Selma Lagerlöf
Die Silbergrube und andere Erzählungen
Selma Lagerlöf

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Die geöffnete Türe

Eine Brandes-Erinnerung

Es war im Jahre 1893 anfangs Januar. Gegen das Ende des vorangegangenen Jahres war Gösta Berling in Dänemark im Verlag Gyldendal erschienen, übersetzt von der bekannten Schulpädagogin, Fräulein Ida Falbe-Hansen. In Schweden war er schon im Jahre 1891, herausgekommen, aber die Aufnahme, die er dort gefunden, hatte meine Erwartungen stark enttäuscht. Nun sollte es sich zeigen, welches Schicksal dem Buch in Dänemark beschieden sein würde.

Fräulein Falbe-Hansen war Ausschußmitglied des damals in raschem Aufschwung begriffenen Damen-Lesevereins in Kopenhagen, und durch sie hatte ich die Vorsteherin des Vereins, Fräulein Sophie Alberti, kennengelernt. Diese beiden feingebildeten und literarisch interessierten Damen waren meine warmen Freundinnen geworden. Sie glaubten an mein Buch und hatten den lebhaften Wunsch, daß es in ihrem Lande einen Erfolg erringen möge.

Selbst war ich ja damals als Lehrerin in Landskrona angestellt und hatte beabsichtigt, die Weihnachtsferien in meinem kleinen Heim dort zu verbleiben, um mich meiner schriftstellerischen Arbeit zu widmen. Aber schon am Christtag bekam ich einen Brief von Fräulein Alberti, in dem sie mich einlud, einige Wochen in Kopenhagen bei ihr und ihrer Mutter zu verbringen. Sie fügte hinzu, daß es mich sicherlich interessieren würde, mit eignen Augen zu sehen, wie der kurz vorher erschienene Gösta Berling in Kopenhagen aufgenommen werden würde.

Das eine wie das andere war sehr lockend, und ich zauderte nicht, der Einladung Folge zu leisten. Eine Dampfschiffahrt von bloß anderthalb Stunden trennte Landskrona von Kopenhagen, und bald war ich in dem prächtigen Albertischen Hause in der Ny Vestergade installiert. Da verbrachte ich einige sehr angenehme Wochen, wenn ich auch sagen muß, daß das Vergnügen, zu erfahren, wie Gösta Berling in Dänemark aufgenommen wurde, fürs erste ausblieb.

In Schweden hatte das Buch wenigstens Kampf und Aufruhr entfesselt, in Dänemark schien man ihm überhaupt keine Aufmerksamkeit zu schenken. Bei einem Besuch bei meinem Verleger, Etatsrat Hegel, erfuhr ich, daß der Absatz bisher minimal gewesen sei, und ich merkte auch sonst, daß das Buch nicht zu dem dänischen Publikum durchgedrungen war.

Vormittags pflegte ich gewöhnlich Fräulein Alberti in den Damenleseverein zu begleiten. Er hatte damals nicht wie jetzt ein großes eigenes Haus, sondern war in einem überaus gemütlichen Lokal am Amagertoro untergebracht. Ich ließ mich in dem großen traulichen Lesezimmer nieder, um die neuerschienenen dänischen Literaturwerke zu studieren, während meine Gastgeberin ihren Vorstandspflichten nachkam. Auf einem der Regale im Lesezimmer hatte ich drei Exemplare von Gösta Berling entdeckt, und natürlich warf ich von Zeit zu Zeit einen Blick in diese Richtung, um zu sehen, ob jemand sie sich holen würde. Doch vergebliche Liebesmüh! Andre Bücher wurden von den Regalen genommen und gelesen, aber diese nicht. Höchstens kam es vor, daß jemand nach einem Exemplar griff, das Titelblatt aufschlug, beim Anblick des unbekannten Schriftstellernamens den Kopf schüttelte und das Buch an seinen Platz zurückstellte.

Sowohl Sophie Alberti wie Ida Falbe-Hansen betrieben in diesen Weihnachtstagen eine eifrige literarische Propaganda. Sie luden bei verschiedenen Gelegenheiten literarisch interessierte Menschen zu sich ein, damit ich ihre Bekanntschaft machen konnte. Auf diese Art lernte ich viele hervorragende, sympathische Menschen kennen, aber der arme Gösta Berling lag noch ebenso unbeachtet wie früher in Buchhandlungen und Leihbibliotheken.

Einmal hoffte ich, daß es sich aufhellen würde. In der »Nationaltidende« und, wenn ich mich recht erinnere, auch in einer anderen großen Kopenhagener Zeitung erschienen eines Morgens lange, gutgeschriebene und wohlwollende Besprechungen meines Buches. Als ich am Vormittag in den Leseverein kam, sah ich, daß eines der drei Exemplare verschwunden war. Es blieb eine volle Viertelstunde weg, nach Verlauf dieser Zeit kam eine Dame heran und stellte es auf das Bücherbrett neben die beiden anderen. Da verblieben sie dann den ganzen Vormittag unbehelligt.

Ich konnte nicht umhin zu bemerken, daß meine beiden Beschützerinnen anfingen zu verzagen. Es war so, als ob man versuchte, eine Türe mit dem unrichtigen Schlüssel zu öffnen. Alle ihre Bemühungen waren vergeblich. Beide begannen nun, ganz unabhängig voneinander, die Bemerkung hinzuwerfen, ich solle mich an Georg Brandes wenden und versuchen, ihn für mein Buch zu interessieren. Sie glaubten, dies sei die einzige Möglichkeit. Das dänische Publikum sei nun einmal gewohnt, ihn als ausschlaggebend in allen literarischen Fragen zu betrachten. Man erlaubte sich kaum, ein Buch, das er nicht empfohlen hatte, zu lesen, geschweige denn zu loben.

Ich kann nicht beschreiben, welchen Schrecken diese Andeutungen mir einflößten. Die Werke des großen Literaturhistorikers waren mir wohlbekannt, ich hatte sie mit der größten Bewunderung gelesen und studiert, aber gerade dies war der Anlaß meiner Angst. Eine Arbeit wie Gösta Berling mit seinen Unvollkommenheiten und Unförmlichkeiten einem weltberühmten Kritiker vorzulegen, hieß, wie mir schien, das Schicksal herausfordern. Er würde dem Werk den Todesstoß geben.

Und nicht genug damit. Ich hatte gar keine Lust, zu Georg Brandes zu gehen, so wenig wie zu irgendeinem anderen Literaturkritiker, und um Protektion für mein Buch zu betteln. Das war kein ehrliches Spiel. Das Buch sollte durch seine eigene Macht wirken. Der Verlag hatte es ihm natürlich geschickt. Seinerzeit würde er es wohl lesen und vielleicht auch darüber schreiben, aber ich wollte ihn nicht beeinflussen.

Meine Freundinnen waren keine schlechten Diplomaten, und als ich mit diesen Einwänden kam, änderten sie ihre Taktik. Ja, sie hielten schon daran fest, daß eine günstige Äußerung von Brandes mein Buch in hohem Grade fördern würde, aber dies sei vielleicht doch nicht von so großer Bedeutung. Sie glaubten schon, daß Gösta Berling auch so den Weg zum Lesepublikum finden würde. Aber sie gaben mir zu bedenken, daß Georg Brandes der höchste Richter in literarischen Fragen war, den es im Norden, ja vielleicht in ganz Europa gab. Wenn ich meine literarische Laufbahn fortsetzen wolle, wäre es doch für mich selbst von höchster Bedeutung, sein Urteil über meine Erstlingsarbeit zu hören. Sie hatte ja in Schweden eine sehr geteilte Aufnahme gefunden. Wäre es, da ich mich nun in derselben Stadt mit dem großen Literaturkenner befand, nicht das Richtigste, ihn aufzusuchen, so wie man einen Arzt aufsucht, nicht um einen Reklameartikel von ihm zu erbitten, sondern um seine Ansicht über meine Begabung zu erfahren. Ich brauchte nicht zu fürchten, daß er mir etwas andres sagen würde, als was er für recht und wahr hielt. Aber natürlich sei der Ausgang mehr als unsicher, und sie könnten nicht wissen, ob ich es wage, mich einem niederdrückenden Bescheid auszusetzen.

Ob ich es wagte? Doch, natürlich. Es wurde für mich eine Ehrensache, zu zeigen, daß ich genügenden Glauben an mich selbst hatte, um das Risiko einzugehen, und ich schrieb in aller Eile ein Billett an Brandes, um ihn zu fragen, ob er mich an einem der nächsten Tage empfangen könne. Ich hätte kürzlich mit einem Buche debütiert, das ich gleichzeitig übersandte, und es wäre für mich von größter Bedeutung, sein Urteil darüber zu hören.

Einen Tag, nein, vielleicht zwei Tage, nachdem ich diesen Schritt getan, hörte man die Wohnungsglocke kräftig läuten, und das Hausmädchen brachte mir eine Karte, auf der ich zu meiner Verwunderung und Freude den Namen Georg Brandes las.

Ich faßte es als ein gutes Zeichen auf, daß der Gefürchtete selbst zu mir gekommen war, anstatt meinen Besuch abzuwarten, und ich täuschte mich nicht. Doktor Brandes sagte mir sofort, daß das Buch ihn interessiere. Er habe es noch nicht ausgelesen, aber wenn die Fortsetzung nur einigermaßen dem Anfang entspreche, würde er wahrscheinlich darüber schreiben. Nun wolle er sehen, was für eine Art Menschenkind ich sei.

Er verbrachte auch einige Minuten damit, ein kleines Verhör mit mir abzuhalten, erkundigte sich nach meinen Lebensumständen, fragte, was ich vorher geschrieben habe, woher ich meinen literarischen Stil hätte und noch mehr in diesem Genre. Aber bald kam das Gespräch auf die bedeutendsten Schriftsteller der damaligen Zeit. Er kannte ja alle, ich so gut wie keinen. Wohl eine Stunde lang saß er da, erklärte und erzählte und machte sich ein Vergnügen daraus, mich zu unterhalten, zu belehren und auch ein klein bißchen zu chokieren.

Ich erinnere mich gern an Georg Brandes, so wie er damals war, als ich ihn zum erstenmal sah. Er glich den Bildern, die man in allen Buchhandlungsauslagen sah, sehr, aber sie wurden ihm nicht ganz gerecht. In seinem Gesichtsausdruck war ein Leben, ein Spiel der Beweglichkeit, das gefangennahm und fesselte. Der schwarze Haarbusch, der die ersten grauen Fäden zeigte, sträubte sich prächtig über der von ein paar tiefen Falten gefurchten Stirn. Die Gestalt war eher klein, aber außerordentlich wohlproportioniert, leicht, geschmeidig und wunderbar lebendig, so daß sie bei allem, was er sagte, mitging. Die Stimme klang zuerst ein wenig alt und trocken. Aber dies war ein Eindruck, der bald verflog, im Laufe des Gesprächs bekam sie Klang und Kraft. Sie war wie eine Bahn schimmernde graue Seide, aus der eine Mannigfaltigkeit von Farben hervorbrechen kann, wenn sie in die richtige Beleuchtung kommt.

In seinem Wesen war nichts Herablassendes oder Beschützendes. Die Überlegenheit des Wissens, der Erfahrung, des Scharfsinns machte sich ohne große Gesten geltend. Daß er sich selbst des Eindrucks, den er machte, bewußt war, verriet er manchmal ganz offen. Wir sprachen zum Beispiel über einen dänischen Schriftsteller, von dem ich als einem sehr unterhaltenden Gesellschaftsmenschen gehört hatte. »Das habe ich nie bemerkt,« sagte da Brandes. »Aber Sie verstehen, Fräulein Lagerlöf, in Gesellschaft mit mir lassen sich die Menschen nie so recht gehen. Sie werden verlegen und gekünstelt. Es wird mir schwer, sie von ihrer besten Seite zu sehen.«

Er hatte wirklich etwas von einem Arzt an sich. Er sprach hauptsächlich selbst, aber das war, damit ich mich ruhig fühlen und meine Schüchternheit überwinden solle, so daß er die Diagnose stellen konnte. Kein Gedanke daran, daß er meine Bewunderung erregen wollte.

Er war an jenem Tage nur der Mann der Wissenschaft, der zu untersuchen wünschte, ob diese neue Erscheinung auf seinem Forschungsgebiet von Nutzen sein konnte, ob sie der Ermunterung wert war, ob sie etwas war, das man schützen sollte oder ob sie nicht vielmehr schon in ihren ersten Anfängen niederzuschlagen und zu vernichten war.

Er war auch sehr gut. Von dieser ganzen Begegnung ist mir nichts andres als Verständnis und Güte in Erinnerung geblieben, jene Art von Güte, die man glücklich ist, bei einem großen Arzt zu finden.

Ein paar Tage darauf stand tatsächlich eine Besprechung von Gösta Berling, GB. unterzeichnet, in »Politiken« zu lesen. Sie war recht kurz, und sie war nicht ausschließlich lobend, weit entfernt. Aber das spielte, wie es sich später zeigen sollte, keine Rolle.

Als ich an diesem Tage in den Leseverein hinaufkam, stand kein einziges der drei Exemplare auf den Regalen. Beim Mittagessen erzählte mir meine Freundin, daß die Nachfrage nach dem Buche auch in der Ausleihabteilung sehr lebhaft gewesen war. Man hatte bei weitem nicht alle Abonnenten zufriedenstellen können.

Das war das erste kleine Zeichen des Umschwungs.

Der Damen-Leseverein pflegte nicht nur Bücher auszuleihen, sondern er veranstaltete auch Unterhaltungsabende mit Vorlesungen und geselligen Zusammenkünften. Ein solcher Abend war für denselben Tag geplant, an dem der Brandesartikel in der Zeitung gestanden hatte, und ich sollte dabei eine neue Novelle von mir vorlesen.

Als ich mich am Abend einfand, war ich überrascht. Einfahrt und Stiegenhaus so überfüllt von zuströmendem Publikum zu finden, daß ich mich nur schwer durchdrängen konnte. Der Vortragssaal war schon gesteckt voll. Von meiner Vorlesung konnte sich wohl niemand ein besonderes Vergnügen erwarten. Ich verstand, man wollte die sehen, über die Brandes geschrieben hatte. Die wenigen Worte, die er über mich geschrieben, machten jedenfalls den ganzen Abend zu einem Triumph. Ich bekam Beifall und Blumen. Bei der geselligen Zusammenkunft hielt man Reden auf mich. Es war ein vollkommenes Wunder.

Die Weihnachtsferien näherten sich ihrem Ende. Ich hatte nur noch ein paar Tage in Kopenhagen vor mir, aber diese Tage waren reich an den freudigsten Überraschungen. Wer mir begegnete, begann sofort mit mir über mein Buch zu sprechen. Jetzt auf einmal hatten es alle gelesen und waren begeistert, ja einige hatten es schon zweimal gelesen. Manche waren so gefesselt davon gewesen, daß sie es gar nicht weglegen konnten, sondern die ganze Nacht hindurch gelesen hatten.

Ich fühlte mich sehr glücklich, aber zugleich erstaunt, verwirrt. Ich hatte mir nie träumen lassen, daß jemand solche Macht über seine Mitmenschen besitzen konnte wie Georg Brandes. Es sah so aus, als sei jeder Mensch in Kopenhagen darauf eingestellt, so zu meinen, so zu denken wie er. Aber was würden sie wohl zu dem Buch sagen, wenn die geistige Suggestion nicht mehr wirkte?

Die Brandessche Hilfeleistung öffnete mir jedoch nicht nur in Dänemark die Tür des Erfolges. Sie wirkte auch auf meine Stellung in Schweden zurück und verschaffte mir meinen ersten deutschen Übersetzer. Der Unterschied zwischen der Zeit vorher und nachher war jedesfalls so offenkundig, daß ich Georg Brandes immer als einen der größten Förderer meiner Laufbahn betrachten muß, und ich fühle ihm gegenüber eine Dankesschuld, die ich nie abtragen kann.

 


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