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Zehntes Kapitel.
Ein Plauderstündchen

Mia's Wunsch erfüllte sich erst am Sonntag Abend. Ungefähr eine Stunde nach dem Nachmittags-Gottesdienste fand sie Karl allein im Frühstückzimmer. Luise und Mademoiselle zogen sich zum Mittage an, Louis war bei seinem Vater und die Knaben waren im Hofe und fütterten die Hunde. –

»Wie froh bin ich, daß Du nicht mit den andern Knaben gingst,« sagte Mia zu ihrem Bruder, »ich habe Dir so viel zu sagen, – Zuerst sage mir, war er nicht schön? – Ich sah Dich in der Kirche an und bemerkte, daß wir dasselbe dachten.« –

»Prachtvoll!! – Ich mußte immer in der Kirche daran denken,« – erwiederte Karl. –

»Und ich konnte kaum meine Augen von ihm abwenden. – Ich fürchte, ich wünschte ihn mir zu sehr

»Ich auch,« sagte Karl.

»Das ist sehr gütig von Dir, denn Du könntest ihn nicht für Dich selbst brauchen. – Wie zart das Blau ist und dann die Feder!« –

»Blau und eine Feder! Träumst Du, Mia? – Er ist ja hellbraun und hat einen langen schwarzen Schweif!« – rief Karl. –

»O, Du meinst den Pony! – Und ich spreche von Luise Vernon's Hut.« –

»Nun, der ist gerade wie alle andern Hüte, so viel ich gesehen habe,« sagte Karl. »Wenn Du lieber den Pony betrachtet hättest, auf dem Louis zur Kirche ritt, dann hättest Du Etwas gesehen, das des Wunsches werth ist.«

»Hier giebt es viele Dinge, die man sich wünschen möchte,« – sagte Mia. »So viele Bücher und so viele Kabinete voll der seltensten und schönsten Sachen.« –

»Wenn wir nur einige davon hätten,« – antwortete Karl. –

»Ich möchte nur einige von den Märchenbüchern haben und den Hut. Und dann möchte ich Mama in so schönen Kleidern und Hauben sehen, wie Frau Dalton sie hat.« –

»Das ist Unsinn, Mia! – Mama sieht immer hunderttausendmal hübscher aus als Frau Dalton. – Ich wollte, Papa hätte solch ein Haus wie dieses und so viel Geld und Domestiken, wie Herr Harley, und ich hätte solche Pferde und Hunde und Schlittschuhe und Peitschen, wie Horaz und Richard. – Aber weshalb siehst Du auf einmal so ernst aus, Mia?« –

»Ich dachte an Etwas, das wir heute in der Kirche gehört haben: Bewahre uns vor Neid! – Der Anblick all' dieser schönen Sachen wird uns doch nicht neidisch machen, Karl?« –

»O nein, ich bin nicht neidisch. Ich möchte nicht, daß Du Luise Vernon wärst, denn ich habe noch niemals ein so eingebildetes Mädchen gesehen, und ich möchte nicht Louis sein, obgleich er den langgeschwänzten Pony besitzt. – Wie verdrießlich er gestern Abend war und heute Morgen zitterte er so und beklagte sich über die Kälte. Er ist übellaunig, und die Vernons sind grob und Luise ist affektirt. – Denkst Du das nicht auch?«

»Ja, ich habe es gedacht, aber ich fürchte, wir sind lieblos in unserm Urtheil.« –

»Aber wenn es wahr ist, Mia?« –

»Vielleicht ist es nicht wahr. – Louis zum Beispiel war zwar gestern Abend verdrießlich, aber später sprach er für mich zu Frau Dalton, als ich nicht laut genug sprechen konnte, und heute beim Frühstück sprach er mit Mademoiselle französisch, als Horaz und Richard so thaten, als verständen sie kein Französisch und sich über ihr komisches Englisch lustig machten. Ich war recht froh, daß Du nicht mit ihnen lachtest.« –

»Es war ja nichts Lächerliches da.« –

»Nein, aber ich sah recht gut, daß Horaz und Richard erwarteten, Du würdest über ihre Witzeleien lachen.« –

»Ich werde doch nicht lachen, weil andere Leute erwarten, daß ich es thun werde.« –

»Das ist recht, Karl, und ich wollte, ich könnte dasselbe von mir sagen, aber ich habe mehrere Male über Dummheiten gelacht, weil ich bemerkte, daß Luise erwartete, ich würde es thun.« –

»Aber um wieder auf Louis zurückzukommen. Er mißfällt mir weniger deshalb, weil er verdrießlich ist, als weil er so viele Umstände mit sich macht und auf Kälte und ein Bischen Lärm und Unbequemlichkeiten achtet. – Er ist gar nicht wie andere Knaben; er macht sich Nichts aus Reiten, aus Ballspiel, ja er ist noch niemals Schlittschuh gelaufen. – Ich denke, er kann Nichts zu Stande bringen.« –

»Er hat Etwas gethan,« sagte Mia, »für das Du Alles, was Du gethan hast, hingeben möchtest. – Es ist möglich, daß er niemals Ball gespielt hat, niemals Schlittschuh gelaufen ist, aber er hat einen Tiger erlegt.« –

»Unsinn, Mia!«

»Es ist wahr, Karl! Als wir aus der Kirche kamen, erzählte es mir Luise. – Es ist eine ganze Geschichte, und es ist geschehen, als Herr Harley mit Louis in Indien reiste, sie befanden sich auf einem abgelegenen Platze in den Hügeln von Calcutta und waren auf dem Heimwege nach England. – Sie pflegten die Nächte in Zelten zuzubringen, und früh Morgens ritten sie, um sich noch ein Bischen zu erfrischen, ehe sie in die indischen Reisewagen stiegen. – Also, eines Morgens ritten sie durch einen Wald und, stelle Dir vor, Karl, aus dem Bambusgebüsch springt ein Tiger und gerade auf Herrn Harley's Pferd hinauf, – das Pferd stürzt, – Herr Harley liegt unter ihm und seine Flinte rollt ihm aus der Hand. Er konnte Nichts thun und der Tiger stand über ihm und starrte ihn an. Er rief dem Diener zu, der hinter ihm war, aber der Mann hatte sich so erschrocken, daß er sein Pferd umgewandt hatte und so schnell als möglich davon geritten war. – Nun rief Herr Harley Louis zu, der auch hinter ihm war, aber ihm rief er zu, er möchte ja nicht näher kommen, denn er wußte, daß Louis keine Waffen bei sich trug. – Aber Louis kam doch, er sprang vom Pferde, hob Herrn Harley's Flinte auf, kam dem Tiger ganz nahe und schoß ihm durch den Kopf. – Das würdest Du auch gethan haben, Karl, wenn Du da gewesen wärest.« –

»Ich hoffe, ich hätte es gethan. – Also, er hat seinem Vater das Leben gerettet. Deshalb liebt ihn Herr Harley so sehr.« –

»Nein, nicht deshalb. Er liebte ihn gewiß vorher ebenso sehr. Du kannst es glauben.« –

»Mia, ich habe auch Etwas über Louis gehört, aber ich weiß nicht, ob es lohnt, daß ich es wieder erzähle.«

»Bitte, thue es, ich höre so gerne erzählen.« –

»Nun denn, Herr Simpson, Louis' Lehrer, erzählte dem andern Herrn, daß Louis nicht immer so kränklich gewesen, sondern daß er so kräftig wie nur möglich und außerordentlich schön gewesen ist. Seine Kränklichkeit rührt von der Unachtsamkeit eines indischen Dieners her. Dieser betrank sich eines Tages und warf ihn aus einem Palankin. – Du weißt, Mia, die Leute in Indien reisen in Palankins oder Tragbetten. – Gut, Louis' Rückgrat war verletzt, er konnte sich während eines ganzen Jahres gar nicht bewegen und mußte bei schrecklichen Schmerzen immerfort auf einer abschüssigen Fläche liegen. – Herr Harley schickte den Diener fort, obgleich derselbe mehrere Jahre bei ihm gewesen war, aber einige Zeit darauf erfuhr Louis, daß es dem Manne sehr übel erginge, daß er im Gefängniß und krank wäre, und Louis bat seinen Vater, des Mannes Schulden zu bezahlen und ihn wieder in seinen Dienst zu nehmen. – Noch mehr, er wollte ihn zu seinem Diener haben. Herr Harley hat Louis' Bitten erfüllt, – der Diener, kam mit ihnen herüber nach England und es ist Niemand anders als der schwarze Mann, der bei Tische hinter Louis' Stuhle steht. Herr Simpson sagt, daß Louis niemals ungeduldig oder verdrießlich ihm gegenüber ist, sondern daß er gegen Niemand anders so rücksichtsvoll ist, als gegen den Schwarzen, der überdies recht einfältig und gar nicht besonders dankbar sein soll.« –

»Ich verstehe Louis ganz gut. – Er fühlt, daß er gegen Niemand so freundlich sein muß, als gegen den der ihm so viel Leids zugefügt hat. – Diese Geschichte gefällt mir noch besser, als die vom Tiger.« –

»Aber ich kann nicht begreifen, wie Jemand, der zweimal so gut gewesen ist, zuweilen so verdrießlich sein und über kleine Dinge so ungeduldig und unangenehm werden kann.« –

»Ich kann es schon eher begreifen, denn ich weiß, wie man wird, wenn man in Krankheiten verwöhnt wird. Du warst niemals krank, Karl, aber erinnerst Du Dich der Zeit, als ich das Scharlachfieber hatte? – Nein, Du wardst aus dem Hause geschickt und Du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie sonderbar mir Alles erschien, als ich zu genesen begann. – Ich kam mir so sehr wichtig vor. Papa trug mich alle Morgen die Treppen hinunter, Mama ging mit Tüchern und Kissen voraus und bat ihn alle Augenblicke, mich nur sehr sanft zu tragen. Kitty war so freundlich und schalt niemals, wenn ich auch noch so oft nach ihr klingelte. Sie machte mir täglich zwei Mal Rostbrötchen und dann, – all' die Leute, die sich nach meinem Befinden zu erkundigen kamen! – Georg kam täglich herein und sagte: Eine Empfehlung von Herrn und Frau Thorold und sie wünschen zu wissen, wie sich Mia und die Herrschaften befinden. – Die Antwort lautete gewöhnlich: Fräulein Mia ist etwas besser, aber noch sehr schwach. – Es kam mir sehr eigenthümlich vor, daß man meinetwegen Boten schickte, aber es gefiel mir gut. – Als ich wieder ganz wohl war und das Lernen anfing, wurde ich übellaunig, so sehr, wie ich in meinem ganzen Leben nie gewesen war, und ich verlangte, daß alle Welt meinen Willen that. – Mama sprach mit mir darüber und ich erinnere mich sehr wohl, daß sie einmal sagte, meine Krankheit und all' die Unruhe, die sie mit sich gebracht, hätten ihr nicht so viel Kummer gemacht, als mein verändertes Wesen und – o, das werde ich nie vergessen! – sie sagte, sie wollte lieber, ich wäre gestorben, als daß ich übellaunig und selbstsüchtig würde. – Siehst Du, Louis hat keine Mutter, die so zu ihm spräche, und er ist viel länger gepflegt und verwöhnt worden, als ich es war. Das erklärt sein verdrießliches Wesen. Vielleicht wäre es gut für Euch Beide, wenn Ihr Freunde würdet. Erinnerst Du Dich wohl, wie wir immer hofften. Du würdest hier im Herrenhause einmal einen Freund haben?« –

»Ich fürchte, er ist noch nicht hier,« – rief Karl. »Die Vernons nehmen keine Notiz von mir, weil ich nicht in ihrer Schule bin, und sie bedienen sich so seltsamer Worte, daß ich sie oft nur halb verstehe. – Louis ist ganz anders, als ich mir einen Freund gedacht habe. Wir wollen sehen! – Wenn morgen schönes Wetter und Louis wohl ist, dann werden wir alle auf die Jagd gehen. – Herr Harley sagte, Louis wird mich im Schießen unterrichten. Da ich die Tigergeschichte noch nicht kannte, so erwartete ich nicht viel von dem Unterricht. Aber jetzt denke ich anders darüber.« –

»Willst Du mir einen Gefallen thun, Karl? – Willst Du morgen um diese Zeit wieder herkommen? – Ich werde auch hier sein und wir wollen wieder ein Bischen plaudern. – Ich werde mich den ganzen Tag darauf freuen, denn obgleich ich mir vorgenommen habe, nicht traurig zu sein, fürchte ich mich doch vor Frau Dalton, und es kommt mir gar nicht vor, als ob wir Ferien haben, wenn ich mit Mademoiselle französisch sprechen muß. – Ich mache so viele Fehler in den unregelmäßigen Zeitwörtern und es ist so schwer, Sätze zu machen, in denen keine unregelmäßigen Zeitwörter vorkommen.« –


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