Heinrich von Kleist
Briefe
Heinrich von Kleist

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1803

70. An Ulrike von Kleist

An Ulrikchen.

[Weimar, Anfang Januar 1803]

Mein liebes Ulrikchen,

Da ich heute ungewöhnlich hoffnungsreich bin, so habe ich mich entschließen können, das böse Geschäft an Tantchen zu vollbringen. Ich habe die Feiertage in Oßmannstedt zugebracht, und mich nun (trotz einer sehr hübschen Tochter Wielands) entschlossen, ganz hinauszuziehen. Ich warte nur auf das Geld, um welches ich Dich gebeten habe, um nun zuletzt auf den Platz hinzugehen, an welchem sich mein Schicksal endlich, unausbleiblich, und wahrscheinlich glücklich entscheiden wird; denn ich setze meinen Fuß nicht aus diesem Orte, wenn es nicht auf den Weg nach Frankfurt sein kann. – Die Geßnern ist allerdings endlich niedergekommen; und gesund. Er aber (denke Dir!) hat Deine Koffer Louis, bei welchem Deine Mäntel in Bern zurückblieben, noch nicht geschickt! – Schreibe mir doch auch einige Neuigkeiten; denn ich fange wieder an, Anteil an die Welt zu nehmen. H. K.

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71. An Ulrike von Kleist

Meine vortreffliche Schwester,

Ich hatte gleich nach Empfang Deines Schreibens einige sehr leidenschaftliche Zeilen für Dich aufgesetzt; hielt sie aber aus leicht begreiflichen Gründen lieber zurück. Ich melde Dir daher jetzt bloß, daß ich das Geld empfangen habe. In kurzem werde ich Dir viel Frohes zu schreiben haben; denn ich nähere mich allem Erdenglück.

Heinrich Kleist.

Oßmannstedt, d. [?] Januar 1803

N. S. Ich wohne schon geraume Zeit hier, und es freut mich, daß Du das gern siehst. Ich habe aber mehr Liebe gefunden, als recht ist, und muß über kurz oder lang wieder fort; mein seltsames Schicksal! – Wenigstens bis zum Frühjahr möchte ich hier bleiben. Wieland erzählt mir seine Lebensgeschichte; und ich schreibe sie auf. Er läßt Dich grüßen. Er hat nicht gewußt, daß Du es bist, der ihn besucht hat. Jetzt weiß er es. – Herr Gott! Was macht denn Gustchen? Schreibe mir bald, viel und ruhig. Verhehle mir Deine Besorgnisse nicht. – Grüße alles.

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72. An Ulrike von Kleist

Leipzig, den 13. (und 14.) März 1803

Ich habe Deinen Brief vom 18. Febr. empfangen, und eile ihn zu beantworten. – Vielen Dank für alle Deine guten Nachrichten. Wie mag doch das kleine Ding aussehen, das Gustel geboren hat? Ich denke, wie die Mäuse, die man aus Apfelkernen schneidet. –

Merkels unbekannter Korrespondent bin ich nicht. –

Du bist doch immer noch die alte reiselustige Ulrike! Die Mara hat anderthalb Meilen von mir gesungen (in Weimar) und wahrhaftig, sie hätte in dem Kruge zu Oßmannstedt singen können; es ist noch die Frage, ob ich mich gerührt hätte. Aber der Himmel behüte mich, Dir diese Reiselustigkeit zu bespötteln. Denn das wäre, als ob einer, der mit sinkenden Kräften gegen einen Fluß kämpfte, die Leute, die auf sein Schreien ans Ufer stürzten, der Neugierde zeihen wollte. –

Das Verzeichnis der Sachen, die ich bei Carl Zenge zurückließ, kann ich nicht geben. –

Und Dich begleitet auf allen Schritten Freude auf meinen nächsten Brief? O du Vortreffliche! Und o du Unglückliche! Wann werde ich den Brief schreiben, der Dir so viele Freude macht, als ich Dir schuldig bin? –

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Ich weiß nicht, was ich Dir über mich unaussprechlichen Menschen sagen soll. – Ich wollte ich könnte mir das Herz aus dem Leibe reißen, in diesen Brief packen, und Dir zuschicken. – Dummer Gedanke!

Kurz, ich habe Oßmannstedt wieder verlassen. Zürne nicht! Ich mußte fort, und kann Dir nicht sagen, warum? Ich habe das Haus mit Tränen verlassen, wo ich mehr Liebe gefunden habe, als die ganze Welt zusammen aufbringen kann; außer Du! –! Aber ich mußte fort! O Himmel, was ist das für eine Welt!

Ich brachte die ersten folgenden Tage in einem Wirtshause zu Weimar zu, und wußte gar nicht, wohin ich mich wenden sollte. Es waren recht traurige Tage! Und ich hatte eine recht große Sehnsucht nach Dir, o Du meine Freundin!

Endlich entschloß ich mich nach Leipzig zu gehen. Ich weiß wahrhaftig kaum anzugeben, warum? – Kurz, ich bin hier.

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Ich nehme hier Unterricht in der Deklamation bei einem gewissen Kerndörffer. Ich lerne meine eigne Tragödie bei ihm deklamieren. Sie müßte, gut deklamiert, eine bessere Wirkung tun, als schlecht vorgestellt. Sie würde mit vollkommner Deklamation vorgetragen, eine ganz ungewöhnliche Wirkung tun. Als ich sie dem alten Wieland mit großem Feuer vorlas, war es mir gelungen, ihn so zu entflammen, daß mir, über seine innerlichen Bewegungen, vor Freude die Sprache verging, und ich zu seinen Füßen niederstürzte, seine Hände mit heißen Küssen überströmend.

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Vorgestern faßte ich ein Herz, und ging zu Hindenburg. Da war große Freude. »Nun, wie stehts in Paris um die Mathematik?« – Eine alberne Antwort von meiner Seite, und ein trauriger Blick zur Erde von der seinigen. – »So sind Sie bloß so herum gereiset?« – Ja, herum gereiset. – Er schüttelte wehmütig den Kopf. Endlich erhorchte er von mir, daß ich doch an etwas arbeite. »Woran arbeiten Sie denn? Nun! Kann ich es denn nicht wissen? Sie brachten diesen Winter bei Wieland zu; gewiß! gewiß!« – Und nun fiel ich ihm um den Hals, und herzte und küßte ihn so lange; bis er lachend mit mir überein kam: der Mensch müsse das Talent anbauen, das er in sich vorherrschend fühle.

Ob ich nicht auch mit Wünschen so fertig werden könnte? Und Huth? Und Hüllmann? etc. etc. etc. etc. etc.

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Hindenburg erzählte mir, Du habest von der Gräfin Genlis einen Ruf als Erzieherin in ihr Institut zu Paris erhalten. Was verstehst Du davon? Ich, nichts.

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Wieland hat Oßmannstedt verkauft, und zieht auf 1. Mai nach Weimar. Der 3. Mai wird zu seiner Ehre mit einem großen Feste gefeiert werden. Ich bin eingeladen; und alles, was süß ist, lockt mich. Was soll ich tun?

Wenn Ihr mich in Ruhe ein paar Monate bei Euch arbeiten lassen wolltet, ohne mich mit Angst, was aus mir werden werde, rasend zu machen, so würde ich – ja, ich würde!

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Leset doch einmal im 34. oder 36. Blatt des »Freimüthigen« den Aufsatz: Erscheinung eines neuen Dichters. Und ich schwöre Euch, daß ich noch viel mehr von mir weiß, als der alberne Kauz, der Kotzebue. Aber ich muß Zeit haben, Zeit muß ich haben – O Ihr Erinnyen mit Eurer Liebe!

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Frage aber mit Behutsamkeit nach diesem Blatte, damit der literarische Spürhund, der Merkel, nicht rieche, wer der neue Dichter sei? Es darf es überhaupt niemand als etwa meine allernächsten Verwandten erfahren; und auch unter diesen nur die verschwiegenen. – Auch tut mir den Gefallen und leset das Buch nicht. Ich bitte Euch darum, [gestrichen: Es ist eine elende Scharteke.] Kurz, tut es nicht. Hört Ihr?

Und nun küsse in meinem Namen jeden Finger meiner ewig verehrungswürdigen Tante! Und, wie sie, den Orgelpfeifen gleich, stehen, küsse sie alle von der obersten bis zur letzten, der kleinen Maus aus dem Apfelkern geschnitzt! Ein einziges Wort von Euch, und ehe Ihrs Euch verseht, wälze ich mich vor Freude in der Mittelstube. Adieu! Adieu! Adieu! O Du meine Allerteuerste!

Heinrich.

Leipzig, den 14. März 1803

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73. An Heinrich Lohse

[Dresden, April 1803]

Mein lieber Lohse, ich bin seit einigen Tagen in Dresden, und habe das ganze Schl[iebensche] Haus voller Besorgnisse um Dein Schicksal gefunden, weil Du seit so vielen Monaten nicht geschrieben hast. Es ist kein Übel der Erde, unter welchem Dich C[aroline] im Geiste nicht seufzen und erliegen sieht. Bald ist es ihr am wahrscheinlichsten, daß Du krank, bald, daß Du ihr untreu seist etc. Möglich ist, daß die Wahrheit auf eine gewisse Art zwischen inne liegt. Es kann sein, daß Du in einem Augenblick der Hoffnungslosigkeit Dich entschlossen hast, Dein Schicksal von dem Schicksal dieses armen Mädchens zu trennen. Sollte dies der Fall sein, und sollte Trennung von ihr ein Mittel sein, um mit freierer Bewegung Deiner Kräfte wenigstens Dir allein ein erträgliches Los zu erringen (Du verstehst mich), so setze, wie Du es angefangen hast, Dein Stillschweigen fort, und ich will, während meines Hierseins, alles Mögliche tun, um den großen Schmerz, der dieses arme Mädchen dann allerdings träfe, zu mildern. Wenn Du aber zu Deinen Kräften noch ein klein wenig Mut spürst, o mein lieber Lohse, so laß Dir sagen, daß keine Arbeit Dich schrecken muß, die dies vortrefflichste der Mädchen Dir gewinnen kann. Nach meiner (allerdings unvollständigen) Ansicht der Dinge scheint mir die Schweiz immer noch der Ort zu sein, an welchem Du Dein Talent am frühesten und sichersten gelten machen kannst. C[aroline] ist überdies auf dem Wege eine echte Künstlerin zu werden, und wird einst mehr als Dich unterstützen können. Solltest Du aber nicht Dir zutrauen, die Schweizer Maler zu verdrängen (welches Du allerdings darfst und kannst), so kannst Du wahrhaftig nichts Beßres tun, als in Dein Vaterland zurückzukehren, unter Menschen, die Dich lieben, mit Dir verwandt sind, oder wenigstens Deine Sprache verstehn. Deine Pläne mögen aber sein, welche sie wollen, so teile sie Deinem Freunde mit, und scheue Dich nicht, jede Hülfe von ihm zu fordern, die er Dir leisten kann. Ich werde noch einige Zeit, vielleicht einen Teil des Sommers, in Dresden bleiben, und hier wird mich auf jeden Fall Dein Brief finden. Mein Schicksal nähert sich einer Krise, ist sie glücklich, so werden mir Mittel genug zu Gebote stehen, um Dir zu helfen. H. K.

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74. An Ulrike von Kleist

Meine teuerste Freundin,

Der Rest meines Vermögens ist aufgezehrt, und ich soll das Anerbieten eines Freundes annehmen, von seinem Gelde so lange zu leben, bis ich eine gewisse Entdeckung im Gebiete der Kunst, die ihn sehr interessiert, völlig ins Licht gestellt habe. Ich soll in spätestens zwölf Tagen mit ihm nach der Schweiz gehen, wo ich diese meine literarische Arbeit, die sich allerdings über meine Erwartung hinaus verzögert, unter seinen Augen vollenden soll. Nicht gern aber möchte ich Dich, meine Verehrungswürdige, vorübergehen, wenn ich eine Unterstützung anzunehmen habe; möchte Dir nicht gern einen Freund vorziehen, dessen Börse, in Verhältnis mit seinem guten Willen, noch weniger weit reicht, als die Deinige. Ich erbitte mir also von Dir, meine Teure, so viele Fristung meines Lebens, als nötig ist, seiner großen Bestimmung völlig genug zu tun. Du wirst mir gern zu dem einzigen Vergnügen helfen, das, sei es noch so spät, gewiß in der Zukunft meiner wartet, ich meine, mir den Kranz der Unsterblichkeit zusammen zu pflücken. Dein Freund wird es, die Kunst und die Welt wird es Dir einst danken.

Das liebste wäre mir, wenn Du statt aller Antwort selber kämest. Ich würde Dir mündlich manchen Aufschluß geben, den aufzuschreiben völlig außer meinem Vermögen liegt. In eilf Tagen würdest Du mich noch hier, die nächstfolgenden in Leipzig finden. Da würdest Du auch meinen Freund kennen lernen, diesen vortrefflichen Jungen. Es ist Pfuel, von Königs Regiment.– Doch auch Dein Brief wird mir genug sein. Adieu.

Dresden, den 3. Juli 1803

Heinrich v. Kleist.

N. S. Grüße alles, und gib mir Nachrichten.

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Wieland an Kleist

[Weimar, Juli 1803]

Sie schreiben mir, lieber Kleist, der Druck mannigfaltiger Familienverhältnisse habe die Vollendung Ihres Werkes unmöglich gemacht. Schwerlich hätten Sie mir einen Unfall ankündigen können, der mich schmerzlicher betrübt hätte. Zum Glück läßt mich die positive Versicherung des Herrn von W[erdeck], daß Sie zeither mit Eifer daran gearbeitet, hoffen und glauben, daß nur ein mißmutiger Augenblick Sie in die Verstimmung habe setzen können, für möglich zu halten, daß irgend ein Hindernis von außen Ihnen die Vollendung eines Meisterwerks, wozu Sie einen so allmächtigen innerlichen Beruf fühlen, unmöglich machen könne. Nichts ist dem Genius der heiligen Muse, die Sie begeistert, unmöglich. Sie müssen Ihren Guiscard vollenden, und wenn der ganze Kaukasus und Atlas auf Sie drückte.

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75. An Ulrike von Kleist

Meine teuerste Ulrike,

Pfuels eigner Vorteil bei meiner Begleitung in die Schweiz ist zu groß, als daß ich jetzt zurücknehmen sollte, was ich unter andern Umständen versprach. Er würde immer noch die Reisekosten für mich bezahlen, um mich nur bei sich zu sehen; und da ich doch einmal in meinem Vaterlande nicht, nicht an Deiner Seite leben kann, so gestehe ich, daß mir selber für jetzt kein Platz auf der Erde lieber, und auch nützlicher ist, als der an der seinigen. Laß mich also nur mit ihm gehen.

Ich bin wirklich immer, Eurer Rückreise wegen, in Sorgen gewesen, und werde es auch bleiben, bis ich Nachrichten von Dir empfange. Das kann aber doch nicht eher sein, als in Bern, und dahin adressiere Deinen Brief. Ich selber werde jetzt oft, und mit Vergnügen an Euch schreiben. Seit ich Euch in Dresden sah, scheint mir das leicht, da es mir doch, ich schwöre es Dir, vorher unmöglich war. Ich weiß nicht, welche seltsame Vorstellung von einer unvernünftigen Angst meiner Verwandten über mich, in meinem Hirn Wurzel gefaßt hatte. Zum Teil war ich überdrüssig Euch mit Hoffnungen hinzuhalten, zum Teil schien es mir auch unmöglich, bei Euch noch welche zu erregen. Es ist also einerlei, dachte ich, ob du schreibst oder nicht.

Lies doch inliegenden Brief von Wieland, dem Alten, den ich, auf ein kurzes Empfehlungsschreiben das ich Werdecks mitgab, am Abend Eurer Abreise empfing. Ich sehe sein Antlitz vor Eifer glühen, indem ich ihn lese. – Die beiden letzten Zeilen sind mir die rührendsten. Du kannst sie, wenn Du willst, verstehen.

Schliebens lassen Euch noch tausendmal grüßen. Die jüngste hat mir zum Andenken ein Halbhemdchen gestickt, das ausnehmend schön ist. Ich habe die beiden Mädchen immer die niedlichsten Sachen verfertigen sehen, Kleider, Tücher, Schleier usw., und bemerkte doch niemals, daß sie sie selber trugen. Am Tage vor meiner Abreise erfuhr ich, daß die armen Kinder diese Arbeit ihrer Hände verkaufen. Eine Freundin bezahlt sie ihnen, und sucht sie selber dann wieder bei Kaufleuten abzusetzen. Das ist aber doch immer nur ein sehr ungewisser Absatz, und die armen Mädchen müssen, weil sie so heimlich zu Werke gehen, ihre Ware oft um ein Spottgeld hingeben. Könnte man ihnen nicht helfen? Ließen sich ihre Sachen nicht etwa bei einem der Kaufleute absetzen, die in Gulben auf den Markt kommen? Wenn Du irgend ein Mittel weißt, wie sich dies mit Anstand und Verschweigung des Namens tun läßt, so nimm Dich doch der Sache an. Du kannst in diesem Falle nur gradezu mit ihnen darüber in Korrespondenz treten. (Sie wissen aber davon nichts, daß ich Dir diesen Vorschlag mache.)

Die inliegenden Noten sind für mein neues Kusinchen, Emilie Schätzel. Die Arie ist hier fürs Klavier gesetzt, kann aber von ihrem Lehrer leicht für die Zither angeordnet werden.

Gleißenberg, wie Du wissen wirst, ist Gouverneur bei der Ecole militaire geworden, als Kapitän. Rühle löst ihn in Schlesien ab. – Ich gratuliere von Herzen Carolinen; denn, so wahr ich lebe, sie wird einen Mann heiraten.

Und nun lebe wohl, ich gehe heut mittag von hier ab. Ich küsse Tantchens Hand, und alle meine Geschwister, auch Ottilien.

Heinrich.

Leipzig, den 20. Juli 1803

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76. An Ulrike von Kleist

Der Himmel weiß, meine teuerste Ulrike, (und ich will umkommen, wenn es nicht wörtlich wahr ist) wie gern ich einen Blutstropfen aus meinem Herzen für jeden Buchstaben eines Briefes gäbe, der so anfangen könnte: »mein Gedicht ist fertig.« Aber, Du weißt, wer, nach dem Sprüchwort, mehr tut, als er kann. Ich habe nun ein Halbtausend hinter einander folgender Tage, die Nächte der meisten mit eingerechnet, an den Versuch gesetzt, zu so vielen Kränzen noch einen auf unsere Familie herabzuringen: jetzt ruft mir unsere heilige Schutzgöttin zu, daß es genug sei. Sie küßt mir gerührt den Schweiß von der Stirne, und tröstet mich, »wenn jeder ihrer lieben Söhne nur ebenso viel täte, so würde unserm Namen ein Platz in den Sternen nicht fehlen«. Und so sei es denn genug. Das Schicksal, das den Völkern jeden Zuschuß zu ihrer Bildung zumißt, will, denke ich, die Kunst in diesem nördlichen Himmelsstrich noch nicht reifen lassen. Töricht wäre es wenigstens, wenn ich meine Kräfte länger an ein Werk setzen wollte, das, wie ich mich endlich überzeugen muß, für mich zu schwer ist. Ich trete vor einem zurück, der noch nicht da ist, und beuge mich, ein Jahrtausend im voraus, vor seinem Geiste. Denn in der Reihe der menschlichen Erfindungen ist diejenige, die ich gedacht habe, unfehlbar ein Glied, und es wächst irgendwo ein Stein schon für den, der sie einst ausspricht.

Und so soll ich denn niemals zu Euch, meine teuersten Menschen, zurückkehren? O niemals! Rede mir nicht zu. Wenn Du es tust, so kennst Du das gefährliche Ding nicht, das man Ehrgeiz nennt. Ich kann jetzt darüber lachen, wenn ich mir einen Prätendenten mit Ansprüchen unter einem Haufen von Menschen denke, die sein Geburtsrecht zur Krone nicht anerkennen; aber die Folgen für ein empfindliches Gemüt, sie sind, ich schwöre es Dir, nicht zu berechnen. Mich entsetzt die Vorstellung.

Ist es aber nicht unwürdig, wenn sich das Schicksal herabläßt, ein so hülfloses Ding, wie der Mensch ist, bei der Nase herum zu führen? Und sollte man es nicht fast so nennen, wenn es uns gleichsam Kuxe auf Goldminen gibt, die, wenn wir nachgraben, überall kein echtes Metall enthalten? Die Hölle gab mir meine halben Talente, der Himmel schenkt dem Menschen ein ganzes, oder gar keins.

Ich kann Dir nicht sagen, wie groß mein Schmerz ist. Ich würde vom Herzen gern hingehen, wo ewig kein Mensch hinkommt. Es hat sich eine gewisse ungerechte Erbitterung meiner gegen sie bemeistert, ich komme mir fast vor wie Minette, wenn sie in einem Streite recht hat, und sich nicht aussprechen kann.

Ich bin jetzt auf dem Wege nach Paris sehr entschlossen, ohne große Wahl zuzugreifen, wo sich etwas finden wird. Geßner hat mich nicht bezahlt, meine unselige Stimmung hat mir viel Geld gekostet, und wenn Du mich noch einmal unterstützen willst, so kann es mir nur helfen, wenn es bald geschieht. Kann sein, auch, wenn es gar nicht geschieht.

Lebe wohl, grüße alles – ich kann nicht mehr.

Heinrich.

Genf, den 5. Oktober 1803

N. S. Schicke mir doch Wielands Brief. Du mußt poste restante nach Paris schreiben.

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77. An Ulrike von Kleist

Meine teure Ulrike! [gestrichen: Sei mein starkes Mädchen.] Was ich Dir schreiben werde, kann Dir vielleicht das Leben kosten; aber ich muß, ich muß, ich muß es vollbringen. Ich habe in Paris mein Werk, so weit es fertig war, durchlesen, verworfen, und verbrannt: und nun ist es aus. Der Himmel versagt mir den Ruhm, das größte der Güter der Erde; ich werfe ihm, wie ein eigensinniges Kind, alle übrigen hin. Ich kann mich Deiner Freundschaft nicht würdig zeigen, ich kann ohne diese Freundschaft doch nicht leben: ich stürze mich in den Tod. Sei ruhig, Du Erhabene, ich werde den schönen Tod der Schlachten sterben. Ich habe die Hauptstadt dieses Landes verlassen, ich bin an seine Nordküste gewandert, ich werde französische Kriegsdienste nehmen, das Heer wird bald nach England hinüber rudern, unser aller Verderben lauert über den Meeren, ich frohlocke bei der Aussicht auf das unendlich-prächtige Grab. O Du Geliebte, Du wirst mein letzter Gedanke sein!

Heinrich von Kleist.

St. Omer, den 26. Oktober 1803


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