Heinrich von Kleist
Briefe
Heinrich von Kleist

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1804

78. An Ulrike von Kleist

Mein liebstes Rickchen,

laß Dir einige Nachrichten über den Erfolg meiner Reise mitteilen, ein Hundsfott gibt sie besser, als er kann.

Ich kam Dienstags morgens mit Ernst und Gleißenberg hier an, mußte, weil der König abwesend war, den Mittwoch und Donnerstag versäumen, fuhr dann am Freitag nach Charlottenburg, wo ich Kökritzen endlich im Schlosse fand. Er empfing mich mit einem finstern Gesichte, und antwortete auf meine Frage, ob ich die Ehre hätte von ihm gekannt zu sein, mit einem kurzen: ja. Ich käme, fuhr ich fort, ihn in meiner wunderlichen Angelegenheit um Rat zu fragen. Der Marquis von Lucchesini hätte einen sonderbaren Brief, den ich ihm aus St. Omer zugeschickt, dem Könige vorgelegt. Dieser Brief müsse unverkennbare Zeichen einer Gemütskrankheit enthalten, und ich unterstünde mich, von Sr. Majestät Gerechtigkeit zu hoffen, daß er vor keinen politischen Richterstuhl gezogen werden würde. Ob diese Hoffnung gegründet wäre? Und ob ich, wiederhergestellt, wie ich mich fühlte, auf die Erfüllung einer Bitte um Anstellung rechnen dürfte, wenn ich wagte, sie Sr. Majestät vorzutragen? Darauf versetzte er nach einer Weile: »sind Sie wirklich jetzt hergestellt? Ganz, verstehn Sie mich, hergestellt? – Ich meine«, fuhr er, da ich ihn befremdet ansah, mit Heftigkeit fort, »ob Sie von allen Ideen und Schwindeln, die vor kurzem im Schwange waren, (er gebrauchte diese Wörter) völlig hergestellt sind?« – Ich verstünde ihn nicht, antwortete ich mit so vieler Ruhe als ich zusammenfassen konnte; ich wäre körperlich krank gewesen, und fühlte mich, bis auf eine gewisse Schwäche, die das Bad vielleicht heben würde, so ziemlich wieder hergestellt. – Er nahm das Schnupftuch aus der Tasche und schnaubte sich. »Wenn er mir die Wahrheit gestehen solle«, fing er an, und zeigte mir jetzt ein weit besseres Gesicht, als vorher, »so könne er mir nicht verhehlen, daß er sehr ungünstig von mir denke. Ich hätte das Militär verlassen, dem Zivil den Rücken gekehrt, das Ausland durchstreift, mich in der Schweiz ankaufen wollen, Versche gemacht (o meine teure Ulrike!) die Landung mitmachen wollen, usw. usw. usw. Überdies sei des Königs Grundsatz, Männer, die aus dem Militär ins Zivil übergingen, nicht besonders zu protegieren. Er könne nichts für mich tun.« – Mir traten wirklich die Tränen in die Augen. Ich sagte, ich wäre imstande, ihm eine ganz andere Erklärung aller dieser Schritte zu geben, eine ganz andere gewiß, als er vermutete. Jene Einschiffungsgeschichte z. B. hätte gar keine politischen Motive gehabt, sie gehöre vor das Forum eines Arztes weit eher, als des Kabinetts. Ich hätte bei einer fixen Idee einen gewissen Schmerz im Kopfe empfunden, der unerträglich heftig steigernd, mir das Bedürfnis nach Zerstreuung so dringend gemacht hätte, daß ich zuletzt in die Verwechslung der Erdachse gewilligt haben würde, ihn los zu werden. Es wäre doch grausam, wenn man einen Kranken verantwortlich machen wolle für Handlungen, die er im Anfalle der Schmerzen beging. – Er schien mich nicht ganz ohne Teilnahme anzuhören. – Was jenen Grundsatz des Königs beträfe, fuhr ich fort, so könne er des Königs Grundsatz nicht immer gewesen sein. Denn Sr. Majestät hätten die Gnade gehabt, mich mit dem Versprechen einer Wiederanstellung zu entlassen; ein Versprechen, an dessen Nichterfüllung ich nicht glauben könne, so lange ich mich seiner noch nicht völlig unwürdig gemacht hätte [zuerst: ein Versprechen, das ich Sorge getragen hätte, bis auf den heutigen Tag unter meinen Papieren aufzubewahren]. – Er schien wirklich auf einen Augenblick unschlüssig. Doch die zwangvolle Wendung die er jetzt plötzlich nahm, zeigte nur zu gut, was man bereits am Hofe über mich beschlossen hatte. Denn er holte mit einemmale das alte Gesicht wieder hervor, und sagte: »Es wird Ihnen zu nichts helfen. Der König hat eine vorgefaßte Meinung gegen Sie; ich zweifle daß Sie sie ihm benehmen werden. Versuchen Sie es, und schreiben Sie an ihn; doch vergessen Sie nicht die Bitte um Erlaubnis gleich hinzuzufügen, im Fall einer abschlägigen Antwort Ihr Glück im Auslande suchen zu dürfen.« – Was sagst Du dazu, mein liebes Ulrickchen? – Ich antwortete, daß ich mir die Erlaubnis ausbäte, in meinem Vaterlande bleiben zu dürfen. Ich hätte Lust meinem Könige zu dienen, keinem andern; wenn er mich nicht gebrauchen könne, so wäre mein Wunsch im Stillen mir und den Meinigen leben zu dürfen. – »Richten Sie Ihren Brief«, fiel er ein wenig betroffen ein, »wie Sie wollen. Es ist möglich, daß der König seine Meinung von Ihnen ändert; und wenn Sie ihn zu einer Anstellung geneigt machen können, so verspreche ich, Ihnen nicht entgegen zu wirken.« – Ich ersuchte ihn jetzt förmlich um diese Gnade, und wir brachen das Gespräch ab. Er bat mich noch, auf eine recht herzliche Art, um Verzeihung, wenn er mich beleidigt haben sollte, verwünschte seinen Posten, der ihm den Unwillen aller Menschen zuzöge, denen er es nicht recht machte: ich versicherte ihn, daß ich ihn mit Verehrung verließe, und fuhr nach Berlin zurück. – Ich las auf dem Wege Wielands Brief, den Du mir geschickt hast, und erhob mich, mit einem tiefen Seufzer, ein wenig wieder aus der Demütigung, die ich soeben erfahren hatte [zuerst: und erhob, in einem tiefen Seufzer, meine Brust über alle diese Menschen, die mich verachten]. – Jetzt habe ich dem Könige nun wirklich geschrieben; doch weil das Anerbieten meiner Dienste wahrscheinlich fruchtlos bleiben wird, so habe ich es wenigstens in einer Sprache getan, welche geführt zu haben, mich nicht gereuen wird. Du selbst hast es mir zur Pflicht gemacht, mich nicht zu erniedrigen; und lieber die Gunst der ganzen Welt verscherzt, als die Deinige. – Ich habe jetzt die Wahl unter einer Menge von sauren Schritten, zu deren einem ich zuletzt fähig sein werde, weil ich es muß. Zu Deinen Füßen werfe ich mich aber, mein großes Mädchen; möchte der Wunsch doch Dein Herz rühren, den ich nicht aussprechen kann.

Dein Heinrich.

Berlin, den 24. Juni 1804

N. S. Antworte mir doch bald. Ich will Deinen Brief hier erwarten. Grüße alles.

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79. An Ulrike von Kleist

[Berlin, 27. Juni 1804]

Meine teure Ulrike,

ob ich Dir gleich vor einigen Tagen einen ziemlich hoffnungslosen Brief überschickt habe, so kann ich Dir doch jetzt etwas über eine Art von Aussicht mitteilen, die sich, wunderlich genug für die Zukunft, mir auf einer ganz unerwarteten Seite eröffnet. – Du wirst Dich noch eines Majors Gualtieri erinnern, welchen ich Dir, wenn ich nicht irre, bei Deiner Anwesenheit in Berlin vor drei Jahren im Schauspielhause vorstellte. Dieser, noch ziemlich junge, Mann, ein Bruder der Kleisten von Königs Regiment, geht jetzt in wenig Monden als Gesandter nach Spanien, und will, es ist ganz sein eigner Einfall, mich als seinen Legationsrat, oder vorderhand, als einen vom König angestellten Attaché bei seiner Gesandtschaft mitnehmen. Ihm sei, sagte er, ein Legationsrat aufgedrungen worden, von welchem er sich, wenn es möglich sei, noch hier, auf jeden Fall aber in Madrid losmachen werde. In diesem letztern Falle müßte ich etwa ein Jahr noch aus eignen Kosten bestreiten, ich hätte jedoch Station auf der Reise, Wohnung und Tisch bei ihm in Madrid frei. Er wisse kein besseres Mittel, mich im Dienste des Königs wieder festen Fuß fassen zu machen, und er wolle, wenn ich auch gleich auf meine erste Bitte um Anstellung eine abschlägige Antwort erhielte (welches sich morgen oder übermorgen entscheiden wird), die Ausführung dieses ganzen Projekts bei Hofe übernehmen. Ich erwarte jetzt von Dir, meine teure Schwester, die Bestimmung, ob ich mich in diesen Vorschlag einlassen soll, oder nicht. Zu einem Amte wird er mir verhelfen, zum Glücke aber nicht. Doch davon soll ich Dir nicht sprechen. Adieu. Adieu.

Dein treuer Bruder Heinrich.

N. S. Im Fall Du mich nach Spanien – verbannen willst (wer weiß ob ich Dich jemals wiedersehe!), so muß ich wohl noch einige Zeit hier verweilen, die Sache einzuleiten, und mir zu diesem Aufenthalte, wenn Du es auftreiben kannst, einiges Geld ausbitten.

– Hast Du die Wiesedie Wiese an der Oder bei Greisers. noch nicht wieder besucht?

Gleißenberg läßt sich empfehlen. – Verzeih diesen liederlichen Brief, er ist in Eile geschrieben, um mit Fritzen zu reden. Ich muß soeben wieder zu Gualtieri kommen, der mich in große Affektion genommen hat. Er hält die ganze Sache schon für ausgemacht, und ich esse schon alle Tage bei ihm in der Stadt Paris.

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80. An Ulrike von Kleist

Mein liebes Ulrickchen,

der Major Gualtieri, welcher in einiger Zeit als Gesandter nach Spanien gehen wird, ein Freund meiner Jugend, welcher mir schon in Potsdam, als er noch Flügeladjutant des Königs war, viel Wohlwollen bezeugte, nimmt sich meiner jetzt mit großer Lebhaftigkeit an, und verspricht mir, wenn ich seinem Rate folgen will, mich mit der Zeit zu einem einträglichen und ehrenvollen Posten zu verhelfen. Er will, daß ich mit ihm nach Spanien gehen soll, wohin ich die Reise, dort auch Tisch, vielleicht, nach den Umständen, auch Wohnung frei haben werde, und gibt mir die Versicherung, mir für diesen Fall die Anstellung als Attaché bei seiner Gesandtschaft, in einem Jahr dort (vielleicht) eine kleine Zulage vom König, und in (höchstens) 3 Jahren den Legationsratsposten selber auszuwirken. Ich habe Dir dies alles schon vor mehr als 14 Tagen geschrieben, auch um Deinen Rat gebeten, aber keine Antwort erhalten, und daher (weil Deine Antwort auf meinen ersten Brief mir doch keinen andern Ausweg hoffen ließ) mich bereits darauf eingelassen, so daß diese Sache durch den Kabinettsrat Lombard schon völlig im Gange ist. – Was diese Deine Antwort betrifft, so weiß ich nicht, welcher Ausdruck in meinem Schreiben Dich wegen meines Briefes an den König so beunruhigt haben kann. Denn wenn ich fühle, was ich mir selbst, so weiß ich, was ich dem Könige schuldig bin; welches keiner Rede mehr bedürfen sollte. Auch weiß ich bereits durch Lombard daß der König zwar eine abschlägige Resolution gegeben hat, aber bloß, weil man für mich keinen bezahlten Posten weiß, und mir den Dienst von unten auf nicht anbieten will. Diese königliche Antwort selber habe ich aber bis auf den heutigen Tag (es sind nun 3 Wochen) noch nicht erhalten, bin daher schon einigemal (vergebens) bei Haugwitz und Hardenberg, heute endlich wieder in Charlottenburg bei Kökritz gewesen, der sich darüber sehr wunderte, in meiner Gegenwart zu Kleisten schickte, und da heraus kam, daß eine Unordnung bei Hardenberg oder Haugwitz vorgefallen war, mir riet, die Sache fallen zu lassen, und einen neuen Brief an den König zu schreiben. Dadurch habe ich diesen Mann einigermaßen in mein Interesse gezogen, und bin fast willens, ihm meinen neuen Brief an den König zur Einhändigung zu überreichen. – Übrigens fürchte ich dennoch, daß mir mein erstes Gesuch immer abgeschlagen werden wird; mein zweites aber gewiß nicht, man sieht gar nicht ein, warum? Gualtieri will mich in diesem Fall mitnehmen nach Landeck in Schlesien, wohin Lombard auch gegangen ist, um mir dort die nähere Bekanntschaft dieses Mannes zu verschaffen, der sein spezieller Freund ist. Ich bin dazu sehr geneigt, besonders da ich irgend eines Bades schlechterdings bedarf; wenn Du nur mich von der Geldseite darin unterstützen willst. – Schicke, wenn Du etwas für mich erübrigen kannst, dies doch sobald als möglich nach Berlin an Gleißenberg; sobald ich drei oder vier Tage von hier abwesend sein kann, so nutze ich sie, um nach Frankfurt zu reisen, und Dir nähere Auskunft zu geben über die Reise nach Spanien, die ihre gewissen Vorteile zwar hat, aber ungeheure Folgen haben kann. Adieu, grüße alles.

Dein Heinrich.

Berlin, den 11. Juli 1804

N. S. Du bist doch nicht krank, daß Du mir nicht geantwortet hast?

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81. An Ulrike von Kleist

Mein liebes Ulrikchen,

die Antwort des Königs auf meine Zuschrift, bleibt auf eine mir ganz unverständliche Weise, zum zweitenmale aus. Ich habe nicht wagen dürfen, mich bei Kökritzen nach der Ursach dieses sonderbaren Aufschubs zu erkundigen, da jeder nächste Tag mir immer die Resolution noch bringen konnte. Übermorgen aber geht meine Hoffnung zu Ende, und ich will zum viertenmale nach Charlottenburg hinaus. Denn dieser ungewisse Zustand wird mir nachgerade völlig zum Ekel. – Jene bewußten 20 Rth. sind, weil die Adresse nicht bestimmt genug war, an den Obristen Kleist, Directeur der Militärakademie abgegeben worden. Ich habe Geld und Brief, leider nicht mehr uneröffnet, empfangen, und mich nur betrübt, daß ich diesem Manne nicht jetzt auch Deine früheren Briefe mitteilen konnte. – Ach, Ulrikchen, wie unglücklich wäre ich, wenn ich nicht mehr stolz sein könnte! – Werde nicht irre an mir, mein bestes Mädchen! Laß mir den Trost, daß einer in der Welt sei, der fest auf mir vertraut! Wenn ich in Deinen Augen nichts mehr wert bin, so bin ich wirklich nichts mehr wert! – Sei standhaft! Sei standhaft! Gualtieri reiset in einigen Tagen nach Schlesien, um einen Handel in Gang zu bringen, der nach Spanien unternommen werden soll. Er wartet wirklich bloß auf die Entscheidung meines Schicksals, um sich mich sogleich vom Könige auszubitten. Er will mich unentgeltlich mitnehmen, und ich brauche nichts, als jene 25 Rth., die Ihr mir monatlich ausgesetzt habt, um eine kleine Börse bei mir zu führen. Besorge mir also doch dies Geld, wenn es sein kann, unverzüglich hierher. Wir reisen wahrscheinlich über Frankfurt, und es sollte mir lieb sein, wenn sich Gelegenheit fände, Euch diesen Menschen vorzustellen, an welchem mir selber alles, bis auf seine Liebe zu mir, so unbegreiflich ist. – Adieu. Viele Grüße an Tanten und die Geschwister.

Heinrich Kleist.

Berlin, d. Freitag, [27.] Juli 1804

N. S. Ich wohne in der Spandauer Straße, Nr. 53.

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82. An Henriette von Schlieben

An Fräulein Henriette von Schlieben Hochwohlgeboren, zu Dresden, wohnhaft beim Japanischen Palais.

Meine teure Freundin Henriette,

ich will diese Reise des Hauptmanns von Gleißenberg, meines Jugendfreundes, nicht unbenutzt lassen, Ihnen ein paar flüchtige Zeilen von Ihrem immer treuen Heinrich Kleist in die Hände zu schanzen. Verzeihen Sie, wenn ich alle Versprechungen, mit welchen ich in Dresden von Ihnen schied, so gänzlich unerfüllt gelassen habe. Wenn uns das Schicksal so unerbittlich grimmig auf der Ferse folgt, so haben wir alle Besinnung nötig, um uns nur vor seinen Schlägen einigermaßen zu retten. Doch es bedarf nur einer kurzen Ruhe, um uns alle frohen Augenblicke der Vergangenheit, und mit ihnen alle gute Menschen ins Gedächtnis zu rufen, denen wir sie schuldig sind.

Wie ist es Ihnen denn dieses ganze lange Jahr über, das wir uns nicht gesehen haben, gegangen? Wie befindet sich Ihre würdige Frau Mutter? Und Ihre Tante? Was macht unsre liebenswürdige Freundin Caroline? Ist Wilhelm in Dresden gewesen? Und ist ihm sein Wunsch erfüllt, und ihm eine Laufbahn im Zivil eröffnet worden? Schreibt Lohse öfter als sonst? Und geht es ihm gut? Wo ist er denn jetzt? Dürfen wir hoffen, unsre liebe Caroline durch ihn bald glücklich zu sehen? – Auf alle diese Fragen, mein teuerstes Kusinchen, wird Ihnen Ihr Herz sagen, daß Sie mir die Antwort schuldig sind.

Ich habe Lohsen auf einige Zeit in Varese gesehen, wo ich einen der frohsten Tage meines Lebens verlebt habe. Wir fuhren, Werdecks, Pfuel, er, und ich, zusammen nach Madonna del Monte, einem ehemaligen Kloster an dem südlichen Fuße der Alpen; und war es diese Gesellschaft, und dieser Ort, dieser wunderschöne Ort, vielleicht auch der Genuß der gewürzreichen Weine, und der noch gewürzreicheren Lüfte dieses Landes: ich weiß es nicht; aber Freude habe ich an diesem Tage so lebhaft empfunden, daß mir diese Erscheinung noch jetzt, bei dem Kummer, der mir zugleich damals fressend ans Herz nagte, ganz verwundrungswürdig ist. – Übrigens hatte ich, bei der Gesellschaft, die uns immer umgab, nur selten Gelegenheit, mich ihm vertraulich zu nähern. Seine Verhältnisse schienen in dieser Stadt sehr mannigfaltig, selbst ein wenig verwickelt, er selber gegen mich etwas geheimnisvoll, so daß ich Ihnen keine ganz sichere Nachricht über ihn zu geben imstande war; sonst hätte ich wirklich gleich von dort aus an Sie geschrieben. – Auch hatte er eben einen Brief an Caroline angefangen, so daß ich einen Aufschub wagen zu dürfen glaubte, und späterhin durch eine zunehmende Gemütskrankheit immer unfähiger ward, die Feder zu einem Briefe an Sie anzusetzen.

Von dort aus bin ich, wie von der Furie getrieben, Frankreich von neuem mit blinder Unruhe in zwei Richtungen durchreiset, über Genf, Lyon, Paris nach Boulogne sur Mer gegangen, wo ich, wenn Bonaparte sich damals wirklich nach England mit dem Heere eingeschifft hätte, aus Lebensüberdruß einen rasenden Streich begangen haben würde; sodann von da wieder zurück über Paris nach Mainz, wo ich endlich krank niedersank, und nahe an fünf Monaten abwechselnd das Bett oder das Zimmer gehütet habe. Ich bin nicht imstande vernünftigen Menschen einigen Aufschluß über diese seltsame Reise zu geben. Ich selber habe seit meiner Krankheit die Einsicht in ihre Motiven verloren, und begreife nicht mehr, wie gewisse Dinge auf andere erfolgen konnten. – Jetzt werde ich in meinem Vaterlande bei dem Departement der auswärtigen Angelegenheiten angestellt werden, und mich vielleicht in kurzem wieder zu einer neuen Reise rüsten müssen. Denn ich soll mit einer Gesandtschaft nach Spanien gehen, und werde auf diese Art wohl Verzicht leisten müssen, jemals auf diesem Sterne zur Ruhe zu kommen. – Wie lieb sollte es mir aber sein, wenn mich diese Reise über Dresden führte, und ich an Ihrer Seite, meine liebenswürdigen Freundinnen, einige der schönen Tage der Vergangenheit wiederholen könnte! Bis dahin erfreuen Sie mich gütigst mit einem paar Zeilen von Ihrer Hand, und vergessen Sie meine Bitte nicht um Nachricht über alles, Frohes und Trauriges, was Ihr Haus betroffen haben könnte; denn alles, was Sie, geht auch mich an.

Heinrich Kleist.

Berlin, den 29. Juli 1804

N. S. Diesen Brief gebe ich dem Hauptmann v. Gleißenberg mit, der nach Gulben bei Cottbus zu seiner Braut, meiner Kusine, dem Fräulein v. Pannwitz, und vielleicht von dort, in Geschäften seines künftigen Schwiegervaters, nach Dresden geht. In diesem Falle, denk ich, werden Sie ihm wohl, als meinem Freunde, vorläufig ein freundliches Gesicht schenken, bis er Zeit gewonnen hat, es sich bei Ihnen zu verdienen. Er wird sich auch meinen Koffer ausbitten, für dessen gütige Aufbewahrung ich Ihnen allerseits ergebenst danke. – Sollten Hindernisse ihn abhalten, nach Dresden zu gehen, so wird er Ihnen diesen Brief mit der Post schicken; und in diesem Falle möchte ich wohl wissen, ob sich Gelegenheit fände, diesen Koffer mit einem Frachtwagen nach Gulben bei Cottbus an den Herrn Hauptmann v. Pannwitz zu schicken? Wenn dies nicht möglich ist, so bitte ich ihn gradezu dorthin auf die Post zu geben.

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83. An Ulrike von Kleist

Meine beste Ulrike,

ich kann Dir jetzt die sichere Nachricht geben, daß der König mein Gesuch günstig aufgenommen hat, obschon ich noch keine offizielle Resolution darüber erhalten habe. Mir hat es Kökritz vorgestern mit einer großen Ermahnung, die Gnade des Königs nicht zum drittenmal aufs Spiel zu setzen, auf eine sehr gütige Art angekündigt, und mir geraten zu Beym zu gehen, und die Beschleunigung der Resolution bei diesem zu betreiben. Der ganze Aufschub derselben scheint bloß daran zu liegen, daß man den Fond zu einer kleinen Besoldung für mich erst eröffnen muß. Beym war gestern nicht zu Hause, und ich habe jetzt einen Brief an ihn entworfen, der vielleicht geschickt ist, ihn ein wenig für meine Sache zu interessieren. – Nach Spanien werde ich nun wohl nicht gehen, so wenig wie nach Schlesien. Gualtieri zwar glaubt es immer noch vorteilhaft für mich, allein er glaubt nicht, daß es der König jetzt bewilligen werde, indem er, wenn er mich bezahlt, auch wohl wird haben wollen, daß ich unmittelbar für ihn arbeite, nicht, daß ich Gualtierin einen Teil seiner Geschäfte in Spanien abnehme. – In diesem Falle wirst Du gewiß Dein Wort halten, und zu mir nach Berlin kommen, das einzige, um dessentwillen mich der glückliche Erfolg meines Gesuches wahrhaft freut. Auch wird Deine Sorge für mich nötig sein, wenn ich mit einer kleinen Besoldung, die doch gewiß 300 Rth. nicht übersteigen wird, meine Bedürfnisse bestreiten soll. Es kann möglich sein, mit dieser Summe auszukommen, aber es ist eine Kunst, und man kann ihre Ausübung von einem Menschen, der dazu einmal nicht taugt, kaum verlangen, so wenig als das Seiltanzen, oder irgend eine andere Kunst. Für jetzt wenigstens, da meine ganze Lebensweise noch so wenig geordnet sein kann, geht es mit 25 Rth. monatlich nicht, und Ihr müßt ein Einsehen haben. Schickt mir nur vorderhand meine Betten, wenn es sein kann; und wenn ich meine paar Möbeln wieder zusammenfinden könnte, so würde ich auch 3 oder 4 Rth. monatlich wohlfeiler wohnen. Adieu. Adieu. Bald ein Mehreres und, ich hoffe, ganz Bestimmtes.

Dein Heinrich.
Antworte bald. Spandauer Straße Nr. 53.

Berlin, den 2. August 1804

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84. An Ulrike von Kleist

Mein vortreffliches Mädchen,

wie überraschest Du mich mit Deinem Antrage, mit diesem neuen Beweis Deiner Sorgfalt für mich, die immer noch im Stillen Dein Herz beschäftigt! Komm, meine Freundin, komm doch gleich zu mir! Gualtieri reiset wirklich in der Mitte künftigen Monats ab, er will immer noch, daß ich ihn nach Spanien begleite, lerne doch diesen Menschen selbst kennen, und die Verhältnisse, und sage mir, was ich tun soll. In dem Hause, in welchem ich wohne, ist ein Zimmer noch, neben dem meinigen, zu vermieten, sehr angenehm, ein wenig teuer; opfre dies für einen Monat! Wenn ich nach Spanien gehe, so gehst Du zu Deiner Tante zurück, oder zu Leopolden; und wenn wir zusammen in Berlin uns etablieren können, so kann ich unter Deinen Augen die Anstalten treffen, die Du für zweckmäßig hältst. Wie glücklich könnten wir leben! Es würde nicht wie in Paris sein –! Adieu, adieu! Antworte mir sogleich. Ich küsse Tanten, Minetten, und allen die Hände, die Deiner Liebe zu mir wieder einmal ihre freie Bewegung gelassen haben. Adieu. – Auf baldiges Wiedersehn!

Dein treuer Bruder Heinrich.

Berlin, den 24. August 1804

N. S. Ich habe gestern einen Brief an Euch abgeschickt, doch die Quittung vergessen. Hier erfolgt sie für meine liebe Minette. – Pannwitzens Koffer ist mit Gleißenberg nach Gulben gegangen, um ihn dort abzugeben. Ich glaubte Wilhelm würde hingehen. – Gleißenberg bringt mir den meinigen von Dresden mit. – – Schreibe mir genau wann Du eintriffst, ich komme Dir entgegen.

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85. An Ulrike von Kleist

Meine liebste Ulrike,

ich warte von Tage zu Tage auf eine Entscheidung vom Minister, ob ich vorläufig noch in Berlin bleiben, oder sogleich nach Franken gehen soll. Dieser Umstand ist schuld, daß ich noch immer angestanden habe, mich einzuquartieren, und während dieser Zeit in einem teuren Gasthofe gewohnt habe, wo ich nun Mühe haben werde, heraus zu kommen. Du mußt es schon bei Minetten ausmachen, daß sie für diese außerordentliche Ausgabe etwas auftreibt, ich arbeite ja aus allen Kräften darauf los, es wieder zu bezahlen. Wenn Du Dich mit solchen Dingen nicht befassen willst, so ersuche ich Leopold ihr eine vernünftige Vorstellung zu machen. Ich werde ja überdies dieser Vorschüsse nicht drei Jahre lang bedürftig sein, und so wird es im ganzen nicht mehr ausmachen, wenn man es auf die letzten Monate abrechnet. – Wie wäre es auch, wenn Du zu mir herüber kämest? Ich bin sehr traurig. Du hast zwar nicht mehr viel Mitleiden mit mir, ich leide aber doch wirklich erstaunlich. Komm also nur herüber, und tröste mich ein wenig. Ich weiß doch, daß Du mir gut bist, und daß Du mein Glück willst, Du weißt nur nicht, was mein Glück wäre. Nach Potsdam kehr ich auch nicht zurück, wie ich zu Anfange glaubte; wozu also noch länger getrennt sein? Ich sehe hier keinen Menschen, und bedarf Deiner lieben Gesellschaft. Es wird uns selbst eine förmliche Einrichtung nicht viel mehr kosten, als der Aufenthalt in diesem heillosen Gasthofe. Ich hoffe also auf die Erfüllung meiner Bitte. Ich werde noch heute zur Kamken gehen, und sie auffordern, uns eine Wohnung auszumitteln. Chambre garnie, und Du läßt das Mädchen aus Frankfurt kommen. Wie gern würde ich Dich abholen! Doch ich muß schlechterdings in Berlin bleiben. Richte Dich also nur selbst ein. Vielleicht kömmst Du mit der Kleisten, die ja auch nach Berlin wollte. – Das würde mich sehr freuen! Adieu.

Dein Heinrich.

Berlin, den [?] Dezember 1804 (Im goldnen Stern)


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