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Siebentes Kapitel.
Der Arbeitslohn

Montag war wieder ein Ferientag, denn Herr Merton hatte im Dorfe zu thun, und Mia und Karl halfen oder besser gesagt hinderten Frau Merton beim Kasten auspacken. Dienstag fingen die Stunden an, und mit ihnen kam die große Ueberraschung. – Herr Merton konnte gar nicht errathen, weshalb Karl so kuriose Gesichter machte, als er ihn zur Lateinischen Stunde rief, und Frau Merton wunderte sich, als Mia zweimal fragte, ob sie nicht rechnen solle. – Aber als Frau Merton sechs richtige Exempel in Mia's Rechnenbuch eingetragen fand, und als Karl seine grammatischen Regeln ohne Stocken und mit Verständniß hersagte, war das Räthsel gelöst und die Eltern freuten sich der Ueberraschung noch mehr, als die Kinder es erwartet hatten. –

»Ich freue mich nicht blos darüber, Karl,« – sagte Herr Merton, »daß wir jetzt keine Noth mehr mit diesen Regeln haben werden, sondern auch darüber, daß Du das Vergnügen kennen gelernt hast, eine Schwierigkeit zu überwinden, und daß Du wie ein Mann aus Pflichtgefühl gearbeitet hast und nicht, weil Du dazu gezwungen wurdest. – Ich bin überzeugt, es wird nicht die letzte Ueberraschung dieser Art sein, die Du mir machst!« –

»Und ich,« – sagte Frau Merton, »freue mich mehr darüber, daß Mia Selbstüberwindung geübt und das gethan hat, was sie am unliebsten thut, als wenn sie plötzlich die geschickteste Rechnenmeisterin geworden wäre.«

Als die Kinder Nachmittags ihre Bücher fortlegten, fuhr Frau Thorold's Wagen vor. Sie wurden nicht in's Wohnzimmer gerufen und da die Mutter beim Thee Nichts von dem gehabten Besuche sagte, so erfuhren sie auch nicht, ob Frau Thorold sich eine Erklärung über die abgeschlagene Einladung ausgebeten oder eine empfangen habe. –

Am Donnerstag Morgen waren die Kinder nicht wenig erstaunt, als sie beim Aufstehen ihre Sonntagskleider zurecht gelegt fanden und ehe sie noch mit ihrer Toilette fertig waren, hörten sie Papa's Stimme. Er rief ihnen zu, sich zu eilen, denn Georg und Spat warteten auf sie; sie würden nach Stonegrave fahren und den ganzen Tag bei Frau Thorold bleiben.

Es war ein lieblicher Morgen und Georg ließ Karl den ganzen Weg kutschiren. Es schien, als tanzten Bäume und Hecken vor Vergnügen, als sie bei ihnen vorüber fuhren. In Stonegrave ankommend, fanden sie Herrn und Frau Thorold mit dem Frühstück auf sie wartend. Es war wunderbar, wie freundlich Alle waren! – Herr Thorold, der gewöhnlich so schweigsam und ernsthaft war, neckte Mia mit ihrer Leidenschaft für Feenmärchen und ihrem Glauben an Zauberstäbe und afrikanische Zauberei, und nach dem Frühstück führte er Karl selbst zum Fischteiche und zeigte ihm die besten Stellen zum Angeln. – Frau Thorold ging unterdessen mit Mia durch den Blumengarten, zeigte ihr das Federvieh und die Vögel und das Raritätenkabinet. – Nach Tische ritt Karl auf dem Pony, und als Herr und Frau Thorold in ihren Armstühlen einschliefen, stahl sich Mia nach ihrem Lieblingsbücherschranke und amüsirte sich bis zum Thee mit ihren geliebten, alten Märchenbüchern. Sie fuhren erst spät Abends nach Hause, und beim Abschiednehmen schenkte Frau Thorold Jedem ein neues Lesebuch. Mia's hieß: Onkel Philipp's Gespräche über Insekten. Anfangs that es ihr leid, daß es keine Geschichten waren, aber als sie ein Paar Seiten gelesen hatte, fand sie, daß sie daraus mehr interessante und wunderbare Dinge lernte, als aus einem Märchenbuche.

Endlich war der Sonnabend da und selbst der Abend. Nachmittags hatten die Kinder, auf den Wunsch der Mutter, Kitty beim Stachelbeerpflücken zum Einmachen geholfen, die Mutter meinte, daß die Stunden viel schneller vergehen, wenn man beschäftigt sei. Um sechs Uhr rief sie sie herein, sah selbst zu, daß Karl sich Gesicht und Hände rein wusch, daß Mia sich ein nettes Kleid anzog und sagte dann: »Nun könnt Ihr in's Herrenhaus gehen!« – Mia und Karl hatten des langen Herrn Gebot streng befolgt und waren während der ganzen Woche nicht einmal in die Nähe des Herrenhauses gegangen. Als sie sich jetzt der Parkthüre näherten, bemerkten sie eine Veränderung.

»Das Haus des Parkwächters ist neu bedacht worden,« – sagte Karl.

»Ach und sieh' nur, es hat eine neue, grün angestrichene Thüre und die Fenster sind ausgebessert worden,« – rief Mia. »Und man hat die Rosen um die Hausthüre gezogen, wie hübsch das aussieht! – Aus dem Schornstein steigt Rauch empor, es muß Jemand drin sein.«

»Der lange Herr ist drin,« – flüsterte Karl, als sie näher kamen. »Sst!! Er kommt uns entgegen!« –

Der lange Herr, dessen eigentlicher Name Harley war, redete die Kinder sehr freundlich an und lud sie ein, in das Häuschen zu treten. »Ich möchte wissen, ob Euch die Veränderungen gefallen, die hier gemacht sind,« – sagte er. »Ich weiß, Fräulein Mia liebt verwüstete Oerter so sehr, daß ihr jetzt dies Haus vielleicht gar nicht gefallen wird.« –

»O, doch es gefällt mir sehr gut,« sagte Mia, als sie in die Küchenstube getreten war und sich umgesehen hatte.

Auf dem Herde brannte ein helles Feuer; die frisch gestrichenen Wände waren mit glänzendem Küchengeschirr bedeckt, Stühle und Bänke standen umher und auf dem runden Tische, mitten in der Stube, stand ein hübsches Theeservice und eine Menge Teller, auf denen Butterbrot, Rostbrot und Kuchen lagen. –

»Es freut mich,« – sagte Herr Harley, – »es freut mich, daß Euch mein neues Haus gefällt.« –

» Ihr neues Haus!« – sagte Mia ganz erstaunt.

»Ja, denkst Du nicht, daß es viel gemüthlicher als das große Haus ist? – Ich ließ Euch heute herbitten, damit Ihr mir den Thee macht, ich weiß, daß Ihr Euch nützlich machen könnt, – seht einmal zu, ob Wasser im Kessel ist? – Nein, er ist ganz leer. – Junker Karl muß mir Wasser aus der Pumpe holen und Mia wird den Kessel aufs Feuer setzen. – Bis meine Gäste kommen, denn ich erwarte Gäste, – wird das Wasser kochen und wir können Thee haben.« –

»Aber wollen Sie wirklich in diesem Hause wohnen?« fragte Mia, als sie Alle am Feuer saßen und dem Kessel zuhörten, in dem das Wasser zu kochen anfing. –

»Denkst Du, es ist nicht groß genug?« – antwortete Herr Harley. – »Sieh, ich brauch mich nur ein Wenig zu bücken, wenn ich zur Thüre herein will, und obgleich ich lang hin, nehme ich doch nicht viel Raum ein.« –

»Wer wird aber im Herrenhause wohnen?« – fragte Mia.

»Vielleicht die stolze Frau,« – antwortete Herr Harley.

»Unsinn!« – rief Karl.

Herr Harley schien diese höfliche Bemerkung nicht zu beachten; er stand auf und sah erst aus dem Fenster und dann aus der Thüre. »Sie kommen!« rief er und lief zum Thore. Die Kinder folgten ihm dorthin, obgleich sie nicht recht wußten, ob sich das schicke oder nicht. – Als sie am Thore ankamen, sahen sie einen leichten Wagen den Weg herunterkommen, Georg kutschirte, – wie merkwürdig! – Es schienen einige Kasten im Wagen zu sein und darauf saßen ein bleicher Mann, eine Frau und mehrere Kinder. – Auf dem Rücksitze erkannten sie die alte Nanny und – richtig! – neben ihr den verbrühten Knaben, – der aber jetzt viel wohler aussah und auf seinem Schooße ein kleines Kind hielt. – Ein heller Hoffnungsstrahl durchzuckte Mia's Sinn, aber sie fürchtete es auszusprechen, aus Furcht im Irrthum zu sein. – Sie hatte auch keine Zeit zum Sprechen, denn der Wagen kam heran und die Leute stiegen aus. – Zuerst stieg Georg ab und half der Frau und den Kindern, dann kam der Mann und zuletzt Tom. – Als Letzterer Mia und Karl erblickte, strahlte sein Gesicht vor Freude. –

»Das sind sie, Vater!« – rief er aus. – »Das sind sie, Mutter, der junge Herr und das Fräuleinchen! Sie haben es Alles gemacht. – Wir danken es blos ihnen, sagt Herr Harley. – Hurrah! Hurrah! – Meine Eltern sind gekommen, junger Herr, Fräuleinchen! – Hurrah! Hurrah!« –

Der Mann und die Frau kamen jetzt zu Mia und Karl. »Gott segne Sie,« – sagten sie, – »was hilft alles Sprechen, wir können es niemals sagen, wie viel wir Ihnen zu danken haben. – Gott allein kann Sie belohnen und segnen!« –

»Was bedeutet das Alles?« – fragte Karl ganz eingeschüchtert, – »ich verstehe Sie gar nicht.« –

»Aber ich verstehe,« – rief Mia, – »es ist mein Wunsch, – mein Wunsch ist ganz erfüllt worden! – O, Herr Harley, wie gut, wie sehr gut sind Sie!« –

»Ganz und gar nicht, meine lieben Kinder. Ich sagte Euch am vorigen Sonnabend, daß ich Euch für Eure Wochenarbeit den Lohn geben würde, den ich der Arbeit angemessen finde, das thue ich jetzt! – Da ist er!«

Ich will es gar nicht versuchen zu beschreiben, wie entzückend der Abend für die Kinder war! Wie geschäftig Mia beim Theemachen für die ganze Familie war und wie sich Karl nützlich beim Abpacken und Hereintragen der Kasten machte. – Als sie ihr Möglichstes gethan hatten, traten sie den Heimweg an. –

»Wie werden sich die Eltern freuen, wenn wir es ihnen erzählen werden!« – sagte Mia. – »Ach, und wie froh, wie sehr froh bin ich, Bruder, daß wir es nicht aufgaben!« –


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