Selma Lagerlöf
Die Silbergrube und andere Erzählungen
Selma Lagerlöf

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Liljecronas letztes Konzert

Menschen, die lange miteinander gelebt haben, pflegen eine gewisse Fähigkeit zu haben, gegenseitig ihre Gedanken zu lesen. Das merkt man alle Tage, und meistens erregt es gar kein Staunen. Nein, wie eigen, sagt man nur, weißt du, daß ich gerade an ganz dasselbe dachte, wovon du jetzt sprichst?

Manchmal erklärt man die Sache so, daß jemand, der dasselbe Leben lebt und dieselben Erfahrungen macht, auch leicht auf dieselben Gedanken kommt, oder man meint auch, daß der andere unsere Ansichten und unser Temperament kennt und so daraus schließen kann, was wir denken.

Das eine oder andere Mal merkt man aber doch, daß diese Erklärungsgründe nicht zureichen, so daß man sich fragen muß, ob nicht jenes wunderliche Etwas, das man Gedankenübertragung nennt, hier im Spiele gewesen ist.

Von allen Menschen, die mir begegnet sind, hatte niemand eine solche Fähigkeit, meine Gedanken zu lesen, wie meine alte Mutter. In den letzten zwanzig Jahren ihres Lebens, in denen sie mein Heim zuerst in Landskrona, dann in Falun und schließlich in Märbacka teilte, überraschte sie mich zu wiederholten Malen dadurch, daß sie Dinge sagte, die verrieten, daß sie wußte, woran ich dachte, wenn ich so einherging. Aber es gelang mir immer, irgendeine natürliche Erklärung zu finden, und die meisten dieser kleinen Erlebnisse sind jetzt in Vergessenheit geraten.

Ich kann aber ein kleines Beispiel dieser Art »drahtloser Telegraphie« anführen, das mir so merkwürdig vorkam, daß es in der Erinnerung bewahrt blieb.

Im Jahre 1895 kündigte ich meine Stellung in der Schule in Landskrona, und es stand mir also frei, mich niederzulassen, wo es mir beliebte, aber ich blieb noch ein paar Jahre dort wohnen, weil ich mich in der schönen Stadt am Sund wohlfühlte und eigentlich nicht recht wußte, wo ich mich sonst ansässig machen sollte.

Im Frühling 1897 war meine Mutter fortgefahren, um meine Schwester zu besuchen, die in Falun wohnte, und ich ging allein in Landskrona herum. Da geschah es eines Nachmittags, daß ich zu überlegen begann, ob ich nicht nach Falun ziehen sollte. Da hatte ich meine Schwester und meinen Schwager und deren Kinder. Es war das Einfachste und Natürlichste, daß ich mich in der Nähe dieser meiner Angehörigen niederließ. Es würde nicht nur für mich gut sein, sondern vor allem auch für meine alte Mutter.

Ich erwog lange die Gründe für und wider, doch ehe der Tag zur Neige gegangen war, war mein Entschluß gefaßt. Am selben Abend setzte ich mich hin und schrieb an meine Mutter, um ihr meinen Vorschlag auseinanderzusetzen.

Dies alles war durchaus nichts Bemerkenswertes. Aber das Wunderliche war ein Brief, den ich zwei Tage später aus Falun bekam. Mein Schreiben war noch nicht angelangt, als dieser Brief abging, trotzdem bekam ich bereits Antwort auf das, was ich geschrieben hatte. Der Brief meiner Mutter begann nämlich so:

»Wir haben heute abend dagesessen, Gerda und ich, und darüber gesprochen, wie hübsch es wäre, wenn du hierher nach Falun ziehen wolltest . . .«

Sie schrieb dann noch Seite um Seite weiter, um mich zu überzeugen, daß ich nichts Besseres tun könnte, als nach dieser Stadt zu übersiedeln.

Ich konnte mir ausrechnen, daß meine Mutter und meine Schwester zur gleichen Zeit beisammengesessen und von meinem Umzug nach Falun gesprochen hatten, in der ich an dieselbe Sache gedacht hatte, und daß unsere Briefe am gleichen Abend geschrieben worden waren.

Es ist ja immerhin möglich, daß das alles ein gewöhnliches, zufälliges Zusammentreffen gewesen sein kann, aber man muß doch zugeben, daß es etwas recht Seltsames war, dieser gleichzeitig aufgetauchte Gedanke und die zwei Briefe.

Hier noch ein Beispiel. Der Fall trug sich um vieles später zu, im Herbst als wir schon nach Märbacka gezogen waren.

Meine Mutter war da schon hoch in den Achtzigern, ganz gesund, aber natürlich waren ihre Körper- und Geisteskräfte in sichtlicher Abnahme begriffen. Diesen Herbst war ich im Begriff, einen Roman zu Ende zu führen, der den Titel »Liljecronas Heimat« bekam; aber ihr etwas von dem Inhalt des Buches mitzuteilen, verbot sich von selbst. Es wäre zu anstrengend für sie gewesen, einer so langen Darstellung zu folgen.

Daß ich Tag und Nacht an einem Buch arbeitete, wußte sie indessen sehr gut. Sie fragte mich täglich, ob ich bald fertig sei, und bedauerte mich, daß ich in einer solchen Hetzjagd leben mußte.

Eines Nachmittags war ich jedoch zum letzten Kapitel gekommen. Ich schrieb, wie Liljecrona vor dem Fenster seiner Geliebten Geige spielte, und schloß das Ganze mit Verlobung und Versöhnung ab. Gleich nachdem ich die Feder von mir geworfen hatte, ging ich zu meiner Mutter hinein.

Ich muß ihr doch sagen, daß das Buch fertig ist, dachte ich. Das wird sie freuen.

Sie freute sich auch über die Neuigkeit und beglückwünschte mich, aber sie hatte mir auch etwas zu erzählen.

»Es ist so hübsch heute abend,« sagte sie. »Ein Spielmann hat hier vor dem Fenster gestanden und hat so schön gespielt.«

Sie sah wirklich ganz angeregt aus, hatte ein bißchen Farbe auf den Wangen und Leben im Blick.

»Ein Spielmann ist hier gewesen?« fragte ich.

»Ja gewiß,« sagte sie, gleichsam erstaunt, daß ich nichts gehört hatte. »Er stand gerade hier am Fenster, lange Zeit. Weißt du, es war wirklich schön.«

Ich war unbeschreiblich erstaunt. In aller Eile lief ich die Treppe zur Küche hinunter, um die Dienstleute zu fragen, ob ein Spielmann an diesem Nachmittag das Haus besucht hatte. Aber nein, niemand war dagewesen. Es war nur etwas, was die alte Frau sich einbildete.

War sie in ihrem Stuhl eingeschlummert und hatte geträumt, oder war es der Spielmann in meinem Buch, der große Geiger Liljecrona, der sich in ihr Bewußtsein geschlichen und so zum letzten Male vor seinem alten Lövdala ein Konzert gegeben hatte?

 


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