Selma Lagerlöf
Die Silbergrube und andere Erzählungen
Selma Lagerlöf

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Die Holzbibel

Im Kirchspiel Svartsjö in Värmland gibt es einen Menschen, der sehr glücklich ist. Das ist nicht der Herr Pfarrer in dem schönen Pfarrhof, auch keiner der wohlbestallten Bauern, keine siebzehnjährige junge Maid, es ist die alte arme Bolla Oestlund im Versorgungshaus.

Sie ist glücklich, weil sie seit ihrem achten Jahr eine Lebensaufgabe hat. Das Leben war für sie nie leer und zwecklos. Sie hat das besessen, was so viele, die mehr sind als sie, entbehren. Und da es ihr überdies nie gelungen ist, die Aufgabe zu lösen, so ist ihr ihre Freudenquelle allezeit erhalten geblieben. Sie bedeutet so viel für sie, daß man ihr kaum etwas Besseres wünschen kann, als daß sie nie damit zu Rande kommt.

Als sie acht Jahre alt war, nahm ihre Mutter sie einmal in die Kirche mit. Wie sie da an der Seite der Mutter den großen Gang hinaufging, wurde sie auf die große Bibel aufmerksam, die auf dem Altare lag. Sie war dick und ehrwürdig, schwarz und glänzend. Auf dem Rücken blinkte ein BIBLIA in vergoldeten Lettern, von den Seiten schimmerte es golden. Das versetzte sie in einen Taumel des Entzückens. Sie sah nicht die Kronleuchter, nicht die Kerzen, sie sah nichts anderes als nur die Bibel. Als sie in die Kirchenbank kam, zeigte es sich, daß sie so klein war, daß die vor ihr Sitzenden ihr das Buch verdeckten. Da hob die Mutter sie auf die Bank hinauf, und da stand sie während des ganzen Gottesdienstes, stand und starrte die große Kirchenbibel der Svartsjöer Gemeinde an.

Auch daheim in Mutters kleinem Häuschen gab es eine Bibel, und auch die war ein schönes, ehrwürdiges Buch. Aber diese hier war wohl doppelt so dick. In Mutters Bibel gab es nur einige wenige Bilder. Aber in dieser, die doppelt so groß war! Was konnte man da nicht alles erwarten? Welchen mächtigen Moses, welche strahlende Jungfrau Maria, welch herrlichen König David, welch ungeheuren Goliath! Sie sah das alles schon vor sich. Die Bilder lösten sich aus der Umklammerung der Deckel und zeigten sich ihr . . .

Auf der Bibel stand ein zweiarmiger silberner Leuchter. Diese Einrichtung kam ihr merkwürdig, ja beinahe ungehörig vor. Warum stand der Leuchter auf der Bibel? War die Bibel nicht zu heilig, als daß ein Leuchter darauf stehen durfte? Und wenn er auch aus Silber war!

* * *

Am nächsten Sonntag und noch an vielen Sonntagen bat sie, in die Kirche mitkommen zu dürfen. Sie wollte hin, um dabei zu sein, wenn das große Buch aufgeschlagen wurde. Sie zweifelte nicht, daß dies an irgendeinem hohen Feiertag geschehen würde. Aber die Bibel blieb ganz ruhig unter dem Leuchter liegen, niemand rührte sie an.

Eines Tages nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und fragte die Mutter, ob sie wüßte, wann der Pfarrer die Bilder des großen Buches in der Kirche zeigen würde.

»Was für ein Buch?« fragte die Mutter.

»Ja das, das auf dem Altar liegt.«

»Liebes Kind, das ist ja nur eine Holzschachtel. Das liegt da, damit der Leuchter auf etwas stehen kann.«

Das war eine furchtbare Enttäuschung. Einen so großen Schmerz hatte sie noch nie erfahren. Die Tränen schossen ihr aus den Augen. Die Mutter sah sie ganz bestürzt an.

»Ja, um Himmels willen, warum weinst du denn?«

Sie war zu schüchtern, um zu antworten, wie es die Wahrheit war, daß sie weinte, weil sie die schönen Bilder nie zu Gesicht bekommen sollte. Anstatt dessen sagte sie, sie habe Angst, daß Gott ihnen zürnen würde, weil sie eine falsche Bibel auf den Altar gelegt hatten.

»Was redest du da für dummes Zeug zusammen!« sagte die Mutter streng. »Der liebe Gott weiß schon, wie dies zusammenhängt. Es hat auch hier in der Gemeinde wie in allen anderen eine gedruckte Kirchenbibel gegeben, aber eines Tages verbrannte die Kirche, und die Bibel mit, und der Kirchenbau war so kostspielig, daß die Gemeinde nicht mehr imstande war, eine richtige Bibel anzuschaffen.«

Als das kleine Mädchen dies hörte, kam ihr eine Eingebung, und sie faßte einen großen Entschluß. Zugleich wurde sie so froh, daß die Tränen aufhörten zu fließen. Solange sie lebte, würde sie an diesen Augenblick denken, als an das Köstlichste in ihrem Leben.

»Was kostet eine Bibel?« fragte sie.

»Ach, das weiß ich nicht so genau. Meinst du eine Kirchenbibel?«

»Ja, eine mit vielen Bildern darin.«

»Die kommt hoch, die kostet vielleicht fünfzig Reichstaler.«

Fünfzig Reichstaler! Das schien dem kleinen Mädchen eine erschreckend hohe Summe, aber sie hielt doch an ihrem Entschluß fest. Sobald sie groß war und in Dienst gehen konnte, würde sie diese fünfzig Reichstaler zusammensparen, um dem Kirchspiel eine richtige Bibel zu geben, die man auf den Altar legen konnte. – – –

Dies war also die Aufgabe, die sie durch das Leben geleitet, und es reich und schön gemacht hatte. Andere Menschen wuchsen auf, lebten und gingen dahin, ohne zu wissen, warum. Vielleicht, war das der Grund, daß so viele von ihnen verkamen. Aber mit ihr war es anders. Sie wußte, warum Gott sie in die Welt gesetzt hatte.

* * *

Wenn sie in die Kirche kam, dann freute sie sich auf den Tag, an dem die neue Bibel auf dem Altar liegen würde und kein Kind von Bildern in einer leeren Holzschachtel zu träumen brauchte. Man kann nicht wissen, wie hoch sich ihre Gedanken verstiegen. Sie erwartete sicherlich, daß Gottes Segen sich in reicherem Maße über die Gemeinde ergießen würde, wenn keine falsche Bibel mehr auf dem Altar lag.

Sie hatte ihre Sorgen wie andere auch, aber ihr Sinn war immer leicht, weil sie nicht von gewöhnlichen irdischen Fesseln gebunden war. Eine Unruhe quälte sie doch, daß jemand ihr zuvorkommen könnte. Wie zum Beispiel damals, als die Kirche restauriert wurde, oder als ein paar Frauen sich zusammentaten, um eine neue Altardecke anzuschaffen. Da hatte sie keine ruhige Stunde, bis sie nicht sicher wußte, daß keine auf den Gedanken verfallen war, der Kirche eine richtige Bibel zu schenken.

Aber wenn sie so ängstlich war, daß jemand ihr zuvorkommen könnte, warum beeilte sie sich dann nicht? Warum sparte sie die fünfzig Kronen nicht zusammen?

Ach, dazu war es schon mehrmals gekommen. Auf ihrem ersten Platz hatte sie einen Lohn von zwanzig Reichstalern im Jahre gehabt. Nach fünf Jahren waren die fünfzig Reichstaler beisammen gewesen. Aber ehe sie noch in die Stadt fahren und das Buch kaufen konnte, war die Mutter gestorben, und das Geld hatte für den Sarg und das Begräbnis verwendet werden müssen.

Und so war es immer gegangen. Einmal ein Bruder, der ins Spital mußte, das andere Mal ein armer Nachbar, der seine einzige Kuh verloren hatte und dem man helfen mußte, sich eine neue zu kaufen.

Außerdem war sie eines schönen Tages hingegangen und hatte geheiratet. Der Mann war nach einem Jahr gestorben und hatte sie allein mit einem kleinen Kinde zurückgelassen. Man kann sich denken, wie so etwas im Sparen aufhält.

Für den, der eine Aufgabe zu erfüllen hat, ist das Leben so kurz! Sie wußte selbst nicht, wie ihr geschah, da war sie schon so weit, ins Altersheim zu übersiedeln.

Es war merkwürdig, die anderen Alten, die dort untergebracht waren, so verdrossen und düster dasitzen zu sehen und sie sagen zu hören, daß sie auf nichts anderes zu warten hätten als auf den Tod. So war es wahrlich nicht bei ihr. Sie war munter und vergnügt. Sie war mit dem Leben nicht fertig. Sie sammelte noch immer das Geld für die Kirchenbibel.

Aber wie kann nun jemand, der im Armenhaus sitzt, fünfzig Kronen zusammensparen? Doch, das kann schon gehen, wenn man eine Tochter in Amerika hat. Die Tochter schickt in langen Zwischenräumen immer wieder einmal ein Paket Zeitungen. Im Altersheim macht man sich darüber lustig, daß sie ihrer Mutter amerikanische Zeitungen schickt. Aber die alte Mutter denkt nicht so, sondern durchsucht sie genau. Manchmal findet sie in dem Zeitungspacken ein farbiges Seidentaschentuch, manchmal einen Zweidollarschein. Wenn dies letztere sich ereignet, muß sie die anderen alten Frauen zu einem kleinen Kaffeekränzchen einladen. Aber zwei Dollar, das ist viel Geld. Etwas davon kann sie schon in einen kleinen Lederbeutel stecken, den sie unter dem Leibchen festgenäht hat.

So wuchs die Summe, und in diesem Sommer war das Kirchspiel Svartsjö sehr nahe daran, eine richtige Kirchenbibel zu bekommen. Aber da hörte die alte Bolls Oestlund ganz zufällig von den schwedischen Bauern, den Svenskbyern, die aus Rußland in die Heimat zurückgekehrt waren.

Anfangs interessierten sie diese Leute nicht im allergeringsten. Vielleicht, daß sie sogar diese Menschen, die Heim und Hof, Hausrat und Vieh, Schule und Kirche und die Gräber der Toten verließen, um in ein Land zu ziehen, wo sie keine Scholle Erde besaßen, als rechte Narren betrachtete.

* * *

Aber eines Tages erzählte ihr jemand von der alten schwedischen Bibel der Svenskbyer, die dreihundert Jahre alt war und sie auf all ihren Wegen begleitet hatte. Sie war Feuer und Flamme. Bibeln, das war etwas, das ihr am Herzen lag.

Eine Bibel, die dreihundert Jahre alt war, wie mochte die wohl aussehen? War sie mit goldenen Buchstaben gedruckt? Vielleicht maß sie eine ganze Elle im Quadrat und hatte auf jeder Seite bunte Bilder?

Aber wo sollten nun diese armen Menschen, die kein Dach über dem Kopfe hatten, ein solches Kleinod verwahren?

Was ging wohl in ihr vor? Vielleicht, daß sie sich ganz dunkel an etwas erinnerte, das sie in ihrer Kindheit in ihrer Mutter Bibel gelesen, von einer seltsamen Wanderung durch die Wüste zu einem gelobten Lande? Vielleicht daß ihr etwas vom Berge Sinai und dem Tabernakel vorschwebte. Stellte sie sich vielleicht vor, daß es die alte Bibel war, die ihr Volk aus Knechtschaft und Unglück heimgeführt hatte? Glaubte sie, daß geheime Kräfte in ihren Lederdeckeln schlummerten und daß sie in besonderer Weise geehrt und hochgehalten werden sollte?

Oder war es ganz einfach so, daß sie nun schon so sehr daran gewohnt war, immer wieder gehindert zu werden, diese Kirchenbibel zu kaufen, daß sie es nicht lassen konnte, zu glauben, es sei nun wieder Gottes Absicht, daß sie ihr Geld für etwas anderes hingeben sollte, als das, wofür sie ihr ganzes Leben lang gespart und gearbeitet hatte? – – –

* * *

Eines Tages im Herbst kam Fräulein Emanuelsson, die prächtige alte Volksschullehrerin, die alle Kinder der Gemeinde lesen gelehrt hatte, in das Altersheim gewandert. Sie hatte eine Sammelliste für die Svenskbyer mit, und sie kam, um zu fragen, ob der Vorsteher sich nicht mit ein paar Kronen einschreiben wolle.

An eine der Alten im Heim konnte sie natürlich ein derartiges Ansinnen nicht stellen, aber da sie nun schon einmal im Hause war, wollte sie gerne ein Stündchen mit ihnen verplaudern. Sie ging aus einem Zimmer ins andere, und auf diese Art kam sie auch zu Bolla Oestlund, die schmuck und fein neben einem übervollen Blumenfenster in ihrer Kammer saß. Sie war schön, wie ein glücklicher Mensch es mit fünfundsiebzig Jahren sein kann, mit kleinen blassen Röslein auf den Wangen, einer Stirn, die ganz ohne Runzeln war, und einem munteren Leuchten in den Augen.

Die Alten im Versorgungshaus haben eine kleine Schwäche dafür, immer wissen zu wollen, was sich in der Gemeinde ereignet und zuträgt, und so gab sich die Alte nicht eher zufrieden, bis sie nicht wußte, warum die Lehrerin gekommen war. Aber kaum hatte sie gehört, um was es sich handelte, als sie bat, sich die Liste ansehen zu dürfen. Nachdem sie ihre Augengläser aufgesetzt und die kleinen Summen geprüft hatte, die da verzeichnet standen, lächelte sie ein wenig.

»Die Frau Lehrerin will meinen Namen vielleicht nicht dabei haben,« sagte sie. »Die Groschen, die eine alte Armenhäuslerin entbehren kann, sind wohl gar zu wenig. Ich verschandle der Frau Lehrerin am Ende die ganze Liste.«

Aber seht ihr, das meinte Fräulein Emanuelsson gewiß nicht. Bolla Oestlunds Name war der beste, den sie nur dabei haben konnte.

Die Alte zierte sich noch ein bißchen, aber dann nahm sie die Feder, die die andere mithatte, kritzelte ihren Namen hin und schrieb dann einen Fünfer und eine Null in die erste Ziffernkolonne.

Als die Lehrerin die Liste wieder an sich nahm, sah sie ein bißchen bedenklich drein.

»Sie haben sich wohl verschrieben, Bolla?« sagte sie. »Die Ziffern hätten wohl in der andern Reihe stehen sollen?«

Bolla Oestlund merkte, daß die Lehrerin glaubte, sie hätte fünfzig Öre zeichnen wollen, und da fing sie laut zu lachen an.

»Es ist schon recht so, Frau Lehrerin, es ist schon so recht, wie es steht,« sagte sie. Und damit fing sie an, die eine Banknote nach der anderen hervorzukramen.

* * *

Die prächtige alte Volksschullehrerin war nie in ihrem Leben erstaunter gewesen, und sie sagte mit großer Bestimmtheit, daß sie das Geld nicht nehmen könne, bevor sie nicht wisse, wie Bolla dazu gekommen sei. Und da es sich so gut traf, daß sie allein im Zimmer waren, bekam sie die ganze Geschichte zu hören, sowohl die von der Holzbibel, die die Alte ihr ganzes Leben lang versucht hatte aus der Kirche wegzubringen, wie die von der merkwürdigen Bibel aus Gammal-Svenskby, die die Ihren aus dem Lande der Knechtschaft geführt hatte und nun eine eigene Kirche und einen eigenen Altar haben sollte, um darauf zu ruhen.

Fräulein Emanuelsson war recht niedergedrückt gewesen, als sie in das Altersheim gekommen war, denn sie fand, daß es mit der Sammlung gar zu langsam vorwärts ging; und sie hätte nichts dagegen gehabt, mit ganzen fünfzig Kronen auf der Liste wieder fortzugehen, aber als die gute brave Seele, die sie war, ward sie von Mitleid mit Bolla Oestlund ergriffen. Sie fing an, ihr zuzureden, ihr Geld doch so zu verwenden, wie sie es sich ursprünglich gedacht hatte. Um ihr die Sache noch lockender zu machen, malte sie ihr aus, wie schön es an dem Tage, an dem ihre Bibel auf dem Altar lag, in der Kirche sein würde.

Der Pfarrer würde sicherlich von der Kanzel aus ein paar Worte über die Spenderin sagen und ihren Namen nennen. Zum Schluß ließ sie auch etwas darüber fallen, daß Bolla nun schon fünfundsiebzig Jahre alt war. Vielleicht würde sie nicht die Zeit haben, neue fünfzig Kronen zusammenzusparen, und dann wäre ja ihr ganzes Leben verpfuscht.

Aber o nein! Der Rat wurde nicht angenommen. Bolla Oestlunds Entschluß war schon längst gefaßt. Das Geld sollten die Svenskbyer haben.

»Aber Sie müssen sich doch sagen, Bolla, daß fünfzig Kronen nicht genug sind, um eine Kirche zu bauen,« sagte die Lehrerin. »Die langen zu nicht viel mehr als zu einem Stein in der Kirchenmauer.«

Jetzt lachte die Alte nicht mehr. Dies verdroß sie.

»Ja, freilich, wir Alten hier im Versorgungshaus, wir sind so dumm, nicht wahr?« sagte sie, »und die Frau Lehrerin ist so klug. Aber nun habe ich das Meinige getan, und nun überlasse ich Ihm, der Himmel und Erde aus dem Nichts geschaffen hat, das Werk zu vollenden. Und wir werden ja sehen, ob er die Macht hat, damit fertig zu werden.«

Aber nachdem so starke Worte gefallen waren, sah die Lehrerin ein, daß hier nichts anderes zu tun war, als die fünfzig Kronen in Dankbarkeit anzunehmen.

* * *

Etwas später am Nachmittag kam Fräulein Emanuelsson zu dem Bezirksrichter in Ingersrud. Jetzt war sie nicht mehr niedergeschlagen. Wie sie so ging, hatte sie an Bolla Oestlund gedacht, und je mehr sie an sie gedacht hatte, desto fröhlicher und mutiger war ihr ums Herz geworden. Darum ging sie ganz unverzagt zu dem Herrn Bezirksrichter hinein und legte ihm ihre Liste vor.

Der Bezirksrichter trat auch sofort an sein Schreibpult, tauchte die Feder ein und schrieb seinen Namen. Dann grübelte er ein wenig nach, was er wohl geben sollte. Er fand, daß zwei Kronen genug wären, aber dann dachte er daran, was für ein mächtiger Mann er im Kirchspiel war, und so schrieb er eine Fünf in die erste Ziffernkolonne.

Erst nachdem dies geschehen war, fiel es ihm ein, nachzusehen, was für andere Namen auf der Liste standen.

»Wer ist denn die, die Bolla Oestlund heißt und fünfzig Kronen gegeben hat?« rief er.

Als die Frau von jemandem hörte, der fünfzig Kronen gegeben hatte, wurde sie neugierig. Sie stellte sich hinter den Mann und sah sich die Liste an.

»Hier im Kirchspiel gibt es doch niemanden anderen, der Bolla Oestlund heißt, als die im Versorgungshaus?«

»Es ist auch keine andere als eben sie, die sich mit fünfzig Kronen eingeschrieben hat,« sagte nun die Volksschullehrerin, und dann erzählte sie die ganze Geschichte von der Holzbibel und der Svenskbyer Bibel.

Mitten in der Erzählung beugte sich die Frau zu dem Mann hinunter und flüsterte ihm zu: »Das sieht aber doch ein bißchen komisch aus: fünfzig Kronen von Bolla Oestlund im Armenhaus und fünf Kronen von Bezirksrichter Nils Andersson auf Ingersrud. Obendrein stehen die Zahlen noch dicht untereinander!«

Der Bezirksrichter saß still mit der Feder in der Hand da und hörte aufmerksam zu. Aber hier und da blinzelte er mit einem Auge, drehte den Kopf und warf einen Blick auf die Liste. Als Fräulein Emanuelsson fertig erzählt hatte, senkte er die Hand und zeichnete einen Strich vor den Fünfer, so daß nun fünfzehn dastand.

»Ja, das geht ja so halbwegs,« sagte die Frau, aber in etwas unsicherem und zögerndem Ton.

Der Bezirksrichter war selbst auch nicht so recht zufrieden. Er saß noch immer mit der Feder in der Hand da. Er drehte den Kopf hin und her, blinzelte mit dem einen Auge und schien recht ungehalten über das, was er da vor sich auf dem weißen Papier sah.

»Ja, wenn wir es so sagen sollen wie es ist,« sagte seine Frau und versuchte ihm zu Hilfe zu kommen, – »so haben wir auch solch eine alte Holzbibel, die wir gerne weg haben möchten. Ich meine den alten Erker, der schon so schief und baufällig aussieht. Oft und oft haben wir davon gesprochen, daß er eingerissen werden sollte, so daß wir eine nette Glasveranda anbauen können. In ein paar Tagen hätte ja die Arbeit beginnen sollen, aber eher, als daß wir uns von einer Armenhäuslerin zu schämen brauchen, sage ich für mein Teil, daß der Erker einstweilen nur so bleiben soll, wie er ist.«

Als die Frau dies gesagt hatte, senkte der Bezirksrichter ganz sachte die Hand auf das Papier und zeichnete eine Null nach dem Fünfer.

»Was sagst du dazu?« sagte er und zeigte der Frau, was er geschrieben hatte.

»Ich sage, daß ich glaube, Bollas fünfzig Kronen bringen Segen,« sagte die Frau.

* * *

Die alte Volksschullehrerin ging mit leichten Schritten über den Weg. Es begann spät zu werden, aber da sie an diesem Tag Glück zu haben glaubte, wollte sie auch noch bei dem Dorfkrämer in Västansjö einsprechen, bevor sie wieder zu sich nach Hause ging.

Als sie in den Laden trat, stand der Kaufmann über den Ladentisch gebeugt und sprach mit ein paar jungen Mädchen. Es waren Anna und Emilie Andersson, die Töchter des Bezirksrichters auf Ingersrud. Sie waren auf einer Radpartie und hatten hier absteigen müssen, um ihre Radlaternen richten zu lassen, die nicht brennen wollten. Als Fräulein Emanuelsson in den Laden trat, erklärten sie dem Kaufmann gerade, woran der Fehler lag, und er hörte sehr artig und beflissen zu, wie es natürlich war, da der Bezirksrichter zu seinen besten Kunden gehörte.

Hinter Anna und Emilie, ja eigentlich fast an der Türe, stand ein anderes junges Mädchen, das sich gar nicht an dem Gespräch beteiligte. Das war Fräulein Björkbor, die Besitzerin des anderen Kaufladens im Dorfe Västansjö. Sie war mit den Mädchen aus Ingersrud fort gewesen, und darum war sie mit ihnen in den Laden gekommen. Sie und der Kaufmann waren sonst durchaus keine guten Freunde, sie pflegten nie miteinander zu sprechen, so daß Fräulein Emanuelsson ein wenig erstaunt war, als sie sie jetzt im Laden des Konkurrenten stehen sah.

Anna und Emilie machten ihrer alten Lehrerin sofort Platz, und Fräulein Emanuelsson ging geradeswegs auf den Ladentisch zu und reichte dem Kaufmann ihre Liste. Und obgleich sie jetzt schon zu merken begann, was für eine mächtige und wunderbare Liste sie da in der Hand hatte, sagte sie doch ebenso bescheiden und anspruchslos wie immer: »Ich habe da eine kleine Liste für die Svenskbyer mitgebracht. Sie sind doch so gütig, Herr Johansson und schreiben sich mit ein paar Kronen ein?«

»Gewiß, schon dem Fräulein zuliebe,« sagte der Kaufmann artig und nahm die Liste.

Er entfaltete den Bogen, sah sofort nach, welche Namen dastanden und rief:

»Wer ist denn die, die Bolla Oestlund heißt und fünfzig Kronen gegeben hat?«

»Es gibt doch keine andere Bolla Oestlund als die im Altersheim,« sagte Emilie Andersson.

Die Lehrerin erklärte ganz wie bei ihrem vorigen Besuch, daß es tatsächlich die alte Bolla im Versorgungshaus war, die die fünfzig Kronen gezeichnet hatte, und dann erzählte sie ihnen die ganze Geschichte von der Holzbibel und von der Glasveranda des Herrn Bezirksrichters.

Der Kaufmann und die drei Mädchen hörten anfangs etwas zerstreut zu, aber als sie hörten, wie die Frau Bezirksrichter ihren Mann dazu gebracht hatte, hundertfünfzig Kronen zu zeichnen, wurden sie sehr eifrig. Die beiden Töchter strahlten vor Befriedigung, und das Mädchen, das sich in ihrer Gesellschaft befand, kam näher.

»Ja, das ist eine schwierige Sache,« sagte der Kaufmann, nachdem er die Geschichte gehört hatte, und machte ein sehr schlaues Gesicht. »Man will ja gerne zeigen, daß man ein bißchen besser dran ist als Bolla Oestlund. Aber wenn sich ein armer Handelsmann mit ebensoviel einschreibt wie der Herr Bezirksrichter, so kann das vielleicht unschicklich aussehen.«

»Ach, unser Vater würde das nicht übelnehmen,« sagte Anna Andersson.

Der Kaufmann sah sich die Liste nochmals an und schüttelte den Kopf, und man brauchte nicht sehr helle zu sein, um zu merken, daß er geradezu vor Begierde brannte, den Anwesenden zu zeigen, daß er es, was das Geld anbelangt, mit dem Herrn Bezirksrichter schon aufnehmen konnte.

»Der Herr Johansson hat vielleicht auch so eine Holzbibel, die sich bis zum nächsten Jahr gedulden kann,« sagte eine spöttische Stimme.

Der Kaufmann sah auf.

Ja, es war Fräulein Björkbom, die Konkurrentin, die gesprochen hatte und nun dastand und über ihr ganzes schönes Gesicht spöttisch lächelte.

* * *

Der Kaufmann war nicht faul, ihr zu antworten. Er ging in das anstoßende Zimmer und holte Feder und Tinte.

»Hier,« sagte er und wies auf den Federstiel, »hier ist meine Holzbibel. Jawohl, es ist schon, ich weiß gar nicht wie lange, all mein Sehnen und Trachten gewesen, ihn durch eine Schreibmaschine zu ersetzen. Aber nun muß er eben noch ein Jahr lang Dienst tun.«

Damit beugte er sich über die Liste und schrieb sich mit einhundertfünfzig Kronen ein.

Als dies geschehen war, rollte er die Liste zwischen den Händen zusammen.

»Nun ist aber Fräulein Björkbom an der Reihe, nachzudenken, ob sie nicht auch so eine Holzbibel hat, die bis zum nächsten Jahre warten kann,« sagte er, und zugleich flog die Liste über Annas und Emilies Köpfe zu Fräulein Björkbom hinüber.

Aber bei den Worten des Kaufmanns war Fräulein Björkbom ganz blaß geworden, und ihr spöttisches Lächeln war verschwunden. Denn niemand wußte besser als sie, was es bedeutete, wenn Herr Johansson sich eine Schreibmaschine anschaffte. Was für ein Ansehen würde es seinem Laden geben, wenn man das Klappern einer Schreibmaschine hörte, sowie man nur zur Türe hereinkam. Wie würde das seine Stellung stärken, wenn seine Rechnungen maschinengeschrieben ausgeschickt wurden? Das wäre ein unerhörtes Übergewicht. Sie fühlte, wie sie innerlich erzitterte.

»Ja,« sagte sie und trat an den Ladentisch und nahm die Feder, »meine Holzbibel, das ist wohl die alte Laute, auf der ich hier und da zu klimpern pflege und die ich schon so lange mit einem Radio vertauschen wollte. Aber nun muß ich diesen Gedanken wohl noch für eine Zeitlang fahren lassen.«

Der Kaufmann stand da und sah ihr zu, wie sie ihren Namen auf die Liste schrieb. Er wußte, daß sie den Kunden vorzusingen und vorzuspielen pflegte, und daß schon dies recht gefährlich gewesen war. Aber wie wäre es erst gegangen, wenn sie sich einen Lautsprecher angeschafft hätte? Dann hätte er gleich zusperren können.

Als Fräulein Björkbom fertig geschrieben hatte, hob sie den Kopf und lächelte Herrn Johansson zu.

»Sie haben eine so schöne Schrift, Herr Johansson. Sie brauchen gar keine Schreibmaschine.«

Darauf erwiderte Herr Johansson:

»Wer eine so herrliche Stimme hat wie Sie, Fräulein Björkbom, braucht sich wirklich kein Radio anzuschaffen.«

Worauf ihre Augen tief ineinander tauchten wie in unsäglichem Staunen, daß sie sich je in Feindschaft begegnen konnten.

Fräulein Björkbom war diejenige, die sich zuerst losriß. Sie nahm die Liste und reichte sie Fräulein Emanuelsson.

»Ich muß vielmals danken, ich muß ganz ergebenst danken,« sagte diese und knickste.

»Gehen Sie nie mehr mit dieser Liste herum, Frau Lehrerin,« sagte der Kaufmann. »Sie richten sonst das ganze Kirchspiel zugrunde. Die ist ja verzaubert.«

»Es ist ein altes liebevolles Herz, von dem dieser Zauber ausgeht,« sagte die Lehrerin und knickste zur Ladentür hinaus.

 


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