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Fünftes Kapitel.
Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben

Mia hatte recht prophezeiht, es regnete in der Nacht bei starkem Gewitter, und als sie am Morgen aus dem Fenster sah, freute sie sich über die erfrischte grüne Erde und über die Bäume, deren nasse Blätter in der Morgensonne glänzten. Sie zog ihr Köpfchen schnell wieder zurück und kleidete sich so schnell als möglich an; sie war so verständig, ein Paar starke Schuhe anzuziehen und ihr ältestes Kattunkleidchen, denn sie überlegte, daß das Unkraut nach dem Regen wohl leichter auszujäten sein würde, aber daß sie sich viel mehr beschmutzen würde, als in heißen, trockenen Tagen.

Sie hatte Grund sich über ihre Vorsicht zu freuen, denn als sie nach zweistündiger Arbeit zum Frühstück heim kam, waren ihre Schuhe einen Zoll dick mit Schmutz bedeckt und ihr Kleidchen war beinahe bis zur Taille herauf bespritzt. Es war eine große Beruhigung für Mia, daß Niemand außer Karl sie sah, daß es der letzte Tag war, und daß sie noch Zeit genug haben würde sich umzuziehen, ehe die Eltern kämen.

»Mama würde sich recht wundern, wenn sie mich so beim Frühstücke sitzen sähe,« sagte sie. »Ich möchte mich Niemanden in diesem Aufzuge zeigen. – Nun ich bin froh, daß dies der letzte Tag ist und daß jetzt Nichts mehr vorfallen kann, was uns von unserer Arbeit verlocken könnte. Bist Du nicht auch froh, Karl, daß der Sonnabend da ist?« –

»Er ist da, aber noch nicht vorbei,« – sagte Karl und machte ein sehr weises Gesicht. »Denke an Julius Cäsar und auch an Georg, der sagt: Man muß den Tag nicht vor dem Abend loben. – Aber sieh, da läuft er eben den Kiesweg hinauf, um das Thor zu öffnen; ich höre Wagengerassel, komm an's Fenster, wir wollen sehen, was das bedeutet.« –

»Es ist Herrn Thorold's Wagen, er kommt den Weg herauf,« – rief Mia, als sie durch's Fenster geblickt hatte; – »sie werden vorbei fahren. – Wir wollen vom Fenster fortgehen, Mama hat es nicht gern, wenn wir die Menschen so anstarren und es ist auch Nichts weiter zu sehen, als Herr und Frau Thorold, die wahrscheinlich zu ihrer Tochter nach Hovingham Park fahren.« –

»Ich sehe gar nicht nach Herrn und Frau Thorold, sondern nach den Pferden und dem Kutscher,« – erwiderte Karl. »Daran ist aber viel zu sehen, denn Georg sagt, daß es die besten Pferde im Lande sind. – Wie gut sie um die Ecke gingen, nun traben sie vorüber, – nein, sie stehen still. – Georg öffnet das Thor, sie fahren herein, sie kommen her, Mia!« –

»Das ist unmöglich, ganz unmöglich, ich versichere Dich,« – rief Mia in fast weinendem Tone. »Sie werden ja nicht herkommen, wenn die Eltern nicht zu Hause sind, sie bestellen nur Etwas, aber sie werden nicht aussteigen.« –

»Jedenfalls hat Georg das Thor wieder zugemacht,« – sagte Karl.

»Ach, was soll ich anfangen?« jammerte Mia. – »Mein Kleid, meine Schuhe,« – aber ehe sie ihren Satz vollendet hatte, öffnete Kitty mit rothem, verlegenem Gesichte die Thüre und herein kam Frau Thorold.

Frau Thorold war die beste Freundin von Mia's Mutter und Letztere ausgenommen, gab es keine Frau in der Welt, die von Mia so geliebt und bewundert wurde, als Frau Thorold, und Nichts machte den Kindern so viel Vergnügen, als ihre Eltern nach Stonegrave zu begleiten und einen Tag bei Herrn und Frau Thorold zu verleben. Sie waren Beide bejahrt und all ihre Kinder erwachsen und auswärts, aber sie liebten Kinder und scheuten keine Mühe, um sie zu amüsiren und zu belehren. Zu jeder andern Zeit würde Mia sich über Frau Thorold's Besuch gefreut haben, nur heute konnte sie es nicht, – sie konnte nur an ihren schmutzigen Anzug denken. – Es fiel ihr noch dazu ein, daß Frau Thorold sie einmal dafür gelobt hatte, daß sie immer so nett angezogen war. »Ach, das wird sie nun nie wieder sagen,« seufzte Mia und wär' es angegangen, hätte sie sich gerne unter den Tisch versteckt. –

Glücklicherweise machte sich Karl nicht so viel daraus, daß er in einem schmutzigen Anzuge gesehen wurde, – es war ihm schon öfters begegnet. Er kam ohne Erröthen Frau Thorold entgegen, reichte ihr seine schmutzige Hand und erzählte in seiner muntern Weise, daß die Eltern abwesend wären, und daß er mit Mia ganz allein zu Hause sei. –

Frau Thorold lächelte und sagte, sie hätte das schon gewußt. »Ich erfuhr es gestern,« – fuhr sie fort, – »und gerade deshalb komme ich heute so früh her. – Ja, ja, so ist es, Mia, wenn Du auch noch so erstaunt aussiehst. Ich komme, Dich und Karl für heute zu mir einzuladen; Abends fahren wir nach der Eisenbahn, den Eltern entgegen. – Das wird eine angenehme Ueberraschung für Beide sein. – Der Bahnhof ist nur eine halbe Meile von uns entfernt, daher hoffe ich, daß die Eltern zu uns zum Thee kommen werden, später kann ich Euch Alle zusammen nach Hause schicken. Findet Ihr mein Plänchen nicht ganz hübsch? – Freilich kann ich Euch keine Kinder zum Spielen einladen, aber für Karl ist – wie immer – der Fischteich da und die Ponies, und für Mia giebt es Märchenbücher, Vögel und das Raritätenkabinet. – Aber was ist das? – Ihr schweigt! – Ihr seht so traurig aus! – Fehlt Euch Etwas?« –

Mia sah Karl und Karl sah Mia an. Mia versuchte zu sprechen, aber ein sonderbares Etwas erstickte ihre Stimme, ihre Augen füllten sich mit Thränen, und um das zu verbergen, schlug sie die Augen nieder, sie fielen auf ihr Kleid. Frau Thorold folgte ihren Blicken. –

»Ach, ich sehe,« rief sie, »Du bist unordentlich angezogen und denkst, Du kannst so nicht mit mir kommen. Doch dem ist bald abgeholfen. Ich kann zwar nicht versprechen, lange zu warten, denn wir müssen meinen Mann zuerst nach Hovingham bringen, Du kannst aber schnell nach oben laufen und Dich anziehen, während Karl sein Frühstück beendet. – Es wird Dir nicht leid thun, wenn Du etwas Brot und Milch stehen läßt, denn Frau Mormelade hat gestern den ganzen Nachmittag Pfefferkuchen und andere Kuchen gebacken und der Gärtner sagt, er weiß gar nicht, was er mit all den Pfirsichen und Aprikosen machen soll, die aufgegessen werden müssen, so daß es fast ein gutes Werk wäre, wenn Ihr einen starken Appetit zum großen Frühstück mitbrächtet.« –

»Ach Karl, – sprich Du,« – flüsterte Mia.

Karl räusperte sich zweimal und begann: »Frau Thorold,« er fand, daß es nicht gut klang und änderte es in »bitte, wenn Sie so gütig,« aber – er blieb wieder stecken; er wandte sich um, nahm einen Teller vom Frühstückstische und drehte ihn wie ein Rad, schneller und schneller, Mia erwartete jeden Augenblick, daß der Teller auf der Erde liegen würde.

»Ihr setzt mich in Verwunderung,« – sagte Frau Thorold, – »ich verstehe Euch Beide nicht. – Denkt Ihr, Eure Eltern würden es nicht gern sehen, wenn Ihr mit mir kämet?« –

»O, nein, das nicht,« sagte Karl, der wieder Muth faßte, als eine einfache Frage zu beantworten war. »Nein, das denken wir nicht, aber bitte – wenn Sie uns nicht für unhöflich oder für unartig halten möchten, so würden wir lieber – nicht gerade lieber – aber, – aber wir halten es für besser – – kurz und gut: wir können nicht mit Ihnen gehen.« –

»Obgleich,« – fügte Mia sehr artig hinzu, »wir sehr dankbar dafür sind, daß Sie uns zu holen kommen – wir wären auch gerne mit Ihnen gegangen, wenn wir gedurft hätten.« –

»Aber weshalb dürft Ihr nicht, wenn Ihr denkt, daß es Eure Eltern nicht ungern sehen würden, und wenn Ihr selbst Lust dazu habt? – Was für einen Grund habt Ihr, es nicht zu thun?« –

»Wir möchten ihn lieber verschweigen,« sagte Mia.

»Das thut mir sehr leid,« – entgegnete Frau Thorold sehr ernst. – »Ich liebe nicht, wenn Kinder so geheimnißvoll sind, das führt selten zu etwas Gutem, und ich fürchte, Ihr seid nicht auf dem richtigen Wege. – Seid vernünftig und kommt mit mir. – Ihr seid bei mir wohl aufgehoben und ich fange an, zu denken, daß Ihr es hier nicht seid. – Du, Mia, mußt in jedem Falle sehr unpassend beschäftigt sein. – Ich habe Dich niemals so gesehen. – Flink, gebt Euren Unsinn auf, was es auch sein möge. – Laufe hinauf, Mia, und komme als meine nette, liebe kleine Mia wieder herunter. – Ich bildete mir ein, Du wärst gern bei mir?«

»So ist es auch,« – antwortete Mia, beinahe in Thränen ausbrechend, – »aber wenn Sie Alles wüßten, würden Sie es nicht Unsinn nennen. Bitte, bereden Sie uns nicht, es aufzugeben, denn – es wird uns so schwer, fest zu bleiben.« –

»Ihr seid die sonderbarsten Kinder, die mir jemals vorgekommen sind,« sagte Frau Thorold. »Gut, so will ich Euch denn nicht mitnehmen und Euch auch nicht nach Eurem Geheimniß fragen, aber ich hoffe es später zu erfahren, und wisset, wenn Ihr keinen guten Grund gehabt habt, zu Hause zu bleiben, so werde ich es für sehr unartig erklären, daß Ihr meine Einladung abgelehnt habt, und mich den weiten Weg umsonst machen laßt. Kinder sollten dankbar dafür sein, wenn ältere Leute ihnen Vergnügen machen wollen, selbst in dem Falle, daß der älteren Leute Pläne die ihrigen kreuzen. – Adieu, vergeßt nicht, daß Eure Eltern heute Abend nach Hause kommen, und betragt Euch so, daß sie nicht finden, Ihr habt ihre Abwesenheit schlecht benutzt.« –

Mit diesen Worten verließ Frau Thorold das Zimmer und Karl hatte so aufmerksam zugehört, daß er es versäumte, die Hausthüre für sie zu öffnen. – Kitty lief herbei, um es zu thun, ihre Hände und ihre Schürze waren mit Mehl und Teig bedeckt, denn sie war beim Brotbacken. Die Kinder folgten mit ihren Augen dem davon rollenden Wagen, ohne ein Wort zu sprechen. Endlich drehte sich Karl zur Schwester und fragte: »Bist Du froh oder traurig, daß wir nicht nach Stonegrave fahren, Mia?« –

»Froh!« –

»Dann wollen wir auch so aussehen und so sprechen, als ob wir froh wären, und wir wollen unser Frühstück beendigen.« –

»Ach, Karl, das ist nicht so leicht gethan, denn siehst Du, unter meinem Frohsinn ist auch Traurigkeit. Ich bin traurig, daß ich den angenehmen Tag, die Märchenbücher und das Raritätenkabinet nicht haben kann, und ich bin noch trauriger darüber, daß wir den Eltern nicht entgegen fahren werden und daß Frau Thorold böse auf uns ist und uns für eigensinnig und unartig hält. – Woher hattest Du nur den Muth zu sprechen, Karl? – Ich konnte es nicht, aber es war sehr gut, daß Du nicht verlegen warst.« –

»Ich war zuerst verlegen, aber dann dachte ich, sie wird denken, daß ich verlegen bin, und deshalb sprach ich so geschwind, wie ich nur konnte. – Das war ärger als der Elephant, Mia, und Georg hatte ganz recht: Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.« –

»Das ist wahr,« – sagte Mia, »aber es erinnert mich daran, daß wir keine Zeit zu verlieren haben, es ist halb zehn Uhr. – Ich will kein Frühstück mehr und während Du Deine Milch austrinkst, werde ich unser Mittagbrot und die Bücher in den Korb packen und dann wollen wir zu unserer Arbeit eilen.« –


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