Selma Lagerlöf
Im Heiligen Lande
Selma Lagerlöf

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Der Paradiesesbrunnen.

Es wurde ein entsetzlich schwerer Sommer in Jerusalem, mit Wassermangel und Krankheit. Der Winterregen war in diesem Jahre nur spärlich gefallen, und die heilige Stadt, die nicht viel anderes Wasser hatte als den Regen, der sich zur Winterzeit in unterirdischen Brunnen ansammelte, von denen einer sich in jedem Hause befand, hatte bald unter Wassermangel zu leiden. Und während sich die Leute damit begnügen mußten, das modrige, schlechte Wasser zu trinken, das sich auf dem Boden der Brunnen befand, nahm die Krankheit mit entsetzlicher Gewalt zu. Da war kaum mehr ein Haus, in dem nicht irgend jemand an Kinderpocken oder Ruhr oder klimatischem Fieber krank lag.

Die Gordonisten hatten eine arbeitsvolle Zeit; sie waren fast alle durch Krankenpflege in Anspruch genommen. Diejenigen, die lange in Jerusalem gewohnt hatten, schienen nicht empfänglich für die Ansteckung zu sein, sie konnten, ohne daß es ihnen schadete, von einem Krankenbett zum andern gehen. Die Schwedisch-Amerikaner, die schon heiße Sommer in Chicago durchgemacht hatten und daran gewöhnt waren, in Stadtluft zu leben, widerstanden auch der Krankheit wie der Anstrengung. Aber die armen Darlekarlier wurden fast alle krank.

Zu Anfang sah es nicht so schlimm aus. Die meisten gingen noch umher, waren aber nicht imstande, zu arbeiten. Obwohl sie abgemagert waren und beständig Fieber hatten, glaubte niemand, daß es etwas anderes sei als ein vorübergehendes Unwohlsein. Aber nach Verlauf einer Woche starb Birger Persons Witwe und bald darauf einer seiner Söhne. Gleichzeitig stellten sich neue Krankheitsfälle ein. Es schien fast, als sollten alle Darlekarlier auf einmal zugrunde gehen.

Alle Kranken hatten dieselbe Sehnsucht und Begierde. Sie flehten alle um einen Trunk Wasser, um einen einzigen Trunk reinen, frischen Wassers. Es war, als sei das das einzige, was sie nötig hatten, um wieder gesund zu werden.

Wenn man ihnen aber Zisternenwasser anbot, warfen sie den Kopf zurück und wollten es nicht einmal sehen. Obwohl es filtriert und abgekühlt war, fanden sie, daß es modrig rieche und einen widerlichen Geschmack habe. Einige von den Kranken, die versucht hatten, es zu trinken, bekamen heftige Schmerzen und glaubten, daß sie vergiftet seien.

Eines Vormittags, als die Krankheit ihren Höhepunkt erreicht hatte, saßen einige von den Bauern in dem schmalen Schatten draußen vor dem Hause und plauderten miteinander. Fieber hatten sie alle; das war ihren abgezehrten Gesichtern und ihren Augen, die matt und blutunterlaufen waren, leicht anzusehen. Keiner von ihnen nahm irgend etwas vor. Sie rauchten nicht einmal ihre kleinen Kreidepfeifen.

Ihre einzige Beschäftigung bestand darin, zum Himmel emporzusehen, der sich klar und blau über ihren Häuptern wölbte. Sie hielten aufs genaueste Ausguck, und nicht die geringste Wolke, die am Horizont aufstieg, entging ihrem Blick. Sie waren sich alle klar darüber, daß in den nächsten Monaten kein Regen zu erwarten sei. Aber sobald sich eine der weißen Sommerwolken am Horizont erhob, bildeten sie sich dennoch ein, daß ja ein Wunder geschehen könne, und daß es bald anfangen würde zu regnen. »Wer weiß, ob uns Gott nicht doch schließlich noch helfen wird«, sagten sie.

Während sie mit der größten Aufmerksamkeit das Wachsen der Wolken und ihre Bewegung am Himmel verfolgten, saßen sie da und redeten miteinander davon, wie es wohl sein würde, große Tropfen gegen die Mauern und Wände peitschen zu hören, zu sehen, wie das Wasser aus den Dachrinnen plätscherte und den Weg hinabströmte, kleine Steine und Sand mit sich führend. Sie waren sich darüber einig, daß sie keinen Schutz suchen würden, wenn es zu regnen anfing; sie würden ganz still dasitzen und das Wasser auf sich herabströmen lassen. Sie lechzten danach, sich vom Regen durchweicht zu fühlen, ganz so wie das ausgedörrte Erdreich es tat.

Aber wenn die Wolke ein Stück weiter am Himmel hinabgestiegen war, mußten sie sich selbst eingestehen, daß sie kleiner wurde und gleichsam zerschmolz. Zuerst wurden die flaumigen Kanten verzehrt, dann begann das Zerstörungswerk von innen heraus, und sie fiel auseinander in kleine Stücke und Fetzen. Und im Laufe von wenigen Augenblicken war die Wolke verschwunden.

Wenn die Bauern die Wolke nicht mehr sehen konnten, waren sie ganz verzweifelt, und diese erwachsenen Männer waren so entkräftet von der Krankheit, daß sie sich die Hände vor die Augen hielten, um es zu verbergen, falls sie zu weinen anfingen.

Ljung Björn Olofsson, der sich seit Tims Halvors Tode als der Führer der Schweden fühlte, versuchte die andern zu ermuntern. Er fing an, von dem Bach Kidron zu sprechen, der in alten Zeiten durch das Tal Josaphat geströmt war und Jerusalem zu einer wasserreichen Stadt gemacht hatte. Er hatte seine Bibel in der Tasche, schlug darin auf und las alle die Stellen vor, wo der Bach Kidron genannt wird. Er beschrieb ihnen, was für ein großer und mächtiger Fluß der Kidron gewesen war, er hatte Wassermühlen getrieben, und im Winter war er sogar ganz mit Wasser gefüllt gewesen, so daß er über seine Ufer trat und die ganze Gegend überschwemmte.

Man konnte es Ljung Björn anhören, daß es ihm eine förmliche Erquickung war, von diesem großen Fluß zu reden, der einstmals an Jerusalem vorübergeströmt war. Er trug den Fluß wohl immer in seinen Gedanken. Am allermeisten verweilte er bei der Stelle, wo erzählt wird, daß David durch den Bach Kidron watete, als er vor Absalom floh. Ljung Björn beschrieb den andern, wie es sein würde, mit bloßen Beinen in kaltem, rieselndem Wasser zu gehen. »Seht, das möchte ich noch lieber als das Wasser trinken«, sagte er.

Ljung Björn hatte noch viel vom Kidron zu erzählen, als ihn sein Schwager Kolaas Gunnar unterbrach. Gunnar sagte, daß er sich nichts aus dem Bach Kidron mache, der sei ausgetrocknet und verschwunden. Aber seit die schwere Zeit gekommen war, habe er immerwährend an eine Prophezeiung von Hesekiel denken müssen, im vierzigsten Kapitel im ersten und in den folgenden Versen. Sie handle von einem Fluß, der an der Schwelle des Tempels entspringe und über die Ebene dahinfließen sollte bis hinab an das Rote Meer. Kolaas Gunnar schüttelte sein schwarzes Haar aus der Stirn, während er sprach. Seine Augen strahlten, und er erzählte so, daß alle Bauern die Wasserleitung, die aus Jerusalem herabkam, vor ihren Augen sahen. Leise rieselnd, kam das Wasser in einer steinernen Rinne dahergeflossen, dann teilte es sich in viele kleine Bäche, die durch grüne Wiesen rannen. Weiden und Pappeln wuchsen an ihren Ufern, große, dickblättrige Wasserpflanzen hingen über die Wasserfläche hinab, und auf dem Boden des Baches lagen kleine, weiße Steine, die im Wasser glitzerten und rieselten, wenn es darüber hinströmte.

»Und dies wird wahrlich geschehen«, rief Kolaas Gunnar aus. »Denn es ist eine Prophezeiung von Gott, und sie ist noch nicht in Erfüllung gegangen. Ich denke, daß sie sich ja heute oder morgen erfüllen kann.«

Aber als Hök Gabriel Mattsson, der auch mit dort unten war, dies hörte, wurde er sehr eifrig, ließ sich Ljung Björns Bibel geben und las einige Verse aus dem Buch der Chronika vor. »Beachtet dies wohl,« sagte er, »dies ist das Merkwürdigste, das ich jemals gehört habe.« Und er las ihnen vor, daß zu König Hiskias Zeiten verlautete, daß Sanherib auszog, um Jerusalem zu belagern. Da beriet sich Hiskias mit seinen Häuptlingen und Obersten und seinen tapfersten Männern, und sie sagten alle: es ist nicht wert, daß die Assyrer so viel Wasser finden; wenn sie kommen, um unsere Stadt zu belagern. Darauf ging Hiskias mit einer großen Heerschar hinaus und dämmte alle Ströme außerhalb Jerusalems ein, sowohl den großen Fluß, der mitten durch das Land strömte, wie auch alle Quellen.

Als Gabriel dies gelesen hatte, sah er über das öde Land hinaus, das die Kolonie umgab. »Ich habe viel über diese Geschichte nachgegrübelt,« sagte er, »und ich habe die Amerikaner danach gefragt. Und nun will ich euch sagen, was ich über die Sache erfahren habe.«

Gabriel sprach leicht und fließend, ganz so wie sein Vater Hök Matts, wenn der Geist über ihn kam und er anfing zu predigen. Sonst hatte er keine Rednergabe. Aber jetzt, wo das Fieber in seinem Körper raste, strömten ihm die Worte frei und leicht von den Lippen.

»Ja, die Amerikaner haben mir erzählt,« fuhr Gabriel fort, »daß zu König Hiskias Zeiten hier Hochebenen mit unzähligen Wiesen und Bächen bewachsen waren. Korn konnte auf diesem felsigen Erdboden nicht wachsen, aber hier lagen eine Menge Gärten, voll von Granatbäumen und Aprikosenbäumen, von Saffran, Kalmus und Zimt, von Koferbüschen und Narduspflanzen, von allen möglichen wohlriechenden Pflanzen und von allen möglichen köstlichen Früchten. Alle diese Bäume waren gut bewässert, aus den Strömen und Bächen lief das Wasser in jeden Garten, und alle Gartenbesitzer hatten das Recht, zu einer bestimmten Zeit des Tages ihr Besitztum unter Wasser zu setzen.

Aber eines Morgens ging König Hiskias mit seinen Mannen aus, eines Morgens, als alle diese Bäume in ihrer lieblichsten Pracht standen. Als Hiskias auszog, streuten die Mandel- und Aprikosenbäume ihre Blütenblätter auf ihn herab. Die Luft war schwer von Balsamduft, als Hiskias auszog. Und als sich der Tag neigte und Hiskias mit seinem Heer heimzog, standen die Bäume noch ebenso da und grüßten ihn mit ihrem milden Duft.

Aber an diesem Tage war König Hiskias ausgezogen und hatte alle Quellen Jerusalems eingedämmt und auch den großen Fluß, der mitten durch das Land strömte. Und am nächsten Tage war kein Wasser mehr in den kleinen Bächen, die zu den Wurzeln der Bäume hinabflossen.

Einige Wochen später, als die Bäume Frucht ansetzen sollten, da waren sie kraftlos und setzten nur wenig Früchte an, und als die Blätter aus den Knospen hervorbrachen, waren sie klein und verkrüppelt.

Aber dann zog eine schwere Zeit über Jerusalem hin, mit Krieg und großem Unglück. Niemand hatte Zeit, die Quellen wieder zu öffnen und den großen Fluß wieder in sein Bett zu leiten. Und da starben denn die Fruchtbäume auf den Hochebenen um die Stadt ringsherum ab, einige in der ersten Sommerdürre, einige in der zweiten und einige in der dritten. Und rings um Jerusalem herum ward das Land öde, wie es noch heutigen Tages ist.«

Gabriel nahm einen kleinen Stein und bohrte damit in die Erde hinein. »Aber nun geschah es,« fuhr er fort, »daß, als die Juden von Babylon zurückkehrten, sie den Ort nicht finden konnten, wo der Fluß eingedämmt war, und auch den Ursprung konnten sie nicht finden. Und kein Mensch hat ihn bis auf den heutigen Tag gefunden.

Aber wir, die wir hier sitzen und nach Wasser lechzen,« fuhr er fort, »warum gehen wir nicht aus und suchen nach König Hiskias Quellen? Warum gehen wir nicht aus und suchen den großen Fluß und die vielen Quellen? Wenn wir diese fänden, könnten dort wieder Bäume auf der Hochebene wachsen, und dies Land würde reich und fruchtbar werden, und könnten wir sie finden, so würde das mehr wert sein, als wenn wir Gold fänden.«

Als Gabriel seine Rede beendet hatte, fingen die andern an, seine Worte zu erwägen; sie räumten alle ein, daß es sich wohl so verhalten könne, wie er sagte, und daß es vielleicht nicht unmöglich sei, den großen Fluß zu finden. Aber nicht einer von ihnen rührte sich, um hinauszugehen und mit dem Suchen zu beginnen, nicht einmal Gabriel. Seine Worte waren offenbar nichts weiter als ein Einfall, mit dem er seine Sehnsucht zu stillen suchte.

Da ergriff Bo Ingmar Maansson das Wort; er hatte bisher stumm dagesessen und den andern zugehört. Er selbst hatte kein Fieber, aber niemand sehnte sich so nach frischem Wasser wie er. Denn Gertrud war auch dieser Durstkrankheit unterlegen; um ihretwillen sehnte er sich so nach Wasser, daß seine Lippen trocken waren, und daß er ebensowenig wie die andern an etwas anderes zu denken vermochte als an Quellen und Flüsse.

»Ich denke nicht an so heilige und wunderbare Wasser wie ihr«, sagte Bo langsam. »Aber vom Morgen bis zum Abend denke ich an den Fluß, der mit hellem und frischem, mit blauem, glitzerndem Wasser dahinfließt.«

Die Bauern sahen mit gespannter Erwartung in ihren Blicken auf.

»Ich denke an den Elf, der Zuflüsse von vielen Flüssen und Bächen erhält und breit und wasserreich aus dem finsteren Walde herausfließt und so klar ist, daß man alle Kieselsteine auf dem Grunde schimmern sieht. Und dieser Elf ist nicht eingedörrt wie der Bach Kidron, oder nur ein Traum wie Hesekiels Fluß, oder unmöglich zu finden, wie der des Hiskias, sondern er braust und strömt noch heutigen Tags. Ich denke an den Dalelf.«

Die drei Männer erwiderten kein Wort. Schweigend und mit gesenkten Augen saßen sie da. Seit der Dalelf genannt war, konnte sich niemand mehr entschließen, von den Quellen und Flüssen Palästinas zu reden.

* * *

An demselben Tage gegen Mittag fand ein neuer Todesfall statt. Es war eins von Kolaas Gunnars Kindern, das starb, ein kleiner, munterer Junge, den alle lieb gehabt hatten.

Aber nun geschah es, daß niemand um das Kind zu trauern schien; im Gegenteil, alle Darlekarlier waren von einem Entsetzen ergriffen, daß sie sich kaum zu beherrschen vermochten. Sie glaubten alle, daß der kleine verstorbene Junge dort als Vorbedeutung liege, daß es keinem von ihnen möglich sein würde, die Krankheit zu überstehen.

Man machte sich gleich an die gewöhnliche hastige Vorbereitung zu dem Begräbnis, aber diejenigen, die an dem Sarg zimmerten, standen da und dachten daran, wer wohl diese Arbeit für sie verrichten würde. Und diejenigen, die die Leichenkleider ordneten, sprachen während der Arbeit davon, wie sie es haben möchten, wenn sie selber stürben. »Wenn du mich überlebst,« sagte die eine Frau zu der andern, »dann denke daran, daß ich in meinen eigenen Kleidern liegen will.« – »Denke daran,« sagte die andere, »daß ich schwarzen Flor um den Sarg haben will, und ich will meinen Trauring mit mir ins Grab nehmen.«

Mitten bei diesen Vorbereitungen ging ein sonderbares Geflüster durch die Kolonisten. Niemand wußte, wer die Worte zuerst gesagt hatte. Aber als sie erst gesagt waren, setzten sie sich bei ihnen allen fest, und man begann darüber nachzudenken und nachzugrübeln. Wie es so oft geht, fanden alle im Anfang, daß das, was hier vorgeschlagen wurde, unvernünftig und unausführbar war, aber nach und nach fanden sie, daß es ganz vernünftig, ja, daß es das einzige sei, was zu tun war.

Bald sprach man in der ganzen Kolonie, unter den Kranken wie unter den Gesunden, unter den Amerikanern und unter den Schweden, von nichts anderm. »Es wäre am Ende doch am besten, wenn die Schweden wieder nach Hause reisten«, sagte man. Keiner von den Amerikanern konnte verbergen, daß es so aussah, als wenn alle Bauern in Jerusalem sterben müßten. Wie traurig es auch war, daß so viele gute und rechtschaffene Menschen die Kolonie verlassen sollten, so sah es eigentlich so aus, als wenn es keinen andern Ausweg gäbe. Es war besser, daß sie heimreisten und der Sache Gottes in ihrem eigenen Lande dienten, so gut sie konnten, als daß sie hier in der heiligen Stadt umkamen.

Die Schweden meinten zuerst, daß es ihnen ganz unmöglich sei, sich von diesem Lande mit all seinen heiligen Stätten und Erinnerungen loszureißen, und sie schauderten davor, wieder in den Streit und die Unruhe der Welt hinausgestürzt zu werden, nachdem sie sich an dies ruhige, sichere Zusammenleben in der Kolonie gewöhnt hatten. Es gab einige unter ihnen, die meinten, es sei besser, zu sterben, als heimzureisen.

Aber dann kam der Gedanke an die Heimat lockend und betörend. »Vielleicht bleibt uns doch nichts weiter übrig, als heimzureisen«, sagten sie.

Plötzlich ertönte die Glocke, die die Kolonisten sonst zu Gottesdiensten und Zusammenkünften im Versammlungssaal zusammenrief. Sie waren alle sehr erstaunt und fast bestürzt, sie begriffen gleich, daß Mrs. Gordon wünschte, daß sie zusammenkommen und über die Heimreise beratschlagen sollten. Sie wußten selbst noch nicht, was sie wollten, aber es lag doch eine Erleichterung in dem bloßen Gedanken, der Krankheit und dem Tode zu entrinnen. Das sah man am besten daran, daß mehrere, die sehr krank waren, aufstanden und sich ankleideten, um mit in den Versammlungssaal zu gehen.

Dort oben herrschte nicht die Ruhe und Ordnung wie sonst bei den Versammlungen. Niemand hatte sich gesetzt, man stand in Gruppen ringsumher und sprach miteinander. Alle waren in starker Erregung, am eifrigsten aber redete Hellgum. Es war leicht zu merken, daß er, der die Darlekarlier überredet hatte, nach Palästina zu reisen, sich von der schweren Verantwortung bedrückt fühlte, die er auf sich genommen hatte. Er ging von dem einen zu dem andern und drang auf die Heimreise.

Mrs. Gordon war sehr bleich; sie sah müde und leidend aus. Sie war sich offenbar so wenig klar darüber, was sie wollte, daß sie sich davor fürchtete, die Verhandlungen zu beginnen. Niemand hatte sie jemals so schwankend gesehen.

Die Darlekarlier schwiegen fast alle. Sie waren zu krank und schlaff, um selbst einen Entschluß zu fassen. Sie standen da und warteten darauf, daß die andern für sie beschließen würden.

Einige von den jungen amerikanischen Mädchen waren außer sich vor Mitleid. Sie weinten und baten, daß diese kranken Menschen nach Hause geschickt werden möchten, daß man sie hier nicht sterben lassen solle.

Während eifrig für und wider geredet wurde, öffnete sich die Tür fast lautlos, und Karin Ingmarstochter trat ein.

Karin Ingmarstochter war jetzt sehr gebeugt und zusammengefallen. Sie war auffallend gealtert, das Gesicht war klein und eingefallen, und das Haar war ganz grau.

Nach Halvor Halvorssons Tode verließ Karin nur selten ihr Zimmer. Sie saß dort allein in ihrem großen Stuhl, den Halvor ihr gezimmert hatte. Von Zeit zu Zeit entschloß sie sich, etwas für die beiden Kinder zu nähen oder zu flicken, die noch am Leben waren, in der Regel aber saß sie da, die Hände im Schoß gefaltet, und starrte vor sich hin.

Niemand konnte anspruchsloser in ein Zimmer treten als Karin. Aber woher es kommen mochte, es wurde auf einmal still, als sie eintrat, und alle wandten sich um und sahen sie an.

Karin ging langsam und bescheiden durch das Zimmer. Sie ging nicht mitten in der Stube, sondern an den Wänden entlang, bis sie zu Mrs. Gordon gelangte.

Mrs. Gordon trat ihr ein paar Schritte entgegen und reichte ihr die Hand.

»Wir sind hier versammelt, um über eure Heimreise zu reden«, sagte Mrs. Gordon zu ihr. »Was sagst du dazu, Karin?«

Karin sank einen Augenblick zusammen, als habe sie einen Schlag erhalten. Ihre Augen nahmen einen Ausdruck tiefster Sehnsucht an. Sie sah sicher den alten Hof vor sich und dachte daran, ob sie je wieder bei dem Feuer in der guten Stube sitzen oder an einem Frühlingsmorgen an dem Heck stehen und sehen würde, wie das Vieh auf die Weide getrieben würde.

Aber das währte nur einen Augenblick. Karin richtete sich sofort wieder auf, und ihr Antlitz nahm seinen gewöhnlichen Ausdruck von zäher Ausdauer an.

»Ich wollte nur eins fragen,« sagte Karin auf englisch und so laut, daß alle sie hören konnten. »Gottes Stimme hat uns befohlen, hierher nach Jerusalem zu ziehen. Hat denn jemand Gottes Stimme uns befehlen hören, daß wir wieder von dannen ziehen sollen?«

Es entstand ein tiefes Schweigen in dem Zimmer, nachdem Karin geredet hatte. Niemand hatte den Mut, auch nur ein einziges Wort zu erwidern.

Aber Karin hatte Fieber wie alle andern, und sie hatte kaum gesprochen, als sie schwankte und fast gefallen wäre. Mrs. Gordon legte den Arm um sie und geleitete sie hinaus.

Als Karin an ihren alten Landsleuten vorüberkam, nickten ihr einige zu: »Hab' Dank, Karin«, sagten sie.

Sobald Karin fort war, begannen die Amerikaner wieder von der Heimreise zu reden, als sei nichts geschehen. Die Darlekarlier erwiderten kein Wort, aber gleich darauf schlich bald der eine, bald der andere hinaus.

»Warum geht ihr denn?« fragte einer der Amerikaner. »Die Versammlung beginnt ja erst, sobald Mrs. Gordon zurückkehrt.«

»Seht ihr denn nicht, daß schon alles entschieden ist?« sagt« Ljung Björn. »Unsertwegen braucht ihr keine Versammlung abzuhalten. Wir waren nahe daran, es zu vergessen, aber jetzt wissen wir es wieder, daß niemand anders als Gott unsere Heimreise bestimmen kann.«

Und die Amerikaner sahen mit Staunen, daß Ljung Björn und alle seine Landsleute den Kopf höher erhoben und weniger mutlos und mitgenommen aussahen, als da sie sich zur Beratung versammelt hatten. Ihre Kraft und Ausdauer kehrten zurück, als sie ihren Weg klar vor sich sahen und nicht daran dachten, der Gefahr entrinnen zu können.

* * *

Gertrud lag krank in der kleinen Kammer, in der sie mit Gunhild gewohnt hatte. Es war traulich und schön darin. Bo und Gabriel hatten alle Möbel angefertigt, und sie waren schöner und zierlicher als die in den andern Zimmern. Die weißen Gardinen und Bettumhänge hatte Gertrud selbst gewebt und mit Hohlsäumen und Spitzen verziert.

Nach Gunhilds Tod war Betsy Nelson, eines der schwedisch-amerikanischen Mädchen, zu ihr in das Zimmer gezogen. Sie war Gertrud eine gute Freundin geworden, und jetzt, wo Gertrud krank war, pflegte Betsy sie mit großer Liebe.

Es war am Abend desselben Tages, an dem bei der großen Versammlung abgemacht worden war, daß die Darlekarlier in Jerusalem bleiben sollten. Gertrud hatte ziemlich hohes Fieber und lag da und redete unaufhörlich. Betsy saß neben dem Bett und sagte hin und wieder einige Worte, um sie zu beruhigen.

Plötzlich sah Betsy, daß die Tür sich leise auftat und Bo hereinkam. Er schlich so still durch die Tür, wie es nur möglich war, kam nicht ganz in die Stube hinein, sondern drückte sich an die Wand und blieb dort stehen. Gertrud schien es kaum zu merken, daß er gekommen war, aber Betsy wandte sich heftig nach ihm um und wollte ihn aus dem Krankenzimmer weisen.

Als sie jedoch Bo ins Gesicht sah, wurde ihr Herz weich, und sie empfand das größte Mitleid mit ihm. »Ach, mein Gott, er glaubt gewiß, daß Gertrud sterben muß«, dachte sie. »Ich kann mir denken, daß es keine Rettung mehr für sie gibt, jetzt, wo die Darlekarlier beschlossen haben, in Jerusalem zu bleiben.«

Es wurde ihr auf einmal klar, wie glühend Bo Gertrud liebte, und sie sagte zu sich selbst: »Es ist am besten, daß er hier drinnen bleibt, der Ärmste. Ich bringe es nicht übers Herz, ihm zu verweigern, daß er sie solange wie möglich sieht.«

Bo erhielt also Erlaubnis, neben der Tür stehen zu bleiben, und da konnte er jedes Wort hören, das Gertrud sagte. Sie hatte kein so hohes Fieber, daß sie phantasierte, aber sie sprach ununterbrochen von Quellen und Brunnen, so wie alle die andern Kranken. Unaufhörlich klagte sie über den entsetzlichen, brennenden Durst, der sie quälte.

Betsy versuchte einmal, ihr Wasser in ein Glas zu schenken und es ihr anzubieten. »Trink dies Wasser«, sagte sie. »Du kannst es sehr wohl trinken.«

Gertrud erhob den Kopf ein wenig vom Kissen, nahm das Glas und führte es an ihre Lippen. Aber ehe sie es noch geschmeckt hatte, warf sie den Kopf zurück. »Kannst du denn nicht merken, wie abscheulich es riecht?« klagte sie. »Willst du mich denn ganz krank machen?«

»Das Wasser hat weder Geruch noch Geschmack«, sagte Betsy geduldig. »Es ist sorgfältig gereinigt und filtriert, damit die Kranken es ohne Gefahr trinken können.«

Sie wollte sie zwingen, es zu trinken, aber Gertrud stieß das Wasser so heftig zurück, daß es auf den Teppich floß.

»Ich meine, du müßtest sehen können, daß ich schon krank genug bin, ohne daß du mich noch zu vergiften brauchst«, sagte sie.

»Du würdest besser werden, wenn du nur versuchtest, das Wasser zu kosten«, sagte Betsy eindringlich.

Gertrud erwiderte nichts, aber nach einer Weile fing sie an zu weinen und zu schluchzen.

»Aber liebstes Kind, warum weinst du nur?« fragte Betsy.

»Es ist doch entsetzlich, daß mir niemand Wasser zum Trinken verschaffen kann«, antwortete Gertrud. »Daß ich hier liegen und vor Durst sterben muß, ohne daß jemand Barmherzigkeit mit mir hat.«

»Du weißt ja recht gut, daß wir dir alle gern helfen möchten, wenn wir nur könnten«, sagte Betsy und streichelte ihr die Hand.

»Warum gebt ihr mir denn kein Wasser?« schluchzte Gertrud. »Mich macht nur der Durst krank. Ich würde in dem Augenblick wieder gesund sein, wo ich einen Trunk reinen, frischen Wassers bekäme.«

»Es gibt kein besseres Wasser als dies in ganz Jerusalem«, sagte Betsy betrübt.

Gertrud hörte nicht auf sie.

»Es würde nicht so schwer sein, wenn ich nicht wüßte, daß hier gutes Wasser zu bekommen ist«, sagte sie. »Hier liegen und an Durst sterben müssen, wenn es in Jerusalem einen ganzen Brunnen voll frischen, reinen Wassers gibt!«

Bo fuhr zusammen, als er diese Worte hörte, und sah Betsy fragend an. Sie zuckte nur die Achseln und schüttelte den Kopf. »Ach, das ist ja nur etwas, was sie sich einbildet«, sagte ihr bleiches Gesicht.

Aber als Bo fortfuhr, sie fragend anzusehen, versuchte Betsy, Gertrud dazu zu bringen, ihr zu erklären, was sie meinte. »Ich glaube nicht, daß wirklich gutes Wasser in Jerusalem zu haben ist«, sagte sie.

»Das ist doch sonderbar, daß du das nicht mehr weißt,« sagte Gertrud, »oder warst du vielleicht damals nicht mit dabei, als wir den alten Platz sahen, wo der Tempel der Juden gestanden hat?«

»Freilich war ich mit dabei.«

»Es war nicht die Omarmoschee,« sagte Gertrud und dachte nach, »nein, es war nicht die schöne Moschee, die mitten auf dem Platz lag, sondern es war in der häßlichen, alten Moschee, die an der einen Querseite liegt. Kannst du dich nicht erinnern, daß da drinnen ein Brunnen war?«

»Dessen erinnere ich mich wohl, aber ich kann nicht begreifen, wie du glauben kannst, daß dort in dem Brunnen das Wasser besser sein sollte als in allen den andern Brunnen der Stadt.«

»Es ist so schwer, so viel reden zu müssen, wenn man so an Durst leidet«, sagte Gertrud. »Du hättest doch auch zuhören können, als Miß Young uns von dem Brunnen erzählte.«

Es verursachte ihr Qual, mit trockenen Lippen und brennender Kehle zu sprechen, aber ehe noch Betsy antworten konnte, war sie in vollem Gange, zu erzählen, was sie von dem Brunnen wußte.

»Dieser Brunnen ist der einzige in Jerusalem, der immer gutes Wasser hat«, sagte sie. »Und das kommt daher, weil seine Quelle im Paradiese liegt.«

»Wie kannst du nur Bescheid über so etwas wissen«, sagte Betsy mit einem Lächeln.

«Ja,« fuhr Gertrud sehr ernsthaft fort, »das weiß ich. Miß Young erzählte, daß ein armer Wasserträger einmal im Sommer, während einer großen Dürre in die alte Moschee ging, um Wasser zu holen. Er hängte seinen Eimer an den Haken des Stricks, der über dem Brunnen hing, und ließ ihn hinab. Aber als der Eimer auf die Wasserfläche aufschlug, fiel er vom Haken und blieb auf dem Boden des Brunnens liegen. Nun, du wirst doch wohl begreifen, daß der Mann seinen Eimer nicht verlieren wollte.«

»Ja, das begreife ich sehr wohl«, sagte Betsy.

»Er eilte deswegen schnell hin, holte ein paar andere Wasserträger und ließ sich von diesen in den Brunnen hinabwinden.«

Hier richtete sich Gertrud auf den Ellbogen auf und sah Betsy mit ihren fieberglühenden Augen an. »Er glitt sehr langsam hinab, und je weiter er kam, um so überraschter wurde er. Denn unten, vom Boden des Brunnens, strömte ihm ein sanftes Licht entgegen. Und als er endlich festen Grund unter den Füßen fühlte, war das Wasser ganz verschwunden, und statt dessen lag da ein herrlicher Garten. Weder Sonne noch Mond schienen dort unten zu scheinen, aber es schwebte ein schwacher Tagesschimmer über dem Garten, so daß er ihn ganz deutlich sehen konnte. Das merkwürdigste war, daß es ihm vorkam, als schlafe alles dort unten. Alle Blumen standen mit geschlossenen Kelchen da, die Blätter der Bäume waren zusammengefaltet, das Gras lag weich auf der Erde. Die schönsten Bäume standen da, ihre Kronen im Schlummer einander zugeneigt, als schliefen sie, und die Vögel saßen stumm und unbeweglich in ihren Kronen. Und nirgends dort unten war etwas Rotes und Grünes, sondern alles war grau wie Asche, – und doch war es sehr schön, weißt du.«

Gertrud erzählte alles sehr umständlich, als komme es ihr darauf an, daß Betsy ihr glauben solle.

»Wie ging es aber dem Mann weiter?« fragte Betsy.

»Ja, der stand erst eine Weile da und konnte gar nicht begreifen, wohin er gekommen war, aber dann fürchtete er, daß die Männer, die ihn hinuntergelassen hatten, die Geduld verlieren könnten, wenn er zu lange fortbliebe. Aber ehe er sich wieder an die Oberfläche der Erde hinaufziehen ließ, ging er zu dem größten und schönsten Baum, der in dem Garten wuchs, und brach einen Zweig ab, den er mitnahm.«

»Ich finde, er hätte gern ein wenig länger unten im Garten bleiben können«, sagte Betsy lächelnd. Aber Gertrud ließ sich nicht stören. – »Als er wieder zu seinen Freunden heraufgekommen war,« fuhr sie fort, »erzählte er ihnen alles, was er gesehen hatte, und zeigte ihnen den Zweig, den er gepflückt hatte. Und höre jetzt: In demselben Augenblick, in dem der Zweig an das Licht gelangte, kam Leben in ihn hinein. Die Blätter entfalteten sich, sie verloren ihre graue Farbe und wurden frisch und lichtgrün. Und als der Wasserträger und seine Freunde dies sahen, begriffen sie, daß er im Garten des Paradieses gewesen war, der unter Jerusalem liegt und schläft, bis er am Tage des jüngsten Gerichts mit neuem Glanz und neuer Herrlichkeit erstehen soll.«

Gertrud atmete schwer und sank auf das Kissen zurück. »Liebes Herz, du wirst so müde von dem vielen Sprechen«, sagte Betsy.

»Ich muß ja sprechen, damit du einsiehst, warum es in diesem Brunnen gutes Wasser gibt«, sagte Gertrud. »Und jetzt ist meine Geschichte auch gleich aus. Du kannst doch begreifen, daß niemand dem Mann geglaubt haben würde, daß er im Paradies gewesen war, wenn er den kleinen Zweig nicht mitgebracht hätte. Aber dieser Zweig glich keinem der Bäume, den die Menschen sonst kannten, und deswegen wollten seine Freunde auch gleich in den Brunnen hinabsteigen und das Paradies sehen. Aber nun war das Wasser wieder in den Brunnen zurückgekehrt, und wie tief sie auch hinabtauchten, konnten sie doch nicht auf den Boden gelangen.«

»Hat denn sonst nie jemand das Paradies wieder zu sehen bekommen?« fragte Betsy. – »Nein, niemals, und seit der Zeit ist das Wasser auch nie aus dem Brunnen verschwunden gewesen, so daß seither niemand auf den Grund des Brunnens hat gelangen können, obwohl viele, ja, unzählig viele es versucht haben.«

Gertrud seufzte tief auf, dann begann sie von neuem: »Siehst du, es ist wohl nicht die Absicht, daß wir das Paradies hier im Lande erblicken sollen.« – »Nein, das glaube ich auch«, räumte Betsy ein. – »Aber das wichtigste für uns ist doch, zu wissen, daß es da liegt und schläft und auf uns wartet.« – »Ja, das ist das wichtigste.« – »Und nun wirst du doch wohl auch einsehen können, Betsy, daß da immer frisches und reines Wasser in dem Brunnen sein muß, wenn er seine Quelle im Paradiese hat.« – »Liebste, könnte ich dir doch nur das Wasser verschaffen, nach dem du dich so sehnst«, sagte Betsy und lächelte wehmütig.

Als Betsy dies sagte, öffnete eine ihrer kleinen Schwestern die Tür und winkte ihr: »Betsy, Mutter ist krank geworden«, sagte das Kind. »Sie liegt da und ruft nach dir.« Betsy sah unschlüssig aus, sie wußte nicht, ob sie Gertrud verlassen dürfe. Aber sie faßte einen schnellen Entschluß und wandte sich an Bo, der während der ganzen Zeit an der Tür stehengeblieben war. »Du kannst wohl ein wenig hier bei Gertrud bleiben, während ich fort bin.« – »Ja,« erwiderte Bo, »ich werde sie pflegen, so gut ich kann.« – »Versuche nur, ob du sie nicht bewegen kannst, etwas zu trinken, so daß sie von dem Gedanken abgelenkt wird, daß sie verdursten muß«, flüsterte Betsy, indem sie ging.

Bo setzte sich an Betsys Platz neben dem Bett. Es schien Gertrud ganz gleichgültig zu sein, ob er es war oder Betsy, der bei ihr saß. Sie redete doch fortwährend von dem Paradiesesbrunnen und lag da und malte sich aus, wie rein und frisch und erquickend das Wasser von dort sein müsse.

»Siehst du, Bo, ich kann Betsy nicht davon überzeugen, daß das Wasser in dem Brunnen besser ist als anderes Wasser in der Stadt«, klagte sie. »Darum will sie mir nichts davon verschaffen.«

Bo saß da und starrte vor sich hin. »Ich sitze hier und denke daran, ob ich nicht nach Jerusalem hineingehen und etwas von dem Wasser für dich holen könnte«, sagte er.

Gertrud erschrak sehr und packte ihn am Rockärmel, um ihn zurückzuhalten. »Ach nein, daran mußt du nicht denken. Wenn ich mich über Betsy beklage, so geschieht es nur, weil ich so durstig bin. Ich weiß sehr wohl, daß sie mir kein Wasser aus dem Paradiesesbrunnen verschaffen kann. Miß Young erzählte uns ja, daß die Mohammedaner ihn so heilig halten, daß sie nie einem Christen erlauben würden, Wasser daraus zu schöpfen.«

Bo saß eine Weile schweigend da, während er fortfuhr, über die Sache nachzugrübeln. »Ich könnte mich vielleicht als Mohammedaner verkleiden«, sagte er.

»Du darfst nicht an so etwas denken,« sagte Gertrud, »das ist wirklich töricht von dir.« – Aber Bo wollte den Plan nicht aufgeben. »Ich könnte ja mit dem alten Schuster sprechen, der hier in der Kolonie sitzt und unser Schuhzeug flickt. Ich glaube, der würde mir seine Kleider leihen.«

Gertrud lag ganz still und dachte nach. »Ist der Schuhmacher heute hier?« fragte sie. – »Ja, er ist hier«, antwortete Bo. – »Ach, es kann ja doch nichts daraus werden«, seufzte sie.

»Ich glaube, es wird am besten sein, wenn ich mich jetzt um die Nachmittagszeit auf den Weg mache: dann ist da keine Gefahr, daß ich einen Sonnenstich bekomme«, sagte Bo. – »Aber bist du nicht schrecklich bange? Du mußt daran denken, daß, wenn sie entdecken, daß du ein Christ bist, sie dich totschlagen.« – »Ach nein, ich bin nicht bange, wenn ich mich nur ordentlich mit einem roten Fes und einem weißen Turban auskleide, und wenn ich ein Paar zerlumpte gelbe Pantoffeln an den Füßen habe und die Beinkleider in die Höhe streifte, so wie die Wassertrager es tun.« – »Aber worin willst du denn das Wasser tragen?« – »Ich nehme ein Paar von unseren großen kupfernen Eimern und hänge sie mir an einer Tracht über die Schultern«, antwortete Bo.

Er glaubte, daß Gertrud neues Leben bekomme bei der Aussicht, daß er hingehen und Wasser holen wolle, obwohl sie noch Einwendungen machte. Aber schließlich ward es ihm auch klar, wie unmöglich das ganze Vorhaben war. »Ach Gott,« sagte er zu sich selbst, »wie kann ich nur daran denken, Wasser von dem Tempelplatz zu holen, den die Mohammedaner so heilig halten, daß sie einem Christen kaum erlauben, ihn zu betreten. Die Brüder hier in der Kolonie würden mir nicht einmal erlauben, es zu versuchen, wenn ich es auch noch so gern wollte, und es hat ja auch gar keinen Zweck, denn es ist ja sicher ebenso schlechtes Wasser in dem Paradiesesbrunnen wie in allen den andern.«

Während er hierüber nachdachte, überraschte es ihn, daß Gertrud plötzlich sagte: »Um diese Zeit des Tages sind wohl nicht viele Menschen auf der Straße.« – »Jetzt erwartet sie offenbar, daß ich gehe,« dachte Bo, »nun habe ich mich schön hineingeritten. Und Gertrud sieht so vergnügt aus, daß ich ihr nicht sagen mag, daß das Ganze unmöglich ist.«

»Nein, da hast du recht«, sagte Bo zögernd. »Es wird sicher alles gut gehen, bis ich an das Tempeltor komme, falls ich da keinem von den Kolonisten begegne.« – »Meinst du denn, daß die es dir verbieten würden?« fragte Gertrud und sah ganz erschreckt aus. Bo hatte gerade die Absicht gehabt, etwas nach der Richtung anzudeuten, um sie von dem Plan abzubringen, aber als er ihre Angst sah, konnte er es nicht übers Herz bringen. »Die sollen es schon lassen, es mir zu verbieten«, erwiderte er munter. »Denn sie können mich nicht einmal erkennen, wenn ich als Wasserträger verkleidet komme und mir die großen Eimer um die Beine baumeln.« Gertrud sah beruhigt aus. Ihre Gedanken schlugen gleich eine andere Richtung ein. »Sind die Eimer denn so groß?« fragte sie. – »Ja, das kannst du mir glauben, die sind groß; das Wasser, das darin ist, kannst du in vielen Tagen nicht austrinken.«

Darauf lag Gertrud schweigend da, aber sie sah Bo mit Augen an, die ihn so innig anflehten, fortzufahren, daß er nicht widerstehen konnte. »Innerhalb des Damaskustores wird es schlimmer für mich werden«, sagte er. »Ich weiß kaum, wie ich durch das große Volksgewimmel hindurchkommen soll.« – »Aber die andern Wasserträger können es ja doch«, wandte Gertrud eifrig ein. – »Ja, denn da sind ja nicht nur Menschen, da sind ja auch Kamele«, sagte Bo. Er bemühte sich, alle erdenklichen Hindernisse zu ersinnen. – »Glaubst du denn, daß du dort lange aufgehalten wirst?« fragte die Kranke ängstlich. Es erging Bo wie vorhin, er konnte sich nicht bewegen, Gertrud zu sagen, daß die ganze Wanderung eine Unmöglichkeit sei. »Hätte ich Wasser in den Eimern gehabt, so hätte ich wohl warten müssen, aber jetzt, wo sie leer sind, kann ich wohl zwischen den Kamelen hindurchschlüpfen.«

Hier schwieg Bo wieder. Aber Gertrud streckte ihre ohnmächtige Hand aus und strich damit liebkosend über die seine. »Es ist so schön von dir, daß du Wasser für mich holen willst«, sagte sie sanft.

»Ach Gott, hilf mir, hier sitze ich und bilde mir ein, daß es sich machen läßt«, dachte Bo. Aber als Gertruds Hand fortfuhr, die seine zu liebkosen, fuhr er fort, davon zu erzählen, wo er dann hingehen wollte. »Dann gehe ich geradeaus, bis ich an die Via Dolorosa komme«, sagte er. – »Ja, da pflegen nie so viele Menschen zu sein«, sagte Gertrud erfreut. – »Nein, da begegne ich wohl niemand weiter als einigen alten Nonnen«, sagte Bo schnell. »Ich setze meinen Weg ohne Hindernisse fort, bis ich an das Seraille und die Gefängnisse komme.«

Hier schwieg Bo von neuem, aber Gertrud lag noch immer da und streichelte ganz leise seine Hand. Es war gleichsam eine stumme Bitte an ihn, fortzufahren. »Ich glaube wirklich, sie fühlt den Durst weniger, nur, weil ich davon rede, daß ich ihr Wasser holen will«, dachte er. «Ich werde ihr wohl erzählen müssen, wie es mir dabei ergeht.

Dort unten an den Gefängnissen gerate ich wohl wieder ins Gedränge und in Menschengewimmel hinein«, fuhr er fort. »Denn die Polizei wird wohl wie gewöhnlich mit einem Dieb herbeigeschleppt kommen, den sie ins Gefängnis führen will. Und dann bleiben ja immer eine Menge Menschen stehen und reden darüber.« – »Du gehst aber doch so schnell du nur kannst vorüber?« sagte Gertrud. – »Nein, das kann mir nichts nützen, denn dann würden sie ja alle gleich sehen, daß ich keiner von den Eingeborenen bin. Nein, ich bleibe stehen und lausche, als ob ich neugierig darauf bin, zu erfahren, wie das Ganze zusammenhängt.« – »Aber wenn du doch nichts davon verstehen kannst?« – »Ach, so viel verstehe ich doch wohl, daß es einer ist, der gestohlen hat.

Wenn alle die Leute dann endlich begriffen haben, daß sie nun nichts mehr von dem Dieb zu sehen bekommen, dann läuft der Haufe auseinander, und ich gehe weiter. Jetzt brauche ich nur noch durch ein dunkles Torgewölbe zu gehen, dann bin ich gleich auf dem Tempelplatz. Aber ich bin sicher, daß, gerade als ich über eins der Kinder hinwegschreiten will, das mitten auf der Straße liegt und schläft, mir ein Junge ein Bein stellt, so daß ich stolpere und mir ein schwedischer Fluch entfährt. Dann erschrecke ich mich natürlich sehr und schiele nach den Kindern hinüber, um zu sehen, ob sie etwas gemerkt haben. Aber die liegen ganz gleichgültig und träge da und wälzen sich im Schmutz herum.«

Gertruds Hand lag noch immer liebkosend auf Bos, und das machte ihn so über die Maßen glücklich, er ward so angeregt davon, daß er hätte sagen und tun können, was es auch sein mochte, nur, um ihr zu gefallen. Es war, als ob er einem Kinde Märchen erzähle, und er fing an, sich damit zu belustigen, seine Erzählung mit vielen wunderlichen Abenteuern auszuschmücken. »Nun muß ich, so viel ich kann, aus diesem Gange machen,« dachte er, »denn es amüsiert sie offenbar, hinterher muß ich dann sehen, wie ich mich aus dem Ganzen herauswickle.«

»Ja, ich komme also in den Sonnenschein auf den großen, offenen Tempelplatz hinaus,« sagte Bo, »und du kannst mir glauben, daß ich im ersten Augenblick sowohl dich als auch den Brunnen und das Wasser, das ich holen soll, ganz vergesse.« – »Was in aller Welt stößt dir denn da zu?« fragte Gertrud und lächelte ihn an. – »Da stößt mir gar nichts zu«, erwiderte Bo mit großer Sicherheit. »Die Sache ist nur die, daß es hier so hell und schön ist und so voller Freuden im Vergleich zu der schwarzen Stadt, aus der ich komme, daß ich gar keine Lust zu etwas anderem habe, als stillzustehen und mich umzusehen. Und dann ist da ja die herrliche Omarmoschee, die auf einer Anhöhe in der Mitte liegt, und all die vielen Pavillons und Torgewölbe und Treppengänge und überdachten Brunnen, und dann all die Erinnerungen! Ich denke daran, daß ich in dem alten Tempelhof der Juden stehe, da wünsche ich, daß die großen steinernen Fliesen, mit denen der Platz gepflastert ist, reden und mir alles erzählen könnten, was sie erlebt haben.«

»Aber glaubst du nicht, daß es gefährlich ist, wenn du so lange dort stehen bleibst, so fremd wie du aussiehst?« fragte die Kranke. – »Gertrud sehnt sich wohl danach, daß ich mich beeilen soll und mit Wasser zu ihr komme«, dachte Bo. »Es ist sonderbar, wie eifrig sie ist, ganz, als glaube sie, daß ich mich wirklich auf dem Wege nach dem Paradiesesbrunnen befinde.«

Aber eigentlich war es Bo so ergangen: er ging so vollständig in seiner Erzählung auf, daß er den ganzen Tempelplatz vor sich sah und von seinen Erlebnissen erzählte, als sei es wirklich alles geschehen.

»Ja, sehr lange bleibe ich auch nicht stehen«, erwiderte er. »Ich gehe an der Omarmoschee vorüber, und vorüber an den großen, schwarzen Zypressen, und hinüber auf die andere Seite, an dem großen Wasserbassin vorbei, von dem sie sagen, daß es das kupferne Gefäß aus Salomons Tempel sein soll. Und überall, wohin ich komme, liegen Menschen auf den Fliesen und lassen sich von dem Sonnenschein braten. An einer Stelle liegt ein Haufen Kinder, die spielen, und an einer andern Stelle steht ein Haufen Tagediebe, die schlafen, und ein Derwischscheik sitzt an der Erde, mit seinen Jüngern um sich herum. Er beugt den Oberkörper hin und her, während er zu ihnen redet, und während ich dastehe und ihnen zusehe, kann ich nicht unterlassen, bei mir selbst zu denken: ›So hat Jesus gewlß auch einmal auf dem Tempelplatz gesessen und seine Jünger unterwiesen.‹ Gerade wie ich da stehe und daran denke, sieht der Derwischscheik auf und richtet seinen Blick auf mich. Du kannst mir glauben, daß ich mich erschrecke; er hat große, schwarze Augen, die einen Menschen durch und durch sehen können.« – »Wenn er nur nicht entdeckt, daß du kein richtiger Wasserträger bist«, sagte Gertrud. – »Ach nein, es scheint nicht so, daß er sich über mich wundert, aber gleich darauf muß ich an wirklichen Wasserträgern vorübergehen, die dastehen und Wasser aus einem Brunnen heraufziehen. Sie rufen mich an, aber ich wende mich um und mache ihnen ein Zeichen, daß ich in die Moschee hinein will. Dann wird es ganz still hinter mir.« – »Ach, wenn sie nun entdecken, daß du kein Muselmann bist!« – »Ich wende mich noch einmal um und sehe ihnen nach; aber sie stehen ganz still, den Rücken mir zugewendet, und reden miteinander.« – »Sie haben vielleicht etwas erblickt, was noch merkwürdiger ist als du!« – »Ja, das haben sie wohl.«

»Dann bin ich endlich ganz dicht an der alten Moschee El Aksa angelangt, in der sich der Paradiesesbrunnen befindet«, sagte Bo. »Und ich komme dicht an den beiden Pfeilern des Tores vorüber, die so nahe beieinander stehen und von denen man sich, wie du weißt, erzählt, daß nur ein Gerechter dazwischen hindurchgehen kann. Ja, sage ich zu mir selbst, ich werde mich schon hüten, mich heute zwischen den Pfeilern hindurchzudrängen, wo ich im Begriff bin, Wasser zu stehlen.« – »Wie kannst du doch nur so etwas denken,« unterbrach ihn Gertrud, »das ist doch das Beste, das du in deinem ganzen Leben getan hast.« –

Gertrud lag nun da und lauschte in froher Erwartung. Sie hatte so heftiges Fieber, daß sie Dichtung und Wirklichkeit nicht mehr auseinander halten konnte, sondern fest überzeugt war, daß Bo sich wirklich auf dem Wege nach dem Paradiesesbrunnen befand, um Wasser zu holen.

»Dann schlüpfe ich aus den Pantoffeln heraus und gehe in die El-Aksa-Moschee«, fuhr Bo fort. Er fand, daß es merkwürdig glatt ging, diese Geschichte zusammenzustellen; aber ihm graute vor dem Augenblick, wo er Gertrud erzählen mußte, daß er ihr das Wasser in Wirklichkeit nicht verschaffen könne. »Und wenn ich dann da hineingekommen bin, sehe ich gleich links den Brunnen in dem ganzen Wald von Säulen. Da hängt eine Winde mit einem Strick und einem Haken darüber, und es ist keine Kunst, die Eimer hinunterzulassen und sie gefüllt wieder heraufzuziehen. Und du kannst mir glauben, das Wasser, das ich aus dem Brunnen ziehe, ist das reinste, klarste Quellwasser. ›Sobald Gertrud dies Wasser zu sehen und zu schmecken bekommt, wird sie schon gesund werden‹, denke ich bei mir selbst, während ich die Eimer fülle.«

»Ja, wenn du nur bald damit nach Hause kommen wolltest«, sagte Gertrud. – »Nun mußt du wissen,« sagte Bo, »daß ich jetzt gar nicht so ruhig bin wie damals, als ich ankam. Jetzt, wo ich das Wasser habe, bin ich bange, es zu verlieren. Und wie ich auf den Ausgang zugehe, werde ich immer ängstlicher, denn es ist mir, als könnte ich Rufe und Schreie hören.« – »Ach, was glaubst du doch nur, was da los sein könnte?« fragte Gertrud, und Bo sah, daß sie ganz blaß vor Angst wurde. Aber Bos Phantasie hatte Flügel bekommen, als er sah, wie interessiert Gertrud war, und er rief aus: »Was da los ist? Das will ich dir sagen. Ganz Jerusalem kommt mir jetzt entgegen.«

Er hielt einen Augenblick den Atem an, als wollte er seiner Überraschung und seinem Schrecken Ausdruck verleihen. »Ja, sie haben sich erhoben, alle die, die da draußen auf den Fliesen lagen und sich sonnten, und nun stehen sie draußen vor El Aksa und rufen, und ihre Rufe bringen Leute von allen Seiten herbei. Aus der Omarmoschee her kommt der oberste Tempelvorsteher mit seinem großen Turban und seinem Fuchspelz gestürzt, und aus dem Tor heraus kommen Kinder, und aus allen Ecken und Winkeln des Tempelplatzes kommen Tagediebe, die da gelegen und geschlafen haben. Und ich sehe nichts vor mir als geballte Fäuste und schreiende Münder und emporgehobene Arme. Und vor meinen Augen ist ein dichter Wirrwarr von buntgestreiften Mänteln und wogenden Gewändern und roten Gürteln und gelben Pantoffeln, die auf die Erde stampfen.«

Bo warf Gertrud einen Blick zu, als er das erzählte. Sie unterbrach ihn nicht mit Fragen, aber sie hörte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zu, und in ihrer Angst hatte sie sich ein wenig von dem Kissen erhoben.

»Ich verstehe kein Wort von dem, was sie mir zurufen, was du dir wohl denken kannst«, fuhr Bo fort. »Aber so viel kann ich doch begreifen, daß sie darüber zornig sind, daß ein Christ gewagt hat, Wasser aus dem Paradiesesbrunnen zu holen.« Gertrud sank ganz bleich auf das Kissen zurück. »Ja, ich kann mir wohl denken, daß du nicht mit dem Wasser zu mir nach Hause kommen kannst,« sagte sie ganz tonlos.

»Nein, das ist nicht so leicht,« dachte er bei sich selbst. Aber als er ihren Kummer sah, ward sein Herz bewegt. »Ich glaube wohl, daß ich es so machen muß, daß das Paradieseswasser dennoch glücklich zu Gertrud gelangt«, dachte er.

»Nahmen sie dir denn das Wasser weg?« fragte Gertrud. – »Nein, zuerst stehen sie nur da und rufen; sie wissen wohl selbst kaum, was sie wollen.« Bo schwieg ein wenig, er wußte wirklich auch selber nicht, was er nun erfinden sollte, um sich aus der Klemme zu ziehen, in die er sich hineingeritten hatte. Da kam ihm Gertrud zu Hilfe. »Ich hoffte, daß der Mann, der mit seinen Jüngern dasaß, dich retten würde«, sagte sie.

Bo atmete tief auf. »Nein, daß du das erraten kannst!« rief er aus.

»Ich sehe nun, daß der große Moscheevorsteher mit dem feinen Fuchspelz anfängt, seinen Leuten Befehle zu erteilen«, fuhr er fort. »Und dann ziehen einige von ihnen ihre Dolche aus dem Gürtel und fahren auf mich ein. Es ist wohl ihre Absicht, mir gleich den Garaus zu machen. Aber sonderbarerweise bin ich gar nicht besorgt um mein Leben. Ich bin nur besorgt, von dem Wasser zu verschütten. Und während sie auf mich zustürzen, setze ich natürlich die Eimer an die Erde und stelle mich davor. Als sie mich dann ergreifen wollen, strecke ich meine Arme aus und stoße sie um. Sie sehen ganz erschreckt aus, während sie zu Boden rollen; sie haben noch nie erfahren, was es heißt, mit einem Darlekarlier ins Handgemenge zu kommen.

Aber sie kommen ja gleich wieder auf die Beine, und es kommen mehrere hinzu. Und nun sind da so viele, daß ich deutlich sehen kann, daß sie Macht über mich gewinnen werden.« – »Aber jetzt sollst du sehen, jetzt kommt der Derwischscheik«, fiel ihm Gertrud in die Rede. Bo nahm sogleich den Gedanken auf. »Ja, er kommt ganz still und würdig gegangen, er sagt einige Worte zu der Volksschar, und gleich halten sie inne mit ihren Drohungen und Angriffen.« – »Ja, ich weiß wohl, was er dann tut«, sagte Gertrud. – »Er sieht mich mit einem klaren und ruhigen Blick an«, sagte Bo. – »Ja, aber was dann?« – Bo strengte sich an, so sehr er konnte, um etwas zu erfinden, aber seine Gedanken standen ganz still. »Ja, du hast es wohl schon erraten«, sagte er, um Gertrud zu verlocken, wieder etwas zu sagen.

Gertrud sah den ganzen Auftritt deutlich vor sich; sie war nicht einen einzigen Augenblick im Zweifel. »Dann schiebt er dich zur Seite«, sagte sie, »und sieht in die Wassereimer hinab.« – »Ja, gerade das tut er«, sagte Bo. – »Er sieht in das Wasser des Paradiesesbrunnens hinab«, sagte Gertrud bedeutungsvoll. Ehe sie aber noch ein Wort mehr gesagt hatte, hatte Bo, ohne selbst zu wissen wie, ihre Gedanken erraten, so daß es ihm auf einmal klar wurde, wie sie sich den Ausgang der ganzen Geschichte dachte. Er fing an, sehr eifrig zu erzählen:

»Du mußt wissen, Gertrud, daß nichts als Wasser in den Eimern war, als ich sie aus El Aksa heraustrug, nichts weiter als klares Wasser.« – »Aber jetzt?« – »Ja, jetzt, als sich der Derwisch darüber beugt, sehe ich ein paar Zweige auf dem Wasser schwimmen.« – »Ja,« sagte Gertrud, »ich wußte ja, daß das geschehen würde. Und an den Zweigen sitzen ein paar zusammengerollte graue Blätter; siehst du das nicht auch?« – »Ja, das sehe ich auch.« – »Er ist wohl eine Art Wundertäter, dieser Derwisch?« – »Das ist er gewiß«, sagte Bo. »Aber er ist auch gut und barmherzig.«

»Und nun beugt er sich nieder, nimmt die Zweige und hebt sie in die Höhe«, sagte Gertrud. »Und da entfalten sich die Blätter und bekommen die schönste frische, grüne Farbe.« – »Und dann bricht die ganze Volksschar in einen Schrei des Entzückens aus«, beeilte sich Bo hinzuzufügen. »Und mit den frischen Blättern in der Hand geht der Derwisch zu dem Vorsteher der Moschee. Er zeigt auf die Zweige, und er zeigt auf mich. Ich kann mir ja denken, was er sagt: ›Dieser Christ hat ja Blätter und Zweige aus dem Paradiesesbrunnen heraufgeholt, könnt ihr da nicht begreifen, daß er unter Gottes Schutz steht, es kann nicht angehen, ihn totzuschlagen.‹

Darauf tritt er auf mich zu, noch immer mit den schönen Blättern in der Hand. Ich sehe, wie diese im Sonnenlicht schimmern und die Farbe wechseln. Bald sind sie rot wie Kupfer und bald blau wie Stahl. Er hilft mir die Tracht auf die Schultern und macht mir ein Zeichen, daß ich gehen soll. Und ich gehe so schnell, wie ich kann. Aber ich kann nicht unterlassen, mich noch ein paarmal umzudrehen. Und immer noch steht er da und hält die schimmernden Blätter in die Höhe, und die Volksmenge steht ganz still und sieht ihn an. Und so bleibt er stehen, bis ich ganz vom Tempelplatz heruntergekommen bin.«

»Ach, Gott segne ihn«, sagte Gertrud. Sie lag da und lächelte Bo zu. »Und nun kommst du gut nach Hause mit dem Wasser aus dem Paradiesesbrunnen?«

»Ja,« sagte Bo, »jetzt ist alle Gefahr überstanden, jetzt komme ich wohl glücklich nach Hause.«

Im selben Augenblick erhob Gertrud erwartungsvoll den Kopf und lächelte wieder. »Ach, lieber Gott, sie glaubt sicher, daß ich jetzt das Wasser hier habe«, dachte Bo, »es war schändlich von mir, sie so zu hintergehen. Sie stirbt sicher, wenn ich ihr sage, daß nichts von dem Wasser hier ist, nach dem sie sich so sehnt.«

In seiner Verzweiflung ergriff er das Glas Wasser, das auf dem Tisch stand, dasselbe Wasser, das Betsy vorhin Gertrud angeboten hatte, und reichte es ihr. »Willst du nicht das Wasser aus dem Paradiesesbrunnen kosten, Gertrud?« sagte er, und seine Stimme zitterte vor Erregung. Er war fast entsetzt, als er Gertrud sich im Bett aufrichten und das Glas mit beiden Händen ergreifen sah. Sie trank die Hälfte des Wassers mit großer Begier. »Gott segne dich,« sagte sie, »jetzt glaube ich, daß ich leben werde.« – »Du sollst gleich noch mehr haben«, sagte Bo. – »Ich möchte gern, daß du auch den andern Kranken von dem Wasser abgibst, daß auch sie genesen«, sagte Gertrud. – »Nein,« sagte Bo, »das Wasser aus dem Paradiesesbrunnen ist nur für dich. Das soll kein anderer kosten.« – »Aber du selbst, willst du denn nicht schmecken, wie herrlich es ist?« sagte sie. – »Ja, das will ich«, sagte Bo. Er nahm das Glas aus Gertruds Hand, drehte es so herum, daß seine Lippen die Stelle berührten, wo sie getrunken hatte, und sah Gertrud mit Augen an, die vor Glückseligkeit strahlten.

Aber ehe er noch das Glas geleert hatte, war Gertrud auf das Kissen zurückgesunken und eingeschlafen, so leicht und schnell wie ein Kind.



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