Selma Lagerlöf
Gösta Berling
Selma Lagerlöf

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Das Ekebyer Eisen

Es war Frühling, und aus allen Eisenwerken Wermlands sollte das Eisen nach Göteborg gesandt werden.

Auf Ekeby aber hatten sie kein Eisen zu versenden. Im Herbst war lange Zeit großer Wassermangel gewesen, und im Frühling hatten die Kavaliere regiert.

Zu ihrer Zeit schäumte starkes, bitteres Bier die breiten Granitstufen des Björkseefalles herab, und der Löfsee war nicht mit Wasser, sondern mit Branntwein gefüllt. Zu ihrer Zeit ward kein Roheisen in die Schmieden gelegt, in Hemdsärmeln und auf Holzschuhen standen die Schmiede vor dem Feuer und drehten gewaltige Braten an langen Spießen, während die Schmiedegesellen gespickte Kapaunen mit großen Zangen über das Feuer hielten. In jenen Tagen ging der Tanz über die Hügel dahin. Man schlief auf der Hobelbank und spielte Karten auf dem Amboß. In jenen Tagen wurde kein Eisen geschmiedet.

Aber der Frühling kam, und auf den Handelskontoren in Göteborg fing man an, auf das Eisen aus Ekeby zu warten. Man holte die Kontrakte hervor, die mit dem Major und der Majorin abgeschlossen waren und worin Lieferungen von vielen hundert Zentnern verheißen waren.

Aber was kümmerten die Kavaliere sich um die Kontrakte der Majorin? Sie hielten die Freude und das Violinspiel und die Gastereien im Gange. Sie sorgten dafür, daß der Tanz über die Hügel hinging.

Es kam Eisen aus Stömne, und es kam Eisen aus Sölje. Das Eisen aus Kymsberg fand seinen Weg über die Heiden bis hinab an den Wenernsee. Aus Uddeholm kam Eisen und aus Munkefors und von all den großen Gütern ringsumher. Wo aber ist das Eisen aus Ekeby?

Ist Ekeby nicht mehr das wichtigste von allen Eisenwerken in ganz Wermland? Wacht niemand mehr über der Ehre des alten Hauses? Ach nein! Die ist gleichgültigen Kavalieren in die Hände gelegt, die nur dafür sorgen, daß der Tanz über die Hügel hingeht. Für was vermögen ihre elenden Gehirne auch weiter noch zu sorgen?

Aber Wasserfälle und Gießbäche und Prahme und Flüsse und Schleusen und Häfen wundern sich und fragen: »Kommt das Eisen aus Ekeby denn nicht?«

Und es flüstert und fragt von Wald zu See, von Berg zu Tal: »Kommt das Eisen aus Ekeby denn nicht? Kommt denn kein Eisen aus Ekeby?«

Und tief drinnen im Walde fängt der Kohlenmeiler an zu lachen, und es ist, als wenn die Köpfe auf den großen Hämmern in den dunklen Schmieden höhnisch lachen, die Gruben öffnen ihren breiten Rachen und stimmen ein Hohngelächter an. Die Pulte auf den Handelskontoren, in denen die Kontrakte der Majorin aufbewahrt liegen, schütteln sich vor Lachen. »Habt ihr je so etwas gehört? Es ist kein Eisen auf Ekeby! Auf dem besten Eisenwerke in ganz Wermland haben sie kein Eisen!«

Auf, ihr Sorglosen! Auf, ihr Heimatlosen! Duldet ihr es, daß eine solche Schande über Ekeby hereinbricht? So wahr ihr den schönsten Fleck auf Gottes grüner Erde liebt, so wahr es das Ziel eurer Sehnsucht auf fernen Wegen ist, so wahr ihr seinen Namen unter Fremden nicht nennen könnt, ohne daß euch Tränen in die Augen treten, erhebt euch, Kavaliere, rettet Ekebys Ehre!

Nun ja, wenn auch in Ekeby die Hammer geruht haben, so ist doch wohl in den sechs andern Eisenwerken, die uns gehören, gearbeitet worden. Dort gibt es sicher mehr Eisen als wir brauchen!

Und dann zieht Gösta Berling aus, um mit den Verwaltern auf den sechs andern Höfen zu reden.

Auf Högfors, das am Björkseebach, dicht bei Ekeby liegt, meint er, wird es sich nicht verlohnen zu fragen. Das liegt zu nahe bei Ekeby und hatte zu unmittelbar unter dem Einfluß der Kavaliere gestanden. Aber er fuhr ein paar Meilen weiter nordwärts, bis er nach Lötafors kam. Das war ein hübscher Ort, das ließ sich nicht leugnen! Der obere Teil des Löfsees breitete sich an der einen Seite aus, und dahinter lag der Gurlittafelsen mit seinem spitzen Gipfel und seinem wildromantischen Aussehen, das so gut für einen alten Berg paßt. Aber die Schmiede, die ist nicht so, wie sie sein soll: das Treibrad ist zerbrochen und ist es das ganze letzte Jahr hindurch gewesen.

»Weshalb ist es denn aber nicht in Ordnung gebracht?«

»Der Tischler, der einzige Tischler hier in der ganzen Gegend, der es wieder heil machen kann, ist anderwärts beschäftigt gewesen. Wir haben nicht ein einziges Pfund Eisen schmieden können.«

»Aber weshalb habt ihr denn nicht zum Tischler geschickt?«

»Zum Tischler geschickt! Als ob wir nicht jeden Tag zu ihm geschickt hätten! Aber er konnte ja niemals kommen. Er hat genug zu tun gehabt, um alle die Lauben und Kegelbahnen auf Ekeby fertig zu schaffen.«

Da wird es Gösta plötzlich klar, wie es ihm auf dieser Reise ergehen wird.

Er zieht weiter aufwärts nach Björnidet. Eisen, ist dort Eisen? Nein, natürlich nicht. Sie hatten ja keine Kohlen gehabt, und aus Ekeby hatten sie weder Geld bekommen können, um den Köhler zu bezahlen, noch Leute, um die Kohlen zu fahren. Den ganzen Winter hindurch hatte das Werk stillgestanden.

Und dann stürzt Gösta weiter, gen Süden. Er kommt nach Hån am östlichen Ufer des Sees und nach Löfstafors tief drinnen im Walde und nach Elgfors – aber auch dort ergeht es ihm nicht besser. Nirgends haben sie Eisen, und überall scheint es die Schuld der Kavaliere zu sein, daß es sich so verhält.

So kehrt denn Gösta heim nach Ekeby, und die Kavaliere betrachten mit finsteren Mienen die paar Zentner, die sich auf Lager befinden, und sie beugen die Häupter voller Trauer und Scham, denn sie hören, wie die ganze Natur über Ekeby hohnlacht, und glauben zu vernehmen, wie die Erde vor Schluchzen erbebt, wie das Gras und die Blumen klagen, daß es aus ist mit der Ehre von Ekeby.

 

Aber wozu so viele Worte und so viel Verwundern? Da ist ja das Eisen aus Ekeby!

Da ist es, am Ufer des Klarelfs auf Prahme verladen, bereit, den Fluß hinabzusegeln, fertig, in Karlstad auf der Waage gewogen und auf einer Wenernschute nach Göteborg gefahren zu werden. So ist denn die Ehre von Ekeby gerettet!

Aber wie ist das nur möglich? In Ekeby waren ja nur einige Zentner Eisen und auf den sechs andern Höfen war nichts zu finden gewesen. Wie ist es möglich, daß schwerbeladene Prahme jetzt eine unerhörte Menge Eisen nach der Waage in Karlstad führen können? Ja, danach muß man die Kavaliere fragen.

Die Kavaliere sind selbst an Bord der schweren, häßlichen Fahrzeuge; sie wollen das Eisen selbst von Ekeby nach Göteborg bringen. Kein gewöhnlicher Fährknecht darf das Eisen begleiten. Mit Flaschen und Proviantkörben, mit Waldhorn und Violinen, mit Flinten und Angelschnüren und Spielkarten sind die Kavaliere an Bord gegangen. Sie wollen alles für ihr liebes Eisen tun und es nicht verlassen, ehe es auf dem Kai von Göteborg ausgeschifft ist. Sie wollen selbst löschen und ausladen, wollen Segel und Ruder hantieren. Sie sind ganz dazu angetan, eine solche Aufgabe zu lösen. Gibt es wohl eine Sandbank im Strom, eine Klippe im Wenernsee, die sie nicht kennen? Handhaben sie nicht das Steuer und die Segelleinen genau so gewandt wie Violine und Zügel?

Keiner von den Kavalieren ist daheim geblieben. Onkel Eberhard hat sein Schreibpult verlassen, und Vetter Kristoffer ist aus der Ofenecke herausgekrochen. Selbst der sanfte Löwenberg ist mit dabei. Niemand kann sich zurückhalten, wo es die Ehre von Ekeby gilt.

Aber es ist nicht gut für Löwenberg, den Klarelf zu sehen; seit siebenunddreißig Jahren hat er ihn nicht gesehen, und ebensolange ist es her, seit er zuletzt in einem Boot gewesen ist. Er haßt die blanken Flächen der Seen und die grauen Flüsse. Er muß an gar zu traurige Dinge denken, wenn er auf das Wasser kommt, und deswegen vermeidet er es, heute aber hat er sich nicht zu Hause halten können. Auch er muß mit dabei sein, wo es sich darum handelt, die Ehre von Ekeby zu retten. Vor siebenunddreißig Jahren hatte Löwenberg seine Braut im Klarelf ertrinken sehen, und seit jener Zeit war sein armer Kopf oft verwirrt gewesen.

Aber wie er so dasteht und in den Strom hinabschaut, wird sein armes Gehirn mehr und mehr umnebelt. Der graue Strom, der mit vielen kleinen, glitzernden Wellen dahinfließt, ist eine große Schlange mit silbernen Schuppen, die daliegt und auf Raub lauert. Die hohen, gelben Sandufer mit spärlichen Grasbüscheln, durch die sich der Fluß sein Bett gebohrt hat, sind die Wände einer Fallgrube, auf deren Boden die Schlange lauert, und die breite Landstraße, die ein Loch in die Wand bricht und sich durch tiefen Sand bis an die Fähre hinabschlängelt, neben der die Prahme vertauet liegen, ist der Eingang zu der fürchterlichen Mordgrube.

Und der kleine Mann steht da und starrt mit seinen kleinen blauen Augen. Sein langes weißes Haar flattert im Winde, und seine Wangen, die gewöhnlich ein zarter Rosenschimmer färbt, sind ganz bleich vor Angst. Er weiß so gewiß, als habe es ihm jemand gesagt, daß bald jemand dort vom Wege herkommen und sich in den Rachen der lauernden Schlange stürzen wird.

Jetzt sind die Kavaliere bereit, vom Ufer abzustoßen. Sie greifen zu den langen Stangen, um die Prahme in den Strom hineinzuschieben, da aber ruft Löwenberg: »Haltet! Um Gottes willen! Haltet!«

Sie begreifen, daß er anfängt, verwirrt zu werden, weil er fühlt, wie der Prahm schaukelt, lassen aber doch unwillkürlich die Stangen sinken, und er, der sieht, wie der Strom auf Raub lauert, und daß notwendigerweise jemand kommen und sich hineinstürzen muß, zeigt mit einer warnenden Bewegung auf die Landstraße, ganz, als sähe er jemand kommen.

Wir wissen ja alle, daß das Leben oft so ein Zusammentreffen herbeiführt, wie das, was nun folgte. Wer sich noch wundern kann, mag darüber staunen, daß die Kavaliere gerade an dem Morgen, der auf die Nacht folgt, in welcher sich die Gräfin Elisabeth auf die Wanderung gen Osten begeben hat, mit ihren Prahmen an der Fähre liegen müssen, die über den Klarelf führt. Aber es würde doch noch weit wunderlicher gewesen sein, wenn die junge Frau keine Hilfe in ihrer Not gefunden hätte. Es traf sich nun gerade so, daß sie, die die ganze Nacht gewandert war, gerade in dem Augenblick an die Fähre kam, als die Kavaliere im Begriff waren, vom Ufer abzustoßen. Sie blieben regungslos stehen und sahen ihr zu, während sie mit dem Fährknecht sprach, der sein Boot flott machte. Sie trug Bauernkleidung, und sie ahnten nicht, wer sie war. Aber sie starrten doch zu ihr hinüber, weil sie ihnen so bekannt vorkam. Wie sie dort stand und mit dem Fährknecht sprach, ward eine Staubwolke auf der Landstraße sichtbar, und aus der Staubwolke heraus kam eine große gelbe Kalesche. Sie wußte sofort, daß sie aus Borg kam, und daß sie ausgefahren waren, um sie zu suchen, und daß sie nun entdeckt werden würde. Sie konnte nicht mehr daran denken, im Fährboot zu entkommen, und das einzige Versteck, das sie erblickte, waren die Prahme der Kavaliere. Sie stürzte darauf zu, ohne zu sehen, wer sich an Bord befand. Und es war gut, daß sie es nicht sah, denn dann hätte sie sich wohl lieber unter die Pferdehufe geworfen, als ihre Zuflucht zu ihnen genommen.

Als sie an Bord gekommen war, schrie sie nur: »Verbergt mich! Verbergt mich!« Und dann strauchelte sie und fiel über die Eisenladung. Die Kavaliere aber baten sie, ruhig zu sein. Sie stießen schnell vom Ufer ab, damit der Prahm in den Strom hinauskam und nach Karlstad zu trieb. Gerade in dem Augenblick langte die Kalesche an der Fähre an.

In dem Wagen saßen Graf Henrik und Gräfin Märta. Jetzt lief der Graf zu dem Fährknecht, um zu fragen, ob er die Gräfin gesehen habe. Da Graf Henrik aber verlegen war und nicht nach seiner fortgelaufenen Gattin fragen mochte, sagte er nur: »Es ist etwas verschwunden!«

»So?« sagte der Fährknecht.

»Es ist etwas verschwunden. Ich frage, ob Er etwas gesehen hat?«

»Wonach fragt Ihr?«

»Ja, das ist einerlei! Ich frage nur, ob Er heute jemand über den Strom gesetzt hat?«

Auf diese Weise bekam er natürlich nichts zu wissen, und die Gräfin Märta mußte selbst mit dem Burschen sprechen. Eine Minute später wußte sie, daß die Vermißte sich an Bord einer der langsam dahinfahrenden Prahme befand.

»Was für Leute sind da auf den Prahmen?«

»Ach, das sind ja die Kavaliere, wie wir sie nennen.«

»Ach!« sagt die Gräfin. »Ja, dann ist deine Frau gut aufgehoben, Henrik! Dann können wir ja ebensogern gleich umwenden.«

 

Draußen auf dem Prahm herrschte gerade keine so große Freude, wie die Gräfin Märta geglaubt hatte. Solange die gelbe Kalesche sichtbar war, saß die eingeschüchterte junge Frau zusammengekauert auf der Schiffslast, ohne sich zu rühren oder ein Wort zu sagen. Sie starrte nur ins Wasser hinab.

Wahrscheinlich erkannte sie die Kavaliere erst, als sie die gelbe Kalesche umwenden sah. Sie sprang auf. Es war, als wolle sie von neuem fliehen, sie wurde aber von dem Zunächststehenden angehalten und sank dann mit leisem Klagen wieder auf die Last nieder.

Und die Kavaliere wagten nicht, mit ihr zu reden oder ihr Fragen zu stellen. Sie sah aus, als stehe sie am Rande des Wahnsinns.

Da begann das Gefühl der Verantwortung die sorglosen Köpfe zu belasten. Schon allein dies Eisen war eine schwere Bürde für ungewohnte Schultern, und jetzt sollten sie noch obendrein die Sorge für eine junge Dame von edler Geburt übernehmen, die ihrem Gatten entflohen war.

Als sie dieser jungen Frau auf den Festen des Winters begegnet waren, hatte der eine und der andere von ihnen an eine junge Schwester denken müssen, die er einstmals geliebt hatte. Wenn er im Spiel mit ihr seine Kräfte erprobte, hatte er sie behutsam anfassen müssen und wenn er mit ihr sprach, hatte er acht auf sich geben müssen, um nicht häßliche Worte zu gebrauchen. Hatte ein fremder Knabe im Spiel zu wild hinter ihr dreingejagt oder ihr gar häßliche Lieder vorgesungen, so hatte er sich in grenzenloser Erbitterung über den Knaben geworfen und ihm fast das Leben aus dem Leibe geprügelt, denn seine kleine Schwester sollte nichts Böses hören, sollte kein Leid erfahren, sollte weder mit Haß noch mit Feindseligkeit in Berührung kommen.

Gräfin Elisabeth war die fröhliche Schwester aller Kavaliere gewesen. Wenn sie ihre kleinen Hände in ihre harten Fäuste gelegt hatte, war es, als wolle sie sagen: Fühlt, wie gebrechlich ich bin, aber du bist mein großer Bruder und du sollst mich gegen andere und gegen dich selber beschützen. Und sie waren ritterliche Herren gewesen, solange sie sie gesehen hatten.

Jetzt sahen die Kavaliere sie mit Entsetzen und erkannten sie nicht wieder. Sie war vergrämt und abgemagert, der Hals hatte seine Rundung verloren, das Gesicht war durchsichtig geworden. Sie hatte sich wohl auf ihrer Wanderung gestoßen, denn von Zeit zu Zeit perlte ein Blutstropfen aus einer kleinen Wunde in der Schläfe und das lockige, blonde Haar, das ihr in die Stirn hing, war von geronnenem Blut zusammengeklebt. Ihr Kleid war schmutzig nach der langen Wanderung auf taufeuchten Wegen und ihre Schuhe waren übel zugerichtet. Die Kavaliere hatten ein unheimliches Gefühl, daß dies eine Fremde sei. Die Gräfin Elisabeth, die sie gekannt, hatte nicht so wilde brennende Augen gehabt. Ihre arme kleine Schwester war fast bis zum Wahnsinn getrieben. Es war, als kämpfe eine Seele, die aus einer andern Welt herabgestiegen war, um die Herrschaft in diesem abgezehrten Körper.

Aber sie brauchen sich keine Sorgen darüber zu machen, was sie mit ihr anfangen sollen. Die alten Gedanken erwachen bei ihr. Die Versuchung hat sich ihrer wieder bemächtigt. Gott will sie wieder versuchen. Siehe, sie ist unter Freunden. Hat sie die Absicht, den Weg der Buße zu verlassen?

Sie sprang auf und rief, daß sie fort müsse.

Die Kavaliere versuchten, sie zu beruhigen. Sie sagten ihr, sie könne ganz ruhig sein. Sie wollten sie schon gegen jegliche Verfolgung beschützen.

Sie bat nur, ob sie nicht in das kleine Boot steigen dürfe, das hinten an den Prahmen angebunden war, um ans Land zu rudern und ihre Wanderung allein fortzusetzen.

Aber sie konnten sie ja nicht gehen lassen. Was sollte nur aus ihr werden? Es war besser, wenn sie bei ihnen blieb. Wohl waren sie nur arme alte Männer, aber sie würden schon Mittel und Wege finden, ihr zu helfen.

Da rang sie ihre Hände und bat, sie möchten sie gehen lassen. Aber sie konnten ihre Bitte nicht erfüllen. Sie sahen, daß sie elend und schwach war, daß sie auf der Landstraße sterben würde.

Gösta Berling stand eine Strecke von ihr entfernt und schaute ins Wasser hinab. Vielleicht würde die junge Frau ihn nicht gern sehen. Er wußte es nicht, aber seine Gedanken spielten und lachten. Jetzt weiß niemand, wo sie ist, dachte er, jetzt können wir sie mit nach Ekeby nehmen. Wir wollen sie dort verborgen halten, wir Kavaliere, und wir wollen schon gut gegen sie sein. Sie soll unsere Königin, unsere Herrscherin sein, niemand aber soll wissen, daß sie dort ist. Wir wollen sie so gut, so gut bewachen! Vielleicht kann sie glücklich unter uns werden; alle die Alten werden eine väterliche Fürsorge für sie empfinden wie für eine Tochter. Sie wird uns zu Menschen machen, wir werden Mandelmilch trinken und französisch sprechen. Und wenn unser Jahr um ist, was dann? Kommt Zeit, kommt Rat!

Er hatte nie gewagt, es sich selber klarzumachen, daß er sie liebte. Er konnte sie nicht ohne Sünde besitzen, und er wollte sie nicht zu etwas Niedrigem oder Schlechtem herabziehen, das war alles, was er wußte. Aber sie auf Ekeby zu verbergen und gut gegen sie sein zu dürfen, jetzt, wo die andern schlecht gewesen waren, sie alles genießen zu lassen, was das Leben an Gutem besitzt, ach, welche Träume, welche seligen Träume!

Aber er erwachte aus diesen Träumen, denn die junge Gräfin war ganz verzweifelt, und ihre Worte hatten den schneidenden Klang der Verzweiflung. Sie hatte sich mitten zwischen den Kavalieren auf die Knie geworfen und flehte sie an, ihr fortzuhelfen.

»Gott hat mir noch nicht vergeben«, rief sie, »laßt mich gehen.«

Gösta sah, daß keiner der andern imstande war, ihr zu gehorchen, er sah ein, daß er es tun müsse. Er, der sie liebte, mußte es tun.

Es war so schwer für ihn zu gehen, als ob jedes Glied an seinem Körper Widerstand gegen seinen Willen leiste, aber er schleppte sich bis zu ihr, weil er sie ans Land bringen wollte.

Sie stand sofort auf. Er trug sie ins Boot hinab und ruderte sie an das östliche Ufer. Er landete an einem schmalen Steg und half ihr aus dem Boot.

»Was soll jetzt aus Ihnen werden, Frau Gräfin?« fragte er.

Sie erhob ernsthaft den Finger und zeigte gen Himmel.

»Wenn die Frau Gräfin in Not geraten sollten –« Er konnte nicht sprechen. Die Stimme versagte ihm, aber sie verstand ihn.

»Ich werde Sie es wissen lassen, wenn ich Ihrer bedarf.«

»Ich möchte Sie so gern vor allem Bösen beschirmen«, sagte er.

Sie reichte ihm ihre Hand zum Abschied, und er war nicht imstande, mehr zu sagen. Kalt und schlaff lag ihre Hand in der seinen.

Die Gräfin hatte nur Sinn für diese inneren Stimmen, die sie zwangen, unter fremde Menschen zu gehen. Sie wußte wohl kaum, daß der Mann, den sie jetzt verließ, gerade derjenige war, den sie liebte.

Dann ließ er sie gehen und ruderte wieder zu den Kavalieren zurück. Als er auf den Prahm zurückkam, zitterte er vor Müdigkeit und sah ganz erschöpft und kraftlos aus. Es schien ihm, daß er soeben die schwerste Arbeit seines ganzen Lebens vollbracht hatte.

Noch einige Tage hielt er den Mut aufrecht, bis Ekebys Ehre gerettet war. Er brachte das Eisen auf die Waage nach dem Kannikenas, dann war es für lange Zeit vorbei mit seinen Kräften und seinem Lebensmut.

Die Kavaliere bemerkten die Veränderung nicht, solange sie sich an Bord befanden. Er spannte jeden Nerv an und hielt die Munterkeit und die Sorglosigkeit aufrecht, um Ekebys Ehre zu retten. Wie hätte ihnen auch das Wagnis gelingen sollen, wenn sie mit bekümmerten Gesichtern und mutlosen Herzen darangegangen wären?

Wenn es wirklich wahr ist, was das Gerücht erzählt, daß die Kavaliere mehr Sand als Eisen auf den Prahmen hatten, wenn es wahr ist, daß sie unablässig dieselben Stangen zu und von der Waage trugen, bis die vielen hundert Zentner gewogen waren – wenn es wahr ist, daß dies alles vor sich gehen konnte, weil der Waagemeister und seine Leute so gut aus den Proviantkörben und Flaschen traktiert wurden, die die Kavaliere aus Ekeby mitgebracht hatten – so kann man sehr wohl verstehen, daß es auf den Eisenprahmen munter hergehen mußte.

Wer kann das alles jetzt wissen? Aber wenn das wirklich der Fall war, so ist es ganz sicher, daß Gösta Berling keine Zeit hatte, um zu trauern. Aber er fühlte nichts von der Freude des Abenteuers und der Gefahr. Sobald er frei war, brach er verzweifelt zusammen.

»O Ekeby! Du Land meiner Sehnsucht«, rief er sich selber zu, »möge deine Ehre strahlen.«

Sobald die Kavaliere die Quittung von dem Waagemeister erhalten hatten, beluden sie eine Wenernschute mit ihrem Eisen. Gewöhnlich führten Schiffer vom Fach das Eisen nach Göteborg, und die Verkäufer aus Wermland bekümmerten sich in der Regel nicht mehr um ihre Ware, sobald sie die Quittung des Waagemeisters erhalten hatten, die die richtige Ablieferung bestätigte. Aber die Kavaliere wollten ihre Sache nicht halb machen: sie wollten das Eisen bis nach Göteborg bringen.

Auf dem Wege dahin wurden sie von einem Unglück betroffen. In der Nacht brach ein Sturm los, die Schute trieb steuerlos umher, stieß auf ein Riff und versank mit der ganzen kostbaren Ladung. Waldhorn und Kartenspiele und alle die leeren Flaschen ertranken. Aber wenn man die Sache bei Licht besah, was machte es da, daß das Eisen verloren war? Ekebys Ehre war doch gerettet. Das Eisen war auf der Waage am Kannikenas gewogen. Und selbst wenn der Major sich hinsetzen und an die Kaufleute in Göteborg schreiben mußte, daß, sintemal sie sein Eisen nicht bekommen hätten, er auch ihr Geld nicht haben wollte – so machte das doch nicht viel aus. Ekeby war so reich und seine Ehre gerettet.

Aber wenn nun Häfen und Weiler und Schuten und Prahme anfangen, wunderliche Dinge zu berichten? Wenn es wie ein dumpfes Sausen durch die Wälder geht, daß die ganze Fahrt ein Betrug war, wenn man in ganz Wermland behauptet, daß nur ein paar elende Zentner die ganze Schiffsladung ausgemacht hatten, daß der Schiffbruch mit Vorbedacht in Szene gesetzt sei? – Da ist eine kühne Tat vollführt worden, ein echter Kavalierstreich. So etwas schadet der Ehre des Hofes nicht!

Aber das ist nun schon so lange her. Es mag ja gern sein, daß die Kavaliere anderwärts Eisen gekauft, oder daß sie etwas auf den Speichern gefunden haben, wovon sie vorher nichts wußten. In solchen Dingen kommt man der Wahrheit niemals auf den Grund. Der Waagemeister wollte jedenfalls nichts davon hören, daß ein Betrug möglich sei, und er mußte es ja wissen.

Als die Kavaliere nach Hause kamen, erfuhren sie eine große Neuigkeit: Graf Dohnas Ehe sollte aufgelöst werden. Der Graf hatte seinen Haushofmeister nach Italien gesandt, um Beweise zu schaffen, daß die Ehe nicht rechtmäßig gewesen sei. Dieser kehrte auch im Sommer mit hinreichenden Aufklärungen zurück. Worin diese bestanden, weiß ich nicht so genau zu sagen. Man muß behutsam mit den alten Sagen umgehen, sie sind wie halb verwelkte Rosen; sie verlieren leicht die Blätter, wenn man sie zu fest anfaßt. Die Leute behaupten, die Eheschließung sei nicht von einem richtigen Pfarrer ausgeführt. Ich weiß es nicht; eins aber steht fest: das Gericht in Bro erklärte, daß die Ehe des Grafen Dohna mit Elisabeth von Thurn niemals bestanden habe.

Davon wußte die junge Frau jedoch nichts. Sie lebte unter Bauern in einer weit entlegenen Gegend – wenn sie überhaupt noch lebte.

 


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