Selma Lagerlöf
Im Heiligen Lande
Selma Lagerlöf

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Auf dem Ölberge

Ingmar wurde von einem Arzt aus dem großen englischen Augenhospital behandelt. Der kam jeden Tag nach der Kolonie hinaus, um ihm einen Verband anzulegen. Ingmars Augen heilten schnell, und er fühlte sich so gesund, daß er das Bett verlassen und auf sein konnte.

Aber eines Morgens bemerkte der Arzt, daß das gesunde Auge rot und geschwollen war. Er wurde unruhig und gab sofort Anordnungen, wie dies Auge behandelt werden sollte. Dann wandte er sich an Ingmar, und sagte ihm gerade heraus, daß er am besten tue, Palästina so schnell wie möglich zu verlassen. »Ich fürchte, Sie sind von der gefährlichen ägyptischen Augenkrankheit angesteckt worden«, sagte er. »Ich werde für Sie tun, was ich kann, aber Sie haben ja jetzt nur noch ein Auge, und das ist nicht kräftig genug, um der Ansteckung zu widerstehen, die hier überall in der Luft liegt. Wenn Sie hier bleiben, werden Sie zweifelsohne in einigen Wochen blind sein.«

Es entstand großer Kummer in der Kolonie, nicht allein unter Ingmars Verwandten, sondern auch unter den andern Kolonisten. Sie sagten alle, Ingmar habe ihnen die größte Wohltat dadurch erwiesen, daß er sie überredet habe, ihr Brot im Schweiße ihres Antlitzes zu verdienen, wie andere Menschen, und daß so ein Mann wie er, die Kolonie niemals verlassen sollte. Aber alle waren doch darin einig, daß Ingmar abreisen müsse, und Mrs. Gordon sagte sogleich, einer der Brüder solle sich bereit machen, um Ingmar nach Schweden zu begleiten, da er unmöglich allein reisen könne.

Ingmar hörte lange all das Gerede darüber, daß er reisen sollte, schweigend an. Schließlich sagte er: »Es ist wohl nicht so sicher, daß ich blind werde, selbst wenn ich hierbleibe.« Mrs. Gordon fragte, was er damit meine. »Ich bin noch nicht fertig mit der Arbeit, um derentwillen ich hierhergekommen bin«, sagte er langsam. »Ist es denn Ihre Absicht, daß Sie nicht reisen wollen?« fragte Mrs. Gordon. »Ja,« sagte Ingmar, »es würde sehr hart für mich sein, wenn ich gezwungen wäre, unverrichteter Sache heimzukehren.«

Man sah jetzt erst recht, wie sehr Mrs. Gordon Ingmar schätzte; denn sie suchte Gertrud auf und erzählte ihr, daß Ingmar nicht abreisen wolle, obwohl er Gefahr laufe, zu erblinden, falls er bleibe. »Du weißt wohl, um wessentwillen er nicht abreisen will«, sagte Mrs. Gordon. »Ja«, sagte Gertrud.

Gertrud sah Mrs. Gordon ernsthaft an, sagte aber nichts weiter. Mrs. Gordon konnte sie doch nicht geradezu auffordern, das Versprechen zu brechen, das sie der Kolonie gegeben hatte, aber Gertrud verstand wohl, daß, was sie auch um Ingmars Willen tun würde, man ihr alles vergeben würde. Falls es eine andere als ich wäre, würde Mrs. Gordon wohl nicht so nachgiebig sein, dachte sie ein wenig ärgerlich; sie würde sich gewiß freuen, wenn sie mich los würde.

Den ganzen Tag hindurch kam bald der eine, bald der andere zu Gertrud, und redete mit ihr über Ingmar. Niemand wagte, es ihr geradeaus zu sagen, daß sie mit ihm nach Hause reisen solle, aber die schwedischen Bauern setzten sich zu ihr, und sprachen mit ihr über den Helden, der für die Tote im Tal Josaphat gekämpft hatte, und sie sagten, jetzt habe Ingmar gezeigt, daß er ein echter Sproß des alten Stammes sei. »Es würde ein Jammer sein, wenn so ein Mann erblindet«, sagten sie.

Aber Gertrud hatte den ganzen Tag ein Gefühl, als wenn sie mit einem dieser Träume kämpfe, denen man entfliehen möchte, ohne imstande zu sein, von der Stelle zu kommen. Sie wollte Ingmar helfen, aber sie wußte nicht, woher sie die Kräfte nehmen sollte. Wie kann ich dies für Ingmar tun, jetzt, wo ich ihn nicht mehr liebe? fragte sie sich selbst. Und wie kann ich es unterlassen, es zu tun, wenn ich doch weiß, daß er erblinden wird? fragte sie sich dann wieder.

Am Abend stand Gertrud vor der Kolonie unter der großen Sykomore, und sie dachte noch immer darüber nach, daß sie Ingmar begleiten müsse, daß sie aber nicht die Kraft habe, sich zu entschließen. Da kam Bo zu ihr hinaus.

»Es kommt wohl manchmal vor,« sagte Bo, »daß ein Mensch sich über sein Unglück freut, und über sein Glück traurig wird.«

Gertrud wandte sich jäh nach ihm um, und sah ihn mit ein paar erschreckten Augen an. Sie sagte nichts, aber man konnte sehen, daß sie dachte: Kommst du nun auch, um mich zu hetzen und zu verfolgen?

Bo biß sich auf die Lippe, und sein Gesicht zuckte ein wenig, aber im nächsten Augenblick sagte er doch, was ihm am Herzen lag.

»Wenn da eine ist, die man sein ganzes Leben lang geliebt hat,« sagte er, »so fürchtet man sich ja, sie zu verlieren. Und man fürchtet sich am allermeisten, sie auf die Weise zu verlieren, daß man sieht, daß ihr Herz so hart ist, und nicht vergessen und vergeben kann.«

Bo sprach seine harten Worte in mildem Ton, und Gertrud wurde nicht zornig, sondern sie fing an zu weinen. Sie mußte daran denken, daß sie einmal geträumt hatte, sie steche Ingmar das Auge aus. Jetzt zeigt es sich, daß dieser Traum wahr war; und daß ich wirklich hartherzig und rachsüchtig bin, wie ich es damals im Traum war, dachte sie. Ingmar wird sicher um meinetwillen sein Augenlicht verlieren. Sie war tief betrübt, aber das große Gefühl der Ohnmacht, das sie lähmte, wich noch nicht. Und es wurde Nacht, und sie legte sich schlafen, ohne einen Entschluß gefaßt zu haben.

Am Morgen schickte sie sich zu ihrer gewöhnlichen Wanderung an und ging über die Hügel nach dem Ölberge hinaus. Auf dem ganzen Wege kämpfte sie mit demselben dunklen Gefühl der Ohnmacht. Sie sah, was sie tun mußte, aber ihr Wille war gelähmt und konnte das nicht überwinden, was sie gefesselt hielt. Da fiel ihr ein, daß sie einmal eine Mauerschwalbe gesehen hatte, die zur Erde gefallen war, und die nun dalag und mit den Flügeln schlug und nicht genug Luft bekommen konnte, um sich aufzuschwingen. Gerade so war es ihr, sie lag nun da und flatterte, ohne vom Fleck kommen zu können.

Aber als sie auf den Ölberg hinaufgelangt war und an der gewöhnlichen Stelle stand, wo sie den Sonnenaufgang zu erwarten pflegte, sah sie, daß der Derwisch, der Jesus glich, vor ihr da war. Er saß an der Erde, die Beine unter sich gekreuzt, und seine großen Augen sahen auf Jerusalem hinab.

Gertrud vergaß keinen Augenblick, daß der Mann nur ein armer Derwisch war, dessen einziger Ruhm darin bestand, daß er von seinen Anhängern einen eifrigeren Tanz verlangte als irgendein anderer. Aber als sie sein Antlitz mit den dunklen Rändern um die Augen, und den schmerzlichen Zug um den Mund sah, lief ein Zittern durch ihren Körper. Sie blieb mit gefalteten Händen dicht neben ihm stehen und sah ihn an.

Sie träumte nicht, sie sah keine Gesichte, es war einzig und allein die große Ähnlichkeit, die bewirkte, daß sie meinte, sie sehe eine göttliche Persönlichkeit.

Sie war wieder fest überzeugt, daß, falls er nur vor die Menschen hintreten wollte, es sich zeigen würde, daß er die Tiefe aller Weisheit erreicht habe. Sie glaubte, daß er von Angesicht zu Angesicht mit Gott rede; sie glaubte, daß er den Kelch des Lebens bis auf den Grund gelehrt habe; sie glaubte, daß alle seine Gedanken unbekannten Dingen galten, die kein anderer zu erforschen vermochte.

Sie fühlte, daß, wenn sie krank gewesen wäre, sie schon durch seinen Anblick geheilt werden würde.

Er kann kein gewöhnlicher Mensch sein, dachte sie. Ich fühle ja, daß sich die ganze Seligkeit des Himmels auf mich herabsenkt, nur weil ich ihn sehe.

Sie hatte lange neben dem Derwisch gestanden, ohne daß er sie auch nur beachtet hatte. Plötzlich aber wandte er sich nach ihr um.

Als er sie ansah, kroch Gertrud förmlich zusammen, als könne sie seinen Blick nicht ertragen.

Er betrachtete sie still und stumm wohl eine ganze Minute; dann reichte er ihr seine Hand, damit sie sie küssen sollte, wie das unter seinen Anhängern Sitte war. Gertrud küßte in aller Demut seine Hand.

Darauf bedeutete er sie mit seinem gewohnten Ernst, daß sie ihrer Wege gehen, und ihn nicht länger stören solle.

Gertrud wandte sich gehorsam von ihm ab und ging langsam den Berg hinab. Es war ihr, als liege eine große Bedeutung in der Art und Weise, wie er Abschied von ihr nahm. Es war, als sage er: »Jetzt hast du mir eine Weile angehört und mir gedient, aber nun gebe ich dich frei, lebe jetzt auf der Erde für deine Mitmenschen.«

Als sie sich der Kolonie näherte, schwand der Zauber nach und nach. Ich weiß ja, daß es nicht Christus ist, ich glaube nicht, daß es Christus ist, sagte sie von neuem.

Aber sein Anblick hatte eine große Veränderung in ihr hervorgerufen. Allein dadurch, daß er das Bild Christi ihr vor die Augen geführt hatte, war es ihr, als könne jeder Stein die heilige Lehre wiederholen, die er einmal in diesem Lande verkündet hatte, als sängen die Blumen von der Glückseligkeit, die darin lag, auf seinen Wegen zu wandeln.

Als Gertrud nach der Kolonie zurückkehrte, ging sie zu Ingmar hin. »Jetzt will ich mit dir nach Hause reisen, Ingmar«, sagte sie.

Ingmar atmete ein paarmal tief auf. Es fiel ihm offenbar ein schwerer Stein vom Herzen.

Er nahm Gertruds Hände zwischen die seinen und drückte sie. »Jetzt ist Gott sehr gut gegen mich gewesen«, sagte er.



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