Otto Ludwig
Zwischen Himmel und Erde
Otto Ludwig

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Der Bruder blieb erst wie versteint in seiner drohenden Stellung, als er den Eintretenden erblickte. Er hatte das Gefühl eines Menschen, der plötzlich bei einem Unrechte überrascht wird. Hätte ihn Apollonius angelassen, wie er verdiente, er wäre vor ihm gekrochen. Aber Apollonius wollte ja versöhnen und sprach das ruhig und herzlich aus. Er hätte es freilich wissen können, er hatte es oft genug erfahren, seine Milde gab dem Bruder nur Mut zu höhnendem Trotz. Er erfuhr es jetzt wieder. Fritz verhöhnte ihn wild lachend, daß er einen Vorwand mache, wo er Herr sei. Ob er sich deshalb zum Herrn des Hauses gemacht? Er wußte, er an Apollonius' Stelle wäre anders aufgetreten. Er hätte es die fühlen lassen, die er in seiner Gewalt wußte. Er war ein ehrlicher Kerl und brauchte nicht schön zu tun. Dazu fiel ihm ein, wie oft er vergeblich die Tür umschlichen, um Apollonius in der Stube zu überraschen. Jetzt war er ja da in der Stube. Er war hereingetreten, weil er ihn nicht zu finden meinte. Apollonius war es, der erschrecken mußte, Apollonius war der Ertappte, nicht er. Die Versöhnung war nur der erste beste Vorwand, nach dem Apollonius griff. Darum war er so kleinlaut. Darum erschrak die Frau, die ihn glauben machen wollte, Apollonius komme nie in das Zimmer. Darum sah sie so flehend zu ihm auf. Der verachtende Blick, mit dem sie ihn noch eben gemessen, war mit der Larve der erheuchelten Unschuld plötzlich von ihrem schuldbewußten Angesicht gerissen. Nun wußte er gewiß, es war nichts mehr zu verhindern, nur noch zu vergelten. Er konnte nun dem Bruder zeigen, er kannte ihn, hatte ihn immer gekannt.

Er wies auf die Frau. »Sie bettelt, ich soll gehen. Wozu? Ich sehe zum Fenster hinaus. Das ist ebensogut. Ich sehe nicht, was ihr treibt.«

Apollonius verstand ihn nicht. Die Frau wußte es, ohne ihn anzusehen. Sie wollte hinaus. In seiner Gegenwart erniedrigt zu werden bis zum Kot unter den Füßen, das trug sie nicht. Der Gatte hielt sie fest mit wildem Griff. Er packte sie wie ein Raubvogel. Sie hätte laut schreien müssen, zehrte der Seelenschmerz den körperlichen nicht auf.

»Kehr' dich nicht daran, daß sie fort will«, schluchzte Fritz Nettenmair vor krampfhaftem Lachen und faßte den Bruder so mit den Augen, wie er die Frau mit seiner Hand gepackt hielt. »Brauchst nicht ängstlich zu sein. Ich kehre nur den Rücken, so ist sie wieder da. So redet doch miteinander. Du, sag' ihm, daß du ihn nicht leiden kannst; ich glaub's ja; was glaubt ein Mann so einer nicht? Und du, gib ihr Lehren, von Köln, wo du alles gelernt hast, wie man seinen Bruder von Haus und Geschäft vertreibt, um – nun, um – hahaha! Sag' ihr doch: ein Weib soll willig sein. Was? Oh, solch ein willig Weib ist – sag' ihr doch, was so eine ist. Sie weiß es noch nicht, die – Unschuld! Hahaha!«

Apollonius begriff nichts von dem, was er hörte und sah; aber der Mißbrauch der männlichen Stärke an einem ohnmächtigen Weibe empörte ihn. Unwillkürlich riß dies Gefühl ihn hin. Er verdoppelte seine ohnehin dem Bruder weit überlegene Kraft, als er den packenden Arm faßte, so daß dieser die Beute los ließ und herabfiel wie gelähmt. Die Frau wollte hinaus, aber sie brach kraftlos zusammen. Apollonius fing sie auf und lehnte sie in das Sofa. Dann stand er wie ein zürnender Engel vor dem Bruder.

»Ich habe dich durch Milde gewinnen wollen, aber du bist sie nicht wert. Ich habe viel von dir ertragen und will's noch«, sagte Apollonius; »du bist mein Bruder. Du gibst mir schuld, ich habe dich in das Unglück gestürzt; Gott ist mein Zeuge, ich habe alles getan, was ich wußte, dich zu halten. Für wen hab' ich getan, was du mir vorwirfst als für dich und um deine Ehre, und deine Frau und deine Kinder zu retten? Wer hat mich dazu gezwungen, gegen dich streng zu sein? Für wen schaff' ich? Für wen wach' ich? Wenn du wüßtest, wie mich schmerzt, daß du mich zwingst, dir aufzurücken, was ich für dich tue! Weiß es Gott, du zwingst mich dazu; ich hab's noch nicht getan, weder vor andern noch vor mir selbst. Du weißt es selbst, daß du nur einen Vorwand suchst, um unbrüderlich gegen mich zu sein. Ich weiß es und will dich ertragen forthin wie bis jetzt. Aber daß du aus der Abneigung deiner Frau gegen mich einen Vorwand machst, auch sie zu quälen und sie zu behandeln, wie kein braver Mann ein braves Weib behandelt, das dulde ich nicht.«

Fritz Nettenmair lachte entsetzlich auf. Der Bruder hatte ihn auf alle Weise in Schande gebracht und wollte noch den Tugendhaften gegen ihn spielen, den unschuldig Beleidigten, den ritterlichen Beschützer der unschuldig Beleidigten. »Ein braves Weib! Ein so braves Weib! O freilich! Ist sie's nicht? Du sagst's, und du bist ein braver Mann. Haha! Wer muß es besser wissen, ob ein Weib brav ist, als solch ein braver Mann? Du hast mich nicht um alles gebracht? Du mußt mich noch um meinen Verstand bringen, damit ich dein Märchen glaube. Sie ist dir abgeneigt? Sie kann dich nicht leiden? Ja, du weißt's noch nicht, wie sehr. Ich darf nur fort sein, so wird sie dir's sagen. Dann wird dir's schlecht gehn! Sie wird dich erdrücken, damit du ihr's glaubst. Wenn ich dabei bin, sagt sie's nicht. So was sagt eine nicht, wenn der Mann dabei ist, wenn sie brav ist wie die. Warum sagst du nicht, du kannst auch sie nicht leiden? Oh, ich hab schon keinen Verstand mehr! Ich glaub' schon alles, was ihr mir sagt!«

Fritz Nettenmair war in der Vergeßlichkeit der Leidenschaft überzeugt, die beiden hatten das Märchen von der Abneigung erfunden.

Apollonius stand erschrocken. Er mußte sich sagen, was er nicht glauben wollte. Der Bruder las in seinem Gesichte Schrecken über ein aufdämmerndes Licht, Unwille und Schmerz über Verkennung. Und es war alles so wahr, was er sah, daß selbst er es glauben mußte. Er verstummte vor den Gedanken, die wie Blitze ihm durch das Hirn schlugen. So war's doch noch zu verhindern gewesen, noch aufzuhalten, was kommen mußte! Und wieder war er selbst – Aber Apollonius – das sah er trotz seiner Verwirrung – zweifelt noch und konnte nicht glauben. So war sein Wahnsinn wohl noch gutzumachen, so war es vielleicht noch zu verhindern, so war noch aufzuhalten, was kommen mußte, und wenn auch nur für heut und morgen noch. Aber wie? Wenn er einen wilden Scherz daraus machte? Dergleichen Scherze fielen an ihm nicht auf, und Apollonius war ihm ja schon wieder der Träumer geworden, der alles glaubte, was man ihm sagte. Und er selber wieder einer, der das Leben kennt, der mit Träumern umzugehen weiß. Er mußte es wenigstens versuchen. Aber schnell, ehe Apollonius die Fremdheit des Gedankens überwunden, mit dem er kämpfte. Er brach in ein Gelächter aus, eine schaurige Karikatur des jovialen Lachens, womit er sich ehedem seine eigenen Einfälle zu belohnen pflegte. Es war verwünscht, daß Apollonius sich glauben machen ließ, Fritz Nettenmair sei eifersüchtig! Der joviale Fritz Nettenmair! Und noch dazu auf ihn. Es war noch nichts Verwünschteres auf der Welt passiert als das! Er las in der Frau Gesicht, wie die Wendung sie erleichterte. Er wagte es, sich auf sie zu berufen, wie verwünscht das sei. Ihre Bejahung machte ihn noch kühner. Er lachte nun über die Frau, die so verwünscht sei, ihm zornig vorzuhalten, daß er sie von der Gnade des Gehaßten abhängig gemacht, und lachte, daß daher die kleinen Ehezwiste kamen. Er lachte über Apollonius, daß er einen kleinen Zank so ernst nahm. Wo waren die Eheleute, bei denen dergleichen nicht vorkam? Man sah eben, daß Apollonius noch ein Junggeselle war!

Apollonius hörte von der Hausflur die Stimme des Bauherrn, der nach ihm fragte; er ging rasch hinaus, damit der Bauherr nicht hereinkomme und Zeuge des Auftrittes werde. Der Bruder hörte sie zusammen weggehen. Er war noch keineswegs beruhigt. Das ehrliche Gesicht Apollonius' hatte, als er hinausging, noch immer mit dem Gedanken gekämpft. Fritz Nettenmair war voll Wut über sich selbst und mußte sie an der Frau auslassen. Er fühlte in dem Augenblick, daß er alles tue, was ein Weib schlecht machen kann. Ihr Blick verriet ihm, wie sie sich selbst verachtete wegen des Ja, das sie sich hatte abzwingen lassen müssen, wie sie sich sagte, daß nun nichts mehr an ihr zu verderben sei. Er mußte es fürchten, wenn sie das sich selbst sagte. Er durfte sie so weit nicht kommen lassen. Er wußte das, und gleichwohl höhnte er, sie könne ja auch lügen, so geschickt als irgendeine. Er war nie sein Herr gewesen; jetzt war er es weniger als je.

*

In Fritz Nettenmair kämpfte heute eine Leidenschaft die andere nieder. Die wüste Gewohnheit, im Trunk sich zu vergessen, zog ihn an hundert Ketten aus dem Hause; die Furcht der Eifersucht hielt ihn mit tausend Krallen darin fest. Hatte der Bruder noch nicht daran gedacht, was er haben konnte, wenn er nur wollte, er selbst hatte ihn nun auf den Gedanken gebracht. Und war der Bruder so brav, als er sich stellte, seine alte Liebe, die Liebe und Schönheit der Frau – Fritz Nettenmair hatte es nie so lebhaft gefühlt, wie schön die Frau war – seine eigene Abhängigkeit von Apollonius, der Haß der Frau gegen ihn, die Gelegenheit des Zusammenwohnens und, was all diesen Dingen erst die Gewalt gab über seine Furcht, das Bewußtsein seiner Schuld! Und war Apollonius so brav, als er sich stellt – solchen Mächten gegenüber kann er ihm nicht trauen. Den ganzen Tag rechnete er an seiner Angst herum und ließ seine Frau nicht aus den Augen. Erst wie es ruhig wird um ihn, die Frau die Kinder zu Bett gebracht hat und selbst zur Ruhe gegangen ist, erst als er kein Licht mehr sieht in Apollonius' Fenstern, da lassen ihn die Krallen, und die Ketten ziehen desto stärker. Er verschließt die Hintertür, die Apollonius von den Räumen des Hauses trennt, er schiebt auch noch den Riegel vor, er schließt sogar die Treppentür der Emporlaube und zuletzt die Tür, durch die er geht. Er hat Ursache zu eilen, ohne daß er es weiß. Der Geselle darf nicht lang mehr warten. Fritz Nettenmair weiß es noch nicht: Apollonius hat es beim Grubenherrn dahin gebracht, daß der Geselle aus der Arbeit entlassen ist, und bei der Polizei, daß er morgen sich nicht mehr in der Gegend betreten lassen darf. Der Geselle ist fertig zur Abreise; von dem Wirtshause hinweg geht er in die weite Welt; er will nur noch Abschied nehmen von seinem ehemaligen Herrn und ihm noch etwas sagen.

Es gibt nicht viel mehr auf der Welt, woran Fritz Nettenmair hängt. Der Weg, den er geht, führt immer weiter ab von dem, was ihm das Liebste war; es ist unwiederbringlich für ihn verloren. Der Bewunderte und Geschmeichelte wird er nie wieder. An seiner Frau hängt er nur noch durch die glühende Kette der Eifersucht gefesselt. An dem Vater hat er nie gehangen; den Bruder haßt er. Er haßt und weiß sich gehaßt oder glaubt sich gehaßt in seinem Wahn. Das kleine Ännchen würde sich an ihn drängen mit aller Kraft eines liebebedürftigen Kinderherzens, aber er scheucht das Kind mit Haß von sich; sie ist ihm der »Spion«. Nur an einem Menschen noch hängt sein Herz, an dem, der es am wenigsten um ihn verdient. Er kennt ihn und weiß, der Mensch hat ihn betrogen, hat geholfen, ihn zugrunde zu richten, und dennoch hängt er an ihm. Der Mensch haßt Apollonius, er ist der einzige außer ihm, der Apollonius haßt, und deshalb hängt Apollonius' Bruder an ihm!

Fritz Nettenmair begleitete den Gesellen eine Strecke Wegs. Der Geselle will schneller ausschreiten und dankt darum für weitere Begleitung. Wenn andere scheiden, ist ihr letztes Gespräch von dem, was sie gemeinsam lieben; das letzte Gespräch Fritz Nettenmairs und des Gesellen ist von ihrem Haß. Der Geselle weiß, Apollonius hätte ihn gern in das Zuchthaus gebracht, wenn er gekonnt. Wie sie nun einander scheidend gegenüberstehn, mißt der Geselle den andern mit seinem Blick. Es war ein böser lauernder Blick, ein grimmig-verstohlener Blick, welcher Fritz Nettenmair fragte, ohne daß der es hören sollte, ob er auch reif sei zu irgend etwas, was er nicht aussprach. Dann sagte er mit einer heisern Stimme, die einem andern aufgefallen wäre, aber Fritz Nettenmair war die Stimme gewohnt: »Und was ich sagen wollte – ihr werdet bald Trauer haben. Ich hab' ihn neulich gesehn.« Er brauchte keinen Namen zu nennen, Fritz Nettenmair wußte, wen er meinte. »Es gibt Leute, die mehr sehn als andere«, fuhr der Geselle fort. »Es gibt Leute, die einem Schieferdecker ansehn, wenn er noch in dem Jahr herunter muß, daß sie ihn getragen bringen und sehen ihn daliegen, nur er selber nicht mehr. Ein alter Schieferdeckergesell hat mir das Geheimnis gesagt, wie man zu dem ›Frohnweißblick‹ kommt. Ich hab' ihn. Und nun leb' wohl. Und ergib dich drein, wenn sie ihn getragen bringen.«

Der Geselle war von ihm geschieden; seine Schritte verklangen schon in der Ferne. Fritz Nettenmair stand noch und sah in die weißgrauen Nebel hinein, in denen der Geselle verschwunden war. Sie hingen wagrecht über den Wiesen an der Straße wie ein ausgebreitet Tuch. Sie stiegen empor und verdichteten sich zu seltsamen Gestalten, sie kräuselten sich, flossen auseinander und sanken wieder nieder, sie bäumten wieder auf. Sie hingen sich in das Gezweig der Weiden am Weg, und wie sie diese bald verhüllten, bald frei ließen, schien es ungewiß, gerann der Nebel zu Bäumen oder zerflossen die Bäume zu Nebel. Es war ein traumhaftes Treiben, ein unermüdliches Weben ohne Ziel und Zweck. Es war ein Bild dessen, was in Fritz Nettenmairs Seele vorging, ein so ähnlich Bild, daß er nicht wußte, sah er aus sich heraus oder in sich hinein. Da war ein nebelhaftes Herabbiegen und Händezusammenschlagen um eine bleiche Gestalt am Boden, dann ein langsam wallender Leichenzug; und bald war es der Feind, bald war es der Bruder, der dort lag, den sie trugen. Bald zuckte es in greller Schadenfreude auf, bald sank es in Mitleid zusammen, bald mischten sich beide, und das eine wollte das andere verstecken. Der dort lag, den sie trugen, ihm verzieh er alles. Er weinte um ihn; denn durch die Pausen des Grabgesangs klang leise ein lustiger Schottischer, den die Zukunft aufstrich: »Da kommt er ja! Nun wird's famos!« Und neben dem Toten lag unsichtbar eine zweite Leiche, seine Furcht vor dem, was kommen mußte, lag der arme Bruder nicht tot. Und im Sarg trieb verstohlen Fritz Nettenmairs altes joviales Glück neue Keime. Fritz Nettenmair fühlt sich einen Engel; er wünscht, der Bruder müßte nicht sterben, weil – er weiß, daß der Bruder sterben muß.

Er geht noch immer im Nebel, als das Pflaster der Stadt schon wieder unter seinen Tritten hallt. Sein Weg führt ihn am Roten Adler vorüber. Die Saalfenster sind erleuchtet, Musik klingt herab. Fritz Nettenmair bleibt stehen und sieht hinauf und bewegt unwillkürlich die Hand in der Tasche, wie sonst, als er noch Geld darin hatte, damit zu klappern. Er hat den Gesellen, den letzten Freund, von dem er mit Schmerz geschieden, schon vergessen. »Der Gesell ist ein schlechter Kerl; gut, daß er fort ist!« Er hat eine Vergangenheit vergessen, er vergißt die Gegenwart, denn die Zukunft ist wieder sein; sie wohnt da oben und lacht mit hellen Augen zu ihm herab. Er hat sich so sehr daran gewöhnt, alles, was ihn drückt, mit seinem Bruder zusammenzudenken, daß er es mit ihm in ein Grab steigen sieht. An die Zerrüttung seines Wohlstandes mag er sich nicht erinnern. Er denkt nicht gern an unangenehme Dinge, ehe er sie fühlt. Ist es nicht genug, daß er weiß, er wird den Bruder verlieren? Und wenn sich die Dinge selber ihm aufdrängen, dann hilft ihm sein Leichtsinn. Wie er schnell darüber hindenkt, findet er für alles Rat, und was ihm heute nicht einfällt, das wird ihm morgen einfallen; morgen ist auch ein Tag. Und er ist einer, der – Die Wendung, mit der er in seinen Weg einschwenkt, gelingt ihm so jovial als je.


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