Selma Lagerlöf
Im Heiligen Lande
Selma Lagerlöf

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»Wir werden uns wiedersehen!«

In der Kolonie herrschte eine wunderliche Geschäftigkeit. Alle Darlekarlier hatten so viel auf ihren Zimmern zu tun, daß sie keine Zeit fanden, an ihre tägliche Arbeit auf dem Felde und in den Weinbergen zu denken, und die schwedischen Kinder hatten in der Schule freibekommen, um daheim arbeiten zu können.

Es war beschlossen worden, daß Ingmar und Gertrud in zwei Tagen reisen sollten. Deswegen galt es jetzt, so schnell wie möglich alles das zusammenzubringen, was man mit ihnen in die Heimat schicken wollte.

Jetzt hatte man Gelegenheit, eine kleine Erinnerung an Kameraden zu senden, mit denen man auf der Schulbank gesessen hatte, und an alte Freunde, die einem das ganze Leben hindurch treu gewesen waren. Jetzt konnte man zeigen, daß man hin und wieder einen freundlichen Gedanken für irgendeinen gehabt habe, von dem man sich getrennt hatte, und mit dem man in der ersten schweren Zeit daheim nicht mehr hatte verkehren wollen, und auch an kluge, alte Leute, deren Rat man bei der Abreise übel aufgenommen hatte. Jetzt konnte man den Eltern oder der Braut eine kleine Freude machen, und dem Pfarrer und dem Schulmeister, die sie alle erzogen hatten, eine kleine Aufmerksamkeit erweisen.

Ljung Björn und Kolaas Gunnar saßen den ganzen Tag mit der Feder zwischen ihren steifen Fingern, und schrieben Briefe an Verwandte und Freunde, während Gabriel kleine Becher aus Olivenholz drechselte, und Karin Ingmarstochter eine Menge großer Photographien von Gethsemane und der heiligen Grabeskirche und dem schönen, großen Hause, in dem sie wohnten, und dem prächtigen Versammlungssaal, vor sich liegen hatte, und sie in verschiedene Päckchen verteilte.

Auch die Kinder waren eifrig beschäftigt. Auf kleine, dünne Plättchen aus Olivenholz zeichneten sie Bilder mit Tusche, wie sie es in der amerikanischen Schule gelernt hatten. Und sie fertigten Photographierahmen an, auf die sie Proben von all den verschiedenen Samen und Kernen und Körnern klebten, die man im Morgenlande findet.

Märta Ingmarstochter nahm ein Stück Drell vom Webstuhl und machte sich daran, Namen in Handtücher und Servietten zu sticken, die an ihren Schwager und ihre Schwägerin in der Heimat geschickt werden sollten. Und sie lächelte, während sie daran dachte, daß sie jetzt daheim sehen würden, daß sie das Weben nicht verlernt hatte, sondern daß der Drell ebenso fein und eben war, obwohl er in Jerusalem gewebt worden war.

Die beiden Ingmarstöchter, die in Amerika gewesen waren, standen da und füllten Aprikosen- und Pfirsichmarmelade in Kruken, und auf die Kruken schrieben sie liebe Namen, an die sie nicht ohne Tränen in den Augen denken konnten.

Aber Israel Tomassons Frau stand am Kuchenbrett und rollte Pfefferkuchenteich aus, sie hatte auch noch einen Kuchen im Ofen, den sie nicht aus den Augen lassen durfte. Den Kuchen sollten Ingmar und Gertrud mit auf die Reise haben; aber die Pfefferkuchen, die konnten sich lange halten, so lange es sein sollte, die durften sie nicht anrühren, sondern sie zwischen die alte Frau in Mückelsmohr, die sich an dem Tage, als die Jerusalemfahrer von dannen zogen, so fein gemacht hatte und am Wegesrande stand, und Eva Gunnarstochter verteilen, die einstmals mit zur Gemeinde gehört hatte.

Allmählich, als die kleinen Pakete fertig wurden, brachte man sie zu Gertrud hinein, und die packte sie alle in eine große Kiste.

Wäre aber Gertrud nicht selbst in dem Kirchsprengel geboren, so hätte sie es niemals übernehmen können, alle diese verschiedenen Dinge in die Hände der rechtmäßigen Empfänger abzuliefern, denn auf einigen standen höchst merkwürdige Adressen. Sie mußte wirklich mehrmals nachdenken, ehe sie sich klar darüber werden konnte, wo sie »Franz, der am Kreuzweg wohnte«, und »Liese, die die Schwester von Per Larsson war«, und »Erich, der vor zwei Jahren beim Gemeindevorsteher diente«, finden sollte.

Ljung Björnsson Gunnar kam mit dem größten Paket. Es war adressiert an »Karin, die in der Schule neben mir saß und irgendwo im Hochwalde wohnte«. Den Namen des Vaters hatte er vergessen, aber für Karin hatte er ein Paar Schuhe aus Lackleder mit hohen, spitzen Absätzen angefertigt. Er wußte selbst, daß dies das entzückendste Stück Schuhmacherarbeit war, das je in der Kolonie angefertigt worden war. »Und grüße sie und frage, ob sie nicht bald hierher zu mir kommen will, wie wir verabredet hatten, als ich von Hause fortreiste«, sagte er, indem er Gertrud das Paket anvertraute.

Die Großbauern aber kamen zu Ingmar hin, und gaben ihm Briefe und wichtige Aufträge mit. »Und dann mußt du zum Pfarrer gehen und zum Gemeindevorsteher und zum Schullehrer,« meinten sie schließlich, »und ihnen erzählen, daß du mit deinen eigenen Augen gesehen hast, daß es uns hier gut geht, daß wir in einem richtigen Hause wohnen und nicht in Erdhöhlen, und daß wir ordentliches Essen bekommen, und daß wir arbeiten und einen sittsamen Lebenswandel führen.

* * *

Seit jenem Morgen, als Bo Ingmar auf dem Kirchhof im Tal Josaphat gefunden hatte, herrschte große Freundschaft zwischen ihnen, und sobald Bo nur eine müßige Stunde hatte, saß er bei Ingmar, der jetzt während der Krankheit allein in einem der Gastzimmer wohnte. Aber an dem Tage, als Gertrud vom Ölberge herabgekommen war, und versprochen hatte, mit Ingmar nach Dalarne zu reisen, erschien Bo nicht mehr im Krankenzimmer. Ingmar fragte mehrmals nach ihm, aber niemand war imstande, ihm zu sagen, wo Bo war.

Je weiter der Tag vorschritt, um so unruhiger wurde Ingmar. Im ersten Augenblick, als Gertrud ihm versprochen hatte, mit ihm zu reisen, hatte er sich so froh und glücklich gefühlt. Er hatte nur Dankbarkeit empfunden, daß er sie jetzt endlich aus diesem gefährlichen Lande heimbringen konnte, wohin sie niemals gereist sein würde, wenn er sich nicht gegen sie versündigt hätte. Und sicherlich war er noch immer froh darüber, aber mit jeder Stunde, die ging, ward die Sehnsucht nach seiner Frau heftiger und heftiger. Es schien ihm ganz unmöglich, das durchzuführen, was er sich vorgenommen hatte. Da waren Augenblicke, wo er die allergrößte Lust empfand, Gertrud seine ganze Geschichte zu erzählen, aber bei näherem Nachdenken hatte er doch nicht den Mut, es zu tun. Sobald sie erfuhr, daß er sie nicht mehr liebte, würde sie sich wahrscheinlich weigern, mit ihm nach Hause zu reisen. Und er wußte nicht, ob ihn Gertrud liebte, ihn, Ingmar, oder einen andern. Zuweilen hatte er geglaubt, daß sie Bo liebe, aber jetzt in der letzten Zeit hatte er sich eingestehen müssen, daß Gertrud, so lange sie in der Kolonie gewohnt hatte, sicher keinen anderen als den geliebt hatte, den sie auf dem Ölberge erwartete. Aber wenn sie nun wieder in die Welt hinauskam, so würde möglicherweise die alte Liebe zu Ingmar wieder in ihrem Herzen erwachen. Und wenn dies geschehen sollte, war es doch besser, daß er sich mit ihr verheiratete und versuchte, sie glücklich zu machen, als beständig umherzugehen, und sich nach einer zu sehnen, die nie wieder die seine werden konnte.

Aber obwohl er redlich mit sich selbst kämpfte, wuchs die innere Unlust, die ihn quälte, von Stunde zu Stunde. Während er da mit den verbundenen Augen saß, sah er seine Frau beständig vor sich. Es ist kein Irrtum möglich, sie liebe ich, mit ihr gehöre ich zusammen, dachte er. Keine andere hat Macht über mich.

Ich weiß wohl, was mich bewogen hat, mich in das Unternehmen einzulassen, fuhr er fort. Ich wollte ebenso tüchtig sein wie mein Vater. So wie er die Mutter aus dem Gefängnisse heimführte, so dachte ich, wollte ich Gertrud aus Jerusalem heimführen. Aber ich verstehe jetzt, warum es mir nicht so ergehen kann wie dem Vater. Ich komme zu kurz, weil ich eine andere liebe.

Endlich am Abend kam Bo zu Ingmar herein. Er blieb neben der Tür stehen, als sei es seine Absicht, gleich wieder zu gehen. »Ich höre, daß du nach mir gefragt hast«, sagte er. »Ja,« sagte Ingmar, »du weißt vielleicht, daß ich jetzt nach Hause reise.« »Ich habe gehört, daß es jetzt entschieden ist«, erwiderte Bo kurz.

Ingmar saß mit einem Verband vor beiden Augen da. Er wandte den Kopf nach der Seite, wo Bo stand, als wolle er ihn gern sehen. »Es scheint, daß du es eilig hast«, sagte er. »Ja, ich habe sehr viel zu tun.« Bo trat einen Schritt auf die Tür zu. »Übrigens wollte ich dich gern noch etwas fragen.«

Bo kehrte wieder in die Stube zurück, und Ingmar begann von neuem: »Höre einmal, Bo, hättest du nicht Lust, auf ein oder zwei Monate mit nach Hause zu reisen? Ich glaube wohl, daß deine Mutter sich sehr darüber freuen würde, dich wiederzusehen.« »Ich begreife nicht, wie du auf den Einfall kommen kannst«, sagte Bo. »Ja, wenn du Lust hättest, mitzureisen, so wollte ich dir wohl die Reise bezahlen«, fuhr Ingmar fort. »Ach so«, sagte Bo. »Ja«, sagte Ingmar und wurde immer eifriger. »Deine Mutter ist ja meine einzige Muhme, und ich habe gedacht, ich möchte ihr gern die Freude machen, dich noch einmal wiederzusehen, ehe sie stirbt.« »Du möchtest wohl am liebsten die ganze Kolonie mit nach Hause nehmen«, sagte Bo ein wenig höhnisch.

Ingmar verstummte. Es war seine letzte Hoffnung gewesen, daß er Bo überreden könne, mit nach Hause zu kommen. »Ich glaube, Gertrud würde ihn bald lieber gewinnen als mich, wenn er nur mit fortgehen wollte«, dachte er. »Er ist immer treu gegen sie gewesen, und es muß doch wohl Eindruck auf sie machen, daß er sie so sehr liebt.«

Nach einer Weile begann Ingmar von neuem, Hoffnung zu fassen. Es war gewiß meine eigene Schuld, dachte er; ich habe ihn gewiß nicht auf die rechte Weise gebeten. »Nun ja,« sagte er laut, »ich will ehrlich eingestehen, daß, wenn ich dich darum bitte, es hauptsächlich um meiner selbst willen geschieht.« Bo erwiderte nichts. Ingmar saß da und lauschte auf eine Antwort, aber als keine kam, fuhr er fort: »Ich kann nicht begreifen, wie es mir und Gertrud auf dieser langen, beschwerlichen Reise ergehen soll. Wenn ich die Binde noch immer um die Augen tragen muß, so weiß ich nicht, wie wir in all die kleinen Fährboote hinein- und herauskommen sollen, die uns an die Dampfschiffe führen müssen. Und es wird sehr beschwerlich sein, die Fallreeptreppen und dergleichen zu erklettern. Ich bin geradezu bange, daß ich fehltreten und in die See fallen könnte. Es würde gut sein, wenn wir einen Mann auf der Reise mit hätten.« »Ja, darin hast du recht«, sagte Bo. »Und Gertrud versteht sich gewiß nicht darauf, Fahrkarten für uns zu kaufen.« »Ich bin ganz einig mit dir darin, daß du jemand mitnehmen mußt«, sagte Bo. »Ja,« sagte Ingmar erfreut, »ich dachte ja, du würdest es verstehen, daß es ganz notwendig ist, daß wir einen Begleiter mitnehmen.« »Ich finde, du solltest Gabriel bitten, sein Vater würde sich sicher freuen, ihn wiederzusehen.«

Ingmar schwieg wieder, er schien sehr niedergeschlagen zu sein, als er von neuem begann. »Ich hatte mir nun in den Kopf gesetzt, daß ich dich mitnehmen wollte.« »Nein, mich mußt du nicht um so etwas bitten«, sagte Bo. »Ich bin so glücklich hier in der Kolonie. Du kannst ja sicher jeden anderen Beliebigen mitnehmen.« »Es ist ein großer Unterschied, wer mit mir kommt. Du bist viel mehr gereist, als irgendeiner von den andern.« »Ich kann aber doch nicht«, sagte Bo.

Eine immer größere Unruhe überkam Ingmar. »Das ist eine große Enttäuschung für mich«, sagte er. »Ich glaubte, es sei dein Ernst, wenn du sagtest, daß du mein Freund sein wolltest.« Bo unterbrach ihn schnell. »Ich bin dir sehr dankbar für das Anerbieten, aber ich glaube nicht, daß du etwas sagen kannst, was mich auf andere Gedanken bringen könnte. Darum will ich jetzt nur gleich an meine Arbeit zurückkehren.« Damit wandte er sich schnell um und ging hinaus, ohne Ingmar Zeit zu lassen, noch ein Wort zu sagen.

Als Bo aus Ingmars Zimmer gekommen war, konnte man ihm nicht anmerken, daß er es so eilig hatte, wie er gesagt hatte. Er ging ganz langsam zum Tor hinaus, und setzte sich unter den großen, alten Baum da draußen. Es war schon Abend, und jegliche Spur von Tageslicht war verschwunden, aber die Sterne und ein kleiner, heller Mond strahlten schön am Himmel. Bo hatte keine fünf Minuten da draußen gesessen, als sich das Tor leise auftat, und Gertrud heraustrat. Sie stand erst einen Augenblick da und sah sich um, dann aber entdeckte sie Bo. »Bist du es, Bo?« sagte sie und kam auf ihn zu und setzte sich neben ihn.

»Ich dachte ja, daß ich dich hier draußen finden würde«, sagte Gertrud. »Ja, hier haben wir manch einen Abend gesessen«, sagte Bo. »Das haben wir getan,« sagte Gertrud, »aber jetzt ist es wohl das letztemal.« »Ja, das ist es wohl.«

Bo saß steif und aufrecht da. Seine Stimme klang kalt und hart, so daß man hätte glauben sollen, daß das, worüber sie sprachen, ihm die gleichgültigste Sache von der Welt sei.

»Ingmar erzählte, daß er die Absicht habe, dich aufzufordern, mit uns zu reisen.« »Ja, er hat mich darum gebeten,« sagte Bo, »aber ich habe nein gesagt.« »Ja, ja, ich habe mir wohl gedacht, daß du nicht mit uns reisen würdest«, sagte Gertrud.

Sie saßen eine Weile still und stumm da, als hätten sie einander nichts zu sagen. Aber Gertrud wandte mehrmals das Gesicht nach Bo um und sah ihn an. Er saß eine Weile steif da, den Kopf erhoben und sah zum Himmel empor. Als das Schweigen lange gewährt hatte, sagte Bo, ohne den Blick von den Sternen abzuwenden oder irgendeine Bewegung zu machen: »Wird es nicht zu kalt für dich, solange hier draußen zu sitzen?« – »Du möchtest wohl gern, daß ich fortginge?« sagte Gertrud. Bo senkte den Kopf, als wolle er ja sagen; er glaubte wohl nicht, daß Gertrud das im Dunkeln sehen könnte. Er sagte laut: »Meinetwegen kannst du gern sitzen bleiben.«

»Ich bin heute abend hier hinausgekommen,« sagte Gertrud, »weil ich dachte, es sei unsicher, ob wir uns vor meiner Abreise wieder unter vier Augen sehen würden. Und da wollte ich die Gelegenheit ergreifen und dir für alle die Male danken, die du mich des Morgens nach dem Ölberge hinausbegleitet hast.« »Das habe ich um meiner selbst willen getan«, sagte Bo. »Ich wollte dir auch für damals danken, als du mir das Wasser aus dem Paradiesesbrunnen holtest«, sagte Gertrud mit einem Lächeln. Es schien, als wolle Bo antworten; aber statt der Worte kam etwas, das einem Schluchzen glich.

Gertrud fand, daß an diesem Abend etwas so unendlich Rührendes über Bo liege, und sie hatte das tiefste Mitleid mit ihm. Es ist ein Jammer für ihn, daß wir uns nie wieder sehen sollen, dachte sie. Er ist auch ein tapferer Junge, daß er nicht klagt, und ich weiß ja doch, daß er mich sein ganzes Leben lang geliebt hat. Wenn ich doch nur wüßte, was ich mir ausdenken könnte, um ihn zu trösten. Könnte ich doch nur ein Wort sagen, worüber er sich freuen kann, wenn er des Abends hier unter dem alten Baume sitzt!

Als Gertrud so dachte, war es ihr, als krampfe sich ihr eigenes Herz vor Schmerz zusammen, und ein wunderliches Gefühl, als wenn ihr ganzer Körper versteinert werde, überkam sie. Ich fürchte, daß ich Bo auch entbehren werde, dachte sie, wir haben uns in der letzten Zeit so viel zu sagen gehabt. Ich habe mich nun so daran gewöhnt, zu sehen, daß er froh wird, daß sein ganzes Gesicht strahlt, sobald wir uns begegnen, und es hat mir gut getan zu wissen, daß ich jemand neben mir hatte, der immer zufrieden mit mir war, was ich auch tun mochte.

Sie saß noch eine Weile schweigend da. Sie fühlte die Sehnsucht wie eine Krankheit, die einen plötzlich überfällt, in sich aufsteigen. Was ist es doch nur, was ist es doch nur einmal, was über mich kommt, dachte sie. Die Trennung von Bo kann doch kein so großer Schmerz für mich sein.

Plötzlich begann Bo zu reden. »Ich denke an etwas, was ich heute den ganzen Abend vor mir sehe«, sagte er. – »Erzähle mir doch, was es ist«, sagte Gertrud eifrig. Es war ihr, als werde ihr leichter ums Herz, seit er redete. – »Ja,« sagte Bo, »Ingmar erzählte mir einmal von einem Räderwerk, das er auf dem Ingmarshof hat. Ich glaube, es war seine Absicht, daß ich mit ihm nach Hause kommen und es pachten sollte.« »Das ist ein Beweis dafür, daß Ingmar große Freundschaft für dich empfindet,« sagte Gertrud, »denn er hat nichts, worauf er größeren Wert legt als das.« »Aber nun höre ich dies Sägewerk den ganzen Abend vor meinen Ohren sausen und brausen«, sagte Bo. »Der Gießbach rauscht, die Sägeblätter kreischen, und die Balken liegen da, und prallen im Elf gegeneinander. Du kannst dir nicht vorstellen, wie herrlich das klingt, und dann sitze ich da und denke daran, wie es sein würde, für eigene Rechnung arbeiten zu können und etwas für sich selbst zu haben, und nicht so ganz in einer Kolonie aufzugehen.«

»So, hast du daran gedacht, während du so schweigend hier gesessen hast?« sagte Gertrud in einem ziemlich kühlen Ton, denn sie fühlte sich, sie wußte nicht recht weswegen, durch Bos Worte enttäuscht. »Danach brauchst du doch nicht lange zu seufzen, du brauchst ja nur mit Ingmar nach Hause zu reisen.« »Ja, da ist aber noch etwas anderes«, sagte Bo. »Siehst du, Ingmar hat mir erzählt, daß er Holz fertig liegen hat, um ein Haus neben dem Sägewerk zu bauen. Er sagt, er hat einen Bauplatz auf einem Hügel oberhalb des Gießbaches abgesteckt, da, wo ein paar große Birken stehen. Und dies Haus sehe ich nun den ganzen Abend vor mir. Ich sehe es auswendig und inwendig. Ich sehe die grünen Tannenzweige vor der Tür. Ich sehe das Feuer, das auf dem Herd brennt. Und wenn ich aus dem Sägewerk heimkomme, so sehe ich eine, die dasteht und mich in der offenen Tür erwartet.«

»Jetzt, finde ich, wird es kalt, Bo«, sagte Gertrud, ihn unterbrechend. »Glaubst du nicht auch, daß wir jetzt hineingehen sollten?«

»So, also jetzt willst du hineingehen«, sagte Bo.

Aber doch rührten sie sich nicht vom Fleck, sondern blieben in einem langen, fast ununterbrochenen Schweigen nebeneinander sitzen.

Einmal sagte Gertrud zu Bo: »Ich glaubte, du liebtest die Kolonie mehr als alles andere, Bo, daß du um nichts in der Welt dich von ihr trennen würdest.« »Ach ja,« sagte Bo, »da ist wohl etwas, wofür ich sie opfern würde.« Gertrud saß wieder stumm da und dachte nach, dann sagte sie: »Willst du mir nicht sagen, was das ist?«

Bo antwortete nicht gleich, erst nachdem er sich lange besonnen hatte, antwortete er mit halb erstickter Stimme: «Ich kann es dir ja gern sagen, das wäre, wenn die Frau, die ich liebe, käme und zu mir sagte, daß sie mich auch liebte.«

Gertrud wurde so still, daß sie kaum zu atmen wagte.

Aber obwohl kein Wort gesagt wurde, war es doch, als habe Bo Gertrud sagen hören, daß sie ihn liebe oder so etwas Ähnliches, denn er fing wieder an und sprach sehr schnell: »Du sollst sehen, Gertrud, jetzt erwacht die Liebe zu Ingmar wieder in dir. Du bist eine Weile böse auf ihn gewesen, weil er dich verlassen hat, aber jetzt, wo du ihm verziehen hast, wirst du ihn wohl wieder so lieben wie ehedem.« Er hielt inne, um ihre Antwort abzuwarten, aber Gertrud saß schweigend da. »Es würde schrecklich sein, wenn du ihn nicht liebtest«, fuhr Bo fort. »Denke doch an alles, was er für dich getan hat, um dich wiederzugewinnen! Er wollte lieber blind werden, als ohne dich heimreisen!« »Ja, es würde schrecklich sein, wenn ich ihn nicht lieb hätte«, sagte Gertrud mit fast ersterbender Stimme. Sie begriff, daß sie bis zu diesem Abend in ihrem innersten Innern geglaubt hatte, daß sie nie einen andern lieben könne als Ingmar.

»Ich kann heute abend nicht über mich selber klar werden, Bo«, sagte Gertrud. »Ich weiß nicht, was mit mir ist, aber du mußt nicht mit mir von Ingmar reden.«

Und dann sagte bald der eine, bald der andere etwas davon, daß sie jetzt wohl hineingehen müßten, und doch blieben sie sitzen, bis Karin Ingmarstochter hinauskam und sie rief. »Ich soll euch von Ingmar sagen, ob ihr nicht beide zu ihm hereinkommen wollt«, sagte sie.

Es traf sich so, daß, während Gertrud draußen gesessen und mit Bo geredet hatte, Karin bei Ingmar gewesen war. Karin hatte ihm verschiedene Grüße aufgetragen, die sie in die Heimat senden wollte. Sie zog die Unterhaltung sehr in die Länge, es war deutlich, daß sie ihm etwas zu sagen hatte, was sie schwer herausbringen konnte.

Schließlich sagte sie in einem langsamen und gleichgültigen Ton, daß jeder, der sie kannte, begreifen konnte, daß das, was jetzt kam, ihr eigentliches Anliegen war: »Es ist ein Brief an Ljung Björn von seinem Bruder Peter gekommen.« »So?« sagte Ingmar. »Ich will dir nur sagen, daß ich dir unrecht tat, als wir damals in meiner Stube miteinander sprachen, gleich als du gekommen warst«, sagte Karin. »Ach nein,« sagte Ingmar, »du sagtest nur, was du für Recht hieltest.« »Nein, ich verstehe jetzt, daß du Ursache hattest, dich von Barbro scheiden zu lassen«, sagte Karin. »Ljung Per schreibt, daß sie keine anständige Frau ist.« »Ich habe nie ein böses Wort über Barbro gesagt«, sagte Ingmar. »Sie sagen, es sei ein Kind auf dem Ingmarshof geboren.« »Wie alt ist das Kind?« fragte Ingmar. »Es soll im August geboren sein.« »Das ist eine Lüge«, sagte Ingmar und schlug mit der geballten Faust auf den Tisch. Er hätte fast Karins Hand getroffen, die auf der Tischplatte lag. »Schlägst du mich jetzt?« sagte sie. »Ich habe nicht gesehen, daß deine Hand da lag«, sagte Ingmar.

Karin sprach noch eine Weile hierüber, und Ingmar beruhigte sich bald wieder. »Du kannst dir doch denken, daß ich mich nicht freue, so etwas zu hören«, sagte er. »Jetzt möchte ich dich bitten, Ljung Björn von mir zu grüßen, und er soll nicht weiter hierüber reden, ehe wir wissen, wie viel Wahres hieran ist.« »Ich will schon dafür sorgen, daß er schweigt«, sagte Karin. »Und dann wollte ich dich fragen, ob du nicht Bo und Gertrud bitten willst, zu mir hereinzukommen«, sagte Ingmar.

Als Gertrud und Bo in das Krankenzimmer kamen, saß Ingmar zusammengekauert in einem finsteren Winkel. Sie konnten ihn im Anfang gar nicht sehen. »Was hast du nur, Ingmar?« fragte Bo. »Ich habe das, daß ich etwas übernommen habe, was über meine Kräfte geht«, sagte Ingmar. Er saß da und wiegte sich hin und her. «Ingmar«, sagte Gertrud und ging zu ihm heran, »erzähle mir jetzt ganz aufrichtig, was dich quält! Wir haben nie ein Geheimnis voreinander gehabt, seit wir Kinder waren.« Ingmar saß da und stöhnte. Gertrud trat dicht an ihn heran und legte ihm die Hand auf den Kopf. »Ich glaube, ich kann erraten, Ingmar, was dir fehlt«, sagte sie.

Ingmar erhob plötzlich den Kopf. »Ach nein, Gertrud, du sollst nichts erraten«, sagte er. Im selben Augenblick schob er die Hand in seine Brusttasche, und nahm eine Brieftasche heraus und reichte sie ihr. »Kannst du sehen, daß da ein großer Brief liegt, der an den Pfarrer daheim geschrieben ist?« »Ja,« sagte Gertrud, »der liegt da. »Nun will ich dich bitten, diesen Brief zu lesen,« sagte Ingmar, »du und Bo, ihr sollt ihn beide lesen. Ich habe ihn gleich nach meiner Ankunft hier geschrieben, aber da hatte ich nicht Kraft genug, ihn abzuschicken.«

Bo und Gertrud setzten sich an den Tisch und lasen. Ingmar blieb in seiner Ecke sitzen. Er saß da und hörte, wie sie die Blätter während des Lesens umwandten. Jetzt lesen sie dies und nun dies. Jetzt sind sie an die Stelle gekommen, wo Barbro mir erzählt, wie Berger Sven Persson uns überlistet hat, Mann und Frau zu werden. Jetzt lesen sie, wie sie die silbernen Humpen zurückkaufte, und jetzt müssen sie an die Geschichte gekommen sein, die mir Stig Börnjesson erzählte, und jetzt erfährt Gertrud, daß ich mir nichts mehr aus ihr mache, jetzt sieht sie so recht, welch ein Lump ich bin!

Atemlose Stille herrschte im Krankenzimmer. Gertrud und Bo machten keine Bewegung, außer wenn sie ein Blatt umwandten. Es war, als wagten sie nicht zu atmen.

Und wie soll Gertrud verstehen können, daß es mich gerade heute so überwältigt hat, wo sie nachgegeben hat, daß ich es nun nicht lassen kann, ihr zu sagen, daß ich Barbro liebe, dachte Ingmar.

Und wie soll ich es selbst verstehen, daß, als ich hörte, daß man Barbro verleumdete, es mir klar wurde, daß ich mich nicht an eine andere binden kann? Ich weiß nicht, was mir ist, ich glaube nicht, daß ich je wieder ich selbst werde.

Er lauschte eifrig, wartete unaufhörlich, daß die andern etwas sagen sollten, hörte aber nichts weiter als das Rascheln des Papiers.

Endlich konnte er es nicht länger ertragen. Er schob vorsichtig die Binde von dem Auge, mit dem er noch sehen konnte.

Da sah er Bo und Gertrud an. Sie saßen noch da und lasen, aber ihre Köpfe waren einander so nahe gekommen, daß sie fast Wange an Wange saßen, und Bo hatte den Arm um Gertrud gelegt.

Und während sie lasen, und mit jedem Blatte, das sie umwandten, um so enger rückten sie aneinander. Ihre Wangen glühten, hin und wieder erhoben sie den Blick vom Papier und sahen sich tief in die Augen, und ihre Augen waren so dunkel und strahlend wie nie zuvor.

Als sie endlich mit dem letzten Bogen fertig geworden waren, sah Ingmar, daß Gertrud sich fest an Bo schmiegte, und so saßen sie da und hielten einander umfangen, heftig bewegt und feierlich. Von allem, was sie gelesen hatten, hatten sie vielleicht nichts weiter begriffen, als daß ihrer Liebe nichts mehr im Wege stehe. Und Ingmar faltete leise seine großen Hände, die aussahen, wie die eines alten, abgearbeiteten Mannes und dankte Gott. Und es währte lange, ehe eines von den dreien sich bewegte.

* * *

Die Kolonisten versammelten sich im großen Saal zur Morgenandacht. Es war die letzte Andachtsstunde in der Kolonie, an der Ingmar teilnahm. Er und Gertrud und Bo wollten in ein paar Stunden mit der Bahn nach Jaffa reisen.

Bo hatte am vorhergehenden Tage Mrs. Gordon und einigen von den Leitenden in der Kolonie mitgeteilt, daß es seine Absicht sei, Ingmar nach Schweden zurückzubegleiten und dort zu bleiben. Dadurch war er gezwungen, Ingmars ganze Geschichte zu erzählen. Mrs. Gordon saß lange da und dachte darüber nach, was sie gehört hatte, und dann sagte sie: »Ich glaube nicht, daß jemand die Verantwortung auf sich nehmen kann, Ingmar noch unglücklicher zu machen, als er schon ist. Darum will ich dir auch nichts in den Weg legen, mit ihm heimzureisen. Aber es ist mir so, als wenn du und Gertrud einstmals zurückkehren werdet, und ich bin überzeugt, daß ihr euch auch nie wieder anderswo glücklich fühlen werdet.«

Aber damit Ingmar und die andern mit voller Einigkeit und Freude von der Kolonie scheiden konnten, ward beschlossen, daß die große Mehrzahl der Mitglieder nichts weiter wissen sollte, als daß Bo Ingmar und Gertrud begleitete, um ihnen auf der beschwerlichen Reise behilflich zu sein.

Sobald dann die Morgenandacht beginnen sollte, wurde Ingmar in den Versammlungssaal hineingeführt. Mrs. Gordon erhob sich alsdann und trat ihm entgegen. Sie nahm ihn bei der Hand und führte ihn auf den Platz neben dem ihren. Sie hatte einen bequemen Stuhl für ihn hingestellt und war ihm jetzt mit großer Sorgfalt behilflich, darin Platz zu nehmen. Dann begann Miß Young, die an der Orgel saß, ein Lied zu singen, und die Morgenandacht wurde auf die gewöhnliche Weise abgehalten.

Aber als Mrs. Gordon die kurze Bibelerklärung beendet hatte, die sie jeden Morgen abzuhalten pflegte, erhob sich die alte Miß Hoggs und bat Gott, daß er Ingmar eine gute Reise und glückliche Heimkehr bescheiden möge. Dann erhob sich einer von den Amerikanern und Syriern nach dem andern, und alle baten sie Gott, daß er Ingmar das rechte Licht der Wahrheit schenken möge.

Einige von ihnen beteten mit schönen Worten. Sie versprachen, jeden Tag für Ingmar, der ihr liebster Bruder sei, zu beten, und sie hofften, daß er seine Gesundheit wiedergewinnen würde, und alle wünschten, daß er nach Jerusalem heimkehren möge. Während die Fremden redeten, schwiegen die Schweden. Sie saßen Ingmar gerade gegenüber und sahen ihn an.

Während sie Ingmar ansahen, mußten sie unwillkürlich an das denken, was sicher und gesetzt und wohlgeordnet in dem alten Lande war, und während er hier drüben bei ihnen gewesen war, hatten sie ein Gefühl, daß etwas von alledem zu ihnen gekommen sei. Aber nun, wo Ingmar wieder abreiste, überkam sie die Angst der Hilflosigkeit. Sie fühlten sich so verwirrt in dem gesetzlosen Lande zwischen allen diesen fremden Menschen, die ohne Schonung oder Barmherzigkeit miteinander um Menschenseelen kämpften.

Und dann kehrten ihre Gedanken mit großer Wehmut nach der alten Heimat zurück. Sie sahen die ganze Gemeinde mit den Äckern und Höfen, und die Menschen bewegten sich friedlich und still auf den Wegen. Alles war sicher. Ein Tag folgte dem andern auf dieselbe Weise. Das eine Jahr glich dem andern so sehr, daß man sie fast nicht voneinander unterscheiden konnte. Aber gerade als sich die Bauern der großen Stille in der Heimat erinnerten, kam es über sie, wie groß und berückend es war, daß sie jetzt ins Leben hineingelangt waren, daß sie ein Ziel erhalten hatten, für das sie lebten, und daß sie aus der grauen Einförmigkeit der Tage herausgekommen waren. Einer von ihnen erhob seine Stimme und fing an, auf schwedisch zu beten und sagte: »Ich danke dir, Herr, daß du mich hast nach Jerusalem kommen lassen.«

Dann erhob sich der eine nach dem andern und dankte Gott, weil er ihn nach Jerusalem geführt hatte.

Sie dankten ihm für die liebe Kolonie, die ihre große Freude war, sie dankten ihm, weil ihre Kinder von ihrer frühesten Jugend an in Frieden und Einigkeit mit allen Menschen leben konnten. Sie hofften, daß die Jungen viel weiter in Vollkommenheit gelangen möchten, als sie selber gelangt waren. Sie dankten für Verfolgungen und Leiden, sie dankten für die schöne Lehre, die sie auszubreiten berufen waren.

Keiner setzte sich nieder, ohne Zeugnis abgelegt zu haben von dem großen Glück, das seine Seele erfüllte. Und Ingmar begriff, daß dies alles um seinetwillen gesagt wurde, und daß sie wünschten, daß er daheim erzählen sollte, daß sie alle glücklich seien.

Schließlich, als dieser Strom von Zeugnissen beendet war, stimmte Miß Young ein Lied an, und dann glaubten alle, daß die Feier beendet sei, und erhoben sich, um zu gehen. Da aber sagte Mrs. Gordon: »Heute wollen wir noch ein schwedisches Lied singen.« Da stimmten die Schweden denselben Gesang an, den sie damals gesungen hatten, als sie aus ihrer Heimat fortgezogen waren. »Wir werden uns wiedersehen,« sangen sie, »wir werden uns wiedersehen, wir werden uns wiedersehen. Im Paradies werden wir uns wiedersehen.«

Und als die Töne des Liedes erklangen, waren sie alle so stark bewegt, und den meisten traten Tränen in die Augen. Jetzt dachten sie wieder an alle die, die sie entbehren mußten, und die sie erst im Himmel wiedersehen würden.

Aber in dem Augenblick, als der Gesang beendet war, erhob sich Ingmar und versuchte, ein wenig mit ihnen zu reden. Es war ihm, als müsse er seinen Landsleuten einige Worte sagen, die gleichsam aus dem Lande zu ihnen gesprochen waren, zu dem er jetzt zurückkehrte. »Ich möchte euch gern sagen, daß ich finde, ihr tut uns daheim zu große Ehre an«, sagte er. »Ich finde, daß sich alle freuen müssen, wo sie sich auch begegnen, mag es im Himmel sein oder auf Erden. Ich meine, daß nichts schöner ist, als einen Menschen große Opfer um der Gerechtigkeit willen bringen zu sehen.«



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