Heinrich von Kleist
Briefe
Heinrich von Kleist

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1811

186. An Friedrich Schulz

A. Just Fr. Schulz, Dr., Berlin.

Liebster Schulz,

Wenn Sie morgen zu Kuhn gehen, um die Richtigkeit der Unterschriften zu bescheinigen, so wünsche ich zwar, daß Sie die Unschicklichkeit seiner Einmischung in die Redaktion zur Sprache brächten; von einer Abtretung der ganzen Redaktion aber an ihn, bitte ich noch nichts zu erwähnen, weil sich die Schwierigkeiten bei der Zensur hoffentlich legen werden. – Hauptsächlich aber fordre ich Sie auf, Ihr Versprechen wegen förmlicher Übernahme des Theaterartikels in Erfüllung zu bringen. Ich wünsche, daß Sie die Sache als einen zwischen uns bestehenden Vertrag betrachten möchten; und indem ich Sie nun bitte, mir das Honorar, mit welchem ich Ihnen verhaftet sein soll, anzugeben, unterschreibe ich mich

Ihren      
H. v. Kleist.

[Berlin,] den 1. Jan. 1811

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187. An Georg Andreas Reimer

Ich bitte, lieber Reimer, mir 2 Ex. meiner Erzählungen zu überschicken und auf Rechnung zu setzen.

H. v. Kleist.

[Berlin,] den 12. Jan. 1811

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188. An Georg Andreas Reimer

Mein lieber Freund,

Darf ich Sie wohl um den Rest des Honorars bitten, mit dem ich Sie gern, bis zur Messe, verschont haben würde, das ich aber in einer dringenden Verlegenheit bedarf; Sie würden mir einen großen Dienst erweisen, wenn Sie es mir gleich zufertigten.

H. v. Kleist.

[Berlin,] den 30. Jan. 1811

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Theodor Anton Heinrich Schmalz an Kleist

An Herrn H. v. Kleist, abzugeben in dem Kunst- und Industriecomptoir des Herrn A. Kuhn.

Berlin, 1. Februar 1811

Der löblichen Redaktion der Berliner Abendblätter teilt der unterzeichnete Rektor der Universität in Verfolg einer ihr von dem Polizeipräsidenten Gruner deshalb wahrscheinlich schon zugegangenen Anweisung, anliegend eine Erklärung zur Berichtigung einer in Nr. 41 des Abendblattes enthaltenen Anzeige, von einer angeblich zwischen Studenten und Handwerksburschen auf einem hiesigen Tanzboden vorgefallenen Schlägerei, mit dem Ersuchen mit, dieselbe den Abendblättern einzuverleiben, und ein Exemplar, worin der Abdruck geschehen, nachrichtlich dem Unterzeichneten zuzusenden.

Rektor der Universität
Schmalz.          

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189. An Georg Andreas Reimer

[Berlin, den 10. Febr. 1811]

Ich bitte um einige Expl. zerbroch. Krug.

H. v. Kleist.

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190. An Karl August Freiherrn von Hardenberg

Hoch- und Wohlgeborner Freiherr,
Hochgebietender Herr Geheimer Staatskanzler,

Ew. Exzellenz habe ich die Ehre ganz untertänigst anzuzeigen, daß sich ein solches halbministerielles Blatt, als ich, in diesem Augenblick, in Zwecken der Staatskanzlei, redigiere, sich, auf keine Weise, ohne bestimmte Unterstützung mit offiziellen Beiträgen, halten kann. Der Absatz ist unter dem Mittelmäßigen; und ich erlebe die verdrießliche Sache, daß mein Buchhändler, wegen Ausbleibens dieser Beiträge, in meine Befugnis, sie ihm zu versprechen, Mißtrauen setzt: er tritt von dem zwischen uns abgeschlossenen Kontrakt, der ihm eine Verbindlichkeit von 800 Rth. jährliches Honorar gegen mich auferlegt, zurück, und fordert noch obenein, wegen nicht gedeckter Verlagskosten, ein Entschädigungsquantum von mir von 300 Rth. So bestimmt ich nun auch, zu Anfang dieser Unternehmung, auf die mir gnädigst angebotene Geldvergütigung Verzicht leistete, so bin ich doch, da die Sache gescheitert ist, gänzlich außerstand, diesen doppelten, beträchtlichen Ausfall zu tragen. Ew. Exzellenz stelle ich anheim, ob Höchstdieselben mich der Notwendigkeit, mit meinem Buchhändler, wegen des besagten Kontrakts, einen Prozeß führen zu müssen, gnädigst überheben zu wollen; und indem ich, zu diesem Zweck, gehorsamst vorschlage, entweder das Abendblatt, für das laufende Jahr, durch ein Kapital so zu fundieren, daß meinem Buchhändler die Kosten gedeckt werden, oder aber, falls dies nicht Ihren Absichten gemäß sein sollte, die Deckung der obigen in Streit begriffenen 1100 Rth. zu übernehmen, habe ich, in der tiefsten Hochachtung, die Ehre zu sein.

Ew. Exzellenz untertänigster
H. v. Kleist.          

Berlin, den 13. Febr. 1811

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Hardenberg an Kleist

Ich kann Ew. Hochw. meine Verwunderung nicht bergen, daß Sie in Ihrem Schreiben vom 13. Februar die Abendblätter ein halboffizielles Blatt nennen, und aus dieser Benennung grundlose Ansprüche auf Entschädigungen wegen des schlechten Absatzes dieses Blattes herleiten wollen. Ich habe Ihnen ausdrücklich erklärt, daß ich dem Abendblatt durchaus keinen offiziellen Charakter beigelegt wissen wollte, wie denn auch der Augenschein lehrt, daß es keinen solchen Charakter hat, und die Zwecke des Staates davon ganz unabhängig sind und daselbst nicht mehr oder besser, als aller Orten erläutert werden. Ich habe Sie ferner nicht im mindesten beschränkt, in der Art vor dem Publikum aufzutreten, noch in den Mitteln, Ihr Blatt interessant zu machen. Sie sind keiner anderen, als den durchaus allgemeinen Vorschriften unterworfen, und diese sind nicht von der Art, daß sie nicht verstatteten, Interesse zu wecken, sobald hinreichende Mittel dazu angewandt werden. Wenn ich Ihren Wunsch, von den Behörden Notizen für das Publikum zu erhalten, unterstützte, so war dies eine Gefälligkeit, die ich Ihnen so wenig wie jedem anderen abzuschlagen veranlaßt war; allein es erscheint unüberlegt, eine Entschädigungsforderung darauf zu gründen, daß jenen Behörden keine passende Gelegenheit vorkam, durch Mitteilungen Gefälligkeiten zu erweisen.

Ein zweiter Irrtum Ihres Schreibens besteht darin, daß Sie eine dargebotene Geldunterstützung zur Führung jenes Blattes ausgeschlagen hätten, denn diese ist Ihnen nie in dieser Beziehung angeboten, sondern von mir nur auf Ihre Veranlassung geäußert worden, daß der Staat verdienstvolle Schriftsteller, wenn es seine Kräfte erlauben, gern unterstützen würde. Ich bin aber überzeugt, daß Ew. Hochw. alsdann Ihre Verdienste nicht von dem Inhalt und dem Schicksal der Abendblätter abhängig erklären, sondern auf andere Weise begründen werden.

Hardenberg.

Berlin, den 18. Februar 1811

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191. An Friedrich von Raumer

Ew. Hochwohlgeboren habe ich die Ehre anzuzeigen, daß ich die Zugrundrichtung des Abendblatts ganz allein Ihrem Einfluß, und der Empfindlichkeit über die Verachtung zuschreibe, mit welcher ich, bei unsrer ersten Zusammenkunft, Ihr Anerbieten, Geld für die Verteidigung der Maßregeln Sr. Exzellenz anzunehmen, ausgeschlagen habe. Es ist kein Grund mehr für mich vorhanden, meinen Unwillen über die unglaubliche und unverantwortliche Behandlung, die mir widerfahren ist, zurückzuhalten; und indem ich Ew. Hochwohlgeboren anzeige, daß wenn Dieselben nicht Gelegenheit nehmen, Sr. Exzellenz, noch vor Aufhören des Blattes, welches in diesen Tagen erfolgen soll, von der Gerechtigkeit meiner Entschädigungsforderung zu überzeugen, ich die ganze Geschichte des Abendblatts im Ausland drucken lassen werde, habe ich die Ehre zu sein,

Ew. Hochwohlgeb. Ergebenster
H. v. Kleist.          

Berlin, den 21. Febr. 1811

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192. An Karl August Freiherrn von Hardenberg

Hoch- und Wohlgeborner Freiherr,
Hochgebietender Herr Geheimer Staatskanzler,

Ew. Exzellenz nehme ich mir die Freiheit, inliegende Abschrift eines Schreibens an den Hr. v. Raumer zu überschicken, mit der gehorsamsten und untertänigsten Bitte, die Meinung desselben, in der Sache des Abendblatts, nicht mehr zu Rate zu ziehn. Ich unterstehe mich, gegen die mir von Ew. Exzellenz, in Ihrem gnädigsten Schreiben vom 18. d. gemachten Äußerungen einige ehrfurchtsvolle Vorstellungen zu machen. Ein Blatt ist allerdings ein halbministerielles zu nennen, das, nach bestimmten Verabredungen mit dem Ministerio, geschrieben wird, und in allem, was Gesetzgebung und Finanzverwaltung betrifft, unter seiner speziellen Aufsicht steht. Nur ein Ununterrichteter kann sagen, daß ich in der Herausgabe dieses Blattes nicht beschränkt worden sei, da die außerordentlichen Maßregeln, die mich genötigt haben, den ganzen Geist der Abendblätter umzuändern, nur zu wohl bekannt sind. Was endlich die mir angebotene Pension betrifft, so lasse ich Ew. Exzellenz Meinung, wie es sich von selbst versteht, ehrfurchtsvoll dahingestellt sein; Hr. v. Raumers Meinung aber, in unsrer ersten, auf Befehl Ew. Exzellenz abgehaltenen Konferenz, war, daß ich diese Pension für das Geschäft der Führung dieses Blattes beziehen sollte: wie ich mir auch die Freiheit genommen habe, ihm dies in dem beifolgenden Billett, worauf ich seine Antwort erwarte, zu äußern. Ew. Exzellenz werden das Versehen, womit in dem Abendblatte einmal bewußtlos gegen die Interessen der Staatskanzlei angestoßen worden ist, bei so vielem guten Willen von meiner Seite, es wieder gut zu machen, nicht so streng ahnden; und indem ich nochmals auf mein untertänigstes Entschädigungsgesuch zurückkomme, und inständigst bitte, mich durch einen Bescheid, gnädiger als den erhaltenen, vor der Prostitution zu sichern, welche sonst unfehlbar eintreten würde, das Blatt unmittelbar, noch vor Ablauf des Vierteljahrgangs, aufhören lassen zu müssen, habe ich die Ehre zu sein,

Ew. Exzellenz untertänigster
H. v. Kleist.          

Berlin, den 22. Feb. 1811

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Raumer an Kleist

Berlin, den 21. Februar 1811

1) Warum die Abendblätter zugrunde gehen, zeigt ihr Inhalt.

2) Meine geringe Empfindlichkeit beweise ich Ihnen dadurch, daß ich die Wiederholung Ihres großen Irrtums über das Geldanerbieten ruhig ertrage, nachdem Sie selbst jenen Irrtum erkannt und mit der Höflichkeit zurückgenommen haben, welche Ihre jetzige Stimmung Ihnen leider nicht zu erlauben scheint.

3) Für oder wider das Abendblatt habe ich keine Veranlassung mit Sr. Exzellenz zu sprechen, da die Sache hinlänglich besprochen ist; ich werde Ihnen auch Ihr Unrecht nicht nochmals schriftlich auseinandersetzen, weil ich meine Zeit besser benutzen kann.

4) Drucken mögen Sie lassen, was Sie verantworten können.

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193. An Friedrich von Raumer

Ew. Hochwohlgeboren zeige ich ergebenst an, daß ich dem Hr. Staatskanzler, am heutigen Morgen, eine Abschrift meines gestern an Sie erlassenen Schreibens zugeschickt, und Demselben, mit der Bitte, Sie ferner nicht, in der Sache des Abendblatts, zu Rate zu ziehen, nochmals die Gerechtigkeit meines Entschädigungsgesuchs auseinander gelegt habe. Da ich Sr. Exzellenz nun, zur Begründung meines Anspruchs, versichert habe, daß Ew. Hochwohlgeboren mir, bei unsrer ersten Zusammenkunft, die in Rede stehende Geldvergütigung zu einer, den Zwecken der Regierung, gemäßen, Führung des Blattes, und als eine Entschädigung für das dabei gebrachte Opfer der Popularität, angeboten haben: so bitte ich mir, wegen der Stelle, in Ihrem soeben empfangenen Billett, welche diesem Umstand zu widersprechen scheint, eine Erklärung aus. Ew. Hochwohlgeboren fühlen von selbst, daß ich, zu so vielen Verletzungen meiner Ehre, die ich erdulden muß, vor Sr. Exzellenz nicht noch als ein Lügner erscheinen kann; und indem ich Denenselben anzeige, daß ich im Fall einer zweideutigen oder unbefriedigenden Antwort, Dieselben um diejenige Satisfaktion bitten werde, die ein Mann von Ehre in solchen Fällen fordern kann, habe ich die Ehre zu sein,

Ew. Hochwohlgeboren gehorsamster
H. v. Kleist.          

Berlin, den 22. Feb. 1811

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Raumer an Kleist

Berlin, den 22. Febr. 1811

Als ich aus einem Ihrer Billette, welches ich nicht aufbewahrt, und aus mündlichen Äußerungen schließen mußte, daß Ew. Hochwohlgeboren den Sinn meiner im Auftrage des Herrn Kanzlers Ihnen gemachten Bemerkungen usw. mißverstanden hatten, gab ich Ihnen eine schriftliche authentische Erklärung. Darauf schrieben Sie mir unterm 13. Dezember v. J., Ihre Wünsche für die Abendblätter wären durch die Empfehlung an die Behörden erfüllt, Sie begehrten nichts, als eine unabhängige Stellung zu behaupten. Sie schrieben ferner in Hinsicht auf die hieher gehörige falsche frühere Auslegung meiner Worte: »Ich behalte mir vor, Ew. mündlich wegen der zwischen uns im Drange mancher widerwärtigen Umstände stattgehabten Mißverständnisse, innigst und herzlichst um Verzeihung zu bitten.« Ich habe dem Herrn Kanzler Ihre Briefe vorgelegt und muß Sie jetzt als Offiziant bitten, das Gleiche mit den meinigen und insbesondere mit demjenigen zu tun, welcher Ihr Schreiben vom 13. Dezember und die Lösung der jetzt unerwartet erneuerten Mißverständnisse nach sich zog. Alsdann wird der Herr Kanzler entscheiden, ob ich seinen Sinn getroffen oder mißverstanden, also als Offiziant gefehlt oder Sie induziert habe.

Wenn Sie, nachdem dies geschehen ist, glauben, daß ich auch auf andere Weise gegen Sie gefehlt, bin ich zu jeder Genugtuung bereit, welche Sie irgend zu fordern sich für berechtigt halten.

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194. An Friedrich von Raumer

Ew. Hochwohlgeboren nehme ich mir die Freiheit, die, in Ihrem heutigen Billett, unerledigt gebliebene Frage:

»ob Dieselben mir, behufs einer den Zwecken der Staatskanzlei gemäßen Führung des Blattes, ein Geldanerbieten gemacht haben?«

noch einmal vorzulegen. Und mit der Bitte, mir dieselbe, binnen 2 mal 24 Stunden, mit: Ja, oder: Nein, zu beantworten, habe ich die Ehre zu sein,

Ew. Hochwohlgeboren gehorsamster
H. v. Kleist.          

Berlin, den 26. Febr. 1811

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Raumer an Kleist

Berlin, den 26. Febr. 1811

Ew. Hochwohlgeboren erwidere ich auf das heutige Billett, daß die Antwort auf Ihre heut wiederholte Frage vollständig in demjenigen meiner Briefe enthalten ist, auf welchen der Ihrige vom 13. Dezember erfolgt ist. Ich will dieser Antwort weder etwas abnehmen noch zusetzen, sondern ganz dafür offiziell und außeroffiziell verantwortlich sein und bleiben.

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Hardenberg an Kleist

Es ist unbegreiflich, wie Ew. Hochwohlgeboren sich haben beigehen lassen können, mir das Schreiben mitzuteilen, welches Sie an den Regierungsrat v. Raumer abgelassen haben, da Sie wissen mußten, daß es Behauptungen enthielt, deren Ungrund mir ganz genau bekannt war.

Das Abendblatt hat nicht bloß meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, sondern die Sr. Majestät des Königs Höchstselbst, weil Sie in eben dem Augenblicke, wo die neuen Finanzgesetze erschienen, Artikel darin aufnahmen, die geradezu dahin abzielten, jene Gesetze anzugreifen. Es wäre genug gewesen, die Zensur zu schärfen oder Ihr Blatt ganz zu verbieten, da es bei aller Freiheit, die man unparteiischen Diskussionen über Gegenstände der Staatsverwaltung bewilligt, doch durchaus nicht gestattet werden kann, daß in Tageblättern Unzufriedenheit mit den Maßregeln der Regierung aufgeregt werde. Aus wahrer Wohlmeinung gegen Sie sprach ich aber mit Ihnen, und versprach Ihnen Unterstützung, wenn Sie ein zweckmäßiges Blatt schrieben. Die Auslegung, welche Sie diesem Anerbieten gaben, als ob man Sie hätte erkaufen wollen, ist ebenso unrichtig, als die Behauptung, daß Sie die angebotene Unterstützung abgelehnt hätten. Sie haben aber keinen Anspruch darauf, weil die Abendblätter auf keine Weise den Zweck erfüllen und durch ihren Unwert von selbst fallen müssen, denn Auszüge aus längst gelesenen politischen Zeitungen und ein paar Anekdoten können, wie Sie selbst einsehen werden, nicht das mindeste Recht auf Unterstützung reklamieren oder die Benennung eines halboffiziellen Blattes verdienen. Ew. Hochwohlgeboren haben es sich demnach allein selbst zuzuschreiben, wenn die gute Absicht, die ich für Sie hegte, nicht erfüllt wird, und ich kann nicht umhin, Ihnen zu sagen, daß Ihre Korrespondenz mit dem Herrn v. Raumer, in der Sie sich im Widerspruch mit sich selbst befinden, mir äußerst mißfallen hat.

Hardenberg.

Berlin, den 26. Febr. 1811

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195. An Karl August Freiherrn von Hardenberg

Hoch- und Wohlgeborner Freiherr,
Hochgebietender Herr Geheimer Staatskanzler,

Ew. Exzellenz unterstehe ich mich, nicht ohne einige Schüchternheit, noch einmal, in der Entschädigungssache des Abendblatts, in welcher ich unglücklich genug gewesen bin, mir höchst Ihre Ungnade zuzuziehen, mit einer Vorstellung zu nahn. Hr. v. Raumer ist von mir, diese Sache betreffend, mit solchen Erläuterungen versehen worden, die, wie ich nicht zweifle, alle Mißverständnisse, welche darüber, durch mancherlei Umstände veranlaßt, obgewaltet haben mögen, zerstreuen werden. Ew. Exzellenz ersuche ich demnach, in der tiefsten Ehrfurcht, ihn, auf eine kurze Viertelstunde, darüber anzuhören; und indem ich die Versicherung anzunehmen bitte, daß diesem Wunsch keine andere Absicht zum Grunde liegt, als Rechtfertigung meiner Schritte vor den Augen Ew. Exzellenz und Rückkehr in Ew. Exzellenz mir über alles teure und unschätzbare Huld und Gnade, ersterbe ich,

Ew. Exzellenz, untertänigster
H. v. Kleist.          

Berlin, den 10. März 1811

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Hardenberg an Kleist

Es ist mir angenehm gewesen, aus Ew. Hochwohlgeboren Schreiben vom 10. März und den mir vom Herrn Reg. Rat v. Raumer gegebenen Erläuterungen zu ersehen, daß die früheren Mißverständnisse weder durch Schuld eines Dritten, noch durch vorsätzlichen Irrtum entstanden und herbeigeführt worden sind. Nach dieser genügenden Aufklärung der Sache kann ich Ihnen also gern versichern, daß mir von keiner Seite eine weitere Entschuldigung oder Rechtfertigung nötig erscheint.

Hardenberg.

Berlin, den 11. März 1811

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196. An Friedrich von Raumer

Ew. Hochwohlgeboren

nehme ich mir, unter Abstattung meines gehorsamsten und innigsten Danks, für die, durch Ihre gütige Vermittelung erfolgte, Beseitigung der stattgefundenen Mißverständnisse, die Freiheit, inliegendes Schreiben an Sr. Exzellenz, den Hr. Staatskanzler, zu überschicken. Ich unterstehe mich, Sr. Exzellenz darin, mit Übergehung der ganzen bewußten Entschädigungssache, als einen bloßen Beweis ihrer Gnade, um Übertragung der Redaktion des kurmärkischen Amtsblatts zu bitten. Ew. Hochwohlgeboren ersuche ich ganz ergebenst, im Vertrauen auf Ihre edelmütige Vergebung alles Vorgefallenen, diese Sache, zur Befriedigung aller Interessen, in Schutz zu nehmen; und in der Überzeugung, daß, in Rücksicht des großen Verlustes, den ich erlitten, meine Bitte, falls ihr nicht unüberwindliche Schwierigkeiten im Wege stehen, erfüllt werden wird, habe ich die Ehre, mit der vollkommensten und herzlichsten Hochachtung zu sein,

Ew. Hochwohlgeboren, gehorsamster
H. v. Kleist.          

Berlin, den 4. April 1811

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197. An Karl August Freiherrn von Hardenberg

Hoch- und Wohlgeborner Freiherr,
Hochgebietender Herr Staatskanzler,

Ew. Exzellenz unterstehe ich mich, gestützt auf die Huld und Gnade, womit Hochdieselben sich, in Ihrem Schreiben vom 11. v. M., über die, in Bezug auf die Abendblätter statt gefundenen, Mißverständnisse zu erklären geruhen, ein untertänigstes Gesuch vorzutragen. Es betrifft eine, meinen Kräften und Verhältnissen angemessene Anstellung bei der Redaktion des soeben durch die Gesetzsammlung angekündigten, offiziellen, kurmärkischen Amtsblatts. Ich führe, Ew. Exzellenz gnädigste Entscheidung zu bestimmen, ehrfurchtsvoll für mich an, daß ich nicht nur ein Kabinettsschreiben Sr. Maj. des Königs vom 13. April 1799 besitze, worin Höchstdieselben mir, bei meinem Austritt aus dem Militär, als ich die Universitäten besuchte und auf Reisen ging, eine Anstellung im Zivil allergnädigst zu versprechen geruhten; sondern auch, daß ich bereits, Ew. Exzellenz höchsteigenem Befehl zufolge, im Jahr 1805 und 1806, wirklich bei der Königsbergischen Kammer gearbeitet habe, und eine, mir bestimmte, Anstellung, bei einer der fränkischen Kammern, nur späterhin durch den Ausbruch des Krieges, wieder rückgängig ward. Ew. Exzellenz in Ihrem huldreichen Schreiben vom 11. enthaltenen Äußerungen voll Gewogenheit flößen mir das Vertrauen ein, daß Hochdieselben auf dies mein untertänigstes Gesuch einige Rücksicht nehmen werden; und unter der gehorsamsten Versicherung, daß es mir, in diesem Fall, weder an Eifer noch an Kräften fehlen wird, mich derselben würdig zu machen, ersterbe ich in der tiefsten Ehrfurcht,

Ew. Exzellenz untertänigster          
H. v. Kleist.

Berlin, den 4. April 1811

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Hardenberg an Kleist

An den Herrn H. v. Kleist Hochw.

Ehe ich die Kurmärkische Regierung befrage ob Ew. die Redaktion des kurmärkischen Amtsblatts übertragen werden könnte, muß ich Sie auf einige Punkte aufmerksam machen die schon an und für sich die Zurücknahme Ihres Gesuchs begründen möchten. Zuvörderst würden Sie Ihren Aufenthalt in Potsdam nehmen müssen; dann kann die Redaktion weil alle Inserate von dem Kollegium selbst entworfen und vollzogen werden, bloß in dem ganz äußerlichen Geschäft des Korrigierens des Drucks und in einigen andern gleich unerheblichen Bemühungen bestehn. Ich glaube nicht daß diese an sich zwar nötige aber uninteressante Beschäftigung Ihren Wünschen angemessen sein kann, und gebe Ihnen zu bedenken daß die Vergütung für diese Geschäfte immer nicht füglich höher bestimmt werden kann, als sie von dem zahlreichen Nebenpersonal der Regierung verlangt werden wird.

Sollten Sie aber überhaupt wünschen wieder in den Königl. Dienst einzutreten, so wird dies keine Schwierigkeiten haben, sobald Sie sich den allgemeinen gesetzlichen Bedingungen unterwerfen.

Hardenberg.

Berlin, den 18. April 1811

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198. An Henriette Hendel-Schütz

Frau Prof. Schütz, Wohlgeb., Blaufabrik Kronenstraße.

[Berlin, 22. oder 23. April 1811]

Wenn es Sie und Schütz nicht stört, liebste Frau: so mache ich von Ihrer Erlaubnis, mich um 11 Uhr im Saal, wenn Sie Ihre Vorbereitungen halten, einzufinden, Gebrauch. Aber, wie gesagt, es muß Sie nicht stören. Für mein Herz, das sich auf die Kunst versteht, zu ergänzen, fürchten Sie nichts; ich meine Ihre Spur im Sande mit Vergnügen betrachten zu können.

H. v. Kleist.

N. S. Ich bitte um 2 Billetts.

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199. An Friedrich de la Motte Fouqué

Mein liebster Fouqué,

Ihre liebe, freundliche Einladung, nach Nennhausen hinaus zu kommen und daselbst den Lenz aufblühen zu sehen, reizt mich mehr, als ich es sagen kann. Fast habe ich ganz und gar vergessen, wie die Natur aussieht. Noch heute ließ ich mich, in Geschäften, die ich abzumachen hatte, zwischen dem Ober- und Unterbaum, über die Spree setzen; und die Stille, die mich plötzlich in der Mitte der Stadt umgab, das Geräusch der Wellen, die Winde, die mich anwehten, es ging mir eine ganze Welt erloschener Empfindungen wieder auf. Inzwischen macht mir eine Entschädigungsforderung, die ich, wegen Unterdrückung des Abendblatts, an den Staatskanzler gerichtet habe, und die ich gern durchsetzen möchte, unmöglich, Berlin in diesem Augenblick zu verlassen. Der Staatskanzler hat mich, durch eine unerhörte und ganz willkürliche Strenge der Zensur, in die Notwendigkeit gesetzt, den ganzen Geist der Abendblätter, in bezug auf die öffentl. Angelegenheiten, umzuändern; und jetzt, da ich, wegen Nichterfüllung aller mir deshalb persönlich und durch die dritte Hand gegebenen Versprechungen, auf eine angemessene Entschädigung dringe: jetzt leugnet man mir, mit erbärmlicher diplomatischer List, alle Verhandlungen, weil sie nicht schriftlich gemacht worden sind, ab. Was sagen Sie zu solchem Verfahren, liebster Fouqué? Als ob ein Mann von Ehre, der ein Wort, ja, ja, nein, nein, empfängt, seinen Mann dafür nicht ebenso ansähe, als ob es, vor einem ganzen Tisch von Räten und Schreibern, mit Wachs und Petschaft, abgefaßt worden wäre? Auch bin ich, mit meiner dummen deutschen Art, bereits ebenso weit gekommen, als nur ein Punier hätte kommen können; denn ich besitze eine Erklärung, ganz wie ich sie wünsche, über die Wahrhaftigkeit meiner Behauptung, von den Händen des Staatskanzlers selbst. – Doch davon ein mehreres, wenn ich bei Ihnen bin, welches geschehen soll, sobald diese Sache ein wenig ins reine ist. – Müllers Buch, das ich damals, als Sie hier waren, besaß, mußte mir unseliger Weise bald darauf Marwitz aus Friedersdorf abborgen. Er nahm es, um es zu studieren, nach seinem Gute mit, und hat es noch bis diese Stunde nicht zurückgeschickt. Inzwischen habe ich schon Anstalten gemacht, es wieder zu erhalten; und ich hoffe es Ihnen, behufs Ihrer freundschaftlichen Absicht, durch Frh. v. Luck zuschicken zu können. Erinnern Sie das Volk daran, daß es da ist; das Buch ist eins von denen, welche die Störrigkeit der Zeit die sie einengt nur langsam wie eine Wurzel den Felsen, sprengen können; nicht par explosion. – Was schenken Sie uns denn für diese Messe? Wie gern empfinge ich es von Ihnen selbst, liebster Fouqué; ich meine, von Ihren Lippen, an Ihrem Schreibtisch, in der Umringung Ihrer teuren Familie! Denn die Erscheinung, die am meisten, bei der Betrachtung eines Kunstwerks, rührt, ist, dünkt mich, nicht das Werk selbst, sondern die Eigentümlichkeit des Geistes, der es hervorbrachte, und der sich, in unbewußter Freiheit und Lieblichkeit, darin entfaltet. – Nehmen Sie gleichwohl das Inliegende, wenn Sie es in diesem Sinne lesen wollen, mit Schonung und Nachsicht auf. Es kann auch, aber nur für einen sehr kritischen Freund, für eine Tinte meines Wesens gelten; es ist nach dem Tenier gearbeitet, und würde nichts wert sein, käme es nicht von einem, der in der Regel lieber dem göttlichen Raphael nachstrebt. Adieu! Es bleibt grade noch ein Platz zu einem Gruß an Fr. v. Briest, den ich hiermit gehorsamst bestelle.

H. v. Kleist.

[Berlin,] den 25. April 1811

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200. An Friedrich Karl Julius Schütz

H. Prof. Schütz, Wohlgeb.

Mein lieber Schütz,

Ich bin genötigt gewesen, eine Einladung zu einem Verwandten aufs Land anzunehmen, und die Schnelligkeit, womit wir unsre Reise antreten, hindert mich daran, Ihnen noch einmal in Ihrem Hause aufzuwarten, und Ihrer lieben Frau, für die vortreffliche Darstellung der Penthesilea, meinen Dank abzustatten. Inzwischen bin ich in drei oder vier Tagen, also noch vor Ihrer Abreise, zurück, um noch das Nötige, wegen unserer Theaterkritik, mit einander abzusprechen. Geben Sie mittlerweile doch Ihre Rezension des Ifflandschen Almanachs, die ich gern lesen möchte, in meiner Wohnung ab, von wo sie mir morgen nachgeschickt werden kann. Meinen herzlichsten Gruß an Ihre teure Frau.

H. v. Kleist.

[Berlin,] den 26. April 1811

N. S. Händigen Sie doch dem Überbringer die Iliade wieder ein.

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201. An Wilhelm Prinz von Preußen

Durchlauchtigster Fürst,
Gnädigster Prinz und Herr!

Ew. Königlichen Hoheit nehme ich mir, im herzlichen und ehrfurchtsvollen Vertrauen auf die mir, seit früher Jugend, bei manchen Gelegenheiten erwiesene, höchste Huld und Gnade, die Freiheit, folgenden sonderbaren und für mich bedenklichen Vorfall, der kürzlich zwischen Sr. Exzellenz, dem Hr. Staatskanzler, Frh. v. Hardenberg und mir, statt gefunden hat, vorzutragen. Der Wunsch, gnädigster Fürst und Herr, den ich willens bin, dem Schluß meines gehorsamsten Berichts anzuhängen, wird nichts Unedelmütiges und Unbescheidenes enthalten; meine Sache ist ganz in der Ordnung, und vielleicht bedarf es nichts, als einer Wahrnehmung des Staatskanzlers, daß Ew. Königliche Hoheit von dem ganzen Zusammenhang der Sache unterrichtet sind, um mir eine, meiner gerechten Forderung völlig angemessene, Entscheidung bei ihm auszuwirken. Der Fall, in welchem ich Ew. Königliche Hoheit um Ihre gnädigste Protektion bitte, ist dieser.

In dem von mir, von Oktober vorigen Jahres bis April des jetzigen, herausgegebenen Berliner Abendblatt, hat ein, ganz im allgemeinen die Grundsätze der Staatswirtschaft untersuchender Aufsatz gestanden, der das Unglück gehabt hat, Sr. Exzellenz, dem Hr. Staatskanzler, zu mißfallen. Sr. Exzellenz veranlaßten, von der einen Seite, ein Zensurgesetz, welches die Fortdauer des Blattes, in dem Geiste, der ihm eigen war, äußerst erschwerte, ja fast unmöglich machte; und von der anderen Seite ließen Dieselben mir mündlich, durch den damaligen Präsidenten der Polizei, Hr. Gruner, die Eröffnung machen, daß man das Blatt mit Geld unterstützen wolle, wenn ich mich entschließen könne, dasselbe so, wie es den Interessen der Staatskanzlei gemäß wäre, zu redigieren. Ich, dessen Absicht keineswegs war, den Maßregeln Sr. Exzellenz, deren Zweckmäßigkeit sich noch gar nicht beurteilen ließ, mit bestimmten Bestrebungen in den Weg zu treten, ging nun zwar in den mir gemachten Vorschlag ein; leistete aber, aus Gründen, die ich Ew. Königl. Hoheit nicht auseinander zu setzen brauche, ehrfurchtsvoll auf die Geldvergütigung Verzicht, und bat mir bloß, zu einiger Entschädigung, wegen dargebrachten Opfers der Popularität, und dadurch vorauszusehenden höchst verminderten Absatz des Blattes, die Lieferung offizieller Beiträge, von den Chefs der obersten Landesbehörden, aus. Denn diese, wenn sie mit Einsicht und so, daß sie das Publikum interessierten, gewählt wurden, konnten, auf gewisse Weise, einen jenen Verlust wieder aufhebenden und kompensierenden Geldwert für mich haben. Auf diese Begünstigung wollte sich jedoch Hr. Regierungsrat v. Raumer, mit dem ich jetzt auf Befehl Sr. Exzellenz unterhandelte, nicht einlassen; er zeigte mir, in sehr verlegenen Wendungen, wie die dadurch an den Tag kommende Abhängigkeit von der Staatskanzlei, dem Blatt alles Vertrauen des Publikums rauben würde, und gab mir zu verstehen, daß auch die Pension, von welcher mir Sr. Exzellenz bereits selbst mündlich gesprochen hatten, mir nur unter der Bedingung, daß davon nichts zur Kenntnis des Publikums käme, gezahlt werden könne. Bald darauf, da ich mit gänzlichem Stillschweigen über diesen Punkt, der mir, so vorgetragen, gänzlich verwerflich schien, auf die mir von Sr. Exzellenz gleichfalls versprochenen offiziellen Beiträge, als welche allein in dem Kreis meiner Wünsche lagen, bestand: hielt Hr. v. Raumer es für das beste, alle Verhandlungen mit mir, in einem höflichen Schreiben, gänzlich abzubrechen. Nun wäre mir zwar dieser Umstand völlig gleichgültig gewesen, wenn man mir erlaubt hätte, das Blatt, mit gänzlicher Freiheit der Meinungen, so, wie Ehrfurcht vor das bestehende Gesetz sie, bei einer liberalen Ordnung der Dinge, zu äußern gestatten, fortzuführen. Da aber die Zensurbehörde, durch die willkürlichsten und unerhörtesten Maßregeln (wofür ich mir den Beweis zu führen getraue), das Blatt, dessen tägliche Erscheinung nur mit der größten Anstrengung erzwungen werden konnte, ganz zu vernichten drohte: so erklärte ich, daß wenn ich nicht derjenigen Freiheit, die alle übrigen Herausgeber öffentlicher Blätter genössen, teilhaftig würde, ich mich genötigt sehen würde, mir im Ausland einen Verleger für dieses Wochenblatt aufzusuchen. Auf diese Erklärung willigten, in einer ganz unerwarteten Wendung, Sr. Exzellenz, der Hr. Staatskanzler, plötzlich in meinen vorigen, schon ganz aufgegebenen Wunsch; Dieselben ließen mir durch Hr. v. Raumer melden, daß sie, wegen Lieferung der offiziellen Beiträge, das Nötige an die Chefs der resp. Departementer, erlassen hätten; und ich, der in eine solche Zusage kein Mißtrauen setzen konnte, schloß mit meinem Buchhändler einen Kontrakt für das laufende Jahr auf 800 Thl. Pr. Kur. Honorars ab. Dem gemäß veränderte nun, in der Tat wenig zu meiner Freude, das Blatt seinen ganzen Geist; alle, die Staatswirtschaft betreffenden, Aufsätze gingen unmittelbar zur Zensur der Staatskanzlei, Hr. v. Raumer deutete mir, in mündlichen und schriftlichen Eröffnungen, mehrere Gedanken an, deren Entwickelung der Staatskanzlei angenehm sein würde, und der Präsident der Polizei, Hr. Gruner, schickte selbst einen Aufsatz, unabhängig von meiner Meinung darüber, zur Insertion in das Blatt ein. Inzwischen machte ich, zu meiner großen Bestürzung, gar bald die Erfahrung, daß man in meinen Vorschlag bloß gewilligt hatte, um des Augenblicks mächtig zu werden, und um der Herausgabe des Blattes im Auslande, von welcher ich gesprochen hatte, zuvorzukommen. Denn die offiziellen Beiträge blieben von den resp. Staatsbehörden gänzlich aus, und auf mehrere Beschwerden, die ich deshalb bei Hr. v. Raumer führte, antwortete derselbe weiter nichts, als daß es den Chefs der Departements wahrscheinlich an schicklichen und passenden Materialien fehle, um mich damit zu versorgen. Da nun das Blatt durch diesen Umstand, der das Publikum gänzlich in seiner Erwartung täuschte, allen Absatz verlor und schon, beim Ablauf des ersten Vierteljahrs, sowohl aus diesem Grunde, als wegen des dem Publiko wenig analogen Geistes, den ihm die Staatskanzlei einprägte, gänzlich zugrunde ging: so zeigte ich Sr. Exzellenz, dadurch in die größte Verlegenheit gestürzt, an, daß ich zwar zu Anfange auf jede Geldvergütigung Verzicht geleistet, daß ich aber nicht umhin könnte, ihn wegen jenes, ganz allein durch die Staatskanzlei veranlaßten, Verlustes meines jährlichen Einkommens, worauf meine Existenz gegründet gewesen wäre, um eine Entschädigung zu bitten. Aber wie groß war mein Befremden, als ich von der Staatskanzlei ein äußerst strenges Schreiben empfing, worin man mir, gleich einem unbescheidnen Menschen, unter der Andeutung, daß mein Vorgeben, ein Geldanerbieten von ihr, behufs einer den Interessen derselben gemäßen Führung des Blattes, empfangen zu haben, äußerst beleidigend sei, mein Entschädigungsgesuch rund abschlug! Bei dieser Sache war ich von mancher Seite zu sehr interessiert, als daß ich mich mit diesem Bescheid hätte beruhigen sollen. Sr. Exzellenz, der Hr. Staatskanzler, der den Brief unterschrieben hatte, konnten zwar, wie ich begriff, bei der Menge der ihnen obliegenden Geschäfte, die Äußerungen, die sie mir selbst mündlich gemacht hatten, vergessen haben; da ich aber keinen Grund hatte, so etwas bei demjenigen, der diesen Brief entworfen hatte, welches Hr. v. Raumer war, vorauszusetzen: so bat ich mir von demselben, wie Männer von Ehre in solchen Fällen zu tun pflegen, eine gefällige Erklärung über die Eröffnungen aus, die er mir im Namen Sr. Exzellenz, des Hr. Staatskanzlers, gemacht hatte. Ja, auf das Antwortschreiben Hr. v. Raumers, welches unbestimmt und unbedeutend war und nichts, als einige diplomatische Wendungen enthielt: wiederholte ich noch einmal mein Gesuch, und bat mir, binnen zweimal vier und zwanzig Stunden, mit Ja oder Nein, eine Antwort aus. Auf diesen Schritt schickte Hr. v. Raumer mir den Geh. Ob. Postrat Pistor ins Haus, um sich näher nach den Gründen, worauf ich meine Forderung stütze, zu erkundigen; und da derselbe aus meinen Papieren fand, daß auch schon der Staatsrat Gruner mir im Namen Sr. Exzellenz ein Geldanerbieten gemacht hatte: so erschien bald darauf, zur Beilegung dieser Sache, ein Schreiben von Sr. Exzellenz, dem Hr. Staatskanzler, worin dieselben, nach besserer Erwägung der Sache, wie es hieß, mein Recht, eine Entschädigung zu fordern, eingestanden. Inzwischen wollte man sich, aus welchen Gründen weiß ich nicht, auf keine unmittelbare Vergütigung einlassen; man ließ mir durch den Geh. Rat Pistor zu erkennen geben, daß man die Absicht habe, mir, zur Entschädigung wegen des gehabten Verlustes, die Redaktion des kurmärkischen Departementsblatts zu übertragen. Gleichwohl, mein gnädigster Fürst und Herr, als ich den Staatskanzler, bei der bald darauf erfolgten Einrichtung dieses Blattes, um die Redaktion desselben bat: schlug er mir dieselbe nicht nur, unter dem allgemeinen, und völlig grundlosen Vorgeben, daß sie für mich nicht passend sei, ab, sondern ging auch überhaupt auf mein Begehren, im Königl. Zivildienst angestellt zu werden, nur insofern ein, als ich mich dabei den gewöhnlichen, gesetzlichen Vorschriften, wie es hieß, unterwerfen würde. Da nun weder das Alter, das ich erreicht, noch auch der Platz, den ich in der Welt einnehme, zulassen, mich bei der Bank der Referendarien anstellen zu lassen: so flehe ich Ew. Königliche Hoheit inständigst an, mich gegen so viel Unedelmütigkeiten und Unbilligkeiten, die meine Heiterkeit untergraben, in Ihren gnädigsten Schutz zu nehmen. Ich bitte Ew. Königliche Hoheit, den Staatskanzler zu bewegen, mir, seiner Verpflichtung gemäß, eine, meinen Verhältnissen angemessene, und auch mit meinen anderweitigen literarischen Zwecken vereinbare, Anstellung im Königl. Zivildienst anzuweisen, oder aber, falls sich ein solcher Posten nicht sobald ausmitteln lassen sollte, mir wenigstens unmittelbar ein Wartegeld auszusetzen, das für jenen empfindlichen Verlust, den ich erlitten, und den ich zu tragen ganz unfähig bin, einigermaßen als Entschädigung gelten kann. Die Zugrundrichtung jenes Blattes war um so grausamer für mich, da ich kurz zuvor durch den Tod der verewigten Königin Majestät, meiner erhabenen Wohltäterin, eine Pension verloren hatte, die Höchstdieselbe mir, zur Begründung einer unabhängigen Existenz, und zur Aufmunterung in meinen dichterischen Arbeiten, aus ihrer Privatschatulle, durch meine Kusine, Frau von Kleist, auszahlen ließ: es war eben um jenen Ausfall zu decken, daß ich dieses Blatt unternahm. Auch in diesem Umstand, durchlauchtiger, königlicher Prinz, liegt, unabhängig von meinem persönlichen Vertrauen zu Ihnen, noch ein Grund, der mich mit meiner gehorsamsten Bitte um Verwendung, vor Ihr Antlitz führt, indem ich niemand auf Erden wüßte, durch dessen Vermittelung ich das, was ich durch den Tod jener angebeteten Herrscherin verlor, lieber ersetzt zu sehen wünschte, als durch die Ihrige; und indem ich nur noch die Versicherung anzunehmen bitte, daß es die Aufgabe meines Lebens sein wird, mich gar bald, nach Wiederherstellung meiner äußeren Lage, durch Lieferung eines tüchtigen Werks, geschehen kann, unterschreibe ich mich, in der allertiefsten Unterwerfung, Ehrfurcht und Liebe,

Ew. Königlichen Hoheit, untertänigster          
Heinrich von Kleist.

Berlin, den 20. Mai 1811
Mauerstraße Nr. 53

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202. An Georg Andreas Reimer

[Berlin, 31. Mai 1811]

Ich bitte um die Gefälligkeit, mein teuerer Freund, mir ein Exemplar des zerbrochnen Kruges auf Velin zu überschicken, oder aber, falls Sie heut nicht zu Hause sein sollten, es so zurecht zu legen, daß es morgen abgeholt werden kann.

H. v. Kleist.

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203. An Karl August Freiherrn von Hardenberg

Hoch– und Wohlgeborner Freiherr,
Hochgebietender Herr Geheimer Staatskanzler,

Ew. Exzellenz habe ich die Ehre, als ein Zeichen meiner innigsten Verehrung beifolgendes, soeben auf der Messe von mir erschienenes Werk, ehrfurchtsvoll zu überreichen. Ich würde mein schönstes Ziel erreicht haben, wenn ich imstande wäre, dadurch eine Stunde der kostbaren Muße Ew. Exzellenz zu erheitern, und wenn mir der Beifall eines Mannes zuteil würde, der, neben der Kunst zu regieren, sich zugleich als einen der einsichtsvollsten Kenner der Kunst, welche Melpomene lehrt, bewährt hat.

Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht umhin, Ew. Exzellenz den empfindlichen Verlust, den ich durch das Aufhören der Abendblätter erlitten habe, und mein gehorsamstes Gesuch um Entschädigung wieder in untertänigste Erinnerung zu bringen. Ich fühle, wie verletzend von mancher Seite die erneuerte Berührung dieser Sache sein mag; aber die gänzliche Unfähigkeit, jenen Ausfall, auf dem meine Existenz basiert war, zu ertragen, zwingt mich, Ew. Exzellenz Gnade und Gerechtigkeit von neuem wieder in Anspruch zu nehmen. Es ist nicht nur Hr. Regierungsrat v. Raumer, sondern auch früherhin schon, und in weit bestimmteren und weitläufigeren Eröffnungen, der Staatsrat, Hr. Gruner, der mir, im Namen Ew. Exzellenz, behufs einer in ihrem Geiste gänzlich veränderten Führung des Blattes, ein Geldanerbieten gemacht haben. Die offiziellen Beiträge sollten bloß statt dieser Geldunterstützung, die ich ehrfurchtsvoll ablehnte, gelten, um den verminderten Absatz, der wegen geringerer Popularität zu fürchten war, zu decken, und der, durch das Ausbleiben dieser Beiträge späterhin erfolgte Untergang des Blattes, ist demnach ein ganz allein durch das Verschulden der Staatskanzlei über mich gebrachter Verlust. Ew. Exzellenz selbst, indem Sie den mir in Ihrem gnädigsten Schreiben vom 26. Februar d. J., über meine Entschädigungsforderung geäußerten Unwillen, durch Ihr huldreiches Schreiben vom 11. März, zurücknehmen und für ein Mißverständnis erklären, scheinen dies zu empfinden; und Höchstdieselben sind zu gerecht, als daß Sie meine Befugnis, eine Entschädigung zu fordern, anerkennen sollten, ohne über diese Entschädigung selbst irgend etwas gnädigst zu verfügen. Ew. Exzellenz ersuche ich ganz untertänigst um die Gewogenheit, mich auf eine, meinen Verhältnissen angemessene Weise, im Königl. Zivildienst anzustellen, oder aber, falls sich eine solche Anstellung nicht unmittelbar, wie sie mit meinen übrigen literarischen Zwecken paßt, ausmitteln lassen sollte, mir wenigstens unmittelbar ein Wartegeld auszusetzen, das, statt jenes beträchtlichen Verlusts, als Entschädigung gelten kann. Ich glaube zu Ew. Exzellenz das Vertrauen haben zu dürfen, mit diesem gehorsamsten Gesuch, dessen Verweigerung mich aller Mittel, ferner im Vaterlande zu bestehen, berauben würde, keine Fehlbitte zu tun, und ersterbe, in Erwartung einer baldigst huldreichen Antwort, in der tiefsten und vollkommensten Ehrfurcht,

Ew. Exzellenz untertänigster          
H. v. Kleist.

Berlin, den 6. Juni 1811
Mauerstraße Nr. 53

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204. An Friedrich Wilhelm III.

Großmächtigster,
Allergnädigster König und Herr,

Ew. Königlichen Majestät erhabenem Thron unterstehe ich mich, in einem Fall, der für mein ferneres Fortkommen im Vaterlande von der höchsten Wichtigkeit ist, mit folgender untertänigsten Bitte um allerhöchste Gerechtigkeit, zu nahen. Sr. Exzellenz, der Hr. Staatskanzler, Freiherr v. Hardenberg, ließen mir, im November vorigen Jahres, bei Gelegenheit eines in dem Journal: das Abendblatt, enthaltenen Aufsatzes, der das Unglück hatte, denenselben zu mißfallen, durch den damaligen Präsidenten der Polizei, Hr. Gruner, und späterhin noch einmal wiederholentlich durch den Hr. Regierungsrat von Raumer, die Eröffnung machen, daß man dies Institut mit Geld unterstützen wolle, wenn ich mich entschließen könne, dasselbe so, wie es den Interessen der Staatskanzlei gemäß wäre, zu redigieren. Ich, der keine anderen Interessen, als die Ew. Königlichen Majestät, welche, wie immer, so auch diesmal, mit denen der Nation völlig zusammenfielen, berücksichtigte, weigerte mich anfangs, auf dieses Anerbieten einzugehen; da mir jedoch, in Folge dieser Verweigerung, von Seiten der Zensurbehörde solche Schwierigkeiten in den Weg gelegt wurden, die es mir ganz unmöglich machten, das Blatt in seinem früheren Geiste fortzuführen, so bequemte ich mich endlich notgedrungen in diesen Vorschlag: leistete aber in einem ausdrücklichen Schreiben an den Präsidenten, Hr. Gruner, vom 8. Dez. v. J. auf die mir angebotene Geldunterstützung ehrfurchtsvoll Verzicht, und bat mir bloß, zu einiger Entschädigung, wegen beträchtlich dadurch verminderten Absatzes, der zu erwarten war, die Lieferung offizieller das Publikum interessierender Beiträge von den Landesbehörden aus. Von dem Augenblick an, da Sr. Exzellenz mir dies versprachen, gab das Blatt den ihm eignen Charakter von Popularität gänzlich auf; dasselbe trat unter unmittelbare Aufsicht der Staatskanzlei, und alle Aufsätze, welche die Staatsverwaltung und Gesetzgebung betrafen, gingen zur Prüfung des Hr. Regierungsrats von Raumer. Gleichwohl blieben jene offiziellen Beiträge, ohne welche, bei so verändertem Geiste, das Blatt auf keine Weise bestehen konnte, gänzlich aus; und obschon ich weit entfernt bin, zu behaupten, daß Sr. Exzellenz Absicht war, dies Blatt zugrunde zu richten, so ist doch gewiß, daß die gänzliche Zugrundrichtung desselben, in Folge jener ausbleibenden offiziellen Beiträge, erfolgte, und daß mir daraus ein Schaden von nicht weniger als 800 Thl. jährlich erwuchs, worauf das Honorar mit meinem Verleger festgesetzt war. Wenn ich nun gleich, wie schon erwähnt, anfangs jede Geldunterstützung gehorsamst von mir ablehnte, so war doch nichts natürlicher, als daß ich jetzt, wegen des Verlusts meines ganzen Einkommens, wovon ich lebte, bei Sr. Exzellenz um eine Entschädigung einkam. Aber wie groß war mein Befremden, zu sehen, daß man jene Verhandlungen mit der Staatskanzlei, auf welche ich mich berief, als eine lügenhafte Erfindung von mir behandelte und mir, als einem Zudringlichen, Unbescheidenen und Überlästigen, mein Gesuch um Entschädigung gänzlich abschlug! Sr. Exzellenz haben nun zwar, auf diejenigen Schritte, die ich deshalb getan, in ihrem späterhin erfolgten Schreiben vom 18. April d. J., im allgemeinen mein Recht, eine Entschädigung zu fordern, gnädigst anerkannt; über die Entschädigung selbst aber, die man mir durch eine Anstellung zu bewirken einige Hoffnung machte, ist, so dringend meine Lage auch solches erfordert, bis diesen Augenblick noch nichts verfügt worden, und ich dadurch schon mehr als einmal dem traurigen Gedanken nahe gebracht worden, mir im Ausland mein Fortkommen suchen zu müssen. Zu Ew. Königlichen Majestät Gerechtigkeit und Gnade flüchte ich mich nun mit der alleruntertänigsten Bitte, Sr. Exzellenz, dem Hr. Staatskanzler aufzugeben, mir eine Anstellung im Zivildienst anweisen zu lassen, oder aber, falls eine solche Stelle nicht unmittelbar, wie sie für meine Verhältnisse paßt, auszumitteln sein sollte, mir wenigstens unmittelbar ein Wartegeld auszusetzen, das, statt jenes besagten Verlusts, als eine Entschädigung gelten kann. Auf diese allerhöchste Gnade glaube ich um so mehr einigen Anspruch machen zu dürfen, da ich durch den Tod der verewigten Königin Majestät, welche meine unvergeßliche Wohltäterin war, eine Pension verloren habe, welche Höchstdieselbe mir, zu Begründung einer unabhängigen Existenz und zur Aufmunterung in meinen literarischen Arbeiten, aus ihrer Privatschatulle auszahlen ließ.

Der ich in der allertiefsten Unterwerfung und Ehrfurcht ersterbe,

Ew. Königlichen Majestät,                    
alleruntertänigster          
Heinrich von Kleist.

Berlin, den 17. Juni 1811
Mauerstraße Nr. 53

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205. An Georg Andreas Reimer

Wollen Sie ein Drama von mir drucken, ein vaterländisches (mit mancherlei Beziehungen) namens der Prinz von Homburg, das ich jetzt eben anfange, abzuschreiben?

– Lassen Sie ein paar Worte hierüber wissen

Ihrem Freund          
H. v. Kleist.

[Berlin,] den 21. Juni 1811

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206. An Georg Andreas Reimer

[Berlin, 26. Juli 1811]

Ich bitte um die Gefälligkeit, mir

1 Ex. Käthchen von Heilbronn

und 1 Ex. Erzählungen
zu überschicken und auf Rechnung zu stellen.

Zugleich bitte ich um eine Nachricht über den Prinz Homburg.

Ihr        
H. v. Kleist.

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207. An Georg Andreas Reimer

[Berlin, Ende Juli 1811]

Mein liebster Reimer,

Ich bitte um die Gefälligkeit, mir Ihre Entschließung wegen des Pr. v. Homburg zukommen zu lassen, welchen ich bald gedruckt zu sehen wünsche, indem es meine Absicht ist, ihn der Prinzess. Wilhelm zu dedizieren. – Dabei zeige ich zugleich an, daß ich mit einem Roman ziemlich weit vorgerückt bin, der wohl 2 Bände betragen dürfte, und wünsche zu wissen, ob Sie imstande sindfalls er Ihnen gefiele., mir bessere Bedingungen zu machen, als bei den Erzählungen. Es ist fast nicht möglich, für diesen Preis etwas zu liefern, und so ungern ich außerhalb der Stadt drucken lasse, so würde ich doch mit Cotta wieder in Verbindung treten müssen, der, wie ich glaube, nicht abgeneigt ist, meine Sachen zu verlegen.

Ihr        
H. v. Kleist.

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208. An Marie von Kleist

[Berlin Juli 1811]

[Adam] Müllers Abreise hat mich in große Einsamkeit versenkt. Er war es eigentlich, um dessentwillen ich mich vor nun ohngefähr einem Jahr wieder in Berlin niederließ, und ich bin gewiß, so wenig dies auch mancher begreifen wird, daß er mich in Wien, wohin ich ihm nicht habe folgen können, vermissen werde. Nicht als ob ich ihm zu seinem Zwecke daselbst hätte behülflich sein können, sondern weil er mich braucht, um sich dessen, was er sich erringt und erstrebt, am Ziel zu erfreuen. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie rührend mir die Freundschaft dieses Menschen ist, fast so rührend, wie seine Liebe zu seiner Frau. Denn sein Treiben in der Welt, abgerissen und unvollendet, wie es noch daliegt, ist mancherlei Mißdeutungen unterworfen: es gehört ein Wohlgefallen, so gänzlich rücksichtslos, und uneigennützig, in Persönlichkeiten, die ihm ganz fremd und ungleichartig sind, dazu, um die innerliche Unschuld und Güte seines Wesens zu erkennen. Derjenige, mit dem ich jetzt am liebsten, wenn ich die Wahl hätte, in ein näheres Verhältnis treten möchte, ist der gute, sonst nur zu sehr von mir vernachlässigte Achim Arnim. Aber dieser läßt sich, seitdem er verheiratet ist, weder bei mir noch einem andern sehen. Er hat sich mit seiner Frau ganz wie lebendig in einen Pavillon des Vossischen Gartens begraben, und es ist nichts Lächerlicheres zu sehen, als das Acharnement der Menschen über diese Einsamkeit. Sie würden ihm eher alles andre vergeben, als daß er sich bei seiner Frau besser gefällt als in ihrer nichtigen und erbärmlichen Gesellschaft. Auch Beckendorf, den ich sonst zuweilen sah, ist fort von hier, und ich kann wohl sagen, daß ich, von so mancher Seite verlassen, ihn mehr als sonst vermisse.

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209. An Achim von Arnim

[Berlin, Sommer 1811]

Adam Müller wohnt Wien N. 871 beim Freih. du Beine.

H. v. Kleist.

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210. An Marie von Kleist

[Berlin, Sommer 1811]

Das Leben, das ich führe, ist seit Ihrer und A. Müllers Abreise gar zu öde und traurig. Auch bin ich mit den zwei oder drei Häusern, die ich hier besuchte, seit der letzten Zeit ein wenig außer Verbindung gekommen, und fast täglich zu Hause, von Morgen bis auf den Abend, ohne auch nur einen Menschen zu sehen, der mir sagte, wie es in der Welt steht. Sie helfen sich mit Ihrer Einbildung und rufen sich aus allen vier Weltgegenden, was Ihnen lieb und wert ist, in Ihr Zimmer herbei. Aber diesen Trost, wissen Sie, muß ich unbegreiflich unseliger Mensch entbehren. Wirklich, in einem so besondern Fall ist noch vielleicht kein Dichter gewesen. So geschäftig dem weißen Papier gegenüber meine Einbildung ist, und so bestimmt in Umriß und Farbe die Gestalten sind, die sie alsdann hervorbringt, so schwer, ja ordentlich schmerzhaft ist es mir, mir das, was wirklich ist, vorzustellen. Es ist, als ob diese in allen Bedingungen angeordnete Bestimmtheit meiner Phantasie, im Augenblick der Tätigkeit selbst, Fesseln anlegte. Ich kann, von zu viel Formen verwirrt, zu keiner Klarheit der innerlichen Anschauung kommen; der Gegenstand, fühle ich unaufhörlich, ist kein Gegenstand der Einbildung: mit meinen Sinnen in der wahrhaftigen lebendigen Gegenwart möchte ich ihn durchdringen und begreifen. Jemand, der anders hierüber denkt, kömmt mir ganz unverständlich vor; er muß Erfahrungen angestellt haben, ganz abweichend von denen, die ich darüber gemacht habe. Das Leben, mit seinen zudringlichen, immer wiederkehrenden Ansprüchen, reißt zwei Gemüter schon in dem Augenblick der Berührung so vielfach aus einander, um wie viel mehr, wenn sie getrennt sind. An ein Näherrücken ist gar nicht zu denken; und alles, was man gewinnen kann, ist, daß man auf dem Punkt bleibt, wo man ist. Und dann der Trost in verstimmten und trübseligen Augenblicken, deren es heutzutage so viel gibt, fällt ganz und gar weg. Kurz, Müller, seitdem er weg ist, kömmt mir wie tot vor, und ich empfinde auch ganz denselben Gram um ihn, und wenn ich nicht wüßte, daß Sie wieder kommen, würde mir es mit Ihnen ebenso gehn.

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211. An Marie von Kleist

[Berlin, Sommer 1811]

Sobald ich mit dieser Angelegenheit fertig bin, will ich einmal wieder etwas recht Phantastisches vornehmen. Es weht mich zuweilen, bei einer Lektüre oder im Theater, wie ein Luftzug aus meiner allerfrühsten Jugend an. Das Leben, das vor mir ganz öde liegt, gewinnt mit einemmal eine wunderbar herrliche Aussicht, und es regen sich Kräfte in mir, die ich ganz erstorben glaubte. Alsdann will ich meinem Herzen ganz und gar, wo es mich hinführt, folgen und schlechterdings auf nichts Rücksicht nehmen, als auf meine eigne innerliche Befriedigung. Das Urteil der Menschen hat mich bisher viel zu sehr beherrscht; besonders das Käthchen von Heilbronn ist voll Spuren davon. Es war von Anfang herein eine ganz treffliche Erfindung, und nur die Absicht, es für die Bühne passend zu machen, hat mich zu Mißgriffen verführt, die ich jetzt beweinen möchte. Kurz, ich will mich von dem Gedanken ganz durchdringen, daß, wenn ein Werk nur recht frei aus dem Schoß eines menschlichen Gemüts hervorgeht, dasselbe auch notwendig darum der ganzen Menschheit angehören müsse.

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212. An Marie von Kleist

[Berlin, Sommer 1811]

Ich fühle, daß mancherlei Verstimmungen in meinem Gemüt sein mögen, die sich in dem Drang der widerwärtigen Verhältnisse, in denen ich lebe, immer noch mehr verstimmen, und die ein recht heitrer Genuß des Lebens, wenn er mir einmal zuteil würde, vielleicht ganz leicht harmonisch auflösen würde. In diesem Fall würde ich die Kunst vielleicht auf ein Jahr oder länger ganz ruhen lassen, und mich, außer einigen Wissenschaften, in denen ich noch etwas nachzuholen habe, mit nichts als der Musik beschäftigen. Denn ich betrachte diese Kunst als die Wurzel, oder vielmehr, um mich schulgerecht auszudrücken, als die algebraische Formel aller übrigen, und so wie wir schon einen Dichter haben – mit dem ich mich übrigens auf keine Weise zu vergleichen wage – der alle seine Gedanken über die Kunst, die er übt, auf Farben bezogen hat, so habe ich, von meiner frühesten Jugend an, alles Allgemeine, was ich über die Dichtkunst gedacht habe, auf Töne bezogen. Ich glaube, daß im Generalbaß die wichtigsten Aufschlüsse über die Dichtkunst enthalten sind.

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213. An Ulrike von Kleist

Meine teuerste Ulrike,

In dem Louisenstift, dessen erste Abteilung erst organisiert ist, wird nun für die zweite Abteilung, welche gleichfalls organisiert werden soll, eine Oberaufseherin gesucht; eine Dame, deren Bestimmung nicht eigentlich unmittelbar die Erziehung der Kinder, sondern die Aufsicht über das ganze weibliche Personale ist, dem jenes Geschäft anvertraut ist. Eine solche Stelle, an und für sich demnach ehrenvoll genug, ist mit völlig freier Station und einem Gehalt von 400 Rth. verknüpft. Da Du nun, wie ich höre, damit umgehst, eine Pension in Frankfurt anzulegen, und sogar dazu schon einige Schritte getan hast: so ist mir eingefallen, ob es Dir vielleicht, die wohl vorzugsweise dazu geeignet ist, konvenieren würde, eine solche Stelle anzunehmen? Du würdest Dich in diesem Fall, wie es sich von selbst versteht, auf keine Weise darum zu bewerben brauchen; sondern Dein Ruf würde hoffentlich die Schritte, die ich deshalb bei den Vorstehern dieses Instituts, deren mehrere mir bekannt sind, tun könnte, dergestalt unterstützen, daß man eine Aufforderung an Dich dazu ergehen ließe. Dieser Plan schmeichelt meinem Wunsch, Dich auf dauerhafte Weise in meiner Nähe zu wissen; und obschon mancherlei Verhältnisse, zum Teil auch die Einrichtung dieses Instituts selbst, unmöglich machen, mich mit Dir zusammen zu etablieren, so würde mir doch Dein Aufenthalt in Berlin, von wo ich mich wohl sobald nicht zu entfernen denke, zur größten Freude und Befriedigung gereichen. Demnach bitte ich Dich um die Freundschaft, mir hierüber einige Worte zu schreiben; und mit der Versicherung, daß mich, falls es nur in Deine Zwecke paßt, nichts glücklicher machen würde, als alles, was in meinen Kräften steht, an die Ausführung dieser Sache zu setzen, unterschreibe ich mich

Dein treuer Bruder          
H. v. Kleist.

Berlin, den 11. Aug. 1811
Mauerstraße Nr. 53

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214. An Friedrich de la Motte Fouqué

Mein liebster Fouqué,

Zum Dank für das liebe, freundliche Geschenk das Sie mir mit Ihren Schauspielen und Ihre Frau Gemahlin mit ihren kleinen Romanen gemacht haben, übersende ich Ihnen diesen soeben fertig gewordenen zweiten Band meiner Erzählungen. Möge er Ihnen nur halb so viel Vergnügen machen, als mir die vortrefflichen Erzählungen Ihrer Frau Gemahlin, in welchen die Welt der Weiber und Männer wunderbar gepaart ist, gemacht haben. Auch Ihren vaterländischen Schauspielen bin ich einen Tag der herzlichsten Freude schuldig; besonders ist eine Vergiftungsszene im Waldemar mit wahrhaft großem und freien dramatischen Geiste gedichtet und gehört zu dem Musterhaftesten in unserer deutschen Literatur. Wenn es Ihnen recht ist, so machen wir einen Vertrag, uns alles, was wir in den Druck geben, freundschaftlich mitzuteilen; es soll an gutem Willen nicht fehlen, mein Geschenk dem Ihrigen, so viel es in meinen Kräften steht, gleich zu machen. Vielleicht kann ich Ihnen in kurzem gleichfalls ein vaterländisches Schauspiel, betitelt: der Prinz von Homburg, vorlegen, worin ich auf diesem, ein wenig dürren, aber eben deshalb fast, möcht ich sagen, reizenden Felde, mit Ihnen in die Schranken trete. Geschäfte, der unangenehmsten und verwickeltsten Art, haben mich für diesen Sommer abgehalten, Ihnen in Nennhausen meine Aufwartung zu machen; inzwischen kommt es mir vor, als ob eine Verwandtschaft zwischen uns prästabilitiert wäre, die sich in kurzer Zeit gar wunderbar entwickeln müßte, und es gehört zu meinen liebsten Wünschen, dies noch im Lauf dieses Herbstes zu versuchen. Vielleicht, mein liebster Fouqué, wenn Sie zu Hause bleiben, erscheine ich noch ganz unvermutet bei Ihnen, und erinnere Sie an die freundschaftliche Einladung, die Sie mir zu wiederholtem Male gemacht und nun vielleicht schon wieder vergessen haben. Meine gehorsamste Empfehlung an Ihre Fr. Gemahlin, so wie an Frl. v. Luck und alle übrigen, in deren Andenken ich stehe; wenn Sie, wie man hier sagt, nach Berlin kommen sollten, so werden Sie nicht vergessen, Ihre Gegenwart auf einen Augenblick zu schenken

Ihrem treusten und ergebensten          
H. v. Kleist.

Berlin, den 15. August 1811

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215. An Marie von Kleist

[Berlin, 17. Sept. 1811]

Wenn ich doch zu Ihren Füßen sinken könnte, meine teuerste Freundin, wenn ich doch Ihre Hände ergreifen und mit tausend Küssen bedecken könnte, um Ihnen den Dank für Ihren lieben, teuren Brief auszudrücken. Das lange Ausbleiben desselben hatte mir die Besorgnis erweckt, daß es Ihre Absicht sein könnte, mir gar nicht mehr zu schreiben; in der Tat hatte ich es verdient, und ich war darauf gefaßt, wie man auf das Trostloseste, das über ein Menschenleben kommen kann, gefaßt sein kann. Mehreremal, wenn ich auf den Gedanken geriet, daß Sie vielleicht einen Brief von mir erwarteten, hatte ich die Feder ergriffen, um Ihnen zu schreiben; aber die gänzliche Unfähigkeit, mich anders, als durch die Zukunft auszusprechen, machte sie mir immer wieder aus den Händen fallen. Denn die Entwickelung der Zeit und der Anteil, den ich daran nehmen werde, ist das einzige, was mich wegen des Vergangenen mit Ihnen versöhnen kann; erst wenn ich tot sein werde, kann ich mir denken, daß Sie mit dem vollen Gefühl der Freundschaft zu mir zurückkehren werden. Endlich gestern komme ich zu Hause und finde einen Brief so voll von Vergebung – ach, was sage ich, Vergebung? so voll von Güte und Milde, als ob ich gar keine Schuld gegen Sie hätte, als ob in Ihrer Brust auch nicht der mindeste Grund zum Unwillen gegen mich vorhanden wäre. Sagen Sie mir, wodurch habe ich so viele Liebe verdient? Oder habe ich sie nicht verdient, und schenken Sie sie mir bloß, weil Sie überhaupt nicht hassen können, weil Sie alles, was sich Ihrem Kreise nähert, mit Liebe umfassen müssen? Nun, der Himmel lohne Ihnen diesen Brief, der mir, seit Ihrer Abreise, wieder den ersten frohen Lebensaugenblick geschenkt hat. Ich würde Ihnen den Tod wünschen, wenn Sie zu sterben brauchten, um glücklich zu werden; es scheint mir, als ob Sie, bei solchen Empfindungen, das Paradies in Ihrer Brust mit sich herum tragen müßten.

Unsre Verhältnisse sind hier, wie Sie vielleicht schon wissen werden, friedlicher als jemals; man erwartet den Kaiser Napoleon zum Besuch, und wenn dies geschehen sollte, so werden vielleicht ein paar Worte ganz leicht und geschickt alles lösen, worüber sich hier unsere Politiker die Köpfe zerbrechen. Wie diese Aussicht auf mich wirkt, können Sie leicht denken; es ist mir ganz stumpf und dumpf vor der Seele, und es ist auch nicht ein einziger Lichtpunkt in der Zukunft, auf den ich mit einiger Freudigkeit und Hoffnung hinaussähe. Vor einigen Tagen war ich noch bei G[neisenau] und überreichte ihm, nach Ihrem Rat, ein paar Aufsätze, die ich ausgearbeitet hatte; aber das alles scheint nur, wie der Franzose sagt, moutarde après diner. Wirklich, es ist sonderbar, wie mir in dieser Zeit alles, was ich unternehme, zugrunde geht; wie sich mir immer, wenn ich mich einmal entschließen kann, einen festen Schritt zu tun, der Boden unter meinen Füßen entzieht. G[neisenau] ist ein herrlicher Mann; ich fand ihn abends, da er sich eben zu einer Abreise anschickte, und war, in einer ganz freien Entfaltung des Gesprächs nach allen Richtungen hin, wohl bis um 10 Uhr bei ihm. Ich bin gewiß, daß wenn er den Platz fände, für den er sich geschaffen und bestimmt fühlt, ich, irgendwo in seiner Umringung, den meinigen gefunden haben würde. Wie glücklich würde mich dies, in der Stimmung, in der ich jetzt bin, gemacht haben! Denn es ist eine Lust, bei einem tüchtigen Manne zu sein; Kräfte, die in der Welt nirgends mehr an ihrem Orte sind, wachen, in solcher Nähe und unter solchem Schutze, wieder zu einem neuen freudigen Leben auf. Doch daran ist nach allem, was man hier hört, kaum mehr zu denken. Wozu raten Sie mir denn, meine teuerste Freundin, falls auch diese Aussicht, die sich mir eröffnete, wieder vom Winde verweht würde? Soll ich, wenn ich das Geld von Ulriken erhalte, nach Wien gehen? Und werde ich es erhalten? – Ich gestehe, daß ich mit ebenso viel Lust, bei Regen und Schneegestöber, in eine ganz finstere Nacht hinaus gehen würde, als nach dieser Stadt. Nicht, als ob sie mir an und für sich, widerwärtig wäre; aber es scheint mir trostlos, daß ich es nicht beschreiben kann, immer an einem anderen Orte zu suchen, was ich noch an keinem, meiner eigentümlichen Beschaffenheit wegen, gefunden habe. Gleichwohl sind die Verhältnisse, in die ich dort eintreten könnte, von mancher Seite vorteilhaft: es läßt sich denken, daß meine Liebe zur Kunst dort von neuem wieder aufwachte – und auf jeden Fall ist gewiß, daß ich hier nicht länger bestehen kann. Sprechen Sie ein Wort, meine teuerste Freundin, sprechen Sie ein bestimmtes Wort, das mich entscheide; ich bin schon so gewohnt, alles auf Ihre Veranlassung und Ihren Anstoß zu tun, daß ich die Kraft, mich selbst zu entscheiden, fast ganz entbehre. – Der Brief an R[ex] ist besorgt und zwar, wie Sie mir befohlen haben, eigenhändig. Ich habe dabei in einer sehr langen Unterredung auch ihn Gelegenheit gehabt, näher kennen zu lernen, und kann [unlesbar gemachter Name] Meinung über ihn nicht ganz teilen; mich dünkt er hat Herz und Verstand, mehr als Sie alle beide ihm zutrauen. – Und nun leben Sie wohl, meine teuerste Freundin; ich sinke noch einmal zu Ihren Füßen nieder und küsse Ihre Hand für Ihren Brief; beschenken Sie mich bald wieder mit einem!

H. v. Kl.

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216. Aufzeichnung auf Gut Friedersdorf

[Kleist]

1) Der Krieg zwischen Napoleon und Fr. Wilhelm bricht binnen hier und vier Wochen aus:

2) Die Franzosen fangen den Krieg nicht an; sie setzen den König so, daß er den Frieden brechen muß; und dann erdrücken sie ihn.

3) Das Korps des Königs wird versuchen bei Frankfurt über die Oder zu gehen, es aber nicht bewerkstelligen und sich nach Spandow werfen.

4) Der König, für seine Person, geht nach Kolberg.

5) Für den (nicht erwarteten) Fall, daß der König mit dem Korps über die Oder käme, ist am 14. Okt. eine Schlacht, in welcher er erdrückt wird.

H. v. Kl.

Friedersdorf, den 18. Sept. 1811

[Ludwig von der Marwitz]

ad 1) Zwischen Napoleon und Fr. W. kommt kein Krieg zum Ausbruch.

2) Die Franzosen erdrücken (irgend einmal) den König so, daß er einen Krieg anzufangen nicht Zeit hat.

3) Ein Korps des Königs kömmt gar nicht zusammen.

4) Kann sein.

5) Zwischen hier und dem 14. Oktober ist der preußische Staat oder dessen Armee noch nicht vernichtet.

Friedersdorf, den 18. Sept. 1811

[Charlotte von der Marwitz]

Mir ahndet, daß die letzte Stunde des Königs geschlagen. Er wird seine Natur nie verändern; ewig unentschlossen, wird er alle wohlberechnete Plane vereiteln und die Kräfte derer die sich für ihn aufopfern wollen lähmen. Es werden auf Gneisenaus Vorschlag alle Waffenfähige zusammen gerufen werden, der König wird sie nicht zu gebrauchen verstehn, alles wird auseinander getrieben, ehe es Konsistenz gewonnen; die es redlich und kräftig meinen, werden allein stehn, und so wird alles seiner Bestimmung dem Untergang entgegen gehen. Eine große entscheidende Schlacht wird nicht vorfallen, sondern einzeln die Korps, durch Übermacht, Uneinigkeit, schlechte Anstalt aufgerieben werden.

C. M.

den 18. Sept. 1811

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Königl. Kabinettsorder an Kleist

An den Heinrich v. Kleist zu Berlin, Mauerstraße Nr. 53.

Berlin, den 11. September 1811

Ich erkenne mit Wohlgefallen den guten Willen, der Ihrem Dienstanerbieten zum Grunde liegt; noch ist zwar nicht abzusehen, ob der Fall, für den Sie dies Anerbieten machen, wirklich eintreten wird; sollte solches aber geschehen, dann werde Ich auch gern Ihrer in der gewünschten Art eingedenk sein, und gebe Ich Ihnen dies auf Ihr Schreiben vom 7. d. M. hiermit in Antwort zu erkennen. Friedrich Wilhelm.

[Aktenvermerk: Wird zur Anstellung notiert]

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217. An Karl August Freiherrn von Hardenberg

Hochgeborner Freiherr,
Hochgebietender Herr Geheimer Staatskanzler,

Wenn gleich die Entfernung Hr. v. Raumers, der gewiß allein schuld an der Ungnade war, die Ew. Exzellenz unlängst auf mich geworfen haben, mich von der einen Seite aufmuntert, meine Entschädigungssache wegen des Abendblatts wieder aufzunehmen, so ist doch der Augenblick, da das Vaterland eine Gefahr bedroht, zu wenig geeignet und geschickt dazu, als daß ich eine solche Streitsache wieder in Erinnerung bringen sollte. Ich lasse, in Erwartung einer besseren Zeit, in welcher es mir ohne Zweifel glücken wird, Ew. Exzellenz zu überzeugen, wie wenig unbillig meine Forderung war, diesen Gegenstand gänzlich fallen. Da jedoch Sr. Majestät der König geruht haben, mich, durch ein soeben empfangenes allerhöchstes Schreiben, im Militär anzustellen, und mir, bei der beträchtlichen Unordnung, in welche, durch eben jenen Verlust des Abendblatts, meine Kasse geraten ist, die Anschaffung einer Equipage höchst schwierig wird: so wage ich, im Vertrauen auf Ew. Exzellenz vielfach erprobten Patriotismus, Höchstdieselben um einen Vorschuß von 20 Louisdor, für welche ich Denenselben persönlich verantwortlich bleibe, anzugehn. Die Gewährung dieser Bitte wird mir die meinem Herzen äußerst wohltuende Beruhigung geben, daß Ew. Exzellenz Brust weiter von keinem Groll gegen mich erfüllt ist; und indem ich Ew. Exzellenz die Versicherung anzunehmen bitte, daß ich unmittelbar nach Beendigung des Krieges, Anstalten treffen werde, Höchstdenenselben diese Ehrenschuld, unter dem Vorbehalt meiner ewigen und unauslöschlichen Dankbarkeit, wieder zuzustellen, ersterbe ich,

Ew. Exzellenz untertänigster          
H. v. Kleist.

Berlin, den 19. Sept. 1811
Mauerstraße Nr. 53

[Vermerk Hardenbergs: H. v. Kleist bittet um ein Privatdarlehen von 20 St. Fr.dor. Zu den Akten, da der p. v. Kleist 21. 11. 11 nicht mehr lebt. Berlin, den 22. Nov. 11. Hardenberg.]

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218. An Ulrike von Kleist

Fräulein Ulrike von Kleist hier.

[Frankfurt a. O., Ende September 1811]

Meine liebste Ulrike,

Der König hat mich durch ein Schreiben im Militär angestellt, und ich werde entweder unmittelbar bei ihm Adjutant werden, oder eine Kompanie erhalten. Die Absicht, in der ich hierher kam, war, mir zu einer kleinen Einrichtung, welche dies nötig macht, Geld zu verschaffen, entweder unmittelbar von Dir, oder durch Dich, auf die Hypothek meines Hauses. Da Du Dich aber, mein liebes, wunderliches Mädchen, bei meinem Anblick so ungeheuer erschrocken hast, ein Umstand, der mich, so wahr ich lebe, auf das allertiefste erschütterte: so gebe ich, wie es sich von selbst versteht, diesen Gedanken völlig auf, ich bitte Dich von ganzem Herzen um Verzeihung, und beschränke mich, entschlossen, noch heut nachmittag nach Berlin zurückzureisen, bloß auf den anderen Wunsch, der mir am Herzen lag, Dich noch einmal auf ein paar Stunden zu sehn. Kann ich bei Dir zu Mittag essen? – Sage nicht erst, ja, es versteht sich ja von selbst, und ich werde in einer halben Stunde bei Dir sein.

Dein Heinrich.

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219. An Sophie Sander

Pour Mad. Sander. Hierbei ein Gesangbuch.

[Berlin, Okt. 1811]

Meine liebste Freundin,

Nun werde ich einmal Ihre Freundschaft auf die Probe stellen und sehen, ob Sie mir böse werden, wenn ich heute abend nicht komme. Ich werde morgen herankommen, und Ihnen sagen, welch ein ganz unvermeidliches Geschäft, dem Sie selbst dies Beiwort zugestehen werden, mich davon abgehalten hat; und wenn Sie mir, liebste, beste Freundin, ein krauses Gesicht ziehn und mir böse sind, so erinnere ich Sie an den Vertrag, den wir beide miteinander abgeschlossen haben.

H. v. Kleist.

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220. An Rahel Levin

Pour Mademoiselle Robert.

Liebe, warum sind Sie so repandiert? Eine Frau, die sich auf ihren Vorteil versteht, geht nicht aus dem Hause; da erst gilt sie alles, was sie kann und soll. Doch, machen Sie das mit Ihrem Gewissen aus. Ein Freund vom Hause läßt sich nicht abschrecken, und ich bin Sonnabend, noch vor Sonnabend, vielleicht noch heute, bei Ihnen.

H. v. Kleist.

[Berlin,] den 16. [Oktober 1811]

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221. An Rahel Levin

Obschon ich das Fieber nicht hatte, so befand ich mich doch, infolge desselben, unwohl, sehr unwohl; ich hätte einen schlechten Tröster abgegeben! Aber wie traurig sind Sie, in Ihrem Brief. – Sie haben in Ihren Worten so viel Ausdruck, als in Ihren Augen. Erheitern Sie sich; das Beste ist nicht wert, daß man es bedauere! Sobald ich den Steffen ausgelesen bringe ich ihn zu Ihnen.

H. v. Kleist.

[Berlin,] den 24. [Oktober 1811]

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222. An Marie von Kleist

[Berlin,] den 10. Nov. 1811

Deine Briefe haben mir das Herz zerspalten, meine teuerste Marie, und wenn es in meiner Macht gewesen wäre, so versichre ich Dich, ich würde den Entschluß zu sterben, den ich gefaßt habe, wieder aufgegeben haben. Aber ich schwöre Dir, es ist mir ganz unmöglich länger zu leben; meine Seele ist so wund, daß mir, ich möchte fast sagen, wenn ich die Nase aus dem Fenster stecke, das Tageslicht wehe tut, das mir darauf schimmert. Das wird mancher für Krankheit und überspannt halten; nicht aber Du, die fähig ist, die Welt auch aus andern Standpunkten zu betrachten als aus dem Deinigen. Dadurch daß ich mit Schönheit und Sitte, seit meiner frühsten Jugend an, in meinen Gedanken und Schreibereien, unaufhörlichen Umgang gepflogen, bin ich so empfindlich geworden, daß mich die kleinsten Angriffe, denen das Gefühl jedes Menschen nach dem Lauf der Dinge hienieden ausgesetzt ist, doppelt und dreifach schmerzen. So versichre ich Dich, wollte ich doch lieber zehnmal den Tod erleiden, als noch einmal wieder erleben, was ich das letztemal in Frankfurt an der Mittagstafel zwischen meinen beiden Schwestern, besonders als die alte Wackern dazukam, empfunden habe; laß es Dir nur einmal gelegentlich von Ulriken erzählen. Ich habe meine Geschwister immer, zum Teil wegen ihrer gutgearteten Persönlichkeiten, zum Teil wegen der Freundschaft, die sie für mich hatten, von Herzen lieb gehabt; so wenig ich davon gesprochen habe, so gewiß ist es, daß es einer meiner herzlichsten und innigsten Wünsche war, ihnen einmal, durch meine Arbeiten und Werke, recht viel Freude und Ehre zu machen. Nun ist es zwar wahr, es war in den letzten Zeiten, von mancher Seite her, gefährlich, sich mit mir einzulassen, und ich klage sie desto weniger an, sich von mir zurückgezogen zu haben, je mehr ich die Not des Ganzen bedenke, die zum Teil auch auf ihren Schultern ruhte; aber der Gedanke, das Verdienst, das ich doch zuletzt, es sei nun groß oder klein, habe, gar nicht anerkannt zu sehn, und mich von ihnen als ein ganz nichtsnutziges Glied der menschlichen Gesellschaft, das keiner Teilnahme mehr wert sei, betrachtet zu sehn, ist mir überaus schmerzhaft, wahrhaftig, es raubt mir nicht nur die Freuden, die ich von der Zukunft hoffte, sondern es vergiftet mir auch die Vergangenheit. – Die Allianz, die der König jetzt mit den Franzosen schließt, ist auch nicht eben gemacht mich im Leben festzuhalten. Mir waren die Gesichter der Menschen schon jetzt, wenn ich ihnen begegnete, zuwider, nun würde mich gar, wenn sie mir auf der Straße begegneten, eine körperliche Empfindung anwandeln, die ich hier nicht nennen mag. Es ist zwar wahr, es fehlte mir sowohl als ihnen an Kraft, die Zeit wieder einzurücken; ich fühle aber zu wohl, daß der Wille, der in meiner Brust lebt, etwas anderes ist, als der Wille derer, die diese witzige Bemerkung machen: dergestalt, daß ich mit ihnen nichts mehr zu schaffen haben mag. Was soll man doch, wenn der König diese Allianz abschließt, länger bei ihm machen? Die Zeit ist ja vor der Tür, wo man wegen der Treue gegen ihn, der Aufopferung und Standhaftigkeit und aller andern bürgerlichen Tugenden, von ihm selbst gerichtet, an den Galgen kommen kann.

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223. An Marie von Kleist

[Berlin, den 19. Nov. 1811]

Meine liebste Marie, mitten in dem Triumphgesang, den meine Seele in diesem Augenblick des Todes anstimmt, muß ich noch einmal Deiner gedenken und mich Dir, so gut wie ich kann, offenbaren: Dir, der einzigen, an deren Gefühl und Meinung mir etwas gelegen ist; alles andere auf Erden, das Ganze und Einzelne, habe ich völlig in meinem Herzen überwunden. Ja, es ist wahr, ich habe Dich hintergangen, oder vielmehr ich habe mich selbst hintergangen; wie ich Dir aber tausendmal gesagt habe, daß ich dies nicht überleben würde, so gebe ich Dir jetzt, indem ich von Dir Abschied nehme, davon den Beweis. Ich habe Dich während Deiner Anwesenheit in Berlin gegen eine andere Freundin vertauscht; aber wenn Dich das trösten kann, nicht gegen eine, die mit mir leben, sondern, die im Gefühl, daß ich ihr ebenso wenig treu sein würde, wie Dir, mit mir sterben will. Mehr Dir zu sagen, läßt mein Verhältnis zu dieser Frau nicht zu. Nur so viel wisse, daß meine Seele, durch die Berührung mit der ihrigen, zum Tode ganz reif geworden ist; daß ich die ganze Herrlichkeit des menschlichen Gemüts an dem ihrigen ermessen habe, und daß ich sterbe, weil mir auf Erden nichts mehr zu lernen und zu erwerben übrig bleibt. Lebe wohl! Du bist die allereinzige auf Erden, die ich jenseits wieder zu sehen wünsche. Etwa Ulriken? – ja, nein, nein, ja: es soll von ihrem eignen Gefühl abhangen. Sie hat, dünkt mich, die Kunst nicht verstanden sich aufzuopfern, ganz für das, was man liebt, in Grund und Boden zu gehn: das Seligste, was sich auf Erden erdenken läßt, ja worin der Himmel bestehen muß, wenn es wahr ist, daß man darin vergnügt und glücklich ist. Adieu! – Rechne hinzu, daß ich eine Freundin gefunden habe, deren Seele wie ein junger Adler fliegt, wie ich noch in meinem Leben nichts Ähnliches gefunden habe; die meine Traurigkeit als eine höhere, festgewurzelte und unheilbare begreift, und deshalb, obschon sie Mittel genug in Händen hätte mich hier zu beglücken, mit mir sterben will; die mir die unerhörte Lust gewährt, sich, um dieses Zweckes willen, so leicht aus einer ganz wunschlosen Lage, wie ein Veilchen aus einer Wiese, heraus heben zu lassen; die einen Vater, der sie anbetet, einen Mann, der großmütig genug war sie mir abtreten zu wollen, ein Kind, so schön und schöner als die Morgensonne, um meinetwillen verläßt: und Du wirst begreifen, daß meine ganze jauchzende Sorge nur sein kann, einen Abgrund tief genug zu finden, um mit ihr hinab zu stürzen. – Adieu noch einmal! –

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224. An Sophie Müller

Der Himmel weiß, meine liebe, treffliche Freundin, was für sonderbare Gefühle, halb wehmütig, halb ausgelassen, uns bewegen, in dieser Stunde, da unsere Seelen sich, wie zwei fröhliche Luftschiffer, über die Welt erheben, noch einmal an Sie zu schreiben. Wir waren doch sonst, müssen Sie wissen, wohl entschlossen, bei unseren Bekannten und Freunden keine Karten p. p. c. abzugeben. Der Grund ist wohl, weil wir in tausend glücklichen Augenblicken an Sie gedacht, weil wir uns tausendmal vorgestellt haben, wie Sie in Ihrer Gutmütigkeit aufgelacht (aufgejauchzt) haben würden, wenn Sie uns in der grünen oder roten Stube beisammen gesehen hätten. Ja, die Welt ist eine wunderliche Einrichtung! – Es hat seine Richtigkeit, daß wir uns, Jettchen und ich, wir zwei trübsinnige, trübselige Menschen, die sich immer ihrer Kälte wegen angeklagt haben, von ganzem Herzen lieb gewonnen haben, und der beste Beweis davon ist wohl, daß wir jetzt mit einander sterben.

Leben Sie wohl, unsre liebe, liebe Freundin, und seien Sie auf Erden, wie es gar wohl möglich ist, recht glücklich! Wir, unsererseits, wollen nichts von den Freuden dieser Welt wissen und träumen lauter himmlische Fluren und Sonnen, in deren Schimmer wir, mit langen Flügeln an den Schultern, umher wandeln werden. Adieu! Einen Kuß von mir, dem Schreiber, an Müller; er soll zuweilen meiner gedenken, und ein rüstiger Streiter Gottes gegen den Teufel Aberwitz bleiben, der die Welt in Banden hält. –

[Nachschrift von Henriette Vogel]

Doch wie dies alles zugegangen,
Erzähl ich euch zur andren Zeit,
Dazu bin ich zu eilig heut. –

Lebt wohl denn! Ihr, meine lieben Freunde, und erinnert Euch in Freud und Leid der zwei wunderlichen Menschen, die bald ihre große Entdeckungsreise antreten werden. Henriette.

[Wieder von Kleists Hand]

Gegeben in der grünen Stube

H. v. Kleist.

[Berlin,] den 20. November 1811

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225. An Frau Manitius

[Stimmings »Krug« bei Potsdam, den 21. Nov. 1811]

[Henriette Vogel:]

Meine überaus geliebte Manitius! Hier mit diesen paar Zeilen übergebe ich Dir mein schönstes Kleinod, was ich nächst Vogel auf Erden zurücklasse. Erschrick nicht, teure Frau, wenn ich Dir sage, daß ich sterben werde, ja daß ich heut sterben werde. – Die Zeit ist kurz, die mir noch übrig ist, deshalb beschwöre ich Dich nun bei unserer Liebe, mein Kind, mein Einziges, zu Dir zu nehmen, Du wirst ihm ganz Mutter sein und mich so unaussprechlich beruhigen. Über meinen Tod werde ich Dir jenseit mehr Auskunft geben können. – Lebe denn wohl, meine liebe liebe Manitius, Vogel wird Dir wahrscheinlich Paulinchen selbst bringen und erzählen, was er davon begreifen kann. Herr von Kleist, der mit mir stirbt, küßt Dir zärtlichst die Hände und empfiehlt sich mit mir aufs angelegentlichste Deinem teuren Mann. Adieu, adieu Deine Deine bis in alle Ewigkeit.

[Kleist]

Adieu, adieu! v. Kleist.

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226. An Ulrike von Kleist

An Fräulein Ulrike von Kleist Hochwohlgeb. zu Frankfurt a. Oder.

Ich kann nicht sterben, ohne mich, zufrieden und heiter, wie ich bin, mit der ganzen Welt, und somit auch, vor allen anderen, meine teuerste Ulrike, mit Dir versöhnt zu haben. Laß sie mich, die strenge Äußerung, die in dem Briefe an die Kleisten enthalten ist, laß sie mich zurücknehmen; wirklich, Du hast an mir getan, ich sage nicht, was in Kräften einer Schwester, sondern in Kräften eines Menschen stand, um mich zu retten: die Wahrheit ist, daß mir auf Erden nicht zu helfen war. Und nun lebe wohl; möge Dir der Himmel einen Tod schenken, nur halb an Freude und unaussprechlicher Heiterkeit, dem meinigen gleich: das ist der herzlichste und innigste Wunsch, den ich für Dich aufzubringen weiß.

Dein    
Heinrich.

Stimmings bei Potsdam
d. – am Morgen meines Todes

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227. An Marie von Kleist

[Stimmings »Krug« bei Potsdam, den 21. Nov. 1811]

Meine liebste Marie, wenn Du wüßtest, wie der Tod und die Liebe sich abwechseln, um diese letzten Augenblicke meines Lebens mit Blumen, himmlischen und irdischen, zu bekränzen, gewiß Du würdest mich gern sterben lassen. Ach, ich versichre Dich, ich bin ganz selig. Morgens und abends knie ich nieder, was ich nie gekonnt habe, und bete zu Gott; ich kann ihm mein Leben, das allerqualvollste, das je ein Mensch geführt hat, jetzo danken, weil er es mir durch den herrlichsten und wollüstigsten aller Tode vergütigt. Ach, könnt ich nur etwas für Dich tun, das den herben Schmerz, den ich Dir verursachen werde, mildern könnte! Auf einen Augenblick war es mein Wille mich malen zu lassen; aber alsdann glaubte ich wieder zuviel Unrecht gegen Dich zu haben, als daß mir erlaubt sein könnte vorauszusetzen, mein Bild würde Dir viel Freude machen. Kann es Dich trösten, wenn ich Dir sage, daß ich diese Freundin niemals gegen Dich vertauscht haben würde, wenn sie weiter nichts gewollt hätte, als mit mir leben? Gewiß, meine liebste Marie, so ist es; es hat Augenblicke gegeben, wo ich meiner lieben Freundin, offenherzig, diese Worte gesagt habe. Ach, ich versichre Dich, ich habe Dich so lieb, Du bist mir so überaus teuer und wert, daß ich kaum sagen kann, ich liebe diese liebe vergötterte Freundin mehr als Dich. Der Entschluß, der in ihrer Seele aufging, mit mir zu sterben, zog mich, ich kann Dir nicht sagen, mit welcher unaussprechlichen und unwiderstehlichen Gewalt, an ihre Brust; erinnerst Du Dich wohl, daß ich Dich mehrmals gefragt habe, ob Du mit mir sterben willst? – Aber Du sagtest immer nein – Ein Strudel von nie empfundner Seligkeit hat mich ergriffen, und ich kann Dir nicht leugnen, daß mir ihr Grab lieber ist als die Betten aller Kaiserinnen der Welt. – Ach, meine teure Freundin, möchte Dich Gott bald abrufen in jene bessere Welt, wo wir uns alle, mit der Liebe der Engel, einander werden ans Herz drücken können. – Adieu.

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228. An Ernst Friedrick Peguilhen

[Stimmings »Krug« bei Potsdam, den 21. Nov. 1811]

H. Kriegsrat Peguillhin, Wohlgeb., Berlin, Markgrafenstraße, im Falkschen Hause, das zweite Haus von der Behrenstraße. Der Bote bekommt noch 12 Gr. Kurant.

[Henriette Vogel]

Mein sehr werter Freund! Ihrer Freundschaft die Sie für mich, bis dahin immer so treu bewiesen, ist es vorbehalten, eine wunderbare Probe zu bestehen, denn wir beide, nämlich der bekannte Kleist und ich befinden uns hier bei Stimmings, auf dem Wege nach Potsdam, in einem sehr unbeholfenen Zustande, indem wir erschossen da liegen, und nun der Güte eines wohlwollenden Freundes entgegen sehn, um unsre gebrechliche Hülle, der sicheren Burg der Erde zu übergeben. Suchen Sie liebster Peguilhen diesen Abend hier einzutreffen und alles so zu veranstalten, daß mein guter Vogel möglichst wenig dadurch erschreckt wird, diesen Abend oder Nacht wollte Louis seinen Wagen nach Potsdam [schicken], um mich von dort, wo ich vorgab hinzureisen, abholen zu lassen, dies möchte ich Ihnen zur Nachricht sagen, damit Sie die besten Maßregeln darnach treffen können. Grüßen Sie Ihre von mir herzlich geliebte Frau und Tochter viel tausendmal, und sein Sie teurer Freund überzeugt daß Ihre und Ihrer Angehörigen Liebe und Freundschaft mich noch im letzten Augenblick meines Lebens die größte Freude macht.

Ihre A. Vogel

Ein kleines versiegeltes schwarzes ledernes Felleisen, und einen versiegelten Kasten worin noch Nachrichten für Vogel, Briefe, Geld und Kleidungsstücke auch Bücher vorhanden, werden Sie bei Stimmings finden. Für die darin befindlichen 10 Rth. Kurant wünschte ich eine recht schöne blaßgraue Tasse, inwendig vergoldet, mit einer goldnen Arabeske auf weißem Grunde zum Rand, und am Oberkopf im weißen Felde mein Vornamen, die Fasson wie sie jetzt am modernsten ist. Wenn Sie sich dieser Kommission halber an Buchhalter Meves auf der Porzellanfabrik wendeten, mit dem Bedeuten diese Tasse am Weihnachts-Heiligabend Louis eingepackt zuzuschicken, doch würden Sie mein lieber Freund mit der Bestellung eilen müssen, weil sie sonst nicht fertig werden möchte. Leben Sie wohl und glücklich. –

Einen kleinen Schlüssel werden Sie noch eingesiegelt im Kasten finden, er gehört zum Vorhängeschloß des einen Koffer zu Hause bei Vogel, worin noch mehrere Briefe und andre Sachen zum Besorgen liegen.

[Kleist]

Ich kann wohl Ihre Freundschaft auch mein liebster Peguillhin für einige kleine Gefälligkeiten in Anspruch nehmen. Ich habe nämlich vergessen, meinen Barbier für den laufenden Monat zu bezahlen, und bitte, ihm 1 Rth. à ⅓ C zu geben, die Sie eingewickelt in dem Kasten der Mad. Vogel finden werden. Die Vogeln sagt mir eben, daß Sie den Kasten aufbrechen und alle Kommissionen die sich darin finden besorgen möchten: damit Vogel nicht gleich damit behelligt würde – Endlich bitte ich noch, das ganze, kleine, schwarzlederne Felleisen, das mir gehört, mit Ausnahme der Sachen die etwa zu meiner Bestattung gebraucht werden möchten, meinem Wirt, dem Quartiermeister Müller, Mauerstraße Nr. 53, als einen kleinen Dank für seine gute Aufnahme und Bewirtung, zu schenken. – Leben Sie recht wohl, mein liebster Peguillhin; meinen Abschiedsgruß und Empfehlung an Ihre vortreffliche Frau und Tochter.

H. v. Kleist.

Man sagt hier d. 21. Nov.; wir wissen aber nicht ob es wahr ist.

N. S. In dem Koffer der Mad. Vogel, der in Berlin in ihrem Hause in der Gesindestube mit messingnem Vorlegeschloß steht, und wozu der kleine versiegelte Schlüssel, der hier im Kasten liegt, paßt – in diesem Koffer befinden sich drei Briefe von mir, die ich Sie noch herzlichst zu besorgen bitte. Nämlich:

1) einen Brief an die Hofrätin Müller, nach Wien;

2) einen Brief an meinen Bruder Leopold nach Stolpe, welche beide mit der Post zu besorgen sind (der erstere kann vielleicht durch den guten Brillen-Voß spediert werden); und

3) einen Brief, an Fr. v. Kleist, geb. v. Gualtieri, welchen ich an den Major v. Below, Gouverneur des Prinzen Friedrich von Hessen, auf dem Schlosse, abzugeben bitte.

Endlich liegt

4) noch ein Brief an Fr. v. Kleist, in den hiesigen Kasten der Mad. Vogel, welchen ich gleichfalls und zu gleicher Zeit an den Major v. Below, abzugeben bitte. – Adieu!

[Auf einem nachträglich eingeschobenen Zettel]

N. S. Kommen Sie recht bald zu Stimmings hinaus, mein liebster Peguillhin, damit Sie uns bestatten können. Die Kosten, was mich betrifft, werden Ihnen von Frankfurt aus, von meiner Schwester Ulrike wieder erstattet werden. – Die Vogeln bemerkt noch, daß zu dem Koffer mit dem messingnen Vorhängeschloß, der in Berlin, in ihrer Gesindestube steht, und worin viele Kommissionen sind, der Schlüssel hier versiegelt in dem hölzernen Kasten liegt. – Ich glaube, ich habe dies schon einmal geschrieben, aber die Vogel besteht darauf, daß ich es noch einmal schreibe.

H. v. Kl.

 


 


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