Selma Lagerlöf
Gösta Berling
Selma Lagerlöf

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Alte Lieder

Marianne Sinclaire saß an einem stillen Nachmittag zu Ende August in ihrem Zimmer und ordnete ihre Briefe und andere Papiere.

Alles lag und stand um sie her. Große lederne Reisetaschen und eisenbeschlagene Wagenladen waren ins Zimmer gezogen. Ihre Kleider waren über Stühle und Sofas gebreitet. Vom Boden und aus den Schränken und aus den gebeizten Truhen war alles hervorgeholt, Seide und feine Leinwand schimmerte, Schmucksachen waren herausgelegt, um geputzt zu werden, Schals und Pelzwerk sollten ausgesucht und nachgesehen werden.

Marianne stand im Begriff, sich zu einer langen Reise zu rüsten. Es war ungewiß, ob sie jemals wieder heimkehren würde. Sie stand an einem Wendepunkt in ihrem Leben und verbrannte deswegen eine Menge alter Briefe und Tagebücher. Die Erinnerung an die Vergangenheit sollte sie nicht beschweren.

Wie sie so dasitzt, fällt ihr ein Päckchen alter Lieder in die Hand. Es waren Abschriften von alten Volksliedern, die ihre Mutter ihr vorzusingen pflegte, als sie noch klein war. Sie löste die Schnur, mit der sie zusammengebunden waren, und fing an zu lesen.

Sie lächelte wehmütig, als sie eine Weile gelesen hatte; es war eine wunderliche Weisheit, die diese alten Lieder verkündeten: »Glaube nicht dem Glück, glaube nicht den Zeichen des Glücks, glaube nicht den Rosen und den lieblichen Blumen.

Glaube nicht dem Lachen, sagten sie. Siehe, die schöne Jungfer Valborg fährt in roter, goldverzierter Kutsche, und doch ist sie so traurig, als wenn Hufe und Räder über das Glück ihres Lebens dahingehen sollten.

Glaube nicht dem Tanz, sagten sie. Manch ein Fuß gleitet leicht über die gebohnte Diele dahin, während das Herz schwer wie Blei ist. Jung Kirsten trat den Tanz so heiter und froh, während sie ihr junges Leben fort tanzte.

Glaub' nicht dem Scherz, sagten sie. Mancher geht mit scherzendem Munde zu Tische und würde doch gern sterben, so traurig ist er. Dort sitzt Schön Adelin und läßt sich Herzog Frydenborgs Herz in neun Stücken servieren, fest überzeugt, daß dies der Anblick ist, der ihr Kraft verleihen wird, sterben zu können.«

Ach, ihr alten Lieder, woran soll man glauben? An Tränen und Kummer?

Selten seufzt ein frohes Herz, oft aber lacht ein trauriger Mund. An Tränen und Seufzer glauben die alten Lieder, an Kummer und an Zeichen des Kummers. Der Kummer ist der wirkliche, der bestehende, der feste Grundfelsen unter dem losen Sand. An den Kummer kann man glauben und an die Zeichen des Kummers.

Aber die Freude ist nichts als Kummer, der sich verstellt. Auf der Welt gibt es eigentlich nichts weiter als Kummer.

»Ach, ihr Trostlosen«, sagte Marianne. »Wieviel zu kurz kommt nicht eure alte Weisheit gegenüber der Fülle des Lebens!«

Sie trat an das Fenster und schaute in den Garten hinaus, wo ihre Eltern lustwandelten. Sie gingen auf den breiten Wegen auf und nieder und sprachen über alles, was ihrem Auge begegnete, über das Gras des Feldes und die Vögel des Himmels.

»Siehe«, sagte Marianne, »da geht nun ein Herz und seufzt vor Kummer, obwohl es noch nie zuvor so glücklich gewesen ist.« Und es fiel ihr plötzlich ein, daß schließlich doch wohl alles bei den Menschen selber liege, daß Freude und Kummer nur von ihrer verschiedenen Art und Weise, die Dinge aufzufassen, abhinge. Sie fragte sich selbst, ob es Freude oder Kummer sei, was ihr in dem letzten Jahr widerfahren. Sie wußte es selber kaum.

Sie hatte bittere Zeiten durchgemacht. Ihre Seele war krank gewesen; sie war in ihrer tiefen Erniedrigung zu Boden gebeugt. Denn als sie nach Hause zurückgekommen war, hatte sie zu sich selbst gesagt: »Ich will alles Böse vergessen, was mein Vater getan.« Aber ihr Herz sprach anders. »Er hat mir einen tödlichen Schmerz verursacht«, sagte es, »er hat mich von dem Geliebten getrennt, er hat mich zur Verzweiflung gebracht, als er die Mutter schlug. Ich wünsche ihm nichts Böses, aber ich fürchte mich vor ihm.« Und sie merkte, daß sie sich zwingen mußte, ruhig sitzenzubleiben, wenn ihr Vater sich neben sie setzte; sie empfand die größte Lust, vor ihm zu entfliehen. Sie versuchte, sich zu ermannen, sie sprach mit ihm wie gewöhnlich und hielt sich fast ausschließlich in seiner Gesellschaft auf. Beherrschen konnte sie sich, aber sie litt unsagbar. Es kam schließlich so weit, daß sie alles an ihm verabscheute: seine starke, grobe Stimme, seinen schwerfälligen Gang, seine großen Hände, seine ganze, gewaltige Riesengestalt. Sie wünschte ihm nichts Böses, sie wollte ihm nicht schaden, aber sie konnte sich ihm nicht nähern, ohne ein Gefühl des Entsetzens und des Abscheus zu empfinden. Ihr unterjochtes Herz rächte sich. »Du ließest mich nicht lieben«, sagte es, »aber ich bin dennoch dein Herr, du wirst noch damit enden, mich zu hassen.«

Gewohnt wie sie war, alles zu beobachten, was sich in ihrer Seele rührte, merkte sie sehr wohl, wie dieser Abscheu sich mit jedem Tage steigerte. Gleichzeitig war es ihr, als sei sie für beständig an ihr Heim gebannt. Sie sah ein, daß es am besten sein würde, wenn sie unter Menschen käme, dazu aber konnte sie sich seit ihrer Krankheit gar nicht entschließen. Sie würde niemals Linderung für dies alles finden. Sie würde nur immer unglücklicher werden, und eines schönen Tages würde es mit ihrer Selbstbeherrschung ein Ende haben und sie würde ihrem Vater alles sagen und ihm die ganze Bitterkeit ihres Herzens zu erkennen geben, und dann würde Streit und Unglück entstehen.

So waren der Frühling und der erste Teil des Sommers vergangen. Im Juli hatte sie sich mit Adrian verlobt, um ihr eigenes Heim zu haben.

Eines schönen Vormittags war Baron Adrian auf einem prächtigen Pferd in den Hof gesprengt. Seine Husarenjacke hatte in der Sonne geblitzt und gestrahlt, gar nicht zu reden von seinem eigenen frischen Gesicht und seinen strahlenden Augen. Melchior Sinclaire hatte selber auf der Treppe gestanden und ihn in Empfang genommen, als er kam. Marianne hatte am Fenster gesessen und genäht. Sie hatte ihn kommen sehen und hörte nun jedes Wort, das er mit ihrem Vater sprach.

»Guten Tag, Ritter Sonnenschein!« rief der Gutsherr. »Du bist ja ganz verteufelt fein! Du solltest doch wohl nicht auf Freiersfüßen gehen?«

»Ja, Onkel, da hast du den Nagel auf den Kopf getroffen!« antwortete er lachend.

»Hast du denn keine Scham mehr im Leibe, Junge? Womit willst du denn deine Frau ernähren!«

»Ich habe nichts, Onkel! Hätte ich etwas, so würde ich mich schon hüten, ins Ehejoch zu kriechen.«

»Was du sagst, Ritter Sonnenschein! Aber die gestickte Jacke da hast du dir doch anschaffen können!«

»Auf Kredit, Onkel, auf Kredit!«

»Und das Pferd, auf dem du sitzest, schöner Junker, das ist einen ganzen Packen Geld wert. Woher hast du denn das?«

»Geborgt, Onkel.«

Dem konnte der große Gutsherr nicht widerstehen. »Gott segne dich, mein Junge«, sagte er. »Du hast freilich eine Frau nötig, die dir eine gute Mitgift zubringt. Wenn du Marianne bekommen kannst, so nimm sie nur.«

Auf diese Weise war alles zwischen ihnen klipp und klar gewesen, noch ehe der Baron vom Pferd stieg. Aber Melchior Sinclaire wußte sehr wohl, was er tat, denn Baron Adrian war ein tüchtiger Bursche.

Dann war der Freier zu Marianne hineingegangen und gleich mit seinem Anliegen herausgeplatzt.

»Ach, Marianne, liebe Marianne, ich habe schon mit deinem Vater gesprochen. Ich möchte dich so gern zur Frau haben. Sage, daß du es willst, Marianne!«

Sie hatte ihm die Wahrheit entlockt. Der alte Baron, sein Vater, hatte sich wieder verleiten lassen, mehrere leere Gruben zu kaufen. Sein ganzes Leben lang hatte der alte Baron Gruben gekauft, und es war niemals etwas darin gewesen. Seine Mutter war besorgt, er selber war in Schulden geraten, und nun hielt er um ihre Hand an, um dadurch sein väterliches Gut und seine Husarenjacke zu retten. Sein Heim lag jenseits des Sees, Björne fast gerade gegenüber. Sie kannte ihn sehr gut, waren sie doch Altersgenossen und Spielkameraden.

»Du könntest dich wirklich mit mir verheiraten, Marianne, es ist ein elendes Leben, das ich führe. Ich muß auf geborgten Pferden reiten und kann meine Schneiderrechnung nicht bezahlen. Auf die Dauer kann das ja nicht gehen. Ich muß meinen Abschied nehmen, und dann jage ich mir eine Kugel durch den Kopf.«

»Aber Adrian! was für eine Ehe soll das nur werden? Wir sind ja nicht im geringsten ineinander verliebt.«

»Ja, was die Liebe betrifft, so mache ich mir nichts aus dem Trödel«, hatte er darauf erklärt. »Ich mag gern gute Pferde reiten und auf die Jagd gehen, aber ich bin kein Kavalier, ich will arbeiten. Wenn ich nur so viel Geld hätte, daß ich das Gut daheim übernehmen und meiner Mutter sorgenlose Tage verschaffen könnte, so wollte ich schon zufrieden sein. Ich wollte pflügen und säen, denn ich liebe die Arbeit.«

Und dann hatte er sie mit seinen guten Augen angesehen, und sie wußte, daß er die Wahrheit sprach, und daß er ein Mann war, auf den man sich verlassen konnte. Sie verlobte sich mit ihm, hauptsächlich, um von Hause fortzukommen, aber auch, weil sie ihn stets gut hatte leiden können.

Nie aber würde sie den Monat vergessen, der nun folgte, jenen Augustabend, an dem ihre Verlobung erklärt war, diese ganze Zeit des Wahnsinns.

Baron Adrian war mit jedem Tage schweigsamer und melancholischer geworden. Er kam oft genug nach Björne, zuweilen zweimal am Tage, aber sie konnte nicht umhin zu bemerken, wie verstimmt er war. Wenn er mit andern zusammentraf, konnte er noch scherzen, in ihrer Gegenwart aber wurde er ganz unmöglich, lauter Schweigen und Langeweile. Sie verstand sehr wohl, was ihm fehlte: es war nicht so leicht, wie er es sich gedacht hatte, ein häßliches Mädchen zu heiraten. Jetzt hatte er Widerwillen gegen sie gefaßt. Niemand wußte besser als sie selber, wie häßlich sie war. Sie hatte ihm wohl gezeigt, daß sie kein Verlangen nach Liebkosungen oder Liebesversicherungen besaß, aber es war für ihn natürlich trotzdem eine Qual, sie sich als seine Gattin vorzustellen, und das wurde mit jedem Tage schlimmer. Weshalb quälte er sich selber denn so? Weshalb löste er die Verlobung denn nicht? Sie hatte ihm Winke gegeben, die deutlich genug waren. Sie selber konnte nichts tun. Ihr Vater hatte ihr geradezu gesagt, ihr Ruf vertrüge keine weiteren Extravaganzen in bezug auf Verlobungen. Da hatte sie sie beide gleich gründlich verachtet, und jeder Ausweg, der sie aus dem Bereich dieser ihrer beiden Herren führte, war ihr gut erschienen.

Und dann – nur ein paar Tage nach dem großen Verlobungsfest – war der Umschlag gekommen, plötzlich und wunderbar.

 

Im Kieswege auf Björne gerade vor der Treppe lag ein Stein, der viel Ärgernis und Beschwerden verursachte. Wagen stürzten darüber, Pferde und Menschen fielen darüber, Mädchen, die mit großen Milchbütten vorüberkamen, strauchelten und verschütteten ihre Milch, der Stein blieb aber trotzdem liegen, weil er so viele Jahre dort gelegen hatte. Er hatte schon zu Lebzeiten der Eltern des Gutsherrn dort gelegen, lange ehe irgend jemand daran dachte, Björne zu erbauen. Der Gutsherr konnte nicht einsehen, weshalb er ihn sollte forträumen lassen.

An einem der letzten Augusttage aber geschah es, daß zwei Mädchen, die einen großen Kübel trugen, über den Stein fielen. Sie kamen arg zu schaden, und der Unwille über den Stein war groß.

Es war um die Frühstückszeit. Der Gutsherr machte seinen morgendlichen Rundgang, da aber die Leute gerade auf dem Hofe waren, beauftragte Frau Gustava zwei Knechte, den Stein herauszugraben. Sie kamen mit Spaten und Hebeln, gruben und hoben, und schließlich gelang es ihnen auch, den alten Friedensstörer aus seinem Loch herauszuheben. Dann trugen sie ihn in den Hinterhof; das war eine Arbeit für sechs Mann.

Kaum war der Stein fort, als der Gutsherr heimkehrte und die Zerstörung auf den ersten Blick gewahrte. Da ergrimmte er. Er behauptete, es sei gar nicht mehr dasselbe Gehöft. Wer hatte es gewagt, den Stein fortzuschaffen? Also Frau Gustava hatte den Befehl erteilt! Diese Frauenzimmer hatten doch gar kein Herz im Leibe! Wußte seine Frau denn nicht, daß er den Stein liebte?

Und dann ging er direkt auf den Stein zu, hob ihn mit seinen Armen auf und trug ihn vom Hinterhof wieder auf den Hofplatz hinaus, an den Platz, wo er bisher gelegen hatte; dort warf er ihn hin. Und es war ein Stein, mit dem sechs Männer ihre Mühe gehabt hätten. Diese Tat ward in ganz Wermland sehr bewundert.

Während er den Stein über den Hof trug, hatte Marianne im Eßzimmer am Fenster gestanden und ihn angeschaut. Nie zuvor war er ihr so schrecklich erschienen. Er war ihr Herr, dieser Entsetzliche mit der grenzenlosen Kraft! Ein unvernünftiger, launenhafter Herr, der nie Rücksicht auf etwas anderes nahm als auf seine eigenen Wünsche.

Sie waren beim Frühstück, und sie stand mit einem Tischmesser in der Hand da. Unwillkürlich erhob sie es.

Frau Gustava faßte sie beim Handgelenk. »Marianne!«

»Was hast du nur, Mutter?«

»Marianne, du sahst so entsetzlich aus. Mir wurde ganz bange.«

Marianne sah sie lange an. Sie war eine kleine eingeschrumpelte Frau mit grauem Haar und vielen Runzeln, obwohl sie erst fünfzig Jahre zählte. Sie lebte wie ein Hund, ohne sich an Hiebe und Schläge zu kehren. Sie war fast immer guter Laune und machte trotzdem einen traurigen Eindruck. Sie glich einem sturmgepeitschten Baum am Strande – sie hatte niemals Ruhe zum Wachsen gehabt. Sie hatte es gelernt, krumme Wege zu gehen, sie log, wenn es nötig war, und stellte sich oft dümmer als sie war, um Vorwürfen zu entgehen. Sie war ganz und gar das Werk ihres Mannes.

»Würdest du sehr trauern, Mutter, wenn der Vater stürbe?« fragte Marianne.

»Marianne, du zürnst deinem Vater, du zürnst ihm noch immer. Warum kann denn nicht alles wieder gut werden, jetzt, wo du einen andern Bräutigam hast?«

»Ach, Mutter, ich kann nichts dafür. Was kann ich dafür, daß mir vor ihm graut! Weißt denn nicht auch du, wie er ist? Wie kann ich ihn wohl liebhaben? Er ist heftig, er ist roh, er hat dich gequält, so daß du vor der Zeit alt geworden bist. Weshalb soll er unser Herr sein? Er benimmt sich ja wie ein Verrückter. Weshalb soll ich ihn ehren und achten? Er ist nicht gut, er ist nicht barmherzig. Ich weiß, daß er stark ist, er kann uns jeden beliebigen Tag totschlagen. Er kann uns aus dem Hause werfen, wann er will. Soll ich ihn deswegen lieben?«

Da aber war Frau Gustava plötzlich wie umgewandelt. Sie hatte Kraft und Mut und sprach mit großer Bestimmtheit: »Nimm dich in acht, Marianne, ich glaube fast, dein Vater hatte recht, als er dich im Winter ausschloß. Du sollst sehen, du wirst hierfür gestraft werden. Du mußt es lernen zu dulden, ohne zu hassen, Marianne, zu leiden, ohne dich zu rächen.«

»Ach, Mutter, ich bin so unglücklich!«

Gleich darauf kam die Entscheidung. Von der Diele her vernahmen sie einen schweren Fall.

Sie erfuhren niemals, ob Melchior Sinclaire auf der Treppe gestanden und durch das geöffnete Eßstubenfenster Mariannens Worte gehört hatte, oder ob nur die körperliche Anstrengung den Schlaganfall herbeigeführt hatte. Als sie hinauskamen, lag er besinnungslos da. Sie wagten niemals, nach der Veranlassung zu fragen. Er selber ließ sich niemals etwas darüber merken. Marianne wagte es nicht, den Gedanken zu Ende zu denken, daß sie sich unfreiwillig gerächt hatte. Aber der Anblick des Vaters, der dort auf derselben Treppe lag, wo sie gelernt hatte, ihn zu hassen, nahm auf einmal die Bitterkeit aus ihrem Herzen.

Er kam bald wieder zum Bewußtsein, und als er sich ein paar Tage ruhig verhalten hatte, war er wieder der Alte – und doch ein ganz anderer.

Marianne sah die Eltern Arm in Arm im Garten lustwandeln. Das taten sie jetzt immer. Er ging nie mehr allein und verreiste niemals. Wenn Besuch kam, so ward er verstimmt, wie über alles, was ihn von seiner Frau trennte. Das Alter war plötzlich über ihn gekommen. Er konnte sich nicht dazu entschließen, einen Brief zu schreiben. Seine Frau mußte es tun. Er entschied nicht das geringste auf eigene Hand, sondern fragte sie nach allem und ließ alles so geschehen, wie sie selber es bestimmte. Und er war stets sanft und freundlich. Er fühlte selber, wie sehr er sich verändert hatte und wie glücklich seine Frau darüber war. »Sie hat jetzt gute Tage«, sagte er eines Tages zu Marianne und zeigte auf Frau Gustava.

»Ach, lieber Melchior«, rief sie aus, »du weißt, ich sähe es weit lieber, daß du wieder gesund würdest!«

Und das wünschte sie sicher. Es war ihre größte Freude, von dem starken Gutsherrn zu erzählen, wie er in den Tagen seiner Kraft gewesen. Sie erzählte, wie er es vertragen konnte, in ewigem Saus und Braus zu leben, besser als irgendeiner der Ekebyer Kavaliere, wie er Geschäfte abschloß und viel Geld verdiente gerade dann, wenn sie glaubte, daß er sie in seiner Wildheit um Haus und Hof bringen würde. Marianne aber wußte, daß sie trotz all ihrer Klagen glücklich war. Ihrem Manne alles sein zu dürfen, das genügte ihr. Sie sahen beide alt aus, gebrochen vor der Zeit. Marianne meinte, sehen zu können, wie sich ihr Leben mit der Zeit gestalten würde. Er würde nach und nach schwächer und schwächer werden, ein Schlaganfall nach dem anderen würde ihn immer hilfloser machen, und sie würde um ihn sein und ihn pflegen, bis der Tod sie schied. Das Ende konnte ja aber in weiter Ferne liegen; Frau Gustava konnte ihr Glück noch eine Zeitlang behalten. So mußte es sein, meinte Marianne, das Leben schuldete ihr noch so viel.

Auch mit ihr selber war es besser geworden. Es war keine hoffnungslose Verzweiflung, die sie zwang, sich zu verheiraten, um einen andern Herrn zu finden. Ihr wundes Herz hatte Ruhe gefunden. Der Haß hatte es durchsaust wie die Liebe, aber sie dachte nicht mehr an die Qualen, die sie dadurch erlitten hatte. Sie mußte erkennen, daß sie ein wahrerer, größerer, reicherer Mensch geworden war als ehemals; weshalb sollte sie da das Geschehene ungeschehen wünschen? Führte vielleicht jedes Leiden zu etwas Gutem? Konnte sich noch alles zum Glück wenden? Sie hatte angefangen, alles das zum Guten zu rechnen, was dazu beitragen konnte, sie zu einem höheren Grad der Menschlichkeit zu entwickeln. – Die alten Lieder hatten nicht recht. Der Kummer war nicht das einzige, was von Bestand war. Sie wollte nun fortreisen und versuchen, einen Platz zu finden, wo sie Nutzen schaffen konnte. Wäre ihr Vater noch so gewesen wie früher, so würde er ihr niemals gestattet haben, ihre Verlobung aufzuheben. Jetzt hatte Frau Gustava mit milder Hand die Sache geordnet. Marianne hatte sogar die Erlaubnis erhalten, Baron Adrian das Geld zu geben, dessen er bedurfte.

Auch seiner konnte sie mit Freude gedenken – jetzt war sie ja frei! Er hatte sie mit seiner Lebenslust und Kühnheit stets an Gösta erinnert, jetzt wollte sie ihn wieder fröhlich sehen. Er sollte wieder der Ritter Sonnenschein sein, der in seinem ganzen Glanz auf den Hof ihres Vaters gekommen war. Sie wollte ihm Erde verschaffen, in der er pflügen und säen konnte, soviel sein Herz begehrte, sie wollte es erleben, daß er eine schöne Braut an den Traualtar führte.

Unter solchen Gedanken setzt sie sich hin und schreibt, um ihm seine Freiheit zurückzugeben. Sie schreibt sanfte, eindringliche Worte, Vernunft in Scherz gehüllt und dabei doch so, daß er verstehen kann, wie ernst sie es meint.

Während sie noch schreibt, ertönt Hufschlag auf der Landstraße.

Mein lieber Ritter Sonnenschein, denkt sie, das ist das letztemal!

Gleich darauf tritt der Baron bei ihr ein.

»Aber Adrian, kommst du hier herein!« Und sie sieht entsetzt all die Unordnung an.

Er wird ganz verlegen und stammelt einige Worte der Entschuldigung.

»Ich bin gerade im Begriff, dir zu schreiben«, sagt sie. »Schau her, du kannst es ja gleich lesen.«

Er nimmt den Brief, und sie beobachtet ihn, während er liest. Sie sehnt sich danach, sein Antlitz vor Freude aufleuchten zu sehen. Aber er hat nicht lange gelesen, als Purpurröte sein Antlitz übergießt; er wirft den Brief auf den Boden, stampft darauf und flucht, als solle der Himmel einstürzen.

Da geht ein leises Beben durch Marianne. Sie ist kein Anfänger im Studium der Liebe, aber bisher hat sie diesen unerfahrenen Knaben, dies große Kind nicht verstanden.

»Adrian, lieber Adrian«, sagt sie; »was für eine Komödie hast du mir vorgespielt? Komm und erzähle mir die Wahrheit!«

Er kam und war nahe daran, sie mit seinen Liebkosungen zu ersticken. Armer Junge! Wie hatte er sich gesehnt, wie hatte er gelitten!

Nach einer Weile schaute sie aus dem Fenster. Da ging Frau Gustava noch immer und redete mit dem großen Gutsherrn über Blumen und Vögel, und hier saß sie und sprach von Liebe. Das Leben hat uns beide seinen harten Ernst fühlen lassen! dachte sie und lächelte wehmütig. Es wird uns trösten, daß wir jeder unser großes Kind bekommen, mit dem wir spielen können.

Es war doch gut, daß sie geliebt werden konnte. Es tat doch wohl, ihn von der Zauberkraft flüstern zu hören, die von ihr ausging, und wie er sich über das schämte, was er in seiner ersten Unterredung mit ihr gesagt hatte. Er ahnte damals nicht, welche Macht sie besaß. Ach, kein Mann konnte in ihrer Nähe weilen, ohne sie zu lieben, aber sie habe ihn eingeschüchtert, er sei sich so wunderlich nichtig vorgekommen.

Dies war kein Glück und auch kein Unglück, aber sie wollte versuchen, das Leben mit diesem Manne zusammen zu leben.

Sie fing an, sich selbst zu verstehen und dachte an die Worte des alten Liedes von der Turteltaube, dem Vogel der Sehnsucht: Sie trinkt niemals das klare Wasser, sie macht es erst trübe mit ihrem Fuß – damit es besser zu ihrem traurigen Sinn passen möge. So sollte auch sie nicht an die Quelle des Lebens kommen und das klare, unvermischte Glück trinken. Von Wehmut getrübt – so war das Leben am besten für sie.

 


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