Selma Lagerlöf
Die Silbergrube und andere Erzählungen
Selma Lagerlöf

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Traum vom Tagelöhner

Vor etwa fünfzig, sechzig Jahren lebte ein Mann, der war Tagelöhner bei einem Gutsbesitzer, v. Dobberichsen. Aber welche Bewandtnis es mit ihm hatte, davon weiß ich eigentlich nichts. Nicht, ob er jung oder alt war, ob tüchtig oder untüchtig. Das wahrscheinlichste ist wohl, daß er es so hatte wie die meisten anderen seines Standes. Den lieben langen Tag ging er seiner Arbeit auf dem Gutshof nach, und wenn er abends heimkam, dann empfing ihn eine abgerackerte Frau und eine große schreiende Kinderschar.

Was für ein Gutsbesitzer v. Dobberichsen war, bei dem er diente, kann ich auch nicht sagen, ja ich weiß nicht einmal, wo sein Gut lag, und ob es groß oder klein war. Es wäre ja hübsch, wenn ich davon erzählen könnte, aber mit der Geschichte selbst hat es gar nichts zu tun. Auch hat es nichts zu bedeuten, daß ich nicht weiß, was für eine Art Mensch dieser Gutsbesitzer v. Dobberichsen war. Man kann sich ja immerhin denken, daß er ein Gutsherr vom alten Schrot und Korn war, der aus seinen Tagelöhnern soviel Arbeit herauspreßte, als möglich war, und ihnen nicht mehr zum Leben gab, als daß sie schlecht und recht ihr Dasein fristen konnten.

Nun geschah es aber eines Abends, daß dieser Mann, der Tagelöhner beim Gutsherrn v. Dobberichsen war, zu einer Gebetsversammlung in einen Bauernhof ging, um einen Laienprediger zu hören.

Was für ein Prediger dies nun sein mochte, kann ich auch nicht sagen. Vielleicht, daß er ein Wanderprediger war, von irgendeiner Missionsgesellschaft ausgesandt, vielleicht auch predigte er aus eigenem Antrieb. Aber man kann wohl davon ausgehen, daß er ein redlicher, glaubenseifriger Mann war, der sich freute, daß er für sein Teil der Seligkeit sicher sein konnte und darum so viele andere, als nur möglich, aus dem Sündenschlummer erwecken wollte. Und da er keinen besseren Weg kannte, seine Mitmenschen wachzurütteln, so sprach er den ganzen Abend lang von der Hölle und wie es dort zuging.

Sicherlich machte er seine Sache gut, so daß es mehrere Erweckungen und Bekehrungen gab. Aber dieser Mann, der Tagelöhner beim Gutsherrn v. Dobberichsen war, war nicht mit unter denen, über die die Gnade sich ergoß. Er hörte die ganze Zeit andächtig zu und glaubte jedes Wort, aber er hatte wohl nicht die rechte Gesinnung. Es kam zu keinem Ruf und keiner Auserwählung. Er fühlte nicht das kleinste bißchen Reue oder Lust, seine Sündenschuld abzuwerfen, und da dem so war, wurde es ihm klar, daß die Hölle ein Ort war, dem er für sein Teil nicht entrinnen konnte.

Als er nachts heimkehrte, ging er mit ein paar anderen Leuten, die auch Tagelöhner bei Dobberichsen waren, so wie er. Und es war ja natürlich, daß sie alle miteinander, wie sie da gingen, an den Prediger und den Vortrag dachten.

Aber ob es die Müdigkeit machte oder ob sie von der Predigt ergriffen waren, sicher ist, daß keiner von ihnen ein Wort sagte, bis der Mann, von dem ich eben erzählte, seinen bekümmerten Gedanken Luft machte und seine Stimme erhob und ihnen die Schlußfolgerung verkündete, zu der er gekommen war.

»Wenn einer all sein Lebtag Tagelöhner bei Dobberichsen gewesen ist und dann noch in die Hölle kommen soll, wenn er tot ist, dann hat einer nicht viel Freude daran gehabt, daß er auf die Welt gekommen ist.«

Alle die anderen horchten auf. Es kam ihnen vor, daß das merkwürdige Worte und wahre Worte waren, und daß der Kamerad gerade das ausgesprochen hatte, was sie selbst fühlten, während sie so müde und niedergeschlagen einhergingen.

Es standen vielleicht Mond und Sterne am Himmel und erleuchteten die Nacht, aber sie dachten gar nicht daran, die Blicke emporzurichten. Früher hatten sie vielleicht die leise Hoffnung gehegt, einmal dort oben im Sternensaal umhergehen zu können, aber nun wußten sie ja, daß sie von dieser Herrlichkeit ausgeschlossen waren.

Sie hätten sich ja gewünscht, daß sie ihre Sünden bereuen und in die Seligkeit eingehen könnten, aber wenn dies nicht anders geschehen konnte als durch Seufzen und Jammern nach Weiberart und dies ihnen unmöglich war, so bestand ja kein Zweifel, welches Schicksal sie erwartete.

Sie griffen die gesprochenen Worte auf und wiederholten sie. Ja, das war so wahr, als nur etwas wahr sein konnte. Wenn eins all sein Lebtag Tagelöhner bei Dobberichsen gewesen war! Ei freilich! Das war kein Spaß! Nur Plage und Arbeit das liebe lange Jahr! Keinen anderen Lohn als Lumpen und Hunger. Und dann obendrein nach alledem nichts anderes zu erwarten als die Hölle. Nein, da hatte man nicht viel Freude davon, daß man auf die Welt gekommen war.

Die Männer, die die Worte gehört hatten, waren so ergriffen davon, daß sie ihren Frauen daheim erzählten, und bald machten sie im Kirchspiel die Runde. Ob sie dem Gutsherrn v. Dobberichsen zu Ohren kamen, weiß ich nicht, aber sicher ist, daß sie sich über die ganze Provinz verbreiteten, ja durchs ganze Land. Man gebrauchte sie fast als ein Sprichwort, und wer eine schwere Arbeit und kargen Lohn hatte, der murmelte oftmals bei sich selbst: Wenn eins all sein Lebtag Tagelöhner bei Dobberichsen gewesen ist –

Auch ich bekam dieses Sprichwort zu hören, als ich ein Kind war. Und es muß mir als ein rechtes Kernwort erschienen sein, kräftig und gerade zur Sache, denn es prägte sich mir so tief ein, daß ich es bis zum heutigen Tage nicht vergessen konnte.

Ja, es gab mir auch allerlei zum Grübeln. Ich konnte mich nicht damit abfinden, daß dieser Tagelöhner bei Dobberichsen es so schlimm haben mußte. Sollte es denn keine Hoffnung für ihn geben?

Wenn er nicht bereuen und sich bekehren konnte, so konnte er doch auf andere Weise die Seligkeit erringen. Er hätte vielleicht einen Menschen vor dem Ertrinken bewahren oder jemanden aus einem brennenden Hause erretten können.

Aber so etwas, das waren ja gute Werke und Taten, und das durfte ja nicht gelten.

Manchmal dachte ich mir aus, daß er vielleicht eine Tochter gehabt hatte, die sich reich verheiratete, und daß er auf seine alten Tage zu ihr kam und es gut hatte. Ich konnte es nicht ertragen, daß ein Menschenleben so armselig und freudlos verlaufen sollte, in dieser Welt und in der künftigen.

Aber wie ich mich auch mühte, ich konnte mit dem Mann nicht fertig werden. Ihm ein paar Glückstage hier auf Erden zu geben, war nicht genug. Und wie ich ihn in die Seligkeit hineinbringen sollte, das konnte ich nicht begreifen.

Es war doch nicht gerecht, daß er in die Hölle kommen sollte. Dahin gehören ja die großen Missetäter, aber nicht brave, harmlose Leute wie er.

Nun ja, wie dem auch sein mochte, ich kam in der Sache nie zu rechter Klarheit. Und wie die Jahre gingen, hatten sich meine Gedanken mit anderem zu beschäftigen. Aber ich vergaß doch den Tagelöhner bei Dobberichsen nicht ganz. Bis in die letzte Zeit konnte ich mich darauf ertappen, daß ich dasaß und nachgrübelte, ob er nicht doch auf irgendeine Weise die Seligkeit erlangen konnte.

Nun, heuer in der letzten Nacht des Jahres träumte mir von ihm.

Ich träumte, daß ich über eine breite Landstraße wanderte, und neben mir ging ein langer, magerer Mann. Und im selben Augenblick, in dem ich den Mann sah, wußte ich, daß es der Tagelöhner bei Dobberichsen war. Ich wußte auch, daß er in derselben Nacht gestorben war und nun auf dem Weg in den Himmel war, um vor dem lieben Gott zu stehen und den Urteilsspruch, Seligkeit oder Unseligkeit, zu hören.

Da wurde ich ganz unbändig froh, daß ich ihn getroffen hatte. Nun endlich sollte ich erfahren, wie es ihm in der anderen Welt ergehen würde.

Freilich nahm es mich ein wenig wunder, daß er bis jetzt auf Erden gelebt hatte, aber das focht mich weiter nicht an. Die Hauptsache war ja doch, daß ich jetzt ordentlichen Bescheid bekommen würde.

Gleich darauf waren wir an der Pforte des Himmelreichs. Eigentlich war es ja gar kein Himmelreich, sondern es war das große, einstöckige Wohnhaus des Pfarrhofs Sunne, das wir vor uns sahen. Aber das störte uns nicht im geringsten; der Tagelöhner und ich, wir fanden beide, daß es ganz so war, wie es sein sollte.

Wir brauchten nicht lange zu warten, im nächsten Augenblick standen wir vor dem lieben Gott. Das heißt, es war nicht gerade der liebe Gott, sondern es war der alte Propst Werner in Sunne, der an seinem großen Schreibtisch saß und uns musterte. Ich erkannte sein großes, breites Gesicht mit dem schwarzen Backenbart, der es noch breiter machte, aber das bedeutete nichts, denn es war ja auf jeden Fall doch der liebe Gott.

Gerade rechts vom Schreibtisch war eine Tür, und ich wußte, daß man durch sie in den großen Pfarrhofsalon kam. Und zugleich begriff ich, daß sich dort drinnen jene aufhielten, denen die Seligkeit zugesprochen war.

Während ich noch so stand und die Tür anstarrte, hatte der liebe Gott den Mann gefragt, wie er heiße und wo er zuständig sei, und dann schlug er ihn in dem großen Katechisationsbuch nach. Er sah nach, was da über ihn vermerkt stand, und dann wies er, ohne eine einzige Frage zu stellen, auf die Salontüre.

»Bitte sehr,« sagte er zu dem Manne, der Taglöhner bei Dobberichsen gewesen war.

Der Mann näherte sich ganz gemächlich der Türe, aber nun konnte ich nicht länger an mich halten.

»Es wird doch wohl kein Irrtum sein,« sagte ich gerade im selben Augenblick, in dem der Tagelöhner die Hand auf die Türklinke legte.

»Wie das?« sagte der liebe Gott und blinzelte mit den Augen. Genau so pflegte Propst Werner dazusitzen und zu blinzeln, wenn er darauf wartete, daß man ihm mit einer dummen Frage kommen würde.

»Nun ja,« sagte ich, »ich meine nur, ob er sich denn die Seligkeit auch recht verdient hat.«

»Ach du liebe Zeit,« sagte unser Herrgott, »er sollte sich die Seligkeit nicht verdient haben? Hat er doch jeden Tag gearbeitet von der frühesten Kindheit bis ins hohe Alter.«

»Aber darf denn das zählen?« fragte ich, denn das war mir nie eingefallen.

»Gewiß darf das zählen,« sagte der liebe Gott. »Das zählt mehr als alles andere.«

Und damit stand er selbst auf und öffnete dem Mann, der Tagelöhner beim Gutsherrn Dobberichsen gewesen war, die Türe.

Aber ich, ich wurde so froh, daß ich erwachte.

Während ich so halbwach dalag, spürte ich, wie eine große Freude mein ganzes Wesen erfüllte, und einmal ums andere sagte ich zu mir selbst: »Nein, daß das zählen darf! Nein, daß dies, daß man gearbeitet hat, einem die Pforten der Seligkeit aufschließt.«

Das war etwas so Großes, das eröffnete unendliche Weiten der Hoffnung. »Nein, daß es etwas Heiliges war, zu arbeiten! Richtige Grobarbeit wurde bei unserem Herrgott in Ehren gehalten, und andere Arbeit vielleicht auch.«

Im selben Augenblick fiel mir ein, daß es Neujahrsmorgen war.

»Jetzt habe ich so geträumt, daß ich den ganzen Tag froh sein kann, ja das ganze Jahr,« flüsterte ich für mich selbst, während das Glück, das unbeschreibliche Glück, eine Arbeit zu haben, die ich vollbringen und lieben konnte, mich erfüllte.

 


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