Selma Lagerlöf
Die Silbergrube und andere Erzählungen
Selma Lagerlöf

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Ein Emigrant

Wohl in dem Vorgefühl von all dem Trüben und Schweren, das er um ihretwillen erdulden sollte, mochte der Knabe die Puppe gar nicht ansehen, als er sie am Weihnachtsabend bekam. Er sagte gerade heraus, er wolle nicht mit Puppen spielen, er, der doch ein Junge war. Die Mutter hatte ihn gefragt, ob sie die Puppe auf den Boden tragen oder sie dem kleinen Mädchen des Droschkenkutschers schenken solle, das er nicht leiden konnte, und sogar dazu hatte er ja gesagt. Es war ihm ganz gleichgültig, was aus dieser abscheulichen Puppe wurde.

Aber was nun auch der Grund sein mochte, die Puppe wurde doch nicht zum Droschkenkutscher getragen, sondern fand sich noch am Weihnachtsmorgen in der Wohnung vor. Der Knabe war dadurch erwacht, daß die Mutter aufstand und sich ankleidete, um zur Weihnachtsmette zu gehen, und er hatte ein bißchen gejammert, daß er allein zu Hause liegenbleiben sollte.

»Du bist doch nicht allein,« hatte die Mutter gesagt. »Jetzt hast du doch jemanden, der dir Gesellschaft leisten kann.«

Damit hatte die Mutter die große Fleckchenpuppe genommen, sie auf einen Stuhl an den Tisch gesetzt und sie mit einer brennenden Lampe davor zurückgelassen. Es sollte hell im Zimmer sein, damit der Kleine sah, daß jemand da war, der über ihn wachte, und er die ganze Zeit, da die Mutter weg war, ruhig schlafen konnte.

Der Knabe wollte der Mutter nicht sagen, wie kindisch ihm das alles vorkam. Er hätte gern gewußt, ob sie denn vergessen hatte, daß sie einen Jungen zum Kind hatte, nicht ein Mädel. Er ließ sie jedoch gehen, ohne weitere Einwände zu erheben, denn es war ihm ganz recht, unter vier Augen mit der Puppe zu bleiben. Wenn sie nur erst allein waren, dann würde sie schon nicht allzulange an dem Tisch unter der Lampe sitzenbleiben. Sie würde schon auf ihren rechten Platz kommen, darauf konnte sie sich verlassen.

Als die Mutter in der Türe stand, im Begriffe zu gehen, sagte sie noch: »Du kannst Laban hier fragen, wie es in der Weihnachtsnacht zuging, als Jesus geboren wurde. Du glaubst gar nicht, wieviel er von allem weiß, was sich einmal in der Welt zugetragen hat.«

Nein, das ging doch über den Spaß. Die dumme Puppe dort am Tisch! Die Mutter wurde wohl bald ebenso einfältig wie die Puppe selbst.

Aber es war merkwürdig. Wie er am Weihnachtsmorgen da lag und die Puppe anguckte und sich dachte, daß das wohl die letzte war, die ihm etwas erzählen konnte, gleichviel was, merkte er, daß sie plötzlich eine andere geworden war.

Sie war doch früher als ein Matrose kostümiert gewesen, mit weiter Bluse, weißen langen Hosen und einer schirmlosen Mütze, auf der ihr Name »Laban« mit rotem Wollgarn gestickt war, aber so sah sie jetzt nicht mehr aus. Sie hatte sich ganz plötzlich in einen der Hirten verwandelt, die in derselbigen Nacht, in der Jesus geboren ward, über die Flur gingen und die Schafe hüteten. Er hörte auch die Engel in der Luft über dem Kopf der Puppe singen, und er sah, wie sie sich aufrichtete, um zu sehen, was für merkwürdige Vögel durch die dunkle Nacht flogen.

Alles war genau so, wie er es die Mutter am Abend vorher erzählen gehört hatte, nur mit dem Unterschied, daß er jetzt alles vor sich sah, ganz so, wie es geschehen war. Es war Nacht, und es waren Engel, und es waren lebende Schafe. Das war etwas anderes, als nur davon erzählen zu hören.

Der Junge war damals erst drei Jahre alt. Und deshalb konnte er wohl nichts von dem, was die Puppe und er an jenem Morgen zusammen gesehen hatten, in seiner Erinnerung bewahren. Daß sie auch nach Bethlehem gegangen waren und das Jesuskind gesehen hatten, glaubte er wohl, aber er konnte sich nicht recht entsinnen, wie es zugegangen war. Es war ihm wieder ganz entschwunden.

Das einzige, was er von diesem Weihnachtsmorgen-Abenteuer noch wußte, war, daß, als die Mutter heimkam, die Puppe in seinen Armen gelegen und geschlafen hatte. Die Mutter hatte gleich gemerkt, daß die Puppe nicht mehr am Tische saß, und sie hatte sich ein bißchen mißtrauisch umgesehen, nach dem Kachelofen und der nächsten Kellerluke geguckt, aber schließlich hatte sie entdeckt, daß der Knabe den Matrosen mit ins Bett genommen hatte.

Und sie war sehr froh gewesen, als sie dies gemerkt hatte. Denn sie wußte nun, daß der Kleine einen Freund gefunden hatte, der ihm über viele einsame Stunden und viele Sorgen hinweghelfen würde.

Mit der Zeit entdeckte der Knabe immer mehr und mehr gute Eigenschaften an der Puppe. Er sagte ganz ernsthaft zur Mutter, wie um ein großes Unrecht gutzumachen, daß er, bevor er Laban hatte, gar nicht gewußt hatte, wozu Puppen gut seien. Er hatte geglaubt, sie seien nur für kleine Mädchen zu brauchen, die ihnen Kleider nähten und ihnen diese Kleider an- und wieder auszogen.

»Aber jetzt denkst du anders von ihnen?« fragte die Mutter und lächelte ihm zu.

Ja gewiß, jetzt begriff er, daß Kinder Puppen so liebhatten, weil sie sich verwandeln konnten.

Und verwandelt hatte sie sich wirklich, diese Puppe. Sie war ein König gewesen und hatte mit einer Krone auf dem Kopfe dagesessen, und sie war das kleine Mädchen des Droschkenkutschers gewesen und hatte mit piepsender Kinderstimme gesprochen. Sie hatte vor gar niemandem Respekt. Sie war Mutter selbst gewesen, wie sie da hinter ihrem Ladentisch stand und Äpfel und Apfelsinen verkaufte, und sie war all die Frauen und Dienstmädchen gewesen, die in den Keller kamen, um einzukaufen.

Was hatten sie damals für gute Tage im Obstkeller gehabt, er und die Puppe! Sie hatten einen kleinen Schlupfwinkel ganz für sich allein, unter dem Ladentisch, an dem die Mutter stand und Obst und Gemüse verkaufte, ein eigenes kleines Stübchen mit zwei kleinen Schemeln, auf denen sie einander gegenübersaßen und im Flüsterton Gespräche führten, während man über ihren Köpfen kaufte und verkaufte. Der Knabe war früher wütend auf all die gewesen, die in den Kellerladen kamen und ihm seine Mutter wegnahmen. Aber jetzt waren sie ihm ganz willkommen, denn die Puppe verstand es, wie gesagt, sich in sie alle zu verwandeln. Sie ahmte ihre Stimme nach, und sie ging mit ihnen nach Hause und erzählte dann, was der Mann zu der Suppe gesagt hatte, die die Frau von den Kohlblättern und den Pastinaken aus Frau Hernquists Keller gekocht hatte.

Viele von denen, die im Laden aus und ein gingen, pflegten zu sagen, es wäre merkwürdig, zuzuhören, wie der Knabe die Puppe sprechen und antworten ließ. Daraus sah er, daß sie gar nichts von solchen Dingen verstanden, denn es war doch gewiß nicht er, sondern die Puppe, die sich das alles ausdachte. Er suchte wohl den Leuten begreiflich zu machen, wie es sich verhielt, aber nach einigen vergeblichen Versuchen merkte er, daß das ganz unmöglich war.

Die allerschönste der guten Eigenschaften der Puppe kam doch erst zutage, als er anfing, in die Schule zu gehen. Nach dem ersten Vormittag in der Schule war er recht mutlos nach Hause gekommen. Es war doch viel schwerer gewesen, die ersten Buchstaben zu lernen, als er sich vorgestellt hatte. Er hatte sich auf den Ladentisch zur Mutter gesetzt, damit sie ihm helfe, aber es war darum nicht besser gegangen.

»Willst du dich nicht zu Laban setzen und dir von ihm das Lesen beibringen lassen?« hatte die Mutter gefragt, aber der Knabe war unschlüssig gewesen, er konnte doch nicht glauben, daß Laban zum Schulmeister taugte.

»Ja, du kannst sicher sein, daß er dazu taugt,« sagte die Mutter. »Er war in all den Jahren, die ich in die Schule ging, mein Lehrer, und ich hatte immer die besten Zeugnisse. Man sprach sogar mit meinem Vater davon, mich Lehrerin werden zu lassen, so fix war ich.«

Als die Mutter dies gesagt hatte, kroch der Knabe unter den Ladentisch zu Laban, der dort auf seinem Schemel saß, und die Mutter gab ihnen ein kleines Kerzenstümpfchen, das sie zwischen sich stellen durften, damit sie die Buchstaben sahen.

»Lehre du ihn jetzt zuerst, dann lehrt er dich,« sagte die Mutter. Man hörte es, daß sie in der Sache zu Hause war.

An diesem Abend bekam der Knabe eine noch höhere Meinung von Laban als früher. Denn seht ihr, die Puppe lernte sofort die Buchstaben. Sie brauchte die Aufgabe nur ein einziges Mal zu hören, dann saß sie ihr so fest im Kopfe, daß man das Licht auslöschen konnte, und sie sagte die ganze Geschichte von vorne nach rückwärts und von rückwärts nach vorne her, ohne auch nur einen einzigen Fehler zu machen.

»Ja, dacht ich mir's nicht, daß Laban dir helfen würde,« sagte die Mutter. »Denke jetzt nur morgen in der Schule an ihn, dann wirst du schon die ganze Aufgabe können.«

Als der Knabe am nächsten Tag in die Schule kam, war er doch sehr ängstlich, weil er glaubte, daß Laban und nicht er die Buchstaben gelernt hatte. Aber als er antworten sollte, hielt er die Gedanken ganz fest auf Laban gerichtet. »So hätte er gesagt,« dachte er. Und er antwortete so gut, daß er von der Lehrerin gelobt wurde. Aber das machte ihm große Sorgen. Er wollte nicht dastehen und ein Lob ernten, das er nicht verdient hatte. Das wäre doch unrecht gegen die andern Kinder gewesen, die keine solche Puppe hatten wie er. Und schließlich sagte er auch der Lehrerin, wer es war, der die Aufgabe gelernt hatte. Er hatte erwartet, daß sie doch wenigstens verstehen würde, wie es sich mit dieser Puppe verhielt, aber sie lachte ihn nur aus, so daß er das nächste Mal nichts anderes tun konnte, als ihr Lob schweigend entgegenzunehmen.

Die gute Zeit für ihn und die Puppe, die dauerte eigentlich so lange, als er in die Volksschule ging. Immer war es die kluge Puppe, die arbeitete, und der Knabe hatte herrliche, freie Tage ohne alle Mühe und Plage. Nichts veränderte sich, außer daß er eines schönen Tages nicht mehr unter dem Ladentisch Platz fand, und da zogen Laban und er in einen Verschlag hinter dem Kellerladen. Da war ganz hoch oben in der Wand eine Luke, und darunter stellte die Mutter einen Tisch und einen alten Lehnstuhl, der so groß war, daß sie beide darin Platz fanden, er und die Puppe, und da saßen sie nun nebeneinander und lernten die Aufgaben.

Aber was der Kameradschaft ein Ende zu machen drohte, war, daß die Mutter beschloß, den Knaben ins Gymnasium zu schicken.

Seht ihr, man hatte ja schon lange, ja eigentlich seit der Weihnacht, da er die Puppe bekam, davon gesprochen, daß es etwas Merkwürdiges um diesen Knaben war. Die Leute, die mit ihm im Obstkeller plauderten, konnten nicht genug von den lustigen Antworten erzählen, die er ihnen gegeben hatte. Und die Lehrerin in der Volksschule, die konnte sich vor Staunen gar nicht fassen und erinnerte sich nicht, je ein so begabtes Kind gehabt zu haben. Und alle diese, die die große Begabung, die sich im Obstkeller verbarg, mit entdeckt hatten, lagen der Mutter unaufhörlich in den Ohren, den Sohn doch ins Gymnasium zu schicken.

Ihr ging es sehr gegen den Strich. Einerseits wollte sie aus ihrem Sohn kein Herrschaftskind machen, das sich ihr entfremdete, wenn es heranwuchs, und andererseits brauchte sie den Jungen sobald als möglich zur Hilfe im Geschäft. Aber sie wollte ja kein Unrecht gegen ihr eigenes Kind begehen, und da alle von den großen Anlagen sprachen, die erst in einer solchen höheren Lehranstalt zu ihrer rechten Entfaltung kommen konnten, entschloß sie sich endlich zu diesem Schritt.

Nun kann man sich denken, daß die Kameradschaft mit der Puppe nicht mehr so leicht war. Kaum war der Knabe in die erste Klasse gekommen, als die übrigen Schuljungen ihn damit aufzuziehen begannen. Er kämpfte viele Schlachten für sie aus. Und das ging ja an, solange er sie mit den Fäusten verteidigen konnte. Aber es sollten Angriffe kommen, die er nicht auf diese Art zurückschlagen konnte.

Dabei mußte man ja sagen, daß es ihm in der Schule vortrefflich ging. Und dieselbe wunderliche Art, seine Aufgaben zu lernen, hatte er noch beibehalten. Konnte er sich nur einbilden, daß es die Puppe war, die lernte, nicht er, kostete es ihm nicht die geringste Mühe, zu lernen, was es auch sein mochte.

Aber als er in die zweite Klasse kam, erzählte ihm die Mutter eines Tages, daß es Leute gäbe, die sagten, es könnte doch nie ein rechter Mann aus ihm werden, der noch als Zehnjähriger mit Puppen spielte. Andere Knaben pflegten sich nicht so zu benehmen.

Das waren Worte, die sich in sein Herz eingruben. Gegen die konnte er keinen gewappneten Widerstand anwenden. Er machte auch schon am selben Tag einen Versuch, sich der Puppe zu entledigen. Er trug sie auf den Dachboden, aber schon nach ein paar Stunden trug er sie wieder hinab. Er kam mit seinen Aufgaben nicht vom Fleck, wenn er die Puppe nicht neben sich hatte.

Und nun kamen zwei harte Jahre für ihn und die Puppe. Die Leute wollten sie nicht in Frieden lassen.

Ein so vielversprechender Junge, sagte man von ihm, es ist doch wirklich jammerschade, daß er diese lächerliche Gewohnheit hat, noch in seinem Alter mit Puppen zu spielen.

Und die Mutter, die hielt ihn beinahe für einen verlorenen Sohn – nur dieser Puppe wegen. Sie bekam auch mehr von all den Neckereien und Witzen über ihn und die Puppe zu hören als er selbst. Manchmal glaubte der Knabe, daß sie und ihre Bekannten es sich nicht so sehr zu Herzen genommen hätten, wenn er zu trinken oder zu rauchen angefangen hätte, denn das war doch eine Sache, die andere Knaben auch taten. Aber daß ein Junge, der schon zwölf Jahre alt war, seine Puppe behielt, so etwas hatte man noch nie gehört.

Als nun sein dreizehnter Geburtstag herankam, sagte er sich jedoch, daß nun die Grenze erreicht war. Jetzt mußte er die Puppe aufgeben, wenn er die Achtung der Menschen nicht ganz einbüßen wollte. Jetzt riefen ihm die gleichaltrigen Knaben zu, er solle doch lieber mit kleinen Mädeln spielen, er, der noch seine Puppe hatte, und die Mädchen, die steckten die Köpfe zusammen und kicherten, sobald sie ihn nur sahen.

Ja, die Puppe sollte also aus dem Hause, das war eine ausgemachte Sache. Aber da war noch etwas anderes, über das man nicht so leicht ins klare kommen konnte. Nämlich die Frage, wohin die Puppe sich begeben sollte. Es hatte keinen Sinn, es noch einmal mit dem Boden zu probieren, denn er wußte schon im vorhinein, wie das ausgehen würde. Auch konnte er sich nicht entschließen, die Puppe irgendeinem Kind, das er kannte, zu schenken, denn er vermochte sich nicht in den Gedanken zu finden, daß irgend jemand seiner Bekannten sie, die ihm so lieb war, besitzen sollte.

Er wußte ja, was der beste Ausweg war, aber er mußte ein paar Tage mit sich kämpfen, bevor er sich dazu entschließen konnte. Die Puppe erhob keine Einwände, aber der Knabe war es, der sich nicht überwinden konnte, diesen äußersten Schritt zu tun.

Es sah aus, als sollte nichts aus der Trennung werden, und es wäre wohl auch nicht dazu gekommen, wenn die Puppe selbst sich nicht in die Sache gemischt hätte. Die machte eines Abends ein ganz beleidigtes Gesicht und ließ ihn wissen, daß sie ihm nach all den guten Jahren, die sie miteinander gehabt hatten, nicht zum Schaden gereichen wollte; und wenn der Knabe sich nicht entschließen konnte, sie ziehen zu lassen, so würde sie schon einen andern zu finden wissen, der ihr forthelfen wollte.

Da war der Junge nun auch beleidigt und versprach, daß er Ernst in der Sache machen würde. »Ich werde schon dafür sorgen, daß du irgendwohin kommst, von wo du nie zurückkommen kannst,« sagte er.

Am nächsten Tage stand er ganz früh auf, rollte die Puppe in ein großes Zeitungspapier und ging mit dem Paket unter dem Arm auf die Straße. Zuerst begab er sich zu einem Platz, wo man eben den Grund zu einem Hause sprengte, und da hob er einen großen Stein auf, den er in der Hand behielt. Dann lenkte er seine Schritte zu einem der großen Kanäle in der Nähe des Hafens.

Es war ein wunderbar schöner Morgen, in den er hinaustrat. Er erinnerte sich nicht, je etwas Ähnliches erlebt zu haben. Es war die mildeste Frühlingsluft, voll Duft und Würze, lichtes Grün auf den Bäumen und leichte Frühlingswölkchen am Himmel. Auch sah er eine Menschenschar nach der andern aus den Häusern kommen und zum Hafen hinuntergehen. Sie waren in Reisekleidung und hatten Eßkörbe, Plaids, Feldstecher und Tennisschläger mit. Sie wollten bei diesem herrlichen Frühlingswetter Ausflüge nach den Villen- und Badeorten machen.

Wie froh und glücklich sie alle miteinander zu sein schienen. Der Knabe wünschte, er wäre einer von ihnen gewesen.

Da glaubte er zu hören, wie der alte Freund, den er in dem Pakete hatte, ihm eine letzte Ermahnung gab: »Kümmere dich nicht um sie,« sagte er. »Du kannst sicher sein, daß sie auch ihre Sorgen haben, sie gerade so gut wie wir alle.«

»Da kannst du wohl recht haben,« sagte der Knabe, »aber ich glaube doch nicht, daß einer von ihnen es so schwer hat wie ich. Oder hältst du es für möglich, daß ein einziger von ihnen auf dem Wege ist, seinen besten Freund zu ertränken, so wie jetzt ich?«

Endlich waren sie am Ziel ihrer traurigen Wanderung angelangt, und der Knabe blieb auf dem Kai des Hafenkanals stehen. Da legte er die Puppe auf den Boden, wickelte sie aus der Umhüllung und begann, ihr eine Spagatschnur um den Hals zu knüpfen.

Im nächsten Augenblick sollte die Puppe also auf dem Kanalgrunde liegen, zwischen Leichen von jungen Hunden und Katzen, und das schmutzige, gelbgrüne Kanalwasser sollte über sie hinfließen. Das war also der Lohn, der ihr für all ihre Treue und alle ihre Dienste zuteil werden sollte.

Plötzlich hörte der Knabe auf, die Schnur zu knüpfen. Er schleuderte den mitgebrachten Stein in den Kanal, aber ohne die Puppe. »Nein, das ist unmöglich,« sagte er. »Das geht nicht. In so gräßlicher Weise kann ich mich deiner nicht entledigen, Laban.«

Er stand da und starrte recht ratlos vor sich hin. Mit den Blicken folgte er neuen Gruppen von Lustreisenden, die zum Meere hinunterwanderten.

Während er ihnen so nachsah, kam der Puppe plötzlich eine Idee. »Wir sind doch rechte Esel gewesen, du und ich, Fritz,« sagte sie, »daß uns etwas so Einfaches nicht früher eingefallen ist. Du hast wohl schon ganz vergessen, wie es im alten Griechenland zuging? Wenn sie ihre guten und edlen Mitbürger nicht im Lande behalten wollten, so fiel es ihnen doch nicht ein, sie zu töten, sondern sie sandten sie in die Verbannung.«

»Nein, was bist du doch für ein Meister, du Laban,« rief der Knabe. »Ich verstehe schon, was du meinst. Ja, in dieser Weise kann ich mich doch eher von dir trennen.«

Er fand den Gedanken so vortrefflich, daß er sich für den Augenblick fast über die Trennung getröstet fühlte. In aller Eile hüllte er die Puppe wieder in die Zeitung und ging hinter ein paar Reisenden her, die auf dem Wege zum Hafen waren. Es war eine ganze Familie: Mann, Frau und eine große Kinderschar.

»Vielleicht wird eines dieser Kinder Beschlag auf dich legen, Laban,« sagte er.

Im selben Augenblick sah er den Hafen, wo ein großes weißes Schiff dalag und seinen Dampf in die Luft stieße Es hieß »Oskar Dickson«, und er wußte, daß es zwischen Gothenburg und Christiania hin und her fuhr und unterwegs an einer ganzen Menge von Orten anlegte.

Er eilte hinunter und sprang an Bord. Niemand hinderte ihn. Man glaubte, daß er einem der Passagiere noch ein Paket zu bringen hatte. Unten im Achtersalon nahm er die Puppe wieder aus der Zeitung und setzte sie auf eines der roten Plüschsofas. Er knipste noch ein paar Stäubchen von der Bluse und setzte die Mütze richtig auf.

»Wenn wir gewußt hätten, daß du eine so lange Reise antreten mußt, hätten wir schon dafür gesorgt, Mutter und ich, daß du etwas Neues zum Anziehen hast. Aber das ist ja einerlei. Du bist doch auf jeden Fall die allerbeste aller Puppen, die es in der Welt gibt. Und es kommt sicher bald jemand, der sich deiner annimmt. Glückliche Reise! Adieu! Adieu!«

Er wagte es nicht, den Abschied noch zu verlängern, sondern sprang auf das Verdeck. Er war gar nicht ängstlich, wie es der Puppe ergehen würde. Er zweifelte keinen Augenblick, daß, sobald eines der Kinder, die sich an Bord des Dampfschiffes befanden, die Puppe erblickte, es auch ihre guten und großen Eigenschaften entdecken und eine solche Liebe zu ihr fassen würde, daß es gar nicht anders konnte, als sie mit nach Hause zu nehmen.

Er glaubte triftigeren Grund zur Angst für sich selbst zu haben, denn es war sehr ungewiß, wie es ihm nun ergehen würde, wenn er diesen klugen Freund, der ihm raten und helfen konnte, nicht mehr hatte.

Kaum war er wieder auf festem Lande, als er sich nach der Puppe zu sehnen begann und bereute, daß er sie von sich gelassen hatte. Es wäre besser gewesen, alle Sticheleien zu ertragen, als einen solchen Schatz hinzugeben. Aber er kehrte doch nicht um, um die Puppe wiederzuholen. Ein so ängstliches Gefühl hatte man wohl immer, wenn jemand, den man liebhatte, fortreiste. In ein paar Stunden würde es sich schon geben.

Aber wie er so nach Hause ging, verfolgte ihn das Gefühl, daß er etwas Wertvolles und Großes hingegeben hatte, und das wollte nicht weichen, im Gegenteil, es wuchs und wurde zu einem heftigen Groll gegen all jene, die die Puppe nicht hatten in Frieden lassen wollen. Als er später am Vormittag in die Schule kam, bereitete es ihm eine Art von Genuß, zu fühlen, daß er so stumpf war, daß er keine einzige Frage richtig beantworten konnte. Ja, seht nur, wie es geht, dachte er. Hättet ihr mich nicht meine Puppe behalten lassen können?

Es war gewiß ein großes Unrecht, das man gegen ihn begangen hatte. Er konnte sich daheim ebensowenig zurechtfinden wie in der Schule. Den kleinen Verschlag, wo die Puppe und er sich so wohlgefühlt hatten, fand er jetzt so dunkel und armselig, daß er es darinnen nicht aushalten konnte. Er mußte seine Zuflucht zur Gasse nehmen, und da trieb er sich den ganzen Abend herum, ohne zu lernen oder zu rechnen. »Ja, seht nur,« sagte er wieder, »so wird es alle Tage gehen. Warum ließ man mich nicht den Gefährten behalten, der es mir zu Hause so schön machte?«

Die ganze Woche verging, ohne daß der Knabe in bessere Laune kam. Die Mutter tat, was sie konnte, um ihn aufzumuntern, aber mit geringem Erfolg. Gegen sie war er noch unfreundlicher als gegen die andern, denn er fand, daß wenigstens sie, die ihm doch selbst die Puppe gegeben hatte, auch ihre Partei hätte nehmen müssen und nicht zulassen durfte, daß er sich ihrer entledigte.

Er hatte die größte Lust, zum Hafen hinunterzugehen, aber er kämpfte mit aller Macht dagegen an und lenkte seine Schritte nie nach dieser Richtung. Die Puppe war ja dahin und verloren, das wußte er. Es wäre nur so gewesen, wie wenn man ein Messer in einer Wunde herumdreht, wenn er dort hinuntergegangen wäre und sich den »Oskar Dickson« und das leere Plüschsofa im Dampfschiffsalon angesehen hätte.

Gegen Ende der Woche hatte der Knabe wohl die ärgste Bitterkeit gegen die Mutter überwunden und sich wieder etwas freundlicher gegen sie gezeigt, so daß sie eines Nachmittags den Mut faßte, ihn zu bitten, zum Hafen hinunterzugehen und ihr ein paar Bund Spargel zu holen, die sie mit einem Schärenboot erwartete.

Der Knabe wurde zuerst rot und dann blaß, als sie ihn darum ersuchte. Zuerst wollte er ein schroffes Nein zur Antwort geben, aber dann stieg eine so starke Sehnsucht in ihm auf, wieder dort hinunterzukommen, daß er nicht dagegen ankämpfen konnte. Nun meinetwegen, dachte er, Mutter will es ja selbst. Er fühlte wohl, daß in ihm eine Hoffnung war, die nur auf die Gelegenheit lauerte, an Bord des Dampfschiffes zu kommen und nachzusehen, wie es dort stand. Aber er unterdrückte sie mit der unwiderleglichen Behauptung, daß eine solche Puppe wie Laban nicht so viele Tage ohne Besitzer hatte bleiben können. Es war nicht anders möglich, jemand hatte sie sich angeeignet.

Aber als er nun mit seinem Korb in der Hand zum Hafen hinunterkam, war das erste, was seinen Blicken begegnete, der Dampfer »Oskar Dickson«. Er schien soeben angekommen zu sein, denn der Landungssteg war gerade ausgelegt, und die Passagiere begannen ans Land zu strömen.

»Du bist doch das größte Rindvieh auf Gottes Erdboden,« sagte der Junge zu sich selbst. Aber in der nächsten Sekunde drängte er sich doch über den Landungssteg. »Es hat doch gar keinen Zweck, das weißt du doch,« sagte er wieder, aber er lief doch über das Verdeck, »nein, darin liegt doch nicht die geringste Vernunft,« fuhr er fort, während er die Treppe hinuntereilte und in den Salon guckte.

Aber es war wohl doch nicht so ganz ohne Vernunft, denn wer saß ganz oben in der Ecke des plüschbezogenen Sofas, wenn nicht seine eigene, heißgeliebte Puppe?

Der Knabe wollte seinen Augen nicht trauen. Konnte das wirklich sein eigener Laban sein, der da saß? Ja, er war es ja doch, das fühlte er schon daran, daß sein Herz einen heftigen Sprung machte und dann wieder auf seinen rechten Platz kam. Im selben Augenblick begriff er auch, warum ihm die ganze Zeit, die die Puppe fortgewesen war, so schrecklich zumute gewesen war. Das war das Herz, das nicht am rechten Fleck gewesen war. Aber jetzt mit einem Male, wie er nur die Puppe erblickt hatte, war alles wieder ganz gut.

Mit zwei Sätzen hatte der Knabe die Puppe erreicht. Er machte nicht viel Federlesens mit ihr, er stopfte sie nur in seinen Korb und knüllte sie zusammen, so daß er den Deckel zubrachte. Und dann ging es mit ihnen beiden heimwärts.

Auf dem ganzen Wege lachte er in sich hinein und trällerte, er konnte es nicht lassen. Ja, so war es wohl Menschen zumute, wenn sie sagten, daß sie glücklich wären, der Knabe hätte nie geglaubt, daß das so hübsch sein könnte.

Er freute sich sogar, daß er die Puppe ausgesetzt hatte, denn wenn er nicht die ganze Woche lang von ihr getrennt gewesen wäre, hätte er ja auch die große Freude des Wiedersehens nie kennengelernt.

Als er durch den Kellerladen ging, eilte er nicht stumm und mürrisch an den Kunden vorbei wie in letzter Zeit, sondern er stellte seinen Korb nieder, legte der dicksten Madam den Arm um den Leib und küßte sie.

Das war nur als eine kleine Freundlichkeit gemeint, und wenn auch die Dicke und die andern nach ihm schlugen, so nahmen sie es doch auch für nichts anderes. »Ja, jetzt ist er wieder guter Laune,« sagten sie. »Wir wußten ja, daß er nicht sein Leben lang wegen einer Fleckchenpuppe den Kopf hängen lassen würde.«

Der Knabe hielt sich nicht auf, um ihnen zu erklären, was ihn so verändert hatte. Er nahm den Korb in seinen Verschlag mit, packte die Puppe aus und setzte sie mit großer Feierlichkeit in dem Stuhl zurecht. Und zugleich nahm alles um ihn sein gutes, vertrautes Aussehen wieder an. Es war die Puppe, die all das Behagen und die Traulichkeit mitbrachte.

»Du machst dir wohl gar nichts daraus, wieder zu Hause zu sein, Laban?« sagte der Junge. »Du hattest es wohl auf dem Dampfschiff ebenso gut?«

Er plauderte in einem fort. Die Puppe mußte hören, wie elend er es gehabt hatte und wie schlecht es mit dem Lernen gegangen war. Von Zeit zu Zeit unterbrach er seine Klageweisen und neckte die Puppe, weil gar niemand Beschlag auf sie gelegt hatte.

Er wartete keine Antwort ab, sondern ging gleich zu etwas anderem über. »Weißt du was?« sagte er, »jetzt, wo ich dich wiederhabe, halte ich es nicht aus, so träge und dickschädlig zu sein, wie ich die ganze Woche war. Wir müssen uns jetzt ordentlich hineinlegen, damit ich die Kameraden einhole.«

Es kam ein solcher Arbeitseifer über ihn, daß er schon in der nächsten Minute mit dem Kopf über ein Buch gebeugt dasaß. Und das war wahrlich nur ein Vergnügen, jetzt, wo Laban neben ihm saß. »Erinnerst du dich an dies und an das?« fragte er die Puppe. »Kannst du mir dieses Problem lösen?« Und es ging alles wie im Spiel. Die Puppe durchschaute sofort die allerverwickeltsten Aufgaben. Das Ganze war eitel Lust und Freude.

Nach einiger Zeit konnte er sich das Vergnügen nicht versagen, die Puppe wieder ein bißchen zu necken.

»Denk mal, daß dich gar niemand haben wollte, Laban! Denke, daß du die ganze Woche allein in der Sofaecke sitzengeblieben bist! Das hättest du wohl nie gedacht?«

Während er so mit der Puppe scherzte, sah er etwas aus ihrer Bluse, aus dem Halsausschnitt, ragen. Er beugte sich vor und zog ein kleines, viereckiges Blättchen heraus. Es war eine Amateurphotographie, die ein kleines Mädchen mit blonden Locken, langen Wimpern und einem kleinen, kleinen Mündchen vorstellte.

»So, Laban, bist du ein solcher Spitzbub,« rief der Knabe. »Also diese kleine Schönheit hat dir auf dem Boot Gesellschaft geleistet. War sie ganz verliebt in dich, sag'? Hast du das von ihr bekommen, als sie ans Land ging, damit du sie nicht vergißt?«

Der Knabe glaubte zu merken, wie ein Lächeln über das ernste Gesicht der Puppe huschte. »Siehst du, ich hätte jetzt für immer von dir geschieden sein können, wenn ich gewollt hätte,« schien es zu sagen. »Aber ich bin treuer als du, ich bin zu dir und dem Kellerloch und den Aufgaben zurückgekehrt, trotz allem, was mich in die weite Welt hinausgelockt hat.«

Es war ein glücklicher Nachmittag, und ihm folgten viele glückliche Tage. Aber dann – – – ja, es mag genug sein, zu sagen, daß, als ein halbes Jahr vergangen war, sie sich wieder so ziemlich in derselben Lage befanden wie im Frühling. Die Leute hatten entdeckt, daß die Puppe zurückgekommen war, und gleich hatte man wieder angefangen, den Knaben auszulachen. Er merkte es, und er konnte es nicht ertragen. Er sah ein, daß er ja doch einmal gezwungen sein würde, sich von der Puppe zu trennen.

Niemand kann behaupten, daß er es leichten Herzens tat. Es kam ihm fast schwerer an als das erstemal, denn jetzt wußte er besser als damals, was er verlor, wenn er die Puppe fortschickte. Aber andrerseits war er jetzt älter, und er empfand es tiefer als früher, daß man ihn beinahe als einen rettungslos Entgleisten betrachtete.

Es mag genug sein, zu erzählen, daß der Knabe eines Nachmittags im Spätherbst die Puppe nahm und sich mit ihr in eine Straßenbahn setzte. Er fuhr ein Stück mit der Puppe, dann stand er mit gleichgültiger Miene auf und ließ sie im Wagen zurück, so, als hätte er sie vergessen.

Kaum war der Wagen weitergefahren, als derselbe Mißmut über ihn kam wie das frühere Mal, wo er die Puppe weggeschickt hatte. Er konnte sich nicht entschließen, nach Hause zu gehen, sondern trieb sich niedergeschlagen und verstimmt auf der Straße herum.

Nein, wie hatte er doch die Schule und die Schularbeit satt! Wenn er die Puppe nicht hatte, die alles zu einem Spiel machte, konnte er es gar nicht ertragen, an all diese Aufsätze und Probleme zu denken.

Er bummelte herum, bis es Zeit zum Schlafengehen war. Als er endlich heimkehrte und die Treppe hinunterging, die in den Keller führte, stolperte er über einen Gegenstand, der auf der obersten Treppenstufe lag, und wäre fast darübergefallen.

Im selben Augenblick, in dem er ihn mit dem Fuße berührte, wußte er auch schon, was es war, und ein Beben der Freude durcheilte ihn. Er bückte sich rasch und tastete mit den Händen. Ja, es war Laban.

»Es sieht aus, Laban, als wolltest du mich gar nicht verlassen,« sagte er, und die Stimme klang ärgerlich, aber eigentlich war er ganz selig, daß die Puppe zurückgekommen war.

Es nahm ihn nicht so sehr wunder, daß auch dieser Versuch mißlungen war. Es gab vielleicht nicht viele Leute in der Stadt, die so bekannt waren wie seine Puppe. Vermutlich hatte eine der Kunden seiner Mutter sie in der Straßenbahn erkannt und sie ihm heimgebracht.

Der Knabe stand auf der dunklen Treppe und fuhr mit der Hand über die Puppe, wie um sich zu vergewissern, daß sie sein eigener Laban war. Dabei merkte er, daß auf dem Rücken der Puppe ein Papier befestigt war.

»Was ist denn das?« sagte er. »Was ist denn das, was du mitgebracht hast? Letzthin kamst du mit einer Photographie, das hier ist wohl ein Liebesbrief?«

Der Junge sah durch die Glastüre des Ladens, daß die Mutter dort auf und ab ging, und es war ihm ein wenig peinlich, ihr zu zeigen, daß er noch einmal mit der Puppe nach Hause kam. Er wollte darum abwarten, bis sie in die Küche ging, so daß er unbemerkt zu sich hineinkommen konnte, und inzwischen löste er das Papier ab und lief zu einer Gaslaterne, um zu sehen, ob etwas darauf geschrieben stand.

Ja, allerdings. Da stand fürs erste sein eigener Name und darunter ein kleines Verschen:

Hör', mein Büblein, diesen Spruch,
Gucke fleißig stets ins Buch,
Laß von Knaben, welche saufen,
Fluchen, spielen und auch raufen,
    Nie und nimmer dich verlocken,
    Sondern bleib bei deiner Docken.

Nun, er war ja nur ein Kind, und als er den alten Fibelvers in dieser Weise verwandelt und gegen sich gerichtet las, nahm er das nicht als den unschuldigen Spaß, der es im Grunde war, sondern er betrachtete es als eine sehr große Beleidigung. Er wurde ganz starr vor Wut, daß man es wagte, ihn in dieser Weise zu hänseln.

Jetzt dachte er gar nicht mehr daran, die Puppe mit nach Hause zu tragen. Er mußte sie gleich fortschicken, im selben Augenblick, und diesmal wollte er es so tun, daß sie nie wiederkehrte.

Es blieb ihm nicht viel Wahl, und es dauerte auch nicht lange, so war er auf dem Wege zur Eisenbahn. Als er den Perron betrat, stand gerade ein Zug zur Abfahrt bereit, und ehe er sich noch ganz Rechenschaft gegeben, was er tat, hatte er die Puppe in ein Coupé gesetzt und sie in die weite Welt hinausgeschickt, er wußte selbst nicht, wohin.

Und diesmal schien die Puppe wirklich verschwunden zu sein. Eine Woche nach der andern verging, ohne daß der Knabe etwas von ihr wußte. Und so allmählich hörte er beinahe auf, sich nach ihr zu sehnen. Sie wurde aus seinen Gedanken entführt, wie so vieles andere.

Es ist ja mit Kindern oft so, daß sie irgendeinen Sündenbock suchen, dem sie die Schuld für all das Mißgeschick aufbürden können, das sie trifft. Und was den Knaben betrifft, so war er noch so sehr Kind, daß er, als es ihm jetzt in der Schule so schlecht zu gehen anfing und er in keiner Weise mit den Kameraden Schritt halten konnte, sich damit entschuldigte, daß er seine Puppe verloren hatte.

Er war jetzt nicht träge und fahrlässig. Er war vielmehr bestrebt, sich obenzuhalten, aber er konnte sich nicht verhehlen, wie rettungslos er zurückging.

Die Lehrer schüttelten den Kopf, wenn sie seine Aufsätze durchsahen und fragten, ob er krank sei oder ob er viel gestört würde, wenn er zu arbeiten hatte. Dem Knaben konnten bei diesen wohlwollenden Fragen die Tränen in die Augen kommen. Er hätte gerne geantwortet, daß alles nur daher kam, daß man ihn seine Puppe nicht hatte behalten lassen. Aber er biß die Zähne aufeinander und schwieg.

Der Klassenvorstand ging zur Mutter, um mit ihr über den Knaben zu sprechen, der gar nicht mehr imstande war, in der Schule mitzukommen. Er konnte nicht begreifen, was in den Jungen gefahren war, er war doch früher der Erste in der Klasse gewesen. Vielleicht wäre es angezeigt, ihn eine Zeitlang aussetzen zu lassen.

Und dann fragte die Mutter ihn selbst, was ihm denn fehle, und ob er gerne für ein paar Wochen Ferien haben wolle, um sich auszuruhen. »Das nützt nichts,« sagte der Knabe. »Mir wird es in der Schule nie mehr gut gehen, und wenn ich mich noch so lange ausruhe.« Und als er das gesagt hatte, lief er zur Türe hinaus, weil er fühlte, daß er in Tränen ausbrechen mußte.

Ein paar Tage später geschah etwas, das ihn mehr belebte als noch so lange Ruhe. Er las nämlich in einer Zeitung von einer großen Puppe, die die Eisenbahner einander zum Spaß hin und her schickten.

Vom ersten Augenblick an war er überzeugt, daß das niemand andres sein konnte als Laban, von dem da die Rede war. Was war das doch für eine Puppe! Wo immer sie sich zeigte, wurde es lustig und fröhlich um sie.

Sicherlich erinnern sich viele hier im Lande heute noch an den lustigen Spaß mit der reisenden Puppe.

Man kann sich denken, daß die Sache so angefangen hatte, daß irgendein lustiger Stationsbeamter, der in einem Coupé eine einsam dasitzende Puppe fand, sie mit auf die Station nahm, ein Verslein auf einen Zettel schrieb und sie mit dem Poem an der Brust in eine andere Station schickte. Um den Spaß noch besser zu machen, hatte er an einen Kollegen in dem neuen Bestimmungsort ein Telegramm abgesandt:

»Herr Laban kommt mit dem Schnellzug. Bitte ihn gut zu empfangen.«

Herr Laban! Wer war Herr Laban! Das gab ein Staunen auf der Station, wo er erwartet wurde. Der Stationsinspektor, der Buchhalter und der Bagageverwalter standen auf dem Perron, um ihn zu empfangen. Als der Zug kam, bemühte sich alles, herauszubekommen, welcher der Reisenden Herr Laban sein konnte. Aber da man nicht klug daraus wurde, mußte man den Kondukteur fragen.

»Es soll doch ein Herr Laban mit dem Zug ankommen? Wo steckt er denn? Wir sollen ihn doch empfangen.«

»Herr Laban,« sagte der Kondukteur, »ach so, er soll hier aussteigen? Ja, er fährt erster Klasse. Ich will gleich gehen und es ihm sagen.«

Und gleich darauf erschien er mit der großen Fleckchenpuppe in den Armen. Man kann sich denken, mit welchem Jubel sie aufgenommen wurde.

Dann fand jemand, daß das ein viel zu guter Spaß war, um ihn nicht weiterzuspinnen. Die Puppe wurde also mit neuen Versen ausgerüstet, die neben den alten befestigt wurden, und dann bekam sie ein Cachenez, damit sie noch reisemäßiger aussah. Hierauf wurde sie wieder in den Zug gesetzt, und man telegraphierte an die nächste Station, um ihre Ankunft anzukündigen.

Da wiederholte sich die Geschichte. Aber da nun die Puppe bald ganz mit Papierzetteln bedeckt war, kam jemand auf den Einfall, sie mit einer Reisetasche zu versehen, wo sie ihre Aktenstücke verwahren konnte.

Auf diese Weise fuhr die Puppe rings um das Land, von Station zu Station. Die Telegramme, die sie ankündigten, wurden immer pompöser, und sie wurde immer feierlicher empfangen, je weiter sie herumkam. Die guten Leute in den Stationen konnten sich gar nicht genug tun. Sie reiste auch gerade in der Weihnachtszeit, wo alle freigebig und erfinderisch sind, und bald hatte es mit der Tasche und den schönen Versen nicht mehr sein Bewenden, sondern sie bekam so allmählich eine ganze Ausrüstung. Schließlich hatte sie einen Ulster und einen Nachtsack, eine Brieftasche und ein Portemonnaie. In den Taschen hatte sie Zigaretten und Zündhölzchen, Sacktuch, Federmesser, Taschenkamm, Bürsten, Tüten mit Pralinees und Karamels. Sie hatte eine eigene Reisedecke, um sie über die Knie zu breiten, wenn sie sich auf dem Sofa ausstrecken wollte, und eine besondere Reisemütze, die sie nur trug, wenn sie im Zug saß.

Man kann sich denken, daß dieser Spaß, als er eine Zeitlang gedauert hatte, auch in den Zeitungen besprochen wurde, und so erfuhr das große Publikum von diesem Weihnachtsscherz der Eisenbahner. Und da kriegte das große Publikum auch Lust, mitzuspielen. Und es kam so weit, daß, wenn ein Telegramm, daß Herr Laban kommen sollte, an einem Ort eintraf, große Volksmassen sich an der Station einfanden, um ihn zu empfangen, sich die wunderbare Reiseausstattung anzusehen oder die Verse zu lesen.

Einige davon wurden auch in der Zeitung abgedruckt, und durch eines dieser Verslein gelangte der Knabe zur vollen Gewißheit, daß es seine Puppe war, die so großen Ruhm erlangt hatte.

Der Vers lautete so:

Ich bin ein armer Laban, ich esse niemals Brot,
Ich kann nicht gehn, ich kann nicht stehn, doch leid ich keine Not.
Denn in der schönen Eisenbahn, da fahr ich Tag für Tag
Ich bin bald hier, ich bin bald dort,
Man hat mich lieb an jedem Ort.
Mit niemand tauschen mag.

Ja, das hatte der Knabe vom ersten Augenblick an gewußt. Es war seine Puppe. Darüber konnte ja kein Zweifel sein. Es konnte ja auch kaum noch eine Puppe auf der Welt geben, die Laban hieß. Und übrigens hätte sich auch keine andere Puppe einen solchen Spaß ausdenken können. Die Eisenbahner glaubten vielleicht, daß einer von ihnen den Einfall gehabt hätte, sie hin- und herzuschicken, aber der Knabe wußte es besser. Alles, von Anfang bis zu Ende, war die eigene Erfindung der Puppe. Denn so war sie. Jetzt mußten die Leute doch einsehen, wie bitter es für ihn gewesen war, sich von ihr zu trennen.

Er konnte sich nicht genug wundern, daß niemand die Eisenbahner wegen der Puppe auslachte. Im Gegenteil, alle schienen ihnen dankbar zu sein, weil sie sich diesen Spaß gemacht hatten, der das ganze Land amüsierte. Es sah aus, als wären alle Menschen freundlicher gegen diese Leute gestimmt, die sie sonst nur mit ernsten Amtsmienen sahen, weil sie jetzt zeigten, daß sie so wie alle andern einen kleinen Scherz liebten. Das hätte man ihnen gar nicht zugetraut.

Nein, dieses Mal hatte die Puppe nur das eine Pech, zuviel Glück zu haben. Es wurde soviel über sie in den Zeitungen geschrieben, und es gab ein solches Gedränge in den Stationen. Da kriegten die neuen Gönner den ganzen Rummel satt. Es hatten sich soviel Unberufene in das Spiel gemischt, daß es ihnen gar keinen Spaß mehr machte.

Solange der Knabe jeden Tag von der Puppe las und hörte, hatte er förmlich aufgelebt und war wieder der alte geworden. Aber dann wurde es still um sie, und damit versank er wieder in seine frühere Apathie.

Im Frühling las er einmal eine Notiz über seinen alten Freund. Darin wurde erzählt, daß die große Puppe, Eisenbahnlaban genannt, die zu Weihnachten soviel Aufmerksamkeit erregt hatte, jetzt von den großen Kindern, die mit ihr gespielt hatten, völlig vergessen war. Sie lag jetzt in einem Gütermagazin der hiesigen Eisenbahnstation, ihrer ganzen Ausrüstung beraubt.

Der Knabe wurde sehr nachdenklich, als er dies las. Die Puppe war also in seiner Nähe, und er konnte sie wieder haben. Aber er schob die Zeitung von sich weg. Nein, nein, er wollte nicht. Er wußte, wie es enden würde, und er wollte nicht noch einmal dasselbe durchmachen.

Als er am nächsten Tag um die Mittagszeit von der Schule heimkam, nickte ihm die Mutter mit einer vielsagenden Miene zu, als er an ihrem Ladentisch vorbeikam. So sah sie immer aus, wenn es ihr geglückt war, ihm etwas zu verschaffen, von dem sie wußte, daß er sich darüber freuen würde.

Als er in seinen Verschlag kam, saß Laban im Lehnstuhl. Die Mutter hatte also auch in der Zeitung von der Puppe gelesen, und sie war zum Bahnhof gegangen, um sie ihm zu holen. Sie hatte schließlich doch eingesehen, wie notwendig diese Puppe für ihn war.

Aber nun geschah das Merkwürdige, daß, als der Knabe die Puppe, nach der er sich den ganzen Winter gesehnt hatte, da im Lehnstuhl auf ihrem gewohnten Platz sitzen sah, ihn eine Wut packte, die er nicht beherrschen konnte.

»Wie kannst du dich unterstehen, noch einmal zurückzukommen?« rief er der Puppe zu. »Du weißt doch, daß ich dich nicht behalten kann! Glaubst du, ich will all das, was ich um deinetwillen gelitten habe, zum vierten Male durchmachen?«

Denn was half es, daß die Mutter jetzt endlich begriff, welche Macht die Puppe hatte? All die andern, all die Nachbarn im Viertel, alle Kinder und alle Erwachsenen, alle Lehrer und Schulkameraden hatten die Puppe noch nicht verstehen gelernt und würden es auch nie.

Er packte die Puppe am Nacken wie eine junge Katze, und ohne sich darum zu kümmern, daß die Mutter mit dem Mittagessen auf ihn wartete, stürzte er mit ihr davon.

Nach einer Stunde kehrte er zurück. Und diesmal fühlte er eine wunderliche Ruhe. Jetzt wußte er, daß er den rechten Ausweg gefunden hatte. Jetzt würde die Puppe ihm nie mehr unter die Augen kommen.

Jetzt hatte er sie dahin gesandt, wo sie bleiben würde. Es war schade, daß ihm das nicht vorher eingefallen war. Er hätte dann früher Ruhe gehabt, hätte nicht so viel mit ihr durchmachen müssen.

»Was hast du denn mit der Puppe angefangen?« fragte die Mutter, als er heimkam.

»Ich habe sie dahin geschickt, von wo sie nie zurückkommen wird,« sagte der Knabe, »wer sie jetzt nimmt, der kann sie auch behalten.«

»So,« sagte die Mutter.

Mehr sagte sie nicht, sie sah nur erstaunt den Sohn an, aber der fuhr mit großem Freimut fort: »Und jetzt, Mutter, will ich aufhören, ins Gymnasium zu gehen. Es hat gar keinen Zweck, wenn ich hingehe. Ich konnte ja den Freund nicht behalten, der mir geholfen hätte, etwas Besonderes zu werden, und da habe ich ja dort nichts zu suchen.«

»Was willst du denn anfangen?«

»Ich will dir im Geschäft helfen.«

Die Mutter sah ein bißchen unsicher aus: »Du kannst doch schließlich nicht wissen, ob die Puppe nicht noch einmal zurückkommt,« sagte sie.

»Nein, Mutter,« sagte der Knabe, »jetzt werden wir sie nie mehr wiedersehen. Das fühle ich.«

»Aber was hast du denn mit ihr angefangen?« fragte die Mutter.

»Ich habe sie an Bord des großen Auswandererschiffes gesetzt, das heute im Hafen liegt,« sagte der Knabe.

»Ja dann,« sagte die Mutter, und war sofort ebenso überzeugt wie er, daß nun alles aus war. Nun konnte die Puppe nie mehr wiederkommen. »Ja, wenn du sie nach Amerika geschickt hast, dann kannst du morgigen Tags im Laden anfangen,« sagte sie. »Jetzt sehen wir sie nie wieder.«

»Nein, jetzt kommt sie wohl in ein Land, wo man seine Puppen behalten darf,« sagte der Knabe.

Auf diese Art kam der Knabe in das praktische Leben. Jetzt ist er ein erwachsener Mann und trauert nicht mehr um die Puppe. Aber er erzählt gerne von ihr.

Einmal hatte er das Glück, unter seinen Zuhörern einen Gelehrten zu haben, einen Archäologen, und dieser interessierte sich sehr für die Geschichte.

»Wissen Sie was,« sagte er. »All dem liegt schon etwas zugrunde. Die Puppe, ist sie nicht die Begleiterin der Menschheit von ihrer frühesten Kindheit an? Wer weiß, wieviel wir ihr zu verdanken haben?« Und der gelehrte Mann begann eine Auseinandersetzung über die Puppe als diejenige, deren Aufgabe es gewesen war, die ungeahnten Anlagen des unzivilisierten Menschen auszulösen. War nicht im selben Augenblick, in dem die erste Puppe aus einem Lehmklumpen oder vielleicht aus etwas zusammengerolltem Gras geformt wurde, die Phantasie geboren worden und mit ihr das Spiel, die Dichtung, die schönen Künste? Das Beste, was wir besitzen, das, worauf wir am stolzesten sind, ist es nicht die Fähigkeit des Schaffens, und wer hat diese Fähigkeit in so hohem Grade entwickelt wie die Puppe? Man würde es schon einmal sehen, wenn erst ihre Geschichte geschrieben würde. Sie hat im Leben so mancher unserer großen Männer eine Rolle gespielt.

Ein andermal hörte ein junger Schriftsteller den Mann. Der geriet geradezu in Zorn und überschüttete ihn mit Vorwürfen: »Sie Unglücksmensch, was haben Sie getan? Eine solche Puppe über den Atlantischen Ozean zu schicken? Begreifen Sie denn nicht, welchen königlichen Gast Sie da in Ihrem Kellerloch hatten? Spott, Verleumdung, was ist das dagegen, das Göttergeschenk der Phantasie verkörpert unter seinem Dach zu haben? Warum ließen Sie sie nicht wenigstens mir oder einem meinesgleichen? Aber sie zu diesen Amerikanern zu schicken, das ist verbrecherisch, das ist eine vaterlandsfeindliche Handlung! Sollen sie uns denn alles nehmen! Unter allen Emigranten, die über das Weltmeer gefahren sind, können wir Ihre Puppe am allerwenigsten entbehren.«

Bei einer andern Gelegenheit, als der Mann seine Geschichte einigen gewöhnlichen ungelehrten Leuten erzählte, rief einer unter ihnen:

»Ich möchte doch wissen, wie es der Puppe drüben ergangen ist und ob sie noch immer so vortrefflich ist. Sie sollten eine Annonce in eine dortige Zeitung geben und fragen, ob sie nicht jemand gesehen hat. Wenn sie noch so ist, muß sie sich doch bemerkbar gemacht haben.«

Es ist aber nicht so leicht, diese Sache in einer Annonce darzustellen, wendete man sogleich ein.

»Nein, wenn Sie wirklich wissen wollen, wie die Puppe sich drüben bewährt hat, dann ist der einzige Ausweg, die ganze wunderbare Geschichte in die Zeitung zu geben,« sagte der dritte.

»Die ganze Geschichte!« rief ein vierter. »Wozu sollte das gut sein?«

»Nein, was hat die Geschichte einer armen Fleckchenpuppe in der Zeitung zu suchen?« sagte ein anderer.

Ja, darauf ist nicht so leicht eine Antwort zu finden, aber nun ist sie mal drinnen, und nun wollen wir sehen, was daraus werden kann!

 


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