Johann Caspar Lavater
Von der Physiognomik
Johann Caspar Lavater

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Fünfter Abschnitt.

Eigenschaften und Charakter des Physiognomisten.

Ich setze zum voraus, daß das Ideal von jeder Wissenschaft oder Kunst zuerst, ohne Rücksicht auf die Würklichkeit, festgesetzt werden müsse. Die Staatskunst zeichnet das Ideal eines vollkommenen Staatsmanns; die Gottesgelehrsamkeit das Ideal oder höchste Urbild eines Gottesgelehrten; die Arzneykunst des Arztes, ohne sich zu bekümmern, ob ein solcher würklich vorhanden, oder würklich in concreto nach allen Umständen möglich sey; der, so diesem Ideal am nächsten kömmt, ist der vollkommenste. Ich zeichne also das Ideal eines Physiognomisten; das ist, ich zeichne ihn so, wie er mir am vollkommensten zu seyn scheinet; jedoch mache ich mir nur eine Vollkommenheit zum Augenmerke, die überhaupt möglich ist. Wer nur eine besondre Art der Physiognomik, zum Exempel nur die medicinische, studiren will, der hat denn freylich ein eingeschränkteres Ideal vor sich. Der vollkommne Physiognomist, der das Innere des Menschen aus seinem Aeußern kennen will, soll, nach meinem Bedünken, folgende Eigenschaften und Charaktere besitzen.

Er soll vor allen Dingen einen wohlorganisirten Körper und feine Sinne haben, welche schnell der ganzen Eindrücke von außen fähig, und geschickt sind, dieselben getreu bis zum Gedächtnisse, oder, wie ich lieber sagen wollte, zur Imagination fortzufahren, und den Fibern des Gehirns einzuprägen. Insonderheit muß sein Auge vorzüglich fein, hell, scharf, schnell und fest seyn.

Diese feinen Sinne müssen seinen Beobachtungsgeist bilden, und hinwiederum durch den Beobachtungsgeist ausgebildet und zum Beobachten geübt werden. Der Beobachtungsgeist muß Herr über sie seyn.

Wie viel man aus den Schattenrissen sehen kann?
»Man kann an jeder Silhouette 9. horizontale Hauptabschnitte bemerken. [...] Jeder einzelne Theil dieser Abschnitte ist an sich ein Buchstabe, oft eine Sylbe, oft ein Wort, oft eine ganze Rede – der Wahrheit redenden Natur.« Karl Ulysses von Salis (1728-1800)

Beobachten ist die Seele der Physiognomik. Der Physiognomist muß also den feinsten, schnellesten, sichersten, ausgebreitetsten Beobachtungsgeist haben. Beobachten ist aufmerken. Aufmerken ist etwas aus einer Menge Gegenstände herausnehmen, und mit Beyseitsetzung aller andern insbesondere betrachten, und die Merkmale und Besonderheiten davon sich zergliedern; folglich unterscheiden. Beobachten, aufmerken, unterscheiden, ist das Werk des Verstandes. Der Physiognomist muß also einen scharfen, hohen, und ausnehmenden Verstand besitzen, um theils richtig zu beobachten, theils die gehörigen Folgen aus den Beobachtungen herzuleiten; nicht mehr und nicht weniger zu sehen, als sich der Beobachtung darstellt; nicht mehr und nicht weniger zu schließen, als richtige Prämissen in sich fassen.

Der Physiognomist muß eine sehr starke Imagination haben, und einen feinen, und schnellen Witz. Imagination, um sich alle Züge nett und ohne Mühe einzuprägen und zu erneuern; und Witz, um das Aehnliche darinn, und derselben Aehnlichkeit mit andern zugleich zu finden. Er sieht zum Exempel eine solche oder solche Nase, die etwas charakteristisches hat. Diese muß sich seine Imagination genau einprägen, und sich wieder darstellen können. Er muß eine Fertigkeit besitzen, Approximationen zu diesem charakteristischen Zuge sogleich zu bemerken. Auch zur Bildung und Erfindung der physiognomischen Sprache ist ihm der Witz, oder die Fertigkeit Aehnlichkeiten zu entdecken, unentbehrlich. Der Physiognomist muß die Sprache vollkommen in seiner Gewalt haben. Er muß sogar im Stande seyn, dieselbe zu erweitern und mit lebendigen und bestimmten Ausdrücken zu bereichern. Alle Reiche der Natur müssen ihm Bilder, alle Magazine der Wörter müssen ihm Ausdrücke leihen.

Er muß ferner eine nicht gemeine Fertigkeit im Zeichnen und Mahlen besitzen, wodurch er sich unzählige schlechterdings mit Worten unbeschreibliche Nüancen aufbehalten und darstellen kann. Er muß schnell, richtig, charakteristisch zeichnen, und wenn er ein vollkommener Meister seyn will, mahlen können, und das Colorit so sicher besitzen, als er in der Zeichnung fest seyn muß.

Er muß die Anatomie des menschlichen Körpers, wenigstens derjenigen Theile, welche sich dem Gesichte darstellen, richtig verstehen; die Proportion aller menschlichen Gliedmaßen genau kennen; und das höchste Ideal eines vollkommenen Körpers wohl inne haben, nicht nur um jede Unregelmäßigkeit sowohl in den festen als in den muskulösen Theilen, sogleich zu bemerken; sondern auch um alle diese Theile leicht benennen zu können, und also seine physiologische Sprache zu bereichern. Eben so vollkommen muß er die Physiologie, oder die Lehre von der Vollkommenheit des menschlichen gesunden Körpers inne haben. Er muß ferner die Temperamente genau kennen; nicht nur die äußerlich durch die verschiedenen Blutmischungen bestimmten Farben des Körpers, sein Air, u.s.f. sondern auch die Bestandtheile des Geblüts und die verschiedene Proportion derselben, vorzüglich aber die äußerlichen Zeichen der Beschaffenheit des ganzen Nervensystems wissen, worauf bey der Erforschung der Temperamente unendlich mehr ankommt, als auf die Kenntniß des Blutes. Er muß auch insonderheit ein geübter Kenner des menschlichen Herzens, der Welt, der Gewohnheiten, und Gebräuche seyn; um zu wissen, wie viel Antheil das Herz, die Gesetze, die Lebensart, die Würkungen der Angewohnheiten, an der Gesichtsbildung und den Gebehrden des Menschen haben.

Stirnmaaß.
»Je genauer sich die Umrisse des menschlichen Kopfes bestimmen lassen, desto wissenschaftlicher und sicherer wird die Physiognomik.«

Sein Charakter muß, wenn seine Wissenschaft nicht ihm zur Quaal, und seinen Nebenmenschen nicht zum Nachtheil gereichen soll, recht gut, sanft, unschuldig, und liebreich seyn. Liebe muß ihm die Augen öffnen, muß seine Blicke schärfen, Züge der Tugend, Ausdrücke edler Gesinnungen zu sehen, und sogleich zu entdecken. Keine Passionen müssen ihn blenden; Feindschaft, Stolz, Neid, Eigennutz müssen fern von ihm seyn. Sonst wird er Fehler lesen, wo sie nicht sind, und unedle Leidenschaften nach Belieben vermuthen, und andichten. Wer eine Aehnlichkeit mit seinem Feinde hat, der wird alle die Fehler und Laster an sich haben müssen, die seine gekränkte Eigenliebe dem Feinde selbst aufbürdet; er wird alle schöne Züge übersehen; die schlechtern verstärken, und allenthalben Carricatur und Unregelmäßigkeit wahrnehmen. Er muß den Charakter jener Apostel und ersten Christen haben, die die Gabe besaßen, die Geister zu unterscheiden, und die Gedanken der Seele zu lesen.

Der Physiognomist verbindet also mit einem wohlorganisirten Körper, mit einem feinen Beobachtungsgeiste, mit einer lebhaften Einbildungskraft, und mit andern nöthigen Fertigkeiten, ein sanftes, heiteres, unschuldiges, von menschenfeindlichen Leidenschaften freyes Herz. Gewiß versteht niemand die Blicke der Großmuth und die Züge erhabener Eigenschaften, als wer selber großmüthig, edel, und erhaben denket.


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