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VIII. Von heiligen Frauen in Preußen

35. Ein Wunder der heiligen Barbara

Zu der Zeit, da König Adolf in Deutschland regierte, wurde ein Jüngling aus ritterlichem Stand vor dem königlichen Richter angeklagt, einer Jungfrau Gewalt getan zu haben. Und da man ihn in den Kerker warf bis zum Gericht, so bat er dringend, ihm einen Beichtiger zu geben. Der Beichtvater wurde gerufen, hörte ihn an und fand ihn unschuldig. Da redete er dem Jüngling zu, sich ganz dem Dienste der heiligen Barbara zu weihen und nicht eher wieder nach Hause zu kommen, bis er die heilige Reliquie in Kulm besucht und verehrt habe. Das versprach jener. Die gekränkte Jungfrau aber bat den Richter unter Tränen, das Urteil fällen zu lassen. Als nun das Gericht versammelt und das Urteil gefällt war, erschien plötzlich ein Unbekannter und erbot sich, dem Jüngling ein Fürsprech zu sein. Das wurde erlaubt, und der unbekannte Fürsprech machte seine Sache so gut, daß das Urteil umgestoßen und der Jüngling freigesprochen wurde. Von Freude überwältigt warf dieser sich vor dem Richter hin und umklammerte ihn. Als das die Diener des Richters sahen, glaubten sie, jener wolle sich an dem Richter vergreifen, und zogen ihre Schwerter und hieben auf ihn ein. Der Vater und die Freunde des Jünglings aber entflohen und gaben ihn verloren, der Beichtvater aber sprach zu ihnen: »Vertraut auf die heilige Barbara, es wird ihm nichts geschehen.« Und siehe da, es erwies sich, daß kein Streich den Jüngling verletzt hatte. So ließ man ihn los, und er weihte sein ganzes Leben dem Dienste der heiligen Barbara.

36. Frau Jutta

In der Domkirche zu Kulmsee wurde hoch verehrt die selige Jutta, die mit dem Deutschen Orden nach Preußen gekommen war. Es gehörten nämlich, als er die Heiden in Preußen bekämpfte, sehr viele Thüringer Herren und Ritter dem Orden an. Darunter befand sich auch Anno von Sangerhausen, ein frommer und kluger Mann, der, als Poppo von Osterna sein Amt niederlegte, in Rom zum Hochmeister erwählt wurde. Daß er aber so fromm und wacker geworden war, verdankte er alles seiner frommen Mutter Jutta, die ihre Kinder mit aller Strenge zu Gottesfurcht und Tugend erzogen hatte. Sie hatte aber drei, der älteste trat in den Deutschen Orden, der zweite wurde ein Bischof, und der dritte vermählte sich und übernahm die väterlichen Güter. Als sie nun alle versorgt waren, widmete ihre Mutter Jutta sich ganz der christlichen Liebe als Wohltäterin der Armen und Pflegerin der Kranken. Und sie machte keinen Unterschied, welcherlei Krankheiten die Armen hatten, und pflegte auch die, die von allen andern verstoßen waren, die Aussätzigen. Deshalb wollte in der Heimat kein Mensch mehr mit der frommen Frau umgehen, aus Furcht vor Ansteckung mit der schrecklichen Krankheit. Da pilgerte sie nach Preußen zu ihrem Sohn Anno, der damals Komtur von Kulm war; der gab ihr ein Häuschen am Wege von Thorn nach Kulmsee, eine halbe Meile von der Domkirche; dort wohnte sie mit vier frommen Jungfrauen und tat unzählige gute Werke an den Armen und Elenden. Dafür erfuhr sie die Gnade des Himmels in vielen Wundern. Da sie des Lesens unkundig war und es deshalb schmerzlich empfand, daß sie sich nicht an frommen Büchern zu erbauen vermochte, so kam ein Engel des Himmels, der sie, die vordem niemals hatte lesen können, in einer einzigen Stunde so weit brachte, daß sie alle Schrift fertig lesen konnte. Von Gott erbat sie sich als eine Gnade, in dieser Welt verachtet und verhöhnt, in jener aber erhöht zu werden. Und diese Bitte ward ihr gewährt. Nicht nur in ihrer eigenen Klause ward sie drei Jahre hindurch von lieblosen Menschen geschmäht und geschändet, sondern sie wurde auch vor den Brüdern des Ordens der schmählichsten Verbrechen beschuldigt, so daß sie sich durch die Feuerprobe reinigen mußte, indem sie einen glühenden Dreifuß ohne allen Schaden trug. Oftmals sahen die Vorübergehenden, wie sie, in fromme Verzückung gefallen, von den Engeln Gottes emporgetragen wurde. Da die Fromme die Sorge für einen kranken Priester in Kulmsee übernommen hatte und deshalb allnächtlich von ihrer Klause nach dem Städtlein wandeln mußte, so erschien immer ein helles Licht, das sie hin und zurück geleitete. Auch ging sie oftmals, um den Weg abzukürzen, trockenen Fußes über den See, und man konnte den ausgetretenen Pfad auf dem Wasser noch lange hernach erkennen. Als sie das Herannahen ihres Todes fühlte, ließ sie sich in die Kirche bringen und ihre Seele ward, während der Bischof Heinrich das Totenamt hielt, unter dem Gesänge der himmlischen Heerscharen in den Himmel geführt. Noch nach ihrem Heimgange ließ Gott auf ihre Fürbitte viel Wunder geschehen. Einem alten Dorfpfarrer aber, der ungläubig lachte, als ihm von den Wundertaten der heiligen Jutta erzählt wurde, blieb das Maul schief stehen, bis er durch vieles Flehen auf ihre Fürbitte wieder geheilt wurde.

37. Die Klausnerin Dorothea von Montau

Unter den heiligen Wundertätern Preußens steht obenan die heilige Dorothea. Sie stammte aus einer kinderreichen Familie zu Montau an der Weichsel und war von Jugend auf gottesfürchtig und von heiliger Inbrunst für ihren Erlöser entflammt. Ihre Eltern vermählten sie mit einem braven Bürger in Danzig, mit dem sie 26 Jahre in gottesfürchtiger Ehe lebte. Mehrmals pilgerte sie mit ihrem Manne nach Aachen und einmal sogar bis nach St. Jakob von Compostella. Auf diesen Pilgerfahrten erlitten sie mannigfaches Ungemach und erfuhren oftmals die gnadenreiche Hand Gottes bei Rettung aus schwerer Todesgefahr. Nachdem der Tod die Ehegatten getrennt, ergab Dorothea, deren Kinder bis auf eine Tochter, die Nonne war, frühzeitig gestorben, sich ganz einem frommen und beschaulichen Leben. Ihre letzten Jahre verbrachte sie eingeschlossen in eine Klause in der Domkirche zu Marienwerder. Gott hatte ihr die Gabe verliehen, zukünftige Dinge vorherzusehen, wie sie denn auch den Fall des Deutschen Ordens vorher verkündet hat. Als sie ihr letztes Stündlein nahen fühlte, ließ sie ihren Beichtvater, den Domherrn Johannes von Marienwerder herbeirufen, daß er ihr das Abendmahl reiche. Und als er zögerte, weil sie es erst am vorhergehenden Tage empfangen hatte, sagte sie: »Reicht mir den Leib Gottes noch diesmal, denn es wird das letzte Mal sein, daß ihr mir den frommen Dienst erweiset.« Und wie sie es vorher verkündet, so geschah es; denn um die nächste Mitternacht umgab sie plötzlich ein himmlischer Glanz, und es war ein lieblicher Gesang zu vernehmen, der zwei Stunden währte, und während dessen sie von Engeln zu Gott geführt ward. Zugleich singen die Glocken, ohne daß irgendeine menschliche Hand sie bewegte, an zu tönen, und ihr Geläute dauerte ebensolange wie jener himmlische Gesang. Viele Wunder geschahen auch noch nachher an ihrem Grabmale, das in dem kleinen Chor der Domkirche befindlich war, so daß zu demselben die Scharen frommer Pilger von weit und breit her gewallfahrtet kamen. Noch heute aber kann man sich im Dom zu Marienwerder die zierlichen Pantoffel zeigen lassen, die die heilige Dorothea in ihrer einsamen Zelle getragen hat.


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