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Wie die Thaten, so der Lohn.

Den von Natur und durch Mangel an Erfahrung beschränkten Blick fortwährend unter bunten, lachenden Träumen in die Zukunft gerichtet, langte Charlotte von Warnsdorf mit Herrn von Bärenfeld in der Hauptstadt an.

»Ich werde Sie jetzt zu einer sehr respektablen Familie bringen, bei welcher Sie einstweilen Schutz und Aufnahme finden sollen,« sagte Letzterer, indem er direkt vor dem Pause des Wucherers vorfuhr.

»Was ist denn der Herr?« fragte das Fräulein aussteigend.

»Er ist Commerzienrath und steht bei Hofe in großem Ansehen. Seine Frau ist eine sehr liebenswürdige Dame; morgen Abend wird man, Ihnen zu Ehren, eine kleine Gesellschaft geben.«

Diese Gesellschaft sollte nämlich nach dem Plane des Assessors aus den Doktoren Giftkram und Schmalbrod, sowie aus dem Notar Schwindelius bestehen, die beiden Ersteren sollten ein ärztliches Zeugniß über die volle Zurechnungsfähigkeit Charlottens ausstellen, der Letztere aber einen Ehekontrakt anfertigen, wobei der Wucherer und dessen Gattin als Zeugen fungiren sollten.

Da Herr von Bärenfeld an dem Gelingen seines Planes gar nicht zweifelte, so führte er mit einem Gesicht der vollkommensten Zufriedenheit die junge Dame die Treppe hinauf und bald stand er seinem Gläubiger gegenüber.

»Herr Commerzienrath –«

»Herr Assessor –«

»Ich gebe mir die Ehre, Ihnen hier meine Braut vorzustellen und dieselbe Ihrer und Ihrer würdigen Frau Gemahlin Obhut anzuvertrauen.«

Der neukreirte Commerzienrath verbeugte sich mit vieler Würde und bat das Fräulein in die inneren Gemächer seines Hauses zu treten. Dort trafen sie eine kleine, schwer in Seide gehüllte Frau mit lebhaften schwarzen Augen an.

»Hier, meine Theure, gebe ich mir die Ehre, Dir das gnädige Fräulein vorzustellen, von welchem unser Freund, der Baron von Bärenfeld, in seinem Briefe mit so vieler Hochachtung und Liebe gesprochen hat,« sagte Goldberg.

»Bei der bekannten Liebenswürdigkeit der Frau Commerzienräthin kann ich meine geliebte Braut keinen besseren Händen übergeben,« setzte der Assessor mit einer tiefen Verbeugung hinzu.

»Ich werde Ihr Vertrauen zu rechtfertigen suchen,« entgegnete Frau Goldberg, einen theilnehmenden Blick auf Charlotte werfend. »Eine Frau ist der Anderen Hülfe schuldig, und diese werde ich dem gnädigen Fräulein nach Möglichkeit leisten.«

»Ich verlasse Sie jetzt auf kurze Zeit, um einige Geschäfte zu ordnen,« sagte der Assessor, und küßte seiner Verlobten artig die Hand.

Als der saubere Herr sich mit Goldberg in dessen Geschäftszimmer allein befand, warf er sich auf einen Stuhl und brach in ein helles Gelächter aus. »Nun, was sagen Sie dazu, Freund Goldberg, bin ich nicht ein Teufelskerl? – Ha, ha, ha, dem alten leichtgläubigen Baron die Nichte so vor der Nase fortzuschnappen! – Und das Gänschen – Sie sehen wohl, weß Geistes Kind es ist – Na, thut nichts, die zwanzigtausend Thaler werden geheirathet und später – entweder Scheidung oder in eine Irrenanstalt!«

Selbst der keine Wucherer zog diesmal die Stirn zusammen, und in seinen Augen blitzte Zorn und Verachtung. Dennoch beherrschte er sich. Sein Gesicht glättete sich sogleich wieder und die Hände reibend, rief er:

»Das Geschäft ist nicht übel! zwanzigtausend Thaler findet man nicht alle Tage auf der Straße, und nun werden Sie auch die Wechsel bezahlen können.«

Diese Mahnung schien die Freude des Assessors etwas zu dämpfen; die Erinnerung, daß er ein Fälscher sei, trat offenbar in drohender Gestalt in den Vordergrund. Aber da Goldberg bisher geschwiegen, und er dessen Geldgier kannte, beruhigte er ich auch eben so schnell wieder.

»Ah!« rief er lachend, »da erinnern Sie mich allerdings an Etwas, das schon ziemlich lange her ist. Nun, Sie sollen bezahlt werden, ehrlicher Goldberg, bezahlt mit funfzig Prozent! – Wie, heißt das nicht nobel gehandelt?«

»Ich bin zufrieden!« Und der Wucherer machte ein Gesicht, als hätte er nie, auch nur den kleinsten Groll gegen den Assessor gehegt.

»Jetzt entferne ich mich auf ein Weilchen,« sagte Letzterer, »um mit den ehrenwerthen Herren Giftkram und Schmalbrod, so wie mit dem würdigen Notar Schwindelius die nöthige Rücksprache zu nehmen. Morgen Abend soll der Ehekontrakt ausgefertigt werden; ich kann mich doch darauf verlassen, würdiger Freund, daß Sie bereit sind, mir dabei als Zeuge zu dienen?«

»Verlassen Sie sich darauf,« entgegnete Goldberg mit einem sonderbaren Lächeln; Niemand ist ja in Ihre Verhältnisse besser eingeweiht als ich.«

 

Als der Freiherr von Warnsdorf unter Angst und Sorgen in der Hauptstadt angelangt und im »König von Portugal« abgestiegen war, fragte er natürlich sogleich, ob ein Schreiben unter seiner Adresse abgegeben worden sei.

Zu seinem Leidwesen wurde dies verneint. »Was nun?« wendete er sich zu dem getreuen Friedrich, mit welchem er in Fällen von Wichtigkeit zu berathschlagen pflegte.

Friedrich fand es für gut, vorläufig das klassische Gesicht des Sancho Pansa anzunehmen und sich dabei verlegen den Kopf zu kratzen.

Doch seine und seines Herrn Verlegenheit sollte bald ein Ende finden, es öffnete sich die Thür, und ein Kellner steckte den Kopf ins Zimmer.

»Dieser Brief ist soeben an Ihre Adresse abgegeben worden,« sagte er.

»Nur gleich her damit, mein Freund,« rief der Baron.

Herr von Warnsdorf setzte schleunigst seine Brille auf, löste das Siegel und begann laut zu lesen:

»Geehrter Herr Freiherr!

Der unbekannte Freund, welcher Ihnen weiteren Rath und Hülfe gegen Herrn von Bärenfeld, der Sie so schmählich hintergangen, versprach, hat Sie nicht vergessen. Aengstigen Sie sich nicht, der Bube wird genau beobachtet, und Ihre Nichte befindet sich unter dem Schutz rechtlicher Menschen. General von Schwarzbach ist von Ihrem traurigen Schicksal in Kenntniß gesetzt und erwartet Sie morgen Vormittag um zehn Uhr in seiner Wohnung. Er wird Ihnen allen Schutz angedeihen lassen, damit Ihnen und dem beleidigten Gesetze volle Genugthuung wird.«

»Hurrah!« rief der Freiherr und faßte Friedrich bei den Schultern.

»Hurrah!« schrie dieser in die Luft springend.

»Wir haben gesiegt!« jauchzte der alte Herr.

»Ich sagte es Ihnen ja gleich,« bemerkte sein Schildknappe.

»Also um zehn Uhr, Friedrich. Vergiß nicht.«

»Vergessen? – Das wäre noch schöner! Um neun Uhr müssen Sie schon anfangen, sich anzuziehen. Ich lege Ihnen den blauen Rock mit der Silberstickerei zurecht.«

 

Punkt zehn Uhr des nächsten Morgens stand der Freiherr vor dem General.

»Ich schätze mich glücklich, Ihnen einen Dienst leisten zu können,« sagte dieser mit gewinnender Höflichkeit. »Ihr edler, argloser Character ist mir bekannt, und der Betrug, welcher Ihnen gespielt wurde, erscheint deshalb um so strafbarer. Sein Sie übrigens unbesorgt, Ihre Nichte soll Ihnen zurückgegeben werden; sie befindet sich in sorgsamen Händen.«

»Excellenz,« entgegnete der Freiherr mit tiefbewegter Stimme, »ich würde es mir nie vergeben können, wenn dem armen, unzurechnungsfähigen Kinde ein Unglück begegnete.«

»Aber wie konnten Sie sich durch einen solchen Menschen so täuschen lassen?« warf Herr von Schwarzbach ein.

»Ja, sehen Sie, Herr General,« antwortete der Freiherr in seiner offenen, gutmüthigen Weise, »als ich mich im vorigen Winter hier aufhielt, wußte er mein Vertrauen oder vielmehr das meiner Haushälterin, der Mademoiselle Aurora, im hohen Grade zu gewinnen. Außerdem aber bestach er mich durch seine geistige Reinigungsmaschine.«

»Wie,« rief der General, »durch eine geistige Reinigungsmaschine? Erklären Sie mir dies!«

Der Baron begann seine Erklärung mit dem ernsthaftesten Gesicht. Als er geendet hatte, brach Schwarzbach in ein lautes Gelächter aus.

»Ja, mein lieber Freiherr,« rief er, »da wundere ich mich nicht, daß Sie mit Ihrer offenen, arglosen Denkungsart einem so durchtriebenen Menschen gegenüber den Kürzeren zogen. Nun, begeben Sie sich beruhigt nach Hause, ich stehe Ihnen für einen befriedigenden Ausgang dieser Angelegenheit. Uebrigens wäre möglich, daß es Seiner Durchlaucht gefiel, Sie zu sprechen. Sie werden ihm dann Ihre Leidensgeschichte eben so wahrheitsgetreu wie mir vortragen.«

»Mein Herz liegt vor meinem Landesherrn offen da,« erwiderte der Baron mit rührender Einfachheit die Hand auf die linke Brust legend und den General mit der ihm eigenen Treue und Biederkeit anblickend; ich werde weder ein Titelchen zusetzen noch davon wegnehmen – ich werde nichts als die einfache Wahrheit sagen. Ihnen aber Excellenz werde ich mich ewig verpflichtet fühlen.«

 

Der General verabschiedete sich auf's Freundlichste von dem alten Herrn und eilte zum Herzog, der ihn mit Ungeduld erwartete.

»Wenn er dennoch Unrecht hätte, und die Gräfin nicht so schuldig wäre, wie er behauptet,« murmelte Durchlaucht, unruhig auf- und abgehend und, wie dies meist der Fall war, bereits wieder in seinen Entschließungen schwankend. »Kann sie nicht auch getäuscht und hintergangen worden sein? – Nun, jedenfalls werde ich eine strenge Untersuchung anstellen und nach deren Resultat meine letzte Entscheidung treffen.«

In diesem Augenblick trat der General ein. Sein Gesicht drückte Zufriedenheit aus, er gab sich auch keine Mühe, diese zu verbergen.

Der Herzog bemerkte es, und jenes unbehagliche Gefühl, das Einen überfällt, wenn man sich auf widerwärtige Eröffnungen gefaßt machen muß, denen man aber doch nicht entgehen kann, bemächtigte sich seiner.

»Nun, bringen Sie mir die versprochenen Beweise?« fragte der Fürst, wobei er vermied, den General anzublicken.

»In welchem Lichte würde ich vor Euer Durchlaucht dastehen, wenn ich dies nicht vermöchte. Ich habe mich nie einer Verleumdung schuldig gemacht und am allerwenigsten würde ich es in diesem Falle wagen.«

»Sie behaupten also noch immer, daß die Gräfin –«

»Die Entscheidung hierüber,« erwiderte Schwarzbach, schlau ausweichend, »muß ich Euer Durchlaucht überlassen. Ihre Gerechtigkeit und Ihr scharfer Blick wird das Wahre vom Unwahren zu unterscheiden wissen.«

»Da haben Sie recht,« bemerkte der der Herzog, froh, daß ihm nun ein Spielraum für seine Entschließungen gegeben war, »und diese Entscheidung soll mit aller Unparteilichkeit gefällt werden. Doch was halten Sie da in der Hand?«

Der General hatte eben ein versiegeltes Packet aus der Tasche gezogen.

»Dies ist die Correspondenz,« sagte er, »welche zwischen den Personen, die diese Intrigue anzettelten, geführt wurde. Sie stellt die Schuld derselben unzweifelhaft fest, und ich lege die Briefe daher zum beliebigen Gebrauch in Euer Durchlaucht Hände.«

»Irren Sie sich aber auch nicht?« ragte Dieser, indem er zögernd das Packet nahm.

»Irren?« rief jetzt der General, »nein, mein Gebieter, ich irre mich so wenig, daß ich es vielmehr als ein treuer Diener für Pflicht halte, Sie im Namen eines tief gekränkten Mannes, im Namen Ihres fürstlichen Aufsehens bitte, ungesäumt eine strenge, unerbittliche Justiz zu üben.«

Der Blick des Herzogs wurde unruhig, seufzend sank er in einen Fauteuil, öffnete das Packet und las die Briefe. Je weiter er las, desto höher stieg seine Spannung, seine Aufregung. Endlich rief er roth vor Zorn:

»Mein Wegen soll vorfahren.«

Herr von Schwarzbach, ein feiner, glatter Höfling, hielt es für angemessen, in diesem kritischen Augenblick das Terrain noch etwas zu sondiren.

»Ich weiß, was ich dabei auf's Spiel setze, indem ich Euer Durchlaucht frei und offen mit der Wahrheit bekannt mache, ich weiß, daß man mich dieserhalb anklagen und verleumden wird, aber wenn ich auch meinen Sturz vor Augen sähe, nichts sollte mich abhalten, meinem Herrn und Gebieter bis zum letzten Augenblick ein treuer, aufrichtiger Diener zu sein.«

Der Günstling sagte diese Worte mit einer solchen Miene der Redlichkeit, daß der Fürst ihm sofort die Hand reichte.

»Beruhigen Sie sich,« sagte er, »ich weiß, was ich an Ihnen besitze, ich kenne Sie als einen braven, biederen Mann, der es durchaus aufrichtig mit mir meint. Jetzt leben Sie wohl, ich werde zu Gericht sitzen. Mögen die Schuldigen zittern! Sie, aber Sie sollen zufrieden mit mir sein.«

»Zufrieden?« murmelte Schwarzbach, indem er unter einer tiefen Verbeugung dem Herzog nachblickte – »hm, wir kennen das! Erst zornig und auflodernd, dann nachgebend, schwach und verzeihend den Thränen dieser verhaßten Frau gegenüber, welche seine Schwächen nur zu genau kennt und ihm unentbehrlich ist. Nun, wir wollen ja sehen!«

 

Blaß und angegriffen, die sonst so glatte Stirn in Falten gelegt, schritt die Gräfin Elsenheim in ihrem Zimmer auf und ab.

»Es ist ein Gewitter gegen mich im Anzuge,« murmelte sie – »ich ahne es, ohne daß ich bis jetzt weiß, wann und wie sich der Schlag entladen wird. Aber daß es sich um diese Adrienne handelt und daß dieser intriguante Schwarzbach die Karten gemischt hat, ist mir klar. Von der Stummen noch immer keine Spur und von dieser Tugendheldin, von dieser Mademoiselle Seebach ebensowenig! – So wäre also der so mühsam angelegte Plan vereitelt und das viele Geld umsonst fortgeworfen und nebenbei steht mir vielleicht noch die Ungnade des Herzogs, oder doch jedenfalls sein Zorn in Aussicht!«

Die verwöhnte Frau stampfte mit dem Fuß und die kleine, krampfhaft geballte Hand emporhebend, rief sie drohend:

»Und ich sollte noch einen Augenblick zögern, diese feilen Kreaturen zu opfern, wo mir selbst Gefahr droht? – Gut, sie mögen den Lohn für ihre Thaten empfangen, ich werde dies Ungeziefer von mir schleudern! – Aber der Herzog! der Herzog! – Hier gilt es, mit Klugheit und Entschlossenheit zu handeln. Wohlan,« rief sie, »ich kenne ein Mittel, welches ich bisher nie versucht habe, aber heute werde ich es anwenden, und ich bin sicher, es wird seinen Zorn entwaffnen und zuletzt werde ich doch wieder über meine Feinde triumphiren!«

Während ihre Stirn sich glättete und ein Lächeln wieder ihren Mund umspielte, trat die Kammerfrau hastig ins Zimmer.

»Nun?« fragte die Gräfin.

»So eben erfahre, ich, daß General von Schwarzbach den Herzog auf einem geheimnißvollen Gange begleitet hat.«

Die Elsenheim fuhr zusammen.

»Man hat den Wagen Seiner Durchlaucht an einem abgelegenen Platze in der Vorstadt halten sehen.«

»Ha, er ist bei dem Wahrsager gewesen!« rief die Gräfin, »gewiß hat man wieder eine jener Gaukeleien veranstaltet, womit man ihn jedesmal in Furcht und Schrecken setzt.«

»Seine Durchlaucht fährt vor,« rief bestürzt die Kammerfrau, die ans Fenster getreten war.

»Gut, der entscheidende Augenblick ist also gekommen!« Mit diesen Worten trat die Gräfin vor den Spiegel, nahm eine lächelnde, unbefangene Miene an und warf sich, ein Buch zur Hand nehmend, in einen schön geschnitzten, mit blauem Sammet ausgeschlagenen Sessel.

Kaum war dies geschehen, da öffnete sich die Thür, und der Herzog stand vor der Gräfin.

Diese warf das Buch bei Seite, stieß einen freudigen Schrei aus und eilte auf den Fürsten zu.

»Bleiben Sie,« rief er und streckte die Hand abwehrend aus, indem er seiner Geliebten einen finsteren Blick zuwarf.

»Wahrlich, Madame, Sie haben keinen Grund, sich über mein Erscheinen zu freuen, Ihr Betragen zwingt mich, als strafender Richter vor Sie zu treten!«

»Als strafender Richter? – Mein Gott, Durchlaucht, Sie erschrecken mich, was ist denn vorgefallen?«

»Wie, Sie spielen noch die Unschuldige? Sie thun noch, als wenn Sie von Nichts wüßten? Nun, ich wollte es Ihnen allenfalls noch verzeihen, daß Sie mich mystifizirten, aber daß Sie meinen Namen mißbrauchten, daß Sie meine Ehre kompromittirten, daß Sie ein armes, unschuldiges Mädchen durch eine Bande nichtswürdiger Kuppler hierher lockten, nein, das kann ich Ihnen nie und nimmer vergeben!«

»Halten Sie ein, Durchlaucht!« rief jetzt die Elsenheim, an eine Stuhllehne fassend und in sich zusammensinkend, »halten Sie ein, wenn Sie mich nicht tödten wollen! Verbannen Sie mich, lassen Sie mir das Leben nehmen, opfern Sie mich meinen grausamen Feinden, aber behandeln Sie mich nicht mit dieser Verachtung, denn das vermag ich nicht zu ertragen!«

Und ihr Taschentuch vor die Augen haltend, sank sie in den Sessel und gab durch ein lautes Schluchzen ihrem verstellten Schmerz Ausdruck.

Dieser Kunstgriff verfehlte auch seine Wirkung nicht. Der Herzog rührte sich zwar noch immer nicht von der Stelle, aber die Härte es Ausdrucks schwand aus seinem Gesicht, und mit bedeutend milderer Stimme fuhr er fort:

»Statt hier in Thränen zu zerfließen, würden Sie besser thun, ein reumüthiges Bekenntniß abzulegen. Können Sie leugnen, daß Sie mit diesem Muster von Edelmann, mit diesem Neuburg und seiner sauberen Gehülfin, der Lindenberg, zu dem Zweck in Verbindung gestanden, um mich zu hintergehen und ein unwürdiges Komplot gegen mich anzuzetteln?«

Jetzt zog die Elsenheim langsam ihr Taschentuch von den Augen und sich mit dem Blick und der Haltung einer Person erhebend, die sich tief in ihrem Innersten verletzt fühlt, antwortete sie mit Festigkeit:

»Durchlaucht, wie auch Ihr Entschluß ausfallen mag, ob mir auch heute vielleicht zum letzten Mal das Glück zu Theil wird, in Ihr Antlitz zu blicken, so dürfen Sie doch diejenige, welche bisher eine so treue Anhänglichkeit gegen Sie zeigte, nicht so tief in den Staub ziehen! Ich mag gefehlt haben, aber wenn dies der Fall war, so geschah es unbewußt; und ich bin dann von den Personen, deren Sie vorhin erwähnten, ebenfalls auf das Gröblichste hintergangen worden.«

»Wohl Ihnen, wenn Sie dies beweisen können,« sagte der Herzog, jetzt schon in einem bedeutend milderen Tone. »Ich wünsche dies sogar von ganzem Herzen, und deshalb Madame, blicken Sie hierher!«

Der Fürst zog bei diesen Worten das Packet hervor, welches ihm Schwarzbach eingehändigt hatte, und trat der Elsenheim einen Schritt näher.

»Kennen Sie dies?« fragte er, seinen Blick scharf auf sie richtend.

Wohl pochte in diesem Augenblick der Gräfin das Herz zum Zerspringen; aber es galt jetzt ihre Niederlage oder ihre Triumphe. Ohne daher eine Miene zu verziehen, antwortete sie mit der unbefangensten Stimme von der Welt:

»Wie sollte ich von einer Sache Kenntniß haben, die Euer Durchlaucht noch nicht für gut befunden haben, mir näher zu bezeichnen.«

»Nun, es sind die Briefe, welche man bei diesem Galgenvogel, dem Neuburg gefunden hat. Wollen Sie, daß ich dieselben eröffne und in Ihrer Gegenwart durchlese?«

»Ja, Durchlaucht,« rief die Elsenheim, welche jetzt Alles auf Eine Karte setzte, »ja ich bitte um diese Gnade.«

»Sie wollen also wirklich?«

»Ich verlange dies sogar als einen Akt der Gerechtigkeit.«

»Nein,« sagte der Herzog, den Kopf stolz zurückwerfend. »Fühlen Sie sich schuldig, Gräfin, so mag Ihr eigenes Gewissen Sie verurtheilen. Hier nehmen Sie die Briefe und machen Sie davon beliebigen Gebrauch, und nun gestatten Sie, daß ich mich verabschiede, denn was ich Ihnen sagen wollte, habe ich Ihnen gesagt.«

Der Herzog wollte gehen; er warf noch einen versöhnlichen heimlichen Blick auf seine Geliebte. Diese kannte den Gebieter zu genau, um nicht zu wissen, daß das Gewitter vorüber sei, und daß es ihrerseits nur noch einiger Anstrengungen bedurfte, um die letzten Wolken zu zerstreuen und die Sonne der Gunst wieder für sich scheinen zu lassen. Sie stürzte vor, warf sich vor dem Herzog auf die Kniee, und seine Hand ergreifend und diese mit Küssen bedeckend, rief sie:

»Nein, mein edler, mein hochherziger Herr und Gebieter, so dürfen Sie nicht von mir gehen! Wollen Sie, daß ich mich in Gram verzehre, können Sie wirklich so hart sein, mir Unglücklichen selbst den schmerzlichen Trost zu rauben, meinen Dank für Ihre Nachsicht, für Ihre sich immer gleichbleibende Großmuth auszusprechen?«

»Lassen Sie mich,« entgegnete der Herzog schwach, indem er that, als wolle er seine Hand aus der der Elsenheim ziehen.

»Nein, ich lasse Sie nicht fort,« rief sie. »Sie müssen mich wie sonst, in gewohnter Güte anhören. Habe ich mich nicht stets treu und uneigennützig gezeigt? Können Sie sich darüber beklagen, daß ich jemals Etwas von Ihnen forderte, was Ihre Freigebigkeit mir nicht aus eigener Entschließung gewährte?«

Der Ausdruck der Elsenheim war in diesem Augenblick so aufrichtig, daß der Fürst sich mit einem Lächeln zu ihr wendete, sie emporhob und im freundlichen Tone sagte:

»Na, lassen Sie es gut sein, ich habe Ihnen tüchtig den Text gelesen und ich hoffe, diese Geschichte wird künftig eine ernste Lehre für Sie sein«

»Und Ew. Durchlaucht schenken mir die frühere Liebe wieder?« sagte die Gräfin mit einem verführerischen Blick.

»Wir wollen sehen.«

»Nein, Sie müssen sich jetzt gleich entscheiden, ich lasse Sie nicht eher fort.«

»Nun so lassen Sie uns Frieden schließen. Alles sei vergeben und vergessen, sind Sie damit zufrieden?«

»O, ich wußte wohl, daß Ihre Großmuth nicht gleich den Stab über eine arme Frau brechen würde, die selbst hintergangen ward!«

»Dieser Neuburg und seine Gesinnungsgenossen täuschten Sie also wirklich?«

»Durchlaucht, ich schwöre es Ihnen.«

»Gut, so werde ich an diesen Leuten ein Exempel statuiren!«

»Eine exemplarische Strafe verdienen dieselben gewiß,« sagte die Elsenheim; indeß fürchtete sie, ihre Mitschuldigen würden die Strafe nicht so stillschweigend hinnehmen, deshalb fügte sie gleichzeitig hinzu: »Euer Durchlaucht wissen aber, daß wenn diese Angelegenheit in die Oeffentlichkeit gelangt, sie nur neuen Stoff zu nichtswürdigen Verleumdungen geben würde. Wenn Sie daher strafen wollen, thuen Sie es schnell und geräuschlos, und hierzu wird der Polizei-Präsident schon die Mittel zu finden wissen.«

»Ich werde es mir überlegen,« bemerkte der Herzog; »und nun leben Sie wohl, für jetzt verlasse ich Sie.«

Und der Herzog drückte einen Kuß auf die Hand seiner Geliebten. Er ging versöhnt.

 

Bald nach diesem Vorfall ereignete sich in der Wohnung des Wucherers eine andere Scene. Es dämmerte bereits, als der Assessor in dessen Haus wie ein Mann, der hier zu gebieten hat, zurückkehrte.

»Ich werfe dem Kerl, dem Goldberg, schließlich einige hundert Thaler an den Hals, und dafür muß er mir dienstbar sein,« murmelte er, als er die Treppe hinaufstieg.

»Nun,« rief er, in das Geschäftszimmer Goldbergs tretend, »ist Alles für die Comödie vorbereitet? Sind die Acteurs schon versammelt? Sie haben doch für ein gutes Abendbrod gesorgt? Ja, ich kenne meine Pappenheimer, wenn man denen nicht die Kehle anfeuchtet, kommen sie nicht in den gehörigen Humor, und Humor ist nöthig, er ist die Würze des Lebens.«

Der kleine Wucherer lachte boshaft. »Alles ist vorbereitet, Sie werden überrascht werden.«

»Meinetwegen! Der alte Herr von Warnsdorf wird auch überrascht sein! Ha, ha, ha, eine starke Prise, die ich ihm gereicht habe! – Na, und dieses liebe blödsinnige Gänschen, was das mir für Freude bereitet – ich muß doch sehen, was es für ein Gesicht macht.«

Der Assessor schritt bei diesen Worten auf die nach den inneren Gemächern führende Thür zu, riß sie mit Heftigkeit auf, prallte aber sogleich zurück und stierte vor sich hin, als wenn er ein Gespenst gewahrte.

In der That war auch der Anblick, welcher ihm zu Theil ward, eben kein sehr ermuthigender. Statt der armen, von ihm betrogenen Charlotte, standen zwei Polizeibeamte und ein Herr in Civil vor ihm.

Letzterer schritt auf ihn zu.

»Ich bin verloren!« murmelte Bärenfeld erbleichend.

»Im Namen des Gesetzes verhafte ich Sie,« sagte der fremde Herr kalt und ernst.

Der Assessor indessen war nicht der Mann, der sich ohne Weiteres gefangen gab. Nachdem die erste Bestürzung vorüber war, kehrte seine Ueberlegung zurück und er beschloß durch ein dreistes Auftreten den Versuch zu machen, sich der ihm drohenden Gefahr zu entziehen.

»Mich verhaften?« rief er. »Bedenken Sie wohl, was Sie thun; ich stelle mich unter den Schutz des Gesetzes und mache Sie für Ihre gewaltsame Handlungsweise verantwortlich. Wessen beschuldigt man mich?«

»Der Entführung einer schwachsinnigen, unzurechnungsfähigen jungen Dame, der Nichte des Freiherrn von Warnsdorf.«

»Ha, ha, ha,« lachte Bärenfeld, »dieser Gegenstand kann höchstens zu einer Civilklage Veranlassung geben. Das Fräulein ist großjährig, es hat sich aus freiem Entschluß mit mir verlobt, ich werde durch ärztliche Zeugnisse darthun, daß sie sich im vollen Besitz ihrer Verstandeskräfte befindet.«

»Das mögen Sie später thun, vorläufig sind Sie auf Requisition des Criminalgerichts mein Gefangener.«

»Aber mein Herr –«

»Es handelt ich auch noch um gefälschte Wechsel,« sagte der Beamte.

Jetzt erhob der Verbrecher drohend seine Faust gegen Goldberg und rief:

»Dieser Schlag kommt von Ihnen, aber Sie sollen es mir entgelten!«

»Wollen Sie mir nun gutwillig folgen, oder soll ich Gewalt brauchen?« fragte der Beamte von Neuem.

»Ich werde Ihnen folgen,« entgegnete Bärenfeld, welcher wohl einsah, daß hier jeder Widerstand fruchtlos sei, »aber ich protestire gegen diese Beschimpfung.«

Ein verächtliches Achselzucken wurde ihm zu Theil, dann öffneten die beiden Polizisten die von ihnen besetzte Thür, stiegen mit dem Arrestanten die Treppe hinunter und fuhren in einem bereit stehenden Wagen mit ihm davon.

 

Unbekannt mit den neuesten Vorfällen saß Herr von Neuburg am folgenden Tage mit heiterer Miene beim Frühstück. Da er wußte, daß der Herzog das Schloß Rosenthal besucht hatte, glaubte er, es sei Alles in bester Ordnung und er war jetzt gerade damit beschäftigt, seine Gedanken in die Zukunft streifen zu lassen.

»Eine Pension kann mir für meine treue Pflichterfüllung gar nicht fehlen,« murmelte er, indem ein Lächeln behaglicher Zufriedenheit über seine Lippen glitt, »der Frau Gräfin kostet dies nur ein Wort, morgen will ich gleich eine Eingabe machen und sie ihr überreichen.«

In diesem Augenblick steckte Ebel den Kopf zur Thür herein und meldete:

»Die gnädige Frau von Lindenberg befindet sich draußen; sie macht ein Gesicht wie die Katze, wenn's donnert.«

Ebel gebrauchte immer klassische Ausdrücke, und der Baron war an diesen blumenreichen Redestyl bereits so gewöhnt, daß er vollkommen die Andeutungen verstand.

Er schnitt ein Gesicht. »Was wird sie wollen?« sagte er – »Geld und wieder Geld – es ist auf die Plünderung meiner Börse abgesehen. Melde Er, daß ich nicht zu Hause hin.«

»Sie hat bereits durch's Schlüsselloch gesehen.«

Herrn von Neuburg blieb keine Zeit zum Ueberlegen, denn es öffnete sich die Thür und die lange hagere Gestalt der Frau von Lindenberg zeigte sich.

»So – also nicht zu Hause wollen Sie sein.« rief sie, ihre eulenartigen Augen unheilverkündend auf ihren Verwandten richtend – »o, mit einer so profanen Redensart lasse ich mich nicht abspeisen. Wissen Sie das, mein Herr? Und heute werde ich nicht eher gehen, bis Sie vollständige und zwar befriedigende Abrechnung mit mir gehalten haben!«

Die Baronin bemächtigte sich ohne Umstände eines Stuhles, schlug die Arme übereinander und sagte, indem sie auf ihren Verbündeten einen drohenden Blick warf:

»Wenn es Ihnen nun recht ist, so können wir beginnen.«

»Sie verkennen mich gänzlich, Cousine,« entgegnete der Baron, indem er den Großmüthigen spielte, »es ist meiner Natur zuwider, wie ein Krämer um ein paar Thaler zu rechten, und sollten Sie daher auch etwas zu viel empfangen haben, so mag es hiermit, abgemacht sein, unter Verwandten nimmt man es nicht so genau.«

»Zu viel empfangen!« schrie Frau von Lindenberg, »während Alles in Ihre weiten Taschen floß, und ich nur mit einigen armseligen Brocken abgespeist wurde? – Glauben Sie etwa mit der Beute entschlüpfen zu können und mir das Nachsehen zu lassen? Hüten Sie sich und spannen Sie andere Segel auf, wenn Sie nicht wünschen, nähere Bekanntschaft mit mir zu machen!«

Die Frau Baronin streckte bei diesen Worten ihre langen knochigen Hände so drohend aus und brachte ihre scharfen Nägel dem Gesicht ihres Verbündeten so nah, daß dieser für gut fand, durch einen schnellen Ruck seinen Sessel um zwei Schritt zurückzuschieben.

Aber Frau von Lindenberg war zu gut in der Taktik bewundert, um nicht das Terrain, welches der Feind verlassen hatte, sofort durch eine gleiche vorgehende Bewegung zu besetzen.

»Mit solchen Redensarten also meinen Sie mich abzuspeisen?« rief sie wüthend, »und während Sie hier seine Vanillenchokolade trinken, soll ich mir meinen dünnen Kaffee schmecken lassen?«

»Erlauben Sie,« entgegnete Herr von Neuburg, der nicht mehr weiter retiriren konnte und deshalb jetzt gelindere Saiten aufspannte – »obgleich Sie so arm wie eine Kirchenmaus waren, als ich Sie kennen lernte –«

»Und Sie? Ha, ha, man hätte alle Ihre Taschen umdrehen können und es wäre noch kein Dreier herausgefallen!«

»Sie sind ein wahrer Vampyr,« seufzte der Baron, sich wie ein Aal windend, »augenblicklich besitze ich wirklich Nichts, seit langer Zeit hat unsere Gönnerin, die Frau Gräfin, nicht die Hand aufgethan.«

»So! Sie wagen es also auch noch, mir unverschämt ins Gesicht zu lügen! – Da sehen Sie hier, was diese Gönnerin schreibt – gestern wendete ich mich in meiner Noth an sie, was antwortete sie? Erst vor acht Tagen habe sie Ihnen eine ansehnliche Summe eingehändigt, und ich möchte sie ein für allemal mit meinen Betteleien in Ruhe lassen.«

Jetzt war der würdige Herr von Neuburg vollständig aus dem Felde geschlagen und er sann nur noch auf einen geschickten Rückzug.

»Das muß ein Irrthum sein,« sagte er, »die Frau Gräfin hat gewiß Ihren Brief mißverstanden. Ich weiß ganz sicher, daß sie die besten Absichten gegen Sie hegt, und die Präbende als Stiftsdame kann Ihnen nicht entgehen.«

»So wie Ihnen eine gute Pension sicher ist, nicht wahr? Nun, wir wollen das abwarten, vorläufig erbitte ich mir aber Geld.«

»Damit kann ich augenblicklich nicht dienen. Sehen Sie hier meine Börse, sie ist zum Erschrecken mager. –«

Der würdige Baron kannte aber seine Gegnerin noch nicht. Ihr Falkenblick gewahrte in diesem Augenblick eine Brieftasche, welche verstohlen unter Papieren hervorblickte und die offenbar bei ihrem Eintritt rasch bei Seite geschoben worden war. Nach dieser griff sie mit Blitzesschnelle, und während sie auf ihren Verbündeten einen triumphirenden Blick richtete, rief sie:

»Was in der Börse zu wenig ist, findet sich hier vielleicht zu viel. Untersuchen wir doch einmal!«

»Daß Sie sich nicht unterstehen!« schrie jetzt Herr von Neuburg gänzlich aus seiner Rolle fallend, und machte eine Bewegung, um sich wieder der Brieftasche zu bemächtigen.

»Rühren Sie sich nicht von der Stelle!« rief dagegen drohend die würdige Dame, indem sie nach einer in der Nähe befindlichen Feuerzange griff.

»Das wollen wir doch sehen!«

»Ich warne Sie!«

Trotz dieser Warnung drang der Baron vor. Allein er hatte noch keinen Schritt gethan, als er ein fürchterliches Gesicht schnitt und nach seiner Nase griff, auf welcher sich in bläulichen Umrissen die Spuren der Zange abzeichneten.

In diesem kritischen Augenblick, wo vielleicht eine entscheidende Schlacht bevorstand, steckte Ebel wie ein deus ex machina den Kopf zur Thür herein.

»Was will Er?« fragte Herr von Neuburg barsch, indem er noch immer seine Nase rieb.

»Halten zu Gnaden, zwei Briefe mit großen herzoglichen Siegeln.«

»Endlich!« rief der Baron und griff nach dem Seinigen

»Das Verdienst wird also doch belohnt!« intonirte Frau von Lindenberg.

»Gewiß enthält das Schreiben meine Rehabilitirung als Kammerherr oder das volle Gehalt als Pension,« murmelte Herr von Neuburg und löste das Siegel.

»Unzweifelhaft die Verleihung einer Präbende als Stiftsdame,« ließ sich die würdige Cousine vernehmen und öffnete gleichfalls begierig das Schreiben. «

»Nun?« fragte die Letztere nach wenigen Augenblicken, indem sie ein langes Gesicht zog und ihren Verbündeten enttäuscht ansah.

»Nun?« entgegnete dieser mit einer Miene, als habe er assa foetida genommen.

»Ein Schreiben des Polizei-Präsidenten,« bemerkte endlich kleinlaut die Cousine. »Auch ich,« stöhnte der Herr Vetter.

»Ausweisung aus der Residenz – binnen vierundzwanzig Stunden – auf Allerhöchsten Befehl,« ergänzte Frau von Lindenberg.

»Auch ich empfing eine solche Ordre,« setzte Herr von Neuburg hinzu.

»Das ist also der Lohn für unsere Treue!«

»Für unsere Aufopferung!«

»Die Elsenheim – nun, man weiß ja wie derartige Personen sind,« sagte naserümpfend die Baronin.

»Da ich zu reisen gezwungen bin, so bitte ich um meine Brieftasche,« sagte Herr von Neuburg.

Statt einer Antwort ergriff seine würdige Genossin wieder die Feuerzange.

»Ich werde Sie zwingen, mir mein Eigenthum zurückzugeben,« rief wuthentbrannt der Herr Vetter.

»Versuchen Sie es nur,« drohte die Cousine und legte sich kampfgerüstet aus.

Wirklich versuchte es der würdige Herr, aber er trug nichts weiter davon, als daß Jetzt das Blau seiner Nase in der schönsten Färbung hervortrat. Ein zweiter Versuch trug ihm eine große Beule am Kopf ein und beim dritten wurde er endlich mit der Feuerzange so bearbeitet, daß er schleunigst das Schlachtfeld räumte, während die Siegerin, die Brieftasche hoch über ihrem Kopfe schwingend, die Treppe hinabeilte.

 

Verlassen wir diese widrige Scene und wenden wir uns zu einem lieblicheren Bilde.

In dem uns bekannten Salon in der Vorstadt war eine kleine Gesellschaft versammelt, deren Mitglieder wir dem Leser nicht erst einzeln vorzustellen brauchen, da derselbe sie bereits kennt. Zwischen Adrienne und Catharine saß Charlotte von Warnsdorf; sie lauschte deren freundlichen Worten, drückte ihnen die Hände und sagte ihnen, wie lieb sie sie habe und daß Beide sie recht bald in ihrem schönen grünen Walde auf Ludwigsruh besuchen möchten. Man hatte der armen Betrogenen keine heftigen Vorwürfe gemacht, sondern ihr nur gesagt, daß der liebe Gott sehr böse auf sie sei, daß sie ihren Oheim so heimlich verlassen und daß Mademoiselle Aurora sich ihretwegen die Augen ausgeweint habe. Auch der alten Frau Seebach waren vollständig die Augen aufgegangen, und in bitterer Reue hatte sie sich vor Gott und den Menschen über ihre Schwäche angeklagt.

Zwischen dem Doctor und Adrienne begann sich immermehr ein schönes, mit dem Schleier des Geheimnisses bedecktes harmonisches Verhältniß auszubilden. Dieser Schleier war aber nicht so dicht, daß man nicht hinter demselben die Gefühle zweier junger Herzen hätte errathen können, die sich jetzt nach der Prüfung auf der einen und edelster Bewährung auf der andern Seite in inniger Zärtlichkeit zu einander hingezogen fühlten.

Freiherr von Warnsdorf und der Holländer fanden einen besondern Gefallen an einander. Ihr gegenseitiger offener Charakter paßte aufs Beste zusammen, Beide haßten es die krummen Wege der Etiquette zu gehen, bei denen das Herz nicht warm wird und unbefriedigt bleibt, und wenn der ehemalige Plantagenbesitzer sich auch nicht, wie der leichtgläubige Freiherr, durch eine »geistige Reinigungsmaschine« hätte täuschen lassen, so stimmte er doch mit diesem darin überein, daß es ihm ebenfalls nicht darauf ankam, sich gelegentlich bei einem Glase Wein in einen »gelinden Thee« zu versetzen.

Auch Friedrich und Scipio schlossen intime Freundschaft, nachdem sich der Erstere überzeugt hatte, daß der Letztere trotz seiner schwarzen Farbe, ein ebenso guter Christ wie er selbst sei. Anfangs hielt er sich Zwar von ihm noch in einiger Entfernung, weil er dem Frieden nicht recht traute, als ihm aber eines Abends beim Schlafengehen der Freiherr erklärte, daß die Haut nicht den Menschen mache und daß ein Schwarzer ein eben so edles Herz wie ein Weißer haben könne, gab er schließlich jedes Mißtrauen auf, und eines Abends fand man Beide, ebenfalls in Folge eines »starken Thees« in brüderlicher Eintracht Brust an Brust entschlummert, oder, wie sich Friedrich später ausdrückte, gemüthlich eingedusselt.

 

Drei bis vier Tage waren unter diesem glücklichen Zusammenleben vergangen, und der kleine Kreis von Personen, den des Schicksals Hand durch die von uns geschilderten Erlebnisse so eng verbunden hatte, war eben beim heiteren fröhlichen Mahle versammelt, als Onkel Erlach sich feierlich von seinem Platz erhob und unter einer Verneigung, die zunächst gegen den Freiherrn gerichtet war, ums Wort bat. Die meisten mochten wohl wissen, daß es sich um eine inhaltsvolle Verkündigung handle. Während Herr von Warnsdorf, in ein höfliches und erwartungsvolles Schweigen gehüllt dastand, langte Tante Seebach, noch ehe der ehemalige Plantagenbesitzer ein Wort gesprochen, bereits ihr Taschentuch hervor und trocknete sich die Augen. Adrienne aber erröthete sanft und schlug die ihrigen jungfräulich zu Boden.

»Mein werther Herr Freiherr,« begann der alte Holländer ernst, »die Stunde ist gekommen, wo wir uns trennen und einander Lebewohl sagen müssen. Unsere Rückreise nach Freienstein ist für morgen bestimmt. Dort erwartet ein liebendes Elternpaar sehnsüchtig den schönen Augenblick, wo die neugewonnene Tochter an der Hand des Sohnes ins väterliche Haus einzieht. Sie sind uns aber Allen, trotz der erst kurzen Zeit unserer Bekanntschaft, so lieb und werth geworden, daß es mein innigster Wunsch ist, Sie zum Zeugen eines Festes zu machen, welches den Bund zweier jugendlichen Herzen, die sich im Kampfe ernster Gefahren und nach gesammelten reifen Erfahrungen wiederfanden, seine ernste, bedeutungsvolle Weihe verleihen soll. Gestatten Sie daher, daß ich Ihnen hiermit Mademoiselle Adrienne Seebach und meinen Neffen, Doctor Erlach, als Verlobte vorstelle.«

Der Eindruck, welchen diese Worte hervorbrachten, war, äußerlich wenigstens, ein sehr verschiedener. Während der Freiherr mit bewegter Stimme des Himmels Segen auf das junge Paar herabrief, begann Tante Seebach jetzt laut zu schluchzen, der Doctor drückte einen innigen Kuß auf die Hand seiner Verlobten, Catharina sank ebenfalls mit feuchten Augen beglückwünschend in deren Arme, und der Holländer rief einmal um das Andere: »Blixen!« und schwur, daß er in seinem ganzen Leben einen so schönen Tag nie gehabt habe und füllte dabei mit einem Gesicht, welches von Wonne und Entzücken strahlte, die bereitstehenden Gläser mit dem perlenden Champagner.

Als sich der erste Sturm der Freude gelegt hatte, trat der Freiherr mit folgendem Antrag hervor.

»Ich kenne keinen schöneren Ort für ein junges Paar, welches seine Flitterwochen feiern will, als mein stilles, liebes ›Ludwigsruh,‹« sagte er, »denn für zwei Herzen, die sich ungestört der süßen Schwärmerei ihrer Gefühle hingeben wollen, findet sich dort in der stillen Einsamkeit des Parkes und des Waldes die beste Gelegenheit.«

»Nun, eine solche Gelegenheit werden die zwei jungen Leutchen, sobald sie ein glückliches Paar sind, gewiß mit Freuden ergreifen,« antwortete lachend der Holländer, »denn es muß wirklich angenehm sein, sich in dem grünen Wald allerlei keine reizende Geschichten erzählen zu können.«

»Ja, ja,« fügte der Freiherr heiter hinzu, denn bei solchen Gelegenheiten spricht jedes Blatt mit, und jeder Buchfink, der von Ast zu Ast flattert, wird zu einem Boten der Glückseligkeit.«

»Und was soll ich arme alte Frau denn anfangen, wenn der böse Mann hier mir mein liebes Töchterchen entführt?« fragte die Tante.

»Dafür hat Ihnen Gott bereits eine andere Tochter geschickt,« sagte freundlich lächelnd Onkel Erlach. »Hier unsere Catharina wird bei Ihnen wohnen und sie Beide werden mich alten Einsiedler dann täglich in meiner Klause besuchen, um mir, so gut es geht, die Grillen zu vertreiben.«

»Und dicht neben Ihrer Villa, mein Oheim,« fügte der Neffe hinzu, lassen Sie dann ein zweites schönes Haus bauen, und wenn dort Friede und Einigkeit einziehen, dann ist es für Sie täglich eine Erinnerung an Ihre unerschöpfliche Liebe und Güte, und jeden Morgen, wenn Sie auf Ihren Balkon treten, können Sie mit Genugthuung sagen:

›Dort wohnen zwei glückliche Menschen, die den Himmel in ihrem Herzen tragen und ihr Glück ist mein Werk!‹«

»Blixen!« rief der alte Herr, dem die Augen feucht wurden, »die Verlockung ist zu groß, als daß ich ihr widerstehen könnte, ja es soll noch diesen Sommer der Grundstein zu dem neuen Hause gelegt werden«.


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