung befestigt werden. Da die Ränder der Schieferplatten sich überall decken, war es nötig, an den Stellen, wo die Vernagelung stattfinden sollte, die Schiefer mit Bleiblechen umzutauschen. Dasselbe geschieht, wo die sogenannten Dachhaken in die Verschalung eingetrieben werden, an welche bei Reparaturen der Schieferdecker seine Leiter hängt. Die Fläche, mit welcher der Dachhaken, nachdem seine gekrümmte Spitze eingetrieben ist, durch noch zwei starke Nägel auf die Verschalung aufgenagelt wird, darf man nicht mit Schieferplatten überdecken. Bei Besteigung der an dem hervorstehenden Haken aufgehängten Leiter kommt seine Fläche in Vibration, die die Schieferplatten aufwuchten und beschädigen würde. Sie wird deshalb mit einer Bleiplatte überdeckt. Die Zierat kam, wenn der Wind sich darin fing, in eine ähnliche Bewegung. Dann war noch eins zu bedenken. Die Dachhaken liefen, je neun und einen halben Fuß voneinander entfernt, in gleichlaufenden Kreisen um das Turmdach; zwischen je zwei Kreisen befand sich ein Raum von fünf Fuß. Es galt, die Zierat so anzubringen, daß sie keinen dieser Dachhaken überdeckte.

Apollonius war fleißig bei der Arbeit. Der Blechschmiedmeister, der seine Zier so bald als möglich prangen sehen wollte, hatte sich weniger über ihn zu beklagen, als Apollonius mit dem Meister zufrieden sein konnte. Im Anfang trieb dieser, bald mußte Apollonius den Meister treiben.

Es fehlte noch der Teil der obern Girlande, der als Bogen über der Aussteigetür hängen sollte. Apollonius konnte nicht feiern, bis er das Material dazu erhielt. Von einem nahen Dorfe hatte man ihn wegen einer kleinen Reparatur beschickt; er ließ sein Fahrzeug bis auf seine Zurückkunft an dem Turmdach von Sankt Georg hängen und ging nach Brambach.

Es war den Tag darauf, daß der alte Valentin an die Wohnstubentür pochte. Er war schon einigemal an der Tür gewesen und wieder fortgegangen. Sein ganzes Wesen drückte Unruhe aus. Etwas, woran er immer denken mußte, machte ihn so zerstreut, daß er meinte, er müsse ein Herein in Gedanken überhört haben; er legte das Ohr an das Schlüsselloch, als setze er voraus, es müsse noch jetzt zu hören sein, wenn man sich nur recht mühe. Die Unruhe weckte ihn aus der Zerstreuung. Er pochte zum zweiten- und zum drittenmal, und als der Ruf immer noch ausblieb, faßte er Mut, öffnete und trat in die Stube. Die junge Frau war ihm schon seit einiger Zeit immer ausgewichen. Sie tat es auch diesmal; aber heute mußte er sie sprechen. Sie saß, absichtlich von den Fenstern entfernt, an der Kammertüre. Der Alte sah nicht, daß sie ebenso unruhig war als er und sein Hiersein sie noch mehr ängstete. Er entschuldigte sein Eindringen. Als sie eine Bewegung machte, sich zu entfernen, versicherte er, sein Bleiben solle kurz sein; er wäre nicht mit Gewalt hereingedrungen, wenn ihn nicht etwas triebe, was vielleicht sehr wichtig sei. Er wünsche das nicht, aber es sei doch möglich. Die Frau horchte und sah immer ängstlicher bald nach den Fenstern, bald nach der Tür. Müsse er ihr etwas sagen, soll' er's, so schnell er könne. Valentin schien zugleich auf die ängstlichen Blicke der Frau zu antworten, als er begann:

»Herr Fritz sind auf dem Kirchendach von Sankt Georg. Ich hab' ihn eben noch vom Hofe aus gesehn.«

»Und hat er hierher gesehen? Hat er Euch ins Haus gehen sehen?« fragte die Frau in einem Atem.

»Bewahre«, sagte der Alte; »er arbeitet heute wie ein Feind. Denkt an kein Essen und Trinken. Wenn ein Mensch so arbeitet –« Der Alte brach ab und dachte seinen Satz fertig: »so hat er was vor.« Die Frau schwieg auch. Sie kämpfte mit dem Gedanken, dem treuen Alten ihre ganze Angst anzuvertrauen. Der Alte merkte nichts davon. »Der Nachbar da, Sie wissen's wohl«, fuhr er fort, »kann zuzeiten keine Nacht schlafen. Da hat er die Nacht, eh' Herr Apollonius nach Brambach gegangen ist, zu seinem Küchenfenster heraus einen in unsern Schuppen schleichen sehn, den Gang vom Hause hinter.« Der Alte sagte nicht, wen der Nachbar gesehen; wahrscheinlich sollte die junge Frau ihn danach fragen. Sie tat es nicht; sie hatte seine Geschichte nicht gehört. Er fuhr fort: »Den Abend vorher, eh' Herr Apollonius nach Brambach gegangen ist, hat er das Zeug aussuchen wollen, das er hat mitnehmen wollen; er hat alles untersucht; das tut er immer, aber er hat sich nicht entschließen können. Und das ist so merkwürdig, wie daß der Herr Fritz auf einmal so fleißig geworden ist.«

Apollonius' Name weckte die junge Frau; sie horchte, als der Alte fortfuhr: »Daran hab' ich erst vorhin im Schuppen gedacht. Wie mir der Nachbar da erzählt hat, daß einer in den Schuppen geschlichen ist, hab' ich gedacht: ›Was muß der dort gewollt haben, der dort hineingeschlichen ist und bei Nacht.‹ Und wie ich aufgesehen hab' und hab' den Herrn Fritz so arbeiten sehen, da ist eine Unruh' über mich gekommen und hat mich in den Schuppen hineingetrieben wie mit dem Stock hinter mir her. Da hab' ich mir alles mögliche vorgestellt, was einer drin hat machen können, der hineingeschlichen ist. Erst hab' ich das Zimmerbeil an der Tür liegen sehn, das dahin gehört, wo das andere Werkzeug ist. Da hab' ich gedacht: ›Hat er was mit dem Beile gemacht?‹ Und hab' mir wieder vorgestellt, was einer mit dem Beil drin machen kann, der bei Nacht hineingeschlichen ist. Mir ist der Gedanke gekommen, es könnt' was an den Leitern sein. Aber ich hab' nichts gefunden daran. An dem Hängstuhl, der noch dort lag, war auch nichts. Da fing ich an, die Kloben zu betrachten und endlich das Seilwerk. Da war an einem was, als wär's hier und da an was Hartes angetroffen und das hätt' das Seil verschunden. Da denk' ich: ›Das geschieht oft‹ und will's schon wieder hinlegen. Aber ich denk' auch wieder: ›Sonst ist nichts; und wenn einer hineinschleicht, hat er was gewollt; und wenn er das Beil gehabt hat, hat er auch was damit gemacht.‹ Da seh' ich genauer zu, und Gott behüt' einen Christenmenschen! da war hier mit dem Beil hineingestochen und dort und noch einmal und noch einmal. Ich werf's über den Balken und häng' mich daran, da klaffen die Stiche auf; ich glaub', wenn ein Fahrzeug dran wuchtet, das Seil ist imstand zu zerreißen.« Der Alte war ganz bleich geworden über seiner Erzählung. Die Frau hatte immer angstvoller an seinem Munde gehangen; sie war in den Stuhl zurückgefallen und konnte kaum sprechen.

»Er hat gedroht«, ächzte sie. Der Alte verstand nicht, was sie sagte.

»Den Abend vorher war's noch nicht«, fuhr er fort. »Herr Apollonius, der hat ein Aug' für einen Mückenstich. Er hätt's gefunden, wie er alles untersucht hat. Nun denk' ich: der die Beilstiche gemacht hat, hat die Untersuchung mit angesehen und hat gemeint, Herr Apollonius wird das Zeug nicht noch einmal untersuchen, wenn er's morgen braucht. Und da ist er bei Nacht hineingeschlichen.«

»Valentin«, schrie die Frau auf und faßte ihn bei den Schultern halb, wie um ihn zu zwingen, er sollt' ihr die Wahrheit sagen, halb, um sich an ihm aufrecht zu erhalten. »Er hat's doch nicht mitgenommen? Valentin, so sag's doch nur!«

»Das nicht«, sagte Valentin. »Aber den andern Hängstuhl, der darin lag, und das Seilzeug dazu und noch mehr.«

»Und waren auch dort Stiche drin?« fragte die Frau in noch immer steigender Angst. Der Alte sagte:

»Ich weiß nicht. Aber der sie gemacht hat, hat nicht gewußt, welches Herr Apollonius mitnehmen wird.«

»Wenn er sicher gegangen ist, so hat er alle beide – und ich bin schuld«, stöhnte die Frau. »Er hat lang gedroht, er will ihm was tun. Er tat, als wär's einer von seinen Späßen. Wenn ich's jemand sagte, wollt' er's im Ernste tun.«

»Wer so scherzt«, sagte Valentin, »der macht auch solchen Ernst.«

Die Frau zitterte so heftig an allen Gliedern, daß der Alte seine Angst um Apollonius über der Angst um sie vergaß. Er mußte sie halten, daß sie nicht umfiel. Aber sie stieß ihn von sich und flehte und drohte zugleich: »Rett' ihn, Valentin, rett' ihn! Hilf, Valentin! Ach Gott, sonst hab' ich's getan.« Sie betete zu Gott um Rettung und jammerte immer dazwischen auf, er sei tot und sie sei die Schuld. Sie rief Apollonius selbst mit den zärtlichsten Namen, er solle nicht sterben. Valentin suchte in der Angst nach einer Beruhigung für sie und fand ein Etwas davon für sich selbst mit. Wenn es auch nicht beruhigen konnte, so gab es doch Hoffnung, daß Apollonius schon auf dem Rückweg sein müsse. Er habe gewiß das Tauwerk noch einmal untersucht. Wär' er verunglückt, man müßte es nunmehr wissen. Zehnmal mußte er ihr das vorsagen, eh' sie nur verstand, was er meinte. Und nun erwartete sie den Boten, der die gräßliche Nachricht bringen konnte, und schrak auf bei jedem Laut. Ihr eigenes Schluchzen hielt sie für die Stimme des Boten. Valentin lief endlich, da ihre Angst und Ratlosigkeit ihn selber mit ergriff, zu dem alten Herrn, ihn hereinzuholen zu der Frau. Er wußte nicht, was beginnen, und vielleicht war noch zu retten, wenn man etwas tat; vielleicht wußte der alte Herr, was zu tun war, um zu retten.

Der alte Herr saß in seiner kleinen Stube. Wie er sich immer tiefer in die Wolken einspann, die ihn von der Welt außer ihm trennten, wurde ihm zuletzt auch das Gärtchen fremd. Besonders hatte ihn die ewige Frage: »Wie geht's, Herr Nettenmair?« dort vertrieben. Er fühlte, man konnte ihm sein: »Ich leide etwas an den Augen, aber es hat nichts zu sagen«, nicht mehr glauben, und seitdem hörte er in jener Frage eine Verhöhnung. Apollonius war, so sehr er mit ihm litt, das Zurückziehen des alten Herrn und seine zunehmende Menschenscheu nicht unwillkommen. Je tiefer der Bruder fiel, desto schwerer war es geworden, dem alten Herrn den Zustand des Hauses zu verbergen und etwaige Zuträger abzuhalten, von denen er in seinem Gärtchen nicht abzuschließen war; es schien zuletzt unmöglich. Apollonius wußte freilich nicht, daß der alte Herr in seinem Stübchen an Qualen litt, die, wenn auch auf bloßer Einbildung beruhend, denen gleichkamen, vor denen er ihn schützen wollte. Hier saß der alte Herr den langen Tag, zusammengesunken hinter dem Tische auf seinem Lederstuhl, und brütete nach seiner alten Weise über allen Möglichkeiten von Unehre, die sein Haus treffen konnten, oder schritt mit hastigen Schritten hin und her, und das Rot seiner eingefallenen Wangen und die heftig kämpfende Bewegung seiner Arme zeigte, wie er in Gedanken das Äußerste tat, die drohenden abzuwenden. Nur der Bauherr, der mit Apollonius im Verständnisse war, wurde zu ihm gelassen. Der alte Herr, der dem Gast wie jedem andern sein Inneres verbarg, erriet bei diesem dieselbe Verstellung und bestärkte sich daran, in der Meinung, daß er durch Fragen nichts erfahren und nur seine Hülflosigkeit offenbar machen könne. Je heißer es in ihm kochte, desto eisiger erschien sein Äußeres. Es war ein Zustand, der in völligen Wahnsinn übergehen mußte, wenn nicht die Außenwelt eine Brücke zu ihm schlug und ihn mit Gewalt aus seiner Vereinzelung herausriß.

Heute geschah ihm diese Gewalt. Eben saß er wieder brütend auf seinem Stuhle, als den Valentin die Angst zu ihm hineintrieb. Den Gesellen zwang die alte Gewohnheit, ohne daß er es wußte, die Türe leis zu öffnen und ebenso hereinzutreten; aber der alte Herr empfand mit seinem krankhaft verschärften Gefühle sogleich das Ungewöhnliche. Seine Erwartung nahm natürlich denselben Gang, den all sein Denken verfolgte. Es war eine dem Hause drohende Schmach, was die sonst immer gleiche Weise Valentins veränderte; es mußte eine entsetzliche sein, da sie den alten Gesellen aus der Fassung brachte und seine Verstellung durchbrach. Der alte Herr zitterte, als er aufstand von seinem Stuhl. Er kämpfte mit sich, ob er fragen sollte. Es war nicht nötig. Der alte Gesell beichtete ungefragt. Er erzählte mit fliegender Brust seine Befürchtungen und was sie rechtfertigte. Der alte Herr erschrak, so gut ihn seine Einbildungen auf die Wirklichkeit vorbereitet hatten. Aber der alte Gesell sah nichts davon im Äußeren seines Herrn; der hörte ihn an wie immer, wie wenn er das Gleichgültigste zu sagen hatte. Als er ausgesprochen, hätte das schärfste Auge kein Zittern mehr an der alten hohen Gestalt wahrgenommen. Der alte Herr hatte den festen Boden der Wirklichkeit wieder unter seinen Füßen; er war wieder der Alte im blauen Rock. Er stand so straff vor dem alten Gesellen wie sonst, so straff und ruhig, daß Valentins Seele sich an ihm aufrichtete. »Einbildungen!« sagte er dann mit seinem alten grimmigen Wesen. »Ist kein Geselle da?« Valentin rief einen herbei, der eben Schiefer abholen wollte. Der alte Herr schickte ihn nach Brambach, Apollonius auf der Stelle heimzuholen. Der Geselle ging. »Geht er Ihm nicht schnell genug, Er altes Weib, so heiß' Er ihn eilen, damit Er bald erfährt, daß Er sich um nichts geängstigt hat. Aber kein Wort von Seinem Sums da! Und schließ' Er die Frau ein, damit sie nichts Albernes anfängt.« Valentin gehorchte. Das zuversichtliche Wesen des alten Herrn, und daß nun wirklich etwas getan war, hatte kräftiger auf ihn gewirkt, als hundert triftige Gründe vermocht hätten. Er teilte seine Ermutigung der Frau mit. Er war zu eilig, um ihr zu sagen, worauf sie sich gründete. Hätte er Zeit dazu gehabt, wahrscheinlich hätte er die Frau weniger beruhigt verlassen. Und er selbst ahnte nichts weniger, als daß der alte Herr innerlich überzeugt war von der Schuld seines älteren und von der Gefahr, wenn nicht vom Tode seines jüngeren Sohnes, während er ihm seine Befürchtungen als leere Grillen ausreden wollte und den Boten nur geschickt zu haben schien, um ihn und die Frau zu beruhigen.

»Nun wird der alte Narr doch«, sagte Herr Nettenmair, nachdem Valentin zu ihm zurückgekehrt war, »dem Nachbar das ganze Märchen, das er sich zusammenspintisiert hat, erzählt haben und die Frau sechs Basen damit in die Stadt herumgeschickt haben.«

Valentin merkte nichts von der fieberhaften Spannung, mit der der alte Herr auf seine in einen Ausruf verkleidete Frage die Antwort erwartete. »Werd' ich doch nicht!« sagte er eifrig. Des alten Herrn Vermutung kränkte ihn. »Ich hab' ja da selbst noch nichts Arges gemeint, und die Frau Nettenmair hat keinen Menschen gesprochen seitdem.«


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