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Viertes Kapitel.
Volo, Valeo.

Das Tapetenzimmer war ein sehr angenehmer Ort, es waren zwar keine Stühle darin, aber in einer Ecke lag eine Rolle Segeltuch und Mia nannte es ihr Sopha. Oft, wenn Karl auf dem Boden umherstöberte und durch die Fallthüre auf's Dach kletterte, saß sie hier ganz alleine und wurde nicht müde, die sonderbaren Figuren der Tapeten anzublicken und sich Geschichten dazu auszudenken. Da waren Damen mit sehr steif aussehenden Manschetten und Schleppkleidern, und Herren, mit Schwertern an der Seite, spazierten neben ihnen. Kinder pflückten sehr sonderbare Blumen in sonderbaren Gärten, und ein Bischen weiter davon war ein Wald, wo Hunde und Herren zu Pferde einen Eber verfolgten. Ueber all dem erhaben stand ein Schloß mit Thürmen und einer Zugbrücke auf einem so hohen Berge, daß Mia nie begreifen konnte, wie die Kinder aus dem Garten und die Jäger aus dem Walde da jemals hinauf klettern konnten. – All diese Personen waren Mia's alte Bekannte, sie kannte ihren Namen und ihre Geschichte. – An diesem Abende, als sie mit dem Lernen fertig waren und über die Tagesbegebenheiten gesprochen hatten, erzählte sie Karl, was sie von ihnen wußte, denn zum ersten Mal in seinem Leben war er zum Stillsitzen und Zuhören aufgelegt.

»Jetzt weiß ich auch, warum Du so gerne hier bist,« – sagte Karl, als sie zu Ende war. »Du bildest Dir wohl gar ein, daß alle diese Personen wirklich leben und Dir zuhören, wenn Du zu ihnen sprichst und daß die wunderlichen Geschichten, die Du mir von ihnen erzählst, wahr sind? – Sieh die große Dame, die da den Gang herunter kommt, sieht sie nicht aus, als blickte sie mit ihren schwarzen Stichen statt Augen nach uns hin und als wollte sie zu uns sprechen? – Du hast mir Nichts von ihr erzählt.« –

»Nein, aber ich könnte es thun, denn ich kenne eine lange Geschichte und bin sicher, sie handelt von ihr. – Ich fürchte nur, Du wirst lachen, und das würde Alles verderben.« –

»Nein, ich werde gewiß nicht lachen.« –

»Dann laß uns unser Sopha umdrehen, so daß wir mit dem Rücken nach der Thüre sitzen, die nach der Hintertreppe führt. – Ich möchte die Geschichte nicht gerne erzählen, indem ich nach der Treppe sehe, denn Du mußt wissen, Karl, daß es eine wahre Geschichte ist! – Ich meine nicht, daß sie im Ernste mit der gewirkten Dame Etwas zu thun habe, das vermuthe ich nur so, aber die Geschichte ist wahr, – Nanny sagt es.« –

»Ach, ist es eine von Nanny's Geschichten! – Aber Mia, Mama hat es ja nicht gern, daß Du Dir von Nanny viel erzählen läßt.« –

»Sie erzählt mir jetzt nicht mehr so viel, – diese Geschichte hörte ich schon vor langer Zeit. Erinnerst Du Dich noch des Tages, als der Herr und die Dame aus Indien bei uns waren und wir mit ihnen nach dem Herrenhause gingen? – Sie blieben mit den Eltern so lange in dem Saale, wo die Wappenschilder sind, und sprachen über die Lateinischen Mottos unter den Schildern, – das war so langweilig, deshalb lief ich fort und plauderte ein Wenig mit Nanny. – Du glaubst gar nicht, was für merkwürdige, hübsche Geschichten sie kennt; ich wollte, Mama ließ sie mich alle hören. – An jenem Tage war Nanny in dem Gesellschaftszimmer, das nach Westen liegt, sie nähte einen Schlitz in den alten Sammetvorhängen zu und sprach von alten Zeiten und von den vornehmen Herrschaften, die hier gewohnt hatten. – Sie sagte, es bräche ihr fast das Herz, Alles so verändert zu sehen, wenigstens wolle sie die Zimmer immer recht ordentlich erhalten, mehr könne sie nicht thun. – Ich fragte sie, woher es kommt, daß das Zimmer, welches mit gemaltem Leder tapezirt ist, so viel unordentlicher als alle übrigen ist. – Die Vorhänge darin sind zerrissen und schmutzig, der Fußboden ist eingefallen und der Kamin zerbrochen. – Zuerst wollte sie mir nicht antworten, aber ich quälte sie so lange, bis sie mir folgende lange Geschichte erzählte:

»Einmal lebte hier im Hause eine stolze Dame, das war lange vor Nanny's Geburt, aber die Großmutter kannte sie und sie erzählte ihr die Geschichte, als sie ein kleines Mädchen war. – Der stolzen Dame Mann war todt, aber sie hatte zwei Söhne, der eine war ihr Stiefsohn und der andere, ein ganz kleiner Knabe, war ihr eigenes Kind. – Sie liebte Letzteren sehr und ihr größter Wunsch war, daß er der Erbe der Güter und des Geldes sein möchte. – Das war aber der Stiefsohn und deshalb haßte sie ihn und wünschte seinen Tod herbei. – Jedermann wußte es und bedauerte den armen, ältesten Sohn, aber Niemand wagte sich seiner anzunehmen, oder auch nur freundlich mit ihm zu sprechen, denn sie fürchteten sich vor der stolzen Frau. – Sie beobachtete Alle sehr scharf, aber niemals hörte man ihren Fußtritt, – so leise trat sie auf, man hörte nur das Rauschen ihres seidenen Kleides; – sie ging immer in Sammet oder Seide gekleidet, dagegen bekam der älteste Sohn kaum satt zu essen und keine warmen Kleider für den Winter. Der Einzige, der es wagte ihn zu lieben und ihn zu trösten, war sein kleiner Bruder. – Immer wenn er sich von seiner Mutter wegstehlen konnte, lief er in das Tapetenzimmer, in welchem der älteste Sohn ganz allein eingesperrt war, und brachte ihm Kuchen und Spielzeug. Aber einst, als er auch zu ihm wollte, war das Zimmer leer und sein Bruder war fort! – Niemand weiß, wie das zugegangen war und wo er geblieben ist. – Nanny denkt, er muß davon gelaufen, zur See gegangen und ertrunken sein; jedenfalls hat man nie wieder von ihm gehört. – Die stolze Frau war froh, aber ihr kleiner Sohn war so traurig, daß ihn Nichts zu trösten vermochte. Sie sagte ihm, daß er jetzt ein großer Herr sei und viele Güter und viel Geld habe, aber er entgegnete, daß er sich Nichts daraus mache und daß er nur seinen Bruder zurück haben wolle. Er wollte auch niemals glauben, daß er im Ernste fort sei. – Er lief die eichene Treppe auf und ab, durchsuchte das Tapetenzimmer und rief nach seinem Bruder, – das that er alle Tage viele Male. – Endlich an einem Tage lehnte er sich zu weit zum Fenster hinaus, um zu sehen, ob sein Bruder nicht käme, er fiel hinab und sein kleines Köpfchen zerschmetterte auf den Steinen. – Danach konnte die stolze Frau nie wieder froh werden, – sie war ganz wie verwandelt, saß Stunden lang still und sprach zu sich selbst, oder sprang auf und eilte die Treppe hinauf, gerade als ob sie Etwas suchte; oder sie ging in das Tapetenzimmer, und sah aus dem Fenster nach der Stelle, wo ihr Kind gelegen hatte, darauf seufzte sie tief, ging langsam hinunter und kam nach fünf Minuten wieder, um dasselbe zu thun. – Zuletzt starb sie und andere Leute zogen her, aber Nanny sagt, – und das ist das Merkwürdigste an der Geschichte!! – daß man manchmal – selbst jetzt noch – zur Nachtzeit das Rauschen eines seidenen Kleides hören kann; es ist die stolze Frau, welche die Treppe hinauf geht. – Man hat gesehen, wie sie in das gemalte Zimmer ging und dann zum Fenster hinaus sah, und dann hörte man wieder das Rauschen des Kleides, wenn sie hinunter ging. – Oh, Karl, nun lachst Du doch und Du versprachst, es nicht zu thun!« –

»Liebe Mia, – ich kann mir nicht helfen. – Sage mir nur das Eine, hat Nanny die stolze Frau einmal selbst gesehen und gehört?« –

»Nein, das nicht, aber sie hat allerlei sonderbares Geräusch gehört und einmal hat sie etwas Weißes über dem Gitter hängen sehen.« –

»Das war unsere weiße Fahne, Mia, ich steckte sie zum Gitterfenster hinaus! – Und was das sonderbare Geräusch anbetrifft, so will ich Dir sagen, daß ich allerhand Lärm mache, wenn ich auf dem Dach umher klettere, und manchmal habe ich mich gewundert, daß Nanny sich so schnell aus dem Staube machte, wenn sie den Lärm hörte. – Ich hoffe, Mia, Du wirst den Unsinn nicht glauben, es ist schlimm genug, daß Du Dich vor Kühen und Hunden fürchtest, Du brauchst gar Nichts mehr, um noch eine größere Memme zu werden.« –

»Ich sage ja nicht, daß ich es glaube, – es ist aber doch eine hübsche Geschichte, nicht wahr, Bruder?« –

»Ich ziehe wahre Geschichten vor, solche, die man ganz glauben kann. – Uebrigens habe ich an demselben Tage, an welchem Du zu Nanny gingst, Etwas gehört, was mich sehr interessirt hat. – Ich sah mich nach Dir um, denn es that mir leid, daß Du es nicht auch hörtest. – Papa zeigte dem Herrn die Wappenschilder und sie standen lange vor dem, welches der Familie gehört, die hier zuletzt gewohnt hat. – Das Lateinische Motto darunter ist leicht zu übersetzen, ich verstand es selbst damals schon und es gefiel mir, was Papa darüber sagte. Es ist Volo, non valeo, das heißt: »Ich wünsche, ich gelte nicht.« – Papa sagte, daß es ein sehr passendes Motto für Jene gewesen sei, die es in ihrem Wappen führten. Es wären ehrgeizige, verschwenderische und doch träge Leute gewesen, die immer vornehmer und reicher scheinen wollten, als sie wirklich waren und die immer höher hinaus wollten, als es für sie paßte. – Das hat sie zu Grunde gerichtet, sagte Papa, das zwang sie, sich von all ihren schönen Sachen zu trennen, ihr altes Haus zu verlassen und ihre Ländereien zu verkaufen. – Aber in der Familie gab es einen Knaben, es war der jüngste Sohn, der glich den Uebrigen gar nicht. – Papa erzählte dem Herrn, daß er gehört habe, dieser Knabe wäre vor mehreren Jahren, nachdem seine Eltern diese Gegend verlassen, hierher zurückgekommen. Er war damals ein junger Mann, ging durch das verödete Haus und stand lange vor dem Wappenschilde. Als er im Begriffe war, fort zu gehen, ergriff er ein Stück Kreide, welches zufällig auf dem Boden lag und machte über das non ein großes Kreuz. – Ich kann es Dir noch zeigen! – Er änderte also das Motto dahin: Volo, valeo, das heißt: Ich wünsche, ich gelte. – Er wünschte das Haus und die Ländereien, die sein Vater verloren hatte, zurück zu erwerben und – Mia! das Beste an meiner Geschichte ist das, daß er dazu befähigt gewesen, denn höre: Der lange Herr mit den grauen Haaren, welcher in das Haus ziehen wird, ist der Knabe, welcher vor vielen Jahren, ehe wir noch geboren waren, das Kreuz über das non gemacht hat.« –

»Welch eine hübsche Geschichte das ist, Karl! – Weshalb hast Du sie mir nicht schon früher erzählt?« –

»Ich erzähle nicht so gern, wie Du, aber ich habe oft an die Geschichte gedacht, besonders wenn ich dummes Zeug machen wollte – oder wenn ich zur Erreichung eines Wunsches nicht selbst thätig sein und nur müßig wünschen wollte. Selbst heute habe ich im Walde daran gedacht, als ich des Jätens überdrüssig wurde. Da sprach ich zu mir selbst: Ich will es nicht aufgeben, ich wünsche die halbe Krone für Tom zu erwerben und ich kann es thun.« –

»Das war gut, Karl, und ich werde daran denken, wenn ich wieder Unmögliches wünschen werde, wie heute. Ich dachte, es sei sehr hart, daß wir für eine halbe Krone so sehr viel arbeiten müßten, und ich wünschte, es käme eine gute Fee, und zauberte mit ihrem Zauberstabe auch ein hübsches Häuschen aus der Erde mit Möbeln, und auch einen Garten und Rosen und –«

»Ein Schwein,« fiel Karl in die Rede.

»Nein, welch ein Einfall! – Eine Fee wird doch kein Schwein herzaubern! Es ist recht schade, daß Du mich unterbrachst, ich wünschte noch so viele hübsche Sachen.« –

» Volo, non valeo,« sagte Karl lachend. –

Ehe noch das Echo von Karl's Lachen in den langen Zimmern und Gängen verhallt war, sprang Mia plötzlich auf und ergriff des Bruders Arm, ihr Gesicht wurde lilienweiß und sie flüsterte:

»Bruder, ich hörte es, ich hörte es!« –

»Was?« – fragte Karl.

»Fußtritte auf der Treppe.« –

»Nun dann laß uns sehen gehen, wer es ist.« –

Es war Dämmerlicht. – Mia hing sich fest an den Bruder, während sie über die Flur gingen, und als sie an die Treppe kamen, zog sie ihn zurück und sagte mit zitternder Stimme:

»Vielleicht ist es die stolze Frau.« –

Aber Karl ließ sich nicht zurückhalten, und als er mitten auf der Treppe war, brach er in ein lautes Gelächter aus.

»Sieh her, Mia. Deine stolze Frau muß sehr große Füße haben, und muß spazieren gehen, wo es sehr schmutzig ist. – Sieh, welch große Fußtapfen hier auf der Treppe sind, sie gehen bis zur Hausthüre. Gewiß ging einer der Maurer nach oben! – Wie kannst Du Dich nur um Nichts und wieder Nichts so erschrecken!« –

Mia mußte lachen. »Ich sehe, ich bin sehr dumm gewesen,« sagte sie. »Aber um Dir zu zeigen, daß ich meine thörichte Furcht überwinden will, werde ich ganz allein nach dem Tapetenzimmer gehen und den Korb und die Bücher holen. – Wir müssen nach Hause eilen, denn Kitty wird nicht begreifen können, weshalb wir so lange fortbleiben.« –


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